Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.
RGL e-Book Cover
Based on an image created with Microsoft Bing software
"Loke Klingsor," Band 6, Verlag Dieter von Reeken, 2024
Es soll nicht weiter darauf eingegangen werden, ein naturwissenschaftliches Lehrbuch soll hier nicht geschrieben werden. Wer hierüber etwas zu wissen wünscht, der mag die Schriften des bekannten Naturforschers Wilhelm Bölsche lesen.
Sie redeten ihn an.
Er schwieg.
Aber nur Dr. Frank und Professor Becker erkannten, was da vorlag. O'Donnell hielt das Schweigen für Verstocktheit, wollte schon zum Zwang übergehen.
»Es hat nicht den geringsten Zweck«, sagte da Dr. Frank. »Der Mann hört uns nicht, er ist taub, und da liegt die Möglichkeit auf der Hand, dass er auch stumm ist, wie das meist zusammentrifft.
Ja«, fuhr er fort, »ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass seine Augen nicht sehen — —«
»Da haben Sie vollkommen recht, Herr!«, rief der Bunte Maulwurf herüber. »Nankut hört nichts, sieht nichts, spricht nichts!«
»Und doch können Sie sich mit ihm verständigen!«, erwiderte Professor Becker, der den Krüppel scharf beobachtet hatte.
Nun gewahrte er dessen verblüfftes Gesicht, lachte aber nicht etwa triumphierend auf — das wäre doch zugleich eine Prahlerei mit seinem Scharfsinn gewesen, die ihm vollkommen fern lag.
»Sie sind ein sehr kluger Herr!«, bekannte der Maulwurf auch nach einer Weile. »Allerhand Hochachtung! Und weil Sie es erraten haben, so will ich zugeben, dass Sie vollkommen recht haben. Ja, ich kann mich mit diesem blinden Taubstummen verständigen, sehr leicht sogar — sonst schleppte ich ihn eben nicht mit mir herum.
Na ja, und Sie werden ebenso selbstverständlich nicht erwarten, dass ich Ihnen das damit verbundene Geheimnis verrate«, schloss er höhnisch. »Sie sind ferner scharfsinnig genug, dass Sie alsbald erkennen, mit Gewalt oder List können Sie von mir nichts erreichen, mögen Sie mich auch gefangen haben.
Hahaha, ich habe vorhin aus Versehen einen Namen ausgesprochen. Sie scheinen ihn nicht zu kennen — — meinetwegen kann auch das Gegenteil der Fall sein — ich rede von diesem Loke Klingsor — und da will ich auch gleich noch bekennen, dass ich ihm eigentlich viel verdanke, dass ich sein Freund sein müsste — ich kann es nicht — das liegt nicht in meiner Natur. Ich bin kein Mensch, der dankbar sein kann, und wer mich zu Dank verpflichtet, der kann sicher sein, dass ich ihm dafür schade, es wenigstens nach besten Kräften versuche.«
»Dann sind Sie also doch nicht viel anders als die Durchschnittsmenschen«, unterbrach Dr. Frank da den Sprecher.
»Sie meinen, dass man keinem Menschen Gutes tun darf, weil er das nicht verträgt, weil er, anstatt dankbar zu sein, den Wohltäter geradezu hasst? Ich sehe, Sie kennen die Menschen, Herr, und da brauche ich mich nicht weiter zu verteidigen.
Also, ich hasse diesen Loke Klingsor, weil er mein Wohl will, und da ich weiß, dass er den Zyklopen dort seit Jahren sucht, habe ich diesen in meine Gewalt gebracht, habe herausgefunden, wie ich mich mit ihm verständigen kann und — nun kommt der springende Punkt, der unsere Verhandlungen so oder so zu einem raschen Abschluss führen dürfte.
Meine Herren, ich will dieses steinerne Ungetüm nicht zum Stehen bringen, sondern es auch zur Rückkehr nach Lalakawana bewegen oder Ihnen aus seinem Bauche helfen — ganz, wie Sie wünschen — wenn Sie dafür mich und diesen Zyklopen freilassen.
Nun entscheiden Sie sich!
Und ich füge noch hinzu, dass Sie sich keinem Irrtum hingeben, sich damit nicht später ausreden können:
Sie mögen fest überzeugt sein, dass Sie uns beide in Ihrer Gewalt haben, dass wir Ihnen nicht entfliehen können, wir werden Ihnen doch entkommen!
Ja, ich will noch weiter gehen und Ihnen bekennen, dass ich schon die ganze Zeit Komödie gespielt habe. Sie haben mich überrumpelt, das gebe ich zu, Sie haben uns beide gefangen — —
Hahaha, aber halten — o nein — halten können Sie mich nicht! Sehen Sie her!«
Und kaum hatte er das gesagt, da war er tatsächlich frei!
Die Riemen, mit denen er gefesselt war, schienen sich von selbst zu lösen — und damit auch von dem Leibe des Zyklopen — —
Die beiden waren frei!
Wie das möglich gewesen war, blieb ein Rätsel, über das sich gar nicht nachzugrübeln lohnte.
Der Bunte Maulwurf lächelte nicht einmal, er wusste, dass das hier keinen Zweck haben konnte — —
Aber ehe die Umstehenden noch wussten, was geschah, lag er schon auf allen vieren — auf diesen kurzen Stummeln, die bei ihm die Glieder ersetzten oder andeuteten, und dann — —
Sie sahen, wie er sich in den steinernen Leib des Elefanten einwühlte — —
Er wollte es — —
Doch er fuhr mit einem Schmerzenslaute zurück, blieb auf einmal regungslos liegen.
Keiner wusste, was geschehen war. Sie sahen nur, dass der Bunte Maulwurf noch lebte, und sie erkannten am Ausdruck seines Gesichtes, dass er auf etwas lauschte.
Sie wussten alle Bescheid.
Loke Klingsor oder einer seiner Beauftragten hatte die ganze Szene doch wieder beobachtet, hatte sicher Wort für Wort das Gespräch mit angehört, und nun setzte er sich auf eine geheimnisvolle Weise mit dem Krüppel in Verbindung, nachdem er ihn seine Macht hatte spüren lassen.
Keiner sprach ein Wort, alle warteten, bis der Maulwurf, der auf dem Rücken lag, den Ausdruck seiner Augen änderte, nicht mehr lauschte — —
Und dann sagte er halblaut:
»Ich habe eben eine Warnung erhalten. Es hat keinen Zweck, Ihnen das zu verschweigen, und Sie werden erraten, dass sie von meinem Feinde kam. Er könnte mich jetzt in seine Gewalt bringen, obwohl ich es nicht für möglich gehalten hätte — —
Also, meine Dame und meine Herren, ich muss Ihnen helfen, ob ich will oder nicht. Ich habe zu viel behauptet. als ich sagte, Sie würden uns beide nicht halten können — —
Und nun bestimmen Sie bitte, was geschehen soll. Soll der Elefant Sie an den Platz zurücktragen, von dem Sie kommen, oder wollen Sie ihn hier verlassen?«
»Ach ja, ja, wir wollen hinaus!«, rief da die Olinda. »Ich möchte einmal im Urwald sein, möchte — —«
Da hob Dr. Frank die rechte Hand, um sie zum Schweigen zu mahnen.
Die Sängerin gehorchte sofort, und der junge Gelehrte sagte nun seinerseits:
»Die Warnung kam von Loke Klingsor?«
»Nehmen Sie das an!«, lautete die Antwort.
»Und wenn wir von seiner Hilfe Gebrauch machen, stehen wir fortan wieder unter seinem Schutze?«
Er bereute diese Worte sofort, nachdem er sie ausgesprochen hatte.
Jetzt war er einmal unvorsichtig gewesen, hatte verraten, dass er auch schon von diesem Loke Klingsor wusste, unter seinem Schutze gestanden hatte.
Das Versehen war nicht wieder gut zu machen. Der Bunte Maulwurf lächelte. Doch er höhnte nicht, wie zu erwarten gewesen wäre.
»Das wird ganz von Ihnen abhängen«, sagte er.
»Sie können ihm antworten?«, fragte Dr. Frank.
»Ja, das kann ich.«
»Dann teilen Sie ihm unseren Wunsch mit, dass die Abmachung, die mein Freund und ich mit ihm getroffen haben, auch ferner gültig sein soll.«
Er verriet also nicht, welcher Art diese Abmachung gewesen war, aber der Bunte Maulwurf verriet auch keine Neugier.
Wie er sich mit dem Unsichtbaren verständigte, war ebenfalls nicht zu sehen, höchstens an dem Ausdruck der Augen, des Gesichts — —
Nach sehr kurzer Zeit sagte er:
»Angenommen! Loke Klingsor lässt sich sogar entschuldigen. Er habe diese neue Überwachung vornehmen müssen — weigert sich aber zu sagen, in wessen Auftrag er das getan hat — —
Ja, ja, auch er hat Vorgesetzte, denen er gehorchen muss, aber wenn er Ihnen verspricht, dass er sich jetzt nicht mehr um Sie kümmern wird, dann darf er das auch — also ist Ihre Bitte erfüllt.«
»Dann bringen sie den Elefanten zum Stehen und helfen Sie uns aus ihm hinaus!«
»Kann sogleich geschehen! Und sonst haben Sie keine Wünsche?«
Das Lauernde in diesen Worten war unverkennbar.
Die Hörer schauten einander an.
»Wenn wir die nötigen Waffen haben könnten, auch Munition dazu?«, fragte Professor Becker.
»Na also!«, erwiderte der Krüppel. »Ich dachte schon, Sie vergäßen das! Sie werden die Waffen nämlich sehr nötig brauchen. Ich darf Ihnen nicht verraten, wozu —
Ja, und sie sind schon da. Sie müssen in den Kopf des Elefanten hinaufsteigen. Dort ist die Waffenkammer, und da werden Sie sich jeder eine Pistole und ein Gewehr nehmen. Munition brauchen Sie zu diesen Waffen nicht — —«
»Sie sind demnach wieder ein Geheimnis, eine Erfindung Loke Klingsors?«, fragte Dr. Frank gleich von Neuem misstrauisch.
»Allerdings, aber Sie können die Annahme nicht ablehnen, denn andere Waffen kann ich Ihnen nicht zur Verfügung stellen. Munition für die Ihrigen hat er nicht hier, und dann — ich darf Ihnen verraten, dass Sie mit Ihren Repetierpistolen hier in Teufels Küche kommen würden. Sie werden an mich denken. Nehmen Sie also an! Sie haben doch auch eine Dame bei sich!«
Der Bunte Maulwurf verstand seine Sache, er hatte das rechte Wort gefunden, und ohne Weiteres nickte Dr. Frank.
»Einverstanden!«, sagte er. »Sonst brauchen wir nichts?«, fragte er aber doch noch vorsichtshalber.
»Jetzt nicht!«, lautete die etwas ausweichende Antwort.
»Und später?«
»Darüber kann ich nichts sagen, nur so viel: Sie wünschen doch anscheinend, Abenteuer zu bestehen. Da werden Sie auch wissen, wie Sie sich helfen müssen. Nein, Sie wissen das, davon habe ich ja schon Kenntnis erlangt — nein, Sie brauchen weiter nichts mitzunehmen.«
»Und somit die letzte Frage! Was soll mit Ihnen und Ihrem Gefährten geschehen?«
»Darum kümmern Sie sich bitte nicht weiter«, erwiderte der Krüppel, diesmal nun doch lachend.
»So sind wir fertig, und jetzt werde ich nach den Waffen suchen.«
Dr. Frank wendete sich aber noch nicht gleich ab, um in das Haupt des steinernen Elefanten hinaufzusteigen; er trat vielmehr als höflicher Mann erst zu der Sängerin und sagte:
»Ich muss um Entschuldigung dafür bitten, dass ich mir erlaubte, Sie zu unterbrechen. Es musste sein —«
»O bitte sehr, Herr Doktor«, erwiderte die Olinda errötend. »Ich habe sofort erkannt, dass ich sehr voreilig war und es wäre an mir, Sie um Entschuldigung zu bitten.«
»So ist die Sache erledigt.«
Dr. Frank verbeugte sich, und nun begaben sich alle in den Vorderteil des Elefanten, also unter den Kopf.
Dieser befand sich noch immer mehrere Meter hoch über ihnen, aber der Bunte Maulwurf rief schon:
»Drücken Sie rechts auf den kleinen Vorsprung, den Sie sicher sehen!«
Dr. Frank tat es und alsbald senkte sich wieder eine Treppe herab, ähnlich jener, über welche sie in den Leib des seltsamen Tieres gestiegen waren, nicht so lang allerdings.
Er klomm die schmalen Stufen empor, Professor Becker folgte ihm, blieb aber auf der Treppe stehen, während sein Freund im Innern des riesengroßen Kopfes verschwand — er nahm nur die Waffen in Empfang, die ihm gereicht wurden, gab sie nach unten weiter.
Nach wenigen Minuten schon war alles besorgt.
Jeder hatte eine Pistole und ein Gewehr erhalten, beide von ganz eigenartiger Form des Kolbens, und alle dachten sie auch gleich das Richtige, namentlich da sie wussten, dass sie zu den Waffen keine Munition brauchten.
»Nun kann ich das Biest zum Stehen bringen?«, fragte da der Bunte Maulwurf.
Er erhielt die Erlaubnis, wälzte sich wieder herum, dass er auf dem Bauche lag, und — was er dann tat, das war nicht zu sehen, gar nichts — —
Nur stand der Elefant sofort still und zu gleicher Zeit öffnete sich der Leib — so unvermutet, dass O'Donnell fast durch das Loch hinabgefallen wäre, eben nur noch die Holme der Treppe packen und sich daran festhalten konnte.
Ehe er aber selbst noch hinabsteigen konnte, huschten der Bunte Maulwurf und der Zyklop an ihm vorbei.
Die beiden standen alsbald auf dem Boden, überragt von allerlei Bäumen, zwischen denen die Treppe abwärts führte, und dann — —
Ja, dann waren die beiden auf einmal verschwunden.
Wer jemals einen Maulwurf aus der Erde gebuddelt hat, der weiß, wie gedankenschnell er sich wieder in diese einwühlt. Es ist staunenswert, man kann es gar nicht verstehen. Nun, und hier hatte man es mit einem menschlichen Maulwurf zu tun, wie Stephan Kafka ja gleich genannt wurde.
Er verstand die Kunst sich einzuwühlen noch viel besser als seine vierbeinigen Kollegen — er war weg, ehe die Nachschauenden noch wussten, wo er eigentlich geblieben war.
Und das Wunderbarste war, dass auch das Loch, durch welches er verschwunden war, sich wieder füllte.
Die Herren sprachen ebenso wenig darüber wie die Olinda. Sie kletterten die Treppe hinab und erreichten ebenfalls den Boden, und ehe sie sich noch umsehen und ihre Umgebung mustern konnten, verschwand hinter ihnen die Treppe wieder im Bauche des steinernen Ungetüms. Der Leib schloss sich und nichts verriet, wo die Öffnung sich befunden hatte.
Der Elefant stand jetzt inmitten des Urwaldes genau so da wie seinerzeit auf dem Platze inmitten der Stadt der toten Götter, den Rüssel in die Luft reckend — und wenn er wieder einmal hier in der Urwaldeinsamkeit entdeckt wurde, dann mussten die Finder annehmen, dass es sich um ein Bildwerk handelte, das von Menschen längst vergangener Kulturepochen geschaffen worden war.
Vielleicht überwucherte der Urwald alsbald das Tier — —
Wenn nicht sein Schöpfer eine andere Bestimmung für dieses hatte.
»Wir sehen uns wahrhaftig in einem südamerikanischen Urwald!«, rief O'Donnell. »Alles stimmt —«
Das brauchte er den beiden Gelehrten nicht erst zu sagen, sie sahen es selbst, und sie hielten sich auch gar nicht erst mit solchen Feststellungen auf. Sie spähten bereits den Boden ab, suchten nach einem Wildpfade, nur in dem Bestreben, fortzukommen — aus dem Bereich Loke Klingsors!
Und da merkten sie, dass sie doch etwas mitzunehmen und zu verlangen vergessen hatten! Sie besaßen keine Haumesser, ohne die es geradezu unmöglich ist, in einem solchem Urwalde vorwärts zu dringen.
Die Vorstellungen, die ein Unkundiger von einem solchen Urwalde hat, sind ja immer ganz falsch; vor allem ist er nie das gelobte Land für Jäger. Im Gegenteil, diese meiden den Urwald, wie das auch die jagdbaren Tiere eben tun, und wer etwa im Urwalde vom Ertrage seiner Büchse leben wollte, der müsste bald verhungern.
Dafür aber würde er so viele Mühseligkeiten und Gefahren eintauschen, dass er sich bald wieder aus diesem »gelobten Lande« hinaussehnen würde.
Die Olinda gehörte zu jenen, die den Urwald nicht kannten, deshalb hatte sie sich in ihn gesehnt, und da musste sie erkennen, dass das ein ganz törichter Wunsch gewesen war. Es half nichts.
Sie standen nun einmal hier, umgeben von dem Gewirr von Luftwurzeln und Schlingpflanzen, und da mussten sie auch sehen, wie sie weiterkamen!
Solange Richard Flint noch im Wasser schwebte, hatte er sich mit seiner jungen Frau Martha unterhalten.
Er hatte ihr berichtet, was er ihr sonst schwerlich mitgeteilt hätte, was sie keinesfalls wusste, nicht einmal ahnen konnte.
Ein psychologisches Rätsel lag aber hier durchaus nicht vor, etwa, dass dieser doch sonst entschlossene Mann erst in der nötigen Wassertiefe den Mut fand, seiner Frau anzuvertrauen, weshalb er sein Taucherschiff gerade an diese Stelle geführt hatte. Man kennt ja verschiedene solche Hemmnisse, namentlich bei Männern, und da braucht man gar nicht einmal an die zu denken, die erst zu reden anfangen, wenn sie gelegentlich den Mund halten sollten, weil sie schon zu viel getrunken haben.
Nein, Richard Flint musste sich eben das Geheimnis vom Herzen sprechen.
Er hatte es all die Zeit über still bei sich getragen, hatte ja auch ein Gelübde abgelegt, es nicht zu verraten, aber schon damals hatte er insgeheim seine Frau ausgenommen.
»Der Martha sag ich's! Ganz bestimmt!«, hatte er sich vorgenommen. »Die muss es wissen und die darf es auch wissen, denn sie ist doch keine Fremde, ist so gut wie ich selber — —
Ja, und dann — sie würde es doch erfahren, wenn ich mit dem vielen Geld ankomme. Da würde ja doch keine Ausrede mehr helfen, etwa, dass ich es auf dem Meeresboden in einem Wrack gefunden hätte — —«
Es ist schon gesagt worden, wie sehr dieser Mann seine Frau liebte, dieser robuste Fleischergeselle — so sah er aus — das zierliche und zarte Mädelchen, das Lehrerin hatte werden wollen.
Aber sagen konnte er ihr das nicht, solange er ihr Auge in Auge gegenüberstand, auch darin bildete Richard Flint keine Ausnahme von der übrigen Männerwelt, denn da gibt es viele, die sich eher die Zunge abbeißen, als dass sie ihrer Frau sagen: Ich hab' Dich lieb! Da lassen sie sich lieber als Brummbären hinstellen, und es ist schon ein großes Wunder, wenn sie schließlich noch auf dem Sterbebette die Worte sprechen, die ausgereicht hätten, ihr Familienleben so ganz anders zu gestalten.
Jedenfalls hatte Richard Flint über diesem Gespräch mit seiner Frau nicht vergessen, die Augen aufzuhalten, hatte stets um sich gespäht. So neugierig war er doch nun selber, dass er wissen wollte, was er eigentlich hier unten holen sollte.
Eine Million Dollar verspricht man doch nicht für einen Pappenstiel!
Den Loke Klingsor finden, die geheimnisvolle Tätowierung auf seinem Rücken abmalen — und dann wieder hinauf!
Heidi, nun sind wir reiche Leute! Nun können wir uns ein Rittergut kaufen und Landwirt spielen!
Der PatentTaucheranzug schützte den langsam in die Tiefe sinkenden Mann vorläufig noch vollkommen. Beschwerden hatte er nicht, wenigstens nicht mehr als sonst, und wenn sich welche einstellten, so hatte er ja sein Mittel dagegen, und dass er es nicht anzuwenden vergaß, dafür sorgte seine brave Martha dort oben —
Er musste immer wieder lächeln, wenn sie ihn mahnte:
»Richard, hast Du auch — —?«
Ach, das liebe gute Frauchen!
Und weil sie so brav war, da sagte er ihr alles —
Und da kam auch schon die Strafe dafür, dass er sein Versprechen gebrochen hatte!
Da hatte er noch den Palast unter dem Meere gesehen und davor die jungen, schönen Mädchen — sie winkten ihm — er war sogar überzeugt, dass sie ihm lockend zulächelten — —
Ja, so weit wusste er Bescheid, das hatte er noch, selber höchst verwundert und ungläubig, seiner Martha melden können. Dann aber war die Geschichte eben plötzlich alle gewesen.
»Martha, leb' wohl! Jetzt sehe ich Dich nicht wieder! Jetzt ist es aus mit mir!«
Das waren die letzten Gedanken des Tauchers gewesen, als er merkte, dass die Apparate in seinem Helme nicht mehr arbeiteten, auch das Mittel nicht, das sein Geheimnis war.
Aber eben dieser Gedanke an seine geliebte Martha gab Richard Flint die Kraft, wenigstens nachzusehen, ob er wirklich rettungslos verloren war.
Er machte sich nichts vor.
Nein, es war nichts mehr zu hoffen!
Jede Verbindung mit oben war gelöst, unterbrochen.
Keine Luftzufuhr war mehr möglich, kein Telefonieren!
Und da nützte es auch nichts, dass er vielleicht die noch vorhandene überschüssige Luft in den PatentTaucheranzug einströmen und sich von ihr emportragen ließ.
Das wäre bei einem gewöhnlichen Skaphander möglich gewesen. Hier war es ganz ausgeschlossen. Diese schwere Rüstung wurde durch das bisschen Luft nicht emporgeschnellt, dass er dann oben noch ein Stück über den Meeresspiegel herausschoss.
Aber merkwürdig war die Geschichte doch!
Richard Flint war noch imstande, ganz klar und logisch zu denken.
Er stellte zunächst einmal fest, dass er auf festem Boden stand, also dass die Untiefe vorhanden war, von der Samuel Philipp ihm erzählt hatte.
In dem sonst Tausende von Metern tiefen Ozean musste sich also hier einmal infolge eines Unterseebebens ein Gebirge gehoben haben. Ganz hatte es die Oberfläche nicht erreichen können. Sein Rücken lag noch immer hundertfünfzig Meter darunter, und das ist eben eine Tiefe, in welche sich sonst Taucher nicht wagen können. Was dagegen spricht, ist schon gesagt worden.
Richard Flint aber war bis hierher gelangt, und wenn er nun einmal sterben sollte, so wollte er sich auch wenigstens noch umsehen — die paar Minuten musste er ausnutzen.
Und ein weiterer Beweis dafür, dass er klar dachte, war doch, dass er gleich annahm, das, was er zuletzt gesehen zu haben meinte, sei eben bereits der Anfang vom Ende gewesen: eine Gaukelei, die sein nicht mehr regelmäßig kreisendes Blut ihm vormachte, ähnlich den Visionen eines Fieberkranken.
Die Mädels und das Schloss waren natürlich nicht vorhanden!
Doch das war ein Irrtum, ein großer Irrtum!
Richard Flint war nicht mit Phantasie begabt, aber seine Frau hatte ihm manchmal solche Kindergeschichten erzählt, Märchen und so — und da war auch eine gewesen vom Schlosse der Meerfrau, welche die ertrunkenen Seeleute in ihren Palast führt, wo sie herrlich und in Freuden weiterleben und vergessen, dass oben im Sonnenschein Menschen sich nach ihnen sehnen, die sie einst lieb hatten.
Deshalb dachte er jetzt, als er die blonden Mädchen auf sich zukommen sah, doch gleich:
»Meine Martha ist ein gescheites Frauenzimmer! Die weiß wahrhaftig mehr als mancher Mann, und wenn ich ihr nicht geglaubt habe, so bin ich eben ein Dämlack gewesen. Jetzt sehe ich doch, dass es einen solchen Palast gibt, und ich sehe auch die Meerfrauen, die Feen —
Na da — —«
Und dann standen zwei der schönen Mädchen dicht neben ihm und fassten seine Arme.
Richard Flint merkte es ja nicht, die dicke Rüstung ließ den zarten Druck der schlanken Arme nicht durch, aber er sah es doch, und — wahrhaftig — er hatte in diesem Augenblick, so ein paar Sekunden vor dem Tode noch — ein ganz böses Gewissen!
Er kam sich vor wie ein lustiger Ehemann, der mal seiner Frau was vorgemacht hat von einer wichtigen Besprechung oder einer langewährenden Sitzung und währenddessen auf einen Maskenball geht und sich dort mit hübschen Weibern amüsiert!
»Na, na, wenn nur meine Martha nichts davon erführt!«, dachte er noch, und dabei ließ er sich doch schon ganz willig entführen.
»Hübsche Kerlchen!«, dachte er weiter. »Bissel wenig an, aber sonst — allerhand Achtung! Na ja, so im Wasser kann man doch kein Schleppkleid anziehen, und wenn jemand baden geht, hat er noch weniger an, manchmal gar nichts — —«
Die beiden Mädchen führten ihn auf das Schloss zu, das sich hier auf dem unterseeischen Bergrücken erhob und das merkwürdigerweise sich ganz und gar nicht von denen unterschied, die Richard Flint auf der Erde oben zu Gesicht bekommen hatte — immer nur von außen natürlich — —
Stufen führten zu einem hohen Portale empor, Säulen aus Marmor trugen einen herrlich mit Bildhauerarbeiten gezierten Giebel und die dahinter sich öffnende Halle, und auf der Treppe und in der Halle waren noch viele solche hübsche Mädelchen zu sehen —
Aber da begann schon wieder die Überlegung in Richard Flint zu arbeiten.
Wenn die unter Wasser waren, dann konnten ja die luftigen Gewänder so in der Strömung fluten, dass es aussah, als flatterten sie im Luftzuge — aber dann hätten sie doch auch nass sein müssen!
Und dass das nicht der Fall war, das sah er doch ganz deutlich!
Dazu gehörte auch gar kein besonderer Blick, denn ein nasses Gewand schmiegt sich doch ganz anders an den Körper als ein trockenes, und zumal solche fadendünne Dingerchen, wie die hier anhatten!
Also Richard Flint stutzte jetzt zum ersten Mal, ohne noch hinter das Geheimnis zu kommen.
Er sollte bald noch ganz andere, viel seltsamere Entdeckungen machen.
Vorläufig wunderte er sich also nur darüber, dass seine Martha so gut Bescheid auf dem Meeresboden gewusst hatte, und ärgerte sich fast, dass er ihr das nicht mehr sollte sagen können.
Da stand er schon in der Halle und merkte, dass die Mädchenhände sich mühten, ihn aus der schweren Rüstung zu lösen.
Da musste er lachen, er konnte gar nicht anders.
Na, die werden sich ja die Nägel an den Fingern abbrechen! dachte er. Solche harte Hände wie meine Jungens oben haben sie noch lange nicht! Ja, er konnte lachen, und das war ein Beweis dafür, dass er Todesfurcht nicht kannte. Er hatte sich ja überhaupt das Ende ganz anders vorgestellt und hatte auch seine Gründe dazu gehabt.
Nicht bloß einmal hatte er selbst einen verunglückten Kollegen aus der Meerestiefe heraufgeholt, und wenn sie einen solchen aus dem Anzug herausgeschält, ihm den schweren Helm abgenommen hatten, dann waren selbst ihm kalte Schauer über den Rücken gelaufen.
Das schrecklich entstellte Gesicht ließ doch immer darauf schließen, wie furchtbar die letzten Minuten des Unglücklichen gewesen sein mussten.
Dem Taucher naht der Tod in seiner furchtbarsten Gestalt.
Und hier kam er so sanft?
Das dachte Richard Flint, als er schon merkte, dass die Mädelchen ihre Sache doch verstanden, dass sie gut Bescheid wussten mit allen den Schnallen und Riemen und Klappen.
Er war neugierig, wie es sein würde, wenn sie ihm den Helm abnahmen.
Dann war es natürlich ganz vorbei, dann kam das Ende, und dann verschwanden die Spukgestalten mit einem Schlage, aber dafür trieb auf dem Meeresboden eine Leiche mehr, und die Strömung würde ihn von dem Kamme des unterseeischen Gebirges in die unergründlichen Tiefen hinabspülen — —
»Lebe wohl, Martha! Ich kann wirklich nichts dafür, dass ich mich Deinetwegen so habe verführen lassen.«
Das sprach Richard Flint in dem Moment, als der Helm nach mühseliger Arbeit abgehoben wurde
Und dann schloss er die Augen, wartete darauf, dass Wasser ihm ins Gesicht strömen würde. »Mach's kurz, lieber Gott!«, murmelte er noch.
Und da machte er die Augen schon wieder auf, auch gleich den Mund — denn er spürte durch die Nase, die er nicht hatte schließen können, dass er atmen konnte —
»Mein Gott, was ist denn das?«, fragte er sich und guckte sich um.
Er wollte sich sogar die Augen reiben, aber das ging noch nicht, weil seine Arme und Hände noch in der Rüstung staken.
Er sah auch so, dass gar keine Täuschung möglich war.
Die Mädels standen neben ihm, sie lächelten ihn freundlich an, und sie hatten ganz hübsche rote Backen, ebensolche Lippen — die Augen waren nicht grün wie bei Meernixen, die Haare bestanden nicht aus Seetang.
I wo, Richard, das sind doch Mädels von Fleisch und Blut! Natürlich!
Und die eine strich ihm jetzt mit linder Hand das Haar aus der Stirn, an der es durch den Schweiß wie festgeklebt war.
Ach, wie gut das tat! Fast so, wie von seiner lieben Martha!
Wenn die ihm den Struwwelkopf einmal gestreichelt hatte, dann hatte er immer behaglich geknurrt wie ein großer Kater!
Und das machte er jetzt wieder!
Er knurrte vor Behagen.
Da aber stutzte er. Die Mädels lachten — lachten silberhell auf — alle — die ganze weite Halle war erfüllt von diesem hellen Lachen!
Und da lachte Richard Flint mit!
Bei ihm klang es ja nicht so silbern, es war auch jetzt noch mehr ein Knurren, aber sein Gesicht verzog sich doch entsprechend — —
Nein, solche nette kleine Käfer!
Und als er das noch dachte, waren sie alle weg.
Wie weggeblasen!
Das heißt, er sah sie ja davonhuschen, aber weil seine Phantasie nun einmal in Tätigkeit geraten war, dünkte es ihn, als schwebten diese Mädchen davon, gar nicht so wie auf der Erde oben — —
Und an ihrer Stelle erschien ein Mann, wenn das einer war!
Das Gesicht war schon richtig, mit einem gewaltigen Schnurrbart, der wie der eines alten Seelöwen aussah, Arme und Beine hatte er auch — aber es war doch etwas Besonderes dabei, und als das Geschöpf nun eine Hand hob, da musste Richard Flint unwillkürlich nachsehen, ob ihm nicht Schwimmhäute zwischen den einzelnen Fingern gewachsen seien — nicht ihm selber, sondern eben diesem Manne.
Doch das war nicht der Fall.
Richard Flint sah eine ganz wohlgeformte Hand, nur die Finger etwas kurz geraten, und dann hatte er keine Zeit mehr zum Nachdenken und Beobachten, denn der Mann hob an zu sprechen — englisch —
Richard Flint wunderte sich noch darüber.
»Das hatte Martha auch nicht gewusst, dass die Untertanen der Seekönigin englisch reden!«, dachte er.
»Welcome, Mister Flint!«, sagte der Mann. »I am so glad to see you! (Willkommen, Herr Flint! Ich freue mich sehr, Sie zu sehen!)«
Da musste natürlich Richard Flint seinen Diener machen und sich bedanken für den freundlichen Empfang, und so viel Bildung hatte er ja schon durch seine Martha gelernt, dass er auch das ganz gut fertig brachte. Ebenso wusste er durch sie, dass er nun nicht gleich fragen durfte:
»Wer sind Sie denn eigentlich? Und woher kennen Sie mich?«
»Wir haben Sie erwartet, Herr Flint«, fuhr der Mann mit dem Seebärenbarte fort. »Hoffentlich hat der Empfang Ihnen gefallen? Ich habe die Mädels ja fortgeschickt, sie werden immer gleich übermütig — und dann — wir wussten nicht, wie Sie sonst gekleidet waren.«
Richard Flint verstand, was da gemeint war.
Da kommen ja bei Tauchern närrische Sachen vor. Es gibt welche, die im Adamskostüm in den Anzug schlüpfen und so — —
Aber er hatte sich immer richtig angezogen, hätte das ja auch gar nicht anders gewagt, weil doch seine Martha immer dabei war — —
»Alles in Ordnung, Herr!«, erwiderte er denn auch gleich. »Und wenn Sie mir nun...«
Der andere hob beide Schultern.
»Bedaure, ich bin nicht ermächtigt!«, sagte er dabei, was er eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Die Gesten sagten schon genug.
»... heraushelfen wollten aus dem Dinge da!«, vollendete jedoch Richard Flint ganz ruhig und lächelte dazu, dass der andere gleich einen roten Kopf bekam.
»O gewiss, sehr gern!«, stotterte er nun, etwas aus der Fassung gebracht, aber auch nicht das »ich dachte —« hinzusetzend, was manche Leute so lieben, wenn sie bei einer Dummheit ertappt werden.
Er fingerte schon an dem Reste der Schnallen herum, und nach einer Weile konnte Richard Flint ihm helfen, nachdem er die Hände frei hatte — da ging es nun schnell — —
Er stand in gewöhnlichem Anzuge neben dem andern, reckte erst einmal die Arme und atmete tief.
Jetzt konnte niemand mehr ihm etwas vormachen.
Dass er nicht gestorben war, merkte er. Tote können nicht mehr atmen — —
Und dann tat er etwas, was den andern in großes Erstaunen versetzte.
Ohne sich um den abgestreiften Anzug — oder vielmehr die Rüstung — zu kümmern, die aufrecht dastand, wanderte Richard Flint nach der Treppe hin, die aus dieser Halle ins Freie führte — Ins Freie?
Ins freie Meer!
Nein, verblüffen ließ sich Richard Flint nicht, und weil Samuel Philipp doch so allerhand angedeutet hatte, was für ein Mordskerl dieser Loke Klingsor sein sollte, über was für Geheimnisse er verfügte, so wollte er sich gleich überzeugen.
Er kam aber nur bis an den oberen Rand der Treppe. Dann wurde er durch den ihm nacheilenden Unbekannten festgehalten.
»Bitte, Herr Flint, bleiben Sie hier! Es ist verboten, die Treppe hinabzusteigen.«
»Das wollte ich auch gar nicht; ich wollte nur mal sehen, ob da draußen Wasser ist!«, erwiderte Richard Flint ruhig.
Er hatte schon genug gesehen.
Er befand sich wirklich unter dem Meere, sah in einiger Entfernung Fische im Wasser schwimmen, und er war doch auch schon in einer Taucherglocke auf dem Meeresboden gewesen, wusste, wie da das Bild aussehen musste.
Er wendete sich wieder um.
»Die Sache ist in Ordnung«, sagte er. »Sie verstehen also, das Wasser abzuschließen, gleich im Großen, dass Sie hier auf dieser Erhebung des Meeresbodens das Schloss haben erbauen lassen können, dass wir hier zu atmen vermögen — —
Allerhand Hochachtung!«, fügte er hinzu. »Dieser Klingsor versteht mehr als die übrigen Menschen. Wenn der diese Erfindung verkauft, dann wird er der reichste Mann der Erde!«
Der mit dem Seelöwenbart machte ein recht sonderbares Gesicht bei diesen Worten, sagte aber nichts weiter, sondern fasste Richard sanft an einem Rockärmel und zog ihn mit sich in die Halle zurück.
Ein Stück ließ sich der Taucher noch führen. Dann jedoch machte er sich frei.
»Wir wollen uns doch nichts vormachen«, sagte er in dem gewohnten knurrigen Tone, der aber ja gar nicht böse gemeint war. »Wo bin ich hier?«
»Das werden Sie zur gegebenen Zeit erfahren«, lautete die ausweichende Antwort.
»Nein, Herr, damit bin ich nicht zufrieden«, knurrte dagegen Richard Flint weiter. »Ich bin, wie ich merke, in eine Falle gegangen und habe verspielt. Mit dem Millionenverdienst ist es also nichts, da muss meine Frau noch ein bisschen warten mit ihrem Rittergute, aber allzu lange möchte ich sie doch auch nicht in Ungewissheit lassen. Also sagen Sie mir bitte, was meine Strafe sein wird. Verdient habe ich eine, das gebe ich ohne Weiteres zu, aber vielleicht lässt der Herr Klingsor mit sich reden — bloß eins sage ich gleich: Verraten tue ich nichts! Von mir erfährt er nicht, wer mich hierher geschickt hat!«
Der andere hatte ihn ruhig sprechen lassen, nachdem seine anfänglichen Versuche, ihn zu unterbrechen, nutzlos gewesen waren.
»Ich verstehe Sie nicht, Herr Flint«, sagte er nun. »Doch darum habe ich mich ja auch nicht zu kümmern. Ich soll Sie nur bitten, mir zu folgen!«
Da kam er aber bei der menschlichen Bulldogge an den Richtigen.
»Nee, mein Lieber«, knurrte sie, »das mag ganz schön und gut sein. Ehe ich aber mit Ihnen gehe, will ich wissen, wo ich eigentlich bin!«
Der andere hob abermals bedauernd die Schultern. Er durfte keine Auskunft erteilen. Und da änderte Richard Flint seinen Sinn.
»Na, ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen«, hob er an. »Sie sind ein ganz freundlicher Herr. Also meinetwegen! Führen Sie mich zu Ihrem Herrn. Den Kopf wird er mir nicht gleich abbeißen.«
Der mit dem mächtigen Seelöwenbarte atmete sichtlich erleichtert auf, machte eine einladende Bewegung mit der rechten Hand und sagte recht höflich:
»Wenn ich bitten darf, nach rechts!«
So wanderte Richard Flint nach dieser Richtung, und wenn er sich dabei nicht groß umguckte, um sich die Halle zu betrachten, in der er dahinschritt, so geschah das eben nur aus dem Grunde, dass er jetzt für nichts anderes Interesse hatte; er wollte den Mann sehen, der hier zu gebieten hatte und der ihn — nach seiner Meinung — nun verurteilen würde.
Wie schon angedeutet wurde, nahm er eben an, Loke Klingsor habe von dem Plane Samuel Philipps erfahren und ihm rechtzeitig eine Falle gestellt, in die er nun gegangen war.
Er ging nach rechts zwischen den hohen Säulen durch, bis sich ein geräumiger Gang auftat, auf beiden Seiten durch Marmorwände begrenzt, aber ohne Türen, bis ganz am Ende eine auftauchte.
Darüber, wie es möglich gewesen war, diesen Palast auf dem Meeresgrunde zu erbauen, ihn ständig mit frischer Luft zu versorgen, zerbrach sich der Taucher nicht den Kopf. Das ging eben über sein Fassungsvermögen, da gab er sich gar nicht erst Mühe, hinter das Geheimnis zu kommen.
Vor der doppelflügeligen Tür machte sein Führer Halt.
»Bis hierher hatte ich Sie zu bringen, Herr Flint«, sagte er. »Wenn Sie jetzt eintreten wollen — —«
Und Richard Flint griff nach der Klinke, drückte sie nieder, öffnete den Türflügel und trat ein.
Er kam in ein Zimmer, das ganz so aussah wie ein Arbeitszimmer oben auf der Erde, so etwa, wie er es früher einmal bei seinem Reeder gesehen hatte. Eine ausführliche Beschreibung ist also nicht nötig. Auffallend war nur, dass sich an der einen Wand eine mächtige Karte befand, nicht etwa aufgehängt, sondern gleich auf die Mauer gemalt — nein, auch das nicht — es sah aus, als sei sie herausgemeißelt — —
Es war eine jener Reliefkarten, wie sie ja für geringes Geld schon zu kaufen sind, freilich nicht in dieser Größe, und Richard Flint war Seemann genug, um gleich zu erkennen, dass das eine Seekarte war, vom Stillen oder Großen Ozean.
Auf solchen Karten ist natürlich das Festland Nebensache. Der Schiffer braucht es nur, um ihm aus dem Wege zu gehen. Die Hauptsache ist das Wasser, und da dieses ja an Fläche das Festland weit überwiegt, so nahm es hier in der Darstellung des Großen Ozeans den weitaus größten Teil ein.
Es war in blauer Farbe dargestellt, wie sich das für Wasser gehört, aber aus dieser blauen Farbe hoben sich überall wieder weiße Felder hervor, also wahrscheinlich unterseeische Erhebungen, die ja auch auf gewöhnlichen Seekarten so dargestellt werden.
Ganz abweichend von diesen aber waren diese hier noch mit allerlei roten, gelben und schwarzen Linien durchzogen, einem richtigen Netz, in sich zusammenhängend.
Und dann waren an gewissen Stellen noch große rote, schwarze und gelbe Punkte vorhanden. Es sah ganz so aus, wie auf einer Verkehrskarte die Städte dargestellt werden.
Selbstverständlich konnte keine Rede davon sein, dass auf dem Grunde des Weltmeeres Städte lagen. Die Punkte mussten also etwas anderes zu bedeuten haben.
Außer dieser mächtigen Karte sah Richard Flint dann noch einen ebenfalls außerordentlich großen Diplomatenschreibtisch, dessen Fächer zum Teil ausgezogen waren; die Platte war mit Schriftstücken, Büchern und solchem Zeug bedeckt, das nun einmal auf einen richtigen Schreibtisch gehört, und davor saß ein Mann, in eine Berechnung vertieft, wenigstens schrieb er auf einen Block Zahlen nieder, maß dann auf einer Karte, machte wieder Bemerkungen — —
Er schien nicht gemerkt zu haben, dass jemand eingetreten war, ließ sich nicht stören, und so hatte Richard Flint vollauf Gelegenheit, ihn zu betrachten.
Loke Klingsor war es nicht!
Das sah der Taucher auf den ersten Blick, obwohl Samuel Philipp ihm das Bild dieses Mannes nur einmal gezeigt hatte. Der Mann dort war viel schlanker, hatte auch kein schwarzes Haar, sondern lichtblondes — —
Endlich dauerte Richard Flint das Warten zu lange. Er räusperte sich, und das klang bei ihm eben schon wieder wie ein Knurren.
Der Herr am Schreibtisch musste es hören, hörte es auch, drehte sich aber immer noch nicht um.
»Einen Augenblick noch!«, sagte er. »Ich werde gleich zur Verfügung stehen!«
Und diese Worte waren auf Deutsch gesprochen!
Das gefiel dem Taucher sehr gut, denn diese Sprache liebte er, und wer sich ihrer bediente, der hatte bei ihm, wie man sagt, einen Stein im Brett.
So wartete er jetzt geduldig, was er nicht getan hätte, hätte der Mann wieder auf Englisch gesprochen, wie der draußen.
Seine Geduld wurde auf eine ziemliche Probe gestellt, aber endlich war es doch so weit.
Als der Herr sich nun umwendete, seine großen, lichtblauen oder vielleicht auch grauen Augen auf den Taucher richtete, verbeugte sich dieser unwillkürlich. Er merkte sofort, dass er hier einen richtigen Herrn vor sich hatte, ganz das, was dieses Wort eigentlich besagt, also einen, der herrschen konnte, der zu befehlen gewohnt war, weil er selber einmal gehorchen gelernt hatte.
»Richard Flint!«, sagte der Taucher, dabei so höflich wie er konnte.
»Gustav Gustavson!«, erwiderte der Blonde, sich ebenfalls leicht verbeugend.
Also ein Schwede war er! Na, das war genau so gut, wie wenn er ein Deutscher gewesen wäre. Auch die Schweden hatte Richard Flint sehr gern, aufrechte, geradsinnige Menschen ohne Falsch und Heimtücke!
Na, und was würde nun kommen?
»Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Flint!«, fuhr der Schwede auf Deutsch fort.
Richard setzte sich in den Klubsessel, der ihm am nächsten stand, fühlte sich aber durchaus nicht wohl in dem bequemen Dinge und hielt sich ganz auf der Vorderkante.
»Sie rauchen, Herr Flint?«
»Ja, Herr!«
»Dann bedienen Sie sich bitte!«
Eine Handbewegung deutete auf den ovalen Tisch neben dem Stuhl, und da entdeckte Richard Flint nicht nur verschiedene Kistchen mit Zigarren, sondern auch solche mit Zigaretten und dann welche mit Pfeifentabak.
»Nobel!«, dachte er, zog aus dem Stiefelschaft seinen kleinen Ulmer, stopfte ihn bedächtig, brannte ihn an dem Lichte an, das in einem Leuchter brannte, paffte ein paarmal, und dann sagte er:
»Leachworth!«
»Jawohl, das ist LeachworthTabak!«, bestätigte der Schwede, der selbst nicht rauchte.
»Und nun etwas zu trinken?«
»Danke sehr!«, knurrte der Taucher. »Höchstens Tee!«
Der Schwede drückte auf einige Knöpfe, die auf dem Schreibtische bemerkbar waren, rief also nicht erst Bedienung herbei, sondern gab gleich auf diesem Wege die entsprechenden Weisungen.
Richard Flint hatte natürlich angenommen, er würde einige Zeit auf den Tee warten müssen, eben so lange, bis er fertig war, aber zu seinem Erstaunen antwortete alsbald ein Klingelzeichen; in einer Ecke des Zimmers hob sich der Boden ganz so wie bei den Aufzügen der großen Bahnhöfe, und ein Teewagen erschien, der sich von allein auf ihn zu bewegte, während die Öffnung im Boden sich wieder schloss.
»Bitte, bedienen Sie sich und trinken Sie erst, ehe wir unsere Unterredung beginnen, Herr Flint!«, sagte Gustav Gustavson.
Ja, da auf einmal überkam den Taucher erst die ganze Erkenntnis des Ungeheuerlichen, das hier geschah!
Bewusstsein, dass Menschengeist dieses Geschehen nicht fassen konnte, bedrückte ihn auf einmal wie mit Zentnerlast.
Und zugleich kam ihm die Erinnerung an seine Frau.
Er sah sie, wie in einer Vision, auf Deck des Schiffes stehen — ach, nein, sicher stand sie längst nicht mehr — sie war doch gleich zusammengebrochen, als sie ihn nicht mehr antworten hörte, und dann hatten die Leute die Leinen eingezogen, den Luftschlauch und so —
Kein Richard Flint hing mehr dran, nicht einmal tot!
Und da wollte der Taucher aufspringen und hinauseilen, er musste doch nachsehen, wie das möglich war — jemand musste die Leinen und den Schlauch abgeschnitten haben!
Aber wer denn nur?
Er hatte doch niemand bemerkt!
Richard Flint stand nicht auf, sank dafür aber in dem tiefen Sessel ganz zusammen.
»Herr!«, stammelte er in einer Verwirrung, die er noch nie gekannt hatte, »Haben Sie Erbarmen — meine Frau —«
Der Schwede lächelte sanft.
»Sorgen Sie sich nicht, Herr Flint!«, sagte er dann mit seiner überaus wohllautenden Stimme. »So herzlos sind wir nicht, dass wir Ihre Gattin lange in Sorge um ihren Gatten ließen. Sie hat vielmehr bereits eine Nachricht erhalten —«
»Meine Frau? Eine Nachricht?«
»Jawohl, Herr Flint, und ich will gleich hinzufügen, dass sie ganz gefasst ist und jetzt schon den Kurs nach dem Orte angegeben hat, wo Sie sich wiedersehen werden.«
»Aber wie soll denn das nur möglich sein?«
»Darüber dürfen Sie nicht nachgrübeln, Sie würden doch keine Lösung des Rätsels finden, und deshalb gleich noch eins, Herr Flint!
Wir wissen selbstverständlich genau, weshalb Sie gerade an dieser Stelle tauchten, was Sie hier unten suchten. Sie haben mittlerweile erkannt, dass Ihr Vorhaben ein unredliches war, wie ich es einmal mit einem milden Ausdrucke nennen will — sonst müsste ich von Diebstahl reden — und es hat uns, offen gestanden, leid getan, dass Sie sich zu solchen Diensten hergaben, wir haben jedoch auch in Rücksicht gezogen, weshalb Sie es taten.
Es sollte das letzte Mal sein, dass Sie tauchten, Sie wollten Ihre arme Frau nicht mehr in Angst versetzen, waren vielmehr bereit, fortan ein Leben zu führen, wie sie es sich schon lange gewünscht hat, und dazu wollten Sie die verheißene Belohnung verwenden.«
Der Schwede schwieg. Er hatte nicht vorwurfsvoll und gleich gar nicht anklagend gesprochen, auch sein männlich schönes Gesicht hatte sich nicht verfinstert, und nun lächelte er sogar, als er gewahrte, wie Richard Flint erst recht in sich zusammensank.
»Kopf hoch, Flint!«, fuhr er fort. »Sie haben schon gehört, dass Sie Ihre Frau wiedersehen werden, und Sie werden nicht mit leeren Händen kommen —«
»Das fehlte noch!«, fuhr da der Taucher auf. »Oder wollen Sie mich für meine Schurkerei auch noch belohnen? Herr —!«
Gustavson hob die rechte Hand, und Richard Flint verstummte wieder.
»Seien Sie versichert, dass wir ganz andere Möglichkeiten gehabt hätten, uns gegen unberufene Eindringlinge in unsere Geheimnisse zu schützen. Es hätte vollkommen in unserer Macht gestanden, Sie schon auf halbem Wege zur Umkehr zu zwingen. Wir hätten auch verhindern können, dass Sie die richtige Stelle fanden — wir haben es nicht getan, weil wir Sie zu einem ganz besonderen Zwecke brauchten, und wenn Sie uns in dieser Hinsicht die entsprechenden Dienste leisten, so werden Sie dann auch die Belohnung dafür nicht ausschlagen, umso weniger, als wir sie gar nicht aus unserer eigenen Tasche zahlen würden.
Nein, Herr Flint, wir haben Sie eben mit vollem Bewusstsein auf dem rechten Wege erhalten, und die einzige Strafe, die Sie auf sich nehmen müssen, ist die vorübergehende Trennung von Ihrer Frau.«
Richard Flint hob den Kopf.
»Sie weiß, dass ich noch lebe?«, fragte er.
»Sie weiß, dass Sie eines Tages zurückkehren werden«, erwiderte der Schwede.
»Dann bin ich zufrieden, und dann — Herr, ich kann keine großen Worte machen, ich will mich auch nicht unnötig selbst herabsetzen — das Geld lockte mich, aber Sie haben ja auch schon gesagt, dass Sie den Grund kennen. — Nun wohl, die Sache ist für mich abgetan. Ich denke nicht mehr daran, diesem Manne zu Gefallen zu sein, und nun sagen Sie, was ich für Sie tun soll!«
Er gab also nicht gleich auch große Versprechen ab, dass er sein Leben einsetzen wollte — aber in seinen leuchtenden Augen war viel mehr zu lesen, und so winkte Gustavson ihm freundlich zu.
»Trinken Sie erst eine Tasse Tee, mein Freund!«, sagte er. »Dann setzen Sie die ausgegangene Pfeife wieder in Brand, und dann wollen wir weiter miteinander reden.«
Schweigend tat Richard Flint, wie ihm geheißen wurde, füllte die Tasse mit dem duftenden Tee, schüttete aber keinen Rum hinein, leerte sie und brannte die Pfeife wieder an. Dann war er bereit, zu hören.
Gustavson trat zu der großen Karte an der Wand.
»Sie haben bereits erkannt, dass das eine Darstellung des Großen Ozeans ist«, hob er an. »Die gewöhnlichen Zeichen werden Ihnen verständlich sein, dagegen werden Sie aus dem Liniennetz nicht klug werden. Ich darf Ihnen keine Erklärung geben, nur sagen, dass jede dieser Linien einen Weg darstellt. Alle Meere und alle Festländer sind von solchen Wegen unterkreuzt. Die Menschheit freilich kennt so gut wie keinen davon. Nur eine Ausnahme muss ich machen. Herr Flint, haben Sie jemals etwas von Goros gehört?«
Der Taucher sann nach.
»Von Gurus, ja«, erwiderte er dann. »Das sind solche indische Magier, die mehr als Brot essen können.«
»Es ist derselbe Name. Goro und Guru bedeutet dasselbe. Und wann hat der erste dieser Goros gelebt? Sie wissen es natürlich nicht und werden mir auch nicht glauben, wenn ich sage, dass seitdem nicht weniger als 330 000 Jahre verstrichen sind.«
»So lange steht die Erde noch gar nicht!«, wendete Richard Flint ein.
»Noch viel länger! Aber es kommt nicht darauf an. Unser Verstand vermag das eben nicht zu fassen, wenigstens nicht ohne Weiteres. Ich muss Sie bitten, mir zu glauben, wenn ich also nochmals behaupte, dass der erste Goro ungefähr vor 330 000 Jahren gelebt hat.
Sie sagten vorhin, diese Leute seien Priester oder Magier, und Sie urteilen so, weil Sie gewiss in Indien schon von diesen Männern allerhand Gaukeleien gesehen haben, die ans Übernatürliche grenzen —«
Richard Flint nickte nur.
»Nun gut!«, fuhr der Schwede fort. »Dass Sie da Bescheid wissen, erleichtert mir meine Aufgabe. Vielleicht waren Sie auch schon einmal in China?«
Richard Flint nickte wieder.
»Zur Zeit des Schildkrötenfestes?«
Nein, da musste Richard Flint den Kopf schütteln, aber er wusste doch Bescheid, hatte von der Sache gehört.
»Sie meinen, dass zu bestimmten Zeiten die chinesischen Gelehrten sich an den Strand des Meeres begeben und Schildkröten in dieses einsetzen, auf deren Schalen sie vorher allerhand geschrieben haben?«
»Ja, das meine ich«, gab der Schwede zu. »Nach dem Glauben der Chinesen sind Schildkröten Tiere, welche niemals sterben, wenn sie nicht in die Gewalt ihrer Feinde geraten, also auch der Menschen. Man hat nachweisen wollen, dass einzelne Schildkröten dreitausend Jahre alt geworden sind. Jedenfalls ist mehrfach festgestellt, dass sie mehrere hundert Jahre leben können, noch dazu ohne eigentliche Nahrung.
Ich will nicht weiter darauf eingehen. Jedenfalls erklärt sich daraus der Glaube der Chinesen, dass die Schildkröte vor jeder Fäulnis bewahrt bleibt, aber auch davor schützt, und deshalb schreiben die chinesischen Gelehrten, die einer bestimmten Sekte angehören, zu gewissen Zeiten auf die Schalen solcher Schildkröten Berichte über die Zustände, wie sie eben auf der Erde herrschen, über alle Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, und dann lassen sie die Tiere frei, lassen sie ins Meer hinausschwimmen — unter allerhand Feierlichkeiten natürlich.
Können Sie sich denken, warum das geschieht?«
»Weil sie natürlich annehmen, dass die Botschaft auf der Schale der Tiere von irgend jemand gelesen wird, der Interesse daran hat«, erwiderte Richard Flint, der ja schon mehrfach bewiesen hatte, dass er ganz folgerichtig denken konnte.
»Und die Empfänger dieser Botschaft?«
»Nun, nach dem Vorausgesagten müssten das also Goros sein«, sagte der Taucher.
»So ist es! Diese Goros erhalten tatsächlich auf solche Weise Kenntnis von den Vorgängen auf der Erdoberfläche.«
»Und sie selber leben im Meere? Also etwa wie Sie hier?«
»Das weiß doch niemand. Nur das ist uns bekannt, dass diese Männer sich auch unter dem Meere aufhalten können wie unter der Erde. Das werden Sie vielleicht noch für möglich halten, nachdem Sie selber jetzt tief unter dem Meeresspiegel atmen. Nicht dagegen werden Sie glauben wollen, dass diese Goros auch die Luft beherrschen, dass sie sich in ungeahnte Höhen erheben können — Sie werden vielleicht lachen. wenn ich behaupte, sie vermögen sogar bis zu anderen Weltkörpern vorzudringen, also bis zu den Sternen — ich muss da etwas nachholen, was vollkommen verbürgt ist, durch Reisende, deren Wahrheitsliebe über jeden Zweifel erhaben ist.
Es gibt außer diesen Goros noch Priester, die über ihnen stehen, noch viel heiliger sind als sie. Das sind die Panditas, und sie vermögen ihre Seele an Stellen zu schicken, welche kein Mensch betritt. Sie selbst bleiben, wo sie sind, sie bedienen sich junger Männer. Denen legen sie eine ihrer Hände auf die Augen, eine auf das Hinterhaupt, und alsbald versinken die Jünglinge in tiefen Schlaf. Wenn es so weit ist, werden die Schlafenden entkleidet, ihre Körper werden mit einem Aufguss gewaschen, der aus Gräsern gewonnen wird, und durch diese Waschung werden sie so hart wie Stahl, ebenso unempfindlich, unverwundbar.
Nunmehr werden die Jünglinge in magische Tücher gewickelt und in sie gebunden. Sie haben dabei die Augen offen, und trotzdem sie schlafen, hören sie alles und merken die Worte, die zu ihnen gesprochen werden. Sobald nun einer der Heiligen einen von ihnen fest anschaut, erhebt er sich in den Luftraum und verschwindet darin. Der Pandita schaut ihm nach. Unsichtbare Fäden weben sich zwischen den beiden, und so kann der Heilige ebenfalls schauen, was der Jüngling schaut.
Diese Panditas und diese Goros wohnen in einer unterirdischen Stadt, die wieder rings von anderen Städten umgeben ist, welche Priestern niedrigen Grades und Forschern zum Aufenthalt dienen.
Alle die Paläste bestehen aus reinstem Kristall, und der des Oberpriesters ist mit einer Schutzwache umgeben, die aus lauter Göttern besteht, die aber menschliche Gestalt angenommen haben — —«
»Sie können sehr gut solche Geschichten erzählen, Herr Gustavson«, sagte da Richard Flint, den Schweden unterbrechend. »Meine Frau konnte es auch, und sie hat mich dazu erzogen, ihr zuzuhören. Jetzt aber habe ich Sie doch einmal unterbrechen müssen, Herr, es ist ungezogen von mir, ich weiß es, ich kann mir jedoch nicht helfen, weil ich denke, wir könnten unsere Zeit besser verwenden als zum Märchenerzählen —«
Er sprach diese Worte nicht etwa herausfordernd und verächtlich, sondern fast demütig, denn in ihm war eine große Sehnsucht nach seinem Weibe und zugleich ein starkes Mitleid. Er wollte seine gute Martha nicht unnütz leiden lassen. Deshalb drängte es ihn, die Arbeit auszuführen, die ihm hier übertragen werden sollte.
»Nein, lieber Freund, das können wir eben nicht«, entgegnete der Schwede freundlich genug. »Sie werden mich schon bis zu Ende anhören müssen, wenn Sie überhaupt imstande sein wollen, das auszuführen, was wir von Ihnen verlangen werden.«
»Und dazu müssen Sie mir Märchen erzählen?«, wendete Richard Flint ein.
»Meine Darstellungen erscheinen Ihnen märchenhaft, Herr Flint, aber ich berichte nur Tatsachen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, damit Sie mich verstehen, Ihnen eine Frage vorlegen:
Seit wann können die Menschen fliegen?«
Richard Flint stutzte, weil er nicht wusste, wo hinaus der andere wollte, doch er erwiderte:
»Genau weiß ich das nicht, indes kann es noch keine zwanzig Jahre her sein.«
»Nein, Herr Flint, das ist viel länger her. Die Menschen können schon seit vielen Jahrhunderten fliegen, freilich nicht tatsächlich, nur in Gedanken, und in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht ist sogar schon die Rede von einem Luftschiff —
Ja, werden Sie da wieder einwenden, in der Phantasie geht das, aber in Wirklichkeit! Nun, da will ich Ihnen ganz ruhig sagen, alles, was wir ersinnen können, entweder wachend durch ernstes Nachdenken oder schlafend im Traume, das ist auch wirklich vorhanden oder kann geschaffen werden! Wir Menschen können uns nichts denken, was nicht ist, wenn wir unter Denken hier Vorstellen verstehen. Wir haben viele Darstellungen von Engeln. Sie sind einander alle mehr oder weniger ähnlich, die Flügel sind die Hauptsache — aber diese Engel haben menschliche Gestalt, menschliche Gesichter, und wir können uns sogar die Gottheit selbst nicht anders vorstellen denn als Mensch, als Greis — weil eben seit der Schöpfung so lange Zeit verstrichen ist, weil er schon vorher da war, weil er ewig ist, und alles Ewige ist alt!
Ich weiß nicht, ob Sie mir folgen können, ob Sie die Widersprüche bemerkten, die in meinen Worten enthalten waren, zum Beispiel in den letzten. Ewig kann doch gar nicht alt sein, denn es ist unvergänglich, kann demnach nicht altern, sondern muss fortgesetzt in dem Urzustand sein, den es hatte —
Wir wollen abbrechen. Ich wollte nur sagen: Was der Mensch sich wirklich klar denken kann, das ist entweder schon da oder kann noch geschaffen werden, wie die Flugzeuge und die Luftschiffe geschaffen wurden, und wenn wir von vielen Dingen nichts wissen, so ist doch nicht gesagt, dass sie nicht vorhanden sein könnten.
Jetzt nur noch eins: Der Herrscher dieser unterirdischen Welt, die Agharti genannt wird, ist Brahytma. Seine beiden Gehilfen heißen Mahytma und Mahynga, aber nur Brahytma kann mit Gott selbst sprechen, von ihm Weisungen erhalten und diese weitergeben an seine Gehilfen. Diese wieder verkehren mit den Panditas, diese mit den Goros und diese mit den Priestern, wie wir sie kennen.
Wenn Brahytma es will, so werden auch sterblichen Menschen urewige Geheimnisse entschleiert, ihnen Kenntnisse eröffnet, die allen anderen fremd sind, sodass sie selber wie Götter werden oder — wie Zauberer, die über übernatürliche Kräfte verfügen.
Einer dieser begnadeten Menschen ist der, den Sie suchten, Herr Flint, ist dieser Loke Klingsor, und neben ihm gibt es noch viele andere, die eine große Gemeinschaft bilden, eine Art Orden, von dessen Vorhandensein niemand etwas ahnt — Ausnahmen gibt es freilich auch da, und eine solche Ausnahme ist dieser Mr. Philipp, der Ihnen den Auftrag erteilte, Ihnen die hohe Belohnung versprach.
Er ist ein Malandrino, wie wir das nennen, also eine Art Teufel oder böser Dämon, und Sie wissen, dass auch Satan über gewaltige Kräfte verfügt, gar viel vermag. So ist es mit diesen Malandrinos. Auch sie beherrschen geheimnisvolle Kräfte, sie können, nach Menschenglauben, zaubern, und sie können nicht ohne Weiteres vernichtet und unschädlich gemacht werden, wie dies ja auch bei dem Teufel nicht möglich ist.
Wie aber der Teufel die meisten Seelen durch Geld und Reichtümer an sich lockt, so tun das auch jene Malandrinos, so hat Samuel Philipp Sie für sich gewonnen und außer Ihnen noch manchen anderen, ohne dass sie wissen, dass sie sich dem Teufel verschrieben haben —«
Da allerdings sprang Richard Flint einmal auf.
»So sah er aus, der Kerl! Wie ein Teufel! Und so geschmeidig war er auch, ganz so — ja, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, jetzt erkenne ich, dass ich mich wirklich einem Satan verschrieben habe!«
»Verschrieben hatte!«, unterbrach Gustavson den Erregten.
»So haben Sie den Kerl schon erwischt?«
»Er erleidet bereits seine Strafe, die hart, aber gerecht ist, befindet sich im Fegefeuer —«
»Sie sind Katholik, Herr?«, fragte da Flint. »Ich dachte, als Schwede —«
»Weil ich vom Fegefeuer rede? Sie meinen, das gibt es nicht? Und sind doch eben selbst darin gewesen!
Oder war es Ihnen nicht zumute wie im Fegefeuer, als Sie vorhin der Meinung sein mussten, alles sei zu Ende, und erkannten, dass Sie etwas Böses gewollt hatten?
Wohl dem Menschen, der durch ein solches Fegefeuer geläutert werden darf! Und sich dadurch läutern lässt! Wie es bei Ihnen der Fall war!«
»Ja, wenn Sie es bildlich meinen! Und dieser Samuel Philipp könnte dann auch noch geläutert werden?«
»Wir hoffen es.
Indessen müssen wir nun zur Sache kommen, sind eigentlich schon dabei. Ich sagte Ihnen, dass der Teufel die meisten Menschen durch schnödes Gold an sich lockt. Er verfügt über unermessliche Schätze, und wer ihn bekämpfen will, muss ihm eben diese Schätze rauben, die seine Hauptstärke ausmachen.
Sie sagten vorhin, Ihre Frau hätte Ihnen Märchen erzählt. Da hat sie wohl auch einmal Sagen mit vorgebracht, von Schatzgräbern und so —«
»Freilich, Herr, und die habe ich sehr gern gehört, mich aber auch allemal mit ärgern müssen, wenn diese Dummköpfe das Beste vergaßen —«
»Aha! Jetzt sind wir uns schon ganz nahe! Sie wissen dann auch, dass bei solchen verborgenen Schätzen immer Lichterscheinungen zu spüren sind, nicht wahr?«
Ja, das wusste Richard Flint, nicht etwa aus Erfahrung, sondern eben nur aus dem, was seine Frau ihm da erzählt hatte.
»Und dies stimmt!«, behauptete nun Gustavson. »Wo diese geheimnisvollen Schätze verborgen liegen, brennt immer ein Licht, ein ewiges Licht insofern, als es nicht verlöschen kann, bevor nicht diese Schätze irgendwie gehoben oder vernichtet werden.
Und ein solches ewiges Licht sollen Sie aufsuchen, Herr Flint. Dazu haben wir Sie ausersehen, mussten es tun, denn dazu ist ein Mann nötig, der in große Wassertiefen tauchen kann. Deshalb hatten wir nichts einzuwenden, als Samuel Philipp Sie an sich lockte —«
»Das wussten Sie damals schon?«, fragte Flint verblüfft.
»Nicht ich, sondern der, dem ich diene.«
»Also Loke Klingsor?«
»Nehmen Sie es an!«
»Ja, dann freilich! Jetzt verstehe ich alles —«
»Und wir wollen nicht weiter darüber sprechen«, wehrte der blonde Schwede lächelnd ab. »Sie sind also bereit, in unsere Dienste zu treten?«
»Mit Leib und Seele!«
»Das haben wir erwartet, und deshalb heiße ich Sie nun nochmals von Herzen willkommen!«
Er bot dem Taucher die Hand, in welche dieser kräftig einschlug, während seine Augen leuchteten.
»Und später werde ich vielleicht sogar in den geheimen Orden aufgenommen?«, fragte er dann.
»Darüber kann ich nichts sagen, denn das hängt auch nicht von meinem Herrn ab, der selbst nicht etwa das Haupt dieser Gemeinschaft ist.«
»Gleichviel! Die Hauptsache bleibt, dass ich meine Dummheit wieder gutmachen kann!«
»Nun, dazu werden Sie reichlich Gelegenheit haben, und ich sage Ihnen auch gleich, manchmal wird Ihre Aufgabe sehr, sehr schwer werden, Sie werden Gefahren bestehen müssen und Abenteuer, von denen Sie sich bisher niemals etwas haben träumen lassen —«
»Je schwerer, desto besser!«
»Und ich darf Ihnen schon jetzt sagen, dass Sie aus allen diesen Gefahren und Abenteuern unversehrt hervorgehen werden, obgleich es Ihnen manchmal scheinen wird, als sei Ihr Ende gekommen.
Loke Klingsor hat versprochen, Sie wieder mit Ihrer Frau zu vereinigen, und das hätte er nicht getan, hätte er nicht gewusst, dass Sie ganz bestimmt am Leben bleiben werden —«
»Er kann also auch in die Zukunft sehen?«
»Nehmen wir es an, wenigstens in gewisser Hinsicht.
Sie werden doch noch anders darüber denken lernen, werden wohl doch zuzeiten den Glauben verlieren — eben, weil Sie ein Mensch sind —«, versetzte der Schwede.
»Nun aber kommen Sie zu dieser Karte, die also den Großen Ozean darstellt. Alle die Linien, welche sich da kreuzen, sind, wie ich schon sagte, Wege, aber nicht alle sind schon von uns erforscht, nicht alle sind gangbar für uns.
Warum das nicht der Fall ist, kann ich Ihnen ebenfalls nicht sagen. Sie werden da selbst bald genügende Erfahrungen sammeln können.
Die gangbaren Wege, die auch bereits erforscht sind, haben wir rot eingezeichnet. Die gelben Linien dagegen bedeuten Wege, die zwar erforscht, aber nicht benutzbar sind, also für uns nicht in Betracht kommen. Die schwarzen Linien endlich sind unerforschte Wege.«
»Und die Punkte, die wie große Städte aussehen?«, fragte Richard Flint.
»Das sind Knotenpunkte, von denen sich solche Wege abzweigen, manchmal mächtige unterirdische Hallen, manchmal nur ganz enge Räume. Auch das werden Sie nun kennen lernen.
Jetzt sehen Sie, bitte, hierher!«
»Das ist der Platz, wo wir uns befinden?«
»Jawohl. Die ganz lichtblaue Farbe deutet die geringe Meerestiefe an, und, wie Sie sehen, ist auch ein großer roter Punkt hierher gezeichnet, denn von hier aus zweigen so viele Gänge ab wie fast nirgends sonst.
Sie bemerken nur zwei schwarze und fünf gelbe Linien, die anderen dagegen sind alle rot. Jetzt wollen wir dieser hier folgen!«
Er deutete auf eine der roten Linien, die sich auf der Karte nach oben zog, also, wenn man die Verhältnisse gewöhnlicher Karten annahm, nach Norden.
Ob das nun hier so war oder nicht, kam jedenfalls gar nicht in Frage — für Richard Flint wenigstens nicht, der keine Ahnung davon hatte, dass seine Frau jetzt Kurs auf Rapanui hielt, also auf die Osterinsel — und diese lag eben in der Richtung der roten Linie.
Gustav Gustavson klärte ihn nicht darüber auf, durfte es wohl nicht, er deutete auf die Linie, fuhr mit einem Stock auf ihr entlang bis zu einer Stelle, wo sie aufhörte und in eine schwarze überging, die nach einer Weile in einen großen schwarzen Punkt mündete, von dem überhaupt nur schwarze Linien ausgingen, also ein Beweis, dass diese Gegend noch nicht erforscht war.
»Das ist Ihr Ziel, Herr Flint«, sprach der Schwede nunmehr. »Wenigstens nehmen wir an, dass an dieser Stelle Trewandur liegt, eine unermesslich große Höhle oder auch eine tiefe Schlucht —«
»In welcher ein solcher Satan seine Goldschätze bewahrt?«
»Ganz wahrscheinlich.«
»Nun, dann werde ich mein Bestes tun, sie ihm abzunehmen!«
Gustavson lächelte.
»Sie dürfen nicht daran denken, das Gold von dort fortschaffen zu können. Dazu würde Ihr ganzes Leben nicht reichen. Wir haben andere Mittel, sie unschädlich zu machen. Rechtzeitig werden Sie das Nötige schon erfahren.
Jetzt habe ich nur die Aufgabe, Sie in diesen Gang zu führen und Sie mit allem auszurüsten, was Sie brauchen. Ich weiß allerdings nicht, ob es Ihnen behagen wird, immer unter der Erde weilen zu müssen. Sie sind an frische Luft gewöhnt, zumindest an das Meer —«
»Allerdings«, gab Richard Flint zu. »Wenn es jedoch sein muss —«
»Sie könnten auch einen anderen Weg einschlagen«, sagte da der Schwede. »Über der Erde, aber nicht auf ihr —«
»Also im Wasser?«
»Ja, im Wasser.«
»In meinem Tauchanzug oder vielmehr in meiner Rüstung? Ja, da müsste doch auch alles vorhanden sein — —«
Er schien enttäuscht, denn er wusste doch, dass das nicht der Fall sein konnte. Diese Unterseerüstung hatte er selbst erfunden, und sie war von niemand sonst zu verwenden. Da gehörten doch allerhand Apparate dazu —
»Nein, wir bedürfen dieser Ihrer Erfindung nicht«, erklärte Gustavson. »Es wird Sie in Staunen setzen, aber nicht kränken, wenn ich Ihnen sage, dass wir viel bessere Taucherausrüstungen besitzen als dieses Ungetüm. Wir sind eben schon weiter als die Menschen oben auf der Erde, und man wird Ihnen vielleicht — oder sogar bestimmt — eine von diesen unseren Erfindungen zur Verfügung stellen, falls Sie den Weg unter Wasser wählen.«
»Nun, wenn ich die Wahl habe, dann ziehe ich freilich diesen Weg jedem anderen vor — allerdings eben nur, wenn —«
»Sie können sich ganz nach Ihrem Belieben entscheiden, und ich will Ihnen auch gleich zeigen, auf welche Art Sie sich unter See bewegen können. Sie werden ebenso erstaunt wie erfreut sein!«
»Na, da bin ich ja wirklich neugierig«, entgegnete Richard Flint, der in der Tat nicht beleidigt war, weil die Erfindung, auf welche er so stolz gewesen war, schon überholt und übertroffen sein sollte.
Gustav Gustavson trat zu dem Schreibtische zurück, drückte dort auf einen der vielen Knöpfe und wartete dann.
Nach einiger Zeit erscholl ein Klingelzeichen, wie aus weiter, weiter Ferne kommend, und nun sagte der Schwede:
»Hier MZentrale, Gustavson. Herr Richard Flint hat sich für den Wasserweg entschieden. Ist alles dazu vorbereitet?«
Die Antwort konnte der Taucher nicht hören, aber er erfuhr alsbald aus dem Munde Gustavsons. dass sie bejahend ausgefallen war.
»Wir können ihn gleich aufbrechen lassen?«
Wieder kam die unhörbare Antwort.
»Sie sollen einen Tag und eine Nacht hierbleiben und sich erst einmal ausruhen«, sagte er dann.
»Aber das ist doch gar nicht nötig! Ich bin weder müde noch sonst was —«, rief Richard Flint.
»Herr Gustavson, bitten Sie doch darum, dass ich gleich fort kann!«
Der Schwede gab diese Bitte weiter.
Dann nickte er.
»Man ist bereit, auf Ihren Wunsch einzugehen. Sie können also gleich aufbrechen, und ich muss Ihnen gestehen, dass auch mir das ganz recht ist. Die Fahrt wird ziemlich lange dauern —«
»Die Fahrt? Haben Sie vielleicht ein Unterseeboot hier?«
»Bitte kommen Sie mit!«, erwiderte der Schwede, ohne auf die Frage einzugehen.
Er trat auf eine der Wände zu, berührte dort einen verborgenen Mechanismus, eine Tür tat sich auf, eine Treppe zeigte sich, und beide stiegen die schmalen Stufen hinab.
Richard Flint war nicht im Beobachten geübt, er dachte also nicht daran, die Stufen zu zählen, merkte nur, dass ihrer gar nicht viele waren. Dann standen sie in einem leeren Raume, der ganz den Eindruck eines Kellers machte, aber doch ziemlich hell erleuchtet war.
»Treten Sie nun dicht neben mich!«, befahl der Schwede. »Wir stehen auf einem Lift, mit dem wir noch ein Stück in die Tiefe fahren müssen!«
Richard Flint gehorchte, und kaum hatte er seinen Platz dicht neben Gustavson eingenommenen, da fuhren sie auch schon noch tiefer in die Unterwelt, durch einen Schacht, dessen Wände aus Stein bestanden, aber nicht gemauert waren. Es blieb immer hell um sie her.
Die Schnelligkeit der Fahrt ließ sich bei der Enge des Schachts ganz gut beurteilen, und tief genug ging es auch hinab. Aber der Fahrstuhl setzte endlich ganz sanft auf.
Zugleich öffnete sich eine Tür, die beiden traten in einen anderen Raum, der wieder etwas weiter war — es soll gleich das Maß angegeben werden — es war ein Würfel von drei Metern Ausdehnung nach jeder Seite — das heißt, eben der Raum, in dem sie standen.
Die Wände waren jedoch vollkommen durchsichtig, schienen aus Glas oder aus Kristall zu bestehen, und da war zu erkennen, dass sich hinten und vorn noch Anbauten befanden, in eine scharfe Kante auslaufend.
In dem Hauptraum selbst fühlte sich jedoch Richard Flint sofort wohl, denn er war genau so ausgestattet wie seine Kabine auf dem Taucherschiff —
Man hatte diese jedoch schwerlich als Vorbild benutzt. Solche Schiffskabinen gleichen einander ja fast alle, sie können eben nur wenige Möbel enthalten außer der Koje, also dem Lager. Da kann höchstens einmal alles aus Mahagoni oder aus Eiche sein —
Also, es war eine gemütliche Schiffskabine, doppelt gemütlich, weil sie eben so eng war, und Richard Flint rief denn auch gleich:
»Hier gefällt mir's ganz ausgezeichnet. Hier werde ich mich wie zu Hause fühlen!«
Da dem Seemann das Schiff die Heimat bedeutet, hatte er sich also ganz korrekt ausgedrückt.
Gustav Gustavson lächelte.
»Das freut mich«, sagte er, »denn Sie werden eine lange Zeit in dieser Kabine verbringen müssen. Jetzt aber will ich Ihnen erst einmal die Einrichtung erklären.«
»Das ist doch gar nicht nötig, Herr! Hier finde ich mich allein zurecht!«
»Sie irren, lieber Freund. Hier gibt es so vielerlei, was Ihnen ganz unbekannt ist, dass Sie bald staunen werden.
Zunächst einmal müssen Sie wissen, dass diese Kabine zugleich das Fahrzeug ist, das Sie befördern wird. Sie müssen es also in Bewegung setzen und steuern können.
Wo suchen Sie die entsprechenden Vorrichtungen? Bitte, zeigen Sie sie mir doch einmal!«
Ja, da stand der Richard Flint da wie der Ochse am Berge.
»Das Ding soll eine Maschine enthalten?«, rief er.
»Es soll nicht nur, es hat wirklich eine. Geben Sie acht! Sie drücken auf diesen Knopf am Tische!«
Dieser stand inmitten des Raumes, ein Sessel davor mit Arm- und Rückenlehne, alles klein, aber vollkommen ausreichend, und nun erst gewahrte der Taucher, dass am Rande des Tisches eine Reihe verschiedenfarbiger Knöpfe entlang lief.
Auf einen, der rot gefärbt war, drückte der Schwede.
Sofort zeigte sich an der Vorderwand des Raumes eine kleine, ebenfalls rote Scheibe.
Ein Zeiger war darauf angebracht, der Rand in Grade eingeteilt, durch Striche, derart, dass immer nach vier kleinen ein langer kam, der dritte lange wieder etwas über die anderen hervorragte —
Das war also genau wie bei einer Uhr, nur dass hier keine Stunden und Minuten angegeben waren.
Unter den Strichen, die der Zwölf, der Drei, der Sechs und der Neun entsprachen, standen Worte. Unter der Zwölf: geradeaus, unter der Drei: rechts, unter der Neun: links, unter der Sechs endlich: rückwärts.
Dann war leicht zu ersehen, dass die Zwischengrade die entsprechende Abweichung bewirken mussten. Man konnte also geradeaus fahren oder etwas nach den Seiten bis zu einem Winkel von fast neunzig Grad, wo dann eben die Vorwärtsbewegung in eine entsprechende seitliche überging.
»Praktisch!«, lobte denn auch Richard Flint sogleich und wollte eine Probe vornehmen, doch der Schwede hielt ihn zurück
»So weit sind wir noch nicht«, sagte er. »Wir befinden uns nicht im Meere. Sie müssen sich also gedulden, und außerdem — ich werde Sie ja nicht begleiten, muss Ihnen demnach hier alles derart erklären, dass Ihnen kein Irrtum und Versehen unterlaufen kann. Manchmal hängt da von einer an sich unbedeutenden Kleinigkeit sehr viel ab.
Wie Sie schon bemerkt haben«, fuhr er darauf fort, »sind die Wände ganz durchsichtig. Das würde Ihnen nicht nützen, da Sie sich in großer Tiefe werden bewegen müssen, und Sie wissen ja als Taucher, dass es schon bald unter Wasser ganz dunkel wird.
Sie können die Umgebung jedoch nach Belieben auf kürzere oder weitere Strecken erleuchten, indem Sie diesen Knopf hier drücken.«
Er tat es.
Sofort strahlte ein heller Lichtkegel nach vorn, aber auch nach den Seiten und nach hinten wurde es hell, dass selbst in tiefster Finsternis alles erkennbar sein musste, was in die Nähe dieses sonderbaren Fahrzeuges kam.
»Drücken Sie zweimal, so verdoppelt sich die Lichtstärke«, fuhr der Schwede in seinen Erklärungen fort, auch gleich die Tat folgen lassend.
»Wollen Sie dagegen ganz im Finstern fahren, so berühren Sie den schwarzen Knopf —«
Er machte es, und in vollkommene Dunkelheit gehüllt, standen die beiden da.
Der Schwede aber fuhr in seinen Erklärungen fort, die ganz einfach und leicht verständlich waren.
Richard Flint lernte, wie er nur links oder nur rechts oder nach oben oder sonst wohin einen Lichtstrahl von beliebiger Stärke ausstrahlen lassen konnte, alles ward auch gleich erprobt und arbeitete gänzlich einwandfrei.
»Ein Versagen ist ausgeschlossen«, sagte der Schwede, der wohl selbst Ingenieur war. »Auch die Fortbewegung kann nicht etwa einmal stocken, dass Sie irgendwo stecken bleiben und weder vorwärts noch zurück können —«
»Und wie wird das Ding in Bewegung gesetzt?«, fragte Richard Flint.
»Das ist unser Geheimnis«, lautete die Antwort.
»Dann werde ich mich auch nicht darum kümmern.«
»Sehr richtig. Und jetzt etwas anderes. Sie wollen doch auch essen und trinken, mal eine Pfeife rauchen, Sie müssen atmen, der Körper hat auch andere Bedürfnisse. Für alles ist gesorgt.
Die Luft erneuert sich selbsttätig. Das geschieht, wie ich Ihnen verraten will, durch Heliumgas, und wenn Sie später doch mal wieder einen Tauchapparat bauen wollen, dann rate ich Ihnen sehr, diese Erfindung dabei zu verwenden. Sie werden dann ganz unabhängig vom Schiffe, von jeder Luftzufuhr, brauchen nicht mehr einen Schlauch in den Mund zu nehmen und was der Vorteile mehr alle sind.
Deshalb dürfen Sie auch rauchen, so viel Sie wollen. Der Qualm wird immer aufgesaugt, sobald Sie eine dazu bestimmte Vorrichtung in Tätigkeit setzen.«
»Sonst aber bleibt er in dem Raume?«, fragte Richard Flint.
Der Schwede lächelte. Er selbst war Raucher und wusste daher, dass ein solcher sich eigentlich erst dann richtig wohl fühlt, wenn er rings von blauen Wolken eingehüllt ist, wenn man, sozusagen, die Luft mit dem Messer schneiden und ihn selber gar nicht mehr sehen kann.
Darüber wurde er also beruhigt, er konnte getrost den ganzen Raum vollnebeln, und wenn er wieder frische Luft haben wollte, dann war sie da.
»Wunderbar, ganz wunderbar!«, rief Richard Flint immer wieder. »Jetzt erkenne ich freilich, dass Sie hier uns Menschen oben weit, weit voraus sind!«
Und er sollte noch mehr staunen über das, was in dieser engen Kabine alles vorhanden war, wie es zum Erscheinen gebracht wurde.
Nichts fehlte, was er sich je würde wünschen können, auch Waffen aller Art waren vorhanden, natürlich die Schusswaffen nur mit elektrischem Antrieb, durch Elektrizität tötend oder verwundend, und am meisten bewunderte er die Taucheranzüge, die Gustavson ihm zuletzt zeigte.
Sie waren keine solchen Ungetüme, die schon alles durch ihre Last erdrücken, durch den enganliegenden Gummi alles Blut aus dem Körper nach dem Kopfe pressen.
Aus welchem Stoffe sie bestanden, wurde nicht gesagt, elastisch waren sie ebenfalls, mehr noch als Gummi, aber so eng er sich auch dem Körper anschmiegte, von einem unangenehmen Druck war nichts zu spüren, der Helm, der freilich auch hier vorhanden war, diente eben nicht zur Aufnahme des Luftzuführungsschlauches, sondern nur als Schutz; die Fenster, die darin angebracht waren, bestanden zwar anscheinend aus Glas, aber sie waren so klar und lichtdurchlässig, dass sie mit denen an den üblichen Taucherapparaten nicht zu vergleichen waren, denn die müssen doch sehr, sehr dick sein, um dem gewaltigen Wasserdruck Widerstand leisten zu können. Die hier waren kaum so dick wie Fensterglas.
Auch das lästige Anschrauben des Helmes fiel ganz weg. Da waren nicht erst die riesigen Schraubenzieher nötig, da brauchte überhaupt niemand zu helfen.
Richard Flint konnte, wie er staunend feststellte, allein in den Anzug schlüpfen und auch wieder heraus, und wenn er sich den Helm aufstülpte und an eine Feder drückte, saß dieser ganz fest, wasserdicht.
Weiter war an diesem Anzug auf der Brust eine große Scheibe angebracht, und als Richard Flint sie sah, dachte er gleich an das schwere Bleigewicht, das jedem Taucher auf Brust und Rücken befestigt wird.
Hier war es ganz anders.
Diese Metallscheibe — oder woraus sie sonst bestand — diente zur Lichterzeugung, und auch da wieder war die Stärke genau und leicht zu regeln.
Des Ferneren erhielt Richard Flint ein Messer, das federleicht war, von dem der Schwede aber behauptete, dass er damit sogar harte Steine und Metall mühelos zerschneiden könnte, sobald er es durch eine Vorrichtung mit der Scheibe auf seiner Brust verbinde.
Auch hier wurde eine Probe gemacht, und der erfahrene Taucher jubelte laut, als er tatsächlich mit dem dünnen Dinge eine zentimeterstarke Eisenplatte wie Butter schneiden konnte.
Dass es eins der geheimnisvollen Elektrodenmesser war, deren sich auch der Bunte Maulwurf bediente, ahnte er ja nicht.
Kurzum, der geheimnisvollen Überraschungen waren so viele vorhanden, dass Richard Flint aus dem Staunen gar nicht herauskam und am liebsten gleich losgefahren wäre, nur um das alles draußen im freien Meere einmal praktisch zu erproben.
Aber er musste sich doch noch gedulden, denn da gab es noch eine Vorrichtung, durch welche das Fahrzeug gehoben und gesenkt werden konnte. Er konnte sich also ohne Weiteres vor dem Rücken des unterseeischen Gebirges in die tiefsten Tiefen gleiten lassen und ebenso nach Bedarf wieder empor, ohne nach dem veränderten Wasserdruck fragen zu müssen — und das allein war ja für ihn fast das größte von allen Wundern, denn er wusste aus Erfahrung am besten, was für einen Einfluss dieser Wasserdruck hat, wie dieser bis heute den Menschen hindert, in große Meerestiefen hinabzugehen.
Er hütete sich aber, zu fragen, wie das alles ermöglicht wurde, denn das hatte er ja nun bereits gemerkt, dass dann immer die Antwort aus einem einzigen Worte bestand:
»Geheimnis!«
Und außerdem hätte er ja gar nicht verstanden, wie so etwas möglich war, dazu fehlten ihm die nötigen Vorkenntnisse. Er begnügte sich auch sehr gern mit den Tatsachen, und als Gustav Gustavson mit ihm eine Generalprobe abhielt, bestand er sie glänzend, hatte sich in der kurzen Zeit schon genau eingeprägt, welche Knöpfe er drücken musste, um dies oder jenes zu bewirken und hervorzuzaubern.
»Wir haben Sie also vollkommen richtig beurteilt«, sagte denn auch der Schwede schließlich zufrieden. »Sie werden Ihren Weg finden, und ich kann Sie nunmehr entlassen.
Haben Sie aber noch etwas zu fragen, so stehe ich Ihnen selbstverständlich noch gern zur Verfügung.«
Als gewissenhafter Mann überlegte Richard Flint eine ganze Weile, aber er hatte doch nur eine Frage zu stellen, und die lag ja allerdings auch am nächsten.
»Wie finde ich den Weg nach Trewandur?«, fragte er.
Da zog der Schwede freilich die Schultern hoch.
»Sie haben einen Kompass und kennen die einzuschlagende Richtung«, erwiderte er. »Wenn Sie wollen, fahren wir noch einmal hinauf. Sie können sich die Karte genau ansehen —«
»Nein, das machen wir nicht. Ich weiß, dass die rote Linie fast genau nach Norden lief —«
»Und eine Unterseekarte haben Sie hier«, ergänzte der Schwede, aus einem Kasten das Blatt hervorziehend. »Nur die farbigen Linien fehlen darauf, weil sie eben bloß Wert für den haben, der sich unterirdisch bewegt.«
»Na, dann ist es ja gut, und nun bleibt mir bloß noch eins zu fragen übrig. Wenn ich dieses Trewandur gefunden habe und die Schätze, die sich dort befinden, dann — nun, was soll ich dann mit ihnen beginnen?«
»Das wird Ihnen rechtzeitig bekanntgegeben werden, das weiß ich jetzt selbst noch nicht«, lautete die Antwort. »Vorerst müssen Sie eben einmal hingelangen.«
»Und darf ich noch fragen, wie lange die Fahrt in Anspruch nehmen wird, wenigstens ungefähr?«
»Auch darüber kann ich Ihnen nichts sagen, aus dem einfachen Grunde nicht, weil Sie der Erste sind, der diese Fahrt unter dem Meere antritt. Wir bedienen uns der anderen Wege. Ich kann Ihnen also nicht einmal sagen, welche Gefahren Ihrer warten, und Sie werden einsehen, dass sich nach deren Überwindung die Fahrtdauer richten muss —
Was Ihnen aber auch drohen mag, vergessen Sie nie, dass Sie nicht dabei umkommen können. Das steht ganz fest! Und wenn Sie manchmal glauben müssen, es sei doch alles zu Ende, dann werden Sie doch immer wieder erkennen, dass das ein Irrtum war.
Sie sind ein Mann, Herr Flint, ein ganzer Mann im Sinne des Wortes, und deshalb ist es eigentlich überflüssig, dass ich noch eine Warnung ausspreche —«
»Sie meinen, dass ich mich nicht leichtsinnig und unnötig in Gefahren begeben soll?«, fragte Richard Flint sofort.
»Ja, das meine ich! Ich weiß nicht, ob eine Verlockung dazu vorhanden sein wird. Aber wenn die Sache Sie nichts kümmert, dann lassen Sie sie außer acht. Wes Deines Amtes nicht ist —«
»Da lass Deinen Fürwitz! Ich danke Ihnen, Herr Gustavson, und da Sie doch sicher Ihrem Herrn Bericht erstatten werden, so bitte ich Sie, ihm dann auch zu sagen, dass ich tief bereue, mich gegen ihn verschworen zu haben, und dass ich nun durch unerschütterliche Treue zu ihm meine Schuld sühnen, ihm aber immer dafür dankbar bleiben werde, dass er mir Gelegenheit dazu bietet.
Und nun, Herr Gustavson, lassen Sie mich in Gottes Namen die Fahrt antreten!
Dass meine Frau sich meinetwegen nicht sorgt, haben Sie mir schon versichert, und selbstverständlich glaube ich Ihnen, ebenso, dass ich sie wiedersehen werde, wenn die Zeit dazu gekommen ist.
Leben Sie wohl, und nochmals vielen und herzlichen Dank für alles!«
Gustav Gustavson staunte etwas, dass dieser so wortkarge Mann so fließend sprechen konnte. Es war wohl auch sicher die längste Rede, die Richard Flint jemals in seinem Leben vom Stapel gelassen hatte —
Schweigend drückte er ihm die Hand. Die Blicke beider begegneten sich noch einmal, dann trat der Schwede an die Stelle, durch welche sie hereingekommen waren, die Tür tat sich wieder auf —
Aber er ging noch nicht hinaus.
»Eins habe ich doch zu sagen vergessen«, meinte er. »diese Tür hier, die Sie durch Druck auf diese Feder öffnen können, wird sich auch auftun, wenn Sie draußen im Meere sind.
Sie können also trotz des ungeheuren Wasserdrucks jederzeit das Fahrzeug verlassen und wieder betreten, und immer wird vor dieser Tür ein wasserfreier Raum sein — sonst ließe sie sich ja eben nicht öffnen — eine Erklärung dieses Rätsels werden Sie nicht verlangen. Jedenfalls ist die Kenntnis dieser Tatsache für Sie von höchstem Werte, denn sicher werden Sie manchmal das Fahrzeug verlassen müssen oder zu verlassen wünschen.
Vergessen Sie dann aber niemals, es unsichtbar zu machen, indem Sie das Innenlicht abstellen! Merken Sie sich das ja! Es kann Sie in schwere Gefahr bringen, falls Sie das einmal außer acht lassen. Wiederfinden werden Sie das Fahrzeug immer. Sie brauchen bloß das Licht an Ihrem Taucheranzug einzuschalten, den Sie ja bei solchen Exkursionen anlegen müssen.
So! Das war das Letzte! Und nun: viel Glück auf dem Weg!«
Der Schwede schloss die Tür hinter sich.
Richard Flint sah ihn durch die durchsichtige Wand draußen stehen, und der Schwede erblickte auch ihn und bemerkte dabei, dass der Taucher auf einmal ein recht finsteres Gesicht machte.
Sofort wusste er, welchen Fehler er begangen hatte.
Er hatte ihm viel Glück gewünscht, und das hätte er unterlassen sollen. Er hätte mit dem Aberglauben des Seemannes rechnen müssen, der eben nun einmal unausrottbar ist.
Wer einem Seemann frohe Fahrt wünscht, der begeht eine ebenso große Sünde, wie der, der einem Jäger Weidmannsheil wünscht oder einem Rennreiter den Sieg!
Da hat der Betreffende allemal Pech. Das steht doch fest!
Nun, Gustav Gustavson machte sich deswegen keine Sorgen, er hob den rechten Arm, zum Zeichen, dass Richard Flint acht geben sollte, und da fuhr dieser auch schon mit dem ganzen Fahrzeug nach vorn.
Die Wand, die dort gewesen war, wich zurück, schloss sich wieder — — ein leerer Raum schien davor zu sein —
Und dann —
Ja, dann schwamm Richard Flint in seinem gläsernen Unterseeboote schon im freien Meere, sah durch den Boden das Gestein unter sich, und als er zurückblickte in der Meinung, den sonderbaren Palast noch einmal zu gewahren, war alles hinter ihm verschwunden.
Einmal griff er sich nach der Stirn und strich über diese hin, als sei er sich doch nicht ganz klar, ob er wache oder träume. Dann jedoch stellte er den Zeiger auf Fahrt geradeaus, legte den Kompass auf den kleinen Tisch und schaltete die doppelte Lichtstärke nach vorn ein.
Dass er in schneller Fahrt war, konnte er ohne Weiteres feststellen.
Es ist ja unter See freilich nicht etwa so, wie die Phantasie Schillers es malt; da schwärmen nicht allerlei missgestaltete Ungeheuer umher, da »wallet und brauset und zischt« es nicht — aber allerlei Lebewesen waren doch vorhanden, kleine Fische, die sich neugierig dem Lichtschein näherten, an die durchsichtigen Wände anprallten —
Am besten konnte jedenfalls Richard Flint die Fahrtgeschwindigkeit danach —
Da war auch schon die Geschichte zu Ende!
Der unterseeische Höhenrücken hörte auf, und anstatt des Gesteins, das er bisher unter sich bemerkt hatte, sah Richard Flint nur eine schwarze Fläche.
Da wusste er, dass er nun über einer ungeheuren Tiefe schwebte, denn so weit hatte er ja die Seekarten schon von früher im Kopfe, dass er wusste, die größten Meerestiefen kamen gerade in dieser Gegend mit vor. Ebenso aber wusste er, dass im Durchschnitte nur tausend Meter in Frage kamen. Es drehte sich immer um diese Zahl herum.
Nur zweitausend Meter! Das sind eben zwei Kilometer, eine Strecke, die man auf der Straße in einer halben Stunde sehr, sehr bequem zurücklegt. Meist braucht man, wenn man noch nicht gerade ermüdet ist, kaum zwanzig Minuten dazu.
Und hier ging es also mindestens zweitausend Meter in die Tiefe!
Für den Flieger ist das noch nicht viel. Für ihn verändert sich da der Luftdruck nicht so bedeutend.
Aber für den Taucher.
Es ist ja schon gesagt worden, dass der Mensch nur an ganz seichten Stellen den Meeresboden erreichen kann, und auch da nur unter ganz außergewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln.
Dass Richard Flint mit seinem Patenttaucheranzug tiefer hinab konnte, sagte dabei gar nichts!
Und wenn er fünfhundert Meter hinunter gekonnt hätte!
Die Angaben über den Wasserdruck sollen nicht wiederholt werden, jedenfalls wusste dieser erfahrene Taucher, dass es jetzt kritisch wurde.
Falls sein eigenartiges Fahrzeug nun nicht geradeaus fuhr, sich immer in der gleichen Tiefe — oder vielmehr Höhe — haltend, dann — nun, dann mussten nach seiner Meinung das Boot — und er mit — bald so breit gequetscht werden, dass sie nicht dicker waren als ein Blatt Papier.
Aber das Boot sank nicht!
Es fuhr wirklich geradeaus, immer mit der gleichen Geschwindigkeit, und nun hätte Richard Flint doch erleichtert aufatmen müssen, weil er nichts mehr zu fürchten brauchte.
Wenn er so weiterfuhr, dann musste er ja bald sein Ziel erreichen, und nachdem er dort die ihm gestellte Aufgabe gelöst hatte, würde er seine Martha wiedersehen!
Jawohl! So hätte er denken müssen, erst recht nach der schlimmen Erfahrung, die er doch kaum erst hinter sich hatte!
Aber da hätte Richard Flint eben kein Mensch sein müssen!
Die Geschichte vom Sündenfall ist doch nicht umsonst erfunden worden! Wer die erdacht hat, der ist ein ausgezeichneter Menschenkenner gewesen. Er hat mit der Neugier gerechnet.
»Ihr werdet sein wie Gott —«
Na, sollten die beiden das nicht einmal proben? Sie brauchten doch bloß von dem Apfel zu essen! Verboten war's ja, aber —
Nein, eben weil's verboten war! Gerade erst recht!
Das ist doch noch ein Rest von Titanentrotz, der sich gegen die Götter auflehnt, den Himmel stürmen will!
Und dieser unbändigen Neugier des Menschengeschlechts, die vielfach auch beschönigend Wissbegier genannt wird, verdankt es doch überhaupt seine Aufwärtsentwicklung!
Der stumpfsinnige Mensch, der nicht mehr begehrt, als dass er lebt und dass man ihn hübsch in Ruhe lässt, der bringt es nie weiter, aber der andere, der seine Nase in alle Dinge stecken muss — ja, das wird der Pionier der Mitmenschen.
Und wozu macht denn das kleine Kind zum Entsetzen der Mutter alle seine schönen neuen Spielsachen entzwei, kaum, dass es sie bekommen hat? Warum schlitzt es dem Teddybären den Leib auf, nimmt die Dampfmaschine auseinander und macht alles kaputt?
Das ist nicht Zerstörungstrieb, das ist auch keine Bosheit!
Bewahre! Das ist eben die unbesiegliche Neugier, die von der Geburt an in diesem Kinde steckt!
Und die stak auch in Richard Flint!
Gerade deswegen war er doch Taucher geworden!
So sehr hing er nicht am Gelde, dass er bloß, um Schätze zu gewinnen, auf den Meeresboden hinabging. Ihn lockten viel mehr noch als diese Reichtümer die Geheimnisse, die dort unten begraben lagen, schon deswegen, weil da die übrigen Menschen nicht mitkonnten, weil solche Taucher, wie er einer war, gar dünn gesät sind.
Ja, er wollte den Schleier herabreißen, der das Bild zu Sais verhüllte!
Er wollte wissen, wie es in diesen schaurigen Tiefen aussah, in welche nie, nie auch nur der geringste Lichtstrahl hinabdrang!
»Der Mensch begehre nie und nimmer zu schauen, was die Götter gnädig bedecken mit Nacht und Grauen!«
I wo! Gerade erst recht wurde da mal neingeguckt!
Und jetzt hatte Richard Flint ein Fahrzeug, von dem die Menschen sich nichts träumen ließen.
Da musste er doch mal sehen, was er diesem Dinge alles zumuten konnte!
Geradeausfahren konnte er deswegen ja immer noch!
Und die Schätze von Trewandur rissen inzwischen auch nicht aus, nachdem sie so lange Jahrhunderte stillgelegen hatten!
Also, Richard Flint vergaß, dass seine Martha vielleicht sehnsüchtig auf ihn wartete, er vergaß auch die Warnung, die ihm zuteil geworden war —
Zunächst stellte er mal das Licht so ein, dass ein heller Schein senkrecht nach unten fiel.
So sehr er aber da auch spähte, er sah doch nichts — höchstens die paar Fische, die dicht unter dem Boden des Fahrzeuges hinschwammen.
Und das war nicht wunderbar für ihn, er wusste sogar schon, dass es gar keinen Zweck haben würde, wenn er den Lichtstrahl auch zehnmal verstärkte —
Wenn er wissen wollte, wie es da unten aussah, dann musste er eben selber hinunter, und erst, nachdem er unten war, konnte er dann mit dem Lichte arbeiten.
Wie war doch gleich die Geschichte gewesen? Was musste er tun, um das Boot zum Sinken zu bringen?
Nach kurzer Zeit hatte er es wieder heraus.
Die Sache war eben ganz einfach, wie alles hier! Eine Scheibe mit einem Zeiger, mit Gradeinteilung am Rande. Jeder Strich bedeutete hundert Meter.
Zunächst wollte er es immer mit dieser Tiefe versuchen. Er rückte den Zeiger also von der Zwölf einen Strich weiter — eine 12 war ja nicht angegeben, er stellte sich die Sache nur eben so vor, wie das Zifferblatt einer Uhr — und kaum hatte er ihn auf eine Minute nach 12 gestellt, da fuhr das Boot auch schon wieder wie vorher geradeaus.
Die hundert Meter störten es nicht im Geringsten.
»Na, da können wir ja mal bisschen happiger werden!«, dachte Richard Flint und drehte, allerdings langsam, den Zeiger, bis er fünfzehn Striche weiter lag. Jetzt war es auf dem Zifferblatt also Viertel nach Zwölf.
Und die Sache blieb genau so wie vorher.
Keine Rede war davon, dass es etwa über dem Kopfe des verwegenen Mannes zu knacken anfing, weil der Wasserdruck zu gewaltig wurde!
Gar nichts war zu merken!
Aber es war auch noch kein Boden zu sehen, als er den Lichtkegel wieder nach unten blitzen ließ! Fünfzehnhundert Meter und noch kein Boden!
»Bis zweitausend will ich gehen!«, nahm Richard Flint sich vor und schob den Zeiger von Strich zu Strich weiter.
Da hatte er zweitausend Meter erreicht!
Und noch war nichts vom Boden zu sehen!
»Ich müsste hier nun einmal halten«, sagte sich Richard Flint darauf, »und mich ein bisschen umsehen. Vielleicht ist doch etwas zu entdecken — —«
Die Apparate funktionierten ganz wunderbar.
An und für sich hatte ja Richard Flint gar nicht beurteilen können, ob er fuhr oder das Boot still stand. Die Vergleichsmöglichkeit dazu fehlte, aber als halber Seemann brauchte er ja nur die scharfe Spitze des Bootes zu beobachten, da wusste er genug, und so sah er nun auch, dass er still hielt.
Das Fahrzeug blieb an einer Stelle stehen, in der gleichen Höhe oder Tiefe, in der es sich eben befunden hatte, und nun konnte Richard Flint erst einmal eine richtige Beleuchtung seiner Umgebung versuchen.
Er stellte alle Lichtwerfer an, die er kannte, und da ward es ja auch in dieser Tiefe tageshell, und da konnte er nun allerdings auch einmal staunen, denn jetzt sah er wirklich etwas, was vor ihm schwerlich schon ein Mensch gesehen hatte.
Bei den Tiefseeforschungen, die mehrfach angestellt worden sind — die bekannteste war wohl die des »Challenger« — sind aus großen Tiefen Meeresbewohner an die Oberfläche gebracht worden, ganz merkwürdige Geschöpfe, fast alle das Maul mit Zähnen gespickt, und mit was für Zähnen!
Ja, bei den meisten schien der eigentliche Körper Nebensache geworden zu sein, der Kopf und das Maul dagegen die Hauptsache! Und es gab da sogar welche, die nur aus einem Kopfe zu bestehen schienen, die man gleich als »schwimmenden Kopf« bezeichnete.
Richard Flint hatte aus fachlichem Interesse alle derartigen Berichte nicht nur gelesen, sondern studiert, er wusste da also schon recht gut Bescheid, ebenso auch, dass diese Unterseefische alle mit Leuchtvorrichtungen bedacht waren, dass viele sogar eine Art Laterne mit sich herumtrugen, an fühlerartigen Auswüchsen angebracht —
Ja, das wusste er, aber er war doch der einzige Mensch, der diese Geschöpfe lebend sah!
Denn das war ja eben der Übelstand gewesen bei allen diesen Forschungen, dass die Tiere niemals unversehrt an die Oberfläche, ans Licht kamen!
Die Schwimmblase war bei allen zum Maule herausgetrieben worden, viele waren überhaupt gleich zerplatzt!
Das war doch auch gar nicht anders möglich! Sie waren auf einen ungeheuren Wasserdruck eingerichtet, und ihre Innenorgane waren danach gebaut — wenn nun dieser Druck nachließ, musste eben die Katastrophe erfolgen — sie platzten!
Die Gelehrten konnten also die wirkliche Gestalt eigentlich immer nur erraten, etwa so, wie wenn sie nach gefundenen Knochen ein Tier darzustellen suchten, das vor Jahrtausenden einmal gelebt hat.
Richard Flint aber sah diese Geschöpfe jetzt lebend vor sich!
Und da tat er auch gleich das einzig Richtige, was er tun konnte: Er stellte die gesamte Beleuchtung wieder ab.
Nun erst kam das Grausige, das Ungeheuerliche ganz zur Geltung!
Rings um das Boot her glühte es, bald hier, bald dort — und im Scheine dieses grünlichen, an das Strahlen des Phosphors erinnernden Lichtes sah Richard Flint dann grässlich mit Zähnen gespickte Rachen, entsetzlich weit aufgerissene Mäuler — abenteuerliche Gestalten, die keine Phantasie sich erdenken kann —
Ja, eins der Tiere, das eine Art Seeschlange zu sein schien, schlang sich gleich in vielen Windungen um das Boot, und da konnte der Insasse doch ungefähr beurteilen, wie lang das Vieh sein mochte — er schätzte es auf reichlich zwanzig Meter.
Aber an Furcht dachte er nicht im Geringsten, staunte nur, wie wunderbar der Leib dieses Ungeheuers an beiden Seiten mit leuchtenden Schuppen bedeckt war, und freute sich, als er sah, wie es sich mühte, die Beute zu Brei zu zerquetschen, ganz so, wie vielleicht eine Anakonda es mit einem Tiere tat —
»Ja, da kannst Du lange drücken!«, dachte er noch.
Und dann erschrak er doch einmal.
Er hatte gerade darüber nachgedacht, was diese Ungeheuer wohl fressen möchten, denn leben mussten sie ja, die scharfen Zähne in ihrem Rachen sagten doch auch genug. Es gab keine andere Möglichkeit, als dass sie übereinander herfielen. Furchtbare Kämpfe mochten sich immer von Neuem in dieser undurchdringlichen Finsternis abspielen, wie damals oben auf Erden, als die vierzig und mehr Meter hohen Raubsaurier über die harmlosen Iguanodons hergefallen waren, aber sicher auch miteinander Kämpfe bestanden hatten.
»Wenn ich das doch mal sehen könnte!«, dachte er noch.
Da wurde sein Wunsch auch schon erfüllt, und da gehörten die eisenfesten Nerven dieses Mannes dazu, um dieses Gemetzel kaltblütig ansehen zu können!
Die Seeschlange oder wie er das Ungetüm sonst nennen sollte, stieß immer wieder mit dem Kopfe gegen die Wände des Fahrzeuges, und obwohl in diesem kein Licht mehr brannte, war es doch darin hell genug, den winzigen Menschen zu sehen, winzig gegenüber diesen Kolossen.
Das Licht strahlte aus den Leuchtkörpern, die sie bei sich trug, und so erkannte wohl die Schlange den Menschen, hatte ihn sich zur Beute erkoren, und sie war sicher nicht gewohnt, dass sie solchen Widerstand fand. Was sie sah, das gehörte sonst ihr —
Ja, hier mühte sie sich vergeblich, so sehr sie sich auch anstrengte!
Sie musste riesenstark sein, wie das ja bei dem mehr als mannesdicken Leibe nicht anders denkbar war.
Richard Flint hörte jedes Mal ganz deutlich den Anprall des Kopfes gegen die Platten des Bootes.
Er sah die Zähne leuchten, die tellergroßen Augen tückisch funkeln —
»Na, da beiß Dir nur kein Zähnchen aus, mein Kleines!«, sagte er bei sich eben. Da schoss es heran —
Herrgott, war das ein Vieh!
Richard Flint hatte einmal einen Pottwal von dreißig Metern Länge gesehen, mit einem Köpfchen — ach, so was lässt sich ja gar nicht beschreiben!
Das acht Meter lange Boot, in dem er damals mit anderen Seeleuten gesessen hatte, hätte das Ungetüm gerade als Zahnstocher brauchen können. Es schien ihm gegenüber nicht größer als ein Streichholz —
Und nun kam hier ein solches Vieh heran, aber nicht ein Pottwal, dessen Kopf doch vorn ganz scharf abgeschnitten ist, dass er eine gerade Fläche bildet — nein, dieses Vieh hatte einen ungeheuer langen Krokodilkopf —
Richard Flint schätzte ihn auf reichlich drei Meter — und als es den nun aufriss, da klappten die Kinnladen mindestens zwei Meter auseinander, und die Zähne darin waren so lang wie hübsche Dolche und auch so spitz und scharf —
Nicht aber wie bei der Seeschlange strahlten nur die Seitenschuppen in grünem Lichte, sondern das ganze Vieh war von einem Lichtschein umgeben, und so konnte Richard Flint eben sehen, dass hinter dem Krokodilkopf ein Walfischleib saß —
Weiter aber sah er nichts, denn nun hatte die Schlange schon den Feind erspäht und wendete sich ihm zu, riss den Rachen ihrerseits auf und wickelte sich noch fester als bisher um das Boot —
Jawohl! Da nützte das Maulaufreißen gar nichts!
Ein Schnapp und ein Schwapp, und da hatte die Schlange keinen Kopf und keinen Hals mehr, da war der ganze große Bissen auch schon verschlungen —
Und dann verzehrte das Ungeheuer auch noch den Rest, den sich von dem Boote lösenden Leib —
Aber satt war es noch nicht!
Jetzt sollte doch gleich das Boot selber drankommen.
Der Rachen klappte noch weiter auf — freilich doch noch nicht weit genug, dass das Fahrzeug etwa hätte hineinrutschen können —
Richard Flint musste lachen, nachdem er sein Staunen überwunden hatte.
»Hier muss doch sicher auch eine Vorrichtung vorhanden sein, mittels deren man sich solche Besucher genügend weit vom Leibe halten kann«, dachte er —
Er hatte eben doch nicht alles behalten, was sein Mentor ihm erklärt hatte, aber nun sann er nach und probte hier und probte da, und schließlich hatte er doch das Richtige gefunden — nach seiner Meinung wenigstens!
Die Außenflächen des Fahrzeuges schienen auf einmal mit hochgespannter Elektrizität geladen zu sein.
Es sah fast komisch aus, wie das Ungeheuer von einem Krokodilwalfisch zurückprallte, eben ganz so, wie ein Mensch, der aus Versehen einen elektrischen Schlag erhalten hat!
Herrgott, tobte das Vieh in dem Wasser herum!
Es schoss in die Höhe und in die Tiefe, es rannte gegen das Boot, dass Richard Flint sich gleich hinsetzte —
»Willst du fort!«, schrie er wütend.
Ja, das war es eben!
Das Vieh wollte natürlich selbst aus der Nähe des unheimlichen Feindes kommen! Es wollte sich in Sicherheit bringen, aber es konnte nicht!
Die Wirkung der Elektrizität schien es nicht über eine gewisse Entfernung fortzulassen, so sehr es sich auch bemühte.
Zum Glück gab auch hier der Klügere nach — das Ungeheuer bäumte sich noch einmal auf, dann aber war alles vorbei — es war tot —
Und jetzt stellte Richard Flint wieder das Licht an, ganz ruhig, als sei nicht das Geringste geschehen.
Jetzt wollte er sich doch erst mal die Beute besehen!
Es war nicht möglich.
Der Kadaver blieb immer in der gleichen Stellung, immer den Kopf nach dem Fahrzeug gerichtet, es war nicht möglich, es zu umfahren —
Erst musste der Starkstrom wieder ausgeschaltet werden, und als Richard Flint das tat, war das Vieh auch gleich weg, schoss empor oder sank — er konnte es nicht sehen.
»Schön!«, sagte er im Selbstgespräch. »Die Kerls kann ich mir also vom Leibe halten, aber es muss doch auch gehen, dass man bloß eins tötet, das man gerade treffen will —«
Ohne sich weiter um das Viehzeug draußen zu kümmern, studierte er erst einmal die Apparate eingehend, machte eine Pause, als er Hunger und Durst spürte, ließ sich von dem Tischleindeckdich, das ihm gezeigt worden war, eine feine Mahlzeit servieren. trank dann eine eisgekühlte Orangenlimonade, brannte sich eine Pfeife Tabak an, ließ den Rauch um sich nebeln und döste ein bisschen —
Nein, das tat er nicht, so sehr es auch danach aussah, wie er mit geschlossenen Augen, heftig paffend, in seinem Stuhl lehnte.
Seine Gedanken arbeiteten vielmehr fieberhaft. Ein heftiger Kampf war in ihm. Er musste anerkennen, dass er hier von Geheimnissen und Erfindungen umgeben war. die er nicht ergründen konnte; aber als Mensch wehrte er sich dagegen —
Bis er dann endlich den Tischkasten aufzog und darin kramte.
Die Seekarte lag darin, und außerdem noch ein Buch von der Größe eines Notizbuches.
Er schlug es auf und lachte, hieb sich auch gleich mit der geballten Hand gegen die Stirn.
Hier hatte er schriftlich genau aufgezeichnet, was er wissen musste.
Das Buch enthielt sozusagen eine Gebrauchsanweisung für das Fahrzeug, in dem er sich befand.
Und da war es kein Wunder, dass er gleich zu studieren anhob, erst aufhörte, als er wirklich wie in einem Nebelmeer saß, weil er vergessen hatte, dem Tabakrauch Abzug zu gewähren.
Das holte er nun nach.
Und dann machte er eine Probe.
Dort kam gerade wieder so ein Ungetüm heran.
Richard Flint bannte durch einen Projektor sein Bild auf eine Platte, stellte einen kleinen Stab so, dass er gerade auf das Vieh zeigte —
Er brauchte nicht zu rücken und zu schieben, da die Bestie eben gerade auf ihn zukam —
Dann ein Druck auf einen Knopf!
Und von dem Ungeheuer war nichts mehr zu sehen, höchstens das Blut, das das Wasser färbte, wie schon vorher bei dem Kampfe der beiden anderen Ungetüme.
Jetzt wusste Richard Flint, wie er sich der Feinde erwehren konnte, machte noch einige Versuche — und dann hatte er genug — vorläufig wenigstens.
Nun wollte er erst einmal sehen, wie tief er mit diesem Boote sinken konnte.
In dem Buche stand keine Grenze angegeben, aber er stellte den Zeiger ein, drückte wieder auf einen Knopf und dann auf einen anderen — und da war es, als säße er in einem Fahrstuhl und sähe die Scheibe vor sich, die ihm anzeigte, in welchem Stockwerke er sich befand.
Genau so arbeitete dieser Mechanismus.
Er konnte also auf der Scheibe einstellen, wie weit er sinken wollte, aber auch, wo er halten wollte, und da ließ er es eben einmal darauf ankommen.
Es war wie ein Rausch in ihm, dass er jetzt endlich den Traum verwirklicht sah, den er so oft geträumt hatte: in beliebige Tiefen des Meeres gehen zu können!
4600 Meter!
Ganz deutlich zeigte die Scheibe diese Tiefe, als das Unterseeboot den Meeresboden berührte.
Ein furchtbarer Schrecken hätte den verwegenen Menschen befallen müssen, als er diese Zahl las.
4600 Meter unter der Meeresoberfläche, also fast die Höhe des Mont Blanc!
Und dabei über sich diese ungeheure, gar nicht auszudenkende Last!
Ohne dass sie ihn breitquetschte!
Stumm saß Richard Flint in seinem Stühlchen und starrte vor sich hin.
Die Beleuchtung hatte er auf höchste Stärke eingestellt, aber was er sah, war doch gar nicht aufregend.
Tiere lebten hier unten nicht mehr, oder sie hielten sich von dem Ungeheuer fern, fürchteten es.
Der Boden aber war grauer Schlamm oder was es sonst sein mochte!
Rasch das Buch gefragt, wie man eine Probe hereinbekommen konnte.
Ja, auch dafür war gesorgt, es war wieder ganz einfach — nach kurzer Zeit hatte Richard Flint eine Probe vor sich auf dem Tische, und da verstand er ja nun die Analyse, wusste genau, wie er die Bestandteile feststellen konnte.
Nein, er fand sich doch nicht zurecht.
Was für eine Erde das war, wusste er nicht!
Und wer sollte es ihm sagen?
Er blätterte in dem Buche, suchte nach einer entsprechenden Weisung, fand sie aber nicht.
Und als er die letzte Seite umschlug, stand da ziemlich groß geschrieben:
»Anruf: achtmal drei, zweimal vier, einmal eins!«
Also doch!
Vermutet hatte er so etwas ja, obwohl ihm auf seine Frage geantwortet worden war, dass er ganz auf sich selber angewiesen sein würde. Niemand würde ihm beistehen.
Und jetzt wusste er, wie er doch jemand fragen konnte!
Sollte er es tun?
Sein Mannesstolz lehnte sich dagegen auf.
Er hatte zeitlebens keinen Herrn über sich anerkannt, war immer auf sich selbst gestellt gewesen, und das war doch bei seinem Charakter auch gar nicht anders möglich!
Jetzt aber —
Da war auch schon der Versucher da.
»Wer wird sich denn da bloß melden?
Und was wird er sagen?
Wird er böse werden, wenn Du ihn fragst?
Ob das überhaupt verboten ist?
I, da versuchen wir es doch mal! Den Kopf kann er Dir deswegen nicht abreißen!«
Und schon hatte Richard Flint das Nötige getan.
Es war eben wieder so einfach, dass ein Kind sich zurechtfand, wieder eine Scheibe — es war genau so wie bei einem automatischen Telefon. Man steckte den einen Finger in ein Loch, drehte die Scheibe —
Wie war es doch gleich?
Richtig! Achtmal drei, zweimal vier, einmal eins!
Bums! Fertig!
Und nun?
»Was wünschen Sie, Herr Flint?«
Wahrhaftig, da meldete sich der Herr schon, der die seltsame Nummer hatte: achtmal drei ist vierundzwanzig, zweimal vier ist acht, einmal eins ist eins — also vierundzwanzig acht eins — 2481!
»Mit wem habe ich denn die Ehre?«
»Bedauere! Namen gibt es nicht. Hier ist 2481. Was wünschen Sie, Herr Flint?«
»Zunächst einmal Aufschluss darüber, wie Sie gleich wissen können, wer anruft!«, antwortete der Taucher dreist und gottesfürchtig.
»Bedauere!«, kam die Antwort.
»Das scheinen Sie gut gelernt zu haben«, meinte darauf Richard Flint. »Na, meinetwegen! Ich will mal annehmen, dass ich mit einem Unbekannten aus Versehen —«
»Hier gibt es kein Versehen, und wenn Sie etwas wissen wollen, bitte ich, sich nicht lange mit Nebendingen aufzuhalten. Der Kraftverbrauch ist zu bedeutend. Also, Herr Flint?«
Nun, wenn es so stand, dann konnte er ja auch kurz sein.
»Ich habe da eine Probe von Tiefseeschlamm vor mir liegen, kann nicht klug werden, was für Zeug das eigentlich ist, es ist keine der mir bekannten Erden —«
»Wozu wollen Sie diese Probe machen? Haben Sie einen entsprechenden Auftrag dazu erhalten?«
»Das nicht, aber —«
»So werde ich Ihnen keine Auskunft geben!«
»Weil Sie nicht dürfen?«
»Bedauere! Sonst noch was?«
»Nun, eigentlich nicht, aber wenn Sie einmal da sind —«
»Solche Gespräche sind nicht gestattet. Herr Flint, ich muss Sie an die Weisungen erinnern, die Sie erhalten haben. Sie erklärten sich bereit, sie anzuerkennen, und wir kennen Sie doch als Ehrenmann —«
Da hatte es ja geschnappt. Jetzt konnte Richard Flint seine Neugier nun gleich einkapseln.
»Entschuldigen Sie nur!«, sagte er denn auch gleich.
»Also, Sie wollen sonst nichts wissen?«
»Nein, sonst nichts!«
»Und die Zusammensetzung des Schlammes erfahren Sie nicht.«
»Nein, die erfahre ich nicht, es ist mir auch ganz gleichgültig!«
»Deswegen dürfen Sie aber nicht wieder anrufen!«
»Wann denn sonst? Was muss da vorliegen?«
»Ganz, ganz wichtige Entdeckungen.«
»Und die wären etwa?«
»Bedauere! Das müssen Sie selbst wissen!«
»Dann nichts für ungut! Leben Sie wohl!«
»Danke, ebenfalls! Schluss!«
Und da saß nun Richard Flint mit seiner Weisheit.
Dieser Herr 2481 war recht kurz angebunden.
Wer es wohl sein mochte? Etwa Herr Klingsor selbst?
Richard Flint kratzte sich hinter einem Ohre.
Aber lange hielt diese geknickte Stimmung nicht an.
Da das Unterseeboot noch still lag, so wollte er erst einmal weiter, und zwar war es nach seiner Meinung das Beste, wenn er gleich auf dem Meeresboden dahinschlitterte.
Er stellte die Fahrt ein. Das Boot bewegte sich langsam, weil er nur die niedrigste Schnelligkeit wünschte, aber bald erkannte er, dass das nicht das Rechte war.
Durch die Bewegung wurde der graue Schlamm aufgerührt und trübte das Wasser entsprechend, sodass trotz des ausströmenden Lichtes nichts zu sehen war.
Nun lag zwar hier wieder eine neue rätselhafte Erscheinung vor: In dieser Tiefe hätte sich der Schlamm eben gar nicht aufrühren lassen sollen, der Wasserdruck widersprach dem —
Aber als Richard Flint eben etwas in die Höhe gehen wollte, hatte er schon wieder eine neue Überraschung.
Auf einmal war er nicht mehr in eine Schlammwolke gehüllt, sondern sah in leuchtende Wolken, die also aus sich ein geheimnisvolles Licht ausstrahlten, und als er trotzdem den Liftzeiger einschaltete, nur ein paar hundert Meter, da — hob sich das Boot nicht! Das hätte eben der Weiser sofort verraten müssen.
Richard Flint versuchte es mehrmals, stellte gleich tausend Meter ein, wartete aber vergebens darauf, dass das Boot nun emporschießen würde.
Das hätte er gerade jetzt ganz genau merken, der Boden hatte doch blitzschnell unter ihm versinken müssen.
Statt dessen blieb er daran förmlich kleben!
Da ist was nicht mehr in Ordnung!«, sagte er sich ganz folgerichtig.
Er erschrak noch nicht, so weit war es noch nicht.
Vorläufig hielt er einmal an.
Das Boot stand auf dem Boden, der Schlamm senkte sich, die Wolken hörten zu leuchten auf —
Und als Richard Flint nun wieder das Hebewerk einstellte, fuhr er empor!
Da ahnte er gleich das Richtige!
Noch einmal ging er hinunter, bis er wieder auf dem Boden lag. Nun stellte er auf Fahrt, der Schlamm wirbelte empor, die Wolken leuchteten — und da — ja, da stand das Boot auf einmal von selber still!
Richard Flint aber lächelte nur.
Aus diesem Schlamme kam eine Kraft heraus, die die in dem Boote tätige aufhob. Der Schlamm war also irgendwie aktiv, wie die Uranpechblende!
Das Rätsel war gelöst!
Richard Flint machte auch gleich die Schlussprobe, ging empor und sank wieder und fuhr weiter, und jedes Mal, wenn er den Schlamm aufwühlte, war das Boot lahmgelegt —
Demnach war verboten, dass er in dieser Weise weiterfuhr, das war ihm klar genug gezeigt worden —
Oder — es gab eine Möglichkeit, die Wirkung dieser geheimnisvollen Strahlen aufzuheben!
Und da regte sich schon wieder der Trotz in Richard Flint, da lockte es ihn, seinen Dickkopf durchzusetzen.
Er wollte eben nachforschen, wie er trotz alledem auf dem Meeresboden weiter dahinschlittern könnte.
Da klingelte es — irgendwo —
Aber ganz unwillkürlich antwortete er doch sofort vorschriftsmäßig:
»Hier Richard Flint! Wer dort?«
Und da war es gut, dass er saß! Sonst hätte es ihn doch gleich hingehauen!
Das war der einzig richtige Ausdruck, denn manchmal ist es eben wirklich so, als würde man von der Faust eines unsichtbaren Riesen gepackt und hingeworfen, eben »hingehauen«, nur dass die Wirkung sich weniger auf den Körper erstreckt als auf die Seele.
Und der Anlass war danach.
Alles andere hätte Richard Flint erwartet, den Einsturz des Himmels oder die Zerquetschung des Unterseebootes — nur das nicht!
Diese Stimme, die ihm da entgegenklang!
Er hatte doch keinen Hörer am Ohr, die Töne schienen aus dem Raume selbst zu kommen, als stände jemand unmittelbar vor oder neben ihm —
Deshalb riss er auch die Augen so weit auf und spähte um sich —
»Richard, mein lieber, lieber Richard!«, rief diese Stimme — d i e S t i m m e s e i n e r F r a u !
Und da sollte er —
Er sprang auf.
Zu antworten wagte er nicht, wollte es auch gar nicht.
Aber sein Gesicht, das doch an sich schon immer so finster aussah, wurde es nunmehr erst recht. Seine Augen funkelten, seine Hände ballten sich, und wütend schaute er umher.
»Das dürfen sie nun nicht machen, mich so verspotten!«, rief es in ihm. »Das will ich ihnen schon begreiflich machen! Strafe habe ich verdient, aber meine Frau sollen sie aus dem Spiele lassen —«
Er glaubte also nicht anders, als die Unbekannten, in deren Boot er sich befand, wollten ihm etwas vormachen.
Wie konnte er denn annehmen, dass seine Frau mit ihm sprechen konnte, hier, so tief unter dem Meere!
Aber diese Erwägungen, die natürlich schneller durch sein Hirn huschten, als sie sich erzählen lassen, nützten nichts, sein Zorn hielt nicht stand, denn da erklang schon wieder die Stimme, die er so gut kannte —
»Richard, warum antwortest Du nicht? Ich bin doch hier — Deine Martha! Ach, und ich freue mich ja so, dass Du noch lebst, dass Du nicht verunglückt bist und dass ich nun mit Dir reden darf! Wo bist Du denn eigentlich?«
Da freilich jauchzte der starke Mann, diese menschliche Bulldogge, die keiner zarten Empfindung fähig schien:
»Martha! Meine Martha! Du sprichst wirklich mit mir? Ich kann es ja gar nicht fassen —«
»Warum denn nur nicht? Hast Du auch schon so sonderbare Sachen erlebt wie ich? Ja, Richard, anfangs habe ich mich sehr gefürchtet, obwohl Berndt Fehrmann bei mir war —«
»Berndt Fehrmann? Und bei Dir? Ja, Martha, wie kann denn Berndt bei Dir sein! Und wo bist denn Du?«
Da lachte es hell.
Ja, das war seine Martha!
Wenn er einmal ganz schlechte Laune gehabt hatte und am liebsten die ganze Welt in Fetzen gerissen hätte, dann hatte seine kleine Frau bloß so zu lachen brauchen, und alles war wieder gut gewesen.
»Wie eine Lerche!«, dachte er.
»Na, höre mal, Martha«, knurrte er aber trotz seiner Freude, »wie kommst Du denn dazu, jetzt zu lachen? Du machst Dich doch nicht etwa über Deinen Mann lustig?«
»Freilich, Richard! Weil mein Mann so dumm ist! Hahahaha! Richard, Du weißt doch genau, dass ich Dir nicht sagen darf, wo ich bin! Und da brauchst Du gar nicht erst zu fragen. Hahaha, komm nur, suche mich!«
»Und Du suchst mich! Ach Du, wenn Du eine Ahnung hättest, wo Dein Mann jetzt steckt!«
»Und Du, wo Deine Frau ist!«
»Na, so schrecklich weit wird das nicht sein! Wo könnt Ihr denn auch mit dem Schiffe sein! So weit könnt Ihr doch in der kurzen Zeit nicht fahren.«
»In der kurzen Zeit? Ja, hast Du denn keine Ahnung, wie lange wir schon voneinander getrennt sind? Wie lange es her ist, dass Du tauchtest?«
»Na, wenn es lange ist, dann mag es ein halber Tag sein, meinetwegen auch dreiviertel — länger aber ist es auf keinen Fall —«
Da freilich erscholl ein Ruf höchsten Staunens, und es dauerte eine ganze Weile, ehe die Frauenstimme wieder etwas sagte.
»Da wirst Du wohl geschlafen haben, Richard. Oder bist Du vielleicht doch krank gewesen? Verunglückt?«
»Ich bin ganz wohl, Martha, und geschlafen habe ich überhaupt noch nicht, seit gestern —«
»Du meinst, seit Du ins Meer gestiegen bist?«
»Na, allemal!«
»Ja, Richard, seitdem sind doch aber —«
Da verstummte sie jäh.
Erst nach einer Weile fuhr sie fort.
»Entschuldige, Richard, und sei nicht böse deswegen, aber eben als ich Dir sagen wollte, wie lange Du schon von mir fort bist, wurde wir das verboten —«
»Verboten? Wer hat Dir denn was zu verbieten? Der Kerl soll sich ja in acht nehmen! Etwa der Berndt Fehrmann?«
»Aber, Richard, kannst Du Dir denn das nicht denken?«, fragte die junge Frau vorwurfsvoll.
»Nanu!«, dachte er verwundert. »Sollte die etwa bei dem sein, den ich suchen wollte?«
»Nein, das kann ich mir nicht denken, denn in der Gegend, wo ich Dich verließ, laufen die Menschen nicht so haufenweise herum wie in Sankt Pauli! Und wenn Du den Berndt Fehrmann da getroffen hast, da ist das schon ein großes Wunder. Aber sonst —
Na, nu sage bloß, wer Dir was zu befehlen, Dir was zu verbieten hat!«
»Herr Klingsor, Richard!«
Nun, der Richard hatte sich schon längst wieder gesetzt, und das war gut, denn sonst hätte es ihn eben jetzt nochmals »hingehauen«.
»Herr Klingsor?«, wiederholte er außer sich.
»Jawohl, Richard, der gute Herr Klingsor!«
»Nu schlägt's aber dreizehn!«, dachte Richard Flint.
»Mein Gott, woher kommt denn der auf einmal? Und kennst Du ihn denn überhaupt?«
»Er hat mich aus einer großen Gefahr errettet, Richard, und dann hat er mir seinen Namen genannt und mir zugeredet, dass ich mich nicht sorgen sollte, ich würde Dich schon wiedersehen, wenn es Zeit wäre, Du müsstest erst etwas für ihn besorgen —
Ja, und Richard, er sagte auch, das wäre eine kleine Strafe für das, was Du vorgehabt hättest!
Ich habe ihn gar nicht fragen wollen, was das gewesen ist, ich will es auch jetzt nicht tun —«
»Weil er zuhört?«, fragte Richard Flint rasch.
»Nein, nein, ich bin ganz für mich, niemand hört uns, er hat es mir ausdrücklich gesagt —«
»Als er Dir die Erlaubnis gab, mit mir zu reden?«
»Ja, Richard.«
»Wie kann er denn da wissen, wie Du mir verraten wolltest, wie lange ich schon von Dir fort bin?«
Also, Richard Flint passte trotz seiner großen Überraschung recht gut auf, aber seine Frau wusste ihn doch wieder zu beruhigen.
»Das ist anders, als Du Dir denkst, lieber Mann«, sagte sie. »Wenn ich etwas sage, was ich Dir nicht sagen darf, dann wird die Scheibe, gegen die ich hier spreche, sofort schwarz, und da hat er mir eben erklärt, dass dann die Verbindung unterbrochen würde, weil ich etwas verraten wollte, was ich nicht verraten darf. Aber zuhören — nein, Richard, das gibt es nicht hier. Nicht einmal Miss Edith ist bei mir —«
»Miss Edith?«, wiederholte Richard Flint.
Er wusste wirklich nicht mehr, was er denken sollte. Aber eine Ahnung glaubte er nun doch zu haben.
Seine Frau hatte ein anderes Schiff getroffen, die Matrosen hatten durch Signale gemeldet, was geschehen war, und da war sie eben auf dieses Schiff gegangen, weil sie doch nicht gut allein unter lauter Männern bleiben konnte — und auf diesem Schiffe hatte sie den Herrn Klingsor getroffen und diese Miss Edith — anders konnte es doch gar nicht sein.
Da blieb freilich immer noch das Rätsel, wie sie mit ihm sprechen konnte. Aber wenn dieser Loke Klingsor —
»Ja, Miss Edith, die Tochter des berühmten Rechtsanwaltes Maxim Iron!«, erwiderte unterdessen Frau Martha.
»Da werde ein anderer klug!«, knurrte Richard Flint. »Martha, das fasse ich nicht mehr, denn dieser Rechtsanwalt lebt doch in Australien —«
»Ganz recht, Richard, aber er ist eben von dem Herrn Klingsor mitgenommen worden, seine Tochter war entführt worden von einem Zauberer, der sich Czernebog nennt und den Herr Klingsor nun unschädlich gemacht hat —«
»Hör auf, hör auf, Martha! Ich werde sonst verrückt!«, unterbrach er sie da.
Und er hatte ja auch vollkommen recht.
Seine Martha mochte durch den Schrecken, den sie erlitten hatte, einen Knacks im Hirn bekommen haben.
»Nein Martha, nimm mir das nicht übel, aber ich muss Dich bitten, erzähle mir nichts mehr! Es wird zu viel für mich! Ich bin ja lange nicht so gescheit wie Du —«
»Aber, Richard, ich muss Dir doch —«
»Nein, das musst Du nicht! Das kannst Du nachholen, wenn wir wieder beisammen sind, und das kann ja nicht mehr lange dauern, wenn — aber auch davon wollen wir nicht reden. Du hast ja schon erfahren, dass ich eine Strafe auf mich genommen habe, ich muss für den Herrn Klingsor etwas suchen — na, und damit gut, ich habe Dir ja auch schon genug angedeutet, während ich tauchte — das hat alles keinen Zweck jetzt —
Also Du bist wohl und in guter Sicherheit, meine liebe Martha?«
»Ja, mein Richard! Vollkommen wohl! Und ich bin so froh!«
»Na da!«, knurrte Richard einmal wieder, aber sein Gesicht war schon heller als vorher. Ein Zentnerstein war ihm vom Herzen genommen worden. »Da ist ja alles gut, Martha! Und ich kann Dir sagen, dass es bei mir ebenso ist, auch ich bin gesund und munter, mir fehlt nichts, und ich will mir alle Mühe geben, dass ich bald wieder zu Dir kommen kann.
Hast Du mir sonst etwas zu melden?«
»Viel, Richard, aber Du willst ja nichts mehr hören!«
»Lieber nicht, Martha, lieber nicht! Es könnte Dich aufregen —«
»Gar nicht, Richard —«
»Na, dann mich! Also, wir wollen jetzt Schluss machen, ich muss doch auch gewaltig aufpassen, dass ich mein Ziel nicht verfehle —«
»Wo bist Du denn eigentlich, Richard?«
»Das darf ich Dir wahrscheinlich ebenso wenig sagen, wie Du mir Deinen Aufenthalt verraten durftest. Also lassen wir es lieber.
Der Herr Klingsor ist also freundlich zu Dir?«
»Sehr freundlich, Richard!«
»Doch nicht etwa zu freundlich?«
Richard Flint wurde misstrauisch. Seine Martha war eben nach seinem Begriff die schönste aller Frauen, und da konnte sich wohl ein anderer in sie verlieben. Aber seine Martha wusch ihm gleich den Kopf.
»Richard, Du bist garstig, sehr garstig!«, rief sie.
»Ach wo, was Du gleich wieder denkst! Aber nun — hast Du noch was auf dem Herzen?«
»Viel, Richard, sehr viel! Doch wenn Du aufpassen musst, dann will ich lieber für heute schweigen, denn ich darf Dich alle Tage um dieselbe Zeit anrufen. Das hat Herr Klingsor mir erlaubt, und da kann ich Dir ja alles nach und nach erzählen«
»Ja, das wollen wir machen, Martha, und nun leb wohl —
Jesus Christus und General Jackson!«, schrie er gleich darauf.
Ob Martha Flint das noch gehört hatte, war sehr zweifelhaft. Jedenfalls sprach sie nicht mehr, diese geheimnisvolle Verbindung schien unterbrochen worden zu sein —
Und das war gut so, denn Richard Flint hatte allen Anlass, seine Martha nicht wissen zu lassen, was jetzt hier bei ihm, tief unter der Meeresoberfläche, geschehen war und was ihm diesen Ruf des höchsten Schreckens erpresst hatte.
Während er so an dem Tischchen saß, beide Arme auf die Platte gelegt und lauschend, hatte er doch Zeit gehabt, sich umzuschauen, hatte, wie er es als Seemann gewohnt war, immer auf den Lauf des Bootes geachtet.
Dieses schwebte also jetzt wieder in einer gewissen Höhe über dem Boden dahin, wie hoch, das wusste er selber nicht, denn er hatte die Liftscheibe verschwinden lassen, wollte es gar nicht wissen.
Nun aber hatte er auch vergessen, das Vorderlicht einzustellen, war sozusagen blindlings darauf losgefahren, und da war es geschehen, dass er wieder in eine Gegend geraten war, wo sich auf dem Meeresboden ein unterseeisches Gebirge erhob.
Auf einmal gab es einen harten Stoß, dass Richard Flint mitsamt seinem Sessel umgeworfen wurde.
Sofort sprang er wieder auf, so viel Geistesgegenwart hatte er doch noch, sich zu sagen, dass ein solcher Anprall hier unten mindestens doppelt so gefährlich sein musste wie oben, wenn er etwa gegen ein Riff anfuhr oder auf eine Untiefe lief —
Er stellte den vorderen Scheinwerfer ein — das Licht durchdrang die Finsternis mit grellem Schein.
Er sah, dass er wirklich in einer Berglandschaft stak, schroffe Klippen ragten neben ihm auf —
Aber nicht das entlockte ihm den Ruf, sondern etwas ganz anderes, viel Unheimlicheres!
Mit einem Rucke hatte er das Fahrzeug zum Stehen gebracht, und nun lag es auf dem festen Boden, mitten zwischen steilen Felswänden.
Aber zwischen diesen und dem Boote war noch ein Zwischenraum, es hatte fast den Anschein, als sei er in einen Engpass geraten.
Und in diesem stand ein Wesen —
Ja, war denn das ein Mensch? Ein Riese?
Das Boot war, wie gesagt, drei Meter hoch, also an sich recht flach, aber es ließ doch einen Vergleich zu.
Und dieses Wesen dort draußen, das von dem Lichte jetzt hell bestrahlt wurde, musste dann ungefähr sechs- bis siebenmal so hoch sein wie das Boot, mindestens zwanzig Meter. Und da konnte natürlich Richard Flint nur einen Teil von ihm sehen — die Beine —
Und das waren ganz seltsame Beine!
Menschliche Form hatten sie ja, das sah er, nur wiesen sie augenscheinlich keine Knie auf, kein Gelenk dort —
So lächerlich es an sich war, Richard Flint musste gleich an einen der Pfefferkuchenmänner denken, wie sie alljährlich zu Weihnachten auf den Markt kommen, bloß dass hier bei diesem die Füße frei waren, nicht in einer Querleiste staken, wie das eben bei den Pfefferkuchenmännern der Fall ist.
Aber die Beine selber verliefen gerade so wie bei einem solchen Erzeugnis der Pfefferküchler»Kunst«, eben ohne jedes Gelenk — und als nun Richard Flint die Beleuchtung nach oben einstellte, da sah er, dass auch ein Hüftgelenk fehlte.
Nein, jetzt erkannte er natürlich, dass es sich nicht um einen Pfefferkuchenmann handeln konnte, was ja hier unten auch an sich ausgeschlossen war.
»Das ist ein Bildwerk aus Stein«, sagte er sich. »Es ist vor langer Zeit einmal in das Meer gefallen oder hineingeworfen worden, und durch einen Zufall ist bewirkt worden, dass es aufrecht stehen geblieben ist.
Oder überhaupt, das Stück Land, auf dem ich jetzt bin, ist eine solche versunkene Insel, wie es hier ja viele geben soll. Da haben die Eingeborenen einen Götzen aufgestellt, und der ist natürlich mit der ganzen Insel versunken. Vielleicht finde ich noch mehr solche Kerle und Tempel oder andere Häuser —«
Doch diese letzte Meinung änderte er sofort wieder, denn Häuser konnten natürlich in dieser Tiefe nicht stehen geblieben sein, die musste der Wasserdruck breitgequetscht haben.
Warum dann aber nicht die Figur?
Vielleicht weil sie hier in diesem Engpass geschützt stand?
Das war erst recht Unsinn!
Die Felsen selber konnte das Wasser natürlich nicht breitquetschen, die waren da doch etwas zu widerstandsfähig — aber —
Und da geschah etwas, was Richard Flint nun wirklich in Schrecken setzte, noch ganz anders als vorher der bloße Anblick der riesenhaften Gestalt.
Diese bewegte sich nämlich jetzt, kam auf ihn zu!
Richard Flint dachte natürlich zunächst an eine Selbsttäuschung, dass das Boot sich wider seinen Willen von Neuem in Fahrt gesetzt hätte, auf die Figur losfuhr.
Er guckte nach dem Hebel.
Dieser stand auf Halt.
Probeweise ruckte er einmal ganz wenig daran.
Sofort bewegte sich der ganze Kasten.
Also hatte er vorher doch stillgestanden! Und die Figur hatte sich bewegt!
Sie bewegte sich noch!
Und nun wie!
Zu schildern war das doch gar nicht, man muss sich eben vorstellen, dass so ein steinerner Pfefferkuchenmann Laufversuche anstellen könnte — ohne jedes Gelenk in den Beinen, in den Hüften — da ist doch kein Gehen möglich — da kann nur ein Rutschen zustande kommen, etwa so, wie wenn ein spielender Knabe seine Zinnsoldaten vorrücken lässt — da muss er eben die ganze Figur packen und vorwärtsschieben —
Genau so war es hier, nur dass keine Hand zu sehen war, die den Koloss bewegte!
Und was für eine Riesenfaust hätte da sein müssen!
Die Gestalt aber schob sich erst mit der rechten Seite vorwärts, zögerte dann, etwas schwankend, dann rückte die andere vor — aber sie kam näher — immer näher —
»Na, wenn der über das Boot purzelt, dann adé, schöne Welt! Dann brauchst Du morgen nicht wieder zu telefonieren, Martha!«, dachte Richard Flint noch.
Im letzten Augenblick, als die Kolossalfigur schon dicht bei dem Boote stand, dachte er allerdings auch noch daran, dass er ja ausreißen, das Fahrzeug zurückgehen lassen könnte, aber —
Ehe er dazu kam, war schon wieder etwas geschehen, was ihn lähmte, nicht nur seinen Körper, sondern auch gleich sein Denkvermögen und seine Entschlusskraft!
Er stand da und sah, wie der steinerne Riese sich niederbeugte, wie von oben her ein Gesicht herabkam, ein paar Arme, die Hände —
Nein, das war nun wieder eine Täuschung!
Dem Pfefferkuchenmanne waren doch die Teigarme an die Hüften geklitscht, die brachte der nicht von dort weg, und Hände hatte er natürlich auch nicht —
Aber das Gesicht!
Die hineingesteckte eckige Nase! Der Schlitz, der den Mund darstellte, hier schon mehr ein Maul!
Und dann die Augen!
Es waren nur ein paar Löcher, in die wieder ein anderes kleineres gedrückt war, die Pupille darstellend, so ganz ohne Ausdruck, eben, wie auch ein Kind aus Lehm ein Männchen macht, nur dass dieses hier aus Stein war und zwanzig Meter hoch!
Und dass sich der Koloss immer tiefer beugte, bis sein Gesicht vielleicht noch einen halben Meter über dem Bootsdache war, wenn man das so nennen durfte!
Und nun öffnete das Ungetüm das Maul; aus den Augenlöchern funkelte es ganz bösartig —
»Wenn er sich noch ein bisschen tiefer bückt, dann fällt er!«, dachte Richard Flint noch einmal, und dann griff er nach der Scheibe, die den elektrischen Schussapparat in Tätigkeit setzte.
»Warte, dir will ich schon die Lust vertreiben, jemand in die Gute Stube zu gucken!«, sagte er halblaut.
Aber er schoss nicht!
Plötzlich kam ihn. ein neuer Gedanke.
Ob das vielleicht eins der sehr, sehr wichtigen Ereignisse war, von dem der Unbekannte geredet hatte, der die Telefonnummer 2481 hatte?
Ob das ihm zu melden war?
Eine Sekunde zögerte Richard Flint noch.
Es wäre ihm überaus peinlich gewesen, hätte man ihm diesen Anruf als Feigheit ausgelegt.
Aber der Mann hatte ja gesagt, dass sie ihn kannten!
Da mussten sie doch auch wissen, dass er kein Feigling war!
Und nun drehte er die Scheibe — achtmal drei, zweimal vier, einmal eins!
»Sie wünschen, Herr Flint?«
»Ich wünsche nichts, aber ich habe etwas zu melden«, antwortete er.
»Und das ist?«
Da schilderte Richard Flint sein Erlebnis, ohne jede Übertreibung, eben so trocken, wie bloß er das fertig brachte.
Der andere unterbrach ihn nicht, wartete, bis er schwieg.
Dann aber hörte Richard etwas, was ihn einigermaßen in Verwunderung setzte, was er aber doch nicht verstand.
»Ein Golem?«, sagte Nummer 2481.
Und dann schien es mit der Überraschung wieder vorbei.
»Wo befinden Sie sich, Herr Flint?«
»Wollen Sie den geografischen Ort wissen?«
»Nein, nur die Seehöhe.«
»Ach so! Da will ich gleich wieder einmal nachsehen!«
Richard Flint stellte die Scheibe. Sie zeigte genau 1684 Meter an.
Er meldete das. Nach einer Weile kam erst die Antwort.
»Dann befinden Sie sich im Gebirge Asamui. Sie sind von Ihrem Wege abgekommen, Herr Flint! Dort haben Sie gar nichts zu suchen.«
Wie ein Tadel klang das durchaus nicht, nur eben wie eine Feststellung, aber es hätte doch da Menschen genug gegeben, die an Stelle des Tauchers gleich mit einer Entschuldigung zur Hand gewesen wären. Er hätte sagen können — was ja auch Tatsache war — dass er von seiner Frau angerufen worden sei, währenddessen nicht auf die Fahrt geachtet habe —
Das sind solche Leute, die keinen Tadel vertragen, weil sie sich für unfehlbar halten — oder — es ist eben eine dumme Angewohnheit —
Bei Richard Flint gab es so etwas nicht, er hatte aber auch gar keine Entschuldigung nötig, denn die Stimme des Unbekannten fuhr schon wieder fort und sagte:
»Gedulden Sie sich einen Augenblick, Herr Flint! Ich muss Ihre Meldung weitergeben!«
»Halt, Herr!«, wendete er da ein. »Dieser Kerl steht so schief über dem Boote, dass er jeden Augenblick darauffallen kann! Ich wollte eben mit dem elektrischen Schussapparat gegen ihn losgehen —«
»Um Himmels willen nicht! Nein, verletzen oder zerstören Sie ihn ja nicht!«
»Aber wenn er umpurzelt und alles kaputtschlägt?«
»Sie haben doch die Sicherheitsvorrichtung, welche verhindert, dass irgend etwas Ihnen auf mehr als einen Meter zu nahe kommt!«
»Eine Sicherheitsvorrichtung? Da muss ich gleich einmal nachsehen!«
»Nicht nötig! Ich kann es Ihnen sagen!«
Die Anweisung wurde gegeben, Richard Flint fand den Hebel.
»Stellen Sie ihn langsam, ganz langsam! Und berichten Sie mir, was geschieht! Aber sorgen Sie sich nicht, Ihnen droht keine Gefahr —«
»Herr, was denken Sie von mir! Ich fürchte mich doch nicht etwa vor diesem Popanz!«, fuhr da der Taucher allerdings auf. »Deshalb habe ich Sie nicht etwa angerufen, sondern nur, weil Sie mir sagten, ich sollte sehr wichtige Zwischenfälle melden —«
»Und da haben Sie ganz recht getan, Herr Flint!«, erklang es zurück. »Nein, nein, wir wissen schon, dass Sie ein furchtloser Mann sind, dass Sie nicht aus Angst angerufen haben.«
»Na, dann ist es ja gut! Also, ich drehe jetzt!«
Er schob den winzig kleinen Hebel etwas zur Seite, und dabei beobachtete er natürlich die immer noch gebeugt stehende Steinfigur, die er während des ganzen Gesprächs überhaupt nicht aus den Augen gelassen hatte.
Gerührt hatte sie sich nicht weiter, war so stehen geblieben, wie sie stand, und auch sonst war sie unverändert geblieben, hatte das Maul noch auf, die Augen funkelten noch —
Nun aber lief es wie ein Zucken durch sie.
Deutlich gewahrte Richard Flint, dass dieses steinerne Ding sich zu wehren schien, dass es sich nicht wieder aufrichten wollte.
Aber es musste!
Der unsichtbare Zwang, der dann ausgeübt wurde, war offenbar zu stark, stärker als dieser Riese von zwanzig Meter Höhe.
Allmählich bog er sich wieder gerade, und endlich hatte er die vorige Haltung wieder angenommen, aber er stand immer noch dicht neben dem Boote.
Alles das meldete Richard Flint dem Unsichtbaren, ohne dass dieser etwas dazu sagte, bis er endlich rief:
»Halten Sie inne! Lassen Sie den Hebel stehen, wie er steht! Und nun warten Sie!«
Das tat Richard Flint, und er musste ziemlich lange warten, bis er wieder eine Stimme hörte.
Dann aber stutzte er doch gewaltig. Das war nicht mehr die Nummer 2481, das war jemand anders.
Diese Stimme klang sonorer als die frühere, es war etwas darin, was gleich verriet, dass dieser Mann gewohnt war, zu befehlen, zu herrschen.
»Herr Richard Flint?«, sagte diese Stimme.
»Jawohl, hier bin ich!«
»Wissen Sie, mit wem Sie jetzt sprechen?«
»Keine Ahnung Herr!«
»Wirklich nicht?«
Diese Frage war so eigentümlich, dass der Taucher von Neuem stutzte.
»Ich habe doch nicht die Ehre mit Herrn Klingsor persönlich?«
»Der bin ich!«
»Aha, das dachte ich mir fast!«
Ein ganz leises Lachen ertönte, dann aber sprach die Stimme:
»Wir haben keine Zeit zu anderen Dingen, Herr Flint, und ich nehme wohl auch mit Recht an, dass Sie mich jetzt nicht allerhand fragen wollen, was Ihnen vielleicht auf dem Herzen liegt.«
»Ich denke gar nicht daran, Herr Klingsor, dazu ist schon später noch Zeit, auch zu einer Erklärung —«
»Die ich gar nicht brauche. Ich weiß schon alles, und der famose Mr. Samuel Philipp, der Sie gegen mich hetzte, schmort schon im Fegefeuer —«
»Nanu, im Fegefeuer?«, musste Richard Flint da einmal wiederholen, weil er das doch gar nicht verstand.
»Ja, so ist es. Fragen Sie aber nicht weiter!
Also, Sie sind einem Golem begegnet, Herr Flint!«
»Der andere Herr nannte das Ding so. Ich selber weiß nicht, was es ist.«
»Und ich kann es Ihnen nicht erklären, wenn Sie nicht schon von solchen Geheimnissen gehört haben. Das gehört in die schwarze Magie, Herr Flint, und da braucht man lange zu Erklärungen, wir aber haben keine Zeit. Sie sehen aber doch, dass eine Steinfigur lebendig geworden ist.«
»Ja eben, das habe ich zu meiner Verwunderung beobachtet.«
»Und das gerade ist die Wirkung eines Golems. Diese Figur wird durch einen Zauber bewegt, der ihr von jemand in den Kopf oder in die Brust gesteckt worden ist.«
Loke Klingsor schwieg, weil er vermutlich eine Frage erwartete, aber da hatte er falsch gerechnet. Richard Flint war nicht der Mann, der sich dumm machen ließ. Seine Frau hatte schon von einem Zauberer geredet, nun fing der von einem Zauber an — na, mochten sie doch!
Zu fragen und zu sagen hatte er da nichts.
Er wunderte sich etwas, als er wieder das leise Lachen hörte, aber er stutzte, als dann die Stimme sagte:
»Ihre Frau hat ein ähnliches Abenteuer bestanden, Herr Flint. Auch auf sie kamen gleich zwei solche Golems zu, aber sie wurden rechtzeitig unschädlich gemacht.«
»Na, da ist es ja gut.«
»Und ich wusste nicht, dass es noch einen gab. Deshalb ist mir diese Meldung so interessant. Ich muss diesen Zauber haben. Wollen Sie ihn für mich bergen, Herr Flint?«
»Aber gerne, Herr Klingsor!«
»Sie fürchten sich nicht, wie ich ja weiß. Indes, die Sache ist auch ganz ungefährlich für Sie. Sie verlassen das Boot, nehmen nur eine der elektrischen Pistolen mit und schießen, sobald Sie draußen sind, nach der Figur. Sie wird alsbald stürzen, und dann müssen Sie suchen, wo Sie eine Höhlung finden, im Kopfe oder in der Brust — die Augen kommen nicht in Frage — Sie werden jedenfalls eine kleine Kapsel finden, und diese müssen Sie an sich nehmen.«
»Sonst nichts?«
»Diese Kapsel muss ich gleich haben, Herr Flint!«
»Ja, wenn Sie mir sagen, wie ich das anfangen soll?«
»Ganz einfach! Sie legen sie auf den Tisch in der Kabine, wenden sich dann ab — und die Sache ist geschehen.«
»Wenn Sie meinen!«
»Also Sie wollen mir den Dienst erweisen?«
»Aber ja, selbstverständlich!«
»Nun, das ist recht! Gehen Sie also!«
Und Richard Flint machte sich auf den Weg.
Wie die Türe geöffnet werden musste, wusste er, das war ihm gezeigt worden, und als er es nun versuchte, ging es ganz leicht, wie alles andere. Es war eben nicht anders als machte er eine Stubentür auf. Von Wasserdruck war nichts zu spüren.
Ganz so einfach freilich war die Sache aber doch nicht.
Da gehörte doch zumindest ein großes, sehr großes Vertrauen dazu, das nicht jeder aufgebracht hätte.
Es galt immerhin, ohne jeden Schutz, ohne Taucheranzug, ins freie Meer hinauszutreten, fast 1700 Meter unter der Meeresoberfläche!
Und was für Ungetüme in diesen Tiefen hausten, davon hatte Richard Flint ja schon einen Begriff bekommen.
Außerdem — dieser gewaltige Wasserdruck!
Aber solche Gedanken existierten für diesen Mann doch überhaupt nicht.
Loke Klingsor wünschte, dass er hinausging und den Golem über den Haufen schoss!
Da wurde das eben gemacht!
Ein Gedanke an irgendwelche Gefahr kam Richard Flint gar nicht, und er hatte ihn auch gar nicht nötig, wie er gleich spürte.
Er stand nicht etwa im Wasser, sondern bewegte sich anscheinend in einem Luftraum, als ginge er an der Erdoberfläche spazieren.
Die riesenhafte Steinfigur stand keine zwei Meter von ihm, aber sie befand sich im Wasser, das konnte er doch feststellen, und er wunderte sich noch, wie er da nachher hinkommen sollte.
Die riesenhafte Gestalt bewegte sich
plötzlich und kam auf Richard Flint zu.
Vorläufig aber hob er das eigentümlich gestaltete Pistol mit dem kulbigen Ende, drückte auf den vorstehenden Stift, nachdem er nur flüchtig gezielt hatte —
Ein Feuerstrom entfuhr der Mündung, aber ein Knall war natürlich nicht zu hören.
Und im gleichen Augenblick fiel der Koloss rückwärts über den Haufen, sank zu Boden und blieb liegen, wie er gefallen war.
Richard Flint aber marschierte los, ohne zu fragen, was nun werden würde. Da gab es für ihn doch nicht das geringste Bedenken und Zögern —
Und da merkte er, dass der Luftraum, in dem er sich aufhielt, mit ihm weiterwanderte, sich über die abstürzte Figur ausbreitete —
Als er neben dieser ankam, war vom Wasser nichts mehr zu spüren außer dem, was eben an dem Gestein haftete. Es war ganz nass. Richard Flint sah noch mehr!
Zunächst stellte er einmal fest, dass es sich wirklich um eine Art steinernen Pfefferkuchenmann handelte, dass der Bildhauer, der hier seine Kunst hatte beweisen wollen, ein recht erbärmlicher Stümper gewesen sein musste.
Richard Flint hatte wohl einmal von den Steinfiguren auf der Osterinsel gelesen, war aber selbst nie nach dieser so vollkommen einsam im Weltmeer liegenden Insel gekommen, hatte nie etwas dort zu suchen gehabt. Er wurde also durch den Anblick, den er hatte, nicht an die Steinkolosse erinnert, die es dort gab, dachte gar nicht daran, wunderte sich nur, wie Menschen so etwas hatten fertig bringen können — oder er wunderte sich auch nicht.
Bei manchen Wilden hatte er noch ganz andere Götzen gesehen, aus Holz natürlich meistens, aber noch viel plumper und hässlicher —
Kurz und gut, er stellte nur fest, dass die Figur das »Mündchen« wieder geschlossen hielt, dass auch die Augen nicht mehr so bösartig funkelten, obwohl sie immer noch weit offen standen, und dann begann er nach dem Loche zu suchen, das also vorhanden sein sollte.
Er hatte es bald entdeckt.
Es saß gerade an der Stelle, wo bei den Menschen sich der Nabel befindet, also in der Mitte des Leibes.
Er bückte sich — das Loch war weit genug, dass er mit zwei Fingern hineinfahren konnte, spürte etwas zwischen diesen, packte es, zog es heraus und — steckte es auch schon in die Tasche.
Also nicht einen einzigen Blick hatte er darauf geworfen, obwohl er doch auch ein sterblicher Mensch war und bereits bewiesen hatte, dass die Neugier ihm nicht fremd war!
Aber er war eben Richard Flint, und für den gab es jetzt keine Neugier! Da hätte er sich doch lieber selber eine Ohrfeige gegeben, als dass er das Ding angeguckt hätte, das er für einen anderen bergen sollte!
So etwas gab es eben für ihn nicht!
Er wendete sich um, blieb aber noch einmal stehen, und jetzt durfte er, nach seiner Meinung, der sich regenden Neugier nachgeben.
Er wollte doch wenigstens wissen, wo er den Kerl getroffen hatte, dass er gleich umgepurzelt war!
Er fand nichts, was er als Wunde hätte deuten können!
Und da war für ihn die Sache schon wieder erledigt, da suchte er nicht erst lange, sondern kehrte nun wieder nach dem Boote zurück.
Die Tür stand noch offen, Wasser hatte nicht eindringen können, weil keins in der Nähe war, wenigstens in der nächsten nicht — und eine Minute später legte Richard Flint das geheimnisvolle Etwas, das er aus dem Leibe der Steinfigur genommen hatte, mit abgewendetem Gesicht auf den Tisch, drehte sich dann noch vollends um und — wartete.
»Danke schön, Herr Flint!«, hörte er da die wohlklingende Stimme.
»Bitte sehr, nichts zu danken!«, erwiderte er so höflich, wie seine Martha es ihm nach langer Mühe beigebracht hatte. »Wenn ich sonst noch mit etwas dienen kann —«
»Nein, es hat sich erledigt.«
»So kann ich also weiterfahren und den verlorenen Weg wieder suchen?«
»Dem steht nichts entgegen. Ich werde Ihnen aber etwas behilflich sein —«
»Bitte lieber nicht, Herr Klingsor!«, wehrte da jedoch der Dickkopf gleich ab. »Ich bin unachtsam gewesen, das war meine Schuld, da muss ich auch sehen, wie ich das wieder gut mache.«
»Wie Sie wollen, Herr Flint!«
»Also sonst liegt nichts mehr vor?«
»Gar nichts, Herr Flint!«
»Dann leben Sie wohl!«
Das Gespräch war zu Ende.
Jeder andere hätte die Gelegenheit sicher ganz anders ausgenutzt als dieser Richard Flint es getan hatte. Wie? Das braucht ja gar nicht erst gesagt zu werden. Er aber war vollkommen zufrieden mit sich selbst, und wenn er noch eine Frage auf dem Herzen gehabt hätte, so wäre es nur die gewesen, ob er nun etwa bei seinen Versuchen, den verlorenen Weg wiederzufinden, beobachtet wurde.
Das hatte er vergessen, dachte aber nicht daran, das vielleicht nachzuholen, indem er Nummer 2481 anrief —
Das Erste, was er tat, war, dass er sich eine Pfeife stopfte und anbrannte, sich dann an den Tisch setzte, die Seekarte aus dem Kasten nahm und sie eingehend studierte.
So sehr eingehend hätte er das gar nicht nötig gehabt, denn schon nach Kurzem hatte er die Stelle gefunden, wo er eben lag.
Deutlich war der Name Asamui eingezeichnet, und er sah auch, dass das Ganze als Gebirge dargestellt war.
Himmel, musste das ein Ding sein!
Und natürlich war er gerade in einen Pass geraten, der so etwa in mittlerer Höhe durch diese Berge führte.
Wenn er richtig sah, dann konnte er mit einiger Vorsicht diesen Weg weiterbenutzen, musste bald das Gebirge hinter sich haben — oder — er musste eben umkehren!
Richard Flint zögerte nicht lange.
Verboten war ihm nichts, er durfte nach eigenem Gutdünken handeln, und wenn er einen Umweg machte, dann war das seine Sache, er kam höchstens etwas später als sonst zu seiner Martha, und um die sorgte er sich nun ganz und gar nicht mehr. Die wusste er in bester Obhut und Gesellschaft, sie hatte ja sogar eine Rechtsanwaltstochter bei sich, von dem berühmten Eisenkopf, den er dem Namen nach kannte —
Nein, die konnte schon ein bisschen warten!
Aber er selber konnte hier noch was finden, was vielleicht dem Herrn Klingsor unbekannt war!
Und da gab Richard Flint auch schon dem Hebel einen Ruck.
Das Boot setzte sich in Bewegung, das Licht war eingeschaltet, die Steuervorrichtung gab dem leisesten Druck nach — was sollte da hier passieren können?
Das geheimnisvolle Boot rutschte etwas über dem Gestein zwischen den ungeheuren Felswänden und Klippen dahin. Richard Flint konnte nicht empor sehen, er musste die Augen auf den Weg vor sich richten, und so merkte er nicht, was jeden anderen erschreckt hätte — die Gefahr, dass eben aus einer der Spalten und Schluchten etwas herauskam, was ihn gefährdete. Damit rechnete er überhaupt nicht, obwohl gerade er als Taucher das hätte tun müssen.
Als solcher wusste er, dass nicht die Tierwelt des Meeres zu fürchten war, wohl aber geheimnisvolle Strömungen, die es da unten ebenso gab wie an der Oberfläche, und wie gewaltig solche Strömungen werden können, das weiß doch jeder halbwegs gebildete Mensch. Er hat etwas vom Golfstrom gehört, der vom Busen von Mexiko bis weit hinauf nach Norwegen, ja bis nach Island geht, unbeschreiblichen Segen verbreitend, manche Gegenden überhaupt erst für Menschen bewohnbar machend.
Und wiederum gibt es da eisigkalte Strömungen, die sonst bewohnbare Länder in Eiswüsten verwandeln. Das ganze Weltmeer ist von solchen Strömungen durchzogen. Die Seefahrer müssen mit ihnen rechnen, müssen sie möglichst für die Fahrt auszunutzen suchen.
Außerdem aber gibt es doch im Meere auch Quellen, sehr kalte und sehr heiße, genau wie auf der Erdoberfläche, und wenn ein solcher Wasserstrahl aus der Tiefe bis zur Oberfläche emporzuschießen vermag, dann kann man sich die Riesenkraft vorstellen, die er dabei entwickeln muss —
Ach, und was alles sonst noch hier unten vorkommen konnte!
Wie gesagt, Richard Flint dachte anscheinend nicht daran, er starrte geradeaus, den beleuchteten Kompass beobachtend, ein ganz vorzügliches Ding, wie alles, was hier an Instrumenten vorhanden war.
Aber so stumpfsinnig tat er das nun doch nicht.
Jetzt erst begann sein Geist zu verarbeiten, was er erlebt hatte, und dass er sich da nicht zurechtfand, war ja klar. Er suchte nicht nach Erklärungen, staunte nur, dass so etwas möglich sein konnte, und bewunderte am meisten diesen wunderbaren Kerl, den Loke Klingsor!
Und dann dachte er auch einmal daran, was für eine sonderbare Tätowierung das doch sein möchte, die dieser Mann auf dem Rücken haben sollte!
Wenn Samuel Philipp so viel Geld geboten hatte, um dieses Geheimnis zu erfahren!
Aber wenn der Klingsor es auf dem Rücken stehen hatte, dann konnte er selber es doch nicht lesen und anwenden, dann musste er allemal einen anderen dabeihaben!
Ob Richard Flint je diese Tätowierung zu Gesicht bekommen würde?
So und ähnlich waren die Gedanken des einsamen Mannes, während er in unaufhaltsamer Fahrt auf dem Engpass dahinglitt, scharf ausspähend —
Und da machte er auch schon wieder Halt!
Ein neues Wunder tat sich vor ihm auf.
Das Gebirge war zu Ende, der Hochpass hätte nun nach einer Ebene hinabführen müssen, wie das eben in jedem richtiggehenden Gebirge der Fall ist, so in Schlangenlinien, die natürlich schön deutsch Serpentinen genannt werden.
Richard Flint wusste da schon Bescheid, war in manchem Gebirge gewesen.
Aber das gab es hier eben wieder nicht, hier war alles anders, als er es gewohnt war.
Sobald zu beiden Seiten die gewaltigen Felsriesen aufhörten, war auch der Pass zu Ende.
Das Unterseeboot glitt in das freie Wasser hinaus und fuhr darin weiter.
Richard Flint aber hielt es an.
Im letzten Augenblick hatte er etwas gemerkt.
Er kehrte wieder um in der Absicht, sich zu überzeugen, ob er auch nicht falsch gesehen hatte.
Das Boot beschrieb einen Halbkreis, ließ sich leicht wenden und lag bald wieder der Stelle gegenüber, wo der Pass aufhörte und die Steinwand fast lotrecht in eine unbekannte Tiefe hinabstürzte.
In den Felsen zu beiden Seiten aber erkannte Richard Flint Öffnungen. Er hatte sie, wie gesagt, schon vorher bemerkt, so im Vorüberfahren, hatte eben einmal seitwärts geblickt, anstatt immer nur vorwärts.
Und nun stellte er fest, dass diese Öffnungen nicht nur ziemlich groß, sondern auch offenbar durch Menschenhand erzeugt waren.
Wie er zu dieser Annahme kam, hätte er ja nicht ohne Weiteres zu sagen vermocht, denn da war er wirklich viel zu schnell daran vorbeigefahren, aber als er sie nun genau betrachtete, da wurde er in seiner ersten Annahme bestärkt, denn namentlich das eine dieser Löcher sah genau aus wie ein hohes, nach gotischer Art geschnittenes Fenster, und das andere Loch war ähnlich einer Türöffnung.
Richard Flint schüttelte den Kopf.
Hier unten konnten auf keinen Fall jemals Menschen gelebt haben. Die einzige Möglichkeit war, dass dieses ganze Gebirge sich gesenkt hatte, nachdem es einst in die Luft emporgeragt hatte, anstatt, wie jetzt, ins Wasser.
Aber auch das war ausgeschlossen, wie Richard Flint sich gleich sagte.
Solche unbeschreiblich steil aufragende Gebirge gab es auf der Oberwelt nirgends, ausgenommen an den Küsten, wo sie unmittelbar ins Meer abfielen.
Was also hatten diese Öffnungen zu bedeuten? Waren diese hier die einzigen, die in dem ganzen gewaltigen Gebirgsmassiv vorhanden waren?
Nun Richard Flint einmal umgekehrt war, wollte er die Sache auch untersuchen. Er fuhr also noch ein Stück in den Engpass hinein, den er eben passiert hatte, jetzt aufmerksam nach beiden Seiten spähend —
Er fand nichts!
Da er nicht umlenken konnte, fuhr er rückwärts wieder heraus, möglichst dicht bis an die beiden verdächtigen Öffnungen heran, und schickte einen Lichtkegel nacheinander in beide.
Da erkannte er, dass die Löcher nicht weit in den Felsen hineingingen, denn das Licht bestrahlte alsbald die Hinterwand.
Nun aber ließ sich Richard Flint in dem Boote langsam an der ganzen steilen Felswand in die Tiefe gleiten, diese immer scharf beobachtend.
Auch da entdeckte er keine neue Öffnung.
»Ich habe mich getäuscht«, murmelte er im Selbstgespräch, und nun wollte er das Fahrzeug wieder steigen lassen, da kam ihm der Gedanke, gleich ganz auf den Meeresboden hinabzufahren, und das tat er auch.
Die Liftscheibe zeigte eine Tiefe von etwas über 2300 Metern an, also kaum die Hälfte von der bisher schon erreichten.
Das Fahrzeug stand, der Lichtkegel tastete den Boden ab, den Felsen —
Und da allerdings guckte Richard Flint nicht schlecht.
Hier unten war in dem Gestein eine andere Öffnung vorhanden, gleich so groß, dass ein hochbeladener Erntewagen hätte hineinfahren können, also wie ein Scheunentor! Und da war es doch selbstverständlich für diesen Wagehals, dass er einmal nachsah, was in dieser »Scheune« aufbewahrt wurde!
Also umgelenkt und hineingefahren!
Die Lichtkegel strahlten nach allen Seiten, trafen aber keine Felswand.
Damit war der Beweis erbracht, dass Richard Flint eine mächtige unterseeische Höhle entdeckt hatte, und nun war es für ihn ganz selbstverständlich, dass er sie einmal untersuchte.
Erst aber musste er sich aus dem Buche Rat holen, wie er sich da zu verhalten hatte.
Hier handelte es sich doch nicht bloß darum, dass er ein paar Schritte aus dem Boote hinaus machte, sondern er musste ein ganzes Stück von diesem fort, musste wenigstens bis zu einer der Wände vordringen.
Er fand keine Anweisung, die ihm genützt hätte.
Da wollte er eben aufs Geratewohl eine machen.
Er nahm eine Pistole, öffnete die Tür und trat hinaus.
Doch er kehrte noch einmal um, nahm sich eine elektrische Laterne, die vorhanden war, mit genauer Gebrauchsanweisung, stellte sie aber noch nicht an, da ja der vom Boote ausgehende Lichtschein noch genügte.
Und dann guckte er erst einmal nach unten, auf den Boden also.
Was er da sah, wäre geeignet gewesen, auch den nervenstärksten Mann zu verblüffen, ja, zu erschrecken.
Der Boden bestand zwar aus Felsgestein, war aber doch mit einer dünnen Sandschicht bedeckt, und in dieser hatten sich Fußspuren abgeprägt!
Fußspuren von Menschen!
Von Tauchern!
Das konnte Richard Flint doch am besten beurteilen!
Er erkannte ganz, ganz deutlich die tiefen Eindrücke, welche durch die schweren Bleiplatten an den Schuhsohlen dieser Menschen erzeugt worden waren!
Und er sah noch mehr!
Diese Taucher hatten ein Fahrzeug hinter sich her gezogen, eine Art Schlitten, wie er selbst ihn manchmal angewendet hatte, wenn er auf dem Meeresboden schwere Lasten zu befördern hatte.
Ja, da guckte Richard Flint ja nicht schlecht!
So etwas war doch ganz ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen!
Zweitausenddreihundert Meter unter dem Meere!
Aber der Beweis war doch da!
Hier waren Taucher gegangen, sie hatten einen Schlitten bei sich gehabt!
Und da musste Richard Flint natürlich wissen, wie das zuging, woher sie gekommen, wohin sie gegangen waren!
Zunächst einmal suchte er nach dem Ausgange hin, also nach der Stelle, wo die geheimnisvollen Taucher in diese Höhle gekommen waren.
Und während er dahinschritt, merkte er wieder, dass die Lufthülle immer bei ihm blieb, ihn gleich einer Taucherglocke umgab, dass er also keinen Taucheranzug brauchte, was ihm ja auch höchst unwillkommen gewesen wäre.
Er stand an dem Tore, sah die Schlittenspur auf dem Meeresboden weiterlaufen und fasste sich erst einmal an die Stirn.
»Unmöglich!«, murmelte er fast stöhnend.
Ja, für seinen beschränkten Menschenverstand handelte es sich hier um eine pure Unmöglichkeit!
In dieser Tiefe konnte ein Mensch eben nur leben, wenn er die Erfindungen zur Verfügung hatte, die mit dem geheimnisvollen Boote verbunden waren!
Oder waren diese auch noch anderen Menschen bekannt?
War vielleicht Klingsor selber hier unten gewesen?
Dann natürlich hätte Richard Flint sofort seine Nachforschungen einstellen müssen! Das hätte sich nicht für ihn geziemt!
Deshalb blieb er auch nachdenklich stehen, ohne in das freie Meer hinauszutreten, auf dessen Grunde er noch ein Stück die Schlittenspur sah.
Und das war doch auch gleich wieder ein Beweis, dass sie erst vor ganz kurzer Zeit erzeugt worden sein konnte.
Sonst wäre sie eben schon wieder breitgedrückt worden!
Oder war das hier unten wieder anders, als er annahm, annehmen musste? Kamen hier doch ganz unbekannte Gesetze in Frage, etwa, dass diese Wassermassen durch die auf ihnen ruhende Last so stark verdichtet wurden, dass diese Last keinen Einfluss mehr ausüben konnte?
Richard Flint wusste nicht, was er tun sollte.
Das Boot wollte er nicht in der Höhle lassen.
Wenn die Unbekannten es entdeckten, dann konnte er in Teufels Küche geraten. Da mochte Loke Klingsor ihm zehnmal versichern, dass er seine Martha wiedersehen würde. Hierin traute Richard Flint ihm eben doch nicht.
Endlich hatte er einen Entschluss gefasst. Er wollte Nummer 2481 anrufen!
Und das tat er, nachdem er wieder in das Boot getreten war.
Der Mann meldete sich sofort mit der üblichen Frage:
»Sie wünschen, Herr Flint?«
Dieser berichtete sein Erlebnis in möglichster Kürze.
Die Antwort aber blieb aus.
Endlich kam sie.
»Sie stehen am Fuße des Asamui, Herr Flint?«
»Jawohl, ich bin hier getaucht, weil ich oben Öffnungen im Felsen sah, entdeckte hier unten ein mächtiges Felsentor —«
»Nun, Herr Flint, Sie haben da abermals eine Entdeckung gemacht, die für uns von äußerster Wichtigkeit ist, deren Tragweite Sie gar nicht ahnen können. Da kann ich selbst nicht entscheiden. Ich werde Sie sofort mit Herrn Klingsor verbinden, vorausgesetzt, dass er zu erreichen ist!
Ein bisschen Geduld, bitte! Und bleiben Sie in dem Boote!
Stellen Sie jede Beleuchtung ab. Drehen Sie den Hebel, der das Fahrzeug unsichtbar macht! Sie werden ihn schon finden — Also etwas Geduld!«
Richard Flint brauchte gar nicht erst zu sagen, dass er gern warten wollte, das war eben ganz selbstverständlich, und so suchte er in dem Buche nach der Anweisung betreffs der Unsichtbarmachung des Bootes.
Er fand den Hebel und stellte ihn vorschriftsmäßig, konnte aber nicht feststellen, ob die Maschinerie wirkte, denn für ihn blieb eben alles um ihn her so sichtbar wie vorher.
Dann setzte er sich und wartete.
Gern hätte er sich eine Pfeife angebrannt, um die Zeit nicht zu lang werden zu lassen, aber er ließ es lieber.
Und da kam auch schon der neue Anruf.
Loke Klingsor selber.
Er ließ sich alles berichten, und dann sagte er:
»Sie haben sehr recht gehandelt, dass Sie das Boot nicht ohne Weiteres im Stiche ließen. Es ist das einzige seiner Art, das ich besitze, und es würde kaum möglich sein, es zum zweiten Male herzustellen. Wer weiß, ob ich das erleben würde —«
»Na, Sie leben doch ewig, Herr Klingsor!«, wendete Richard Flint da ein, aussprechend, was er wirklich dachte.
Ein Lachen antwortete, das aber gleich wieder verstummte.
»Möchten S i e das, Herr Flint?«
»Ich? Nee! Auf keinen Fall!«
»Na, und ich auch nicht! Genug davon! Ich bin selbstverständlich auch nur ein sterblicher Mensch, vermag meinem Leben keine Minute hinzuzufügen, wenn es einmal abgelaufen ist.
Und nun zur Sache! Ich ahne zwar, um wen es sich dort handelt, aber ich muss natürlich Gewissheit haben.
Herr Flint, Sie müssen jetzt ein Meisterstück ablegen, müssen in dem Boote die Schlittenspur verfolgen, so weit dies eben möglich ist, ohne sie zu verwischen.«
»Weiter nichts?«
»Das Weitere wird sich schon finden. Fahren Sie mal los!«
Richard Flint gehorchte ohne Zögern, fuhr wieder aus der Höhle hinaus und hielt das Boot, nachdem er die Bodenbeleuchtung möglichst schwach, eben nur ausreichend, eingestellt hatte, etwa einen Meter über der Spur und fuhr dieser nach.
Sie verlief fast schnurgerade, ein ziemliches Stück, bis das Fahrzeug auf einmal einen schwachen Stoß erhielt.
Die Vorderbeleuchtung wurde eingestellt.
Ein schwarzes Etwas lag vor den Blicken Richard Flints, und als er nun einen Lichtkegel aussandte, stellte er fest, dass er an ein Schiffswrack angeprallt war.
»Das ist doch aber gar nicht möglich!«, sagte er unwillkürlich. »Hier unten kann es doch so etwas gar nicht geben!«
»Ich verstehe Sie vollkommen, Herr Flint«, antwortete da die Stimme Klingsors. »Da das Wrack aber vorhanden ist, muss eben auch eine Möglichkeit vorliegen, und nun steigen Sie mal aus, nachdem Sie die Beleuchtung abgestellt haben, untersuchen Sie Ihren Fund!«
Na, wenn der das sagte und befahl, dann musste es auch möglich sein.
Richard Flint nahm Laterne und Pistole, öffnete die Tür und trat hinaus.
Da sah er, dass das Schiff sehr, sehr alt sein musste!
Richard Flint sah, dass das Schiff sehr, sehr alt sein musste.
Mindestens zwei- bis vielleicht gar dreihundert Jahre!
Es war nur ein kleines Ding, eine sogenannte Galeote, wie man sie damals eben baute, und Richard Flint hatte immer die kühnen Männer bewundern müssen, die in solchen schwimmenden »Backtrögen« weite Entdeckungsfahrten unternommen und auch vielfach durchgeführt hatten.
Da hatte doch die Fahrt des Kolumbus gar nichts zu bedeuten! Aber hier bis nach dem Stillen Ozean, selbstverständlich um Kap Hoorn herum! Das war eine Leistung!
Und hier war einmal solch ein Backtrog untergegangen, einfach weggesackt!
Als Richard Flint auf dem schiefen Deck stand, sah er, dass dieses Schiff nach einem harten Kampfe versenkt worden sein musste. Dafür zeugten die Schusslöcher, die überall vorhanden waren! Und dass die beiden Masten abgeschossen worden waren, sah er auch!
Ferner entdeckte er, noch festgelascht, zwei kleine Messingkanonen — das heißt, er musste eben annehmen, dass sie aus Messing bestanden — oder aus Bronze, wie man damals Geschütze hergestellt hatte — jetzt waren sie natürlich schwarz geworden, aber Muscheln saßen nicht auch an keinem Holzteil. Die gab es hier unten nicht mehr! Und nun?
Sollte er sich in das Innere des Schiffes wagen? Da musste er doch erst einmal fragen. Also zurück in das Boot.
»Herr Klingsor?«
»Jawohl, hier bin ich. Was haben Sie gefunden?«
Richard Flint berichtete.
»Und wie heißt das Schiff?«
»Das habe ich noch nicht nachgesehen, aber ich kann es von hier aus tun. Da habe ich schon das Galionsbild — es ist ein Pelikan — und da wird wohl auch der Name so gewesen sein. Vorhanden ist er nicht mehr, denn an der betreffenden Stelle ist eine Kugel eingeschlagen, ist alles zersplittert —«
»Der ›Pelikan‹! Himmel, der ›Pelikan‹!«, hörte er den Loke Klingsor rufen. »Mensch, Sie haben den ›Pelikan‹ wiedergefunden, den man seit fast dreihundert Jahren vergebens suchte!
Oder nein, andere haben ihn schon entdeckt! Sie sind mir zuvorgekommen!
Herr Flint, da heißt es rasch handeln, da müssen wir den Gaunern abjagen, was sie etwa bereits gefunden haben!
Begeben Sie sich ins Schiff. Nehmen Sie den Morseapparat mit. Sie können doch morsen? Ja? Das ist fein! Morsen Sie also immer, wenn Sie etwas finden! Stellen Sie einmal fest, ob schon jemand in das Schiff eingedrungen ist! Nur rasch! Und ja — unsichtbar ist das Boot, nicht wahr? Nun müssen Sie sich noch ebenfalls unsichtbar machen! Ziehen Sie den Anzug an aus Schrank drei, er passt Ihnen, passt jedem! Nur rasch!«
Na, das machte denn auch Richard Flint, nachdem er den Schrank drei gefunden hatte und den Anzug, der aus ganz feinem Zeuge bestand, aber ebenso fest, dass es schwerlich zerreißbar war.
Ganz leicht schlüpfte selbst der ungefüge Körper des Tauchers hinein, und es war bloß schade, dass er nun nicht auch feststellen konnte, ob er wirklich unsichtbar war —
Wieder hinaus und auf Deck des Schiffes.
Die Luke gesucht, durch die es vom Hinterkastell ins Innere ging.
Da war sie — und noch fest geschlossen!
Aber Richard Flint sah auch gleich, dass man schon versucht hatte, sie zu öffnen. Deutlich war zu erkennen, wo die Brecheisen eingesetzt worden waren —
Und er selber hatte keins!
Also mal gemorst!
Da kam auch schon die Antwort, direkt auf den Körper, als wenn ihn jemand mit dem Finger antippte!
»Brecheisen nicht nötig, aus Boot den Stab holen, ansetzen!«
Also wieder ins Boot, das er immer sah, trotzdem es unsichtbar sein sollte, nach dem Stab gesucht, damit wieder hinaus.
Das ging wirklich alles so schnell, denn Richard Flints hatte sich eine große Erregung bemächtigt, die ihm sonst ganz fremd war, es war ihm immer zumute, als könnte jemand ihm zuvorkommen.
Wieder stand er vor dem Eingange der Großluke, setzte den Stab, den er mitgebracht hatte, unter eine der schweren Krampen, die doch eigentlich hätten verrostet sein müssen —
Aber er brauchte nicht zu wuchten, das Ding fuhr gleich durch die zollstarken Eisen hindurch, durch das nächste — die Luke war frei.
»Seitwärts ansetzen! Heben! Los!«, kommandierte Loke Klingsor durch Morsen, und Richard Flint tat es, hob den Deckel so leicht, als lastete nicht eine Wassersäule von über zweitausend Metern darauf, stieg die sichtbar werdende Treppe hinab —
Und prallte zurück, trotzdem er so etwas schon erwartet hatte!
Ein Gerippe kam ihm entgegen, als sei es lebendig, die Knochenarme pendelnd — mit grinsenden Zähnen —
Aber das kannte Richard Flint ja schon. Mehr als einmal war er in ein gesunkenes Schiff eingedrungen, hatte mit solchen lebendigen Gerippen schon immer zu tun gehabt —
Ein Stoß mit der Hand, es purzelte zusammen — lautlos, trotzdem die Knochen niederfielen — hier unten gab es keinen Laut —
Und dann den Gang hin, die Kapitänskajüte war schnell gefunden!
Sie war leer, kein Schuss hatte sie zerstört. Richard Flint zählte auf, was er sah.
Da war ein großer Kasten, mit Eisenbändern am Boden befestigt!
Er wurde losgeschnitten, ins Boot gebracht.
Nun noch den Tisch!
Alles ging wie Kinderspiel, das Zeug hatte scheinbar gar kein Gewicht — und das Wunder, was bei allem war, das kümmerte Richard Flint nicht —
Aber wie er nun den Tisch, ein zwar kleines, aber doch massives Ding, an Deck hatte und es an einer Stelle, wo die Reling zerfetzt war, hinausschieben wollte, kam gerade an dieser Stelle ein Mensch emporgeklettert —
Richard Flint prallte nicht schlecht zurück, ließ den Tisch stehen, wo er stand —
Da aber wurde er gemorst, es klopfte auf seiner Brust.
»Tisch berühren! Rasch! Nicht loslassen!«
Da legte Richard Flint die eine Hand auf den Tisch.
Und dann guckte er erst mal den Mann an, der unmittelbar vor ihm stand!
Kein Taucher war es, abgesehen von dem Helm auf dem Kopf, aber einem ganz anderen Dinge als er selbst es kannte — die Vorderseite eine Glasscheibe, oder woraus sie sonst war, er konnte das Gesicht sehen — es war ein bärtiges Gesicht, eben ein Mann —
Und Richard Flint sah noch mehr!
Er gewahrte in diesem Gesicht den Ausdruck verblüfftesten Staunens!
Und da musste er lachen!
Er wusste ja nun schon, dass er nicht gehört werden konnte, merkte aber auch, dass er wirklich unsichtbar war, und mit ihm der Tisch —
Den aber hatte der Unbekannte vorher gesehen gehabt und konnte sich nun nicht erklären, wo das Ding geblieben war —
Er trat zur Reling, winkte hinab.
Zwei andere Männer kamen herauf, ebenso gekleidet wie der erste — sie fassten sich an den Händen, bewegten die Zeigefinger, morsten also ebenfalls, verstanden sich auch ohne Weiteres.
»Jetzt erzählt er ihnen die Mordgeschichte!«, meldete Richard Flint an Loke Klingsor. »Nun gehen sie zu der Luke, stutzen, morsen wieder, einer steigt hinab — da ist er schon wieder — na, wenn die fluchen können, dann muss das ja nett klingen!«
Richard Flint musste abermals lachen, als er die drei sich beraten sah, eben durch die Zeichen, die sie sich mit den Fingern gaben.
Dann suchten sie noch einmal das Deck ab, wahrscheinlich nach dem verschwundenen Tisch, den sie ja aber nicht fanden.
Einmal kamen sie dicht an Richard Flint vorbei, er rutschte ihnen jedoch mitsamt seiner Beute aus dem Wege —
Und dann zogen sie ab.
»Warten! Dann mit dem Tisch ins Boot und ihnen vorausfahren! Gleich in die Höhle!
Herr Flint, Sie müssen einmal den Scharfrichter spielen!«
»Nanu! Das ist nicht Ihr Ernst!«
»Doch! Diese Leute sind Verbrecher, ganz gewissenlose Gesellen! Sie verdienen allesamt den Tod! Sie haben mir schon sehr, sehr geschadet, und ich habe sie bisher vergebens gesucht. Jetzt endlich habe ich sie gefunden! Durch Sie, Herr Flint! Das AsamuiGebirge ist ihre Zufluchtsstätte, und da mögen sie ja allerhand aufgestapelt haben, was für uns von höchstem Interesse wäre, vielleicht auch für die ganze Menschheit. Ich könnte es an mich bringen, Sie würden es mir holen, aber das will ich nicht, da denke ich ganz eigenartig. Was so ein Verbrecher in der Hand gehabt hat, das mag ich nicht anrühren —«
»Das geht mir genau so!«, bestätigte hier Richard Flint.
»Na also! Demnach brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen. Sie sind auf der Spur der drei?«
»Immer dicht hinter ihnen.«
»So ist es recht! Lassen Sie sie in die Höhle gehen, sie mögen ihren Häuptling aufsuchen, um ihm Meldung zu erstatten.«
»Jetzt sind sie drin, ich bin auch da«, meldete Richard Flint.
»Gut! Nun nehmen Sie aus dem Boden des Fahrzeuges die kleine Blechkiste!«
Richard Flint fand sie. Sie war sehr schwer.
»Tragen Sie sie hinaus und stellen Sie sie auf den Boden der Höhle. Der Zeiger auf der Scheibe oben wird auf acht eingestellt — rücken Sie aber ja nicht weiter! Haben Sie?«
»Jawohl, Herr Klingsor!«
»Nun, dann ist alles in Ordnung! Nun verlassen Sie die Höhle und fahren mit höchster Schnelligkeit geradeaus, bis ich Ihnen Halt befehle!«
Richard Flint gehorchte.
Das Unterseeboot raste davon, und da erst bekam er einen Begriff davon, was es leisten konnte. Da waren auch die schnellsten Schiffe Waisenknaben dagegen.
»Halt!«, rief Loke Klingsor, der nun nicht mehr zu morsen brauchte. »Gehen Sie auf den Boden nieder!«
Das geschah. Das Boot sank nur einige hundert Meter, dann lag es still.
»Und nun erschrecken Sie nicht! Schade, dass Sie die Katastrophe nicht von einem sicheren Platze aus vollkommen übersehen können!«
Richard Flint wusste ja nicht, was nun geschehen würde, er konnte sich bloß etwas denken —
Aber was dann wirklich geschah, das hätte er sich freilich nicht träumen lassen.
Wie weit er von dem AsamuiGebirge entfernt war, wusste er nicht, aber es musste eine ziemliche Strecke sein.
Jedenfalls spürte er auf einmal, dass das ganze Boot von einer gewaltigen Wassermasse erfasst und entführt wurde — es ward in die Höhe gerissen, als hätte eine Riesenfaust es gepackt, drehte sich dabei fortwährend um sich selber, als sei es in einen Strudel geraten —
Und dabei war es, als zucke durch die ewige Nacht hier unten ein greller Blitzstrahl —
Ja, und dann hagelte es auch ein bisschen — dafür aber recht hübsche Brocken — — gewaltige Steinblöcke —
Es sah aber durchaus nicht gefährlich aus, vielmehr ganz merkwürdig —
Als wenn es Steinblöcke schneite!
Die Dinger sanken nämlich so herab wie große Schneeflocken durch die Luft —
Und dann freilich ahnte Richard Flint, dass er doch zum Scharfrichter geworden war!
Er hatte das ganze AsamuiGebirge in die Luft gesprengt — nein, ins Meer!
Aber diese ungeheuerliche Katastrophe musste auch über der Meeresoberfläche zu spüren gewesen sein, musste sich weithin bemerkbar gemacht und alle Seismografen der Welt in Schwingungen gesetzt haben.
Jetzt meldeten diese ein gewaltiges Seebeben in so und so viel tausend Meilen Entfernung —
Und wenn eben Schiffe an der Unglücksstelle gewesen waren?
Loke Klingsor schien diese Sorge Richard Flints erraten zu haben.
»Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Flint«, sagte er. »Kein Schiff war in der Nähe. Außer den Verbrechern ist niemand getötet worden. Nun aber müssen Sie sich mal überzeugen, dass wir auch ganze Arbeit gemacht haben! Fahren Sie zurück!«
Richard Flint gehorchte, er musste volle Beleuchtung einstellen, denn das Wasser war noch immer sehr trübe, die Katastrophe machte sich auf weite Entfernung bemerklich.
Und sie war gründlich gewesen!
Das AsamuiGebirge war fast verschwunden, mit allem, was es geborgen haben mochte!
Loke Klingsor war zufrieden.
»Nun wollen wir sehen, was wir von dem Wrack gerettet haben«, sagte er. »Untersuchen Sie zuerst den Tisch! Am besten wird sein, Sie zerlegen ihn gleich in seine einzelnen Teile, denn ich nehme an, dass er Geheimfächer enthält, nach denen wir lange suchen müssten. Werkzeuge finden Sie ja zur Genüge —«
Und Richard Flint machte sich auch an diese Arbeit.
Vorher hatte er noch Ausschau nach dem Wrack gehalten, aber nichts mehr von ihm gewahren können, und nun zerlegte er ganz kunstgerecht den Tisch. Was in dem Kasten gelegen hatte, war natürlich verloren, war durch das Wasser längst in Brei verwandelt worden, bis auf einen ziemlich langen Dolch mit kostbarem Griff, an dem auch Edelsteine sichtbar waren.
Dann aber fand Richard Flint wirklich ein Geheimfach, so dicht verschlossen, dass es dem Wasser den Eingang verwehrt hatte, und darin lag ein Heft — oder eigentlich nur ein Konvolut aus mehreren Pergamentblättern, die mit einem roten Seidenfaden zusammengeheftet waren.
Sie waren beschrieben, und zwar mit einer sehr großen Handschrift. Der Schreiber war kein Künstler gewesen, hatte gewiss das Schwert besser zu handhaben verstanden als die Rabenfeder, aber er hatte doch mit großem Fleiße die ungefügen Buchstaben hingemalt.
Es war Spanisch. So viel bekam Richard Flint heraus.
»Sie können es nicht lesen?«, fragte Loke Klingsor.
Nein, so weit hatte der einfache Taucher es nicht gebracht. Von der spanischen Sprache verstand er nur einige Worte, Grüße und Flüche, was eben ein Seemann in internationalen Häfen lernt —
»Dann müssen wir es einstweilen fotografieren«, sagte Loke Klingsor. »Legen Sie es in den Wandschrank. Das genügt!«
Richard Flint gehorchte, legte die Blätter hinein, ohne sie voneinander zu trennen, und suchte weiter. In dem Fache aber war nichts weiter vorhanden als ein loses Blatt Pergament, unbeschrieben, wenigstens sah Richard Flint keine Buchstaben darauf.
Er meldete es.
»Bestrahlen Sie es mit dem Apparat!«, wurde befohlen.
Auch diesen Apparat fand er, stellte ihn ein und — stutzte.
Auf dem Blatt erschien eine Zeichnung, einen einzelnen Palmenbaum darstellend, und zwar eine Kokospalme. Davor aber war ein Stück Felsen hingemalt.
Er beschrieb es.
»In den Wandschrank!«, wurde befohlen.
Auch dieses Blatt wanderte hinein.
»Nun den Kasten!«
Richard Flint schleppte ihn mit großer Mühe ein Stück vorwärts.
Anscheinend enthielt er Gold, und da war es ja gleichgültig, ob dies gemünzt oder zu Schmucksachen verarbeitet war. Die Juwelen, die sich dann gewiss daran befanden, zählten da nicht mit, denn Edelsteine wiegen bekanntlich nicht schwer, oder — sie kommen nicht in so großen Stücken vor, dass ihr Gewicht in Frage kommen könnte.
Richard Flint hatte schon manchen solchen Kasten gefunden. Er war ja hauptsächlich deshalb Taucher geworden, um die Schätze, die das Meer verschlungen hat, wieder ans Tageslicht zu bringen, und es ist schon an anderer Stelle gesagt worden, wie gewaltig diese Schätze sind. Wenn da ein Taucher die Lage eines solchen Schatzschiffes einmal erkundet hat und wenn es ihm möglich wird, bis zu diesem Wrack hinabzutauchen, dann kann er binnen Tagen zum reichsten Manne der Erde werden.
Da kommen hauptsächlich jene Piratenschiffe in Betracht, die bald nach der Entdeckung Amerikas den Atlantischen Ozean unsicher machten und später auch den Großen Ozean — als die Spanier die Goldschätze Perus fortschleppten.
Das heißt, da muss etwas bemerkt werden, was dem Bilde eine etwas andere Färbung gibt. Diese Seeräuber waren nicht Räuber schlechtweg, sie trieben ihr blutiges Handwerk mit staatlicher Genehmigung, gaben an die Krone ihres Landes einen erheblichen Teil der Beute ab, und da war namentlich England groß darin, denn es führte ja einen Glaubenskrieg mit Spanien, und da es selbst sehr arm war — Indien war damals noch nicht erobert — so erhielten immer wieder verwegene Seeleute die Erlaubnis, Kaper auszurüsten und auf die spanischen Schatzschiffe Jagd zu machen.
Bei diesen Kämpfen sind viele Schiffe auf den Meeresboden gesunken. Die Spanier waren damals sehr tapfer, sind es auch heute noch. Sie ergaben sich nicht so schnell, und gelang es den Piraten nicht, zu entern, dann war die erhoffte Beute ihnen meist verloren. Dann versenkten die Spanier lieber ihr Schiff, als dass sie die Flagge strichen.
Das war ja auch Jacke wie Hose, denn wenn sie sich ergaben, mussten sie doch sowieso alle über die Klinge springen. Geschont und am Leben gelassen wurde niemand.
Umgekehrt aber ergaben auch die Piraten sich nicht, wenn sie einmal von bewaffneten spanischen Kriegsschiffen angegriffen und in die Enge getrieben wurden. Auch sie versenkten lieber ihre Schiffe, als dass sie sich gefangen nehmen ließen, denn ihrer harrte in diesem Falle ein viel schlimmeres Ende, als der bloße Tod gewesen wäre.
Sie wanderten dann meist in die Kerker der Inquisition. Sie waren doch Ketzer, und damals wurde der Geruch verbrennender Ketzer in Spanien über alles geliebt. Überall loderten die Scheiterhaufen, auf denen Juden und Mauren und — Protestanten schmorten — das war für die Inquisitoren doch alles eins, und wer einmal der Inquisition verfallen war, der kam nie wieder frei, und wenn er im Kerker starb, dann musste wenigstens seine Leiche noch brennen. Man hat damals sogar Gräber geöffnet, Leichenreste herausgerissen und sie verbrannt —
Besser, dass der Leib hier kurze Qualen durch das Feuer leidet, als dass die Seele nachher auf ewig im Fegefeuer dulden muss!
Also reinste Nächstenliebe oder — besser gesagt — die echte christliche Liebe!
Von diesen englischen Kaper- und Seeräuberschiffen war der »Pelikan« das erfolgreichste und am meisten gefürchtete gewesen, sozusagen der Schrecken der Meere, und sein Kapitän Thomas Moore hatte mehr Menschenleben auf dem Gewissen als irgendeiner seiner Kollegen.
Das rührte daher, dass er in den letzten Jahren seiner Tätigkeit nicht nur spanische Schiffe überfiel und kaperte, sondern fast jedes Fahrzeug, das sich nicht als Engländer ausweisen konnte. Außerdem aber überfiel er auch Ansiedlungen, über denen eine andere als die britische Flagge wehte, bombardierte sie und plünderte sie Haus um Haus aus.
Was er da im Laufe der Jahre zusammengeräubert hat, das lässt sich auch nicht annähernd schätzen, denn man muss da eben bedenken, dass es damals noch keine Post gab, keine Banken, keine Schecks. Da wurde doch immer das Bargeld selber verschickt, wenigstens auf dem Seewege, und bediente man sich einmal der bereits gebräuchlichen Wechsel, so konnten auch diese noch zu Gelde gemacht werden, im Notfalle eben wieder durch Gewalt.
Also die Schiffe, die damals unterwegs waren, führten meist Reichtümer an Bord, und so lohnte sich fast jeder Überfall.
Selbstverständlich konnten die Piraten ihre Beute nicht immer mit sich schleppen, sondern mussten nach sicheren Verstecken suchen, in denen sie sie bergen konnten, und dass sie da die unzugänglichsten Flecke aussuchten, ist selbstverständlich, namentlich abgelegene Inseln.
Es dürfte bekannt sein, dass zum Beispiel nach den Revillas Gigedos, einer Inselgruppe im Großen Ozean, in der Nähe des nördlichen Teiles von Südamerika — oder fast von Zentralamerika — gelegen, ganze Expeditionen ausgerüstet wurden, um die Schätze zu suchen, die eine Piratenschar dort nachweislich geborgen hat. Gefunden wurde bisher noch nichts.
Auch der »Pelikan« legte von Zeit zu Zeit in einem versteckten Hafen an.
Ehe er das tat, hatte der Kapitän ausnahmsweise immer die Besatzung gekaperter Schiffe am Leben gelassen, ohne sie zu zwingen, an den Räubereien teilzunehmen. Wer das freiwillig tat, der wurde in die Schar aufgenommen. Die anderen aber mussten die Beute in das Versteck tragen, und sobald sie dort untergebracht war, schlachtete man die Unglücklichen ab. Sie hätten ja doch einmal zu Verrätern werden können.
Jedenfalls war der »Pelikan« nie besiegt worden. Man hatte wenigstens nichts davon gehört. Er war schließlich nirgends mehr aufgetaucht, niemand hatte ihn mehr gesehen, und man nahm an, dass er das Opfer eines Sturmes geworden, mit Mann und Maus untergegangen sei.
Nun aber hatte Richard Flint diesen »Pelikan« gefunden und festgestellt, dass er von einem überlegenen Gegner zerschossen und versenkt worden war. Zum Entern waren die Sieger auch in diesem Falle nicht gekommen. Der »Pelikan« war untergegangen, ehe er genommen werden konnte, war aber nicht etwa in die Luft gesprengt worden.
Und nun hatte Richard Flint in der Kapitänskajüte eine Kiste gefunden, die sehr, sehr schwer und entsprechend mit Eisenbändern und krampen und mächtigen Schlössern gesichert war. Da musste er eben annehmen, dass dieser Kasten die letzte Beute Moores enthielt.
Werkzeuge brauchte er nicht, um ihn zu öffnen, er hatte nur den geheimnisvollen Stab nötig, der wie ein Sauerstoffgebläse wirkte, mit dem moderne Geldschrankknacker zu arbeiten pflegen. Sie schneiden da die stärksten Panzerplatten durch, als seien sie aus Butter.
Und dieser Stab, dieses Elektrodenmesser, arbeitete sogar noch besser.
Wo er nur das Eisen berührte, da war es auch schon zerschnitten, und dass Richard Flint nicht auch noch die Krampen entzwei schnitt, in denen die mächtigen Schlösser hingen, das war doch selbstverständlich. Sie störten ihn überhaupt nicht.
Nach ganz kurzer Zeit schon war der Deckel so weit befreit, dass er sich heben ließ, und Richard Flint klappte ihn zurück.
Eine erklärliche Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. Er war eben auch nur ein Mensch. Das Gold übte seine höllische Gewalt auf ihn aus — seine Hände zitterten, seine Augen brannten.
Aber sie sahen noch kein Gold.
Thomas Moore, der Kapitän des »Pelikans«, war ein sehr vorsichtiger und misstrauischer Mann gewesen. Er hatte in diesen dicken Kasten einen anderen eingeschlossen, der ganz aus dicken Eisenplatten bestand, sonst aber genau in das Innere des ersten passte.
Richard Flint konnte ihn nur mit Mühe heben, heraus brachte er ihn nicht ganz, und da machte er kurzen Prozess.
Er schnitt eben noch eine der langen Seitenwände mit dem Elektrodenmesser heraus, und nun konnte er den Eisenkasten bequem herausziehen.
Eben schickte er sich an, nun auch hier den Deckel freizumachen, wie er es bei dem großem Kasten getan hatte, denn auch hier waren wieder schwere Schlösser vorgelegt, da vernahm er die Stimme Loke Klingsors.
»Halt!«, gebot dieser. »Lassen Sie den Kasten unversehrt! Er enthält keine Juwelen und ebenso wenig goldene Münzen —«
Unwillkürlich drehte Richard Flint sich um, als stände der Rufer hinter ihm, und erst, als er niemand gewahrte, besann er sich.
»Ja, Sie sind neugierig«, fuhr da Loke Klingsor fort. »Sie möchten wissen, was der Kasten enthält, und ebenso, wie ich gleich beurteilen kann, dass keine Schätze darin sind. Leider darf ich Ihnen noch nicht verraten, wie mir möglich ist, das auch auf die weite Entfernung zu beurteilen, die uns voneinander trennt. Es muss Ihnen genügen, dass ich es kann.
Und, mein lieber Herr Flint, wenn Sie etwa einen Anteil an dem Schatze beanspruchen wollen, den der Kasten trotzdem enthält — nur einen ganz anderen, als Sie meinen — so will ich Ihnen den gern zubilligen — —«
Das Gesicht Richard Flints war tiefrot geworden, die Adern an seiner Stirn schwollen an. Seine Augen funkelten drohend, und überdies ballte er auch noch die Hände.
»Herr Klingsor —!«, stieß er knurrend hervor, jetzt mal wieder die richtige Bulldogge, bekanntlich der gefährlichste von allen Hunden, wenn er einmal wütend geworden ist. Ein solches Vieh kann die Räuber, die seinen Herrn angreifen, der Reihe nach niederwerfen und ihnen die Gurgel durchbeißen, aber dann kann er auch zuletzt noch seinen eigenen Herrn umbringen — er verwandelt sich eben in solchen Fällen in ein blutgieriges Raubtier.
Ob Loke Klingsor diesen Ausdruck im Gesicht des Tauchers sehen konnte oder nicht, er hatte jedenfalls schon genug gehört, als sein Name so drohend ausgesprochen wurde, und er lenkte ein.
»Ich denke nicht daran, Sie zu beleidigen«, sagte er. »Ich habe Ihnen nur den Vorschlag gemacht, der in solchen Fällen üblich ist. Jeder Finder hat Anspruch auf Finderlohn, und erst recht, wenn er einen Schatz aus Meerestiefe birgt. Hier aber will ich Ihren Verzicht gelten lassen, denn der Kasten enthält nichts, was für Sie von Wert sein könnte. Ich will Sie davon überzeugen.
Herr Flint, öffnen Sie ihn!«
Ja, da stand die menschliche Bulldogge nun da, aber die Zähne fletschte sie nicht mehr, sah vielmehr aus, als wollte sie sich gleich kuschen, und so klang es auch, als Richard Flint nun zum zweiten Male den Namen dessen aussprach, dem er selber etwas hatte rauben wollen — wofür er eine Million Dollar hatte erhalten sollen, vielleicht auch gleich zwei Millionen.
Damals hatte er nicht groß gefragt, ob es sich im Grunde genommen nicht um ein Verbrechen handelte, er hatte zugegriffen — um seiner Martha das Landgut kaufen zu können, nicht mehr tauchen zu müssen.
Jetzt aber konnte er hier ganz rechtmäßig einen Finderlohn in Anspruch nehmen, der vielleicht — oder sogar sicher — mehr betrug als ein paar Millionen, es war ihm angeboten worden, und er hatte es ausgeschlagen.
Zur Strafe aber sollte er sich überzeugen, dass in dem Kasten kein bares Geld, keine Juwelen waren.
Und da war er vollkommen geknickt.
»Herr Klingsor!«, bettelte er.
»Öffnen Sie den Kasten!«, klang da der Befehl. »Aber nicht mit dem Stabe! Das würde viel zu rasch gehen. Sie sollen sich etwas plagen müssen, damit Sie sich während dieser Arbeit noch vollends beruhigen.
Sie finden in einem Behälter, den Sie erst suchen müssen, einen Dietrich, der die vorgelegten Schlösser öffnen wird, aber ich sage Ihnen gleich, dass keins den gleichen Verschluss hat, jedes ist wieder auf andere Weise gesichert. Sie müssen den Bart des Dietrichs jedes Mal anders einstellen, und da dies geraume Zeit in Anspruch nehmen wird, da ich aber inzwischen wichtige und dringende andere Geschäfte erledigen muss, so breche ich jetzt unsere Verbindung ab und überlasse Sie sich selbst.
Sobald Sie alle Schlösser geöffnet haben, melden Sie sich!«
Die Stimme verklang, ließ sich auch nicht wieder vernehmen, und Richard Flint setzte sich erst einmal in den Stuhl an dem Tischchen, warf beide Arme auf die Platte und legte den struppigen Kopf darauf.
An der Art, wie dabei die Hände sich öffneten und schlossen, die Finger sich zusammenkrampften, war zu sehen, dass ein Sturm der Erregung in diesem Manne tobte.
Und welcher Art dieser Sturm war, das ging aus den Worten hervor, die Richard Flint dabei mit erstickter Stimme hervorstieß.
»Du Lump! Du undankbarer Kerl! Du Strolch! Wenn Martha das wüsste!«
So und ähnlich klangen diese Selbstvorwürfe, die sich der einsame Mann machte, aber so kläglich sie auch waren, ins Weinen ging die Stimme doch nicht über, Tränen konnte dieser Mann nicht vergießen. Da hätte sich schon etwas ganz anderes ereignen, vielleicht seine Martha ihm durch den Tod entrissen werden müssen.
Auch allzu lange dauerte dieser Kampf nicht.
Richard Flint stand wieder auf und strich sich über das Haar und die Augen.
Dann freilich zuckte seine Hand auch schon nach dem Tischkasten, in welchem das Büchlein mit den Anweisungen lag. Er wollte nachsehen, wo der Dietrich mit den verstellbaren Bärten zu finden war.
Er zog den Tischkasten nicht auf, sondern begann zu suchen, und was dieses Unterseeboot alles enthielt, das ist ja schon mehrfach angedeutet worden. Stunden verstrichen, ohne dass Richard Flint zum Ziele kam. Er konnte endlich nicht mehr, musste erst einmal das Tischleindeckdich kommen lassen und essen und trinken, er war ganz und gar ausgepumpt, aber um keinen Preis der Welt hätte er jetzt etwa gefragt, wo dieser elende Schlüssel lag, oder hätte er in dem Büchlein nachgeforscht.
Schließlich stopfte er sich eine Pfeife, brannte sie an, paffte tüchtig und ging dann geradeswegs auf eine Stelle in der einen Seitenwand zu, wo er schon tüchtig nachgesucht hatte.
Jetzt aber drückte er nur einmal, und da sprang auch schon ein Türchen auf.
In dem kleinen Hohlraum, der sich dahinter befand, lag ein Schlüssel.
Der Dietrich war gefunden!
Und nun setzte sich Richard Flint zum dritten Male und studierte erst einmal, wie er die verschiedenen Einstellungen der Bärte vornehmen musste und konnte, und da staunte er, der ja selber ein richtiger Tüftelfritze war, der immer so an allerlei Erfindungen herumbastelte, über die Kunst, die der Erfinder dieses Dietrichs aufgewendet hatte, um ein Meisterstück zu schaffen.
»Mit dem Dinge öffne ich jedes Schloss!«, sagte Richard Flint. »Da kann es sich an einem Damenhandtäschchen befinden oder an einem Banktresor.«
Und damit war ausgesprochen, was für ein wunderbarer Dietrich das war!
Nicht nur die Bärte ließen sich beliebig verschieben, sondern auch das Rohr konnte verstärkt und im Umfange verringert werden, so weit, dass es eben auch in ein Miniaturschlösschen passte.
Eben ein Dietrich, wie es keinen zweiten mehr gab!
Da muss etwas bemerkt werden, was für später in Frage kommt.
Es dürfte noch jedem in Erinnerung sein, wie der bekannte Houdini jedes Schloss zu öffnen vermochte. Da staunten ja nicht nur die gewöhnlichen Menschen, sondern am meisten die Kriminalisten, die diesen Holländer oder was er sonst war, mit ihren verschiedenen Schließungen fesselten und doch stets erleben mussten, dass er binnen ganz kurzer Zeit frei war.
Das brachte er ohne Werkzeuge fertig, und so viel bekannt geworden ist, konnte niemand hinter die Schliche dieses Menschen kommen. Es blieb eben ein Wunder und grenzte an Zauberei, dass er so etwas vermochte.
Der Schreiber dieses ist vielleicht der einzige, der etwas davon erraten hat! Und das war ein Zufall!
Dieser führte ihn eines Tages in das Büdchen eines Winkelantiquars, wo er wiederholt seltene Werke entdeckt und für wenig Geld gekauft hatte, und da erzählte der Inhaber ganz stolz, dass Houdini alle Tage zu ihm käme und auch brav kaufte.
Es war kein Kunststück, herauszukriegen, was der berühmte »Kettensprenger« da zu kaufen pflegte!
Er kaufte alte Räuberschwarten! Nichts weiter!
Mit besonderer Vorliebe solche, die von einem gewissen Hannickel erzählten, einem Bandenführer, der seinerzeit, so im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, einen gar gefürchteten Namen hatte, weniger wegen der Taten, die er vollbrachte — da hätte er sogar bei manchen noch ein Lob verdient und gewann es auch, denn er plünderte nur Juden, und zwar nur Wucherer, die ihre Schätze doch erst den Ärmsten der Armen abpressten, sie bis aufs Blut aussaugend — nein, dieser Hannickel war gefürchtet, weil er mit dem Teufel im Bunde war.
Und das deshalb, weil er niemals in Fesseln gehalten werden konnte!
Damals legte man den Gefangenen ja die schwersten Ketten an, dass sie sich kaum rühren konnten, und den Hannickel, der mehrmals gefangen wurde, fesselte man natürlich noch besonders!
Aber jedes Mal, wenn der Wärter zu ihm kam, dann war mein Hannickel frei, hatte die Ketten samt und sonders abgestreift und sagte höhnend, dass es ganz von ihm abhinge, wenn er auch das Kerkerschloss noch öffnen wollte.
Tatsächlich flog er immer nach kurzer Zeit wieder aus! Einmal hatte man ihn in einen alten Turm gebracht und dort so fest angeschlossen, dass er wirklich nicht loskommen konnte — wenigstens dachte man das —
Jawohl, als die Herren die enge Treppe hinunterstiegen, nachdem sie die Kerkertür noch besonders sorgsam verwahrt hatten, da lachte hinter ihnen jemand! Und als sie sich bestürzt umdrehten, stand der Hannickel hinter ihnen, ganz frei —
Da setzten sich die Herren vor Schreck auf die Stufen, fielen sie wohl auch gleich hinunter, und über sie hinweg stieg der Gauner und riss aus!
Später einmal hat er den Richtern sogar vorgemacht, wie er jedes Schloss lösen konnte. Er brauchte dazu nur ein Stück Bindfaden! Und das ist wiederholt so genau beschrieben worden, dass eigentlich jeder nicht ganz bornierte Mensch das nachmachen könnte!
Keiner hat es gebracht — außer Houdini!
Der war der zweite Hannickel, und seine Kunst hatte er aus solchen Räuberschwarten gelernt!
Der Leser wird nicht böse sein, dass ihm dieses Geheimnis einmal enthüllt wurde. Es könnte auch gesagt werden, wie das gemacht werden muss. Bloß bringen würde es keiner.
Außer Houdini hat nur einer noch dieses Kunststück nachgemacht und sich seiner sehr oft bedient — und dieser eine war Loke Klingsor!
Deshalb, und weil später noch einmal die Rede davon sein wird, musste diese Erzählung hier eingeflochten werden.
Richard Flint aber hatte doch gleich an Houdini gedacht, aus dem einfachen Grunde, weil dieser Mann ihm sehr imponiert hatte, und er dachte da eben, was Houdini hätte fertigbringen können, wenn er einen solchen Wunderdietrich besessen hätte. Er wusste eben nicht, dass der keinen nötig hatte.
Umso eifriger machte er sich nun ans Werk, und er war so erpicht auf seine Arbeit, dass der Schweiß ihm bald in großen Tropfen auf die Stirn trat und er ganz vergaß, wo er sich befand, was vorhergegangen war.
Nach einer Stunde hatte er das erste Schloss auf!
Fünf andere waren noch da!
Aber erst untersuchte er einmal gründlich das gelöste, beobachtete das Schnappen der Riegel und staunte und freute sich immer wieder.
Einen Unterschied zwischen Tag und Nacht gab es in diesem Unterseeboote ja nicht, er wusste nicht, wie er an der Zeit war, aber das kümmerte ihn auch nicht im Geringsten.
Endlich hatte er auch das letzte Schloss auf. Nun aber musste er erst einmal ausruhen und sich stärken. Er aß wie ein Scheffeldrescher, trank aber wieder nur Limonade, und dann rief er Loke Klingsor.
Dieser meldete sich sofort.
Ob er die ganze Zeit gewartet oder etwas anderes getan hatte, war egal. Er war eben da.
Und nun fragte er auch nicht erst lange, wie Richard Flint die Schlösser aufgebracht hätte.
»Das ist schön!«, sagte er. »Heben Sie jetzt den Deckel!«
Das wurde ausgeführt, der Inhalt des so trefflich gesicherten Kastens lag frei vor den Blicken des Tauchers.
Ganz hatte ja Loke Klingsor die Wahrheit nicht gesagt. Der Kasten enthielt in gewissem Sinne doch einen recht beträchtlichen Schatz, sogar an Gold — aber es war doch auch wieder richtig, denn es handelte sich nicht um Münzen und Juwelen.
Der Kasten enthielt ein Schachspiel, aber keins der gewöhnlichen Art, sondern ein japanisches Scho—ho—ye.
Es kann hier nicht über Schachspiele im Allgemeinen und Besonderen gesprochen werden. Jedermann weiß, worum es sich dabei handelt: dass eben auf die verschiedenen Felder die betreffenden Figuren gestellt werden, die dann nach bestimmten Gesetzen bewegt werden dürfen, bis die eine Partei matt ist, nicht nur die Hauptfiguren genommen sind, sondern auch der König und die Königin sich nicht mehr bewegen können.
Man hat oft genug Schach mit lebenden Menschen gespielt, sie in das betreffende Kostüm gesteckt und sie sich auf Befehl des Leiters bewegen lassen. Das Schachspiel stammt aus Indien, war aber auch in anderen Ländern bekannt, vor allem in Japan, mit einigen Abweichungen, die Figuren sind nicht die gleichen, aber im Grunde handelt es sich um das gleiche Spiel auch bei dem Scho—ho—ye. Richard Flint kannte es zufällig und wusste daher gleich Bescheid.
Die kunstvoll hergestellten Figuren hier waren durchschnittlich einen Viertelmeter hoch und bestanden aus Nephrit, jenem seltenen Gestein, das wiederum in Japan und China besonders geschätzt wird, aber nicht etwa nur dort vorkommt, sondern auch in anderen Ländern. Es gibt sogar südamerikanische Wilde, die an ihren Pfeilen Nephritspitzen anbringen. Man mag da an einen grün aussehenden Feuerstein denken.
Er lässt sich sehr schwer bearbeiten, und schon deshalb waren die Figuren hier überaus wertvoll, aber sie wurden es noch mehr, da alle Teile, bei denen es darauf ankam, wieder aus Metall gefertigt und dem Stein aufgehämmert oder sonst wie mit ihm verbunden waren.
Die Samurais, also die Krieger, waren genau so dargestellt, wie es der Wirklichkeit entsprach, trugen die altertümlichen Kettenpanzer, die entsprechenden Waffen, und immer war alles aus dem Metall hergestellt, aus dem es wirklich hätte sein müssen, wäre das alles für lebende Japaner bestimmt gewesen.
Dementsprechend waren auch die Verzierungen aus Gold in eingelegter Arbeit, die kleinen Juwelen waren echt, die Schwerter bestanden aus bestem Stahl, waren scharf geschliffen, die Bogensehnen waren aus wirklichen Tiersehnen hergestellt — kurz, die größte Naturtreue war gewahrt.
Offenbar hatte der Kapitän des »Pelikans« dieses wertvolle Scho—ho—ye aus Japan geraubt.
Warum aber hatte er gerade dieses Spielzeug so sehr verwahrt, als sei es der wertvollste aller seiner Schätze?
Warum hatte er es in seine Kajüte geborgen, die sonst keine Wertstücke mehr enthalten hatte?
Nun war ja möglich, dass die Räuber aus dem unterseeischen AsamuiGebirge da schon alles weggeschleppt hatten — oder auch nicht! Denn die Luke war doch noch geschlossen gewesen!
Richard Flint wusste nicht, was er denken sollte.
Er sollte wenigstens eine Aufklärung erhalten.
»Zur Belohnung, für die große Selbstüberwindung, die Sie soeben bewiesen haben, Herr Flint, will ich Ihnen etwas zeigen, was Sie sehr in Erstaunen setzen wird«, sagte Loke Klingsor, und es war, als sähe der Taucher ihn dabei freundlich lächeln.
»Packen Sie jetzt die Figuren einzeln aus, beobachten Sie aber ja die größte Vorsicht, denn ich kann nicht sagen, ob zum Beispiel die Spitzen der Pfeile etwa nach der Art vergiftet sind, wie es damals in Japan üblich war, als die Samurais noch Rüstungen trugen. Auch sonst darf nichts verbogen werden! Stellen Sie vorläufig die Figuren nebeneinander auf den Boden, immer die gleiche Art zusammen!
Ganz zuletzt werden Sie die einzelnen Teile des Schachbrettes finden, die sich fest miteinander vereinigen lassen. Tun Sie das — ebenfalls auf dem Boden — und dann treten Sie mindestens einen Meter weit zurück.«
Richard Flint gehorchte.
Mit aller Sorgfalt nahm er die einzelnen Figuren heraus, und da er, wie gesagt, das Spiel kannte, so ordnete er sie auch entsprechend. Er hatte immer wieder seine Freude an der künstlerischen Arbeit, und das einzige, was er für unpraktisch hielt, war, dass die Figuren eben zu groß und daher natürlich auch zu schwer waren.
Wenn sie gerückt werden sollten, so musste das auf die Dauer sehr anstrengen. Er hätte da ein kleines Spiel vorgezogen.
Sicher aber hatten die großen Herren, denen dieses Spiel hier gehört hatte, Diener zur Verfügung gehabt, welche diese Arbeit des Rückens besorgten, hatten ihnen nur die entsprechenden Weisungen gegeben.
Und das würde dann er, Richard Flint, besorgen müssen, falls es Loke Klingsor beliebte, eine Partie Scho—ho—ye zu spielen.
Die letzte Figur war herausgenommen und zu der entsprechenden Gruppe gestellt worden, und da muss noch nachträglich bemerkt werden, dass die Ritter zum Teil auf recht sagenhaft anmutenden Tieren saßen, auf sonderbaren Vögeln, die wie Greife aussahen —
Dann wurde das Brett zusammengefügt. Es war ebenfalls so sorgsam gearbeitet, dass nirgends eine Spalte blieb, sondern dass es wie aus einem Stück gearbeitet erschien. Entsprechend groß war es natürlich auch.
»So! Nun treten Sie zurück!«, befahl Loke Klingsor, nachdem Richard Flint gemeldet hatte, dass er alles in Ordnung hatte.
Er trat zurück, nicht bloß einen Meter, sondern gleich an die Wand, und dann —
Das hatte er freilich nicht erwartet!
Ein japanisches Kommando erscholl.
Loke Klingsor musste es gegeben haben, es war seine Stimme gewesen, und nun begannen die verschiedenen Figuren sich ganz selbstständig zu bewegen, marschierten auf die Felder, auf die sie gehörten —
Und die sonderbaren Vögel waren ebenfalls lebendig geworden, liefen wie Hähne davon an ihre Plätze.
Da riss Richard Flint ja die Augen gewaltig auf! Und rieb sie sich dann immer wieder! Denn so etwas war doch gar nicht möglich, musste auf einer Sinnestäuschung beruhen!
Aber es blieb, wie es war!
Die Figuren standen auf ihren Plätzen, jetzt wieder regungslos, doch als neue Kommandos erschollen, bewegten sich die einzelnen Gestalten, die Bogenschützen spannten die Bögen, legten Pfeile auf und schossen und trafen — oder auch nicht!
Aber wenn ein Pfeil sein Ziel erreichte — dann fiel die betreffende Figur ganz wie ein verwundeter, sterbender Mensch nieder und blieb auch so liegen!
Es soll kurz gemacht werden.
Loke Klingsor konnte mit diesen Figuren spielen, als seien sie lebendig, und jede führte die Tätigkeit aus, die ihr zukam, die Schützen schossen, die Schwertfechter hieben mit den Schwertern — und es gab tödliche Wunden!
Das Einzige, was nicht ganz natürlich war, war, dass kein Blut floss!
So weit ging also die Täuschung doch nicht!
Jedenfalls sah Richard Flint hier ein lebendiges Schachspiel nach japanischer Art und erlebte auch den Sieg der einen Partei.
Dann durfte er alles wieder einpacken!
Und den Kasten, in dem dieser wunderbare Schatz ruhte, in den Schrank stellen, in welchem er schon das Pergament untergebracht hatte und der, wie er nun sah, leer war.
Richard Flint hatte während des Aufenthalts im Unterseeboote verlernt, sich zu wundern. Er hätte sonst weiter gar nichts zu tun gehabt, und an und für sich war er gar nicht dazu veranlagt. Was er nicht gleich verstand, das brauchte nach seiner Meinung noch lange kein Wunder zu sein.
Da hatte er ja auch vollkommen recht. Als das erste Flugzeug am Himmel erschien, war das noch ein Wunder. Man bezahlte hohe Preise, um sich überzeugen zu können, stand sich die Beine in den Leib —
Und heute? Wer hebt denn noch den Kopf, wenn er es über sich surren hört?
Man blickt ja da höchstens noch nach Zeppelinen.
Immerhin aber bleibt ein Flugzeug auch jetzt noch ein Wunder für den, der noch keins gesehen hat.
Hier aber wunderte Richard Flint sich doch wieder einmal.
Was hatte er nicht schon alles in diesen Kasten gepackt! Und jetzt war nichts mehr drin!
Ob es bloß unsichtbar geworden war? Oder ob es eine Möglichkeit gab, das, was in diesen Kasten gelegt wurde, sofort herauszuholen und zu Loke Klingsor zu befördern?
Zunächst einmal bezweifelte Richard Flint, ob er den schweren Kasten überhaupt so weit würde heben können. Blamieren wollte er sich da nicht gern.
Also in die Hände gespuckt, dann gebückt, und nun mal los!
Beinahe hätte er sich mitsamt dem Kasten hingesetzt!
Das Ding war so leicht, dass der Ruck, den er anwendete, es gleich hoch empor riss und er hintenüber taumelte —
Vor Erstaunen ließ Richard Flint ihn gleich wieder auf den Boden gleiten.
Dann kam ihm ein Gedanke, der eine ausreichende Erklärung bot.
Der Kasten war jetzt leer. Loke Klingsor hatte auf irgendeine Weise die Figuren herausgeholt und fortgeschafft.
Richard Flint öffnete ihn und sah nach.
Die sämtlichen Figuren lagen noch drin. Da packte er nochmals an.
Ja, wahrhaftig, jetzt war der Kasten wieder so schwer, wie er vorher gewesen war!
Und Richard Flint brachte ihn mit Mühe und Not, mit Ächzen und Krächzen etwa einen Meter hoch, stemmte ihn nun erst mal auf das rasch vorgeschobene linke Bein und holte tief Atem, dass er nun das schwere Ding auch noch die letzte Strecke empor kriegte —
Ja, und als er noch so stand, da spürte er, dass der Kasten wieder federleicht wurde. Jetzt hätte er ihn mit einer Hand heben können.
»Meinetwegen!«, brummte er, ohne sich eben nun noch weiter darüber zu wundern, und wollte den Kasten das letzte Stück heben, da hörte er ein halblautes Lachen —
»Sie machen sich lustig über mich, Herr Klingsor«, sagte er, etwas missgestimmt. »Ich komme mir vor wie ein Bauer in der Jahrmarktsbude —«
»Bitte sehr, Herr Flint — Sie müssen das nicht krumm nehmen — wir haben uns durchaus keinen Scherz mit Ihnen erlaubt — oder — Sie mögen das auch als Scherz auffassen, aber dann unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit. Wir wollten Ihnen nur beweisen, dass wir imstande sind, das Schwergewicht der Körper aufzuheben.«
Das war nicht die Stimme Loke Klingsors, sondern eine fremde, die Richard Flint überhaupt noch nicht gehört hatte.
»Herr Klingsor ist wohl schon wieder wo anders?«, fragte er daher, ohne auf diese Worte einzugehen.
»Jawohl, er wurde abgerufen und wird auch nicht so bald wieder erscheinen.«
»Hm! Na da! Da ist er wohl mal nach Amerika gefahren?«, sagte Richard Flint etwas spöttisch, denn nun ärgerte er sich doch, dass man so mit ihm verfuhr. Seinen freien Willen hatte er noch, und wenn er nicht wollte — na, da konnten die ja was erleben! So einen Dickschädel wie den dieses Tauchers gab es doch nicht gleich wieder.
»Allerdings!«, gab der Unbekannte ohne Weiteres zu. »Er hat mich beauftragt, Ihnen das zu sagen, sonst dürfte ich doch überhaupt nichts darüber sagen.«
»Schon gut, schon gut! Ich bin nicht neugierig, deshalb brauche ich auch gar nicht zu wissen, wie das hier zugeht, dass Sie die Schwerkraft aufheben können.
Übrigens, wenn das Ihre Erfindung ist, dann lassen Sie sich die nur schnell in allen Staaten patentieren, und dann machen Sie, dass Sie mit dem Gelde, das Sie aus dieser Erfindung lösen, so schnell wie möglich fortkommen.«
Wieder erscholl ein Lachen.
»Sie meinen, ich dürfte mich dann nicht von den Arbeitern erwischen lassen, die durch diese Erfindung brotlos werden würden?«, wurde auch gleich noch gefragt.
»Na, seien Sie da ganz ohne Sorge, Herr Flint! Erstens einmal habe nicht ich diese Erfindung oder Entdeckung gemacht, und zweitens wird doch von uns nichts an die übrige Menschheit verraten. Wir behalten alles für uns, denn wir sind uns eben selbst vollkommen klar darüber, dass wir da nur Unheil anrichten würden, die Menschen der Gegenwart sind noch nicht reif dafür, sie könnten nicht verstehen —«
Die Stimme verklang, kam aber nach einer kurzen Weile wieder. Es war nicht anders, als sei da mal eine kleine Störung in der Leitung eingetreten, was aber sehr rasch wieder hatte behoben werden können.
»Also, Herr Flint, haben Sie jetzt den Kasten mit den Figuren in den Wandbehälter gestellt?«
Ja, das war geschehen, Richard Flint hatte es getan, während er schon mit dem Unbekannten sprach.
»Ganz recht!«, erklang es da auch schon. »Sie dürfen nun weiterfahren. Haben Sie noch etwas zu fragen?«
»Nein«, antwortete Richard Flint fast barsch, denn dieser Mann gefiel ihm ganz und gar nicht.
Und plötzlich kam ihm ein Gedanke.
Er riss den Deckel zu dem Behälter an der Wand noch einmal auf.
Der Kasten mit dem Scho—ho—ye stand noch darin.
Und da nahm Richard Flint ihn ganz gelassen wieder heraus und stellte ihn vor sich auf den Boden.
Er wartete. Lange dauerte es nicht, da kam erst ein Klingelzeichen, und dann fragte eine Stimme, die von vorher:
»Ja, was ist denn das? Der Kasten ist nicht bei uns angekommen, Sie haben ihn wohl wieder herausgehoben?«
»Jawohl, ich habe mir's erlaubt!«, erwiderte der Taucher ganz ruhig.
»Weshalb denn nur?«
»Das sage ich Ihnen vielleicht noch. Vorher aber möchte ich einmal mit Herrn Klingsor sprechen.«
Der andere antwortete nicht gleich, erst nach einer Weile sagte er:
»Das tut mir leid. Ich kann Herrn Klingsor nicht erreichen, und außerdem hat er auch verboten, ihn zu stören, er hat eine sehr wichtige und sehr schwere Aufgabe zu lösen.«
»Nun, dann stören Sie ihn ja nicht. Ich kann schon warten.«
»Sie wollen ihm wohl den Kasten persönlich übergeben?«
»Das nicht gerade«, erwiderte Richard Flint gelassen. »Ich möchte nur mit ihm erst noch einmal sprechen.«
»Aber das ist doch gar nicht nötig!«
»Das kann sein, es kann aber auch nicht sein. Geben Sie sich also keine Mühe. Der Kasten bleibt hier stehen, bis Herr Klingsor wieder anruft.«
»Aber, Herr Flint, ich verstehe Sie nicht. Sie bringen mich in eine große Verlegenheit durch Ihr sonderbares Verhalten. Ich soll doch den Kasten sogleich weiterbefördern, und das kann ich nicht, wenn Sie ihn dortbehalten —
Bitte, seien Sie doch nicht misstrauisch, sondern geben Sie den Kasten heraus —«
»Misstrauisch oder nicht — der Kasten bleibt hier!«, antwortete Richard Flint nun. »Und wenn Herr Klingsor mir das übel nimmt, so wird er mich doch auch verstehen. Wenn er das nicht wollte, hätte er mir eben sagen müssen, dass jetzt ein Stellvertreter für ihn mit mir verhandeln würde.
Also geben Sie sich keine Mühe mehr! Der Kasten bleibt hier. Ich gebe ihn nicht heraus, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen!«
Der Unbekannte schwieg wieder eine Weile. Dann sagte er:
»Herr Flint, Sie scheinen nicht zu wissen, dass ich von Herrn Klingsor unbeschränkte Vollmacht habe.«
»Nein, das weiß ich in der Tat nicht.«
»Und dass ich Sie also zwingen kann, mir zu gehorchen?«
»Zwingen? Na ja, möglich wäre es schon, aber ob es Erfolg hat? Versuchen Sie es doch mal!«
Jetzt hatte er den Taucher in die richtig Stimmung gebracht. Nun dachte der doch gleich gar nicht daran, nachzugeben, stellte sich auf die Hinterbeine, wie man zu sagen pflegt.
Und er sollte alsbald den Beweis erhalten, dass dieser Stellvertreter Loke Klingsors nicht gewillt war, sich trotzen zu lassen.
Richard Flint stand auf einmal in rabenschwarzer Finsternis.
Es half ihm gar nichts, dass er die verschiedenen Hebel rückte. Kein Lichtkegel strahlte wieder auf, und auch die Lichtanlage im Boote selbst arbeitete nicht mehr.
Dadurch ließ er sich freilich noch nicht beirren, sagte auch nichts, sondern wartete. Und nach einer Weile kam die Stimme und fragte:
»Glauben Sie nun, dass ich Sie zwingen kann und werde?«
»Bis jetzt noch nicht«, erwiderte Richard Flint. »Bis jetzt weiß ich nur eins ganz genau —«
»Und das ist?«
»Dass Sie kein Vertreter Loke Klingsors sind, sondern sich den Posten zu Unrecht angemaßt haben. Sie sind ein Schwindler!«
Wie Richard Flint zu dieser Ansicht kam, hätte er freilich nicht sagen können. Er hatte gleich Verdacht geschöpft, als er das höhnische Lachen gehört hatte, konnte sich aber keine Rechenschaft darüber geben, warum gerade das ihn so geärgert und so misstrauisch gemacht hatte.
Er hatte auch jetzt noch keinen Beweis für seinen Verdacht, denn es war doch immerhin möglich, dass Klingsor seinem Vertreter solche unumschränkte Vollmacht gegeben hatte —
Aber er traute diesem Manne nicht zu, dass er zu solchen Mitteln greifen oder einem seiner Vertreter Erlaubnis dazu geben würde.
Und obwohl er sich nun doch etwas unruhig fühlte, ward ihm gleich eine große Erleichterung.
Ein Lachen erscholl abermals, jetzt aber so höhnisch, als hielte der Unbekannte nun nicht mehr für nötig, die Maske länger zu tragen, und das sagte er auch gleich:
»Hähäha! Für so klug hätten wir Sie gar nicht gehalten, mein werter Herr! Ja, ja, man kann sich manchmal täuschen, auch eine blinde Henne kann ein Körnchen finden, und so will ich Ihnen denn auch gleich zugeben, dass Sie in gewissem Sinne recht haben.
Ich wollte Sie beschwindeln, Ihnen den Kasten mit den Figuren abluchsen, aber das ist nun gar nicht mehr nötig, war es schon vorher nicht, denn ob Sie ihn nun in den Wandschrank befördern oder nicht, das bleibt sich ganz gleich. Wir können doch das ganze Unterseeboot hierher holen, und das werden wir auch tun, denn wir haben noch eine sehr ernste Rechnung mit Ihnen zu begleichen, mein werter Herr Flint.
Sie haben das AsamuiGebirge in die Luft — oder besser: in die See gesprengt und gegen hundert von unseren Gefährten getötet. Dafür werden Sie büßen müssen.«
»Also einer von diesen Lumpen sind Sie?«, unterbrach Richard Flint den Sprecher, dessen Stimme zuletzt sehr, sehr drohend geklungen hatte.
»Herr Flint, hüten Sie sich!«
»Das brauchen Sie mir nicht erst zu heißen! Ich habe sowieso keine Lust, mich durch einen Verkehr mit Ihnen zu beschmutzen. Ich kann Sie nicht hindern, länger zu quasseln. Wenn es Ihnen Spaß macht, tun Sie es immerhin, aber hören werde ich nichts mehr, und eine Antwort gebe ich Ihnen auch nicht mehr!«
Richard Flint trat zu der Wand, wo er den Hebel wusste, der das Boot in Fahrt setzte. Er hatte nur ein paar Schritte bis dorthin zu machen, und das war bei der undurchdringlichen Finsternis, die ihn umgab, sehr gut —
Aber so sehr er rückte und drückte — so oft er auch die anderen Hebel versuchte — das Unterseeboot saß anscheinend ganz fest, bewegte sich nicht mehr.
Und da erklang auch wieder das höhnische Lachen, das ihn so sehr ärgerte, dass er die Hände wütend ballte und sonst was darum gegeben hätte, hatte er den Kerl hier gehabt. Den hätte er gar zu gern mal abgeschüttelt, dass ihm Hören und Sehen verging.
Und da half es nichts, dass er nicht hören wollte. Er musste doch, er konnte sich zwar die Ohren zuhalten, aber er tat es nicht —
Richard Flint hatte eben wieder einen gescheiten Gedanken gehabt, wie sich gleich erweisen sollte.
Und so hörte er, wie der andere sagte:
»Sie sind unser Gefangener, Herr Flint! Geben Sie sich gar keine Mühe, das Boot in Fahrt zu setzen. Wir haben die Kräfte, die dazu nötig sind, außer Dienst gestellt, und damit Sie nicht allzu lange Zeit vertrödeln, alles erst so nach und nach erfahren, wollen wir Ihnen gleich sagen, dass in dem Boote nichts, aber auch gar nichts mehr funktioniert. Sie wissen doch, was das heißt?«
Selbstverständlich war Richard Flint sich vollkommen klar darüber, aber er verschmähte die Antwort, und so fuhr der andere, immer wieder einmal hämisch lachend, fort:
»Sie können nicht mehr essen, nicht trinken, Sie können nicht mehr die verbrauchte Luft durch frische ersetzen, Sie werden binnen kurzer Zeit ersticken.
Aber das wollen wir nicht — nein, ich will gleich zugeben, dass wir das nicht dürfen, aus dem einfachen Grunde, weil dann das wertvolle Boot für uns verloren wäre, es würde sofort zerquetscht werden, und dazu ist es uns zu schade, aber hungern und dursten lassen werden wir Sie, dass Sie bald zahm werden, denn wir wissen doch, was Sie brauchen, Sie halten das Hungern nur kurze Zeit aus —«
Wieder verstummte der Sprecher, aber wenn er auf eine Antwort harrte, so wartete er vergebens.
Richard Flint hatte sich in den Stuhl gesetzt und sich nun schon aus Trotz eine Pfeife gestopft und angebrannt.
Die Luft konnten sie ihm nicht abschneiden, das hatte der Schuft ja selbst zugestanden, und den Hunger —
Richard Flint war ein sehr starker Esser, musste es sein, das brachte sein Beruf mit sich, aber wenn die Bande glaubte, er könnte nicht hungern, so hatte sie sich geirrt, sehr sogar, denn Richard Flint hatte mehr als einmal wahre Hungerkuren freiwillig durchgemacht, auch wieder seinem Beruf zuliebe.
Wenn er zu viel Fett ansetzte, so war das für ihn doch ebenso gefährlich, als wenn er zu wenig aß. Vor allem musste sein Herz in Ordnung bleiben, und das hatte er eben nicht nur durch Turnen und anderen Sport zu erreichen gesucht, sondern auch durch Hunger.
Er lächelte also nun vor sich hin. Aus der Drohung machte er sich nichts.
Und im Übrigen entsann er sich jetzt noch des Versprechens, das Loke Klingsor ihm gleich anfangs gegeben hatte: dass er nicht sterben sollte, bevor er seine Frau wiedergesehen hatte!
Er hatte keinen großen Wert auf diese Verheißung gelegt, jetzt aber traute er ihr vollkommen. Schon deshalb, weil das zu seinen Plänen passte.
Die Verbrecher wollten das Unterseeboot in ihren Besitz bringen. In diesem stak er, also mussten sie auch ihn mit nach ihrem Versteck dirigieren, und wenn Richard Flint dort war, wenn er heraufsteigen konnte, dann sollten die Kerls ja mal ihr blaues Wunder erleben, dann sollten sie ihn mal kennen lernen. Umsonst sah dieser Mann doch nicht aus wie eine Bulldogge!
Vorerst aber hätte Richard Flint gern einmal erfahren, wie es möglich gewesen war, dass der Schuft mit ihm verkehren konnte.
Was war aus Loke Klingsor geworden?
Hatte man ihn überrumpelt oder gefangen?
Oder war er wirklich weit fort, sodass er nichts von dem ahnte, was nun hinter seinem Rücken vorging?
Als hätte der Verbrecher diese Gedanken des einsamen Mannes in dem Unterseeboote erraten, sagte er jetzt:
»Verlassen Sie sich nicht etwa darauf, dass Klingsor Ihnen noch rechtzeitig zu Hilfe kommen wird! Noch haben wir uns seiner zwar nicht bemächtigt, er ist noch frei, aber das wird nicht mehr lange dauern. Die Falle, in die er gehen muss, ist so geschickt gestellt, dass er ahnungslos hineintappen wird, hähahahä!
Und dann werden wir uns natürlich nicht lange besinnen, sondern ihn gleich für alle Zeiten unschädlich machen. Er stirbt —«
Richard Flint erbebte nicht etwa, als er das hörte. Er lächelte sogar.
Die und den Loke Klingsor fangen! Die und ihn umbringen!
Das wären die Kerle danach!
Ein so felsenfestes Vertrauen hatte Richard Flint zu Loke Klingsor gewonnen, dem er doch selber nachgestellt hatte — der sieben Runen wegen, die er auf dem Rücken tragen sollte!
Jetzt — ach wo! Der Kerl mochte doch quasseln, was er wollte. Richard Flint hörte bloß deshalb zu, weil er wissen wollte, wie diese Bande sich der Leitung hatte bemächtigen können.
Das war doch alles sehr schnell gegangen.
Kurz vorher war Loke Klingsor noch selber da gewesen.
Und jetzt?
»Sie glauben uns nicht?«, fragte da die Stimme wieder. »Nun, wir werden Ihnen einen untrüglichen Beweis liefern. Geben Sie acht!«
Es wurde auf einmal wieder hell in dem Raume, in welchem sich Richard Flint befand; aber es war nicht das Licht, das früher gestrahlt hatte, sondern die Helligkeit ging von einer Wand aus, die in einem seltsam roten Lichte zu strahlen begann.
Gespannt wartete Richard Flint auf die weitere Entwicklung der Dinge, und da allerdings staunte er wieder einmal, und das nicht schlecht!
Auf der roten Fläche tauchten Bilder auf. Filmstreifen mussten das sein.
Es waren ganz sonderbare Szenen für den Taucher. Für den, der die Abenteuer Loke Klingsors bereits kennt, waren sie es nicht.
Richard Flint bekam hier jene Vorgänge zu sehen, die sich bei der Entführung Sakuntalas abspielten.
Er sah also, wie Loke Klingsor mit Willmer zusammenkam, wie die beiden aufbrachen, sah die Flucht vor dem Häuptling, dann aber den vermeintlichen Mestizen allein —
Und immer wurden ihm die nötigen Erklärungen gegeben.
Aber er lachte nur. »Schwindel!«, knurrte er immer wieder.
Bis er dann gewahrte, wie man den Mann überwältigte — die Sache ging hier im Film sehr schnell vor sich, viel schneller, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt hatte.
Jene Szene kam, wo der Italiener den an die Wand gefesselten Loke verhöhnte —
Und dann auf einmal wurde die rote Fläche wieder schwarz, es wurde ganz finster um Richard Flint her.
Er wartete eine Minute, aber als nichts weiter kam, da lachte er.
»Bitte, spielen Sie doch weiter!«, sagte er spöttisch. »Die Geschichte war wirklich interessant. Da kann einem die Zeit wenigstens nicht lang werden!«
»Sie denken, wir haben Ihnen was vorgemacht, was nicht der Wirklichkeit entsprach?«, erwiderte da die Stimme des Unbekanntem, und Richard Flint hörte ganz deutlich, dass dieser sich in großer Erregung befand.
Er erschrak nun doch.
Wenn der Kerl die Wahrheit sagte, wenn Loke Klingsor wirklich gefangen worden war?
»Dann werde ich ihn rächen und befreien, falls das in meiner Macht steht«, nahm sich Richard Flint vor.
»Das sind Darstellungen wirklicher Vorgänge gewesen«, sagte der andere, »leider aber musste ich abbrechen, es ist etwas eingetreten, was wir nicht voraussehen konnten, und deswegen —«
»So, es ist etwas eingetreten, was Sie nicht voraussehen konnten?«, unterbrach da Flint, nun außer acht lassend, dass er den Kerl keines Wortes mehr hatte würdigen wollen. »Da sagen Sie doch lieber gleich offen, dass Ihr schöner Schurkenplan missglückt ist, dass Sie den Herrn Klingsor wohl einmal haben überrumpeln, aber nicht dauernd gefangen halten können.
Jetzt kriegen Sie es mit der Angst zu tun, jetzt haben Sie die Hose voll — ach, Sie armseliges Kerlchen Sie! Und Sie wollen mir bange machen!«
»Mensch, Sie wollen uns noch höhnen? Sie werden gleich spüren, dass wir Sie vollkommen in unserer Gewalt haben!«, kam da die wütend hervorgestoßene Antwort.
Und der Beweis, dass der Unbekannte diesmal doch die Wahrheit gesprochen hatte, folgte alsbald.
Das Unterseeboot erhellte sich wieder und setzte sich in Fahrt.
Aber da konnte Richard Flint nichts tun, um es zu lenken, so sehr er sich auch Mühe gab.
Das Fahrzeug wurde durch eine unbekannte Kraft geleitet, ging rückwärts, erst langsam, dann schneller und schneller.
Jetzt wurde es ernst.
Richard Flint aber fürchtete sich nicht nur nicht vor dem Zusammenstoß mit den Banditen, sondern freute sich vielmehr darauf, guckte sich schon nach einer Waffe um, die er dabei verwenden konnte.
Vor allem setzte er sich erst einmal auf den Kasten, der die geheimnisvollen Schachfiguren enthielt. Den sollten die Kerls nur mal holen wollen!
Richard Flint hielt den Elektrodenstab in der Hand.
Er hatte sich zwar überzeugen müssen, dass er nicht mehr funktionierte, wie überhaupt nichts in dem Boote, aber es war doch eine handliche und überaus gefährliche Waffe.
Er hatte nicht mit den Möglichkeiten gerechnet, die den Verbrechern zur Verfügung standen!
Während er so saß und grimmig durch die Wände hinausspähte, ohne viel sehen zu können, spürte er plötzlich, dass er auffallend müde wurde, und obwohl er, sofort Böses ahnend, alle seine Willenskraft aufbot, die Augen offen zu halten, wurden die Lider ihm immer schwerer. Er brachte sie nur noch manchmal und mit äußerster Mühe auf —
Er wollte sich erheben und umhergehen, um sich so munter zu halten.
Es ging nicht mehr, die Glieder versagten ihm den Dienst.
Da allerdings erkannte er, dass diese Verbrecher mächtiger waren als er, vielleicht sogar mächtiger als Loke Klingsor — und wenn sie diesen wirklich unschädlich gemacht, ihn gleich umgebracht hatten, dann galt doch auch das Versprechen nichts mehr, das er gegeben hatte, dann sah Richard Flint seine Martha schließlich doch nicht wieder —
Und dieser Gedanke war so schmerzlich für den einsamen Mann, dass sich ihm das Herz in bitterem Weh zusammenkrampfte.
»Leb wohl, Martha!«, murmelte er. »Ich habe Dich sehr lieb gehabt —«
Und eben wollte er nun die Augen ein für allemal schließen, der ungeheuren Müdigkeit nachgebend, die ihn überkam, da war ihm, als höre er die Stimme seines Weibes.
Er hatte eine richtige Vision, sah sich wieder auf seinem Schiffe, von dem er eben in das Meer stieg, er tauchte und unterhielt sich mit seiner Martha, und dann hörte er sie mahnend sagen:
»Richard, Du hast doch die Flasche noch? Du vergisst doch nicht —«
Da fuhr Richard Flint auf.
Mit aller Gewalt riss er die Augen auf und schaute mit wirren Blicken umher, griff sich auch gleich nach der Brust, wo er die Flasche haben musste, und — fand sie nicht!
Wohl aber besann er sich in diesem Augenblick, dass er bei dem Durchsuchen des geheimnisvollen Bootes in einem der Schränke seinen Taucherpanzer erblickt hatte, er hatte sich noch darüber gewundert, dass man ihm den mitgegeben hatte —
Da musste die Flasche sein!
Und wenn er die hatte, dann —
Es kostete ihn eine ungeheure Anstrengung, eine Selbstüberwindung ohnegleichen, dass er sich doch zum Aufstehen zwang.
Ihm war, als sei er wirklich tief unter dem Meere, nicht im Boote, sondern in seinem Panzer. Da war auch jede Bewegung so ungeheuer schwer gewesen und da hatte er sich auch so zwingen müssen —
Aber er stand, er tappte schwerfällig nach dem Schranke hin —
Und ehe er ihn erreichte, kam ihm der Gedanke, den Hebel zu drücken, durch welchen die verbrauchte Luft erneuert werden konnte.
Fast mechanisch tat er es —
Und er wartete nicht, ob die Sache noch funktionierte, wollte sich vor allem die Flasche holen —
Aber noch während er weitertappte, spürte er auf einmal, dass er wieder frei atmen konnte, dass die Müdigkeit von ihm abfiel —
Und da musste er schon wieder lachen — ja, er konnte es — er lachte allerdings lautlos —
»Überrumpelt!«, dachte er dann.
Die Kerle hatten nicht damit gerechnet, dass er sich noch würde erheben können, hatten irgendein giftiges Gas einströmen lassen, wozu also auch eine Möglichkeit vorhanden sein musste, sie dachten, er sei bereits geliefert —
Und nun?
Richard Flint atmete in tiefen Zügen die frische Luft, ging dann zu dem Schranke, suchte und fand die Flasche, hing sie sich zur Vorsicht um, obwohl er wusste, dass er sie jetzt nicht mehr brauchen würde —
Und dann trat er zu der Wand, wo die Apparate angebracht waren, die den Lauf des Unterseebootes regelten.
Er hatte keine große Hoffnung, dass sie arbeiten würden, aber versuchen wollte er es doch —
Und zur Probe stellte er einmal den Tauchhebel.
Zweitausend Meter!
Er konnte nicht beobachten, ob er fiel, aber es schien ihm so —
Und dann stellte er den Laufhebel auf Fahrt voraus.
Und das Boot gehorchte!
Das wenigstens konnte er feststellen.
Die Fahrt rückwärts hörte auf, es ging vorwärts — Und die Stimme des Unbekannten erklang nicht mehr. Da dachte Richard Flint an den Apparat zum Morsen, den er bei dem Ausflug ins AsamuiGebirge benutzt hatte.
Er war noch da —
Rasch morste er damit. Zunächst nur einen Namen und dann hinterher gleich das Signal, das nun einmal für solche Fälle gegeben war: dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz.
SOS!
Save Our Souls! Rettet unsere Seelen!
Der Hilferuf in höchster Not!
Aber keine Antwort kam!
Sollte Loke Klingsor noch nicht wieder frei sein?
Aber dann hätten doch wenigstens die Verbrecher, seine Feinde, antworten müssen!
Ob die denn gar nicht merkten, dass das Unterseeboot nicht zu ihnen kam?
Noch einmal morste Richard Flint in der gleichen Weise.
Und diesmal kam Antwort; eine ganz unerwartete, unerklärliche!
»Hier Reinhard, Mammutpark!«
»Sie sind einer von Herrn Klingsors Freunden?«
»Jawohl. Und ich habe die Ehre mit Herrn Flint?«
»Ganz recht, Herr Reinhard. Wissen Sie auch, wo ich bin?«
»Natürlich! Ich sehe Sie doch vor mir!«
»Auf einer solchen roten Platte?«
»So ist es! Als Ihr Hilferuf erklang, stellte ich meine Apparate und sah Sie. Sie sind in dem ›Thesaurus‹?«
»Wie das Ding heißt, weiß ich nicht«, erwiderte Flint. »Aber ich habe Ihnen Wichtiges zu berichten —«
»Dann sprechen Sie doch, anstatt zu morsen! Obwohl das ja sehr schnell geht, kann es doch —«
»Sie hören mich?«
Richard Flint konnte da auch einmal vor Freude jauchzen, was keiner ihm zugetraut hätte.
Reinhard schien sich auch etwas darüber zu wundern. Er sagte:
»Sie sind wirklich in großer Not gewesen?«
»Gewesen! Jawohl! Aber nun — doch ich will Ihnen berichten, da Sie nichts zu wissen scheinen!«
Und Richard Flint gab einen gedrängten Bericht über sein letztes Abenteuer, gleich das andere hinzufügend, das mit dem AsamuiGebirge —
»Ach so, die Malandrinos sind wieder einmal an der Arbeit gewesen?«, rief Reinhard. »Nun, das kann nur eine kurze Episode gewesen sein.«
»Sie sorgen sich nicht um Herrn Klingsor?«, fragte Richard Flint, nun erst recht erleichtert aufatmend.
»Das haben wir nicht nötig. Herr Klingsor kann nicht gefangen werden, das ist ganz ausgeschlossen, und wenn Sie etwas Ähnliches gesehen haben, so war das eben nur ein Schachzug von ihm, er hat die Mittel seiner Feinde einmal kennen lernen wollen, hat sie inzwischen längst wieder unschädlich gemacht, und nun wird er sich vielleicht bald wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.«
»Aber wenn inzwischen diese Malandrinos —«
»Unbekümmert, Herr Flint! Sie haben nur das Boot, in dem Sie sich befinden, noch nicht ganz kennen gelernt. Es steht bei Ihnen, sich derart zu sichern, dass keine fremde Gewalt Ihnen schaden kann.
Sehen Sie die ganz kleine Kapsel an der Vorderwand, hoch oben?«
»Die sehe ich, habe sie allerdings bisher noch nicht entdeckt.«
»Na also! Diese Kapsel ist sozusagen die Seele des Fahrzeuges. Sie brauchen sie nur zu drehen, einmal nach links — tun Sie es!«
Richard Flint gehorchte.
Er musste sich auf die Fußspitzen stellen, um hinauflangen zu können, aber er reckte sich eben genügend, packte das kleine Ding und drehte.
Von einer Wirkung spürte er allerdings nichts.
»So! Das genügt!«, sagte da der im Mammutpark. »Jetzt kann keine Gewalt, die von außerhalb kommt, auf die Apparate im Boote einwirken, wohl aber können Sie ohne Weiteres auf der roten Wand die Vorgänge beobachten, die sich in dem Versteck der Malandrinos abspielen.
Ich rate Ihnen dazu, das zu tun, ich selbst werde es auch machen, denn ich muss wissen, was dort geschieht. Wir wollen deshalb die Unterredung einstweilen abbrechen. Die Verbindung mit mir können Sie jederzeit wiederherstellen, indem Sie meinen Namen morsen — also Reinhard — dann melde ich mich gleich —«
Und die Stimme schwieg.
Richard Flint aber stand etwas betöppert da.
Er hatte in seinem Leben noch nichts von Parsifal gehört, der auch immer im rechten Augenblick zu fragen vergisst, aber jetzt glich er diesem sagenhaften Gralshelden.
Er wusste doch gar nicht, wie er den Mechanismus der roten Wand in Tätigkeit setzen sollte.
Aber er fand es bald heraus, das Büchlein im Tischkasten gab prompt Auskunft, als er unter »Rote Wand« nachsuchte, und nach kurzer Zeit schon arbeitete der Kinoapparat, der aber gleichzeitige Vorgänge darstellte, ganz ausgezeichnet.
Richard Flint konnte sich zunächst wieder setzen, auf die Kiste mit den Schachfiguren, die er eben für besonders wertvoll hielt.
Auf der roten Wand zeigte sich das Bild eines Zimmers, das halb wie ein Laboratorium, halb wie ein Salon eingerichtet war. Allerlei seltsame Geräte standen auf einem langen Tische, hingen an den Wänden, wo auch die verschiedensten Apparate zu sehen waren, und in einer Ecke noch eine Art Schrank.
In diesem Raume saß vor dem Tische ein Herr — so war er wenigstens gekleidet, höchst vornehm, als wollte er zu einer Gesellschaft gehen, in Lackschuhchen, und der Zylinder, der dazu gehörte, stand unter dem Stuhle auf dem Boden.
Das Gesicht dieses Mannes aber war nicht zu erblicken, er hatte es einem Manne zugewendet, der vor ihm stand und der durch seine blaue Leinwandkleidung gleich als besserer Arbeiter, so eine Art Monteur oder Werkmeister, zu erkennen war.
Das Gesicht dieses Mannes, das von einem kurzen schwarzen Vollbart umrahmt ward, drückte höchste Bestürzung aus, wenn nicht gar Furcht, und so waren auch die Bewegungen, die er mit beiden Armen ausführte.
Er hob sie immer wieder über seinen Kopf, rang die Hände —
»Schade, dass ich nicht hören kann, was die beiden sprechen!«, dachte Richard Flint und griff rückwärts nach dem Büchlein, das er auf den Tisch gelegt hatte.
Vielleicht ging auch das zu machen?
Und richtig! Da brauchte er nur wieder eine Scheibe zu drehen, und schon konnte er alles hören, was die beiden miteinander sprachen.
Es war für ihn zum großen Teile unverständlich. Er kannte die Namen nicht, die da ausgesprochen wurden, aber er hörte doch mit höchstem Interesse zu.
»Mensch, Sie müssen wahnsinnig sein, dass Sie mir so etwas als wahr melden können!«, schrie der im Gesellschaftsanzug eben. »Das ist doch ganz ausgeschlossen!
Loke soll die Tausendfüßler überwältigt, ihren Schlupfwinkel entdeckt und die Sakuntala im letzten Augenblick befreit haben?
Clissaro hatte ihn doch an die Wand gefesselt! Und was der einmal hat, das gibt er nicht wieder her — hahaha — ich ärgere mich bloß, dass ich meine Zeit mit diesem Tollpatsch von einem Taucher vertrödelt habe —«
»Señor, ich spreche im vollen Ernst«, unterbrach ihn da der Monteur. »Klingsor ist frei, vollkommen frei und hat furchtbar unter unseren Freunden aufgeräumt, alles ist verloren —«
»Ausgeschlossen!«
»Wenn ich es aber beschwöre?«
»Meinetwegen schwören Sie! Ich glaube es einfach nicht!«
»Dann müssen Sie sich überzeugen! Rufen Sie Professor Clissaro an!«
»Selbstverständlich werde ich das tun, selbstverständlich! Und Sie bleiben hier! Ich will Ihnen beweisen, dass ich nicht mit mir spaßen lasse —«
Der Señor wendete sich dem Tische ganz zu, hantierte an den Apparaten herum, stutzte sichtlich, arbeitete wieder —
»Die Leitung ist unterbrochen!«, hörte Richard Flint ihn stöhnen.
»Ich wusste es!«, rief der andere fast triumphierend.
»Gar nichts wissen Sie! Schweigen Sie!«, fuhr der Señor ihn an.
Noch einmal versuchte er sein Heil mit den Apparaten wieder umsonst, und Richard Flint gewahrte, wie verzweifelt der Herr darob war —
Der Monteur aber lächelte höhnisch und wollte etwas sagen, da aber wurde die Schranktür aufgerissen, ein Mann kam heraus —
Und der war ganz schreckensbleich, konnte kaum reden, so aufgeregt war er —
»Der ›Thesaurus‹ entkommt! Richard Flint kann wieder die Apparate bedienen, er hat sich mit dem Ingenieur Reinhard in Verbindung gesetzt!«
»Sie sind verrückt!«, wurde er angefahren.
»Nein, ich spreche die Wahrheit!«
»Unsinn —«
Da kam schon ein anderer aus dem Schranke heraus, der also die Türe zu diesem Raume bildete.
Auch er war so in blaue Leinwand gekleidet wie die anderen beiden, auch er war ganz bleich.
»Ich kann kein Essen bereiten, der Apparat arbeitet nicht!«, meldete er.
Der Herr sprang auf.
»Seid Ihr denn alle übergeschnappt?«, keuchte er.
»Ich habe seit einer Viertelstunde gearbeitet, die Gefangenen murren schon, sie haben Hunger, aber ich kann und kann nichts herauskriegen —«
»Zum Teufel, was soll das? Hat man in Lalakawana Unordnung einreißen lassen? Ich will es selbst feststellen!«
Er lief zu der Wand mit den Apparaten, fingerte bald an diesem, bald an jenem herum —
Es war ganz zwecklos.
Da wendete der Herr sich um.
Jetzt sah Richard Flint zum ersten Male das Gesicht.
Es war das eines Südländers, wie ja der Mann auch als Señor angeredet worden war, also als Spanier, obwohl er mit den anderen immer Englisch gesprochen.
Und es war ein schönes Gesicht gewesen — gewesen wenigstens — denn jetzt war es ganz quittegelb und verzerrt, die schwarzen Augen funkelten in tückischer Wut — die schlanken Finger krümmten sich und streckten sich wieder.
»Wehe, wehe, wehe, wenn die Maladetta zur Verräterin geworden wäre!«, knirschte er nun hervor.
»Wenn sie nun gefangen worden ist?«, wendete der Monteur ein, der zuerst in dem Zimmer gewesen war.
Der Señor wendete sich ihm zu. Er lachte hohnvoll.
»Hätte ich nicht schon den Beweis, dass Sie verrückt sind, Myers, so hätten Sie ihn mir jetzt geliefert. Hahaha, die Maladetta überrumpelt, gefangen? Auf der Insel? Müssen Sie nicht selber über den Unsinn lachen?«
Doch der Angeredete blieb sehr ernst.
»Wie könnten sonst die Apparate alle versagen?«, erwiderte er.
Der Schwarze zuckte zusammen.
Diese Worte gaben ihm anscheinend doch zu denken.
»Mensch — — es k a n n doch gar nicht sein!«, stieß er hervor.
»Sie haben sich doch eben überzeugt! Und was Sie auch versuchen mögen —«
Weiter kam er nicht, denn jetzt stürzten gleich drei Männer herein, noch viel verstörter als die anderen beiden.
»Wir können keine Luft mehr erzeugen!«, schrie der eine —
»Das Wasser dringt von unten in alle Säle, die Gefangenen sind in Gefahr zu ertrinken!«
»Und dann müssen auch wir ertrinken oder ersticken!«, sagte der Monteur.
Keiner wagte etwas zu erwidern.
Der Señor griff nach einem der Apparate, der eine mattweiße Scheibe an der Vorderseite aufwies.
Er stellte daran herum, dann aber taumelte er zurück.
»Wahr!«, ächzte er auf, jetzt selber aufs Höchste verzweifelt.
»Und nun bleibt uns weiter nichts als schnellste Flucht!«, sagte der Monteur.
»Flucht? Dann machen Sie mir gefälligst mal vor, wie Sie das anstellen wollen!«, rief der Señor höhnisch. »Der ›Thesaurus‹ ist unserer Macht entrückt —«
»Und Ihr seid meine Gefangenen!«, unterbrach da eine andere Stimme den Sprecher.
Richard Flint, der bisher mit höchstem Interesse gesehen und gelauscht hatte, erschrak ordentlich, als er diesen Ruf vernahm.
Das war doch Loke Klingsor selber!
Diese Stimme hätte er unter Tausenden herausgefunden und sofort wiedererkannt!
Eine unbeschreibliche Freude erfüllte den einsamen Mann, der dabei immer noch in dem Unterseeboote dahinglitt — er hatte vergessen, den Fahrthebel abzustellen —
Loke Klingsor lebte noch! Er war frei!
Und schon war er wieder dabei, die Pläne seiner Feinde zu durchkreuzen!
Er sprach es auch gleich aus, während die Männer in dem Zimmer zurücktaumelten.
»Señor Montez«, sagte er, ohne dass seine Worte besonders scharf oder frohlockend klangen, »Sie haben ausgespielt. Sie sind mit allen Ihren Genossen rettungslos verloren, denn Myers hatte recht mit seiner Vermutung. Die Maladetta ist unschädlich gemacht worden. Sicherheitsmaßregeln, mit denen sie sich zu schützen suchte, haben doch nicht genügt. Mit meiner Hilfe sind alle Hindernisse überwunden worden, und jetzt geht die Verbrecherin bereits der verdienten Strafe entgegen.
Sie wissen, was das für Sie bedeutet, Señor. Den Tod! Und den haben Sie ja schon seit langem verdient! Suchen Sie nicht erst, mich umzustimmen, indem Sie mir versprechen, die Gefangenen freizulassen!
Diese Unglücklichen sind schon frei, sind schon auf dem Wege nach einem sicheren Zufluchtsorte. Es wäre gar nicht nötig gewesen, denn Sie können ihnen nichts mehr tun —
Und nun, Señor Montez, wenn Sie kurz vor Ihrem Tode eine Beichte ablegen oder vielleicht etwas bestellen wollen, bin ich bereit, Sie anzuhören!«
Noch einige Sekunden blieb es still in dem Raume, den Richard Flint immer noch auf der Wand vor sich sah.
Dann aber sank der Spanier oder was er sonst war, auf den Stuhl zurück, den er vorher eingenommen hatte, stützte den Kopf in beide Hände und saß regungslos —
Plötzlich jedoch sprang er wieder auf.
Er lachte schrill!
Es klang schaurig genug, verzweifelt und doch noch trotzig.
»Von mir eine Beichte? Sind Sie ein Narr, Klingsor? Ein Montez stirbt, aber er jammert nicht, winselt nicht um Gnade —«
Keine Antwort kam.
Loke Klingsor hielt es nicht für angebracht, weiter mit diesem Manne zu verhandeln.
Und Richard Flint erschrak so sehr, dass er unwillkürlich aufsprang.
Flammen erfüllten plötzlich den Raum, ein Krachen erscholl, ein Dröhnen —
Und dann war die rote Fläche leer, wandelte die Farbe, wurde ganz schwarz.
Es war vorbei!
Das Strafgericht Loke Klingsors war über diese Malandrinos hereingebrochen wie über die im AsamuiGebirge.
Es war fürchterlich, aber offenbar gerecht.
Schweigend saß Richard Flint da, er musste sich erst beruhigen, ehe er daran gehen konnte, sich um die Fahrt seines Bootes zu kümmern, aber dann stellte er nach dem Messer fest, dass er mindestens zehn Knoten während dieser Zeit gemacht haben musste — und erschrak!
Wenn da ein Hindernis im Wege gewesen wäre, dann hätte das Boot scheitern müssen!
»Ach was!«, dachte er dann jedoch gleich. »Ich soll ja am Leben bleiben, da kann mir auch nichts passieren!«
Zunächst ließ er einmal die Lichtkegel aufleuchten, und da schien ihm, als seien sie heller als je zuvor. Vielleicht war schon immer ein störender Einfluss vorhanden gewesen, der von jener Maladetta ausgegangen war.
Als Richard Flint das dachte, schüttelte er den Kopf.
Jetzt erst kamen ihm die vielen sonderbaren Namen wieder ins Bewusstsein, die er da gehört hatte, die er nicht verstand.
Er hatte doch keine Ahnung, wer die Maladetta war, was Lalakawana zu bedeuten hatte, wusste nicht einmal, was die Malandrinos eigentlich seien. Gehört hatte er noch nichts von ihnen.
Dazu kamen dann die Tausendfüßler, der Professor Clissaro —
Ach, und was er da alles zu sehen gekriegt hatte!
»Wenn die mal so was im Kino aufführten, da könnten sie gute Geschäfte machen«, sagte er halblaut vor sich hin. »So etwas kann freilich keiner von den ›Filmdichtern‹ ersinnen, die wissen nichts weiter als auf den Dächern rumsteigen, auf Eisenbahnzüge springen, aus Flugzeugen klettern und solches Zeug.
Ha, wenn die gesehen hätten, was ich gesehen habe!«
Da hatte er freilich recht, aber er vergaß dabei, dass das Leben stets romantischer ist als die Phantasie. Wenn ein Schriftsteller solche Abenteuer erfindet, müssen sie doch immer innerlich zusammenhängen, muss ein gewisser Sinn darin liegen, aber das Leben —
Ach, was fragt das Leben nach solchen Zusammenhängen! Da ist nichts zu machen. Das spielt eben mit den Menschen, wie es ihm beliebt, macht die Geschichte immer anders, als man erwarten konnte, und wenn man denkt, jetzt müsste alles zu einem guten Ende kommen, da ist es eben wieder mal nichts gewesen, da geht es erst richtig los.
Richard Flint hatte das noch zu wenig erfahren, aber er sollte noch genug erleben, was ihm eine andere Meinung beibrachte als die, die er jetzt hatte.
Übrigens blieb ihm gar keine Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Er hatte keine Ahnung mehr, wo er sich befand, musste erst einmal versuchen, sich zurechtzufinden, und das ist natürlich in einer solchen Tiefe ein Kunststück, wenn eben nicht gleich eine Unmöglichkeit.
Er stellte erst mal die Fahrt wieder ab.
Das Unterseeboot, dessen Namen er nun kannte — »Thesaurus« hieß es — den er aber nicht zu deuten wusste und der doch so trefflich passte — Thesaurus bedeutet Schatz, und hier war es wahrscheinlich mit der Nebenbedeutung des »Schatzkästleins« angewendet worden — dieses Fahrzeug also blieb stehen, wo es stand. Es kam nicht in Frage, ob es zehn Meter unter dem Meeresspiegel lag oder ein paar tausend.
Richard Flint suchte erst einmal die Umgebung ab, was ihm ja aber nur so weit möglich war, wie die Lichtkegel reichten.
Er sah nichts als Wasser, und hier und da einmal kam ein solches Unterseeungeheuer herangeschossen, das er aber gar nicht beachtete.
Von einem unterseeischen Gebirge entdeckte er nichts.
Da musste er eben einmal die Karte fragen.
Er holte sie aus dem Kasten und betrachtete sie, nachdem er sie ausgebreitet hatte.
Ja, er konnte wohl feststellen, wo er gewesen war, aber nicht, wo er sich jetzt befand!
Auf der Karte waren ganz genau allerlei ähnliche Erhebungen eingetragen wie das AsamuiGebirge, das es jetzt schon nicht mehr gab, aber er hatte keine Ahnung, wo es sich erhoben hatte. Er war ja einmal sogar ein ganzes Stück rückwärts gefahren oder vielmehr gezogen worden.
Wohin war er also geraten?
Die einfachste Lösung wäre gewesen, er hätte Loke Klingsor oder wenigstens den so freundlichen Ingenieur Reinhard gefragt; aber dagegen bäumte sich sein Stolz auf. Und außerdem —
Richard Flint hatte schon einmal gewaltig gegen die Müdigkeit kämpfen müssen. Da aber war diese doch wohl durch ein giftiges Gas verursacht worden. Jetzt indessen — er musste immer wieder gähnen, und die Augen fielen ihm immer von Neuem zu —
»Ach, bin ich müde!«, stöhnte er auf. »Jetzt möchte ich mal so recht, recht kräftig schlafen, dass das eine Auge das andere nicht sieht!«
Ha, das hätte er gar zu gerne getan, aber er wagte es nicht, er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und bevor die nicht gelöst war —
Richard Flint aber hatte als halber Seemann die Kunst gelernt, nicht nur zu jeder Zeit, sondern auch in jeder Stellung zu schlafen. Das ist wirklich eine Kunst, und sie will gelernt sein. Die Not ist da der beste Lehrmeister. Wenn der Seemann auch bestimmte Ruhezeiten hat, so kann doch von einer Regelmäßigkeit dieser Erholungspausen nicht die Rede sein. Die Wachen, die er gehen muss, liegen doch zu ganz verschiedenen Zeiten. Und außerdem kann auch, während er in der Koje liegt, allerhand geschehen, sodass er durch die Bootsmannspfeife an Deck gerufen wird.
Da muss er eben imstande sein, den Schlaf, mit dem er zu kurz gekommen ist, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nachzuholen, und das kann er. Er schläft, während er Wache geht. Immer pendelt er so an Deck hin und her, kehrt regelmäßig an der gleichen Stelle um, und wer ihn sieht, der ahnt nicht, dass dieser Mann dabei schläft —
Im Gehen schläft er!
Natürlich ist er bei der geringsten Störung sofort wach, aber geschlafen hat er doch!
Und wer bei den Soldaten gewesen ist, weiß Ähnliches zu berichten. Der »Landser« kann immer schlafen — er haut sich hin — und weg ist er!
Das ist unbedingt nötig, denn sonst hielte er manche Strapaze überhaupt nicht aus.
Richard Flint hätte also auch einmal »einen wegmachen« können, wie der Fachausdruck heißt, aber das tat er eben nicht, dazu war er zu gewissenhaft, und da blieb der Natur nichts anderes übrig, als sich selber zu helfen.
Ehe Richard Flint noch wusste, wie ihm geschah, war er weg.
Er hatte sich wieder auf die Kiste mit den Schachfiguren gesetzt, rein instinktiv, und da hielt er noch die Seekarte auf den Knien ausgebreitet, aber immer wieder »titschte« er mit dem Kopf vornüber, riss dann wohl die Augen gewaltsam auf, war aber gleich wieder vollkommen im Tran.
Er schlief so fest, wie eben nur ein übermüdeter Mensch schlafen kann — wenn seine Nerven ihm keinen Streich spielen, dass sie ihn nun erst recht nicht schlafen lassen.
Ob man ihn dabei beobachtete?
Möglich war es ja, vielleicht sogar selbstverständlich. Geweckt wurde er keinesfalls, denn Loke Klingsor wusste doch am besten, wie lange dieser Mensch nun schon ohne Schlaf gewesen war. Er hätte das gar nicht aushalten können, hätte es hier unten einen regelmäßigen Wechsel von Tag und Nacht gegeben, aber das war eben nicht der Fall.
Richard Flint hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange er nun schon in dem Boote weilte, er hatte eben von Anfang an versäumt, sich das Zeichen zu machen.
Aber wie hätte er das tun sollen?
Eine Taschenuhr nahm er natürlich nicht mit, wenn er tauchte, und in dem Boote hatte er noch keine andere entdeckt, auch nicht danach geforscht.
Er schlief also unbesorgt, und es war ein großes Wunder, dass er nicht von der Kiste herunterfiel.
Schließlich freilich hätte auch das nichts geschadet, er hätte weitergeschlafen, aber er blieb eben sitzen.
Und da merkte er nicht, dass sich der »Thesaurus« auf einmal wieder in Bewegung setzte, zunächst einen großen Bogen nach Steuerbord beschrieb, dann aber in gerader Richtung weiterfuhr.
Heinzelmännchen waren an der Arbeit, wie ehedem zu Köln einmal, wo sie nachts ihren Freunden alle Arbeit taten. Hier aber sorgen sie dafür, dass der »Thesaurus« auf den rechten Weg kam, und als die Richtung nicht mehr zu verfehlen war, ließen diese unsichtbar bleibenden Heinzelmännchen das Boot wieder halten.
Richard Flint aber schlief weiter.
Stunde nach Stunde verging, und die neunte war eben voll geworden, da klang ein metallener Ton durch die Stille.
Es war, als fiele eine Silberkugel in ein silbernes Becken, und alsbald folgte eine zweite, dann eine dritte —
Achtmal ertönte dieser Klang.
Aber schon beim ersten Male hatte Richard Flint die Augen auf. Beim zweiten rieb er sie sich mit beiden Händen, beim dritten gähnte er, den Mund dabei so gewaltig aufreißend, dass es aussah, als wollte er das ganze Boot verschlingen —
Und beim vierten Male stand er aufrecht da, reckte sich noch einmal.
Als die fünfte Kugel fiel, war er vollkommen klar.
»Ah, das hat gut getan!«, stöhnte er. »Ich möchte wissen, wie lange ich geschlafen habe!«
Da fiel die sechste Kugel. Richard Flint stutzte.
Dieser Ton hatte ihn an das Anschlagen der Schiffsglocke erinnert, deshalb war er aufgewacht.
»Acht Glasen!«, murmelte er nun. »Aber holla! Seit wann wird denn hier die Zeit angeschlagen?«
Er lauschte.
Nichts mehr war zu hören.
Da suchte er nach der Glocke, fand sie nicht, gab sich gleich gar keine Mühe mehr, sie zu entdecken, sondern trat zu dem Lichtschalter und ließ einen Blendstrahl nach vorn gehen.
Nichts zu sehen als Wasser.
Zu beiden Seiten, rückwärts — alles war Wasser.
Da war Richard Flint beruhigt, ließ erst einmal das Tischleindeckdich erscheinen, fand darauf, wie sich's gehört, wenn man eben erwacht ist, ein Kännchen Tee, Weißbrot, Butter, Honig, aber auch einige fingerdicke Schinkenscheiben, gebratene Eier und was man so zum Frühstuck braucht, wenn man gewohnt ist, dieses nach englischer Art zu nehmen.
Richard Flint schmunzelte.
»Wenn ich mal ein Landhaus habe, muss ein solches Tischchen her«, sagte er. »Es schmeckt noch mal so gut, wenn gleich alles fertig dasteht, nicht einzeln aufgetragen werden muss, so immer eine Platte nach der anderen, und ehe die letzte kommt, ist die erste schon wieder kalt.«
Da hatte er also unbewusst denselben Gedanken ausgesprochen, den auch Willmer gehabt hatte, der ja aber mit seinem Tischleindeckdich gleich eine Entdeckungsreise angetreten hatte.
Richard Flint war nicht so neugierig. Er kümmerte sich überhaupt nicht darum, wie das alles möglich war, woher das Tischlein auftauchte, ihm genügte die Tatsache, und so ließ er sich's vortrefflich schmecken, räumte alles von den Platten in seinen Magen, vergaß auch den Tee nicht, der eine feine Marke war, und nachdem er fertig war und das Tischchen wieder verschwunden, setzte er die frisch gestopfte Pfeife in Brand, die er diesmal mit goldgelbem, köstlich duftendem PrinceAlbertTabak versehen hatte.
»Wahrhaftig, hier kann man zum Schlaraffen werden!«, sagte er dann.
Aber dieses satte Behagen dauerte nicht lange.
Das Bewusstsein der übernommenen Pflicht ward wieder wach.
Richard Flint trat zum Tiefenmesser, stellte ihn — und wunderte sich.
»Nanu!«, murmelte er. »Ich war doch vorhin auf zweitausend Meter herabgegangen, und jetzt —«
Er drehte nochmals, guckte wieder hin.
Der Zeiger wies nur eine Tiefe von dreißig Metern auf. So nahe der Meeresoberfläche war Richard Flint mit seinem Boote noch nie gewesen, und da lag es doch nahe, dass er einmal ganz auftauchte, bloß, um mal zu sehen, wie das Ding über Wasser fuhr, und dann natürlich auch, um mal ein bisschen Ausschau zu halten.
Eine Insel oder gar ein Festland konnte nicht in der Nähe sein, die hätte er auch schon unter Wasser gewahren müssen.
Die einzige Gefahr, die ihm drohen konnte, war, dass er beim Auftauchen an ein eben vorüberfahrendes Schiff rannte, aber erstens wäre das ein ganz großer Zufall gewesen, und zweitens hatte er ja auch die Möglichkeit, sich zu vergewissern, dass er wirklich allein war auf der »weiten Flur«!
Er ließ also einen Lichtkegel von mäßiger Stärke emporschießen, sah, dass kein Schiff herankam, stellte den Hebel und schoss im nächsten Augenblick gleich ein paar Meter aus dem Wasser hervor.
Da freilich erschrak er etwas, musste aber gleich lachen, als der »Thesaurus« sich ganz hübsch wieder niedersetzte.
»Wenn jemand das von Weitem gesehen hat, muss er denken, hier sei ein riesiger Pottwal aufgetaucht!«, sagte er, und da hatte er ja recht.
Und nun ist zwar eben gesagt worden, dass es ein großer Zufall hätte sein müssen, wenn wirklich ein Schiff gerade in dieser Gegend gewesen wäre, aber es ist auch vor Kurzem schon gesagt worden, dass das Leben ganz andere Dingte fertig bringt, als ein Romanschreiber sie ersinnen kann —
Als Richard Flint sich umschaute, was er ja ohne weitere Hilfsmittel konnte, da die Wände des Bootes vollkommen durchsichtig waren — nach allen Seiten — da gewahrte er — kaum einige Knoten von sich entfernt — wirklich ein Schiff, und er wusste auch gleich, was für eins das war!
Ein Walfischfahrer!
Und ebenso war er schon bemerkt worden.
Der Auslug im Krähennest, das es auf diesen Schiffen ja noch gibt, hatte den »Pottwal« springen sehen, es gemeldet — dafür kriegte er ja immer eine ganz nette Prämie — und da wurde auch schon ein Boot ausgeschwungen, die Mannschaft saß drin, am Bug stand der Harpunier —
Und da lachte Richard Flint einmal recht aus Herzensgrund.
Was für Augen die machen würden, wenn sie sahen, dass sie es nicht mit einem Wal zu tun hatten, sondern mit einem Unterseeboot!
Richard Flint freute sich schon auf das Zusammentreffen, stellte sich die verdutzten Gesichter der Leute vor, hörte sie fluchen, was solche Trankocher ja viel besser noch können als andere Seeleute —
Da aber besann er sich.
Durfte er sich denn überhaupt in diesem Boote anderen Menschen zeigen?
Schon wollte er wieder wegsacken, da kam ihm ein Gedanke.
Wenn er nun diese Leute einmal ausfragte?
Aber wozu denn?
Um zu erfahren, wo er sich befand?
Dazu brauchte er die dort drüben nicht, das konnte er selber machen. Ein Sextant oder Oktant war sicher vorhanden, ebenso waren die zugehörigen Logarithmentafeln da —
Aber Richard Flint machte die Sonnenaufnahme nicht.
Er kam gar nicht dazu.
Er hatte doch nicht gedacht, dass die Kerle drüben gleich schießen würden, ehe sie noch heran waren!
Und das mussten sie ja auch, wollten sie den Wal nicht vergrämen!
Ein Schuss krachte und dann polterte die schwere Harpune gegen die eine Bootswand, dass Richard Flint schon dachte, jetzt müsste sie zu ihm hereinsausen —
Aber da hatte er sich ja geirrt.
Die Harpune prallte vollkommen wirkungslos ab, fiel ins Wasser, konnte aber an dem daran befestigten Seile zurückgezogen werden, war also nicht verloren.
Und da hielt Richard Flint es doch für besser, zu verschwinden.
Er stellte den Hebel und sackte weg, gleich wieder vierzig Meter tief, und — lachte, lachte, lachte!
Er musste sich jetzt vorstellen, was die dort oben dachten!
Dass eine Harpune, aus einer kleinen Kanone geschossen, von einem Wal abprallte, ohne ihn im Geringsten zu verletzen!
»Ei, du grüne Neune!«, rief er dann. »Da wird's aber Haue setzen!«
Er dachte gleich weiter.
Wenn die Trankocher heimkamen und von ihrem Abenteuer erzählten, dass sie auf einen riesigen Pottwal geschossen hätten, die Harpune aber abgeprallt wäre wie von Stahl, dann glaubte ihnen doch kein Mensch, und dann wurden sie wütend und schworen, und da glaubte ihnen erst recht niemand, und da blieben eben nur die Fäuste als letzter Beweis, dann ging die Boxerei los, es gab breitgepochte Nasen und ausgeschlagene Zähne usw.!
Es war kein Wunder, dass Richard Flint sich gar nicht wieder beruhigen konnte, immer wieder lachen musste.
Jetzt gefiel es ihm erst recht in dem Unterseeboote. Spaß muss bei einer Sache sein, und gerade Richard Flint gehörte zu jenen Männern, die zwar immer finster, fast verdrossen aussehen, aber dabei doch so gern einmal aus Herzensgrunde lachen — gerade deswegen, weil sie das selber nicht können — nämlich einen guten Spaß machen.
Richard Flint lachte also noch dröhnend, als er schon weiterfuhr, aber er verstummte sofort, als er angerufen wurde.
»Herr Flint?«, sagte eine Stimme, die er als die jenes Mannes erkannte, der zuerst zu ihm gesprochen, dann aber Loke Klingsor mit ihm verbunden hatte.
»Jawohl, hier bin ich!«
»Ich habe den Auftrag erhalten, Ihnen zu sagen, dass Sie jetzt einen ganzen Tag geradeaus fahren sollen.«
»So? Na, danke schön! Aber nötig wäre das nicht gewesen, ich hätte mich schon selber weitergefunden«, knurrte der Taucher gleich wieder unwirsch, weil er sich eben nicht gern etwas befehlen ließ.
Der andere ward jedoch nicht abgeschreckt.
»Sie sollten darüber nicht ungehalten sein«, fuhr er fort. »Wir hätten uns nicht erlaubt, Ihnen diese Vorschrift zu machen, wäre nicht höchste Eile geboten. An dem Orte, der Ihnen als Ziel gegeben ist, sind Umstände eingetreten, die ein rasches Eingreifen erfordern, und deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass Sie womöglich in die Irre fahren.
Also entschuldigen Sie, Herr Flint!«
»Bitte sehr, hat gar nichts zu sagen«, erwiderte der Brummbär da ganz höflich.
»Und Sie werden den erhaltenen Befehl auch ausführen?«
»Hmmm — na ja —«
Das Wort »Befehl« hatte Richard Flint schon wieder verdrossen.
»Dann ist es gut! Und damit Sie wissen, dass Sie wirklich genau vierundzwanzig Stunden unterwegs sind, wird von jetzt ab ständig die Uhr die Zeit angeben. Es ist eine Repetieruhr, die immer vor jedem Viertelschlag auch die Stunde wiederholt —«
»Jaja, ich verstehe schon.«
»Und dann noch eins, Herr Flint! Sie dürfen von zwölf bis vier schlafen.«
Richard kratzte sich hinter dem einen Ohre.
»Aha!«, machte er dann. »Sie haben wohl gemerkt —«
»Jawohl, wir wissen, dass die Müdigkeit Sie überwältigte, und daraus, dass wir Sie ruhig schlafen ließen, dürfen Sie schon entnehmen, dass wir gar nichts dagegen hatten. Sie dürfen also auch jetzt wieder schlafen, doch nur vier Stunden — es tut uns leid, es geht nicht anders.«
»Na, da strengen Sie sich nur nicht erst lange mit Entschuldigungen an! Das ist doch ganz überflüssig. Was nötig ist, wird allemal gemacht. Ich weiß bloß nicht, ob ich so genau mit dem Glockenschlage vier aufwachen werde!«
»Ohne Bange! Man wird schon dafür sorgen.«
»Das können Sie also?«
»Freilich können wir das.«
»Und da haben Sie mich vorhin auch geweckt, indem Sie es acht schlagen ließen?«
»Jawohl, das ging von uns aus.«
»Na, wie lange haben Sie mich denn da schlafen lassen?«, fragte Richard Flint, der immer noch überzeugt war. dass er bloß so ein »Nickerchen« gemacht hatte.
»Genau neun Stunden!«, lautete die Antwort.
»Waaas? Neun Stunden hätte ich geschlafen? Ausgeschlossen!«
»Es ist aber so, Herr Flint! Und seien Sie nur überzeugt, dass wir Ihnen diese wohlverdiente Ruhe von Herzen gegönnt haben, schon deswegen, weil Sie nun bald Ihre volle Kraft brauchen werden.«
»So gibt es also bald ein richtiges Abenteuer?«, fragte Richard Flint und vergaß dabei schon wieder das andere.
»Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen«, erwiderte der andere höflich. »Jedenfalls erwartet Sie ein Abenteuer, das Mut und Geistesgegenwart erfordert.«
»Na, daran soll es nicht fehlen, so weit der Vorrat reicht!«, versetzte die menschliche Bulldogge, und ihre Augen funkelten schon in Kampfgier —
»Schön!«, sagte die Stimme des Unbekannten. »Was Sie sonst noch wissen müssen, werden Sie zur rechten Zeit erfahren.«
Dann war das Gespräch zu Ende, und nun erging es Richard Flint wieder genau so, wie es ihm schon jedes Mal ergangen war, wenn er mit dem Manne geredet hatte.
Als es zu spät war, fiel ihm ein, dass er wieder einmal die Hauptsache vergessen hatte.
Er sollte volle vierundzwanzig Stunden geradeaus fahren. Das war kein Kunststück. Davon durfte er vier ganze Stunden verschlafen.
Ja aber, mit welcher Schnelligkeit denn?
Das Boot fuhr mit jeder, die man wünschte. Der Widerstand des Wassers schien überhaupt nicht in Betracht zu kommen.
Und wenn Richard Flint vierundzwanzig Stunden mit höchster Kraft fuhr, dann musste er doch ganz anderswo hin kommen, als wenn er mittlere und niedere Schnelligkeit einschaltete. Da kamen Ortsunterschiede in Frage, die gar nicht auszudenken waren.
Das einfachste wäre nun gewesen, er hätte den Herrn nochmals angerufen und sich Bescheid geholt; aber das brachte dieser Dickkopf eben nicht fertig, da fuhr er lieber nach Gutdünken.
Vorläufig stellte er erst mal die Fahrt auf höchste Kraft, schaltete dabei vorsichtshalber das Licht mit voller Stärke nach vorn ein, nachdem er vorher den Kurs genau festgelegt hatte, was ja gar kein Kunststück war.
Denn das muss doch mal gesagt werden, was die Landratte eben immer verwechselt: Das Steuern des Schiffes besorgt nicht der Steuermann, sondern das tut ein gewöhnlicher Matrose; auf den großen Personendampfern sind da besondere Quartermeister angestellt — Quartus heißt der vierte — hier bedeutet es die Ablösung alle vier Stunden — und dass diese Quartermeister sogar auf den großen Ozeandampfern immer nur ein paar Mark geringer bezahlt werden als die wirklichen Matrosen, das lässt doch schon darauf schließen, dass auch ihre Arbeit weniger wert ist als die jener. Sie haben eben weiter nichts zu tun, als immer auf die Scheibe zu gucken, über welcher eine Nadel schwebt — nicht etwa die Magnetnadel, denn die ist unsichtbar, liegt unter der Scheibe — und nun muss der Quartermeister darauf achten, dass diese Nadel ständig den angegebenen Kurs zeigt — eine sehr, sehr stumpfsinnige Tätigkeit, zu der sich eben ein rechter Seemann gar nicht hergibt. Da ist es schon etwas anderes, wenn auf einem Segelschiff der Rudergänger sich mit dem schweren Dinge herumbalgen muss, das ihn doch gleich sonst wohin wirft, wenn er nicht acht gibt.
Also der Steuermann gibt den Kurs an, der Rudergänger oder der Quartermeister hält ihn!
Und wenn er das mal nicht tut, wenn er mal döst, dann kommt eben ein dreidoppeltes Donnerwetter auf seinen Kopf! Dann geht es ihm schlecht!
Und das mit vollem Recht!
Denn auch eine an sich geringe Abweichung kann da die schlimmsten Folgen herbeiführen.
Richard Flint brauchte sich aber nun nicht etwa im Stumpfsinn zu üben, indem er ständig nach dem Kompass schauen musste, der vor ihm senkrecht an der Wand angebracht war, aber seine Bewegungen auf eine andere Nadel übertrug, die über einer waagrechten Scheibe schwebte.
Er konnte das Ruder feststellen, bei diesem »Thesaurus« eine Kleinigkeit, und dann fuhr das Boot folgsam geradeaus, bis eben der Kurs einmal geändert wurde.
Richard Flint nahm vielmehr die Seekarte her, wollte feststellen, wohin er da nach vierundzwanzig Stunden kommen musste.
Aber das konnte er eben nicht, weil er keine Ahnung hatte, wo er sich zu Beginn der Fahrt befunden hatte. Da hätte er eben nach der Sonne »schießen«, eine Ortsbestimmung machen müssen, und das hatte er unterlassen. Oder er hätte sich von den Trankochern den Ort sagen lassen können, wenn die ihn nicht vorher totgeschossen hätten, wenigstens den »Thesaurus«!
Es war also nichts zu machen.
Der einzige Anhalt, den Richard Flint gehabt hätte, wäre der gewesen, dass er überhaupt einem Walfischfänger begegnete, aber die trieben sich doch überall in diesen südlichen Breiten herum, die Wale kommen nicht etwa nur in den eiskalten Meeren der Polarzone vor, gehen oft weit nach Norden, und umgekehrt auch weit nach Süden, wenn sich's um die nördliche Halbkugel handelt.
Also Richard Flint hatte keine Ahnung, wo er sich befand, konnte demnach auch nicht feststellen, wohin er kommen würde, wenn er in dieser schnellen Fahrt einen ganzen Tag unter Wasser dahinsauste, und eben wollte er die Karte zusammenfalten und weglegen, da gewahrte er, dass an einer Stelle ein kleiner roter Stern eingezeichnet war. Er wusste genau, dass das vordem nicht der Fall gewesen war, er hatte nie einen solchen Stern gesehen. Demnach musste dieser hier erst kürzlich eingezeichnet worden sein —
Aber von wem denn?
War vielleicht jemand in das Boot gekommen, während er so fest geschlafen hatte?
Richard Flint schüttelte den Kopf.
Das konnte er sich doch nicht gut vorstellen, so Wunderbares er nun hier auch schon erlebt hatte.
Da blieb bloß die Möglichkeit, dass es zwei solche Karten gab und er jetzt eine erwischt hatte, die er noch nicht kannte.
Er guckte in den Kasten.
Keine andere Karte lag darin.
Also musste doch jemand —?
Nun, Richard Flint grübelte nicht weiter nach.
Wenn jemand diesen Stern eingezeichnet hatte, während er schlief, dann war das nicht ohne Grund geschehen, war das ganz gewiss der richtige Schiffsort, und dann konnte er das Fahrtziel berechnen, die Schnelligkeit entsprechend einstellen.
Der Kurs war NNW.
Richard Flint legte ein Lineal an.
Wenn er schnurgerade weiterfuhr, was unter See immerhin möglich war, dann kam er an dem ganzen malaiischen Archipel gerade noch vorbei, ebenso an Singapur — und rannte schließlich gegen die Insel Ceylon.
In vierundzwanzig Stunden?
Er rechnete, teilte die Entfernung durch die Fahrschnelligkeit —
Es stimmte nicht.
Wenn er so weiterraste, fuhr er gleich noch durch die ganze Gewürzinsel hindurch und drüben wieder in den Ozean hinein!
Jedenfalls wollte er erst mal nach Ceylon. Das Weitere würde sich finden.
Und die Fahrschnelligkeit wurde beibehalten!
Gerade erst recht!
Wenn die was wollten, würden sie sich schon melden!
Die Zeit verging, von der Uhr regelmäßig angegeben.
Halb zwölf aß Richard Flint erst noch einmal, und als es zwölf voll schlug, legte er sich lang, schlief auch gleich ein.
Geweckt zu werden brauchte er diesmal nicht, denn ohne Weiteres wachte er auf, als es vier schlug. Auch das hatte er als Seemann gelernt, wie jeder es lernen kann, und ein Blick auf den Kompass überzeugte ihn, dass er nicht abgekommen war.
Jetzt aber hieß es schon aufpassen.
Nach der Karte, die er zu Rate zog, war er über den Wendekreis des Steinbocks hinaus, hätte, wenn er auftauchte, vielleicht schon die KeelingInseln gesichtet, jene weltverlorenen Eilande, die fast genau unter zehn Grad südlicher Breite liegen — oder er fuhr westlich an ihnen vorbei mehr nach dem ChagosArchipel zu.
Dann galt es erst recht aufzupassen, denn da kam er in das Gebiet der Malediven und Lakadiven, ohne sie freilich unmittelbar zu berühren, denn sein Ziel, Ceylon, lag eben östlich von diesen Gruppen.
Er konnte mit ziemlicher Sicherheit feststellen, wo er sich befand, wenn er in die möglichst große Tiefe ging, denn auf der Karte war stets die Meerestiefe verzeichnet; als sei sie durch einen selbsttätigen Registrierapparat eingezeichnet; das ging nicht etwa gleich immer hundertmeterweise, sondern manchmal waren Unterschiede von zehn, auch von acht Metern eingetragen, und der Tiefenmesser, jene Scheibe, arbeitete vorzüglich, gab immer genau an, wie tief der »Thesaurus« lag.
Dass dieser Apparat dabei schon wieder die Tiefen selbsttätig aufzeichnete, ahnte Richard Flint ja nicht, er hatte genug zu tun, um immer einmal nach der Karte und dann nach dem Tiefenanzeiger zu sehen.
Dieser zeigte 2330 Meter, dann purzelte er ganz plötzlich auf 2453, stieg wieder auf 2436 und fiel auf einmal auf 2609.
Richard Flint war also in ein unterseeisches Gebirge geraten, und da musste er allerdings aufpassen wie ein Heftelmacher, dass er nicht irgendwo anrannte.
Den gewaltigsten Sprung aber machte er, als es von 2105 Metern gleich auf 2867 hinabging; dann jedoch kam er eigentlich nicht mehr viel höher, nur einmal auf etwas über 2700. Darauf sauste der »Thesaurus« so weiter, und die Zeit verstrich. Richard Flint brauchte gar keine Uhr mehr, rechnete nach den Pfeifen, die er ausrauchte.
Noch eine Stunde!
Dann kam das Abenteuer!
Mut und Geistesgegenwart sollten dazu nötig sein!
»Und Waffen!«, dachte Richard Flint und guckte sich um, ob der elektrische Revolver noch da sei.
Jetzt spähte er unausgesetzt nach vorn.
Nach der Karte musste er sich zwischen den Malediven und Kap Dondra befinden, näherte sich der Südspitze Vorderindiens, dem Kap Komorin, und er wunderte sich schon etwas —
Da schlug die Uhr vierundzwanzig!
Denn das war eben das Bequeme an ihr, dass sie die Stunden weiterzählte. Langweilig war nur, dass er allemal hatte mitzählen müssen, um ja nichts zu verpassen.
Und als der letzte Schlag verhallte, da stoppte Richard Flint die Maschine und der »Thesaurus« lag still, als könnte er sich überhaupt nicht bewegen.
Richard Flint schaute hinaus.
Unmittelbar vor dem sehr spitzen Buge des Bootes erhoben sich dunkle Massen. Aus Stein waren sie, aber Klippen konnten das auch nicht sein, dazu waren sie zu schwach.
Sollte er noch näher heranfahren?
Da meldete sich schon der Aufpasser, wie er es versprochen hatte, doch ehe er noch etwas sagen konnte, rief Richard Flint ihn an.
»Nur eine Frage!«, sagte er.
»Bitte sehr! Wenn ich Ihnen antworten darf, wird es mit größtem Vergnügen geschehen.«
»Na, ein Staatsgeheimnis will ich nicht von Ihnen wissen«, erwiderte Richard Flint. »Ich möchte bloß einmal fragen, ob Sie während dieser ganzen vierundzwanzig Stunden auf mich aufgepasst oder auch einmal ein Nickerchen gemacht haben.«
Ein halblautes Lachen erscholl.
»Wir werden alle vier Stunden abgelöst, können während der nächsten Zeit schlafen oder sonst was tun.«
»Na, dann bin ich beruhigt«, sagte der Raucher. »Ich dachte nämlich, Sie müssten sich meinetwegen des Schlafes berauben, und das möchte ich nicht.«
»Sehr liebenswürdig, Herr Flint! Nein, Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Und ich meinerseits brauche Sie natürlich nicht zu fragen, ob Sie das Ziel wirklich erreicht haben. Ich sehe ja hier, dass Sie vor den Felsennadeln von Trewandur liegen —«
»Wohin ich also kommen sollte!«, unterbrach Richard Flint.
»Ganz sind Sie noch nicht am Ziele, Herr Flint. Aber es ist nicht mehr weit. Sie müssen jetzt fast bis zum Meeresspiegel emportauchen.«
»Und werde wieder als Pottwal angesehen!«
»Nein, Sie kommen nicht ganz an die Oberfläche, sondern bleiben zwanzig Meter unter ihr.«
»Das werden wir gleich besorgen! Sie sagen mir wohl, wenn ich etwa den Kurs ändern soll!«
»Sie sollen nur steigen, nichts weiter!«
Also stellte Richard Flint den Hebel und kam aus dreitausend Meter Tiefe bis auf zwanzig hinauf.
»Halt!«, wurde kommandiert.
Der »Thesaurus« legte sich auf eine ebene Fläche, wohl aus Gestein gebildet, aber dicht mit allerlei Wassergetier, Seeanemonen, Muscheln und so bedeckt, dass der Boden nur stellenweise sichtbar war.
Aber auch Haifische gab es hier.
Diese Kerle entdecken ja gleich alles, was in ihren Bereich kommt, und was sie nicht selber sehen, das melden ihnen die kleinen Fische, die immer bei ihnen sind und »Lotsen« genannt werden.
Um den »Thesaurus« her wimmelte es von den Viechern, und Richard Flint sah ganz ansehnliche Kerle. Hunger hatten sie anscheinend — oder vielmehr bestimmt auch; Haifische haben immer welchen —
Na, sie störten ihn nicht; herein zu ihm konnten sie nicht, und er selber würde sich schön hüten, hier einen Spaziergang auf dem Meeresboden zu unternehmen.
Jawohl, da hatte er eben falsch gerechnet.
»Herr Flint, jetzt sind Sie wirklich am Ziele. Sie müssen jetzt das Boot verlassen und über die Gesteinsplatte gehen, bis Sie auf ihr eine Säulengruppe entdecken. Es sind immer je zehn Säulen nebeneinandergestellt, und alle vierzig Meter erhebt sich eine andere Gruppe. Sie gehen bis zur achten —«
»Ausgeschlossen!«, sagte da Richard Flint.
»Wieso denn?«, fragte die Stimme etwas verwundert.
»Weil ich nicht bis zur ersten komme«, entgegnete Richard Flint ganz trocken. »Sobald ich einen Fuß aus dem Boote setze, packen die Haie mich, na, und was dann von mir übrigbleibt, das brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen.«
Da lachte der andere wieder einmal, dass Richard Flint gleich puterrot wurde vor Wut.
»Sie! Hören Sie mal! Auslachen lasse ich mich nicht!«, schrie er los.
»Verzeihung, das tue ich auch nicht! Ich musste nur über den Ton lachen, über die Worte. Ich habe nicht gewusst, dass Sie auch Humor haben, Herr Flint.«
»Das wäre dann schon mehr Galgenhumor!«, knurrte der.
»Sie wissen wohl noch nicht, dass keiner der Haie sich an Sie wagen wird, überhaupt kein Tier?«
Das wusste Richard Flint natürlich nicht, hatte keine Ahnung, dass es derartige Mittel gab. Nicht nur die beiden deutschen Gelehrten waren hinter dieses Geheimnis gekommen, Loke Klingsor hatte es vor ihnen bereits entdeckt gehabt, es sogar viel wirkungsvoller auszugestalten gewusst als jene.
Jetzt bekam also Richard Flint eine Aufklärung, suchte dann in dem Fache, das ihm bezeichnet worden war und entnahm ihm das Mittel.
Da die Anwendung sehr einfach war, kam er schnell mit der Sache zustande, hielt es aber nicht erst für nötig, Meldung deswegen zu erstatten, hatte überhaupt die ewige Fragerei und die daraus folgende Belehrung satt, wollte lieber einmal auf eigene Faust handeln.
So steckte er zu sich, was er brauchte; er dachte ja nur an einen kurzen Ausflug bis zu jener achten Säulengruppe. Besonders neugierig war er nicht, er hatte eben eine Pflicht zu erfüllen.
Nun aber war doch etwas anderes bei der Sache, an das er allerdings gar nicht dachte.
Das Mittel, die Haifische und andere Tiere von sich abzuwehren, hatte er ja gefunden und angewendet, aber — nun kam doch der »springende Punkt«.
Jetzt musste er hinaus, mitten unter die Bestien, und beweisen, dass er dem unbekannten Ratgeber, dem Vertreter Loke Klingsors, unbedingt vertraute.
Und dazu gehörte eine tüchtige Portion Mut!
Wenn einem geheißen wird, in einen Käfig voll wilder Tiere zu steigen, sich unter Löwen, Tiger und ähnliche »Kätzchen« zu begeben, und einem dabei versichert wird, das seien ganz harmlose Tiere, dann wird man sich die Sache doch wohl noch dreimal überlegen. Selbst Dompteure haben da doch erfahren müssen, dass solche Bestien ihre Launen haben.
Hier aber handelt es sich nicht um gefangene Tiere, sondern um hungrige Haifische in ihrem ureigensten Elemente.
Trotzdem besann Richard Flint sich nicht einen Augenblick, öffnete die Tür und trat hinaus, zunächst also noch von einem Luftraume umgeben, in welchen die Raubfische nicht zu dringen vermochten.
Er musste lachen, als er sie eiligst heranschießen sah, und sich dann wieder einmal wundern, als sie samt und sonders so sehr eilig wieder abrückten, als hätten sie sich das Maul verbrannt.
Das machte ihm sogar Spaß, er blieb stehen und beobachtete lachend, wie immer andere Haie herankamen, wie sie sich auf die willkommene Beute stürzen wollten und dann sozusagen den Schwanz einzogen und machten, dass sie fortkamen.
Eine Wirkung des Geheimmittels konnte das noch nicht sein, denn er befand sich ja noch nicht im Wasser. Die Lufthülle, die ihn umgab, erwies sich als fester Schutz — oder es kam eben dabei wieder etwas in Frage, was er nicht ahnte.
Nach kurzer Zeit waren jedenfalls sämtliche Haie verschwunden, nicht ganz freilich — sie umkreisten in gebührender Entfernung den »Thesaurus«.
Richard Flint hatte diesem den Rücken gekehrt, nun aber fiel ihm ein, was ihm für den Fall eingeschärft worden war, dass er das Boot einmal verließ.
Er sollte es dann immer unsichtbar machen.
»Das habe ich ganz vergessen«, murmelte er nunmehr, drehte sich um und —
Er sah nichts mehr von dem Fahrzeug!
Zunächst nahm er an, er habe sich geirrt, rieb sich die Augen, guckte sich überall um —
Jawohl, der »Thesaurus« war fort, spurlos verschwunden!
Der nächste Gedanke, der Richard Flint kam, war, man wollte sich einen kleinen Scherz mit ihm erlauben, habe das Fahrzeug unsichtbar gemacht.
Er regte sich also nicht besonders auf. Sein Ortsgedächtnis war sehr gut, hier brauchte er es jedoch gar nicht, er wusste genau, wo das Fahrzeug liegen musste, und so schritt er in dieser Richtung vorwärts, fest überzeugt, dass er nach wenigen Schritten gegen eine feste Wand stoßen müsste.
Nichts war es!
Er musste sich doch geirrt haben. Der »Thesaurus« stand vielleicht doch wo anders —
Richard Flint tappte aber nun nicht etwa wahllos umher, sondern bewies, dass er seinen klaren Kopf oben behielt.
Er suchte sich zu besinnen, wie er bei seiner Ankunft die Felsen vor sich gesehen hatte.
Das war in einer Tiefe von 2700 Metern geschehen, dann war er bis auf zwanzig Meter unter die Meeresoberfläche emporgestiegen, hatte dabei indes immer Ausschau gehalten und genau beobachtet, wie er auf diese Platte gekommen war, auf welcher er jetzt stand.
So hatte das Unterseeboot gelegen. Dann war er nach Steuerbord ausgestiegen, hatte nur wenige Schritte getan.
»Also muss ich das Ding finden, wenn ich nach Backbord gehe«, murmelte er, marschierte darauflos —
Ins Leere hinein!
Er dachte nicht daran, zu fluchen, weil er sich abermals getäuscht hatte. Das war ihm von seiner Martha abgewöhnt worden, nicht ganz, aber doch so ziemlich.
Auch wütend wurde er nicht.
»Na, wenn's denen Spaß macht, mich mal ein bisschen zu erschrecken, dann mögen sie es tun, aber ich denke, sie werden die Sache bald von selber satt kriegen, wenn ich nicht vor Wut aus der Haut fahre.
Und außerdem — wozu brauche ich denn jetzt das Boot, wo ich doch auf dem Meeresgrunde herumspazieren soll?« —
Also gesucht wurde nicht mehr, geflucht auch nicht.
Richard Flint machte sich nicht zum Hanswurst, sondern stellte sich wieder so, wie er anfangs gestanden hatte.
Hier war die erste Säulengruppe. Bis zur achten sollte er gehen.
Also los!
Und wieder bewies Richard Flint, dass er den Unbekannten, die ihn in dieses Abenteuer geführt hatten, vollkommen vertraute, dass er sich keinerlei Sorgen machte, wie er nun durch das Meer bis an sein Ziel kommen könnte, ohne Taucheranzug —
Und da gewahrte er schon, dass die Luftschicht, die vor der Tür des »Thesaurus« gewesen war, sich nicht von ihm trennte.
Indem er selber dahinschritt, bewegte sie sich mit ihm, und da er sich also um diese Seite des Abenteuers nicht mehr zu kümmern brauchte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge, betrachtete zunächst einmal die Säulengruppe, vor welcher er eben stand.
Er sah sofort, dass er hier nicht etwa Klippen vor sich hatte, sondern Erzeugnisse menschlicher Steinmetzarbeit.
Die Säulen, die vor ihm aufragten bis in eine Höhe, die er nicht beurteilen konnte, waren mit dem Meißel geglättet, aber mit keinerlei Verzierung versehen worden.
Aus was für einem Gestein sie bestanden, ahnte er nicht, kümmerte sich auch nicht darum, schritt nur um die ganze Gruppe herum und stellte fest, dass zwischen je zwei Säulen gerade so viel Zwischenraum war, dass ein Mann hindurchgehen konnte. Ihre Stärke betrug im Durchmesser etwas über einen Meter. Sie waren in einem Quadrat aufgestellt, sodass auf jeder Seite drei standen, die letzte immer wieder schon zur nächsten Seite zählend, und da war selbstverständlich, dass in der Mitte des Quadrates ein freier Raum blieb, der also dem Durchmesser von drei solchen Säulen und dem Zwischenraum zwischen zweien entsprach.
Durch Abschreiten stellte Ricard Flint fest, dass der Innenraum etwas über dreieinviertel Meter maß.
Während er das alles beobachtete, wunderte er sich, dass es ständig hell um ihn blieb.
Anfangs hatte er nicht darauf geachtet, hatte dies dem Lichte zugeschrieben, das von dem Unterseeboote ausstrahlte. Jetzt aber stutzte er doch einmal.
Das Fahrzeug war verschwunden, von ihm konnte das Licht nicht ausgehen.
Woher kam es also?
Ja, fragen konnte er sich danach, aber eine Antwort fand er nicht, wie schon früher nicht, wenn etwas rätselhaft erschienen war.
Es machte den Eindruck, als ginge die Helligkeit von ihm selbst aus. Jedenfalls grübelte er nicht über die Ursache nach, sondern setzte seine Beobachtungen fort.
Viel war nicht mehr zu sehen, es sei denn, dass er sich mit der unterseeischen Fauna hätte beschäftigen wollen, die freilich merkwürdig genug war, aber diese Seesterne und Seeanemonen, diese vielen verschiedenen anderen Tiere, alle aber auf der niedersten Entwicklungsstufe stehend, hatten für ihn kein Interesse. Höchstens dachte er mal, dass er einen dieser kolossalen Seesterne mitnehmen und für seine Martha trocknen könnte. Doch das hatte Zeit, bis er den Rückweg antrat.
Richard Flint schritt die vierzig Meter bis zur nächsten Gruppe, erreichte sie ohne irgendwelchen Zwischenfall und stellte dort fest, dass die acht Säulen genau denen der ersten Gruppe glichen, den gleichem Abstand aufweisend.
Da kümmerte er sich um nichts mehr, sondern wanderte weiter, bis er die siebente Gruppe hinter sich hatte und sich der achten und letzten näherte.
Dabei kam ihm der Gedanke, dass also auch da die Achtzahl innegehalten war.
Acht Säulen bildeten allemal eine Gruppe, acht solche Gruppen standen in einer Reihe, und sicher ging es dann nach der anderen Seite, rechtwinklig abbiegend, ebenso weiter.
Er kam nicht dazu, das festzustellen, denn schon ehe er zu dieser letzten Gruppe gelangte, sah er auf dem immer noch fast ebenen Meeresboden Gegenstände liegen — er hatte für den ersten Augenblick keinen anderen Ausdruck dafür —
»Das sind doch Skelette von Menschen!«, sagte er endlich, als keine Täuschung mehr möglich war, er schon vor einem solchen Gerippe stand.
Ja, es waren Menschenskelette, die Schädel verrieten es deutlich genug, und sie waren vollkommen erhalten, nicht etwa, dass die einzelnen Knochen verstreut umherlagen, sie hingen vielmehr noch zusammen, als seien sie durch Metalldrähte miteinander verbunden.
An und für sich wäre das Vorhandensein dieser Skelette nichts besonders Merkwürdiges gewesen. Sie konnten von Menschen herrühren, die bei einem Schiffbruch umgekommen waren, obwohl sie da schwerlich so wohlerhalten geblieben wären. Da hätten sich doch die zahlreichen Fleischfresser des Meeres über die willkommene Beute hergemacht, hätten die Glieder hierhin und dorthin geschleppt —
Und außerdem wären nicht alle diese Unglücklichen an einer Stelle des Meeresbodens gelandet, wenn man diesen Ausdruck brauchen durfte. Das wusste doch gerade dieser Taucher aus eigener Erfahrung, wie schon erwähnt wurde.
Aber nicht darüber wunderte er sich, sondern über etwas ganz anderes.
»Das müssen aber Kerls gewesen sein!«, sagte er halblaut.
Und da hatte er vollkommen recht.
Der Schädel des Menschen erreicht ja wohl verschiedene Größe, es gibt Groß- und Kleinschädel und alle die Zwischenstufen, aber im Durchschnitt wird er doch nicht größer als eine handliche Kegelkugel, die genauen Maße brauchen da gar nicht erst angeführt zu werden.
Die hier jedoch waren viel, viel größer, hatten mindestens den doppelten Umfang wie üblich, und dem entsprachen auch die übrigen Teile des Skeletts.
Die Menschen, die hier ein Ende gefunden hatten, hatten im Durchschnitt eine Höhe von drei Metern und darüber erreicht, und die Arm- und Beinknochen wiesen die dazugehörige Stärke auf.
Da war es kein Wunder, wenn Richard Flint sich diese Reste geraume Zeit betrachtete, dass er — allerdings ganz vergeblich — nach anderen Resten suchte, aus denen er hätte schließen können, um was für Riesen es sich da gehandelt hatte.
Er fand gar nichts, was ihm auf eine Spur hätte helfen können, keine Waffe, keinen Schmuckgegenstand.
Es schien, als seien diese Toten vollkommen nackt hier unten angekommen —
Oder sie waren schon Gerippe gewesen, als sie versenkt worden waren!
Aber das schien ausgeschlossen, weil eben diese Knochen doch zu leicht waren, gar nicht bis in zwanzig Meter Tiefe hätten sinken können.
»Na, da eben nicht!«, dachte Richard Flint, obwohl jetzt doch etwas wie Neugier in ihm erwachte.
Wie schon gesagt, hatte seine Martha ihm manchmal Märchen erzählt, und wie so viele überaus starke Männer, die einen harten und gefahrvollen Beruf ausüben, hatten diese phantastischen Geschichten ihm stets sehr gut gefallen, besonders die, in denen Riesen vorkamen, solche ungeschlachte, aber dumme Kerle, die von einem furchtlosen Menschenknirps immer so leicht besiegt und übertölpelt wurden.
Geglaubt hatte Richard Flint natürlich an diese Geschichten nicht, es waren eben Märchen für kleine und für große Kinder, aber es war kein Wunder, wenn er angesichts dieser Riesenskelette jetzt an die Geschichten dachte und sich sagte, dass doch vielleicht etwas Wahres dran sein könnte. Auch in der Bibel war ja von Riesen die Rede, von den Söhnen der Götter, die sich mit den Töchtern der Menschen vermischten. Aber die Bücher Moses waren ja auch vielfach nur Märchen und Sagen —
Noch so in Gedanken versunken dastehend, schrak Richard Flint auf einmal zusammen.
Aus der Höhe über ihm kam es herab —
Ein ganzer Regen war es, mehr ein Schloßenwetter.
Und es schloßte solche Gerippe.
Ganz merkwürdig war es, wie rasch sie herabkamen.
Richard Flint konnte bloß zur Seite springen, wollte es wenigstens, blieb aber alsbald wieder stehen.
Die Skelette fielen nicht auf ihn, blieben etwa in Meterhöhe über ihm scheinbar im Wasser schweben, wenigstens die, die unmittelbar über ihm landeten.
Andere dagegen, die etwas weiter von ihm herabkamen, sanken bis auf den Meeresboden und blieben dort liegen, wie die schon vorhandenen dort lagen.
Und da erkannte Richard Flint, dass er vor einem für sich abgeschlossenen Raume stand, in einer Art Taucherglocke, wie er sich gleich ausdrückte, in welche nichts von außen her gelangen konnte.
Aber die Gerippe? Woher kamen die auf einmal?
Er schaute empor und gewahrte nun erst, dass das Licht, welches von seiner Taucherglocke ausging, auch ziemlich weit in die Höhe reichte, und da sah er mit vor Staunen offenem Munde, dass in einer der Säulen eine Klappe aufging, ein solches Gerippe herausgeschleudert wurde und herabkam.
Und dann wiederholte sich das an der nächsten Säule.
Richard Flint sperrte tatsächlich den Mund auf!
Aber nicht lange!
War er deshalb hierher geschickt worden, um dies festzustellen?
Nein, das konnte nicht der Zweck sein.
Er sollte das ewige Licht von Trewandur suchen.
War das der Weg dorthin?
Durch eine dieser doch sicher hohlen Säulen?
Jetzt allerdings hätte Richard Flint schon etwas darum gegeben, hätte er den Unbekannten fragen können, aber kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, da richtete er sich schon trotzig auf.
Nun gerade nicht!
Nun wollte er von allein hinter das Geheimnis kommen, das hier doch vorlag, wollte feststellen, wer die Gerippe der Riesen von dort oben herabschickte.
Menschen?
Ausgeschlossen!
Oder sie verfügten eben über ähnliche geheime Kräfte wie Loke Klingsor!
Da gab es nicht viele Rätsel zu raten, denn Richard Flint hatte doch gesehen, dass die Klappen in den Säulen sich nach außen öffneten, und das war an und für sich in dieser Tiefe, bei diesem Wasserdruck, ausgeschlossen. So etwas kann wohl ein phantasiereicher Jugendschriftsteller seinen Lesern auftischen, aber kein vernünftiger Mensch wird ihm glauben.
Vielleicht waren also dort oben Leute Klingsors beschäftigt mit einer Art Großreinemachen?
Dann musste Richard Flint erst recht zu ihnen kommen!
Noch einmal schaute er empor, sah eben noch, wie aus einer Klappe wieder ein solches Riesengerippe herauskam, sah aber auch noch etwas anderes —
Ein Mann schaute heraus, dem sinkenden Skelett nach!
Ein Mann mit schwarzem Vollbart, einem Turban auf dem Kopfe!
Weiter war nichts zu sehen, weil der Unbekannte eben nicht mehr als diesen Kopf aus der Öffnung schob.
Im nächsten Augenblick stand Richard Flint am Fuße der betreffenden Säule, untersuchte sie, umschritt sie und spähte nach einer Möglichkeit, sie zu öffnen und hineinzukommen.
Ja, etwas stellte er fest.
Diese Säulen waren nicht so glatt gearbeitet wie die in den anderen Gruppen, sondern wiesen am Fußende mehrere übereinandergelagerte Wülste auf, wie das häufig bei solchen Säulen der Fall ist.
Sonst aber waren sie ebenso glatt wie die übrigen.
Richard Flint bückte sich nach diesen Wülsten, tastete an ihnen herum und — schrak zurück, als plötzlich doch eine Türe sich auftat.
In demselben Augenblick spürte er, dass etwas auf ihn herabgeschleudert worden war. Hören hatte er nichts können, das Wasser verschlang jeden Laut, aber gespürt hatte er die Erschütterung doch.
Es war dasselbe, was in bestimmten Fällen vor Gericht angewendet wird.
Viele Faulenzer, die sich ein herrliches Leben schaffen wollen, ohne zu arbeiten, nur auf die Mildtätigkeit der Mitmenschen rechnend, geben sich als taubstumm aus und führen diese Rolle auch ganz geschickt durch, lassen sich nicht verblüffen, wenn sie plötzlich angeschrien werden, wenn man ganz unversehens hinter ihnen eine Pistole abfeuert.
Sie hören eben nichts, und da könnte man eine Kanone neben ihnen losfeuern.
Eben dadurch aber verraten sie sich!
Denn sie müssten den Luftdruck spüren trotz ihrer Taubheit!
Gerade Taube haben einen hochentwickelten Tastsinn, als Ersatz für das fehlende Gehör.
Der Richter kann nun freilich keine Kanone abfeuern lassen, aber er hat ein anderes Mittel, das bei solchen Simulanten fast stets den gewünschten Zweck erfüllt.
Er bestellt einen Gerichtsdiener, der hinter den falschen Taubstummen tritt, und während der Richter noch, vollkommen nutzlos, auf diesen einredet, lässt der Gerichtsdiener ganz plötzlich einen schweren Gegenstand zu Boden fallen.
Ein echter Taubstummer wird sich sofort umdrehen, ganz entsetzt!
Der falsche aber denkt, er darf nichts hören und bleibt stehen, wie er stand und da ist er entlarvt! Er hätte die Bodenerschütterung unbedingt spüren müssen! Sein Leugnen nützt ihm nichts mehr. Kaltblütig lächelnd verdonnert der Richter ihn zu einer verschärften Strafe, ohne sich darum zu kümmern, ob der Schwindler auch im Gefängnis seine Rolle weiterspielt. Da braucht er sich keine Vorwürfe zu machen, dass er einen Unglücklichen schuldlos verurteilt hat.
Und Richard Flint hörte hier zwar auch nichts, aber er spürte eben die mächtige Erschütterung, sah auch gleich, als er emporschaute, dass ein gewaltiger Stein aus der Klappe oben geschleudert worden war und nun auf dem »Dache« seiner Taucherglocke lag.
Er gewahrte auch noch einmal den schwarzbärtigen, beturbanten Kopf —
Und da schlüpfte er schon in die hohle Säule hinein.
»Na, warte, alter Junge!«, murmelte er dabei. »Dir werde ich das Schmeißen mit solchen Steinen schon austreiben!«
Er achtete nicht weiter darauf, dass hinter ihm die Türe von unsichtbarer Hand wieder geschlossen ward, dachte an gar nichts weiter als an sein Vorhaben, dem Schwarzbart oben einen Denkzettel zu geben, und guckte sich nach der Wendeltreppe um, die doch in dieser hohlen Säule nach oben führen musste.
Jawohl! Musste!
Martha Flint hatte einen Ausdruck, den sie immer anzuwenden pflegte, wenn sich ihr eine ganz, ganz bestimmte Erwartung nicht erfüllte.
»Quarkspitzen!«, sagte sie da. Und dasselbe Wort entschlüpfte jetzt auch dem Munde ihres Mannes.
»Ja, Quarkspitzen!«, sagte er, als er erkannte, dass eben keine Wendeltreppe vorhanden war, dass er in einem engen Raume stand, in dem er sich kaum umdrehen und dessen Decke er ganz bequem erreichen konnte, wenn er den Arm etwas emporreckte, ohne ihn ganz zu strecken.
Sonst war der Raum leer, nur nackte Wände.
Und der Ausgang war versperrt!
Richard Flint suchte vergebens nach der Stelle, wo die Tür gewesen war. Sie war nicht mehr zu sehen.
Ganz leer aber war der Raum doch nicht. Auf dem Boden lagen zwei lange Knochen, anscheinend Schienbeine eines solchen Riesen.
Wie gerade sie hier herein gekommen sein konnten, darüber dachte Richard Flint nicht nach, und das war ja auch sehr erklärlich, denn er hatte ganz, ganz andere Sorgen.
Als Taucher ward ihm doch sofort klar, dass der Luftvorrat in dem engen Raum nur auf wenige Minuten für ihn reichen konnte.
War er verbraucht, dann musste mein Richard Flint eben ersticken. Da half ihm auch kein Loke Klingsor mehr, es sei denn, der machte die Türe wieder auf und draußen stand noch die »Taucherglocke«!
Nun, bange machen ließ sich Richard Flint ja nicht gleich.
Vorläufig suchte er erst einmal nach der Tür, und, als er diese nicht finden konnte, reckte er beide Arme und stemmte sie gegen die Decke.
Ihm war plötzlich der Einfall gekommen, dass die sich bewegen lassen müsste, dass vielleicht dieser ganze Raum eine Art Fahrstuhl sei.
Aber nun erschrak er doch einmal, und zwar gleich ganz gewaltig.
Während er so die Arme gegen die Decke stemmte, wurde er gewahr, dass diese einen Druck auf ihn ausübte, anstatt umgekehrt!
Und da brauchte es für ihn gar nicht lange, bis er merkte, dass diese Decke sich mit unwiderstehlicher Gewalt senkte!
Er sollte also in diesem engen Loche zerquetscht werden!
Sofort besann er sich, dass in den Romanen und Kriminalgeschichten, die er früher einmal verschlungen hatte, sehr oft von solchen Marterkammern die Rede gewesen war, was die Unglücklichen da ausgestanden hatten, bis sie endlich im letzten Augenblick doch entdeckten, wie der Mechanismus abgestellt werden konnte, sich die Decke nicht mehr senkte.
Das war aber immer erst geschehen, wenn sie fast schon zu Mus zerquetscht hätten sein müssen — schauerlich, wie sie da stöhnten:
»Noch zwanzig Zentimeter! Lebe wohl, MarieLuise! Niemals sehe ich Dich wieder! Aber räche mich!«
Und dann mit versagender, schauerlich klingender, heiserer Stimme röchelten sie noch einmal:
»MarieLuise — — ich liebe Dich — — bis in den Tod!«
Und dann schnappte es, MarieLuise hatte ihren treuen Liebsten noch nicht eingebüßt, brauchte ihn nicht zu rächen!
Oder der »riesenhafte« Mann stemmte sich mit dem Rücken gegen die Decke, und so gewaltig war seine Kraft. dass er sie aufhielt — bis er gerettet ward!
Aber so etwas wirkt »atemraubend«!
Ja, Richard Flint entsann sich dieser Vorkommnisse, aber er dachte nicht daran, den Rücken gegen die sich immer mehr senkende Decke zu stemmen, er setzte sich vielmehr erst einmal oder hockte sich nieder —
»Na, Herr Klingsor«, dachte er dabei, »jetzt hast Du mal falsch prophezeit! Der Richard Flint sieht seine Martha doch nicht wieder!«
Dabei aber spürte er weder Trauer noch Wut, sondern einzig und allein Neugier, wie die Geschichte enden würde.
Und da sah er die beiden Schienbeinknochen liegen.
Auf einmal lachte Richard Flint aus vollem Halse.
Er konnte sich gar nicht wieder beruhigen, es war, als sei er plötzlich verrückt geworden, wie das ja oft genug bei Menschen vorkommt, die den Tod unerbittlich nahen sehen.
Und dann tat er etwas, was diesen Verdacht für jeden hätte zur Gewissheit werden lassen müssen, der ihn hätte beobachten können.
Er nahm die beiden Knochen und setzte sie aufeinander, was ganz leicht ging.
So ein menschlicher Schienbeinknochen ist selten höher als vierzig Zentimeter. Da muss der Betreffende schon ein sehr langer Kerl gewesen sein. Die hier aber stammten doch von Riesen, maßen jedes mindestens sechzig Zentimeter, zusammen also einen Meter zwanzig, und die sich senkende Decke stand immer noch einen Meter vierzig, die beiden übereinandergestellten Knochen erreichten sie also nicht.
Richard Flint aber hockte da, so gut es ging, und hielt die Knochen fest; das obere Ende ragte ein ganzes Stück über seinen Kopf hinaus.
Und dann wartete er ganz gemütlich, wie die Decke sich langsam senkte, immer Millimeter um Millimeter, bis sie endlich auf das obere Ende des einen Schienbeins stieß, erst ganz locker, dann aber fester und fester —
Und dann brauchte Richard Flint die beiden Knochen nicht mehr so festzuhalten, sie wurden durch den von oben wirkenden Druck aufeinandergepresst, er brauchte bloß noch aufzupassen, dass nicht der obere abrutschte.
Auch das war nicht mehr nötig; die beiden Knochen hielten so fest, wie sie nur halten konnten, und Richard Flint lehnte sich ganz seelenruhig gegen die Wand und — lachte wieder —
Ja aber, mussten die beiden Knochen nicht sofort zerdrückt werden?
Das eben war ganz ausgeschlossen, vollkommen! Über einen solchen Druck verfügten die hier in der engen Säule nicht, denn ein menschliches Schienbein trägt für den Quadratmillimeter zehn Kilogramm! Auf den Quadratmillimeter!
Das muss man sich nur erst einmal klarmachen, was das bedeutet!
Das bedeutet, das sein einziger menschlicher Schienbeinknochen imstande ist, einen Druck von ein tausendsechshundertfünfzig Kilogramm auszuhalten!
Eintausendsechshundertfünfzig Kilogramm!
Das ist das Gewicht von zwanzig erwachsenen Männern!
Und diese Schienbeine hier waren doppelt so lang wie die von gewöhnlichen Menschen, hielten also noch ganz andere Lasten aus!
Das ist ja eins der großen Wunder, die wir in unserem Körper unbeachtet mit herumtragen: der Knochenbau! Wir Menschen sind doch nichts anderes als wandernde Korallenriffe, aus hundert Millionen knochenbauenden Zellen zusammengesetzt, jede eingeschlossen in eine winzige Höhle, wie eben diese Korallentierchen!
Und wie sinnreich der Bau des einzelnen Knochens wieder ist, das ist doch ebenfalls nur wenigen bekannt.
Es ist hier früher die Rede gewesen von dem besten Stahl, den der Mensch je erzeugte, dem Damaszenerstahl. Er bestand aus kohlenstoffreichen, zopfartig miteinander verschlungenen Stahldrähten, die mit einer spröden Stahlsorte zusammengeschweißt wurden. Durch den Wechsel spröden und elastischen Stahls entstand jene Musterung, die als Damaszenermuster bezeichnet wird, und wenn ein aus solchem Stahl geglühtes Schwert dann vorsichtig zur Kühlung in Kuhdünger gebettet wurde, dann erlangte es jene Vortrefflichkeit, die nicht zu überbieten ist. Man kann tatsächlich mit einer solchen Klinge auch starke Eisennägel durchhauen, ohne eine Scharte in der Schneide zu haben.
Genau den gleichen Bau aber weisen die menschlichen Knochen auf.
Wenn man einen durchsägt — quer — dann bietet er dasselbe Bild wie eine durchgesägte Damaszenerklinge!
Es muss da noch etwas erzählt werden, denn die Aufgabe des Schriftstellers ist ja nicht nur, zu unterhalten, sondern auch einmal zu belehren, wenn es notwendig erscheint.
In Basel lebte ein Professor der Baukunst, Culmann. Er war mit dem Anatomen Meyer befreundet, besuchte ihn oft und unterhielt sich mit ihm über die von ihm begründete Theorie der »statischen Grafik«, welche sich mit den Spannungs- und Druckverhältnissen beschäftigt.
Eines Tages hatte der Anatom einen durchgesägten Oberschenkelknochen vor sich liegen, als der Baumeister kam und zu seinem grenzenlosen Erstaunen entdeckte, dass die Bälkchen im Innern des Knochens in Linien angeordnet waren, die genau seiner Theorie entsprachen. Sie entsprachen ganz genau den tragenden Innenpfeilern eines nach seiner Theorie konstruierten Turmes, und Culmann legte noch am gleichen Tage seinen Schülern die Aufgabe vor, einen Kran in Form eines Oberschenkelknochens zu konstruieren, die Druck- und Zuglinien einzutragen — und als Lösung erhielt er die Bälkchenkonstruktur, die er in dem durchgesägten Oberschenkel entdeckt hatte!
Diese Entdeckung hatte eine Umwälzung der Wissenschaft zur Folge; die Anhänger der Zweckmäßigkeitslehre sagten natürlich gleich: Seht nur, wie von Anfang an die Natur zielbewusst arbeitet!
Aber die Naturwissenschaftler machten ihnen einen Strich durch die Rechnung durch den Nachweis, dass die Natur nicht von Anfang die Knochen so gebaut hatte, sondern dass sie erst viele, viele Fehler beging, bis sie das Richtige entdeckte.
»Alles Seiende ist vernünftig, alles Vernünftige ist seiend«, sagt der Philosoph Hegel.
Genug davon!
Der Zweck dieser Abschweifung wäre erreicht, wenn auch nur einige der Leser sich fortan einmal mit dem Wunderbau ihres Körpers beschäftigten und zu der Erkenntnis kämen, dass er das Vorbild für fast alles ist, was unsere Baumeister von jeher haben schaffen können.
Richard Flint hatte sich einmal durch Zufall mit diesen Dingen abgegeben, hatte Knochen durch Säure biegsam gemacht, durch Verbrennen zu Steinen verwandelt, auch die Zug- und Druckfähigkeit geprüft, zunächst aus bloßer Spielerei, sich erst später aus anatomischen Lehrbüchern die Bestätigung dessen geholt, was seine Versuche ergeben hatten.
Seitdem wusste er, was menschliche Knochen auszuhalten vermögen, freilich auch, dass sich das nach dem Alter richtet — die größte Leistungsfähigkeit erreicht das menschliche Knochengerüst im Alter von dreißig Jahren —
Nun machte er hier also nicht etwa eine Probe, sondern arbeitete ganz zielbewusst, in der festen Überzeugung, dass diese beiden an sich gar nicht starken Schienbeinknochen auch dem stärksten Drucke würden standhalten können!
Und da hatte er das getan, was sein Beschützer ihm gar nicht besser hätte raten können!
Die Knochen krachten ein wenig, aber sie hielten, und Richard Flint wartete seelenruhig ab, was nun werden würde. Da musste er sich freilich etwas in Geduld üben, und das tat er, weil er inzwischen schon gemerkt hatte, dass in dieser Höhle etwas anderes nicht ganz stimmte.
Der Luftvorrat hätte nun schon aufgebraucht, er hätte schon längst eine »tote Leiche« sein müssen, wenn eben nicht doch irgendwie Luft hätte eintreten können.
Da dies aber der Fall war, er also nicht in Erstickungsgefahr kam, so sorgte er sich um nichts weiter und wartete geduldig, bis die oben merkten, dass es mit ihrem Vorhaben Essig war, dass sie ihn nicht zu Mus zerquetschen konnten.
Das dauerte lange genug an sich, aber doch nicht so lange, dass Richard Flint darüber die Geduld verlor. Er döste so ein bisschen vor sich hin, lachte auch wieder einmal, jetzt aber lautlos —
Und dann spitzte er die Ohren!
Er wusste sofort, woran er war.
Jetzt hatten die oben gemerkt, dass die Platte, welche als Decke des engen Raumes diente, sich nicht ganz gesenkt hatte. Sie mussten die Möglichkeit haben, das kontrollieren zu können.
Selbstverständlich wussten sie sich das nicht zu erklären. Die Presse hatte wohl sonst immer ganz zuverlässig gewirkt. Vielleicht waren die beiden Schienbeinknochen, durch welche Richard Flint sein Leben hatte retten können, die letzten Überreste eines Unglücklichen, der hier zerquetscht worden war.
Sie kamen, um nachzusehen, warum der Mechanismus heute nicht funktionierte.
Richard Flint hörte ganz deutlich schleichende Schritte über sich, sagte sich aber gleich, dass die Unbekannten vielleicht doch nicht aus Vorsicht so leise auftraten, sondern dass das durch die weichen Schuhe bedingt wurde, die sie trugen — eben indische Sandalen.
Zugleich aber wunderte er sich, wozu in diese Säule eine solche Marterkammer eingebaut worden war.
Menschen laufen doch für gewöhnlich nicht zwanzig Meter tief unter dem Meere herum, und außerdem war doch auch der Zugang zu der Säule trefflich verborgen. Richard Flint hatte ihn nur durch einen Zufall gefunden, war aber nicht imstande gewesen, ihn von innen wieder zu öffnen.
Wenn jedoch solche Vorsichtsmaßregeln von den Hütern dieser Säulen angewendet wurden, dann ließ sich daraus doch ein Schluss auf den hohen Wert des Geheimnisses ziehen, das sie wahrten.
Handelte es sich hier um das ewige Licht von Trewandur?
Welche Bewandtnis hatte es dann damit?
Diese Erwägungen huschten recht schnell durch Richard Flints Hirn, während er sein Gehör aufs äußerste anstrengte, um ja nicht den rechten Augenblick zu verpassen.
Sobald die Platte entfernt wurde oder sobald sich ein Spalt in ihr auftat und jemand hereinschaute, musste er zugreifen, den Kerl packen und festhalten.
Aber ja nicht zu derb, dass er ihm vielleicht gleich das Genick brach oder ihm die Kehle so zuschnürte, dass er erstickte!
Der Betreffende musste leben, um entweder als Geisel zu dienen oder ausgefragt zu werden.
Und da regte es sich über Richard Flint.
Ganz langsam hob er die Fäuste, und was die packten, das hielten sie auch fest, auf sie durfte er sich verlassen.
Gleichzeitig änderte Richard Flint seine Stellung, hockte nicht mehr auf dem Boden, sondern kniete nun, und als jetzt die Decke sich etwas hob, schneller, als sie sich vorher gesenkt hatte, da griff er schnell nach den beiden Knochen, dass sie nicht umstürzen möchten.
Er hatte es nicht nötig, denn sie standen auch dann noch aufrecht, nachdem der ungeheure Druck nicht mehr auf ihnen lastete, waren durch diesen so gegeneinander gepresst worden, dass die in den Zwischenräumen befindliche Luft sie zusammenhielt — genau das Gleiche also wie die Befestigung des Oberschenkels im Becken — das Kugelgelenk hält das ganze Bein fest, es kann nicht aus der Pfanne herausgleiten, weil der Luftdruck es hineinpresst. Man muss da erst ein Loch durch die Beckenknochen bohren, das bis in die Pfanne geht. Dann fällt der Knochen von allein ab.
Gleichzeitig aber schien das untere Schienbein sich in den Boden eingegraben zu haben, der wohl aus weichem Gestein bestand.
Richard Flint hatte keine Zeit, da lange Untersuchungen anzustellen. Er lag auf der Lauer wie der Kater vor dem Mäuseloch, seine Augen funkelten.
»Na, warte, alter Freund!«, sagte er zu sich selber.
Aber die Decke hob sich nicht weiter, teilte sich auch nicht.
Niemand schaute herein!
Wohl aber hörte Richard Flint jetzt über sich sprechen.
Er lauschte, stand sogar auf, was er jetzt wieder konnte. Ja, er verstand jedes Wort und verstand es doch wieder nicht, denn man bediente sich hier einer Sprache, die ihm unbekannt war, die er für Hindustani hielt.
Da freilich packte ihn einmal wieder die Wut.
Wollten diese Schufte ihn hier unten stecken lassen?
Das wäre das Wenigste gewesen. Herausgekommen wäre Richard Flint doch einmal, aber daran lag ihm gar nichts, er wollte diesen Halunken doch zeigen, dass er noch sehr lebendig war, hatte sich schon darauf gefreut, ihre entsetzten Gesichter zu sehen, wenn er sie packte und mit dem Schädel aneinander rannte, dass es krachte!
Und nun sollte ihm dieser Spaß verdorben werden?
Das gab's ja nicht.
Er riss den oberen der beiden Knochen von dem untern los und hämmerte mit ihm gegen die Decke.
Sofort verstummte das Gespräch über dieser. Nur noch ein kurzer Ruf war zu hören, den wohl der jähe Schreck dem einen der Sprecher entlockt hatte.
Dann aber vernahm Richard Flint ein Zischeln und Tuscheln.
Jetzt berieten sie miteinander, wie sie den Störenfried doch noch unschädlich machen könnten, und das Ergebnis dieser Beratung sollte Richard Flint auch gleich kennen lernen.
Auf einmal wurden seine Füße nass. Wasser drang ein und stieg ziemlich schnell.
Da erschrak Richard Flint noch einmal, mehr als vorher.
Gegen diesen Tod hatte er kein Mittel zur Hand, er würde elend in dieser Höhle ersäuft werden wie eine Maus in der Falle!
Und da vergaß er die Mahnungen seiner guten Martha, er hob ganz ungeheuerlich zu fluchen an, und zwar derart laut, dass die oben es hören konnten. Und sie hörten es auch, aber die Wirkung war die entgegengesetzte als die, die Richard Flint erwartet hatte.
Jetzt lachten die Schufte! Und wie!
Sie lachten ihn aus, freuten sich über seine Wut, denn nun wussten sie doch, dass ihr Mittel wirkte.
Und als Richard Flint das erkannte, da hörte er sofort mit Fluchen auf.
Jetzt hieß es nachdenken, wie er sich retten konnte, ohne die Hilfe Loke Klingsors oder seiner Vertreter anzurufen.
Das Wasser stand ihm bereits an den Hüften. Es konnte nur noch ganz kurze Zeit dauern, da erreichte es seinen Hals, dann musste er das Gesicht nach oben recken, um den Mund freizuhalten — und dann war auch das nicht mehr möglich —
Jetzt konnte Richard Flint einmal an sich erleben, worüber er sich vor Kurzem lustig gemacht hatte, konnte Abschied nehmen von seiner Martha —
Aber noch war es nicht so weit!
Richard Flint hielt noch den einen Knochen in der Hand, der andere war bereits von dem Wasser verdeckt, und da kam ihm ein Gedanke, den er für sehr gut hielt und sofort in die Tat umsetzte.
Er benutzte das Schienbein als Brechstange und Hebel zugleich.
Welche Kraft man mit einem solchen Dingte auszuüben vermag, das weiß wohl jeder, und wenn er es nicht weiß, dann muss er mal an einem Hafenkai zusehen oder in einem Steinbruch, wenn die Arbeiter dort Lasten wuchten — eben mit solchen Stangen, die nicht einmal aus Eisen zu sein brauchen.
Hier handelte es sich vor allem darum, eine Stelle zu finden, wo der Knochen angesetzt werden konnte. Es war das alte Problem, mit dem der gelehrte Archimedes sich so oft beschäftigte.
»Gebt mir einen Punkt, wo ich meinen Hebel einsetze, und ich hebe die Erde aus ihrer Bahn!«, soll er gesagt haben — soll — weil damals für die Menschen die Erde noch stillstand, dafür aber die Sonne sich drehte —
Richard Flint suchte das Ende des Schienbeins in den Winkel zwischen Mauer und Decke zu zwängen, gab sich alle Mühe dabei, musste aber doch erkennen, dass er nichts erreichen würde.
Zwar, der Knochen war fest, splitterte nicht im Geringsten — aber er fand eben keinen Angriffspunkt.
Und das Wasser stand nun tatsächlich schon am Halse Richard Flints.
Die Lage war für ihn also viel gefährlicher als die vorher — oder sie war überhaupt erst gefährlich geworden. Es konnte sich nur noch um Minuten, vielleicht auch nur um Sekunden handeln, dann war es vorbei —
Na, und dass Richard Flint nicht bis zu allerletzt wartete, dass er nicht die furchtbare Qual des langsamen Ertrinkens durchkosten wollte, das war ihm nicht zu verargen, da musste eben ein Schuss aus der elektrischen Pistole ein rasches Ende bringen —
Oder er musste doch noch Loke Klingsor um Hilfe anflehen!
Und das gab es nicht! Gerade nicht! Da setzte Richard Flint eben seinen Dickkopf auf. Um Erbarmen winseln! Das hätte noch gefehlt!
Also holte er die Pistole heraus, die er zu sich gesteckt hatte, guckte sie auch an, ob sie vielleicht durch die Nässe schon gelitten hätte —
Und da durchzuckte ihn der erlösende Gedanke, wie er sich retten könnte!
Im nächsten Augenblick schon hielt er die Mündung der Waffe an jene Stelle gerichtet, wo er vorher den Knochen als Hebel und Brechstange hatte ansetzen wollen.
Dann drückte er auf den Knopf, der den Schuss lösen musste.
Ein Blitzstrahl schien aus der Pistole zu kommen, ein gewaltiger Krach folgte —
Dann aber musste Richard Flint sich rasch unter das Wasser ducken, denn von oben kamen Steinstücke herab, einzelne trafen ihn auch noch, aber das Wasser schwächte ihre Wirkung ab, und lange dauerte das ja nicht, die Platte war doch nicht so groß —
Richard Flint tauchte wieder auf, sah über sich einen anderen Raum, ohne Boden, der eben durch die nun zerschmetterte Platte gebildet worden war. Nur eine schmale Leiste, eine Art steinerner Wulst lief innen um die Säule, und auf dieser standen zwei Männer in seltsamer Kleidung, ganz bunt angezogen, schwarzbärtig, mit braunen Gesichtern —
Da freute sich Richard Flint, wie er sich kaum je zuvor in seinem Leben einmal gefreut hatte, und schon packte er mit der linken Hand den einen, mit der rechten den anderen, jeden an einem anderen Bein —
Im nächsten Augenblick platschten beide in das Wasser, vor Schreck nicht einmal fähig zu schreien, und Richard Flint schwang sich empor, hockte auf der Leiste und — lachte!
Er musste an einen alten Witz denken, den er als Kind mal illustriert gesehen hatte: Da waren zwei Diebe vor dem verfolgenden Polizisten in Regentonnen gestiegen, hatten sich schnell unter das Wasser getaucht, aber der Polizist entdeckte sie doch, tat immer, als wollte er weitergehen, und wenn dann die Köpfe aus dem Wasser kamen, kehrte er rasch um — titsch! waren die Kerls wieder verschwunden, und das Spiel wurde fortgesetzt, bis die Diebe sich ergaben, aus den Fässern herausklettern mussten —
Ja, so wollte Richard Flint es mit diesen Halunken hier machen.
Allemal, wenn sie auftauchten, wollte er sie wieder hineintitschen —
Da kamen die beiden Köpfe wieder zum Vorschein, die Gesichter von einem furchtbaren Schrecken entstellt, bleich trotz der braunen Hautfarbe —
Nun hätte Richard Flint bloß drohend die Faust zu heben brauchen, dass sie wieder untertauchten.
Er hob sie nicht.
Er gewahrte etwas, was ihn stutzen ließ.
In den Augen der beiden stand zwar ganz deutlich das furchtbare Entsetzen zu lesen, von dem sie erfüllt waren, aber auch noch etwas anderes —
Sie suchten mit ihren Blicken nach dem, der sie ins Wasser gezerrt hatte, und — sie sahen ihn nicht!
Das erkannte Richard Flint doch sofort, denn sie hätten nach ihm schauen müssen, was sie eben nicht taten.
Ihre Blicke irrten umher, sie suchten nach dem Eindringling, aber sie entdeckten ihn nicht.
Da wusste Richard Flint, dass er für die beiden noch unsichtbar war, wie für jene Malandrinos, die er bei dem Wrack des »Pelikan« getroffen hatte.
Sollte er dieses Wunder ausnutzen? Und wie?
Während er noch überlegte, jedenfalls also die beiden nicht zwang, wieder unterzutauchen, hörte er den einen ein Wort ausstoßen, wieder so ganz und gar entsetzt, den Gesichtern entsprechend.
»Tavamatschli!«
Ja, was das zu bedeuten hatte, ahnte Richard Flint freilich nicht, aber er kam auf die richtige Lösung, als er den anderen furchtsam nicken sah, als auch dieser das Wort wiederholte:
»Tavamatschli!«
Und da sagte Richard Flint mit möglichst tiefer Stimme, weil das nun einmal bei Gespenstern so üblich sein soll:
»Jawohl, ihr Schufte, ich bin Tavamatschli!«
Patsch, tauchten sie wieder unter, blieben diesmal aber unter Wasser, als wollten sie sich selbst ersäufen.
Richard Flint musste sich bücken und sie nacheinander hervorziehen, hob sie gleich neben sich auf die Leiste, presste den einen auch noch dagegen, weil er wieder hinunterrutschen wollte, und brüllte ihn mit dem seltsamen Worte an:
»Tavamatschli!«
Der Kerl erbebte am ganzen Leibe, seine Glieder schlotterten, er suchte sich jedoch jetzt festzuhalten.
Was aber nun weiter?
Verstanden die beiden denn keine der Kultursprachen? Deutsch auf keinen Fall, denn dessen hatte sich Richard Flint nun schon bedient. Also versuchte er es einmal mit dem über die ganze Erde verbreiteten Englisch.
»Vorwärts! Hinaus!«, brüllte er sie an, also auf Englisch: »Move on! Go out!«
Und siehe da! Die beiden verstanden ihn, schauten sich zwar noch einmal an, diesmal mehr verwundert als erschrocken, dann aber hob der eine die rechte Hand, setzte wohl einen Druckknopf in Tätigkeit, von oben kam ein Gestell herab, das eine Art Fahrstuhl vorstellte, aber sehr, sehr einfach gehalten war: in der Mitte eine Stange, um deren unteres Ende sich eine metallene Platte hinzog, kreisförmig.
Immerhin fanden die beiden und auch Richard Flint darauf genügenden Platz und zur Vorsicht packte er die beiden auch noch, sie gleich mit den Armen umschlingend, wobei er spürte, wie sie abermals gewaltig zitterten, dann ging die Reise nach oben, wahrscheinlich durch die ganze Säule hinauf.
Als der seltsame Fahrstuhl stillstand, befanden sich die drei in einem Raume, der dem im Fuße der Säule entsprach, ebenso eng und niedrig war, aber doch an den Wänden verschiedene Hebel und Ringe aufwies.
Augenscheinlich war das der Raum, von dem aus vorher die Riesengerippe in das Meer geschleudert worden waren.
Knochen oder ganze Skelette waren allerdings nicht mehr zu sehen, wohl aber in der einen Wand feine Linien, die ein Rechteck beschrieben.
Dort musste sich die Klappe befinden, durch welche der Schwarzbart geschaut hatte, der eine der beiden Gefangenen sah genau so aus —
Aber wohin nun?
Ehe Richard Flint noch eine Antwort auf diese Frage gefunden hatte, verneigte sich der eine der Gefangenen, demütig nach orientalischer Art die Arme über der Brust kreuzend, und fragte — sich jetzt eines ganz guten Englisch bedienend —: »Where do you want to go?« (»Wohin befehlen Sie?«).
Was sollte da Richard Flint sagen, der nun hier zum Tavamatschli geworden war und doch keine Ahnung hatte, was er eigentlich vorstellte?
»Frechheit verlass mich nicht!«, dachte er.
»Zum ewigen Lichte!«, sagte er ohne das geringste Zögern.
Zu seinem Staunen erregte sein Befehl gar keine Verwunderung bei den Gefangenen. Sie verbeugten sich nun alle zwei, dann trat der eine, der der Vornehmere von ihnen zu sein schien, zu einer Wand, ergriff einen der dort angebrachten Ringe, und — sofort setzte sich der ganze Raum mit ihnen in Bewegung, glitt geräuschlos nach oben.
Auch diesmal dauerte die Fahrt nur kurze Zeit, dann aber tat sich in der Wand eine Türe auf, die beiden pitschenassen Kerle dienerten wieder und der eine deutete durch eine Handbewegung an, dass der unsichtbare Tavamatschli gefälligst hinausspazieren möge.
Sicher nahm er an, dass dies alsbald geschah, er benahm sich wie einer, der hinter dem Rücken eines gefürchteten Feindes steht, warf seinem Gefährten einen vielsagenden Blick zu, schaute dann mit dem Ausdruck teuflischer Bosheit nach vorn und grinste auch noch überaus höhnisch.
Da war er aber bei Richard Flint an den Verkehrten gekommen.
Dieser dachte nicht daran, durch die Türe hinauszutreten, ohne dass er wusste, wohin er gelangen würde. Er beobachtete vielmehr vorsichtshalber die beiden Halunken, und so gewahrte er das Augen- und Gebärdenspiel des einen.
Also handelte es sich um eine tückische Falle, in die er geraten sollte!
Das widersprach freilich dem Schrecken sowohl, der die beiden früher befallen hatte, als auch der Ehrfurcht, mit welcher sie auf die Fragen des Unsichtbaren geantwortet hatten.
Richard Flint konnte sich diesen Wandel nur damit erklären, dass die beiden inzwischen etwas zur Besinnung gekommen waren. Sie hatten Verdacht geschöpft, weil der vermeintliche Tavamatschli nicht Indisch oder sonst eine ihnen vertraute Sprache redete, sondern ausgerechnet Englisch, und das ist ja eben die Sprache derer, welche von den Indern am meisten gehasst werden. Ganz Indien ist heute erst recht ein Pulverfass oder auch ein Vulkan, der jeden Augenblick losbrechen kann und eines Tages auch losbrechen wird, ganz bestimmt — das kann noch lange dauern, die Inder haben Geduld gelernt — es kann aber ganz plötzlich losgehen wie damals, als die Sepoys sich empörten und das Land auch befreit hätten, wären nicht die Sikhs ihnen in den Rücken gefallen. Jedenfalls besann Richard Flint sich nicht lange.
»Geht Ihr voran!«, befahl er barsch, wieder Englisch sprechend, weil er eben sonst nicht verstanden wurde. Und da er sah, wie sie beide entsetzt zurückwichen, wie der eine wieder rasch nach der Wand greifen wollte — wahrscheinlich um die Falle abzustellen — machte er kurzen Prozess.
Mit je einer Faust packte er die Halunken, und ehe sie wussten, was ihnen geschah, stieß er diese durch die offenstehende Türe.
Ein gellender Doppelschrei wildester Verzweiflung erscholl.
Richard Flint sah die beiden verschwinden, anscheinend in die Tiefe stürzen —
Vorsichtig näherte er sich der Tür und schaute hinaus, fuhr aber sogleich zurück, jetzt selbst erschrocken.
Er blickte in einen tiefen Abgrund, auf dessen Sohle Feuerzungen loderten, gewahrte aber schon nichts mehr von den beiden, die dort unten ein entsetzliches Ende gefunden hatten.
Jedenfalls konnte er selber nicht hinaus, denn ein Jenseits, in das er vielleicht durch einen kühnen Sprung hätte gelangen können, gab es hier anscheinend nicht.
Nun stak Richard Flint wieder in einem solchen engen Käfig wie vorher, nur mit dem Unterschied, dass er hier nicht zu Brei gequetscht werden sollte und dass an den Wänden eine Masse Hebel und Ringe zu sehen war —
Was aber nützte ihm das?
Versuchen konnte er ja sein Heil, konnte die Hebel oder die Ringe nacheinander in Tätigkeit setzen, aber wer garantierte ihm denn, dass er sich da nicht selbst in eine andere Falle stürzte?
Diese Säule schien ja mit allerlei derartigen Vorrichtungen förmlich gespickt zu sein. Da war es schon besser, er ließ die Hände davon, wartete ab, was nun werden würde.
Furcht kannte er auch jetzt nicht. Es wäre das erste Mal in seinem Leben gewesen, aber etwas anderes machte sich bemerklich.
Richard Flint spürte einen ganz gewaltigen Hunger, sprach das auch aus, indem er seufzend die Hände auf den Magen presste und murrte:
»Himmel, wenn ich doch jetzt was zu essen hätte!«
Und kaum hatte er das letzte Wort über die Lippen gebracht, da spürte er auf seiner Brust das geheimnisvolle Klopfen, das er nun schon kannte.
Der unsichtbare Vertreter Loke Klingsors meldete sich, musste den Stoßseufzer Richard Flints gehört, ihn vielleicht während der letzten Abenteuer beobachtet haben!
Aber welcher war es?
Richtig! Reinhard war es, der Ingenieur im Mammutpark!
»Herr Richard Flint!«, morste der geheimnisvolle Apparat auf der Brust des Tauchers.
»Jawohl, hier bin ich. Hören Sie mich?«
»Ich höre Sie, aber ich rate Ihnen, nicht zu sprechen. Bedienen Sie sich des Morseapparates, bis ich Ihnen melden kann, dass Sie in voller Sicherheit sind!«
»Ja, wo —«
Richard Flint kam nicht weiter. Telegrafisch erhielt er die nötige Weisung, fand in der Tasche den Apparat und morste nun ebenfalls.
»Sie haben Hunger?«, fragte Reinhard.
»Aber mächtigen!«
»Dann werden wir Ihnen gleich etwas zu essen verschaffen. Sie müssen den Raum verlassen, in dem Sie sich jetzt befinden. Drehen Sie den roten Ring an der linken Wandseite, bis er sich schwarz färbt!«
Richard Flint gehorchte, fasste den Ring, den einzigen, der eine rote Färbung aufwies, also gar nicht verwechselt werden konnte, und drehte ihn, bis er schwarz wurde.
Im gleichen Augenblick schloss sich die Tür, aber eine andere tat sich auf, und nun sagte Reinhard:
»Gehen Sie hinaus! Folgen Sie dem Lichtpunkte, der vor Ihnen auf dem Boden hinhuscht. Zu fürchten brauchen Sie nichts —«
»Als wenn ich danach gefragt hätte!«, erwiderte Richard Flint gleich barsch, während er aber schon durch die Tür trat und hinter dem Lichtpunkte hermarschierte, der ihm als Führer dienen sollte.
Es sah aus, als ließe jemand durch die Decke den dünnen Blendstrahl einer elektrischen Lampe fallen, es war eben wirklich nur ein lichter Punkt, und wieder zerbrach sich Richard Flint durchaus nicht den Kopf, um herauszukriegen, wie das möglich war.
Er wanderte einen Gang dahin, musste also die Säule verlassen haben — kam an verschiedenen seitlichen Eingängen vorbei, hinter denen es aber vollkommen finster war, dass er nicht sehen konnte, wohin sie führten, und gelangte endlich in ein kreisförmiges Gemach, das ihm gleich auf den ersten Blick recht gut gefiel.
Es war nach indischer Art ausgestattet, wies also keinerlei Möbel auf, außer einem kaum kniehohen Tischchen, das ganz aus Gold zu bestehen schien, aber herrlich mit eingelegten Edelsteinen verziert war.
»Nehmen Sie Platz, Herr Flint!«, forderte Ingenieur Reinhard nun auf, und der Taucher setzte sich auf die weichen Kissen und Decken an der einen Seite.
Im nächsten Augenblick erscholl ein feines Klingeln.
In der Decke tat sich eine Öffnung auf und herab kam ein anderer Tisch, mit Speisen beladen, wenigstens musste Richard Flint das annehmen, da viele Schüsseln darauf standen, alle scheinbar aus reinem Golde bestehend.
Und als das Tischchen vor ihm landete und stehen blieb, hob er den Deckel der ersten Schüssel ab.
Bratenduft stieg ihm lockend in die Nase — ein goldener Teller war auch da, ein ebensolches Besteck lag daneben —
Richard Flint begann einzuhauen, ohne groß darauf zu achten, was er aß. Dafür war er eben zu hungrig, und so kam es, dass er eine ganz verkehrte Reihenfolge einhielt, erst den Braten vertilgte und nachher die Chupattis, die indischen Brotkuchen usw.
Jedenfalls war er endlich satt, erhielt auch einen großen goldenen Becher voll Limonade, das einzige, was er trank, und dann fehlte bloß noch die Pfeife, die er aber nebst dem zugehörigen Tabak einstecken hatte.
Er holte sie heraus, wollte sie eben laden — da wurde wieder gemorst.
»Es tut mir leid, aber ich muss Sie bitten, jetzt nicht zu rauchen!«, meldete Ingenieur Reinhard. »Ich hoffe, Sie können den lange entbehrten Genuss —«
»Erlauben Sie mal, davon ist keine Rede, es ist nur eine dumme Gewohnheit, dass ich nach dem Essen paffen muss, sonst schlafe ich nämlich regelmäßig ein«, unterbrach Richard Flint gleich den Warner.
»Sie werden nicht schlafen«, antwortete dieser.
»Es gibt also Arbeit?«
»Ja, und zwar die letzte, die von Ihnen verlangt wird.«
»Na, dann schießen Sie los! Aber wenn es nicht unbedingt nötig ist, dass Sie mir allerhand Weisungen geben, dann lassen Sie es lieber, ich möchte auf eigene Faust handeln —«
»Und das dürfen Sie auch, Herr Flint! Wir haben uns doch schon bisher nicht erlaubt, Ihnen irgendwelche Ratschläge zu geben, haben uns jedoch sehr gefreut, weil Sie sich so geschickt —«
»Bitte, erzählen Sie das lieber jemand anders. Lob vertrage ich ganz und gar nicht!«, schnauzte Richard Flint, was auch telegrafisch gemacht werden kann, indem man eben sehr rasch die Zeichen gibt.
»Also ich darf weiter?«, fragte er dann.
Da kam keine Antwort mehr. Reinhard hatte entweder die Verbindung selbst abgebrochen oder es war eben eine Störung eingetreten
Jedenfalls sorgte sich Richard Flint nicht weiter, guckte sich in dem Raume um, in dem er noch auf den weichen Polstern saß, entdeckte an einer Seite einen kostbaren Seidenvorhang, reich mit Gold und Perlen und allerhand funkelnden Steinen »bestückt« — wie hier wohl gesagt werden muss, anstatt »bestickt« —
Dorthin ging er, nachdem er sich erhoben hatte, und prallte gleich wieder zurück.
»Alle Wetter! Weiber!«, brummte er.
»Alle Wetter! Weiber!«, brummte Richard Flint.
Er sprach sich auch nicht weiter über das aus, was er gesehen hatte, suchte vielmehr nun schon die Wände ab, ob er nicht ein anderes Loch fände, durch das er hinaus könnte —
Es war keins da.
Und da stand nun Richard Flint, der menschliche Bullenbeißer, inmitten des prächtig geschmückten Raumes, hinter sich noch den Tisch mit den goldenen Geräten, über die er sich nicht im Geringsten gewundert hatte — und kratzte sich mit der linken Hand hinter dem linken Ohre.
»Teifi, Teifi!«, knurrte er. »Muss ich denn wirklich zu den Weibern hinein? Das passt mir aber gar nicht!«
Und dann tat er, was er sonst unter allen Umständen verschmäht hätte: Er versuchte die Verbindung mit dem Ingenieur Reinhard wiederherzustellen, indem er den Apparat in Tätigkeit setzte.
Er erhielt keine Antwort, hatte es sich ja selber verbeten.
Na, dann half es nichts! Da musste er in den Apfel beißen, der nicht einmal sauer war, sondern viel eher zu süß —
Richard Flint trat wieder zu dem Vorhang und zog ihn ein klein wenig zur Seite, spähte in den nächsten Raum hinaus.
Diesmal fuhr er nicht zurück.
»Wat mot, dat mot!«, sagte er bei sich selber in seinem Plattdeutsch, also: »Was sein muss, das muss sein!«
Das war gewiss nicht sehr geistreich, aber es entsprach der Situation.
Und dann dachte Richard Flint noch etwas.
»Na, wenn meine Martha mich jetzt erwischte, ich glaube, die würde höllisch falsch, so gut sie auch sonst ist! Die wäre imstande und kratzte entweder mir die Augen aus oder sie fiele über die dort her!«
Ja, eine Ehefrau hätte schon eifersüchtig werden können, hätte sie die herrlichen Mädchengestalten erblickt, die diesen Nachbarraum fast ganz anfüllten — namentlich, da sie ihre Schönheit etwas gar zu deutlich zeigten.
Nackt waren sie nicht, aber diese indischen Gewänder, wie sie von den Insassinnen der Zenanahs, der Harems, getragen werden, können nicht als Kleider bezeichnet werden. Das mag genügen. Es gibt in Indien »Kleider«, die wirklich so fein gewoben sind, dass man sie zusammengeballt in einer Nussschale unterbringen kann, und dass sie da nicht viel verhüllen, ist doch klar.
Nun, Richard Flint machte nicht die Augen zu, ebenso wenig wie er erst lange hinausguckte, sich an dem unvergleichlichen Anblick berauschend, aber er machte sich auch nichts aus den »Weibsen«, wie er sie genannt hatte, stakte mit steifen Beinen in den Raum hinein, er hätte über sich selber lachen müssen, hätte er sich sehen können. Es war eben ein Ausdruck seiner großen Verlegenheit.
Er schritt gerade auf die Mitte des Raumes zu, denn dort saß oder lag mehr auf einem thronartigen Sessel die Gebieterin der Mädchen, ein wunder, wunderschönes Weib von schon reiferen Jahren, vielleicht anfangs der Dreißig, vollerblüht zur Reife, und sie war die einzige, deren lose herabhängendes, mit Perlenketten durchflochtenes Haar blond war.
Entsprechend war auch ihre Haut blütenweiß und rosig, wie Milch und Blut, wie das Märchen das schildert, und die strahlenden Augen hatten die tiefe Bläue des Sommerhimmels, die Lippen sahen aus, als seien zwei purpurfarbene Rosenblätter auf Schnee gefallen — und dementsprechend war alles andere.
Dabei hatte die Dame den Kopf in eine Hand gestützt und schaute ins Leere, aber nicht träumend, sondern eben, wie schon gesagt, strahlend, als sähe sie ein großes Glück kommen —
Die anderen, die Mädchen also, führten einen Reigen um die Herrin auf, hielten sich bei den Händen gefasst und hoben nach einem leisen, wohllautenden Gesang bald die Füßchen, bald die Händchen — es sah ganz entzückend aus — aber sie alle waren schwarzhaarig und ihre Haut wies einen braungelben Schimmer auf — es waren wohl Eingeborene, die Herrin dagegen eine Angehörige der kaukasischen, europäischen Rasse.
Vorbei konnte Richard Flint nicht an den Tänzerinnen, weil sie sich in dem gar nicht großen Raume unmittelbar an der Wand hin bewegten, und deshalb hatte er den für ihn heroischen Entschluss gefasst, gerade darauf los zu stiefeln und einfach zur Seite zu schieben, was ihm im Wege stand.
Wohl war ihm dabei nicht zu Mute, er wollte im Gegenteil froh sein, wenn er wieder draußen war — aber es half nichts —
Und nun hatte er die Reihe der Tanzenden erreicht, stand unmittelbar hinter einem besonders reizenden Mädelchen, es drehte eben den Kopf seitwärts, ihn wie schmachtend auf die Schulter legend, und — guckte dabei gerade dem Richard Flint ins Gesicht.
Brühheiß überlief es ihn und schon wollte er zugreifen und die Sirene zur Seite schieben, da gewahrte er, dass sie ihn gar nicht sah, dass er also auch für diese Weiber unsichtbar war wie vorher den beiden Halunken.
Na, ihm fiel doch gleich ein Zentnerstein vom Herzen, als er das erkannte, und nun verwandelte er sich aus dem täppischen Bären in einen Indianer, der sich auf dem Kriegspfade befindet, passte genau auf, wo mal zwischen den Mädels und der Wand eine Lücke blieb —
Da schlängelte er sich durch und atmete schon erleichtert auf, so nahe ihm auch jetzt noch manchmal die reizenden Tänzerinnen kamen — er duckte und schmiegte sich, dass keine an ihn anstieß —
Nun war er fast hinaus —
»Richard, o, mein tapferer Richard! Warum kommst Du nicht zu mir? Meine Arme sind Dir weit geöffnet! Richard, komm zu mir!«
Na, das fehlte noch!
Jetzt hatte die ihn doch gesehen!
Und auch gleich erkannt!
Alle Sünden fielen dem armen Richard Flint ein, die er früher mal begangen hatte, als er noch nicht verheiratet und noch ein lockerer Zeisig gewesen war — er dachte doch nicht anders, als die schöne Blondine wäre eine alte Bekannte — er knickte gleich in den Kniekehlen zusammen —
Aber als er nun zu ihr hinschaute, da durfte er abermals aufatmen. Sie guckte gerade nach der anderen Seite als nach der, wo er stand!
Sie meinte ihn gar nicht, ihre schmachtende Bitte galt einem anderen Richard.
Na, da brauchte Richard Flint ja auch nicht dergleichen zu tun.
Noch einen Satz machte er, da war er am jenseitigen Ende des Raumes angelangt, die Türe dort, die wieder mit einem solchen Seidenvorhang verhüllt war, hatte er schon vorher entdeckt —
Und wuppdich, war er draußen!
Mochten die doch, wenn sie den Vorhang sich bewegen sahen, denken, was sie wollten! Das war ihm gleichgültig.
Eilig, als kämen alle diese schönen Weiber hinter ihm her, lief Richard Flint weiter, kam an eine Treppe, stieg sie empor, ärgerte sich noch, dass die Stufen so schmal waren, nahm gleich vier, fünf auf einmal —
Und als die Treppe zu Ende war, da stand er in einem neuen kreisrunden Raume, aber viel größer als die anderen, die er nun schon passiert hatte, und auf den ersten Blick überzeugte er sich, dass niemand darin war.
Er sah weiter, dass in der Mitte ein Aufbau sich erhob, fast, als wäre es der Schacht eines Brunnens, und aus dessen Tiefe kam ein Lichtschein, der die sonst in dem Raume herrschende Dunkelheit so weit erhellte, dass eben das Geschilderte zu erkennen war.
Richard Flint lauschte erst mal, näherte sich aber, als er nichts Verdächtiges hörte, dem Brunnenschacht —
Und da sah er, dass dieser gar nicht tief und keinesfalls mit Wasser gefüllt war, er reichte nicht tiefer, als der Boden des Raumes lag, aber unten stand ein Lämpchen, eine solche »Funzel«, wie man sie einstmals im Gebrauch hatte, als noch nicht einmal die Petroleumlampen erfunden waren, wie man sie in abgelegenen Gegenden auch jetzt noch findet, sonst höchstens in sogenannten Bauernstuben, die reiche Leute sich in ihren Wohnungen einrichten.
Man wird wissen, was gemeint ist: ein Ständer mit einem Napf oben, der mit Öl gefüllt ist. Ein Docht liegt darin, dessen Ende durch eine Öse geführt ist. Das äußere Ende wird angebrannt.
Solche Ölfunzeln stinken für gewöhnlich sehr, und das Licht, das sie erzeugen, ist natürlich nur sehr schwach.
Diese hier schien eine Ausnahme zu bilden, denn sie erhellte den immerhin großen Raum doch hinreichend.
Sollte das vielleicht das ewige Licht von Trewandur sein?
Diese Ölfunzel?
Richard Flint musste fast lachen. als er das dachte.
Er beugte sich über den gemauerten Rand, guckte sich das Ding einmal an und sah zunächst, dass es doch keine gewöhnliche Ölfunzel war, denn der Docht fehlte.
Trotzdem brannte sie, und zwar genau an der Stelle, wo der Docht hätte brennen müssen.
Noch dachte Richard Flint darüber nach, ob er am Ziele sei, da spürte er das Morsen auf der Brust
»Hier Loke Klingsor!«
Alle Wetter, der Meister selber!
Unwillkürlich dienerte Richard Flint, wie das ja manche Leute auch am Fernsprecher fertigbringen, wenn sie mit einem Vorgesetzten oder einem »großen Tiere« sprechen.
»Jawohl, Herr Klingsor!«, erwiderte er.
»Sie stehen am Ziele, lieber Herr Flint, vor dem ewigen Lichte. Und ich muss Sie loben. Sie haben die Aufgabe, die Ihnen gestellt wurde, nicht nur schnell, sondern auch mit großer Umsicht gelöst.«
Richard Flint bekam gleich wieder einen roten Kopf. Ein Lob vertrug er eben nicht, und doch war das nicht etwa seiner Bescheidenheit zuzuschreiben, sondern vielmehr seinem Stolz. Für ihn gab es doch überhaupt kein Misslingen. Was er anfasste, das wurde richtig oder ein dreidoppeltes Donnerwetter sollte hineinfahren! Da brauchte auch Loke Klingst keinen großen Summs zu machen.
Diesmal aber sagte er lieber nichts, unterdrückte seine Wut und wartete schweigend, was nun weiter kommen würde.
»Wie haben Ihnen denn die Mädchen gefallen, die Tänzerinnen, Herr Flint?«, wurde da weiter gefragt.
»Ach, die! — —«
»Soso, und die Blonde?«
»Na ja, die war ganz hübsch, aber ich habe sie nicht angeguckt, ich bin doch verheiratet, da wissen Sie ja —«
»Ja, das weiß ich, und ich habe Ihnen versprochen, Sie wieder mit Ihrer Frau zu vereinigen, aber deshalb kann man doch —«
»Verzeihen Sie, Herr Klingsor!«, wurde er da unterbrochen. »Wozu unterhalten wir uns denn über diese Weiber? Das hat doch gar keinen Zweck. Ich bin froh, dass ich nichts mit ihnen zu tun hatte, ich bin kein Weiberheld, der hinter jedem Unterrock herläuft —«
»Sie meinen, es habe keinen Zweck, wenn ich zu Ihnen von diesen Mädchen und von dieser Frau spreche?«, erwiderte da Loke Klingsor.
»Nun, Herr Flint, da haben Sie einmal vorschnell geurteilt. Ich muss Ihnen da schon einmal eine kleine Lektion erteilen, die Ihnen aber gar nichts schaden kann.
Sie sehen in dem Brunnenschacht also die Ölfunzel. Bitte, heben Sie sie doch heraus, Sie brauchen sich nicht in acht zu nehmen dabei, dass sie verlöscht — das ist ganz ausgeschlossen, es ist eben das ewige Licht, das nun schon fast zweitausend Jahre in der gleichen Weise brennt.«
Richard Flint stutzte nicht über diese Worte, dachte sich bei dem Ausdruck »ewiges Licht« eigentlich gar nichts weiter.
Dass dieses Ölfunzelchen hier nun aber gar zweitausend Jahre oder so gebrannt haben sollte, das setzte schon allerhand voraus, und Richard Flint sprach in seiner etwas derben Weise aus, was er darüber dachte.
»Da haben die aber viel Öl unnütz vergokelt!«
Er erhielt gleich wieder eine Belehrung, die er nicht erwartet hatte.
»Dieses Lämpchen verzehrt überhaupt kein Öl. Was davon vorhanden ist, das wurde vor zweitausend Jahren hineingefüllt, und seitdem ist nichts wieder zugeschüttet worden.«
Na, da dachte sich Richard Flint wieder etwas, was er aber lieber für sich behielt. Er konnte doch diesem Herrn Klingsor nicht antworten: »Lüg doch Du und der Teufel!«
»Soso!«, brummte er nur.
»Solche ewig brennende Lichter hat man schon mehrfach gefunden«, erklärte Loke Klingsor weiter. »Namentlich in Grabdenkmälern der frühesten Christen, in Katakomben, die erst fast Jahrtausende nach der Beisetzung des Toten wieder entdeckt und geöffnet wurden. Meist handelte es sich da um Katakombengräber, die also in unterirdischen Steinbrüchen oder in anderen künstlich geschaffenen Höhlen lagen.
Bis jetzt hat noch niemand feststellen können, wie es möglich ist, dass die Flämmchen dieser Lampen nie verlöschen; der Orden der Illuminaten will zwar hinter dieses Geheimnis gekommen sein; aber sie haben nichts davon verraten — oder auch geschwindelt — kurzum, man weiß noch nichts Gewisses, und da ich erfuhr, dass hier in Trewandur noch ein solches ewiges Licht zu finden sei, habe ich mir vorgenommen, es an mich zu bringen, habe Sie hierher geschickt, und nun haben wir ja das Lämpchen, nun wollen wir es uns natürlich nicht wieder entgehen lassen.
Also bitte, Herr Flint! Heben Sie mal das Lämpchen heraus!«
Richard Flint hatte die Erklärung über sich ergehen lassen, weil er eben den Sprecher nicht zu unterbrechen wagte, aber interessiert hatte das Gehörte ihn ganz und gar nicht. Er wusste nichts von Illuminaten, kaum etwas von Katakomben —
Am liebsten hätte er gesagt, dass Loke Klingsor doch die Funzel brennen lassen solle, aber das tat er auch nicht, sondern bückte sich nunmehr über die Öffnung des Schachtes und wollte den rechten Arm hineinstecken, denn er musste doch die Ölfunzel packen und herausheben.
Jawohl, das musste und sollte er — aber von Können war keine Rede!
Kaum hatte er die Hand dem Brunnenschachte genähert, da fuhr er auch schon zurück, denn aus der Tiefe hervor loderte eine gewaltige Stichflamme, die ihm das Gesicht zu verbrennen drohte, zumindest den Bart, der ihm während seiner Entdeckungsfahrt gewachsen war.
»Nun, haben Sie das Lämpchen?«, fragte da Loke Klingsor, und die Morsezeichen konnten zwar den Spott nicht wiedergeben, der in dieser Frage sicher lag, aber Richard Flint merkte ihn doch heraus.
»Ja, wenn Sie wieder mal solchen Hokuspokus treiben!«, erwiderte Richard Flint, und es war wirklich schade, dass er die Morsebuchstaben nicht knurren lassen konnte.
»Ich? Ich habe absolut nichts getan. Was ist denn geschehen?«
Und so wütend er auch über diese Veralberei war, wie er das nannte, Richard Flint musste berichten, was geschehen war.
»Sehen Sie! Das habe ich geahnt oder vielmehr gewusst! Nur ein ganz unschuldiger Mensch, also einer, der noch keine Sünde begangen hat, ist imstande, dieses ewige Licht aus dem Brunnen zu heben. Von anderen lässt es sich nicht anfassen.«
»Na, da werden wir es wohl stehen lassen müssen wo es steht!«, meinte Richard Flint.
»Weil es keinen sündenlosen Menschen mehr gibt?«, wurde gefragt.
»Natürlich! Oder kennen Sie vielleicht einen?«
»Aber gewiss, mein lieber Herr Flint!«
»Na, da bin ich wahrhaftig neugierig, wo der stecken soll!« —
»Sie brauchen gar nicht weit zu gehen, um gleich ein paar zu finden —«
Und da kriegte Richard Flint eine Ahnung.
»Sie reden doch nicht etwa von den Mädels unten?«, fragte er bestürzt.
»Doch! Gerade von denen. Diese Mädchen sind vollkommen sündenrein, wissen überhaupt nicht, was sündigen heißt!«
»Na da!«
»Sie sind nämlich nie mit der Welt draußen in Berührung gekommen, wissen zum Beispiel nicht, dass es Männer gibt, und da sie jeden ihrer Wünsche erfüllt sehen, wenn sie ihn kaum gedacht haben, sind auch Neid und Habsucht ihnen fremd — eben alle jene Leidenschaften, die uns Menschen sündigen lassen.
Also, Herr Flint, es hilft alles nichts! Wenn Sie Ihre Aufgabe ganz lösen wollen, dann müssen Sie eins dieser unschuldigen Mädchen rufen, und es wird das Licht herausheben. Wohin Sie es dann bringen sollen, werden Sie noch erfahren.«
»Teifi, Teifi!«, knurrte da Richard Flint und kratzte sich gleich hinter beiden Ohren.
Das ging ihm ganz und gar wider den Strich.
Hätte Loke Klingsor von ihm verlangt, dass er sich mit dem Teufel und seiner Großmutter raufen sollte, hätte er es getan — aber von solchen unschuldigen Engeln, die noch dazu sehr, sehr hübsche Mädels waren — i, Gott bewahre! Dazu brachte auch Klingsor den Starrkopf nicht. Und das sagte er.
»Nee, nee, Herr Klingsor — das mache ich nicht, und wenn Sie mir's noch so sehr übel nehmen — das bringe ich überhaupt nicht fertig, da müssen Sie mich doch kennen —«
Eine etwas lange Pause entstand, und es war gut, dass Richard Flint nicht ahnte, wodurch sie hervorgerufen wurde, dass er Loke Klingsor nicht lachen hörte!
Der hatte doch diese Antwort vorausgesehen, er kannte den Taucher —
Erst nach einer ganzen Weile ließ er sich wieder durch Morsezeichen vernehmen.
»Ja, Herr Flint, was machen wir denn da? Soll ich das Licht, nach dem mich so verlangt, dort stehen lassen, bloß, weil Sie sich vor einem hübschen jungen Mädchen fürchten? Ich dachte, Sie seien in jener Hinsicht ein mutiger, unerschrockener Mann —«
»Sie halten mich doch nicht etwa für feig?«
»Ja, ich weiß nicht — — einem männlichen Feinde gegenüber sicher nicht — aber Sie sagen ja selbst —«
Da bekam Richard Flint einen roten Kopf, dass er aussah wie ein »Zinshahn« wie das Volk sagt. Er ballte die Hände und stampfte auch gleich noch mit einem Fuße auf. Er war e i n e Wut!
»Also Sie halten mich doch für feig!«, morste er in höchster Erregung zurück. »Nein, das lasse ich mir nicht sagen. Wie viele solche Mädels soll ich denn holen?«
Auch diesmal ließ die Antwort auf sich warten, weil Loke Klingsor abermals lachen musste, endlich aber erwiderte er:
»Eins würde genügen, aber da fällt mir eben noch etwas ein, eine andere Möglichkeit, das ewige Licht fortzubringen.
Sagen Sie, Herr Flint, gegen eine verheiratete Frau hätten Sie wohl nichts einzuwenden?«
»Wenn sie nicht verliebt ist und nichts von mir verlangt, nee.«
»Nun, dann kann ich Ihnen vielleicht aus der Verlegenheit helfen. Zufällig weilt nämlich eine solche Frau dort in Trewandur, noch dazu als Gefangene — sie ist mit ihrem kleinen Knaben in die Gewalt einer Bande ruchloser Männer geraten, die sich Ibaditen nennen —«
»Wie sie heißen, das ist doch ganz egal, und wenn sie solche Schufte sind, dass sie sich an einer Frau, an einer Mutter, vergreifen —«
»Sie haben den beiden nichts zuleide getan, sie nur gefangen«, wurde da erklärt.
»Das ist doch schon Schurkerei genug!«
»Nun, man kann das auch anders nennen.«
»Da wäre ich sehr neugierig. Sie wollen die Halunken doch nicht etwa noch verteidigen?«
»Nein, Herr Flint, aber ich verstehe ihre Handlungsweise, und damit auch Sie klar sehen, will ich Ihnen etwas anvertrauen, was sonst kein Mensch auf Erden weiß. Ich nehme Ihnen nicht erst das Versprechen ab, zu schweigen, ich weiß, dass Sie das ohnehin tun werden —
Also, Herr Flint, diese Frau und ihr Knabe sind von den Ibaditen gefangen worden, um die beiden zur Erpressung eines Lösegeldes zu benutzen.«
»Von wem wollen sie denn das erpressen?«
»Von mir!«
Da freilich machte Richard Flint große Augen. Doch dann lachte er.
»So sehen Sie aus!«, sagte er, eine der damals landläufigen schnoddrigen Redensarten brauchend, die manchmal auftauchen und dann wie durch einen Zauber in aller Munde sind.
»Und wenn ich bereit wäre, für diese beiden jedes Opfer zu bringen?«
»Die beiden stehen Ihnen nahe?«
»Sehr nahe sogar!«
»Und trotzdem haben Sie sie fangen lassen?«
Diese Frage lag nahe, bewies auch gleich, ein wie großes Vertrauen Richard Flint immer noch zu diesem Loke Klingsor hatte.
»Ich bin nicht allmächtig, vor allem aber nicht allwissend und allgegenwärtig«, lautete die Antwort. »Diese Frau sollte mit ihrem Knaben zu mir kommen, von weit her, aus England, wo sie früher lebte, aber ich konnte nicht immer auf sie achten, und so ist es eben geschehen —
Oder — ich will Ihnen nichts verhehlen, Sie müssen sogar alles wissen. Es war eine bestimmte Absicht von mir dabei im Spiele. Ich hatte nichts dagegen, dass die beiden gefangen wurden —«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie werden es noch verstehen. Nehmen Sie an, dass ich von vornherein daran gedacht hatte, von dieser Frau das ewige Licht zu mir bringen zu lassen.«
»Das wäre dann etwas anderes, dann müsste sie aber doch zuvor befreit werden! Und —«
Richard Flint brach im Morsen ab, weil er sich doch scheute, das auszusprechen, was ihm da eben in den Sinn gekommen war.
Der andere schien jedoch dieses Bedenken sofort zu erraten.
»Warum unterbrechen Sie sich?«, fragte er.
»Das kann ich nicht gut sagen«, erklärte Richard Flint ganz offen.
»Dann will ich es aussprechen. Sie meinen, weil ich vorhin gesagt habe, nur ein sündenloser Mensch könnte das ewige Licht bergen? Und Sie meinen weiter: Eine Frau, eine Mutter, könnte nicht sündenlos sein?
Herr Flint, Sie selbst sind verheiratet, aber Sie sind noch nicht Vater, dieses Glück wird Ihnen erst noch beschieden werden, ich kann Ihnen sogar sagen, dass Sie bei Ihrem Wiedersehen mit Ihrer Frau Ihren Sohn sehen werden — —«
»Meine Martha — —!«
»Ja, Ihre Frau sieht Mutterfreuden entgegen, und ich weiß, dass sie Ihnen ein Söhnchen schenken wird —«
»O, mein Gott, Herr Klingsor — — da sagen Sie bloß, was ich noch hier tun soll — — alles, alles will sch vollbringen, was Sie von mir verlangen —«
»Ich weiß es«, antwortete jetzt Loke Klingsor, sich nicht mehr des Apparates zum Morsen bedienend, sondern wirklich sprechend, und seine Stimme hatte einen gar freundlichen, milden Klang.
»Ja, Herr Flint, ich weiß, dass Sie jetzt für mich den Teufel aus der Hölle holen würden, wenn ich es verlangte, und ich weiß auch, warum — Sie sehnen sich nach Ihrer Frau, nach dem Kinde, das sie Ihnen schenken will —
Nun, Herr Flint, was werden Sie wohl tun, wenn ich Sie vor das Lager Ihrer Frau führe, wenn sie Ihnen das Knäblein entgegenhält?«
»Ich? — Ich? — Ach du lieber Himmel, was soll ich denn weiter tun als niederfallen und — — — anbeten möchte ich doch meine liebe Martha — einen Jungen — — Herrgott, ich werde verrückt vor Freude —«
Aber Loke Klingsor ließ sich nicht beirren.
»Und warum werden Sie vor Ihrer Frau auf die Knie sinken? Warum möchten Sie sie anbeten?«, fragte er ernst.
»Weil ich —«
»Ich will es für Sie aussprechen, Richard Flint!«, wurde er da unterbrochen.
»Sie werden niedersinken und Ihre Frau anbeten, weil es auf der ganzen Welt nichts Heiligeres gibt als eine junge Mutter, die ihrem Gatten das erste Kindlein schenkt!«
»Jaja, das ist es, da haben Sie recht, und auch, dass ich das nicht hätte aussprechen können!«
»Soso, Herr Flint! Und nun will ich auf das zurückkommen, was Sie mir vorhin nicht sagen wollten. Sie wollten nicht erklären, dass eine Frau, die Mutter ist, nicht mehr sündenrein, nicht unschuldig sein könnte. Das wollten Sie nicht sagen.
Und jetzt? Wollen Sie noch dabei bleiben, bei Ihrer Behauptung?«
»Herr Klingsor!«, stammelte Richard Flint.
»Ich will Sie nicht martern. Sie selbst haben schon gesagt, dass Sie Ihre Frau anbeten wollen, und daran werden Sie recht tun und keinen Frevel gegenüber dem Höchsten begehen, der Sie so begnadete, denn, Richard Flint, auf der ganzen weiten Erde gibt es eben wirklich nichts Heiligeres, nichts Unschuldsvolleres als eine Mutter mit ihrem Kindlein!
›Der Himmel ist zu den Füßen der Mutter‹, sagt ein persisches Sprichwort, und es hat recht. Auch der roheste Mensch spürt das, die wildesten Tiere achten die Mutter ihrer Jungen —
Glauben Sie nun, dass die Frau, von der ich sprach, das heilige, ewige Licht wird fassen und tragen können?«
»Jaja, ich glaube es, und ich bitte um Verzeihung —«
»Das sparen Sie sich. Sie haben mich nicht gekränkt, können es gar nicht. Und nun, Richard Flint, hören Sie mein Geheimnis, als einziger auf der Erde außer mir!
Diese Frau ist meine Frau. Dieser Knabe ist mein Sohn!«
Richard Flint taumelte zurück wie von einem Schlage, der ihn getroffen hatte.
»Ihre Frau? Ihr Sohn?«, wiederholte er stammelnd. Und ehe Loke Klingsor etwas erwidern konnte, fuhr er fort, fast schreiend:
»Sagen Sie mir, wo ich die beiden finden kann! Und wenn diese Ibaditen oder wie sie sonst heißen, Tausende sind, ich befreie die beiden — bei allem, was mir heilig ist — bei meiner Frau, bei meinem Kinde —«
Er reckte die Arme vor, als könnte er schon diese Halunken packen, seine Augen flammten.
Und leise erwiderte Loke Klingsor:
»Gut, Richard Flint! Befreien Sie meine Frau, und wenn Ihnen das gelungen ist, wenn Sie vor ihr stehen und sie Ihnen danken will, dann —«
Eine lange Pause entstand, bis endlich der ferne Sprecher hinzusetzte:
»Dann sagen Sie ihr, dass ihr Mann Loke Klingsor heißt, dass er sie betrogen hat, immer, seit sie ihn zum ersten Male sah — bis zuletzt —«
»Sie? Sie hätten Ihre Frau betrogen?
Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Sie lügen!«
Wütend schrie Richard Flint diese Worte, unbekümmert darum, ob jemand ihn hören könnte, ob er dadurch eine Gefahr über sich heraufbeschwor.
Loke Klingsor ein Betrüger! Gegenüber einer Frau, die er liebte, die ihm einen Sohn geschenkt hatte!
Es war unfassbar, unmöglich, ganz und gar ausgeschlossen!
Doch da kam schon die Antwort:
»Ich log nicht, Richard Flint! Ich habe diese Frau hintergangen — freilich nicht aus Bosheit —«
Und da jauchzte Richard Flint auf, er hatte erfasst, um was es sich hier handelte —
»Sondern, weil sie nicht verstanden hätte, wer sie liebte, wer sie zur Mutter machte!
Ach, Gott, Herr Klingsor, ein Heiland sind Sie sicher nicht, und es ist vielleicht ein Frevel, wenn ich es sage — aber ich muss es aussprechen — — die Mutter Gottes —«
»Halten Sie ein! Kein Wort weiter!«, erklang es da gebietend. »Wagen Sie nicht, diesen Vergleich weiterzuführen, denn, Richard Flint, ich bin nichts weiter als Sie, bin ein armer, sündenbeladener, schwacher Mensch. Aber wenn Sie ihr alles gesagt haben, dann werden Sie hören, wie sie mir alles verzeiht — alles — —
Und nun tun Sie, was Sie sich vorgenommen haben!«
Das Gespräch war zu Ende.
Als ich wieder zu mir kam, da — — durfte ich mich keinen Pythagoras nennen, der sein »nil admirari« sagen konnte, denn da blickte ich sehr erstaunt um mich.
Ich war sofort bei vollem Bewusstsein, so vollkommen, dass ich mir gleich in aller Ruhe sagte, der Stich in den Rücken könne gar nicht so schlimm gewesen sein, ich müsse unbedingt noch auf dem Schnürboden liegen; unter mir befände sich die Tempelhalle mit allem, was dazu gehörte, Klingsor stände noch im Götterschoß.
Aber mit alledem war nichts. Heiterstes Sonnenlicht umgab mich, und da sah ich zunächst einen Orangenbaum mit gelben und noch grünen Früchten, aber auch schon wieder mit Blüten bedeckt, deren Duft ich auch roch, während der Baum daneben wohl ein Mandelbaum sein musste, denn es roch herrlich nach Mandeln — auch er trug Früchte, nur grüne, aber diese Früchte kannte ich nicht, an den Zweigen hängen doch nicht etwa gleich die Knackmandeln, sie sind, wie die Walnüsse, doch erst mit Fleisch umgeben — und dann noch eine ganze Masse andere Bäume und Büsche und Sträucher, dazwischen auch hier und da ein zierliches, phantastisches Häuschen, was man so Kiosk nennt, nur dass darin keine Zigaretten verkauft wurden, und da eine hübsche Felsengruppe, und dort ein plätschernder Springbrunnen — —
Na, kurz und gut, ich befand mich in einem Garten; lag im Schatten in einem Dinge, das halb Bett, halb Hängematte war, sehr komfortabel, zwischen zwei Bäumen aufgehängt, was ich gleich heraus hatte, ich sah doch vor mir die Befestigung, die hinter mir wohl auch nicht anders sein würde.
Den Kopf drehte ich noch nicht, um das zu konstatieren, so wenig wie ich untersuchte, was ich unter dem seidenen Pfühl, der mich bis zur Brust bedeckte, auf dem Leibe trug — ich wollte es wohl, kam aber nicht dazu, denn da tauchte neben mir ein Hundekopf auf, gleichzeitig stemmten sich zwei Pranken auf mein Bett, und ehe ich es mir versah, hatte mir eine rote, heiße Zunge von unten nach oben über das ganze Gesicht geleckt.
Dann ein freudiges Winseln, ein zweiter Versuch, mir das Gesicht abzuwaschen, den ich aber dankend mit der Hand abwehrte.
So musste das Hundevieh seiner Freude in anderer Weise Luft machen, gab seine Stellung auf, rannte eine kurze Strecke fort, kehrte schnell um und kam zurück, erwartungsvoll in einiger Entfernung vor mir stehen bleibend, mich mit tiefernsten Augen ansehend.
Und meine eigenen Augen? Ja, durfte ich denen trauen?
Es war eine deutsche Dogge, und der Größe und der Farbe nach konnte es mein Wodan sein.
Aber der war doch noch vor wenigen Stunden — oder gestern, will ich sagen — ein förmliches Hundegerippe gewesen, und jetzt war er für einen Hund, noch dazu für eine Dogge, geradezu unförmlich dick!
»Wodan, bist du denn das?«
Der Hund duckte sich, verschwand meinen Blicken ganz, indem er unter mein Bett tauchte, aber nur, um auf der anderen Seite gleich wieder zum Vorschein zu kommen und dort seine Manöver zu wiederholen.
Bisher hatte ich immer nur geradeaus und nach rechts geblickt, jetzt wandte ich meine Augen zum ersten Male nach links.
Da sah ich, dass mein Hängebett in sehr geringer Entfernung vor einem solchen türkischen Kiosk hing, und soeben trat durch die offene Tür eine Person, die mich gleich auf den Verdacht brachte, dass in diesem Kiosk dennoch Zigaretten verkauft würden.
Denn erstens war die heraustretende Person eine junge Türkin, und zweitens rauchte sie selber eine Zigarette. Und ich bin nun einmal so ein komischer Kauz. In meinem Gehirnkasten quirlen ständig ganz besondere Gedanken herum, ich muss immer Bilder malen. Und weil ich einmal auf einer Ausstellung in Magdeburg solch einen türkischen Kiosk gesehen hatte, in dem eine wunderschöne, ganz echt orientalische Türkin Zigaretten verkaufte, die auf den Namen Suleika hörte — — das heißt nur während der Ausstellung, im Magdeburger Polizeiregister führte sie den nicht ganz echt türkischen Namen Bertha Brandhuber und war für gewöhnlich in der Schildgasse in einem Butter- und Käseladen tätig, übrigens sehr guter Herkunft, ihre Mutter war städtische Beamtin, vereidigte Leichenwäscherin, die auch Hühneraugen schneiden konnte — — und da musste das jetzt für mich eben auch so ein türkischer Zigarettenkiosk sein.
Aber schnell sah ich meinen Irrtum ein, wenigstens zunächst in Betreff der Verkäuferin, die jetzt mit qualmender Zigarette heraustrat. Das war nämlich gar keine Türkin, sondern eine Kalmückin — oder sonst so eine Mongolin. Das sah man doch gleich dem Gesicht an. Oder nein, das war sogar ganz bestimmt eine Japanerin. Denn erstens trug sie die bekannte japanische Haarfrisur, auch die Pfeilnadel fehlte nicht darin, und zweitens einen sogenannten Kimono. Also ein japanisches Kostüm.
Und jetzt trat aus dem Kiosk ein Herr heraus, der entweder zu dem Geschäft gehörte; aber er war ganz besonders gekleidet, auffallend unmodern. Nicht etwa mit einem Schößenrock oder dergleichen, o nein! Noch viel, viel altmodischer — — dieser Herr trug eine perfekte Ritterrüstung, war vom Scheitel bis zur Sohle ganz in blitzenden Stahl gehüllt, und auf dem Kopfe hatte er einen Löwenhelm und auf dem großen Löwen immer noch einen mächtigen, roten Federbusch. Ein gewaltiges Schwert hatte er in dem goldenen Schuppengürtel baumeln. Im Übrigen war es ein baumlanger Rittersmann; unter der Rüstung konnte man einen starken Kerl vermuten, das offene Visier zeigte ein junges, germanisches Gesicht mit blauen Augen und blondem Bart.
Ja, zum Teufel noch einmal, war ich
denn hier zu einer Maskerade gekommen?
Zunächst starrte ich noch den Rittersmann an; der war die letzte Errungenschaft in meiner Erkenntnis gewesen.
»Himmel, ist der aber fett geworden!!«, staunte ich.
Die Türkin oder vielmehr Japanerin war unterdessen auf mich zugeschritten, blickte sich bei diesem meinem Ausruf nur noch einmal flüchtig nach ihrem ritterlichen Galan um, weil ich den doch so starr ansah, was sie gleich bemerken konnte.
»Fett geworden?«, wiederholte sie, mich erreichend und gleich des Hundes Kopf streichelnd. »Das ist doch etwas zu viel gesagt. Allerdings bedeutend dicker.«
»Na ich danke, der quillt doch vor Fett förmlich auseinander!«
Recht verwundert und vielleicht auch etwas misstrauisch blickten mich die geschlitzten, aber sehr schönen Mongolenaugen an.
»Nein, nein, von Fett kann man da nicht sprechen.«
»Na, dann meinetwegen ist es Fleisch. Aber wie kann der denn nur seit gestern plötzlich so übermäßig dick geworden sein?«
»Seit gestern?«, wurde wie vorhin wiederholt. »Ja, kennen Sie denn den Argant überhaupt?«
»Den Argant? Ach so, das ist ein ganz anderer Hund!«, rief ich im Tone der Erleichterung.
»Hund? Hund? Was für einen Hund meinen Sie denn?«
»Ich dachte, es sei mein Wodan.«
»Ja, um Gottes willen, wovon sprechen Sie denn nur eigentlich immer? Wer soll denn so furchtbar fett geworden sein?«
»Na, dieser Hund hier, den ich erst für meinem Wodan hielt.«
Die Japanerin breitete beide Arme aus und blickte nach oben.
»Allmächtiger Himmel, und ich denke immer, Sie meinen den Professor Edeling!!!«
So rief sie, erst noch ganz ernst — dann aber bekam sie plötzlich einen Lachkrampf, warf sich gleich auf den Rasenteppich und wälzte sich vor Lachen, dass ich ihre blauen Pumphosen bewundern konnte.
Ja, nun freilich war der Irrtum aufgeklärt. Ich hatte wohl den Rittersmann angeblickt, aber dabei immer noch an meinen Wodan oder hier an diese Hundekugel gedacht.
Also das war der freiherrliche Professor von Edeling, der damals auf so
Ja zum Teufel noch einmal, war ich denn hier zu einer Maskerade gekommen?
rätselhafte Weise verschwand, und hier spazierte er als geharnischter Ritter herum!
Doch jetzt machte ich mir darüber weiter keine Gedanken, ich betrachtete das verrückte Frauenzimmer, das sich da lachend im Grase wälzte.
Aber ebenso schnell, wie er gekommen, war der Lachanfall wieder vorüber. Sie erhob sich — nein, wie ein Gummiball schnellte sie plötzlich empor, oder, will ich sagen, mit der elastischen Kraft und Gewandtheit eines Zirkusclowns, warf dem davongehenden Rittersmann, der es sehr eilig zu haben schien, noch einen Handgruß zu, und dann schaute sie mich ganz ernst an, sogar mit tiefernstem Gesicht.
»Wie befinden Sie sich, Herr Willmer? Das muss meine erste Frage sein.«
Gut, dann wollte auch ich ganz sachlich bleiben, obgleich ich schon darüber nachzugrübeln begann, wo in aller Welt ich denn dieses elfenbeinfarbene, so ganz eigentümliche Gesicht schon einmal gesehen hätte.
»Ich befinde mich ganz wohl.«
»Fühlen Sie Schmerzen?«
»Nicht die geringsten, sonst befände ich mich doch nicht ganz wohl.«
»Vielleicht in der Lunge, in der linken, Sie merken es nicht gleich — holen Sie einmal tief Atem!«
Ich tat es. Nein, ich fühlte keinen Schmerz dabei. Aber der Atem setzte mir vor Schreck plötzlich aus.
Ich hatte dabei nämlich zufällig meine Hand angesehen — — Himmel noch einmal, war denn das überhaupt meine rechte Hand?
Ich war doch gewohnt, da immer so eine braungebrannte, menschliche Bärentatze zu sehen.
Ja, braun war sie wohl noch, die Hand, die ich da sah, aber nicht mehr breit, sehnig, muskulös, sondern eine ganz lange, schmale, feine Hand, ganz abgemagert, von Fleisch überhaupt keine Spur mehr dran, die Knochenhand eines Gerippes!
Ich bewegte sie hin und her, griff mir damit einmal an die Nase.
Oho, war denn das auch wirklich meine Nase? Hatte ich denn jemals solch einen dünnen, spitzen Zinken im Gesicht gehabt?
Dabei muss ich wohl ein ganz besonderes Gesicht gemacht haben.
»Was schütteln Sie immer so Ihre Hand? Haben Sie Schmerzen darin?«
»Schmerzen, nee?«
»Was fassen Sie sich immer an die Nase?«
»Weil das gar nicht meine Nase ist! Ich würde mich doch genieren, mit so einem Dinge herumzulaufen.«
Sie schien wieder einen Lachanfall zu unterdrücken, es hatte einmal so in ihrem Gesicht gezuckt. Nein, diese eigentümlichen Züge! Woher kannte ich die nur schon?
»Herr Willmer, ich muss Sie auf etwas vorbereiten. Können Sie sich noch auf alles besinnen? Auf die letzten Vorgänge?«
»Auf alles.«
»Was in der Tempelhalle geschah?«
»Na, und ob!«
»Und was ist mit Ihnen passiert?«
»Vor mir stand plötzlich ein Malaie, mit einem flammenähnlichen Dolche, einem sogenannten Kris.«
»Und?«
»Und ehe der mich stach, was er doch zweifellos tun wollte, habe ich ihn mit der elektrischen Pistole niedergestreckt.«
»Und weiter?«
»Es muss noch ein anderer Gegner hinter mir gestanden haben, der mich in den Rücken stach, und ich vermute, dass die Waffe vergiftet gewesen ist. Wenn auch nicht gerade mit einem tödlichen Gifte. Ich habe schon gehört, dass es da auch noch etwas anderes gibt, was nur betäubt. Das heißt, so dachte ich gestern nicht, sondern verlor sofort das Bewusstsein.«
»Wann war das?«
»Nun, doch wohl gestern, oder nicht einmal — in der vergangenen Nacht.«
»Das passierte vor zwanzig Tagen. Morgen werden es genau drei Wochen.«
Na, erschrecken konnte ich ob dieser Mitteilung gerade nicht. Aber ich wunderte mich doch etwas, machte wohl ein etwas ungläubiges Gesicht.
»Faktisch?«
»Ich werde Ihnen doch nichts vorlügen.«
»Hören Sie — mir ist hier schon manches vorgelogen worden!«
»Sie haben genau zwanzig Tage und fünf Stunden ohne Besinnung gelegen — auf Ehrenwort!«
»Gut, ich glaube es. Da war das wohl gar kein so leichter Stich?«
»Eine breite Klinge ist Ihnen durch den linken Lungenflügel gegangen. Nur noch zwei Millimeter mehr nach links, und auch Ihr Herz wäre verletzt worden, und dann hätte es für Sie keine Rettung mehr gegeben. Ein zerfleischtes Herz können auch wir nicht heilen, so wenig, wie einen Toten wieder zum Leben erwecken.«
»Das können Sie nicht? Dann müssen Sie es lernen. Also drei Wochen habe ich bewusstlos gelegen! Sapperlot! Aber ich fühle doch so gar nichts mehr von einem Stich in die Lunge?«
»Sie ist wieder vollständig geheilt, und wenn es regelrecht zugeht, dürfen Sie auch keine Schmerzen mehr empfinden. Aber ich muss doch fragen.«
»In drei Wochen alles wieder geheilt? Das ist nun wieder sehr fix gegangen, so weit ich das beurteilen kann. Ein Stich durch die Lunge ist doch keine Kleinigkeit.«
»Es war sogar eine furchtbare Verletzung.«
»Und doch in drei Wochen ganz ausgeheilt?«
»Jawohl. Sehen Sie, das verstehen wir eben. Das geht bei uns sogar noch viel schneller. Aber sie waren mit Gift infiziert.«
»Ach so, auch das noch! Daher auch meine lange Besinnungslosigkeit.«
»Nein, die war von uns künstlich bewirkt.«
»Ich bin immer mit Absicht in Bewusstlosigkeit gehalten worden?«
»Jawohl.«
»Weshalb das?«
»Eben um die Heilung zu beschleunigen, wie wir immer tun, und in diesem Falle auch hauptsächlich, um das Gift aus Ihrem Blute und Ihrem Körper wieder herauszubefördern. Sie haben die ganzen zwanzig Tage und Nächte ununterbrochen schwitzen müssen.«
»Ach, deshalb bin ich so mager geworden?«
Denn nun hatte ich auch meine Oberarme befühlt, und da war ich wirklich erschrocken. Was für Knochen ich da zu fühlen bekam. Und mein Hals! Dieser Schwanenhals!
»Gewiss. Aber Sie durften auch gar nichts essen, nicht künstlich ernährt werden.«
»Aha, aha!! Nun weiß ich es! Da hat mein Wodan immer das Essen bekommen, das eigentlich mir gebührte! Deshalb ist das Vieh so kugelrund geworden! Oder ist es nicht so?«
»So ungefähr wenigstens«, fing sie jetzt doch wieder einmal zu lachen an, nur nicht gleich gar so unbändig wie vorhin. »Na, Sie werden schon bald wieder zu Kräften kommen.«
»Ei gewiss«, bestätigte ich. »Nun wird der Spieß wieder herumgedreht. Jetzt muss der Hund wieder dünn und ich dick werden. Jetzt fresse ich dem wieder das Futter weg. Und wenn uns das gefällt, dann wechseln wir noch öfter so ab.«
Sie lachte noch stärker als bisher.
»Na, Sie sind ganz gesund, nun weiß ich es bestimmt!«
»Woher wollen Sie das so ganz bestimmt wissen?«
»Wer noch solchen Humor besitzt, dem kann nicht viel fehlen.«
»Hören Sie, Geehrteste, das sagen Sie doch lieber nicht so leichthin. Mir fehlt dennoch etwas.«
»Was denn?«, wurde sie rasch wieder ernst, mich besorgt anblickend.
»Der Appetit. Ich habe absolut keinen Hunger. Ich könnte jetzt keinen Bissen genießen. Sie könnten mir vorsetzen, was Sie wollten. Sogar Schweinsknochen. Und wenn ich drei Wochen gefastet habe, so ist das doch etwas bedenklich.«
»Nein, das ist ganz natürlich.«
»Nicht für mich.«
»Weshalb nicht?
Wissen Sie auch, was der Anatom unter Vagus versteht?«
»Ich verstehe sehr wenig von Anatomie, aber so viel weiß ich doch, dass das ein Nerv ist, wegen seiner Beweglichkeit der herumschweifende genannt, der vagabundierende, und dieser Nerv vermittelt vom Magen aus zum Gehirn das Gefühl, das wir Hunger und Durst nennen. Wenn man ihn durchschneidet, so tritt eben auch bei längstem Fasten das Gefühl von Hunger gar nicht ein.«
»Richtig! Wir haben Ihren Vagus getötet.«
»Was? Sie haben ihn durchgeschnitten?!«
»Nein, nur unterbunden.«
»Dann, bitte, binden Sie ihn wieder auf, lassen Sie ihn wieder frei nach Behagen herumvagabundieren. Das ist doch hoffentlich noch möglich?«
»Gewiss«, erwiderte sie lachend, »es handelt sich nur um eine zeitweilige Betäubung dieses Nervs, sie brauchen nur ein Medikament zu bekommen, und seine Wirksamkeit ist sofort wieder da. Nur während Ihres langen Schlafes mussten Sie unbedingt hungern, ohne doch dabei durch Hungergefühl gestört zu werden, das hat die Heilung ganz außerordentlich befördert. Und nun wollen wir Sie in drei Tagen wieder dick haben.«
»In drei Tagen?«
»Bringen wir fertig.«
»Auch meine Muskeln?«
»Auch die sollen Sie wiederhaben.«
»In drei Tagen!«
»Bringen wir fertig!«, wurde wiederholt. »Durch formierte Assimilierung der den Körper aufbauenden Stoffe.«
»So so. Ungefähr verstehe ich schon. Weshalb haben Sie meinen Wodan so kugelrund gemacht?«
»Das ist nicht unsere Schuld. Er hat so viel gefressen nach seiner langen Hungerkur, aus Freude darüber, seinen Herrn wiederzuhaben, nur neben seinem Bett liegen zu können, und wir haben es ihm gegönnt. Wir bringen ihn aber, wenn Sie wünschen, schnell wieder auf seine normale. Beschaffenheit.«
»Na, nun habe ich aber noch über anderes zu fragen als über mich und meinen Hund. Mich interessiert das Schicksal anderer Lebewesen.«
»Fragen Sie!«
»Ich beginne mit Ihrer werten Person. Das gebietet mir die Höflichkeit. Mit wem habe ich eigentlich die Ehre?«
»Ich bin die Schwester Loke Klingsors.«
Himmel Herrgott — — ich Einfaltspinsel! Ich durfte mich nicht mehr rühmen ob meiner Fähigkeit, Physiognomien zu beurteilen.
Ja natürlich, das war doch dasselbe Gesicht! Nur eben in weiblicher Ausgabe. Hauptsächlich das japanische Kostüm musste es gewesen sein, das mich so getäuscht oder mich blind gemacht hatte.
»Also Prinzess Turandot!!«
»A bah, Prinzess!«, erklang es leichthin und sogar verächtlich. »Nennen Sie mich Fräulein Turandot oder Fräulein Klingsor oder meinetwegen nur Turandot. Von wem ich tituliert sein will, dem sage ich es schon. Sie sind kein Skalde, für Sie ist es einfach lächerlich, dass ich unter uns den Rang und Titel einer Fürstentochter einnehme.«
»Gut. Dann also das Nächste, was mir am Herzen liegt, sogar noch mehr als das Wiederdünnwerden meines Hundes: Was macht meine Braut, die Sakuntala?«
»Sie ist die ganzen drei Wochen nicht von Ihrem Bett gewichen, hat Sie immer gepflegt.«
»Ach, das liebe Mädelchen! Demnach ist ihr also das Totschießen ganz gut bekommen.«
»O ja«, wurde wieder herzlich gelacht. »Der elektrische Strom, den die Pistole entsendet, wirkt auf den tierischen Organismus nur betäubend. Oder aber — — eigentlich noch ganz anders. Es tritt schon der Tod ein. Jeder Arzt würde das konstatieren. Aber es ist nur ein Scheintod. Die Elektrizität, eine ganz besondere Art, wirkt erstarrend auf das Blut, verdickt es ganz, und das hält gar lange an, unter Umständen jahrelang, sodass die scheinbare Leiche wohlerhalten bleibt.«
»Ich hoffe, bei meiner Braut ist das dicke Blut wieder dünn geworden?«
»Ja, wir besitzen ein Mittel, um den Scheintoten wieder zu erwecken«, wurde immer wieder gelacht, was ich aber nun nicht mehr jedes Mal erwähnen will.
Und ich war mit dieser Erklärung noch nicht ganz zufrieden, wobei ich erwähnen will, dass ich mich äußerst wohl fühlte und daher bei ausgezeichneter Laune war. Ich hätte getrost etwas recht Unangenehmes hören können, meine Stimmung wäre nicht so leicht verdorben worden. Natürlich hat alles seine Grenzen.
»Mit dieser Nachricht über meine Braut allein ist mir noch nicht gedient«, wandte ich ein. »Eine Frau mit Pflaumenmus in den Adern — das wäre nichts für mich.«
»Nein, durch unser Mittel wird das Blut sofort wieder dünnflüssig.«
»Hoffentlich nicht gar zu dünn, dass sie mir nicht ab und zu durch die Lappen geht. Und was macht ihr Herr Papa?«
»Stahlhand? Oh, der hat unterdessen schon wieder einen Steinadler geschossen und sich eine hohe Prämie verdient.«
»Dann ist er also auch nicht geschlachtet und aufgefressen worden. Hm, eigentlich schade.«
»Wieso?«
»Na, dann hätte ich seine Tochter billig bekommen. Jetzt muss ich nun doch noch ins Portemonnaie greifen.«
»Na, Herr Willmer, wie die Verhältnisse jetzt liegen — — haben Sie da keine Schwierigkeiten. Wenn der Häuptling Sie besucht, so ist es das beste, Sie fangen gar nicht erst von diesem Handel an, er könnte es übel nehmen.«
»Jut, ick werde mir beherrschen. Was ist denn nun aus den Teufelsbrüdern und Teufelsschwestern geworden? Sind sie schon sämtlich gehangen oder guillotiniert worden?«
»Das, Herr Willmer, sind interne Angelegenheiten, über die ich nicht sprechen darf — ich bedauere.«
»Und ich bitte um Verzeihung.«
»Sie müssen meinen Bruder fragen, vielleicht gibt er Ihnen Auskunft. Nur so viel darf ich Ihnen noch sagen zu unserer Verteidigung, dass die unseligen Menschen, die nur verführt worden sind, nicht einmal bestraft werden, sondern dass wir sie nur zu bessern suchen.«
»Sehr schön und edel! Und was macht der Professor Clissaro?«
»Herr Willmer — — Sie wollen zu viel wissen, ich bedauere — —«
»Bitte, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Nur über das Befinden Ihres Herrn Bruders darf ich mich wohl erkundigen?«
»Oh, der ist gesund und munter.«
»Freut mich. Dann darf ich wohl zu meinen eigenen Verhältnissen zurückkehren, über die darf ich doch fragen. Also auch Sakuntala ist wohlauf?«
»Ganz und gar.«
»Sie hat wirklich immer hier neben meinem Bett gesessen?«
»Immer. Dort in dem Stuhle. Mit Ausnahme, wenn sie schlief. Das wurde nicht erlaubt.«
»Wo ist sie jetzt?«
»Jetzt schläft sie gerade. Ihr Erwachen, Herr Willmer, wurde eigentlich etwas später erwartet. Sonst wäre Sakuntala schon hier.«
»Lassen Sie sie ja schlafen!«
»Ja, es ist das Beste.«
»Also unserer Heirat steht nun nichts mehr im Wege?«
»Gar nichts mehr!«
»Dann fällt auch die Bedingung weg, dass sie am Tage nicht bei mir sein darf?«
»Das weiß ich nicht. Sie meinen, weil die Upschaniden nicht mehr existieren? Sie existieren immer noch. Sie sind nur einmal aus der Rolle gefallen, allerdings gewaltig. Es könnte aber doch sein, dass Sakuntala immer noch als Oberpriesterin die täglichen Betversammlungen oder Andachtsübungen leiten muss, die schon wieder eingeführt wurden, das gehört mit zur Reue und Besserung, und Sakuntala ist doch gerade die, die es damit am ehrlichsten gemeint hat. Wie gesagt, ich kann nicht ahnen, ob Ihre Frau auch den ganzen Tag bei Ihnen bleiben wird oder nicht.«
»Nun, ich bin nicht gerade so sehr darauf erpicht, dass mir meine Frau Tag und Nacht auf den Hacken sitzt. Wenn ich ein Geschäftsmann wäre, ich möchte mein Büro nicht zu Hause haben, nichts anderes, als ein Heimarbeiter sein. Darf ich nun fragen, wo ich mich hier befinde?«
»Was meinen Sie wohl?«
»In einem Garten.«
»Und wo mag dieser liegen?«
»Innerhalb der Felswände meines Gebirges, wie ich es unbescheiden gleich nennen will.«
»In einem bombensicheren Keller liegt er!«
»Bombensicherer Keller ist gut«, scherzte ich.
»Sie glauben es nicht?«
»O doch, ich glaube schon, dass man es fertig bringt, einen Garten in einem Keller anzulegen. Dann sind dieser Himmel und diese Sonne also künstlich?«
»Weshalb denn?«
»Weil das doch ein Keller sein soll.«
»Es gibt aber doch auch Kellerfenster, hier ist es oben an der Decke angebracht. Ein sehr großes Oberlicht.«
»Ach so! Dann könnte man aber doch eigentlich eher von einer tiefen Felsenschlucht sprechen, nicht gerade von einem Keller.«
»Nein nein, es ist dennoch einer. In gewissem Sinne haben Sie aber recht. Der blaue Himmel, den Sie über sich sehen, ist allerdings nicht künstlich; auch nicht die Sonne. Wenn sie hoch steht, scheint sie wirklich oben herein. Jetzt aber nicht. Es ist jetzt noch früher Morgen, nach Ihrer Uhrzeit um sieben, in Wirklichkeit steht die Sonne noch nicht sehr hoch über dem Horizonte, dennoch — — nun?«
»Sie wird durch Spiegelung dort oben sichtbar hereinreflektiert.«
»So ist es. Nun muss ich, ehe Sakuntala kommt, Ihnen noch etwas anderes offenbaren, dazu bin ich beauftragt. Nichts Verdrießliches. Dazu will ich mich aber erst ein bisschen setzen.«
Bisher hatte sie also immer gestanden, sich höchstens einmal an einen Baum lehnend. Gar so lange hatte unsere Unterhaltung ja nicht gedauert, die Worte waren immer schnell hin- und hergegangen.
Bei dieser Gelegenheit sah ich auch zum ersten Male ihre Hände, die bisher in den sehr langen Ärmeln versteckt gewesen waren.
Sapristi, was für Hände hatte die Kleine, schlanke, schmale, zarte, edle Hände, aber dabei dennoch starrend von einer geradezu furchtbaren Muskulatur, die sogar an jedem einzelnen Finger deutlich zu erkennen war, jedes Muskelchen wie aus gelbem Elfenbein von einem Bildschnitzer herausgearbeitet, der ebenso Künstler wie Anatom war! Und außerdem erblickte ich auch noch etwas anderes.
Der Ärmel hatte sich also auch ziemlich weit hinausgeschoben, bis zum Ellbogen und noch höher, und da sah ich, dass ihr Arm mit goldenen Schuppen bedeckt war. Sie trug ein goldenes oder vergoldetes Panzerhemd.
»Sie sind wohl am ganzen Körper gepanzert?«, fragte ich also nun direkt.
»Ei gewiss. Freilich auch nicht immer. Nur dann und wann.
Ja, Herr Willmer, diese Panzerung, die wir jetzt tragen, hat eng zu tun mit dem, was ich Ihnen offenbaren will. Ich muss aber doch erst noch von etwas anderem anfangen. Sie können Ihre Robinsonhöhle nicht mehr beziehen.«
»Nein? Hat sie einen anderen Bewohner bekommen?«
»Das nicht. Sie ist zurzeit überhaupt nicht bewohnbar. Aber Sie werden vollkommenen Ersatz dafür bekommen, eine noch viel traulichere Höhle. Würde es Ihnen übrigens auf die Dauer hier in diesem bombensicheren Garten gefallen?«
»Bombensicheren Garten?«, wiederholte ich verwundert. »Was wollen Sie nur immer mit Ihrem ›bombensicher‹? Sie sprachen schon vorhin von einem bombensicheren Keller. Das ist manchmal so ein Ausdruck, es gibt auch ›bombensichere‹ Tatsachen und dergleichen. Nun aber ein bombensicherer Garten? Weshalb diese Bezeichnung? Inwiefern ist er bombensicher? Wozu ist er — —«
Das letzte Wort blieb mir in der Kehle stecken.
Ich glaubte, die Erde ginge plötzlich unter.
Solch ein Krachen und Getöse machte sich plötzlich bemerkbar, die nahen Felswände zitterten und bebten, dann löste sich das Krachen in ein Prasseln und Knattern auf, aber was für ein Prasseln, und da sah ich — —
»Um Gottes willen, ein Erdbeben, ein feuerspeiender Vulkan, Lavablöcke kommen geflogen!«, schrie ich.
Denn da sah ich die Blöcke oben vom klaren Himmel schon geflogen kommen, erst einen riesenhaften, wenigstens einen Meter im Durchmesser, dann einen zweiten ebensolchen, und dann eine Unmenge von kleineren Blöcken und Steinen, aber immer noch ansehnlich genug.
Die meisten Blöcke wollten direkt auf mich stürzen. So hatte es ausgesehen. Freilich kann man das ja nicht alles so beschreiben.
Kurz, ich hatte entsetzt aus dem Bette springen wollen, war dessen aber nicht fähig. Ich war zu schwach dazu, wovon ich aber im Augenblick gar nichts merkte, es kam mir nicht richtig zum Bewusstsein.
Ich erwartete, im nächsten Augenblick von dem Steinregen totgeschlagen zu werden.
Was aber war das?
Ein neues Donnern und Prasseln erklang in viel größerer Nähe noch, und mit einem Male hingen alle die Blöcke und Steine oben am blauen Himmel, blieben da fest stehen.
Die Prinzess war gelassen sitzen geblieben.
»Da haben Sie die Antwort auf Ihre Frage«, sagte sie ebenso gelassen. »Man bewirft diesen Garten mit Bomben, aber er hat eine bombensichere Decke.«
Ach so! Ich hätte mir übrigens selber gleich sagen können, dass das kein Naturphänomen war, wie die angesaust kommenden Felsen und Steine plötzlich da oben in der Luft hängen blieben. Ich hatte doch schon gehört, dass es sich um einen geschlossenen Keller handelte, er hatte auch eine Decke, ein Oberlicht, aus Glas oder sonst einer durchsichtigen Masse; auf dieser waren die Steine eben liegen geblieben. Daher das zweite nachfolgende Donnern und Prasseln.
Eine gänzliche Erklärung der Sachlage war das nun freilich nicht.
»Bomben? Das sind doch Felsblöcke und Steine. Wer soll die denn schmeißen? Da kann man doch nur an einen Vulkan denken — — —«
Plötzlich sprang die Prinzess auf, erst jetzt wurde sie von großer Erregung gepackt.
»So eine Gemeinheit!«, rief sie heftig nach oben blickend. »Das ist ein Bruch der heiligsten Kriegsgesetze, ist so gut wie Hochverrat, uns hier mit Bomben zu bewerfen! Über dieser ganzen Felsengegend hier weht die Sanitätsflagge, der heilige Triangel, die wissen überhaupt recht gut, dass hier geschütztes Gebiet ist, und richten trotzdem ihren großen Onager hierher — —«
Sie riss aus dem Busen eine Uhr — oder eine kleine Dose, drückte auf einen Knopf, ein Deckel sprang auf, sie drückte weiter auf dem Knopfe herum.
»Ach so, nur ein Versehen«, sagte sie dann, schon wieder ganz beruhigt, die drahtlose Telefonuhr — denn was konnte es anders sein, mit der man aber auch telegrafieren konnte — wieder einsteckend. »Na ja natürlich, was soll es auch anderes gewesen sein als ein Versehen! Die große Wurfmaschine ist beim Herumschwenken versehentlich losgegangen und ihre ganze Ladung, die aus sehr vielen Geschossen besteht, gerade hierher auf dieses heilige Gebiet geschleudert worden. Die Königin von Thule selbst bittet bereits um Entschuldigung, und da ist natürlich nichts zu machen. Sonst würde solch eine Nachlässigkeit eine ganz exemplarische Strafe nach sich ziehen. Aber die Königin selbst bedauert und fragt, was für Schaden der Schuss angerichtet hat, sie will dafür büßen, da muss ihr natürlich großmütig verziehen werden.«
Sie setzte sich wieder, und ich sah oben über den gläsernen Himmel Männer gelaufen kommen, welche die Steine wegzuräumen begannen.
Ja, was aber war nun wieder das? Die Blöcke und Steine mussten doch unbedingt sehr schwer sein. Ich hatte sie mit furchtbarer Macht aufschlagen hören und gesehen. Und jetzt nahm solch ein schlanker Mensch einen Stein von einem Meter Durchmesser und trug ihn fort, als sei das Ding von Pappe, innen hohl, und so wurden alle die anderen Blöcke und Steine fortgeschafft. Und fiel einer noch einmal herab, einem Manne aus der Hand, so klang es immer wieder höchstens wie aufschlagende Pappe.
Ich kam nicht zum Fragen, sollte erst etwas anderes hören.
»Nun werde ich Ihnen berichten, Herr Willmer, wozu ich beauftragt bin.«
Ich wurde über den Skaldenorden belehrt, ebenso wie seinerzeit Baron Edeling. Nur, dass sie bei mir nichts mit Experimenten erläuterte. Das sollte erst später drankommen. Sonst erfuhr ich genau dasselbe.
Meine Verwunderung ob des Gehörten war nicht gering.
»So, nun wissen Sie alles, was Sie wissen dürfen und wissen sollen. Sie haben mich niemals unterbrochen, was ich sehr schön von Ihnen finde. Nun aber werden Sie gewiss noch Verschiedenes zu fragen haben.«
»Wo liegt denn dieses Thule, über welches die Königin Chlorinde herrscht?«
»In Australien. Mitten drin. Das dürfen Sie erfahren.«
»Und wo befinden wir uns hier?«
»Das dürfen Sie nicht erfahren.«
»Und nun belagert die Königin uns hier?«
»Jawohl. Schon seit einer Woche wird diese Felsenfestung hier, ein Hauptsitz meines Bruders, von ihr bombardiert.«
»Sie sprachen doch vorhin davon, dass die Königin ein Gelübde abgelegt habe, ihr Thule nicht eher zu verlassen, als bis der Graf Bertran de Born, wie Ihr Herr Bruder als Kriegsmann heißt, die Belagerung als aussichtslos aufgegeben hat.«
»Ja. Mit keinem Fuße wollte sie ihr Thule verlassen. Aber es ist nur ein Gelübde gewesen, das sie sich selbst abgelegt hat, sie ist also niemand Rechenschaft schuldig, wenn sie es bricht.«
»Und warum ist sie dem Gelübde untreu geworden?«
»Mein Bruder hat ihr — es ist noch gar nicht so lange her — einen Streich gespielt, für ihn und für jeden Zuschauer ein höchst amüsanter Streich, aber in ihren Augen ganz niederträchtig. Obgleich eigentlich mein Bruder nur ihr Bestes dabei beabsichtigte. Aber das lässt sie natürlich nicht gelten. Was für ein Streich das gewesen ist, das müssen Sie sich von meinem Bruder selber erzählen lassen, ich habe keine Berechtigung dazu; die Hauptepisoden kann er Ihnen auch kinematografisch vorführen.
Also die Chlorinde hat erfahren, dass das alles von meinem Bruder ausgegangen ist. Nun darf ich auch noch sagen, dass die Königin dereinst in heißer Liebe zu ihm entbrannt gewesen ist, ohne Gegenliebe zu finden. Eben von dieser ihrer Leidenschaft hat Loke sie kurieren wollen.
Das scheint ihm ja nun auch gelungen zu sein — vielleicht — ganz genau weiß man das bei diesem Weibe immer noch nicht — jedenfalls aber weiß sie ihren schon früher vergeblichen Hass nun noch anders auszudrücken, sie schnaubt Rache.
Kurz, vor einer Woche ist sie hier mit einem ganzen Heere erschienen und bombardiert uns mit Hunderten von Balisten, Onagern, Katapulten und anderen Wurfmaschinen, darunter solche schwersten Kalibers.«
»Mit Hunderten von solchen Wurfmaschinen?«
»Jawohl, mit Hunderten.«
»Wie groß sind denn diese Dinger?«
»Groß genug, um solche Felsblöcke zu schleudern, wie dort einer soeben fortgetragen wird, und Sie haben sie aufschmettern hören.«
»Aber diese Geschosse sind doch ganz leicht!«
»Ja, jetzt. Weil sie als hinderlich fortgeräumt werden sollen.«
»Und sonst?«
»Entspricht ihr Gewicht eben ihrer Masse.«
»Prinzess, Prinzess, Sie sprechen für mich in vollkommenen Rätseln, Sie verschweigen mir noch etwas!«, rief ich.
»Finden Sie nicht von allein eine Erklärung?«
»Können Sie denn diese Steine gewichtlos machen?«
»Sie sind es.«
»Na ja, freilich, ich hätte es gleich von selbst wissen können. Und da sind die Wurfmaschinen auch gewichtslos hierher transportiert worden?«
»Nicht anders.«
»Auf welchem Wege?«
»Wie meinen Sie wohl?«
»Durch die Luft. Da können Sie doch auch die größten Luftschiffe bauen, sie wiegen ja gar nichts.«
»Ja. Aber es könnten auch Unterseeboote in Betracht kommen, die nicht gesehen werden.«
»Unterseeboote, die den Transport aus dem Innern Australiens besorgen?«
»Und warum nicht?«
»Wie soll denn das geschehen?«
»Es kommen unterirdische Wasserläufe in Betracht.«
In dieser Beziehung hatte ich nichts mehr zu fragen, anderes umso mehr.
»Da wird die Festung also immer nur mit großen Steinen beworfen?«
»Ja, um so viel Schaden wie möglich anzurichten, und dann vor allen Dingen, um eine Bresche zu schaffen. Denn die Felswände dürfen jetzt nicht mehr unwiderstehlich sein. Der elektrische Strom, der dies verursacht, wie Ihnen also schon bekannt ist, wird ausgeschaltet, und mit genügender Wucht geschleuderte Steine von vielen Zentnern Gewicht können die stärksten Felswände recht wohl zertrümmern.«
»Wozu aber solche Breschen?«
»Nun, um zu stürmen.«
»Ach, gestürmt wird auch?«
»Ei gewiss! Die Stürme auf Thule haben meinem Bruder innerhalb von zwei Jahren schon mehr als zehntausend Mann gekostet.«
»Wie viel?«, fuhr ich empor.
»Zehntausend Mann«, wurde gleichgültig wiederholt.
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass — — diese zehntausend Menschen getötet worden sind?«
»Getötet oder doch so verkrüppelt, dass diese keine Kriegsdienste mehr leisten können.«
Ich war im Augenblick ganz entsetzt, ich starrte die Sprecherin an.
»Und dies alles nur aus Spielerei!«, rief ich dann.
Sie brannte sich gelassen eine neue Zigarette an.
»Was wollen Sie, Herr Willmer?«, fragte sie dann ruhig, aber auch etwas spöttisch. »Ist es denn etwa anders in der Welt, aus der Sie kommen? Weshalb werden denn Kriege geführt? Wenn ein Industriestaat ein Paar Hosenträger mehr als ein anderer an das Ausland verkauft, ist man schon imstande, aus Eifersucht darüber einen Weltbrand zu entfachen, in dem sich ganze Völker gegenseitig abschlachten. Oder ist es etwa nicht so?«
Ich blieb bestürzt die Antwort schuldig, wagte keine Einwendung mehr zu machen. Ja, sie hatte recht. Das mit den Hosenträgern war nur ein drastisches Beispiel. Im Großen und Ganzen stimmte es. Wenn es sich nicht einmal um eine Beleidigung der an der Spitze der Nation stehenden Führer handelt — seltsame Ausnahmen — so ist es immer doch nur der Krämergeist, der Konkurrenzneid, für welchen ganze Völker verbluten müssen.
»Wir führen den blutigen Krieg aus Lust am Kampfe«, fuhr sie fort. »Wer nicht mitmachen will, braucht es nicht. Gezwungen wird niemand. Aber es gibt ihrer schon genug, die Freude an solchen ritterlichen Turnieren finden, wenn dabei auch Blut und Leben aufs Spiel gesetzt werden. Es ist eben das Höchste, was der Mensch einzusetzen hat, und das gibt den Reiz. Übrigens dürfen Sie sich die Sache gar nicht so schrecklich vorstellen. Wie ritterlich diese Kriege bei uns geführt werden, habe ich Ihnen ja schon gesagt. Nur die Kraft, die Tapferkeit, die körperliche Tüchtigkeit und Waffengewandtheit allein entscheiden die Schlacht. Bei uns werden keine fürchterlichen Explosivstoffe und sonstige Erfindungen angewandt, um Menschen zu vernichten und zu verkrüppeln, bei uns gibt es kein Aushungern und dergleichen. Der Gegner selbst liefert, wenn es daran fehlt, Nahrungsmittel. Man will sich doch nicht etwa mit einem geschwächten Feinde im Kampfe messen. Auch den Verwundungen ist alle Qual genommen. Jeder Krieger hat ein Präparat bei sich, das er sich, wenn er schmerzhaft verwundet wird, ins Blut spritzt und das eine wohltätige Bewusstlosigkeit erzeugt.
Wenn er nicht fähig ist, sich dieses Mittel selbst einzuspritzen, tut es sofort ein anderer. Ärzte und Gehilfen sind zu demselben Zwecke massenhaft auf dem Schlachtfelde. Die Verwundeten werden so lange in Bewusstlosigkeit gehalten, bis sie ausgeheilt sind, und das geht bei uns sehr schnell. Den geringsten Schrecken hat für uns der Tod. Wir Skalden glauben an eine ständige Wiedergeburt mit fortwährender Höherentwicklung. Glauben Sie an eine Wiedergeburt, Herr Willmer?«
»Ich habe schon viel davon gehört, aber eigentlich noch nie darüber nachgedacht. Nein, ich glaube nicht daran.«
»Sie werden darüber belehrt werden. Daran zu glauben, wird niemand gezwungen. Wollen Sie nun einmal den Kampfplatz besichtigen? Von einem Punkte aus, von dem man freien Überblick hat. Es ist interessant genug, und Einzelkämpfe finden fast fortwährend statt, die ebenbürtigen Gegner fordern sich ständig zum Zweikampf heraus.«
»Und ob ich mir das ansehen will!«, rief ich und wollte mit gleichen Füßen aus dem Bette fahren.
Dass ich danach bekleidet war, das wusste ich nun bereits. Ich trug ein weißes, geschlossenes Gewand, aus Beinkleidern und Jacke bestehend, einen sogenannten Pyjama.
Aber ich sollte nicht dazu kommen, mich so zu präsentieren. Wenn es auch gar nichts geschadet hätte. Wie schwach ich war, hatte ich also schon vorhin einmal gemerkt, aber es war mir nicht zum Bewusstsein gekommen. Jetzt war dies der Fall. Ich brachte kein Bein heraus.
»Was ist das mit mir?«, rief ich erschrocken.
»Sie werden sehr schwach sein, infolge des langen Fastens. Das war vorauszusehen und es liegt im Programm. Essen sollen Sie jetzt noch nicht sofort, Ihr Vagusnerv soll erst noch einige Zeit betäubt bleiben, bis der Arzt Sie nochmals eingehend untersucht und durchleuchtet hat. Dagegen sollen Sie eine Viertelstunde nach dem Erwachen aufstehen und sich etwas Bewegung machen; auch einige Aufregung wird Ihnen sehr gut tun. Die Viertelstunde ist vergangen. Sie sind zu schwach, um aufstehen zu können? Dem wollen wir gleich abhelfen. Nehmen Sie hier das Tränklein; es bewirkt Wunder und ist dennoch ganz harmlos, nicht etwa ein Mittel, das nur vorübergehend einmal die Nerven aufpeitscht und dann böse Folgen zeitigt.«
Sie nahm von einem ebenfalls neben meinem Bette stehenden Tischchen ein geschliffenes Glas, füllte es aus einer Flasche mit einer wasserklaren Flüssigkeit und reichte es mir.
Ich nahm es. Wie schwer doch meine Arme waren, meine Hände hingen wie Gewichte an langen, langen Hebeln, und das kleine Glas vollends dünkte mich wie eine Zentnerlast in gesunden Tagen.
Mühsam brachte ich es an den Mund. Allerdings ohne Zittern. Aber die Prinzess musste doch sehen, wie schwer es mir fiel, und hätte mir eigentlich helfen, mir das Glas gleich an die Lippen führen können, sie brauchte mit ihren gepanzerten Hosen deswegen nicht die Krankenschwester zu spielen. Sie tat es nicht, lächelte vielmehr, und ich glaubte sogar, es war ein boshaftes Lächeln.
»Trinken Sie, immer gleich hinter mit einem Zuge!«
Ich gehorchte, und es gelang mir, den Inhalt des Glases hinterzugießen, ohne einen Tropfen zu verschütten.
Das Zeug war ganz geschmacklos, wie fades Wasser, nur unangenehm kühl.
Plötzlich jedoch fing es in meinem Magen wie Feuer an zu brennen, ein Strom von siedendem Blei ergoss sich durch alle meine Adern.
Ich war wie ein Donnerwetter zum Bett heraus!
»Ich verbrenne, ich verbrenne — — — aaah!!!«
Mit meinem Davonstürzen war ich nicht weit gekommen, nur einige Schritte, dann blieb ich stehen und gab mich der Seligkeit hin. Denn ebenso plötzlich hatte sich die Höllenglut in eine behagliche Wärme verwandelt; außerdem durchrieselte es mich, wie von einer Kraft, durch den ganzen Körper, von der Zehe an bis zur Fingerspitze, vom Herzen ausgehend, und ein unsagbares Glücksgefühl überkam mich.
Die Prinzess lachte aus vollem Halse.
»Ach, wie oft habe ich das schon gehört! In allen Sprachen der Erde. Aber sonst immer dasselbe, immer dasselbe: ›Ich verbrenne, ich verbrenne — — — aaah!!!‹, immer mit genau demselben Umschwung und Tonfall. Nur die Augen hat dabei noch niemand so verzuckt, verdreht, wie Sie. Schade, dass Sakuntala das nicht gesehen hat, die hätte ihre Freude an ihrem Herzallerliebsten gehabt.«
»Was für ein Teufelszeug ist denn das nur?«, lachte auch ich, nur weil mein Herz vor Glücksempfinden förmlich überströmte. »Oder vielmehr Engelstrank, wollte ich sagen.«
»Eben ein Lebenselixier, das momentan wirkt und sehr lange anhält, keine üblen Folgen hat, allerdings zum zweiten Male nicht gleich so wirkt.«
»Aber doch im Moment! Es muss augenblicklich ins Blut übergehen, und so etwas gibt es doch gar nicht.«
»Gibt es nicht? Zum Beispiel Blausäure, Cyanwasserstoff? Fast in demselben Moment, da Sie dieses schrecklichste aller Gifte trinken oder einatmen, erstarrt Ihr Blut zu einer breiigen Masse; im nächsten Moment kann das Herz nicht mehr arbeiten, der Tod tritt ein. So wirkt auch dieses Elixier nur nach entgegengesetzter Richtung hin, und so haben wir auch Nährpräparate, die fast im Augenblick vom Blute assimiliert werden, und so wird es uns möglich sein, Ihnen innerhalb drei Tagen Ihr Muskelfleisch wiederzugeben. Denn was nötig ist, dieses neu aufzubauen, das ist in Ihrem Körper alles noch vorhanden, das verschwindet nicht durch solch kleine Hungerkur. Ja, es erlischt nicht einmal mit dem Tode, geht nicht durch die Verwesung des materiellen Leibes unter, die astrale Kraft bleibt, die im nächsten Leben dieselben Knochen und dieselben Muskeln und alles, was schon vorhanden gewesen ist, ebenso wieder aufbaut, wie Sie des Weiteren erfahren werden, wenn man Ihnen unsere Lehren über die Wiedergeburt offenbart. Durch den Tod geht nichts, absolut nichts verloren, nur die Materie wechselt. Vorhanden muss freilich alles schon gewesen sein, und das muss man sich erst durch harte Mühe und Arbeit erworben haben —
Nun machen Sie Toilette, ziehen Sie nur etwas an, gebadet sind Sie erst vorhin worden, als Sie noch im Todesschlafe lagen.«
Schon kam ein schwarzer Geist, der mir einen prächtigen Kittel überwarf, wie ihn nur der Sultan tragen mag, und mir rote Saffianschuhe über die Füße stülpte. Dann bürstete er mir noch etwas das Haar und meine Toilette war beendet.
»So, nun kommen Sie!«, sagte die Prinzess, die mit kritischen Augen dieser Prozedur beigewohnt hatte. »Ich führe Sie in eine Gesellschaft. Eine gar auserlesene Gesellschaft. Aber eine Vorstellung gibt es nicht. Es geht ganz zwanglos zu. Tun Sie, was Ihnen beliebt, niemand beachtet Sie.«
Ich schritt neben ihr her. Lieber aber hätte ich wie ein mutwilliger Knabe springen mögen. Wir betraten in der nahen Felsenwand eine Nische, und ohne dass sie erst geschlossen wurde, ging alsbald der Boden hoch.
Als der Fahrstuhl wieder hielt, eröffnete sich vor uns ein langgestreckter Korridor, leer, nur dass da einige Lehnstühle standen, auch solche mit mehreren Sitzen, neben- und hintereinander angebracht.
»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte die Prinzess, mit einladender Handbewegung auf einen Doppelsitzer deutend.
Ich ließ mich neben ihr nieder, und ohne dass etwas von einer Steuerung zu sehen gewesen wäre, fuhr der Großvater- und Großmutterstuhl sofort los. Nicht einmal Räder oder Röllchen an den Beinen hatte ich bemerkt.
Da lag eine Ideenverbindung wohl sehr nahe! Ich sollte doch nicht etwa wieder von einer Holzpuppe barbiert werden? Sauber rasiert war ich allerdings schon. Eine andere Überraschung? Na, in solch einer Gesellschaft brauchte ich mir keine Sorgen zu machen.
Dafür tauchte eine andere Frage in mir auf, die ich gleich jetzt erledigen wollte, während wir mit mäßiger Geschwindigkeit zwischen den nackten Felswänden hinrollten. Ich war doch im Besitze eines großen Geheimnisses, ich hatte keine Lust, es so ohne Weiteres preiszugeben. Wer wusste, wozu es gut war, wenn ich es für mich bewahrte? Nämlich die Sache mit dem Stichwort, das die mir sonst verschlossenen Türen öffnete. Es konnte doch vielleicht bei Gelegenheit einmal sein, dass — — —
»Habe ich eigentlich im Schlafe geschwatzt?«, begann ich also.
»Haben Sie etwa ein böses Gewissen?«, wurde lächelnd zurückgefragt.
Ja, das hatte ich allerdings. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. Und dennoch bestätigte ich es — nur immer fein diplomatisch.
»Ach, wenn Sie wüssten, was ich alles auf dem Gewissen habe!«
»So sehen Sie gerade aus!«, scherzte sie, was mich nun schon sehr beruhigte. »Nein, kein Tönchen haben Sie von sich gegeben. Oder haben Sie etwas geträumt?«
Ich verneinte. Und welches Glück, dass ich bei der Wahrheit geblieben war! Es ist eben auch das beste und klügste in der Staatsdiplomatie. Oder ich hätte neue Lügen ersinnen müssen, und dann kann's faul werden im Staate Dänemark.
»Sie durften nämlich auch gar nicht träumen«, fuhr sie gleich fort, »es hätte Ihren Gesundschlaf gestört.«
»Können Sie denn verhindern, dass jemand im Schlafe träumt?«
»Ei gewiss können wir das!«
»Na, was Sie alles können!«
»Ja, kommen Sie mal erst zu uns!«
»Da können Sie wohl auch Träume erzeugen?«
»Aufgepasst, es geht steil hinauf, dass Sie nicht hintenüber kippen!«
Wir waren um eine Ecke gebogen; eine sehr steile Treppe kam, welche vor dem Automobilgroßvaterdoppelstuhle auf der an der Seite befindlichen schrägen Fläche mit Vehemenz genommen wurde.
Ja, es ging sehr steil bergan. Hintenüber kippen konnte man zwar nicht, aber meine Beine schwebten längere Zeit in freier Luft — ein sehr ästhetisches Bild.
Darüber hatte ich meine letzte, im Grunde genommen auch ganz bedeutungslose Frage wieder vergessen.
Nach Überwindung der Treppe ging es in eine andere Nische hinein samt dem Fahrstuhl, diesmal wurden wir anscheinend außerordentlich hoch befördert.
Dann ging es wieder einen Korridor entlang, der aber nicht nackt und leer, sondern ganz prächtig ausgestattet war, bis wir vor einer Portiere hielten.
»So, wir sind am Ziele!«, sagte die Prinzess: »Aussteigen, meine Herrschaften — Station Bellevue!«
Wir verließen den Stuhl, ich immer noch elastisch. Übrigens hatte die ganze Fahrt kaum drei Minuten gedauert.
Die Portiere teilte sich vor uns von selbst, und wir traten ein — oder vielmehr hinaus. Nämlich auf einen Balkon, allerdings ganz ungewöhnlich groß.
Die Gesellschaft war versammelt. Auf amphitheatralisch angebrachten Bänken saß ein halbes Hundert Menschen, Männer, Frauen und auch halbwüchsige Kinder. Doch kam und ging es durch verschiedene Portierentüren beständig hin und her.
Wieder konnte ich glauben, auf ein Kostümfest geraten zu sein. Viele der Männer, sämtlich kraftstrotzende Gestalten, waren gepanzert, wenn auch immer nur mit eng sich anschmiegenden Schuppenpanzern, aber alles Gold und Silber, dazu noch phantastischer Schmuck aller Art, nicht nur auf den Helmen, die eine ganze Menagerie repräsentierten, zum Teil eine vorsintflutliche, solche Viecher gab es ja gar nicht mehr, juwelenbedeckte Schwertknäufe, Dolchgriffe und Scheiden. Andere Männer trugen orientalische Kostüme, aber immer überaus phantastische und kostbare, und dasselbe galt erst recht von den Damen, unter denen ich brillante Schönheiten sah, und in der Tracht ahmten Knaben und Mädchen die Großen nach.
Der Hofstaat Seiner Durchlaucht des Fürsten der Felsen, die Elite seiner Vasallen?
Na, das ließ ich mir gefallen! So einen Hofstaat würde ich mir auch zulegen, wenn ich der Fürst von und zu Itzeblitz wäre.
Ach, wo bleiben dagegen doch unsere heutigen Hoffestlichkeiten! Mögen darunter auch noch so viele farbenleuchtende Offiziere sein und Damen mit Dreitausendtalerkleidern, die oben nicht anfangen und unten nicht aufhören! Ich kannte das alles aus eigener Anschauung, war schon so oft bei Hoffestlichkeiten gewesen. Im Kintopp. Ich passte mit meinem pompösen Sultansschlafrock ganz gut in diese Gesellschaft, während die Prinzess Turandot mit ihrem Kimono, obgleich der doch auch farbig war, gegenüber den anderen Damen ganz verschwand. Hinwiederum war das dennoch nicht auffallend. Denn da gab es noch viele andere Ausnahmen von der allgemeinen Pracht.
Da war zum Beispiel eine kleine, sehr korpulente Dame, schon mehr kugelförmig, die trug nichts weiter als einen bescheidenen, weißen Kittel. Und unter den Rittern fiel mir am meisten ein alter Mann auf, ein Greis, der seine siebzig Jahre schon aus dem Buckel haben mochte, aber eine hohe, markige Reckengestalt. Der verachtete ebenfalls alle Eitelkeit dieser Welt. Seine ehrwürdigen Silberlocken, auf denen er eine solide Eisenkappe von etlichen Pfund Gewicht ohne weiteren Firlefanz trug, konnte er schon lange nicht mehr gekämmt haben; ebenso wild zerzaust hing der weiße Bart bis auf die Brust herab, und mit seiner stählernen Rüstung musste er einmal ins Wasser gefallen oder doch in den Regen gekommen sein, und er hatte sie dann nicht wieder trocken gewischt und geputzt — ein Rostfleck saß am andern.
Wer war das? Oh, den kannte ich gut! Das war doch kein anderer als der alte Hildebrand, der furchtbare Waffenmeister aus dem Nibelungenliede, noch trefflicher geschildert im »Rosengarten«, mir nach Hagen der liebste von der ganzen Bande — und im »Rosengarten« allerdings der gottvolle und gewaltige Mönch Ilse, der die Pfaffen, weil sie nicht wollen wie er will, einfach mit den langen Bärten zusammenbindet, sie so über eine Stange hängt und diese Stange auf der Schulter spazieren trägt.
Da, als ich noch so an meinen prächtigen alten Hildebrand dachte, kam die Weißkittlige auf den rostigen Rittersmann zugerollt, wollte ihm wohl auf die Schulter klopfen, aber da sie nicht so hoch hinauflangte, patschte sie ihm mit dem fetten Händchen auf den gepanzerten Bauch.
»Kämpfst Du heute mit dem Ilse, Vater Hildebrand?«
Na, hatte ich es denn nicht gesagt? Hildebrand hieß der alte Haudegen! Ich bin eben ein Prophet. Wenn ich auch sonst meistenteils mit meinen Prophezeien danebenhaue. Es irrt der Mensch, so lang er strebt — und ich baumlanger Mensch bin immer sehr strebsam gewesen; besonders, wenn es galt, einer Arbeit aus dem Wege zu gehen.
Aber diesmal hatte ich mich nicht geirrt. Großes Hellsehen hatte freilich nicht dazu gehört, um diesen reckenhaften Greis ahnungsvoll gleich Hildebrand zu nennen. Hier hatte doch wohl jeder seinen klassischen oder mythologischen Heldennamen bekommen, und wenn dann dieser alte Ritter von der knochigen Gestalt nicht Hildebrand geheißen hätte, so hätten die Paten ja geradezu vernagelt gewesen sein müssen. Aber ich hatte noch mehr gehört. Also auch einen »Ilse« gab es hier? Dann musste das unbedingt ein Mönch sein; mindestens musste er eine Pfaffengestalt haben, Schmerbauch, feiste Backen, Glatze und was sonst noch dazu gehört, und jedenfalls musste es auch so ein gewaltiger Kerl sein, oder er hätte eben den Namen Ilse nicht verdient.
Der war also drüben im feindlichen Lager; Meister Hildebrand sollte mit ihm kämpfen. Was der Ritter mit den Rostflecken der Fettkugel antwortete, hörte ich nicht, oder er antwortete überhaupt nicht, brauchte es nicht, denn die weibliche Fettkugel rollte bereits wieder davon, wobei ich gleich bemerken will, dass sie überhaupt in ständigem Rollen begriffen war, immer hin und her, immer von einem zum anderen, hatte jedem etwas zu sagen, jeden etwas zu fragen, aber zu antworten brauchte niemand, da rollte sie schon wieder davon, und zwar geschah das mit einer Schnelligkeit, als ob die Kugel hohl und mit — — —
»Sie, Madame Mercuria!«, wurde sie da einmal angeredet.
Ha, schon wieder mit prophetischem Geiste richtig geahnt! Nun graute mir bald vor mir selber! Wenn das so weiter ging, dann avancierte ich von den kleinen zu den großen Propheten. Mercurius ist nämlich der lateinische Name für Quecksilber.
»Als ob die Kugel hohl und mit Quecksilber gefüllt sei«, hatte ich sagen wollen, und Madame Quecksilber wurde die gar nicht mehr so junge Frau mit dem sonnig lächelnden Kindergesichtchen, das wie eine Erbse auf einem Kürbis saß, denn auch genannt —
Unser beider Erscheinen wurde gar nicht beachtet; niemand ließ sich stören. Und doch, wir wurden gar sehr beachtet, wenn nicht ich, dann doch meine Begleiterin, ich bemerkte es sehr wohl. Es gehörte hier nur zum guten Tone, dass keine Neugier gezeigt werden durfte. Ich merkte trotzdem, was für Blicke uns verfolgten, und zwar Blicke der Ehrerbietung, die doch nicht mir, sondern nur meiner Begleiterin gelten konnten, und zwei Ritter, die uns den Weg versperrten, traten denn auch aufs Ehrerbietigste vor uns zurück, obgleich es sonst so etwas hier nicht gab. Höflichkeit wohl allüberall, aber keine besonderen Zeremonien gegen die Damen.
Es war eben eine Prinzessin, noch mehr, es war die Schwester des Fürsten, der diesen Hofstaat unterhielt, und wenn sie auch keine besondere Rolle spielen wollte, so ganz ohne Respekt ging es doch nicht ab. Sie spielte dennoch eine Rolle; es gab hier schon gewisse Vorrechte.
Da waren einige abgesonderte Sitzplätze vorhanden, ganz vorn an der Balustrade, mit noch herrlicheren Polstern und Kissen belegt als die anderen, und dienstbare Geister wussten sofort, wo wir beide nur sitzen konnten, sprangen gleich hin und rückten die Kissen zurecht.
Ich saß und hielt Ausblick. Die Gegend war mir nicht ganz unbekannt. Dort drüben der Urwald, direkt unter uns ebene Prärie, dazwischen Hügelgelände, links das Meer — wir befanden uns über meiner Höhle! Ein wenig rechts davon.
Nun muss ich aber vor allen Dingen noch eins erwähnen. Wir befanden uns zweifellos in einer sehr großen Höhe, vielleicht sogar tausend Meter hoch. Das konnte ich beurteilen, weil ich eben die Entfernungen schon kannte. Sonst hätte ich das nicht vermocht, hätte mich grimmig täuschen lassen. Die Prärie dort unten schien dicht zu unseren Füßen zu liegen, als befänden wir uns in einer ersten Etage, und ebenso nahe schienen das Hügelgelände und der Urwald; in das Meer nebenan glaubte ich spucken zu können.
Die Sache war einfach die, dass dieser Balkon wieder mit einer Glaswand umgeben war, die wie ein Fernrohr heranziehend wirkte, sodass man die Menschen dort unten fast in voller Lebensgröße sah, während sie sonst für das Auge nur als Zwerglein hätten erscheinen können, als Däumlinge.
Ehe ich von den Menschen spreche, welche die Prärie belebten, will ich erst noch die Gegend schildern. Diese hatte sich etwas verändert. Hügel, die früher isoliert gewesen waren, hingen jetzt zusammen, ich sah an manchen Stellen Hunderte von Menschen emsig schaufeln und hacken und karren, sie errichteten Schanzen, und hinter diesen erblickte man ganze Zeltstädte, aber auch solidere Bauwerke, dazwischen immer einmal einen Turm oder ein Gerüst von ganz beträchtlicher Höhe.
»Da haben Sie den ganzen Belagerungsapparat vor sich, mit dem uns die Königin von Thule über Nacht überrascht hat«, sagte die Prinzessin.
»Großartig! Über Nacht?«
»In einer einzigen Nacht ist dies alles geschehen, hat sich dies alles so verwandelt. Wir wären beinahe überrumpelt worden. Mein Bruder trifft hier die letzten Vorbereitungen, um nach Thule zu gehen, um noch eine verzweifelte Anstrengung zu machen, diese eherne Feste zu bezwingen, hat dazu hier kolossale Maschinerien in Bereitschaft gesetzt, am Morgen will er damit fort — in derselben Nacht erscheint hier die Königin von Thule, hätte sich durch einen verwegenen Handstreich beinahe unserer Festung bemächtigt, und dann wäre es mit dem Fürsten der Felsen und seiner Herrlichkeit aus gewesen. Der Angriff wurde noch glücklich abgeschlagen. Nur alle unsere Scheinwerfer haben die Blauen erreicht und zerstört. Und als der Tag anbrach, da sahen wir, dass wir schon regelrecht belagert waren mit allem, was dazu gehört. Das nennt man doch wohl den Spieß umkehren!«
»Wie viele Menschen sind denn das?«
»Auf zwanzigtausend Mann schätzen wir das feindliche Belagerungsheer mindestens.«
»Unerhört, unerhört!!«, murmelte ich, wirklich ganz bedrückt ob des Gehörten. Das sollte man nun glauben, wenn man es nicht selbst sah.
»Was haben dort die Türme und Gerüste zu bedeuten?«, fragte ich dann.
»Das sind die Balliste, Katapulte und sonstigen Schleudermaschinen.«
»Oho, oho! Den einen Turm dort schätze ich doch auf mindestens hundert Meter, und das ist noch nicht einmal der größte!«
»Ja, was meinen Sie denn wohl, was dazu gehört, um solche Blöcke von mehreren Zentnern Gewicht zu schleudern?«
»Haben Sie hier in Ihrer Felsenfestung auch solche Wurfmaschinen?«
»Ei gewiss! Und wie viele! Und was für Dinger! Das heißt, im Allgemeinen sind sie nicht größer als die dort. Aber gerade jetzt ist hier ein Koloss von einer Balliste fertiggestellt worden, ein ganzes Haus, schon mehr ein New Yorker Wolkenkratzer — — haben Sie schon einmal von jener Schleudermaschine gehört, die bei der Belagerung von Salamis um 300 vor Christi von Dingsda angewandt wurde — —«
»Von Demetrius Poliorketes?«
»Was? Woher wissen Sie denn das?«, erklang es erstaunt. »Ach so, ich vergaß, dass Sie Ingenieur sind —«
»Aber nur für Mistgruben und dergleichen wohllöbliche Einrichtungen, ich bin Schleusenratte, auch TiefbauIngenieur genannt, und der braucht von Schleudermaschinen und Belagerungen vor Christi Geburt nichts zu wissen. Wenn ich das weiß, so kommt das daher, weil wir das doch einmal in der Schule gehabt haben und weil ich einen guten Merks besitze für alles, was mich interessiert. Und das hat mich damals sehr interessiert.«
»Heliopolis hieß das Ungeheuer — —«
»Pardon — Helepolis war der Name dieser Maschine. Das ist so viel wie Städtebezwingerin. Heliopolis hingegen bedeutet Sonnenstadt. Verzeihung, wenn ich Sie darauf aufmerksam gemacht habe. Sonst ist eine derartige Belehrung nicht meine Sache.«
»Also wissen Sie, wie groß die He — le — polis gewesen ist?«
»Auf ihre Dimensionen kann ich mich nicht mehr recht besinnen. Ich weiß nur, dass dreitausend Mann dazu gehörten, um sie auf ihren Rädern fortzuziehen, und dass sie Steine von sechs Zentnern Gewicht bis 1200 Schritt oder gar Meter schleuderte. Jawohl, Meter waren es, für uns umgerechnet.«
»Stimmt! Und in neun Etagen war sie sechzig Meter hoch. Unsere ist aber noch um die Hälfte höher, fast hundert Meter, und da fehlt immer noch der eigentliche Turm darauf, und 1200 Meter weit schleudert sie Steine von zehn Zentnern!«
»Fabelhaft!«
»Sie ist von Professor Edeling erbaut worden.«
»Was? Wie kommt denn der dazu? Doch, halt, ich entsinne mich — diese Kapazität in allen möglichen Wissenschaften hat ja auch ein Buch über die Belagerungskunst der Alten geschrieben — —«
»Jawohl, Wurfmaschinen waren seine Spezialität, nach seinen Plänen ist das Riesending erbaut worden. Jetzt ist die Maschine fertig. Sie hat nur einen einzigen Fehler.«
»Und?«
»Sie geht nicht. Die Sache klemmt irgendwo. Das Versuchsschießen ging tadellos. Zentnersteine wurden bis zwei Kilometer weit geschleudert, und das mit einer Treffsicherheit, wie man sie bei solchen Ballisten noch gar nicht gekannt hat, auch bei uns nicht. Darin steht unsere Helepolis auch dem modernsten Pulvergeschütz nichts nach. Mit einem Male aber ließ sich der Schnellbalken nicht mehr zurückleiern. Und so ist es heute noch. Der Baron sucht vergebens nach dem Fehler, alle unsere Ingenieure doktern beständig an der kranken Dame herum — umsonst, sie lässt sich nicht wieder aufleiern, und ehe das auseinander genommen wird, was da in Frage kommt, da kann nur gleich eine ganz neue Maschine gebaut werden. Na, wir hoffen immer noch, dass der Fehler entdeckt werden wird, und dann kann die Königin Chlorinde ja etwas erleben!«
»Wieso?«
»Na, dann schießen wir doch einfach alle ihre Belagerungsmaschinen kaputt, und dann hat die Belagerung eben ein Ende. Sie kann niemals die Festung nehmen, und wenn sie nur einen fortwährenden Feldkampf haben will, den kann sie auch vor Thule haben, deshalb braucht sie nicht erst hierher zu kommen. Solche weittragende Ballisten wie unsere Helepolis hat sie nicht, das ist die Sache. Oh, wir werden sie schon wieder in Gang bringen.«
»Kann denn aber nicht dasselbe mit den anderen Schleudermaschinen erreicht werden?«
»Gewiss. Das ist jetzt so ziemlich alles ein Schlag bis eben auf unsere Helepolis; das ist wieder einmal etwas ganz Neues, dabei ist nämlich ein großes Geheimnis.«
»Nun, Sie schießen doch ebenso gut hinüber wie die herüber. Und wenn die von dort drüben diese Felswände erreichen, dann müssen Sie doch auch die feindlichen Maschinen erreichen und zerstören können.«
»Ja, ja, mein Lieber, da haben Sie schon ganz recht, aber gar so einfach ist die Sache denn doch nicht. Erstens müssen Sie bedenken, dass diese Wurfmaschinen, die also Geschosse, Eisenkugeln und Steine und Balken und dergleichen durch mechanische Kraft fortschleudern, denn doch keine modernen Explosionsgeschütze sind. Diese kolossalen Apparate, ganze Häuser, lassen sich doch nicht so leicht auf ein Ziel einstellen. Oder das nimmt eben immer lange Zeit in Anspruch. Der Belagerer ist da natürlich der Festung gegenüber im größten Vorteil. Bei ihm handelt es sich immer nur darum, eine gewisse Stelle der Mauer zu treffen, um dort eine Bresche zu schaffen, durch die dann gestürmt werden kann. Oder er überschüttet eben unausgesetzt die Festung mit einem Hagel von Geschossen, die immer irgendeinen Schaden anrichten. Da kann die Maschine also sehr genau eingestellt werden. Und ändert sie einmal ihren Standpunkt, so schadet das nicht viel; die neue Visierrichtung lässt sich dann schon im Voraus ganz genau berechnen, und da ist diese Korrektur dann schnell vorgenommen, weil eben das Ziel immer dasselbe ist, unverrückbar! Ganz anders aber ist es auf Seiten der Belagerten. Wenn dort draußen solch eine Balliste nur zehn Meter weit von ihrer alten Stelle seitwärts oder rückwärts oder vorwärts verrückt wird, so erfordert es unter Umständen einen ganzen Tag, bis das andere Geschütz das neue Ziel gefunden und sich wieder eingeschossen hat. Das ist der gewaltige Unterschied dabei, aber doch nur die eine Sache. Zweitens können die Belagerungsmaschinen heimlich herangebracht werden. Nicht gerade dass die Nacht dazu besonders günstig wäre, dafür haben wir unsere Scheinwerfer, die auch schon wieder gebrauchsfähig sind. Wohl aber wird der Nebel dazu benutzt, und gerade jetzt haben wir sehr häufig dichten Nebel. Oder die ganze Gegend wird künstlich mit Rauch überzogen, was erlaubt ist. Und nun bedenken Sie: Diese Schleudermaschinen knallen nicht, machen sich durch keinen Feuerstrom bemerkbar. Wie soll man denn da wissen, wo sie stehen? Die Belagerer hingegen haben ein beständiges, festes Ziel, dessen Lage sich mathematisch berechnen lässt. Das ist der zweite kolossale Vorteil, den sie vor uns voraus haben.«
»Und drittens«, ergänzte ich, »wenn dieses auch zu dem ersten Vorteil gerechnet werden mag, können diese Maschinen auch gewichtlos oder doch sehr leicht gemacht werden, sodass ein Stellungswechsel sehr leicht vorgenommen werden kann. Oder ist es nicht so?«
»Nur zum Teil. Es ist ein festes Kriegsgesetz, dass die Belagerungsmaschinen, nachdem sie einmal einen Standpunkt eingenommen haben, eine Stunde lang nicht an Gewicht erleichtert werden dürfen. Hin und her dürfen sie wohl bewegt werden, aber nicht, indem man sie erleichtert. Nun allerdings ist es ja kaum möglich, innerhalb einer Stunde das Festungsgeschütz wieder so zu richten, dass es das neue Ziel mit Sicherheit trifft. Oder es ist der reine Zufall. Anders jedoch bei unserer neuen Helepolis.
Die hat eine ganz besondere Vorrichtung, die geniale Erfindung eines unserer Skaldeningenieure, der nur durch den Tod daran verhindert wurde, sie praktisch auszuführen, durch die es möglich ist, die Balliste trotz ihrer Riesengröße innerhalb weniger Minuten, ja sogar innerhalb einer einzigen Minute vollkommen zu verschieben nach jeder Richtung, wohin man das Geschoss nur schleudern will, gleichzeitig lässt sich das Visier auch ganz genau wieder einstellen. Kurz, sobald das Ding wieder funktioniert, zerstören wir dort drüben die sämtlichen Belagerungsmaschinen. Die Königin Chlorinde wird schon noch etwas erleben. Sie ahnt wohl, dass wir eine besondere Wurfmaschine besitzen, sie hat davon munkeln hören, so etwas lässt sich ja niemals ganz unterdrücken, das liegt gewissermaßen in der Luft und wird vom Winde weitergetragen, aber Genaues weiß sie noch nicht, würde es auch gar nicht glauben. Innerhalb einer halben Stunde zertrümmern wir dort die acht Riesenturmballisten, mögen sie auch zweiundeinhalb Kilometer von hier entfernt stehen, so weit reicht unsere Helepolis, es müssen nur besondere Geschosse sein, und mit derselben Maschine werden auch alle die kleineren Katapulte zerstört, die uns auf den Leib rücken.«
»Kann man sich dieses Ungetüm nicht einmal ansehen?«, fragte ich.
»O ja, diese Erlaubnis wird Ihnen gern gegeben werden.«
»Zweiundeinhalb Kilometer sind die Türme dort entfernt?«
»Keiner ist weiter. Aber Königin Chlorinde würde niemals glauben, dass eine Maschine konstruiert werden kann, die ihre Geschosse nur zwei Kilometer weit schleudert — bis sie sich mit eigenen Augen zu ihrem Schaden davon überzeugen wird.«
»Es sind besondere Geschosse dazu nötig?«
»Ja. Am besten wären ja Spitzkugeln, nach Art der bei Feuergeschützen üblichen Granaten, obwohl eine Füllung mit Explosivstoffen bei uns natürlich überhaupt nicht in Frage kommt. Aber auch wegen der Form gibt es bei uns da strenge Vorschriften. Entweder müssen es Pfeile sein — oder Kugeln. So lauten die ehernen Gesetze. Sie sind nun einmal aufgestellt worden, und da lässt sich nichts mehr ändern. Allerdings hat man das etwas zu erweitern gewusst. Auch Balken zählen mit zu den Pfeilen. Wir können also Balken von Holz oder jeder anderen Masse von jeder Länge verschießen. Sie dürfen nur nicht gar zu dick sein oder aber nicht gar zu kurz, sonst nähern sie sich doch wieder der Form der verbotenen Spitzkugel. Und da wir als das billigste, fast überall zu habende Material für Geschosse doch meist Steine verwenden, brauchen diese auch nicht gerade ganz rund zu sein. Sie können auch Würfelform haben, sogar ganz tüchtige Ecken und Zacken. Nur an Spitzkugeln, an Kegel oder an Pyramiden dürfen sie nicht erinnern. Das ist alles festgelegt worden, da gibt es bestimmte Maße, die Geschosse können vom Gegner nachgemessen werden, und überschreiten sie die Vorschriften, so verfällt der Absender einer schweren Strafe. Nur wegen eines einzigen Falles müsste solch eine Belagerung gleich aufgehoben werden.«
»Und wenn es nicht geschähe?«
»Dann wären sämtliche Skaldenfürsten und sonstige Vasallenführer verpflichtet, vereint über den Widerspenstigen herzufallen, ihn zum Gehorsam zu zwingen, und dann wäre es überhaupt aus mit ihm.«
»Er würde verurteilt werden?« — »Wie ich sagte.«
»Wozu?« — »Je nachdem.«
»Zum Tode?«
»Herr Willmer, Sie fragen zu viel, da Sie noch nicht einmal Novize sind; hierüber darf ich nicht sprechen. Ja, also es müssen dennoch ganz besondere Geschosse angewendet werden, um jene weitentfernten Turmmaschinen zu erreichen. Steine sind zu schwer, eiserne Kugeln erst recht oder sie haben nicht die Größe, die unbedingt erforderlich ist. Dabei kommen besondere Verhältnisse in Betracht, die ich Ihnen nicht erläutern kann, das müssen Sie sich von einem unserer Ingenieure erklären lassen. Die eisernen Kugeln können ja hohl sein, meinen Sie? Das ist aus gewissen Gründen ebenfalls nicht angängig. Doch diese Frage ist bereits gelöst worden. Es müssen hölzerne Kugeln sein, und zwar mindestens anderthalb Meter im Durchmesser, von zwei Zentnern Gewicht, wozu sie überhaupt hohl sein müssen, sonst ist diese Holzmasse überhaupt schon zu schwer, eine sehr dünnwandige Holzmasse, ausgefüllt mit einem sehr leichten Fett, die ein Zentrum von Quecksilber enthält. Mit solchen Kugeln wird es — — —«
»Jetzt aber geht es dort unten los!«
Bisher hatte sich dort unten nichts weiter zugetragen. Ich hatte drüben an dem Waldessaum und in dem Hügelgelände schon immer Menschen arbeiten und herumlaufen sehen, zum Teil in schimmernden Rüstungen, es herrschte überhaupt ein reges Leben, aber dass hier eine Belagerung und überhaupt blutiger Krieg im Gange war, davon war bisher nichts zu bemerken gewesen.
Jetzt plötzlich kam drüben von dem Walde her eine lange Reihe von Männern gelaufen, in einer Linie, die sich von der Meeresküste an bis an die Hügel erstreckte. Sie waren, so weit ich das jetzt schon erkennen konnte, mit Säbeln, kleinen Spießen und einige auch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, sonst aber sahen sie gar nicht kriegsmäßig aus, indem sie sämtlich schneeweiß gekleidet waren. Auch die Gesichter waren ganz auffallend weiß. Sie trugen weiße Masken, in denen vor den Augen Gläser befestigt waren, und auf dem Kopfe eine blaue Mütze.
Gleich darauf kam unter uns eine andere Reihe von Männern hervor, also aus der entgegengesetzten Richtung, ebenfalls einige Hundert, ganz genau so bewaffnet und weiß gekleidet, meist in weißen Trikots, aber mit roten Kopfbedeckungen.
Als sie noch fünfzig Meter voneinander entfernt waren, machten die beiden Reihen Halt, trafen irgendwelche Vorbereitungen, prüften ihre Säbel und Speere.
»Es ist jetzt eine Kampfpause«, erklärte die Prinzess. »Für die Wurfmaschinen werden Geschosse herbeigeschafft. Diese Pause wird mit unblutigen Kampfspielen ausgefüllt. Sie fechten mit stumpfen Säbeln, die aus einem sehr leichten Metall hergestellt sind, bewerfen sich mit Wurfspeeren, beschießen sich auch mit Pfeil und Bogen. Auch leichte Streitäxte können noch in Betracht kommen, die sie jetzt aber nicht mitgebracht zu haben scheinen.
Diese harmlosen Kämpfe stehen unter streng geordneten Spielregeln. Verwundungen können gar nicht vorkommen, auch die Augen sind durch starke Gläser geschützt. Verwundungen werden nur markiert. Säbel und Speere und Pfeile sind dort, wo sie den Gegner treffen können, mit einer schwarzen Farbe versehen, der Getroffene bekommt auf seine weiße Kleidung einen schwarzen Fleck. Dann ist er tot, wo er auch getroffen sein mag. Das heißt, er scheidet aus dem Kampfe aus. Er muss als Gefangener hinüber ins feindliche Lager. Von Zeit zu Zeit werden die Gefangenen ausgetauscht. Wer im Einzelkampf siegreich gewesen ist, einen Feind als Gefangenen heimbringt, erhält um den linken Arm einen Streifen. Die Blauen, unsere Feinde, einen blauen, die Unsrigen einen roten. Und das gilt für jeden einzelnen Fall, sodass der beste Kämpe immer mehr Streifen bekommt.
Im Allgemeinen sind das hier ja nur mittelmäßige Kämpfer, es ist die große Masse des Heeres. Da aber nun jeder daran teilnehmen kann, so sind doch auch die gewandtesten Fechter darunter, Helden, welche unter dem Feinde ganz gewaltig aufräumen, wie es ja auch beim wirklichen Kampfe ist.
Hier aber muss das doch etwas anders geregelt werden, sonst haben diese unüberwindlichen Waffenmeister einen gar zu großen Vorteil, sie bringen die Gefangenen immer gleich dutzendweise mit nach Hause.
Um nun da einen Ausgleich herzustellen, hat man eine einfache Spielregel geschaffen. Am einfachsten scheint es ja zu sein, dass immer nur die Gleichwertigen gegeneinander kämpfen. Wer also drei Streifen hat, der darf sich fernerhin nur mit einem messen, der auch schon drei Gegner erledigt hat. Aber das ist nicht immer möglich, und die Einstreifigen wollen doch auch noch das Ihre dazu tun, solch einen Waffenhelden zur Strecke zu bringen.
Da wird nun die Sache so gehandhabt, dass die Streifen auf beiden Seiten immer gleich sein müssen. Hat jemand drei Streifen, so können gegen ihn drei Einstreifige vorgehen, mit Schwert oder Fechtlanze oder Wurfspeer oder Pfeil und Bogen, je nachdem herausgefordert wird, oder ein Einstreifiger und ein Zweistreifiger und so weiter.
Dies mag Ihnen nur zur oberflächlichen Erklärung dienen, das Weitere werden Sie schon selbst sehen.«
Und es ging denn auch gleich los. Eine faszinierende Musik erscholl, und unter ihren Klängen traten die Kämpfer vor, rückten einander auf den Leib.
Zunächst war es für mich ein Durcheinander, in dem ich keine Einzelheit unterscheiden konnte, bis sich mein Auge nach und nach daran gewöhnte. Teils wurde einzeln gefochten, teils fanden auch Massenkämpfe statt, und zwar wurde eine Art Barlauf ausgeübt. Kurz, wer sich gar zu unterlegen dünkte, der durfte sich, noch ehe er einen schwarzen Fleck bekommen hatte, rechtzeitig zurückziehen, sicher, ohne deshalb der Feigheit bezichtigt zu werden, oder ein anderer eilte ihm schnell zu Hilfe, löste ihn ab.
Es war nicht das blutige Kampfschauspiel, das ich eigentlich zu sehen erwartet hatte, aber ich kann nur sagen, dass es hochinteressant war. Ich glaube, ich hätte tagelang zuschauen können, ohne müde zu werden.
Was ich da an Fechtkunst zu sehen bekam, war fabelhaft, besonders im Lanzenfechten — den Säbel beherrschte ich selbst zu gut, da konnte man mir nicht viel vormachen — mehr noch im Speerwurf und am meisten im Schießen mit Pfeil und Bogen. Das heißt in der Abwehr der Geschosse.
Ich hatte mir gar nicht vorstellen können, wie das gehandhabt werden sollte. Gegen einen Speerwurf, noch mehr gegen einen Pfeilschuss, kann man sich doch gar nicht schützen — es sei denn durch einen Schild, durch eine Panzerung. Sonst wird man eben getroffen.
Hier nun sah ich, wie das gehandhabt wurde, und hier war es vielleicht noch viel, viel schwieriger, da nicht einer für den anderen, sondern jeder für sich selbst die Geschosse abwehren musste, wobei er doch gleichzeitig auch selbst schießen oder den Speer schleudern sollte.
Da war besonders einer, bei dem ich recht deutlich beobachtete, wie er die auf ihn geschleuderten Speere auffing, wie er ihnen auswich und sie dann seitwärts aus der Luft aufgriff, aber nicht nur Speere, sondern er sah auch die Pfeile geflogen kommen, schlug sie mit einem Pfeile in seiner Hand zur Seite und hatte in demselben Moment auch schon den Pfeil auf dem eigenen Bogen und sandte ihn todsicher ab. Ja, er griff die Pfeile sogar gleichfalls aus der Luft heraus und verwendete sie für den eigenen Bogen, und dennoch fing er gleichzeitig schon wieder zwei Speere auf, drehte sie im Nu um und sandte sie mit dem linken Arm zurück, wieder einen Gegner abfertigend, und so ging das immer weiter.
Der Mann hatte schon den ganzen Arm voll blauer Streifen, und als er sich endlich zurückzog, unverwundet, bei welchem Rückzug nicht mehr auf ihn geschossen werden durfte, mussten ihm wieder acht Rote folgen, die er getroffen hatte.
Als dieser Mann nach einer Ruhepause von Neuem vorging, hatte er es mit nicht weniger als vierzehn Gegnern aufzunehmen, von denen jedoch einige mehrere Streifen trugen. Zuletzt freilich ereilte auch ihn das Schicksal. Wenn vierzehn Pfeile gleichzeitig auf ihn abgeschossen wurden, konnte er sich doch gar nicht mehr wehren. Und trotzdem, der ersten Pfeilsalve entging er noch, indem er sich blitzschnell zu Boden warf. Und als er wieder aufsprang — im Liegen durfte nicht geschossen werden — sandte er mit einer raschen Bewegung, der das Auge gar nicht folgen konnte, von seinem Bogen hintereinander drei Pfeile ab, und im nächsten Moment mit dem linken Arm zwei Speere, mit welchen fünf Schüssen er gleich vier Gegner wieder erledigte.
Dann aber bekam auch er von einem Pfeil einen schwarzen Punkt auf die Brust, musste als Gefangener oder Toter hinüber oder vielmehr herüber — in das rote Lager, zu uns.
Also ich betone, dass es ein Blauer gewesen war, der so unter den Roten, unter den Belagerten der roten Partei, gewütet hatte. Alles hier auf dem Balkon war rot. Und dennoch war dem wackeren Kämpen hier oben maßlos zugejubelt worden, und ebenso lebhaft wurde seine Gefangennahme bedauert. Darin also herrschte gar keine Parteilichkeit, und so muss es auch sein.
»Gefällt es Ihnen?«, fragte mich die Prinzess, sich eine neue Zigarette anbrennend, wohl die sechste, und dass sie als Feuerzeug den roten Knopf ihrer Haarnadel benutzte, konnte mich jetzt nicht mehr wundern.
»Großartig, großartig!«
»Weil Sie so gar nichts sagen.«
»Weil ich nicht so jubele wie hier die anderen? Das ist eben nicht mein Fall. Ja, das ist etwas ganz anderes als ein Fußballspiel oder dergleichen, hier könnte ich tagelang zusehen. Nur eins vermisse ich dabei.«
»Was denn?«
»Sie rauchen immer Zigaretten, die Herren dort Zigarren, dort raucht auch noch eine Dame — und ich muss mich mit dem spärlichen Duft begnügen.«
»Sie wollen rauchen?«
»Ein Königreich für eine Zigarre, zwei Königreiche für eine lange Pfeife!«
»Sie mit Ihrer durchbohrten Lunge?«
»Es ist der linke Lungenflügel, ich werde nur den rechten in Anspruch nehmen, und überhaupt inhaliere ich gar nicht.«
»Da müsste erst der Arzt gefragt werden, ob Sie rauchen dürfen, aber — — ich werde es auf meine Verantwortung nehmen. Sie sollen eine Zigarre bekommen.«
»Wenn schon — dann ist mir eine lange Pfeife lieber. Ich sterbe vor Sehnsucht! Es ist doch hier angebracht?«
»Sie sollen Ihre geliebte lange Pfeife haben, ich mag Sie nicht sterben sehen.«
Sie rief einen Diener, dem sie einen Auftrag gab, ohne dass ich hörte, was sie sagte.
»Es ginge auch telefonisch von hier aus zu machen«, sagte sie, nachdem sich jener schon entfernt hatte, »aber gebracht muss die Pfeife dennoch werden, durch die Luft kommt sie nicht geflogen, und so mag der Diener es nur allein besorgen. Er wird schnell genug wieder hier sein.«
»Sie haben doch nicht den Tabak vergessen?«
»Na, was sollen Sie denn mit der Pfeife ohne Tabak anfangen?«
Ich beobachtete das Kampfspiel weiter.
»Beteiligt sich auch Ihr Bruder daran?«, fragte ich dann.
»Nein, der hat jetzt etwas anderes zu tun, und so etwas macht er überhaupt nicht mit.«
»Weshalb nicht? Ist es ihm zu harmlos, auf diese Weise zu kämpfen?«
»Das will ich nicht gerade sagen. Aber entweder würde er unter den Gegnern gar zu sehr aufräumen — oder aber — — er würde sich blamieren. Denn das kann ja nun freilich hierbei eintreten. Es ist eben etwas anderes, als wenn blutige Wunden geschlagen werden. Und dasselbe gilt von allen den anderen gewaltigen Recken, die zum Teile hier oben versammelt sind. Nachher bei den Turnieren, da machen die schon mit, da geht es weniger harmlos zu, wenn auch nicht gerade Blut fließen soll.«
»Und wann fangen die eigentlichen Kämpfe an?«
»Das wird schon noch kommen; warten Sie nur!«
»Wie steht denn eigentlich die Sache für Sie, für die Belagerten? Wie ist die Aussicht?«
»Schlecht, sehr schlecht!«
»Ach was! Wieso denn?«
»Die Gründe für diese trüben Aussichten kann ich Ihnen nicht angeben. Die Belagerer sind uns eben in vieler Hinsicht über, wir waren ganz und gar nicht vorbereitet. Nun freilich unsere Helepolis! Das ist unsere Hoffnung! Wenn sie wieder funktioniert, dann wird sich die Sache freilich ändern, und haben wir hier den Gegner abgetan, dann geht's mit der Riesenmaschine sofort nach Thule, dann legen wir dieses in Trümmer und nehmen es mit stürmender Hand, dann drehen wir den Spieß herum. Gott, wenn sich der Balken doch nur zurückleiern ließe!«
Da kam der Diener schon wieder, brachte mir die ersehnte Pfeife. Gestopft, angebrannt und losgequalmt!
Ach, schmeckst du prächtig!
»Hoho, was rauchen Sie denn da?«, fragte die Prinzess, die Nase rümpfend. »Wie riecht denn das?«
»Nicht wahr, fein?«
»Na, ich danke!«
Da kam schon wieder ein anderer Diener auf uns zu, aber nicht in so mittelalterlichem Kostüm wie die anderen, sondern ganz weiß und schlicht, um den Arm eine Binde mit einem Triangel, und das sollte hier doch wohl das Sanitätszeichen sein, unserem Kreuz entsprechend.
Er präsentierte mir auf silbernem Teller ein Kärtchen, aber ehe ich es nehmen konnte, hatte die Prinzess es schon.
»Halt, das betrifft wohl Sie, ist aber für mich bestimmt, Sie können es überhaupt nicht lesen — —
Fort zur ärztlichen Untersuchung! Folgen Sie dem Lazarettgehilfen! Es wird nicht lange dauern, Sie kommen gleich wieder her.«
Ich erhob mich, die Pfeife, die ich ja eben erst angebrannt hatte, in der Hand und zwischen den Zähnen.
»Halt, die Pfeife bleibt natürlich da! Was meinem Sie wohl? Doktor TsinLa würde Sie nicht schlecht anfahren!«
Es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste die Pfeife an den Stuhl lehnen.
Es war nur ein ganz kurzer Weg, der Hauptsache nach ging es mit einem Fahrstuhl hinab, allerdings sehr schnell und daher wohl auch sehr tief, aber lange währte es nicht.
In dem Vorzimmer, in das ich geführt wurde, warteten schon zwei bis drei Dutzend Patienten auf ärztliche Behandlung, alle mit leichten Verwundungen, alles schon gut verbunden, der Verband sollte wohl nur erneuert werden. Hätte ich mich hinten anstellen müssen, wie es zwei taten, die gerade vor mir eingetreten waren, von denen der eine sofort Rock und Hemd auszog, der andere die Hose, um den verbundenen Schenkel freizulegen, so hätte ich ja lange warten können. Allein ich hatte den Vorzug, kam sofort dran, musste in das Heiligtum treten, in ein Zimmer, mit allem ausgestattet, was für einen Arzt nötig war, auch danach riechend. Anwesend war außer dem Arzt noch ein Schreiber.
Der Name des Arztes war chinesisch gewesen, Doktor TsinLa, und den hatte ich vor mir, denn ein Chinese war es. Zwar trug er einen schwarzen Anzug, wenigstens sah ich unter dem weißen Kittel schwarze Hosen mit eleganten Bügelfalten, auch hatte er, recht merkwürdigerweise, auf dem Kopfe einen schwarzen, steifen Filzhut, einen ganz modernen, aber von seinem Zopf hat er doch nicht lassen können, ihn auch nicht unter den Hut gesteckt. Im Übrigen war es ein ganz possierliches Kerlchen. Dieses Mongolengesicht! Diese Schlitzaugen, die gar nicht weiter zu schlitzen waren! Dieses ungeheure — Maul! Und erst die weit abstehenden Elefantenohren! Dafür jedoch fehlte es an der Nase. Eine solche war wohl vorhanden, schließlich gar nicht so klein, aber dermaßen in die Höhe gestülpt, dass die Nasenlöcher direkt vertikal standen. Und nun was für Nasenlöcher! Ich hatte solche weite, unergründliche Trichter noch nie gesehen, und in diese Nasenlöcher nun stopfte sich der nur kleine Mann alle Minuten eine mächtige Prise, die er einer Perlmutterdose entnahm. Aber wohlgemerkt, trotz dieses großen Maules und trotz dieser Nase und der gewaltigen Elefantenohren hatte er ein gar kluges Gesicht! Nicht etwa humoristisch, possierlich! Durchaus nicht! Es lag ein finsterer Ernst darin, der solch einen Gedanken nicht aufkommen ließ, und dennoch etwas Durchgeistigtes, dass man den finsteren Blick nicht etwa zu fürchten brauchte, wenn man diesem Manne nur richtig kam. Sonst freilich ließ der nicht mit sich spaßen! Überhaupt, es ging von dem hässlichen Männchen so etwas wie ein imponierendes Kraftbewusstsein aus; alles an ihm zeugte von einem überlegenen Können, es lag gleich in der ganzen Atmosphäre; ich wenigstens fühlte es sofort ganz deutlich.
Mein Führer, der mich abgeholt hatte, ein schokoladenfarbener Mensch, meldete etwas in einer mir fremden Sprache; der Chinese nickte ernst, aber doch recht gütig, mich jedoch würdigte er keines Blickes, wandte seine Aufmerksamkeit gleich wieder einer dritten Person zu, die sich noch im Zimmer befand, die ich nur übersehen hatte.
Der Mann stand, ganz nackt, in einem kastenähnlichen Apparat, und jetzt betrachtete der Arzt ihn durch einen anderen kleinen Apparat, von dem Rohre ausgingen, wobei Funken knisterten. Also jedenfalls ein Durchleuchtungsapparat.
Einige fremde Worte, der Schreiber, ein Europäer, wiederholte und schrieb sie, der nackte Mann trat heraus, zog seine Kleider wieder an.
»Karl Willmer?«, fragte jetzt Doktor TsinLa, jedoch ohne mich anzublicken, etwas in ein Büchlein schreibend.
»Bin ich.«
»Wie fühlen Sie sich?«
»Ganz wohl. Nur der Appetit fehlt.«
»Stellen Sie sich dort hinein! Gesicht nach vorn.«
Er machte eine Handbewegung nach jenem Kasten, ohne mich anzusehen.
Ich knöpfte meinen Schlafrock auf, um mich zu entkleiden. Da wurde nicht erst lange gefragt.
»Ist nicht nötig. Sie können angezogen bleiben«, erklang es noch rechtzeitig.
Na, da trat ich so in den Kasten. Der kleine Sehapparat mit auf mich gerichteten Rohren knisterte und sprühte Funken.
»Linkes Auge zu — rechtes Auge zu — beide Augen zu — tief einatmen — langsam wieder aus — beide Augen wieder auf — nach oben schielen — nach unten schielen — mehr schielen — gut.«
Dazwischen waren dem Schreiber mir fremde Worte zugerufen worden.
»Herkommen!«
»Ich trat aus dem Kasten, ging hin.
»Die Brust entblößen!«
Ich öffnete den Schlafrock und den Pyjama, unter welchem ich kein Hemd trug.
Er nahm ein Stethoskop, einen Hörapparat, mit dem der Arzt die Brust behört, auskultierte, setzte es noch einmal ab, blickte mich an, schnüffelte, was nun freilich ganz possierlich aussah, als er mit solchen Nasenlöchern die Luft einsog.
»Sie haben wohl zum Räuchern gehangen?«
Mir verging das Lächeln, das ich wohl sonst für solch eine Frage gehabt hätte. Es war ein Arzt, der mich hier unter seinem Kommando hatte und das ist doch immer etwas Besonderes. Wenn der Arzt befiehlt, muss sich auch der Kaiser zu Bett legen, muss die Zunge herausstrecken, und immer noch etwas weiter.
»Ich habe geraucht«, gestand ich etwas kleinlaut, aber doch gleich mutig. »Das werden Sie riechen.«
»Sie haben geraucht? So! Wohl lange Pfeife?«
»Ja.«
»Wie kommen Sie denn dazu, zu rauchen?«
»Die Prinzess hat es mir erlaubt.«
»Welche Prinzess?«
»Prinzess Turandot.«
»Die hat Ihnen gar nichts zu erlauben; sie soll sich um ihre eigenen Sachen kümmern. Sagen Sie ihr das! Es ist gut. Sie dürfen rauchen. Nur nicht gleich gar zu viel. Verstanden?«
Ach, ich hätte diesen kleinen Chinesen doch gleich küssen mögen!
Er behorchte meine Brust.
»Gut! Alles wieder in Ordnung! Haben Sie Appetit?«
»Gar nicht. Mein Vagus ist ja unterbunden, betäubt.«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Prinzess Turandot.«
»Ach, was weiß denn die? Haben Sie nach dem Erwachen den Trank bekommen, der wie Feuer brennt?«
»Jawohl.«
»Fühlen Sie sich kräftig?«
»Ungemein.«
»Gut! Trinken Sie hier das!«
Er nahm aus einem Schranke ein Fläschchen, tröpfelte etwas in ein Glas, goss Wasser zu, ich trank. Es schmeckte harmlos und blieb auch harmlos.
Doktor TsinLa war mit mir fertig.
Ich schob ab. Ein anderer Führer brachte mich auf den Balkon zurück.
»Was sagte er?«, wollte die Prinzess wissen.
»Ganz gesund.«
Mehr berichtete ich nicht, dazu hatte ich jetzt weder Zeit noch Lust.
»Aaah, jetzt gibt es etwas Besonderes, passen Sie auf. jetzt werden Sie etwas zu sehen bekommen!«, rief Turandot. »Ein Zwischenspiel!«
In den wogenden Reihen der Turnierenden war eine Ruhepause eingetreten, oder sie schienen sich überhaupt zurückzuziehen. Dabei blickte alles nach oben, da gewahrte auch ich es.
In sehr großer Höhe schwebte am blauen Himmel eine Zigarre, also ein Luftschiff. Es senkte sich, und wie es für den Beobachter wuchs, gewahrte ich noch zwei kleinere, sehr dicke Zigarren, die es begleiteten.
Nachdem die drei Luftschiffe eine gewisse Höhe erreicht hatten, vielleicht tausend Meter, um eine runde Zahl zu nennen, blieb das große stehen; die beiden kleinen fuhren seitwärts davon, nach entgegengesetzten Richtungen, bis auch sie auf einer Stelle verharrten.
»Ein feindlicher Luftangriff? Oder ein Turnier in der Luft?«, fragte ich.
»Nein. Da Sie nicht wissen, um was es sich handelt, bedürfen Sie einer Erklärung, denn selbst mit dem Fernglas ist nicht alles zu unterscheiden. Nur die Haupteffekte sind dann deutlich zu erkennen. Gerade aber die Vorbereitungen sind sehr interessant.
Es sind die Geschwister Jocksando, Japaner, die uns mit ihrer Kunst unterhalten wollen, ein Mann und drei Weiber. Die eine ist übrigens die Frau des Mannes, die anderen beiden sind seine Schwestern. Es sind Gaukler, das heißt Akrobaten, Trapezkünstler, Luftgymnastiker.
Sie haben sicher in einem Zirkus gesehen, wie sich Turner am Trapez hin- und herschwingen, durch die Luft fliegen, sich gegenseitig auffangen. In solchem Maßstabe wie das hier geschieht, können Sie es freilich noch nicht gesehen haben.
Es gibt kein Gebäude, keine Decke, kein Gerüst, welches diesen japanischen Turnern genügen würde; sie müssten die Seile ihrer Trapeze am Himmel befestigen, und so bedienen sie sich dazu eben kleiner Luftschiffe. Ich kann Ihnen die hierbei in Betracht kommenden Maße und Entfernungen nennen, denn die Jocksandos sind ganz systematisch vorgegangen, mit nur hundert Metern haben sie angefangen, und jetzt sind sie schon bei tausend angelangt.
Das große Luftschiff befindet sich vielleicht elfhundert Meter über dem Erdboden. Die kleinen Fahrzeuge sind mit ihm durch Drähte verbunden. Immer durch je einen Doppeldraht. Diese sind nichts anderes als die Seile des Trapezes. Sie sind jetzt genau tausend Meter lang. Also kann es auch tausend Meter weit ausgefahren werden. Und das besorgt denn auch das eine kleine Fahrzeug, während das andere ein eigenes Trapez herablässt, ebenfalls wieder an Drähten von tausend Metern Länge. An diesen beiden Trapezen nun schwingen sich die Geschwister hin und her und beherrschen auf diese Weise eine Strecke von fast drei Kilometern, die sie innerhalb weniger Sekunden durchsausen, sich in der Luft überschlagend, sich gegenseitig auffangend, dabei noch sonst alle möglichen Exerzitien treibend. Dies schicke ich voraus. Die Vorführung werden Sie ja selbst sehen.«
Und ich bekam das Fabelhafteste zu sehen, was ich mir in meiner Phantasie nie vorzustellen gewagt hätte. Und nicht etwa, dass es sich dabei nur um die ungeheuren Entfernungen handelte, welche durchsaust wurden, um das Halsbrecherische!
So hatte nämlich auch ich erst geglaubt, und da versprach ich mir gar nicht so viel davon, sah dem Kommenden sehr kühl entgegen.
Aber es sollte eben ganz, ganz anders kommen. Es handelte sich dabei noch um etwas anderes als um Entfernungen und Wagehalsigkeit; ich sollte etwas sehen, das ich, wie gesagt, niemals für möglich gehalten hätte, mir niemals hätte träumen lassen.
Jetzt ließ das kleinere Luftschiff links das Trapez herab, auf dem eine menschliche Gestalt saß. Das war schon mit bloßen Augen zu erkennen, wobei allerdings ja auch die vergrößernde oder heranziehende Wirkung der Glasscheibe in Betracht kam, und als ich den Krimstecher benutzte, hatte ich erst recht alles fast handgreiflich vor mir.
Es war ein junges Weib, das da auf dem Trapez saß; ich erkannte sogar die japanischen Gesichtszüge — eine kraftvolle, schöne, geschmeidige Gestalt, ganz in schwarzes Trikot gehüllt, ohne jeden Schmuck.
Als sich das Trapez vielleicht noch fünfzig Meter über dem Boden befand, das ist die doppelte Höhe eines vierstöckigen Hauses, hörte das Herablassen auf, das übrigens sehr schnell gegangen war. Die Turnerin setzte das Trapez durch die bekannten Schaukelbewegungen in Schwingungen, zuerst sitzend, dann im Stehen, aufs Graziöseste. Donnerwetter, die hatte es aber heraus, ging das aber schnell!
»Oder hilft da vielleicht Elektrizität oder dergleichen nach?«, fragte ich.
»Nein. Ich mache Sie überhaupt darauf aufmerksam. dass es sich hierbei nur um menschliche Kraft und Gewandtheit handelt. Die Artisten könnten sich ja leicht vor einem Absturz schützen. Sie könnten doch einen Apparat bei sich haben, der sie noch rechtzeitig gewichtlos macht, sodass sie bei einem Absturz in der Luft schweben bleiben. So etwas aber verachten diese Japaner. Stürzen sie, dann zerschmettern sie wie jeder andere Mensch. Die Lichteffekte, die sie dann hervorbringen, das ist wieder etwas anderes. Da muss natürlich absolute Windstille herrschen, sonst geht es nicht.«
Dass diese letzteren Worte der Prinzess noch eine ganz besondere Bedeutung hatten, wurde mir erst später richtig klar.
Die Gymnastikerin hatte die möglichste Höhe des Schwunges erreicht; mit furchtbarer Schnelligkeit ging es himmelhoch hin und her, rechts fast das große Luftschiff erreichend, links sich im endlosen Weltall verlierend, bis sie wieder umkehrte.
Da, als sie wieder ihren höchsten Punkt erreicht hatte, mehr als tausend Meter hoch über der Erdoberfläche, löste sich von dem rechten, kleineren Luftschiffe ein zweites Trapez ab, das also mit den Enden seiner Drähte an dem mittleren, großen Fahrzeuge befestigt war. Ein Mann hing daran. Er begegnete seiner Partnerin in der Mitte des Weges; sie wechselten die Trapeze, hiermit hatte das Spiel begonnen.
Oder auch noch nicht so ganz; es wurde erst noch erweitert. Als die beiden sich schon schwangen, wurde von dem mittleren Luftschiff noch ein drittes Trapez herabgelassen, nicht ganz so tief wie das andere, sodass es zwischen dessen Seilen hindurchging, und dann von dem rechten Luftschiffe noch ein viertes, und auf jedem dieser beiden saß wieder ein Mädchen.
Nun aber war die Sache vollständig, nun ging es wirklich los. Und ich hatte doch zu viel gesagt, als ich meinte, die Entfernungen dabei könnten mir gar nicht imponieren. O ja, ich ließ mir imponieren. Ich sperrte, mit Respekt zu sagen, alsbald Maul und Nase auf. Fabelhaft, fabelhaft, wie sich diese schwarzen Gestalten durch die Luft schwangen! Und nicht nur, dass sie dabei turnten, sich überschlugen, sich gegenseitig auffingen, sondern sie schleuderten sich auch auf die Luftschiffe hinauf und darüber hinweg, nicht nur über das mittlere, sondern auch über die äußeren!
Da kam die eine Dame, am mittleren Trapez hängend, angesaust aus einer Entfernung von zweitausend Metern, diese innerhalb weniger Sekunden durchrasend; sie erreichte ihre höchste Höhe — da noch ein gewaltiger Schwung, sie ließ das Trapez los, sauste über das äußere Luftschiff rechts hinweg — — durchflog haltlos den freien Äther, die Arme ausgebreitet, mit fliegenden Haaren, in einer wunderbar graziösen Stellung — — jetzt war es mit ihrem Schwunge vorbei, jetzt sauste sie kopfüber hinab in die furchtbare Tiefe — — da aber kam das andere Trapez mit dem Manne angerast, unter dem Luftschiff hinweg, die Stürzende bei den Händen gefasst, in fünf Sekunden die zwei Kilometer zurück, ein furchtbarer und doch so graziöser Schwung, und die Dame stand schon wieder oben auf dem linken Luftschiffe oder sauste mit einem Salto mortale oder gar wie eine Kugel blitzschnell rotierend über dieses hinweg, wieder ins raumlose Weltall hinein, wurde wieder von einem darunter hinwegsausenden Trapez aufgefangen oder sie ergriff es selbst — —
»Grässlich! Entsetzlich! Das kann ich nicht sehen!«, stöhnte ich — und musste doch hinblicken, zwar ganz verzückt.
Grässlich? Nein, sondern herrlich, herrlich! Und das war von der ganzen Sache nur der Anfang gewesen. Plötzlich waren alle drei Luftschiffe verschwunden.
»Ja, wo sind denn die hingekommen?«, staunte ich.
»Oh, sie wissen sich eben unsichtbar zu machen«, meinte die Prinzessin leichthin.
Ich grübelte hierüber nicht weiter nach, meine Aufmerksamkeit wurde gleich durch etwas anderes gefesselt.
Zunächst sah es ja schon grandios genug aus, wie die Akrobaten jetzt vollends frei durch die Lüfte sausten und ihre Evolutionen ausübten.
Und da mit einem Mal hatten sich auch die Gestalten verwandelt. Sie strahlten im Scheine der immer erst in halber Höhe stehenden Sonne ein buntfarbiges Feuer aus. Jeder von ihnen war ein einziger Diamant oder eine Zusammensetzung von bunten Edelsteinen, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten und gleißten.
»Ihr schwarzes Trikotkostüm ist mit lauter kleinen Steinen bedeckt, die erst durch einen Apparat, eine Batterie, die jeder bei sich trägt, zum Erglühen oder Funkeln gebracht wird«, erklärte die Prinzess.
Ich hätte dieser Erklärung gar nicht bedurft. Ich gab mich ganz dem entzückenden, unbeschreiblich herrlichen Schauspiele hin.
Fabelhaft, fabelhaft, diese schillernde Farbenpracht! Wie diese menschlichen Diamanten und Rubine und Smaragde durch die Luft sausten, immer sich überschlagend und sonst wie voltigierend — nein, dieses Farbenspiel!
»Passen Sie nur auf, es kommt noch besser!«, sagte die Prinzess, als ich meinem Staunen, meiner Verzückung Ausdruck verlieh.
Was? Das sollte noch übertroffen werden? Wie denn nur?
Ich sollte es gleich sehen. Plötzlich begann sich die strahlende Sonne zu umschleiern, gleichzeitig überzog sich der ganze Himmel wie mit einem Nebel, immer dunkler ward es.
»Was ist denn das?«
»Das Theater wird verdunkelt, Zuschauerraum und Bühne.«
»Verdunkelt?«
»Jawohl, künstlich verdunkelt — obwohl wir uns im Freien befinden, abgesehen von dieser Glaswand hier. Draußen im Freien wird eine künstliche Dunkelheit erzeugt, ohne Rauchbildung und dergleichen, das haben wir in der Hand.«
Es genügte für mich, was ich da zu hören bekam, wenn ich mir auch nicht erklären konnte, wie solch ein Phänomen zustande gebracht wurde. Na, und warum soll es denn nicht schließlich ein atembares Gas geben, das alles in undurchdringliche Finsternis einhüllt? Es braucht doch nicht gerade dicker Rauch zu sein.
Stockfinster war es denn auch zuletzt geworden, die Sonne war ganz verschwunden, keine Sterne standen am Himmel.
Nur die menschlichen Gestalten leuchteten in roter Glut, als glühende Feuerwesen sausten sie durch die Luft, und auch die Trapezstangen erglühten, die sie erfassten, um sich weiterzuschwingen.
Unbeschreiblich, unbeschreiblich! Deswegen will ich es auch nicht weiter zu beschreiben versuchen.
Und dann wurde es immer noch prächtiger, indem ein buntes Farbenspiel begann, die Steine übten wieder ihre Wirkung aus, aber jetzt in finsterer Nacht leuchtend.
Herrlich, herrlich!
Wie lange es gewährt hat? Ich weiß es nicht. Für mich gab es weder Raum noch Zeit, ich war verzaubert. Dann wurde es wieder hell, die Sonne leuchtete, die vier Akrobaten saßen auf ihren mäßig schaukelnden Trapezen, bremsten sie ganz, wurden hochgezogen, dankten, sich verbeugend, für den losbrechenden Beifall.
Und was für ein Beifall das war, dieses Brüllen, dieses Händeklatschen und Waffenzusammenschlagen!
Denn die anderen waren genau so aufgeregt und entzückt worden wie ich. Ich hatte mich nur gar nicht um sie gekümmert. Jetzt aber merkte ich es.
»O Gott, wenn die bei uns aufträten, das vormachten, die könnten ja Berge von Gold verdienen!«, brüllte ich meiner Nachbarin ins Ohr, denn sonst hätte ich mich bei diesem Spektakel nicht verständlich machen können, zumal die den Balkon abschließende Glaswand für Schallwellen durchlässig war.
Die Prinzessin machte einmal ein recht spöttisches Gesicht, und das mit Recht, meine Bemerkung, besonders das mit dem Geldverdienen, war einfach albern gewesen.
»Nein, mein Lieber, das bekommt niemand von jener anderen Welt zu sehen, der wir nicht mehr angehören, kein Kaiser und kein König und kein Milliardär, dieses Schauspiel ist nur für uns Skalden bestimmt.«
Jetzt war mir die Albernheit meiner Bemerkung auch zum Bewusstsein gekommen; ich bereute und schämte mich sehr.
»Mir scheint, es war auch für dieses Publikum etwas ganz Neues«, sagte ich, um nur schnell irgend etwas zu sagen.
»Ja, so ziemlich. Ich will Ihnen erklären, wie die Sache liegt, während jetzt eine Pause stattfindet. Die Geschwister Jocksando waren schon immer solche Luftgymnastiker, allerdings nur im Dienste des Mikados, sich höchstens noch vor den ausgesuchtesten Notabeln produzierend. Damals hingen ihre Trapeze an Gerüsten, die immer höher wurden, je mehr sie sich vervollkommneten, doch höher als hundert Meter kamen sie nicht, das hat doch auch schon etwas zu bedeuten, und die von Menschen aufgebauten Gerüste müssen ja einmal eine Grenze haben.
Mein Bruder sah die Gruppe arbeiten und machte sie dem Mikado abspenstig ohne jeden Kontraktbruch. Die vier Japaner sind freiwillig mit ihm gegangen, sind Skalden geworden.
Nun hatte mein Bruder von vornherein eine Idee, die auch sehr nahe liegt: Die Trapeze anstatt an Gerüste an Luftschiffe zu hängen. Freilich ist das leichter gedacht als getan. Die Luftschiffe, wie die Menschheit sie jetzt besitzt — mögen sie auch noch so großartig sein — eignen sich natürlich nicht dazu. Malen Sie sich das einmal aus! Man kann an eins wohl ein Trapez hängen, tausend Meter lang, sich an diesem hin- und herschwingen, aber so wie hier, mehrere Luftschiffe, mit todsicherem Griffe das nächste Trapez erhaschen, das an einem andern Luftschiffe hängt, das kann es da natürlich nicht geben.
Aber wie wir unsere Luftschiffe beherrschen, und auf beschränktem Gebiete auch die Atmosphäre, sodass wir Sturm oder Windstille nach Belieben erzeugen können, da ist so etwas sehr wohl möglich. Wo das Luftschiff stehenbleiben soll, da bleibt es stehen und braucht seine Lage bei der nötigen Aufmerksamkeit des Lenkers auch nicht um eine Linie zu verändern.
Jetzt aber genug davon!
Sie wollten doch gern einmal die Helepolis sehen. Die Erlaubnis dazu ist mir auf meine telefonische Anfrage gegeben worden. Ich bringe Sie nach der großen Batterie der schweren Balliste.
Dazu müssen Sie aber erst Toilette machen. Nicht etwa, dass Sie in Ihrem türkischen Schlafrock den Platz nicht betreten dürften. Aber so ein Schlafrock oder Talar ist ein dummes Ding, mein Kimono auch, es geht dort oben sehr eng zu, da kann man leicht hängen bleiben, nicht etwa lebensgefährlich, aber — — es ist wie in einer Fabrik mit Transmissionen und Treibriemen, die quer durch den Saal bis auf den Boden laufen. Da muss man enganliegende Kleider anhaben. So, jetzt weiß ich — — jetzt geht die Tür gleich auf.«
Wir betraten einen Raum, der in Schränken und an Stellagen Kostüme aller Art enthielt, jedoch alle mittelalterlicher Art, Wämse und Lederkoller und dergleichen, auch viele Rüstungen
»Wählen Sie nach Belieben! Hier ist genug vorhanden für einen Karneval, für ein Kostümfest, welches das Mittelalter markieren soll. Nur nehmen Sie nicht gerade so eine weite Pluderhose, zusammengebaut aus zehn Ellen Stoff. Oder wollen Sie sich in einen Ritter ohne Furcht und Tadel verwandeln? Sie finden Rüstungen und Panzer jeder Art, für jede Größe —«
»Na, da würde ich wohl den berühmten Ritter von der traurigen Gestalt abgeben?«, lachte ich.
»Warum denn?«
»Na, ich mit meiner Dürre!«
»Sie sind gar nicht so sehr abgemagert, das bilden Sie sich nur ein. Abgenommen haben Sie natürlich. Oder nehmen Sie ein ganzes Schuppenkostüm. Dort hängt das vom alten Hildebrand, er trägt es nicht, es ist ihm zu fein, weil es keine Rostflecken hat, das wird Ihnen wie angegossen passen, ich wette um meinen Kopf. Dann ziehen Sie noch etwas darüber, ein Lederwams. Derartige Schuppenkostüme trägt man überhaupt nur als Unterkleidung; das Zeug hält in der Kälte warm und in der Hitze kühl, und es ist ganz gut, wenn Sie so etwas anhaben, dort oben kann man manchen Puff bekommen. Auch Ihren Pyjama behalten Sie an! Ich gehe einstweilen nebenan und kleide mich ebenfalls um. Beeilen Sie sich aber, ich komme gleich wieder, und wenn Sie noch nicht fertig sind, dann helfe ich Ihnen und kitzele Sie dabei zu Tode.«
Sie sprang davon. Gut, ich legte das bezeichnete Kostüm, aus lauter silbernen Schuppen bestehend, an. Herrgott, war das Ding fabelhaft leicht! Ich erschrak doch fast, als ich es in die Hand nahm. Jawohl, es passte mir wie angegossen, und als ich mich in dem großen Wandspiegel musterte, musste ich mir sagen, dass ich prachtvoll aussah. Ich war tatsächlich gar nicht so sehr abgemagert, und am wenigsten im Gesicht. Ich war nur die schwellenden Muskeln gewohnt, die ich trotz aller sonstigen Hagerkeit besaß, und die hatte ich freilich nicht mehr. Aber spindeldürr war ich durchaus nicht zu nennen.
Nun noch ein Lederwams darüber, das in ein kurzes Röckchen auslief, freilich längst nicht bis zu den Knien gehend, einen Gürtel umgeschnallt, an dem auch gleich ein ansehnlicher Dolch hing, ein Barett aufgesetzt, und die Toilette war beendet. Auch sattelfähig war der Rittersmann, an den Hacken der Schuppenrüstung befanden sich gleich Sporen, kurze Spitzen, und dass man zu diesem Schuppenanzug keine besonderen Schuhe trug, das war gleich zu sehen, auch ohne diese Sporen.
Da kam die Prinzess schon wieder, mir recht ähnlich gekleidet, nur dass ihr Röckchen etwas länger war, ganz sittsam.
»Ah, Sie sehen ja prachtvoll aus! Noch viel besser als der alte Hildebrand. Nun kommen Sie!«
Nach wenigen Schritten auf dem Korridor traten wir in eine Nische und fuhren nach oben. Als wir den Fahrstuhl verließen, befanden wir uns auf dem Plateau, auf dem eine Anzahl Balliste und Katapulte standen, riesenhafte Dinger. Jede weitere Beschreibung erspare man mir.
Das war aber noch nichts gegen das, was ich dann auf einem angrenzenden Plateau erblickte. Dort stand die Helepolis, ein Eiffelturm, nur nicht so spitz zulaufend und auf viel breiterer Basis stehend.
In diesem Gehäuse wimmelte es von Menschlein, die auf Treppchen und Brückchen hin- und herliefen, und ebenso lebhaft ging es draußen zu.
Ich bekam einen Führer, der mir alles sachlich erklären konnte, aber ich verstand verflucht wenig davon, obgleich ich als Ingenieur es doch hätte verstehen sollen. Es war eben gar zu überwältigend viel, was ich da zu sehen bekam, die Zahnräder, groß wie die von Wassermühlen, erdrückten mich schier, ganz abgesehen von den zahllosen winzigen Kleinigkeiten, Räderchen und Hebeln und Stangen.
Erst als ich es aufgab, die ganze Mechanik erfassen zu wollen, mich um Einzelheiten kümmerte, bekam ich ein klareres Verständnis. Da aber waren wohl schon zwei Stunden vergangen.
»Wo ist denn nun eigentlich der Balken oder was es sonst ist, der die Schleuderkraft gibt und nicht aufgeleiert werden kann?«
»Hier, das ist er, wir stehen ja davor oder schon darauf.«
Ach Herrje, war das ein Ding! Ich dachte nämlich, weil ich ihn durchquert hatte — er war innen hohl — es sei ein langer Korridor gewesen.
»Wohin werden nun die Steine oder sonstigen Geschosse gelegt, wenn sie abgeschleudert werden sollen?«
Es wurde mir gezeigt, eine Art Kasten, der gar nicht so groß war. Wozu auch? Ein Stein von rundlicher Form mit anderthalb Meter Durchmesser ging schon hinein, und der gab schon ein tüchtiges Gewicht. Anders freilich sah die Vorrichtung aus, welche die »Pfeile« aufnehmen sollte.
»Woran liegt es nun, dass dieser Teil nicht aufgezogen werden kann?«
»Ja, wenn wir das wüssten!«
Mir wurde es doch wenigstens gezeigt, wo die Winde war, die funktionieren sollte, aber nicht wollte.
Sie war gar nicht so groß.
»Nein, ein einziger Mann genügt, um sie in Bewegung zu setzen, um die Maschine zu spannen. Die Zahnradübersetzung ist überaus groß — oder eigentlich klein.«
»Wie lange der dann aber leiern muss!«
»Das dauert gar nicht lange.«
»Wie wäre das möglich? Dass ein Mann genügt, glaube ich schon, aber dann braucht er eben, wenn für fünf Minuten hundert Männer nötig sind, fünfhundert Minuten dazu.«
»Nein, dieses Gesetz gilt für uns nicht.«
»Weshalb nicht?«
»Wir haben eine ganz andere Art von Hebelübertragung.«
»Was für eine?«
»Das, Herr, ist ein Geheimnis. Sie sind keiner der Unsrigen.«
Mein Führer wurde abgerufen, ich blieb allein.
Was für eine andere besondere Art von Hebelübertragung sollte da in Frage kommen? Das ist nämlich für unsereinen gerade so, wie wenn man die Möglichkeit einer vierten Dimension erklären oder sich nur vorstellen wollte, also, dass es noch etwas anderes gibt als Höhe, Länge und Breite. Könnte man sich das aber vorstellen, dann müsste man es auch für möglich halten, zum Beispiel in ein Seil ohne Ende einen Knoten zu knüpfen. Wie etwa in einen Lederstreifen, den man zusammenhängend aus einem Stück Leder geschnitten hat. Das ist undenkbar. Ungefähr zurechtlegen kann man sich die Sache, indem man den entgegengesetzten Weg einschlägt, auf die Weise, dass man sich ein Wesen vorstellt, das nur zwei Dimensionen kennt, sich nur nach zwei Richtungen bewegen kann, wie das vom Schatten an der Wand gilt. Dieser könnte, wenn er lebendig wäre, eine Linie, einen Bindfaden doch nur an dieser Wand selbst hin- und herbewegen, verschieben, ihn aber nicht von der Wand abbringen, also könnte er in den Faden auch keinen Knoten schlagen. Wenn ihm das vorgemacht würde, von einem Menschen, den er nicht erblickt, so wäre dieser Knoten ihm ein unergründliches Rätsel, Zauberei — Spiritismus.
So war es also auch mit der Hebelübertragung, die nicht den bekannten mathematischen Gesetzen gehorchen sollte, und daraufhin untersuchte ich diese Winde näher, verfolgte ihre Übertragungen, versuchte an ihr zu drehen.
Wie es im Übrigen kam, kann ich weiter nicht schildern; eigentlich weiß ich es selbst nicht.
Also ich drehte an dem Griff, was ganz leicht ging, eben gar zu leicht; es war gar kein Widerstand vorhanden. Nun besichtigte ich den Mechanismus noch näher, zog hier ein Zäpfelchen heraus und steckte da einen Stöpsel, nur aufs Geratewohl — allerdings doch auch mit etwas Überlegung — und mit einem Mal ging die Winde viel schwerer.
Ich leierte noch etwas weiter und da bemerkte ich, wie plötzlich in dem menschlichen Ameisendurcheinander auf und in dem Gerüst ein Stillstand kam, wie alles starrte, bis sie dann wieder durcheinander wimmelten, noch ganz anders als zuvor.
»Der Schnellbalken bewegt sich, der Balken bewegt sich!«, erklang es vielhundertstimmig durcheinander.
Ich leierte unterdessen weiter, und nun sah ich auch, wie dort der Balken, den ich für einen hohlen Fuchsbau oder eben für einen Korridor gehalten hatte, herabkam.
Ich hatte den Fehler zufällig entdeckt oder ihn doch beseitigt. Als ich nun aber in die Höhe blickte, um einen Draht zu verfolgen, der plötzlich in eine ganz andere Lage kam, glaubte ich auch wirklich zu wissen, woran das Hindernis gelegen haben könnte.
Ein ungeheurer Tumult brach los, alles schrie und jauchzte. Ich ließ die Winde von anderen weiterleiern und kletterte hinauf, um vollends zu sehen, wohin sich jener Draht verlief.
Immer höher stieg ich dabei, benutzte nur selten die Leitern und Treppen, kletterte gleich von Stange zu Stange, ganz bequem, bis ich wieder einen dicken horizontalen Balken erreichte.
Dort lief mein Draht, entschwand aber meinen Augen wieder. Um ihn sehen zu können, musste ich bis an das äußerste Ende des Balkens gehen, und da mir der Ausblick verdeckt war, legte ich mich platt hin. So, jetzt sah ich den Draht wieder, aber nur den unteren Teil. Um auch den oberen sehen zu können, drehte ich mich, wie die engen Verhältnisse nun einmal waren, gleich auf den Rücken. Direkt über mir war wohl alles frei, der blaue Himmel, aber seitwärts, wo meine Augen suchten, sah ich ein Durcheinander von Balken und Stangen und Schienen.
Da — als ich noch lang ausgestreckt auf dem Rücken liege, ertönt ein leiser Knacks, und dann — — dann wusste ich nichts mehr von mir. Vielleicht, dass es noch einen anderen »Knacks« gegeben hatte, einen Knall wie ein Kanonenschuss.
Ein furchtbarer Ruck ging durch meinen Körper, und dann verlor ich die Besinnung.
Aber lange kann diese Ohnmacht nicht gedauert haben. Dann sagte ich mir mit ganz klarem Bewusstsein: »Karl, Du fliegst durch die Luft; das Ding ist aufgezogen worden und losgegangen!«
Ja, so sagte ich mir. Ich wusste es ganz bestimmt. Ich sauste durch die Luft. Jetzt war ich der fliegende Mann geworden, ahmte das letzte Kunststückchen des Luftgymnastikers nach — unfreiwillig.
Sonst habe ich über diese Luftreise nichts weiter zu melden. Die Gegend unter mir habe ich mir nicht besehen.
Dann ein Sausen in den Ohren, die Sonne war plötzlich so groß wie ein amerikanisches Drehschaukelrad, und dann wurde es mir schwarz vor den Augen; wieder wusste ich nichts von mir.
Endlich aber war ich doch wieder bei Besinnung und — — bekam etwas unter die Füße, taumelte etwas vorwärts, fiel hin, aber ganz sanft, kniete, die Hände auf den Boden stützend. Dieser Boden bestand aus Holzplanken, sehr sein gefugt — Parkett, ungewichst.
Nachdem ich diesen ungewichsten Parkettfußboden einige Zeit betrachtet hatte, hob ich den Kopf, erst immer noch auf allen vieren, schaute mich weiter um.
Ich befand mich in einem Raume von etwa zwölf Metern Durchmesser, ganz kreisrund gehalten. Die Wände waren von Holz, bestanden hier innen aus langen aufrecht stehenden Brettern, aber fein gehobelt und gefugt und mit Goldarabesken bedeckt.
In der Mitte dieses Raumes erblickte ich ein kreisrundes Bassin von etwa sechs Metern Durchmesser, bis ziemlich zum Rand mit Wasser gefüllt, in das ein Treppchen führte. Das Ganze war also ein Baderaum mit einer Wanne, in der man auch einige Schwimmstöße machen konnte.
Sonst stand noch hüben und drüben auf dem Ufer, wie man den freien Raum doch wohl nennen konnte, ein Häuschen, jedenfalls Auskleidezellen enthaltend, denn solche waren sonst nicht zu erblicken; keine Tür kein Fenster.
Dies sah ich, während ich nach rechts und links den Kopf wendete, wozu ich doch nicht lange brauchte, da alle sonstigen Einrichtungsgegenstände fehlten.
Ja, wie war ich aber nun hierher gekommen? Das war mein zweiter Gedanke, der mir durch das Hirn zuckte, vielleicht gleichzeitig mit jener Beobachtung.
Ich war von der Balliste fortgeschleudert worden! Ich wusste auch, dass ich eine weite, weite Luftreise gemacht hatte. O ja, das lag sehr deutlich in mein Bewusstsein eingegraben. Ganz bestimmt war ich aus einer sehr großen Höhe herabgestürzt, um hier in diesem Raume zu landen. Warum lag ich da jetzt nicht zerschmettert hier auf diesem immerhin harten Fußboden?
War ich nicht ganz sanft gelandet? Ganz außerordentlich sanft? Viel sanfter als man aus dem Bett herausfällt?
Indem ich mir diese Frage vorlegte, überkam mich noch einmal eine große Schwäche, sodass ich gleich vornüber fiel, mich nicht mehr mit den Händen abstützen konnte.
Doch das währte nur einen Augenblick, dann war die Schwäche vorüber; ich konnte mich wieder aufrichten und tat dies nun.
Da sah ich, dass aus meinem Lederwams vorn, wo eine Schnüre aufgegangen war, etwas herausbaumelte.
An einem silbernen Kettchen hing eine kleine Dose mit Ziffernblatt und zwei Zeigern, doch einem Manometer ähnlicher als einer Uhr. Und in demselben Moment kam mir die Erkenntnis, weshalb ich jetzt nicht hier zerschmettert lag.
Das war solch ein automatisch funktionierender Apparat, von dem mir die Prinzess berichtet, wie Klingsor ihn bei seinem Absturz benutzt hatte.
Mit meinem normalen Gewicht war ich durch die Luft gesaust und auch abgestürzt, aber im letzten Augenblick, da ich fast schon den Boden berührte, hatte sich der Apparat eingeschaltet, hatte mich gewichtlos gemacht, um nur erst, nachdem ich den Boden berührte, wieder mein normales Gewicht zu geben. Dieser Apparat hatte sich in dem Lederwamse befunden, vielleicht längst vermisst; niemand wusste von seinem Verbleib.
Dass dem so war, dass ich auf diese Weise dem Tode entronnen war, das war bei mir keine Vermutung mehr, sondern vollständige Gewissheit, die nicht trog, und überhaupt gehörte auch nicht viel dazu, um diese Erkenntnis zu fassen nach alledem, was mir berichtet worden war.
Ich steckte das Ding in das Wams zurück und blickte zum ersten Mal nach oben. Denn erst musste sich doch auch das noch mit der Decke klären, wie ich durch diese gekommen war.
Nun, eine Decke gab es hier einfach nicht. Der Raum war oben ganz offen, über mir lachte der blaue Himmel, die Sonne schien auch schon längst über die wohl fünf Meter hohen Wände.
Wo befand ich mich? Natürlich in dem feindlichen Lager. In einem von Planken umgebenen Baderaum mit kleiner Schwimmgelegenheit.
Also dem Tode entronnen! Durch einen Zufall vor dem Zermalmen bewahrt. Zufall? Ich glaube nicht recht an Zufälle. Ich glaube, dass im ganzen Weltenraum für so etwas wie einen Zufall kein Platz ist. Was war es sonst gewesen, das mich beschützt hatte?
Nun fragte es sich, wie man mich hier in dem feindlichen Lager aufnehmen würde, und weiter, ob ich selbst nach Belieben diesen Raum verlassen konnte.
Türen und Fenster waren also nicht vorhanden. Die Wände waren zu hoch, um ihren Rand im Sprunge mit den Händen zu erreichen.
Zunächst wollte ich einmal eine der freistehenden Ankleidezellen besichtigen, also ein Häuschen, ganz schmucklos; es sah aus, als sei es aus Zement gegossen.
Auch wieder keine Tür, wenigstens keine sichtbare? Doch! Sie befand sich hinten, nach der Wand zu, sichtbar genug; die ließ sich öffnen.
Doch was war das? Von außen wie ein aus Zement gegossenes Häuschen, ohne Fenster, und innen — rein gar nichts!
Das heißt, da hingen wohl Badetücher und ein Spiegel und dergleichen an der Wand, aber diese selbst existierten eigentlich nicht.
Um die Sache kurz zu machen: Die Wände waren wie vom reinsten Glas, aber nur von innen betrachtet. Von außen waren sie undurchsichtig.
Na, ich hatte hier schon so viele Erfindungen zu sehen bekommen, dass ich über diese nicht weiter staunte.
Als ich vorgetreten war, um die gegenüberliegende, dem Bassin zugekehrte Wand zu betasten, die ganz frei von Behang war, hatte sich hinter mir die Tür von selbst wieder geschlossen. Doch das hatte nichts zu sagen, ich war in keine Falle geraten, sie ließ sich wieder aufklinken.
Ehe ich sie aber gänzlich öffnete, hörte ich ein Geräusch, das mich bewog, sie lieber vollends zuzumachen und mich schnell umzudrehen.
Dort in der beplankten Wand war jetzt eine Türöffnung, zwei Männer waren eingetreten, Neger in reicher, phantastischer Kleidung, die einen langen Teppich ausrollten, einen Läufer, nach der anderen Badezelle hin.
Das war schnell geschehen. Der eine schwarze Diener ging wieder, der andere blieb, schaute prüfend um sich, steckte einmal die Hand in das Wasser, das fast den Rand des Beckens erreichte, blickte nach oben, begab sich hinter jene andere Ankleidezelle.
Wollte er baden? Nein, er war meinen Blicken nicht ganz entschwunden; ich sah an der Wand seinen Schatten, er machte sich dort etwas zu schaffen.
Alsbald veränderte sich in dem Raume das Licht. Der Sonnenschein verschwand, es wurde etwas dunkler, aber nicht so dunkel, dass man nichts hätte sehen können. Volles Tageslicht herrschte noch, nur ohne direkten Sonnenschein.
Als ich nun nach oben blickte — auch die Decke des Häuschens war durchsichtig — sah ich, dass dort oben eine Verwandlung vor sich ging. Wie ein Nebel schob es sich überall dort oben aus dem Rande der Bretterwand hervor, strömte gleichmäßig nach der Mitte und floss dort zu einem Ganzen zusammen.
Auf diese Weise war eine Decke gebildet worden, aus Rauch, aus Nebel, der seine feste Beständigkeit behielt, was mich nun nicht weiter wundernahm, wenn ich daran dachte, dass die hier es sogar in der Hand hatten, eine freie Landschaft am hellen, sonnigen Tage in Stockfinsternis zu hüllen.
Nun freilich war es doch sehr dunkel geworden, aber nur für wenige Sekunden, dann erglühten die goldenen Arabesken an den Wänden in hellrotem Lichte, ebensolche glühende Arabesken entstanden urplötzlich an der Nebeldecke, und der ganze Raum war mit einem roten, magischen Lichte erfüllt. Ein herrlicher Anblick!
Jetzt ging auch der zweite Neger hinaus, hinter sich die Türe offen lassend. Nun durfte ich erwarten, dass der, der hier baden wollte, bald kam.
Und er kam. Er hatte es sehr eilig, ging sehr schnellen Schrittes. Ich sah wenig mehr als eine hochgewachsene Gestalt, umschlossen von einem weißen Mantel, um den Kopf einen weißen Turban, und dann noch einen Schimmer von einem sehr schönen, bartlosen, orientalischen Gesicht.
Dann war der Jüngling, für welchen ich ihn hielt, so eine Art Apollo, schon hinter dem zweitem Häuschen verschwunden.
Alsbald jedoch — er konnte unter dem Mantel nicht mehr viel angehabt haben — trat der Jüngling hinter dem Häuschen wieder hervor, ohne Badekostüm.
Auch den Turban hatte er abgelegt.
Er? Der Jüngling? Himmel noch einmal! Das war gar kein Mann, das war ein ausgereiftes junges Weib! Und was für eine Juno! Oder mehr noch eine Minerva, die doch auch die Göttin des Kampfes war und daher wohl recht kräftig gewesen sein, eine gut entwickelte Muskulatur besessen haben muss.
Viel habe ich nicht gesehen. In demselben Augenblicke, als ich erkannte, dass sich mir da im Evakostüm ein junges Weib präsentierte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.
Was für einer, das werde ich später erklären, wenn ich das rechtfertige, was ich sofort ausführte.
Nur eins will ich sofort ganz offen erklären: Ich glaube nicht daran, dass unsereiner gleich blind wird, wenn man eine vom anderen Geschlecht so sieht, wie der liebe Gott sie geschaffen hat. Also um meine Augen war ich nicht besorgt. Und ich war, wie schon einmal erwähnt, in dieser Hinsicht durchaus kein Duckmäuser, kein keuscher Joseph. Ach, wie gern hätte ich diese Juno oder Minerva im Evakostüm noch weiter bewundert, ganz gründlich, wie gern ihr Plätschern im Wasser beobachtet!
Wenn ich mich nun trotz alledem sofort umdrehte, so hatte das eben seinen besonderen Grund. Es war ein Gedanke, ein Plan, der mir im Moment durch den Kopf zuckte, wie man später sehen wird.
Also kaum hatte ich erkannt, dass der vermeintliche Jüngling, der solche weitausgreifende Schritte gemacht hatte, ein herrliches Weib sei, als ich mich auch schon umdrehte. Nun allerdings sah ich sie noch immer im Spiegel, der an der Tür meiner Zelle hing. Kurz entschlossen, um nicht in Versuchung zu kommen, mit den geschlossenen Augen zu blinzeln, nahm ich ihn von dem Haken ab und drehte ihn herum. So, nun konnte die machen, was sie wollte — meine Augen waren gerettet; wie ich humoristisch noch einmal sagen will.
Sie schien ziemlich lange außerhalb des Wassers zu verweilen. Dann sprang sie gleich hinein, wie ich an dem Aufplantschen hörte.
Im Wasser blieb sie nicht langte, ich hörte sie plätschern und pusten, dann entstieg sie dem feuchten Element, es ward wieder still.
So vergingen vielleicht noch fünf Minuten, dann vernahm ich andere Schritte, es wurde ganz finster, es wurde wieder hell, ich sah auf meiner Seite Sonnenschein — nun war ich sicher, dass ich mich wieder umdrehen durfte.
Die beiden Neger rollten den Läufer wieder zusammen, ein dritter Mann von brauner Farbe im weißen Burnus spazierte hin und her, schien den Baderaum zu inspizieren.
Nachdem er einmal hinter der anderen Zelle verschwunden war, ging er um das Bassin herum, promenierte näher — — Himmel, wenn der jetzt — —! Ja, da war es schon geschehen. Er war um mein Häuschen herumgegangen, hatte die Türe geöffnet, die von innen nicht zu verschließen war, ich hätte sie auch nicht zuhalten können; es war nichts dazu vorhanden.
Na, was für Augen der machte, als der den Rittersmann in der Zelle erblickte!
»Maanzein!!!«, schrie er.
»Mahlzeit«, wünschte auch ich.
Ich wusste doch nicht, das »maanzein« so viel wie »was ist das?«, bedeutet, ich kann nicht Arabisch. Den Sinn des Ausrufes habe ich erst später erfahren. Dann schnatterte er etwas, was ich noch weniger verstand.
»Deutsch, Englisch, Französisch, Lateinisch, damit kann ich Ihnen dienen.«
»Wer bist denn Du?«, erklang es jetzt auf Deutsch, hier wohl die allgemeine Umgangssprache.
»›Ich bin ich‹, — — sagt der Philosoph Hegel — — auf welche Weisheit er sich nicht wenig eingebildet hat.«
»Wie kommst Du denn hierher?«
Mit geheimnisvoller Miene deutete ich nach oben.
»Stichwort! Losung!«
»So leben wir, so leben wir, so — —«, fing ich zu singen an.
»Du kennst nicht Stichwort und Losung!«
»Nee, woher soll ich denn das kennen?«
»Du bist ein Feind!«
»Ich habe niemand was getan.«
»Du bist ein Roter!«
»Na, wissen Sie — mein Onkel war nationalliberal — ich selber kümmere mich gar nicht um Politik — —«
»Du kommst von drüben aus dem feindlichen Lager, aus der belagerten Festung!«
»Das stimmt nun allerdings.«
Ich hielt es für das Beste, dies gleich zuzugeben.
»Ah, jetzt weiß ich, wie Du hier herein gekommen bist!«
»Na, wie denn?«
»Du bist nicht über die Wand gestiegen.«
»Nein.«
»Bist durch keine Tür gekommen.«
»Auch nicht.«
»Es wäre auch nicht möglich, ich lasse das Bad zu gut bewachen, oder ich hätte keinen Kopf mehr auf den Schultern.«
»Behalte ihn darauf, ich erlaube es Dir.«
»Du bist vom Himmel gekommen!«
»Richtig — vom Himmel hoch, da kam ich her. Übrigens habe ich das doch vorhin selbst schon stark angedeutet.«
»Du bist abgestürzt!«
»Ja, das darf man wohl ein Abstürzen nennen — Teufel noch einmal!«
»Du bist der Mann, der vor einer Stunde aus dem feindlichen Aeroplan stürzte, der über unserem Lager schwebte. Wir glaubten, er sei in den See gefallen, wir fischen noch nach ihm! Hier herein bist Du gestürzt! Du hast so einen Apparat bei Dir, der den Fall im letzten Augenblicke bremst, wie Graf Bertran ihn hat.«
»Habe ich«, gab ich unumwunden zu. Denn weggenommen wurde er mir doch.
»Wo?«
»Auf meinem Busen.«
»Zeig' ihn!«
Ich holte das Ding hervor, er streckte hastig die Hand danach aus, zog sie aber gleich wieder zurück, mochte nicht das Recht haben, mir irgend etwas abzunehmen.
»Du hast Dich hier verborgen gehalten!«
»Verborgen? Ich konnte ja nicht wieder heraus.«
Bisher hatte der Araber, der er sein mochte, weiter keine große Aufregung ob dieser Begegnung gezeigt, bis auf das erste Staunen, da er mich hier erblickt hatte.
Plötzlich aber nahm sein Gesicht einen wahrhaft entsetzten Ausdruck an.
»Du hast hier in dieser Zelle gesteckt?«
»Jawohl.«
»Du bist hier gewesen, als sich die Königin gebadet hat?«
Die Königin? Au weh! Dass es eine vornehme Dame gewesen sein musste, hatte ich mir ja gleich denken können, aber dass es nun gar die Chlorinde, die Königin von Thule, gewesen war, denn die kam dabei doch sicher in Betracht — — und ich dachte daran, wie die mir geschildert worden war — — ich war froh, dass ich so gehandelt hatte, nun konnte ich doch eine Entschuldigung vorbringen — —
»Ja, ich war allerdings in dieser Zelle, aber — —«
Ich sprach nicht weiter, es hätte auch keinen Zweck gehabt, ich wäre ja doch nicht verstanden worden.
Hinter dem Araber waren gleich im Anfang die beiden Neger wieder aufgetaucht, ihnen hatten sich noch andere zugesellt, meist Schwarze, aber auch Andersfarbige, auch Europäer — — und plötzlich fängt die ganze Bande doch zu schreien und zu kreischen an, dass ich also nicht weiterzusprechen brauchte.
»Haut ihn, haut ihn!«
Das heißt, das riefen sie wohl nicht, es war gar nichts zu verstehen, aber so hatte ich mir das Brüllen und Zetern übersetzt, wozu nun auch noch die entsprechenden Gesten kamen, sogar Dolche wurden schon gezückt.
Auch ich besaß einen, aber es wäre doch heller Wahnsinn gewesen, davon Gebrauch machen zu wollen.
»Kinder, macht doch nicht solchen Spektakel!«, probierte ich es doch noch einmal, mich verständlich zu machen, und brüllen kann ich, »man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen. Ich will Euch etwas sagen. So schlimm ist die Sache gar nicht, wie Ihr denkt, ich heiße zwar Karl mit dem Vornamen, hätte aber eigentlich Joseph getauft werden müssen — —«
Weiter kam ich nicht. Ich machte die Entdeckung, ohne hinzublicken, dass meine Zelle auch auf der anderen Seite, nach dem Bassin zu, eine Tür oder ein Fenster oder ein sonstiges Loch haben musste, denn sonst wäre es doch nicht möglich gewesen, dass mir, der ich noch innerhalb der engen Zelle stand, plötzlich von hinten so etwas wie ein Sack über den Kopf gestülpt worden wäre.
Gegen diesen Sack hätte ich mich ja nun gern gewehrt, wenigstens, dass er mir nicht gleich so grob um den Hals zugeschnürt wurde, ich bekam ja kaum noch Luft; aber da wurden auch schon meine Arme von hinten gepackt, gleich von mindestens einem halben Dutzend Händen, dicht am Leibe festgeschnürt.
»Kinder, ich versichere Euch auf mein Ehrenwort«, versuchte ich es immer noch einmal in Güte, »ich habe weiß Gott — —«
Wieder brach ich ab. Meine Stimme klang so merkwürdig. Ich hätte doch mein eigenes Brüllen vernehmen müssen, gerade in diesem Sacke. Aber es klang nur wie Lispeln. Und noch merkwürdiger war, dass ich die dort draußen plötzlich gar nicht mehr brüllen hörte. Die sagten keinen Mucks mehr. Plötzlich umgab mich Todesschweigen. Erst dachte ich, ich sei bewusstlos, davon hätte ich aber sozusagen doch auch etwas merken müssen. Nein, ich blieb bei voller Besinnung. Und dass die dort draußen so plötzlich schwiegen, das war doch ausgeschlossen.
Dieser verfluchte Sack fing einfach die Schallwellen auf, das war die Sache! Es gehörte wohl kein besonderer Scharfsinn dazu, das zu ergründen. Na, und in einem schalldichten Sacke zu disputieren, das hat keinen Zweck. Also gab ich mir keine Mühe weiter.
Ich wurde vorwärts gestoßen. Nicht gerade roh. Nur erst einmal aus der Zelle heraus, dann wurde ich geführt.
Immer weiter ging es. Wenn ein Hindernis kam, eine Schwelle oder dergleichen, wurde ich gehalten, dass ich nicht stolperte. Sogar das Bein hat man mir einmal gehoben.
Dann folgte eine längere Ruhepause, die Hände ließen mich los. Ich blieb stehen, wo ich stand. Eine verfluchte Geschichte das, so mit einem Sacke über dem Kopfe. Aber der Stoff musste doch sehr porös sein oder hatte ein Ventil, ich konnte ganz gut atmen, obgleich er fest um meinen Hals lag.
Es dauerte ein bisschen lange, ich begann mich zu langweilen. Dann aber wurde ich wieder eine gute Strecke geführt, hatte meist Gras unter meinen Füßen.
Wieder wurde Halt gemacht, die Halsumschnürung wurde gelöst, der Sack mir abgenommen.
Ich befand mich inmitten einer ganzen Masse Zelte aus weißem Stoffe. In das eine konnte ich durch den offenen Eingang blicken, und ich sah eine fürstlich orientalische Pracht der Einrichtung, schwellende Diwane und Kissen und Teppiche; gleich kostbar waren auch die anderen darin befindlichen Gegenstände.
Noch näher aber stand ich einem anderen Zelte, das sich von den anderen sehr unterschied, erstens durch seine isolierte Stellung zweitens durch seine bedeutende Größe und drittens dadurch, dass der weiße Stoff wohl von Seide und mit goldenen und silbernen Stickereien bedeckt war.
Darin wohnte sicher die Königin, und wie mochte dieses Zelt erst innen ausgestattet sein!
Nun, ich sollte es gleich in Augenschein nehmen können. Denn nach einem kurzen Warten wurde ich richtig hineingeführt.
Aber nichts war es! Ich eigne mich doch wohl nicht recht zum Propheten. Diesem Zelte ging es wie sehr vielen Menschen. Außen geputzt, und inwendig — öde und leer. Höchstens mit Stroh ausgestopft.
Solches war ja nun gerade nicht vorhanden, aber ärmlich genug sah es darin aus. Ein gar einfacher Holztisch, von dem ich bei Holzverlegenheit ohne viel Bedenken Feuer angemacht hätte, ein ebensolcher Stuhl, ein eisernes Feldbett, wahrscheinlich nicht einmal mit Matratze, nur mit einem Bärenfell belegt — — das war alles.
Und dann noch eine Person. Sie saß auf dem Stuhle, den Ellbogen auf den Tisch gestemmt und den Kopf in die Hand, und blickte trübselig vor sich hin. Oder sogar mit einem verzweifelten Gesicht. Und dieses kannte ich, so flüchtig ich es auch nur gesehen hatte.
Das war das junge, schöne Weib aus dem Bade — das war sie, die Königin von Thule — in dieser ärmlichen Umgebung — — sie selbst allerdings ganz prachtvoll gepanzert.
Ich wurde vorgeschoben und stehen gelassen. Ob jemand hinter mir war, wusste ich nicht. Aber ich bezweifelte es.
Sie blickte nicht auf, schien meinen Eintritt gar nicht bemerkt zu haben. Mit einem Gesicht, ebenso verzweifelt wie finster, stierte sie vor sich hin auf die Tischplatte.
Aha, die malte sich jetzt aus, wenn heute Abend Klingsor zu ihr — —
Ich kann niemand leiden sehen, gleich gar nicht ein so schönes Weib. Da muss ich wenigstens den Versuch machen, zu helfen. Dabei aber würde ich mich doch auch niemals aufdrängen, etwa groß fragen nach dem Wie und dem Warum.
Hier wusste ich Bescheid, kannte den Grund zu diesem Trübsinn —
Na, und wenngleich ich selber so gut wie noch gar keine Erfahrungen in der Liebe hatte, das sah doch ein Blinder, dass da etwas nicht stimmte, und schnell genug reimte ich mir auch das andere zusammen.
Dieser furchtbare Hass, dieses Streben, Loke Klingsor zu besiegen, ihn gefangen zu nehmen — Prinzess Turandot hatte mir da doch schon genug erzählt, und auf den Kopf bin ich nicht gefallen.
Die edle Königin Chlorinde war verliebt in Loke Klingsor. Dieser hatte sie verschmäht, und nun schnaubte sie Rache, ruhte sicher nicht eher, als bis sie ihn gedemütigt hatte — oder wenn sie unterlag, dann —
Nun, dann konnte es für ein solches herrliches, wirklich königliches Weib nur den Tod geben! Den Tod von eigener Hand.
Oder sie brachte es vielleicht fertig, wie die schöne Karthagerkönigin Dido, als sie von Aeneas verschmäht worden war, einen hohen Scheiterhaufen errichten zu lassen, ihn zu besteigen und sich verbrennen zu lassen, nachdem sie sich den Dolch ins heiße Herz gestoßen hatte.
So sah sie aus.
Verzeihung kannte sie nicht, am wenigsten sich selbst gegenüber. Da war sie erst recht eine unerbittliche Richterin.
Begreifen konnte ich allerdings eins nicht ganz.
War denn Loke Klingsor blind oder ein Stockfisch, dass er nicht sah, wie schön dieses Weib war? Dass er nicht die glühende Liebe annahm und erwiderte?
Ich hatte doch keine Ahnung von jenen Vorgängen im Felsengebirge, wo die beiden und Graf Tankred sich zu einer Grizzlyjagd und zu einem Zweikampfe getroffen hatten, und was sonst noch geschehen war, wie es geschienen hatte, als sei Chlorinde bereit, den Grafen zu erhören.
Das alles habe ich erst später erfahren, gelegentlich der großen Abrechnung, die kommen sollte — ich will aber nicht vorgreifen.
Kurzum, ich stand regungs- und lautlos da und starrte auf die schöne Königin und überlegte mir, wie ich sie aus ihrem Trübsinn aufrütteln könnte; war sogar bereit, mir gegebenenfalls einen Kuppelpelz zu verdienen, denn mir schien es ein Verdienst, wenn ich diese beiden herrlichen, wie füreinander geschaffenen Menschen einander näherbrachte, sie schließlich gar vereinigte.
Aber Königin Chlorinde schaute nicht auf, legte vielmehr nun beide Arme auf den Tisch, barg das Haupt in ihnen und — weinte — lautlos allerdings — aber dass sie weinte, das sah ich doch an dem Zucken ihrer Schultern.
Und da wusste ich, dass ich jetzt um Gottes willen den Mund halten, ja kein Wörtchen reden durfte!
Ein solches kühnes, heldenhaftes Weib erträgt niemals, dass es schwach gesehen wird. Ich wusste, sie würde mich ohne Weiteres niederhauen, sobald sie mich jetzt gewahrte.
Ich aber hatte keine Waffe bei mir — —
»Karl, hier drückst Du Dich!«, dachte ich. »Hier machst Du, dass Du wieder hinauskommst!«
Und schon griff ich rückwärts nach dem Vorhang, der den Eingang verhüllte, zog ihn langsam beiseite und schob mich nach hinten.
Dabei musste ich jeden Augenblick gewärtig sein, dass ich sofort von draußen stehenden Wächtern gepackt wurde, dass sie mich doch wieder in das Zelt schoben —
Aber es waren keine Wächter draußen — überhaupt niemand war da —
Ich atmete auf. Die Sache war mir doch zu peinlich gewesen.
Aber was sollte nun werden?
Na, vorläufig setzte ich mich erst mal ein bisschen, wollte es wenigstens tun, da aber hörte ich schwere, klirrende Schritte nahen.
Und ich dachte nicht mehr daran, mich zu setzen.
Alle Wetter noch einmal! War das eine Pflaume!
Man darf mir wirklich nicht übel nehmen, dass ich diesen »vulgären« Ausdruck brauche. Wenn der Mensch erregt ist, vergisst er doch meist seine gute Erziehung, und ich war erregt, und bei uns zu Hause nennt man solche Schlagtote eben nicht anders, sagt auch von einem strammen, hochgewachsenen Mädchen, mag es dabei noch so hübsch sein: »Alle Wetter, das ist aber eine Pflaume!«
Na, wenn das hier eine war, dann war freilich die Natur etwas umgekehrt.
Bei dieser Pflaume war der harte Kern auswendig, denn sie war über und über gepanzert, und zwar in blaugetöntem Stahl, was ich doch gleich erkannte, und so passte der Ausdruck, den ich in Gedanken für ihn gebraucht hatte, er sah wirklich blau aus.
Aber sonst!
Jawohl, das war wirklich einer jener Recken, wie sie uns in den Sagen der Ritterzeit geschildert werden, wie wir sie uns gar nicht mehr vorstellen können. Ich brauche ihn nicht weiter zu schildern, denn es war Graf Tankred, von dem ja schon genug erzählt worden ist. Nur ich kannte ihn natürlich noch nicht, hatte keine Ahnung, wer er war, in welchem Verhältnis er zur Königin Chlorinde stand. Aber mit bewundernd aufgerissenen Augen starrte ich ihn an.
So was! Nein, so was! Der konnte sich ausstellen lassen und nahm schweres Geld ein!
Und dabei die gutmütigen Augen in dem männlich schönen Gesicht! Jetzt auch noch etwas traurig dreinschauend!
Ich merkte noch mehr.
Der Mann war ein Riese, na, und Riesen sind schon in der Sage meist dumm. Ich glaube, es gibt kein einziges Märchen, in dem ein gescheiter Riese vorkommt.
Und im täglichen Leben?
Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!
»Lange Menschen sind gutmütig und leiden nicht unter den Verheerungen allzu scharfen Verstandes«, sagte der Dichter des »Ekkehard«, Viktor von Scheffel, und da hat er ebenso recht wie das Volk, das die Märchen von den dummen Riesen erfunden hat.
Auf der anderen Seite wiederum sagt es in einer Redensart: »Klein, aber — oho!«
Es kommt eben immer wieder auf die alte Geschichte hinaus.
Was die Natur auf einer Seite zu viel gibt, das versagt sie auf der anderen, und wie schöne Mädchen meist geistlos sind, so ist es auch bei den Riesen der Fall.
Ausnahmen gibt es natürlich auch hier, denn niemand wird den über sonstige Menschengröße hinausreichenden Bismarck dumm nennen wollen, ebenso wenig wie Tizian, einen Leonardo da Vinci, einen Händel, einen Bach, einen Goethe, einen Schiller — dieser maß doch fast zwei Meter, war jedenfalls der größte Mann in Weimar, wenn man lang für groß setzt.
Aber die wirklich großen Menschen waren in der Mehrzahl klein. Da braucht man doch zum Beispiel nur zwei Namen nennen, bei deren Klang die ganze Menschheit aufhorchte, zwei Eroberer, die wie ein Orkan über die Menschenerde fegten: Attila! Napoleon!
Und der letztere gab ja einst eine Antwort, die sich gerade auf die Körperlänge bezieht. Er stand in einer Bibliothek, wollte sich aus einem hochgelegenen Fache ein Buch holen, reckte sich aber vergebens.
Das sah der lange General Moreau, der damals noch nicht sein Gegner war, er trat hinzu und sagte höflich:
»Gestatten Sire, ich bin größer als Sie — —«
Und Napoleon guckte ihn an, ehe er sagte:
»Sie meinen wohl länger?«
Und noch eins muss bemerkt werden, was hier bei diesem blau angelaufenen Riesen ebenfalls zutraf.
Kleine Menschen haben meist auch Mutterwitz, besitzen die seltene und doch so beglückende Gabe des echten Humors, können die Menschen durch ihr bloßes Auftreten zum befreienden, wohltuenden Lachen bringen.
Lange Menschen dagegen sind ernsthaft, grübeln gern, neigen zur Schwarzseherei, und ich bemerkte doch gleich, dass dieser Riese hier recht bekümmert aussah — oder wir hatten zu Hause einen noch bezeichnenderen Ausdruck dafür — betöppert sah er aus — ratlos —
So war er herangekommen und stand nun vor dem Zelteingange und traute sich nicht hinein — wie ein Pantoffel, der mal kneipen gewesen ist und nun die Gardinenpredigt seines Hausdrachens fürchtet.
Trotzdem! Der Kerl gefiel mir! Denn ich will es nur gestehen, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich selbst dadurch herabsetze:
Dieser blaue Ritter erinnerte mich an mich selbst! Er war eine Art Gegenstück von dem langen Karl Willmer, und daran ändert der Umstand gar nichts, dass auch ich manchmal einen gescheiten Einfall hatte — man kennt ja das Sprichwort von der blinden Henne, die manchmal auch ein Körnchen findet.
Sagen durfte ich natürlich kein Wörtchen, mich überhaupt nicht bemerklich machen.
Mochte der Himmel wissen, für wen und für was der Riese mich hielt! Jedenfalls verschmähte er, mich eines Blickes zu würdigen und noch weniger eines Wortes oder gar eines Grußes.
Ich war für ihn einfach Luft — trotz meines schönen Äußeren, ich sah eben in meinem Schuppenpanzer in den Augen dieses Riesen vielleicht nur wie ein Wächter aus, der hier aufgestellt worden war.
Na ja, dagegen war nichts zu machen, aber ich hätte doch beinahe lachen müssen, als ich sah, wie der lange Schlagtot wieder und wieder bald die eine, bald die andere Hand hob, um den Zeltvorhang zur Seite zu schieben, wie er sie aber immer wieder sinken ließ und immer verlegener dabei wurde.
Himmel, war das ein Feigling! Wenigstens dieser Frau gegenüber!
Endlich fasste er sich ein Herz.
Endlich fasste Graf Tankred sich ein Herz
und schob den Zeltvorhang zur Seite.
»Edle Königin!«, hob er an. »Königin Chlorinde!«
Ich hörte drinnen ein Geräusch und wusste, dass jetzt die schöne Frau aufgesprungen war, konnte mir vorstellen, wie sie wild um sich schaute, wie sie hastig die Tränenspuren tilgte.
Aber sie antwortete noch nicht.
Erst musste der Riese noch einmal bettelnd sagen:
»Edle Königin!«
Da wurde der Vorhang jäh zurückgerissen.
Königin Chlorinde stand in dem Eingange ihres Zeltes, und da allerdings musste ich staunen, wie sehr sie sich in der Gewalt hatte.
Keine Miene ihres schönen Gesichts verriet, was sie eben mit sich durchgekämpft hatte, und von den vergossenen Tränen war gleich gar nichts mehr zu sehen. Ihre Augen funkelten allerdings, aber vor Zorn.
»Wie darfst Du wagen, mich zu stören, Graf Tankred?«, herrschte sie ihn an.
Aha! Nun wusste ich es, wusste, dass der Name, den dieser Riese sich gewählt hatte, auf jenen Helden aus dem befreiten Jerusalem anspielte, dachte aber auch gleich, dass ich mir diesen Grafen Tankred, der die schöne Armida besiegte, anders vorgestellt hätte.
Es kam nicht darauf an.
Jedenfalls hätte dieser Tankred hier kein Glück bei jener Zauberin gehabt. Der hätte sie niemals untergekriegt!
Auch die Königin sah mich nicht oder wollte mich nicht sehen, auch für sie war ich Luft, und jemand, der ihr meine Anwesenheit hatte erklären, ihr von meiner wunderbaren Luftreise und dem nachfolgenden Abenteuer hätte erzählen können, war nicht da.
Mir konnte es recht sein. Gekränkt fühlte ich mich deswegen noch lange nicht, aber ich hätte mich doch gern gedrückt, denn mir widerstrebte es herzlich, Zeuge der Auseinandersetzung zu werden, die nun zwischen diesen beiden folgen musste und sicherlich nicht besonders friedlich verlaufen würde.
Doch ich konnte nicht fort, musste bleiben, wo ich war, denn nun durfte ich die Aufmerksamkeit der beiden erst recht nicht auf mich lenken, es wäre mir voraussichtlich schlecht bekommen.
Daher zog ich vor, Luft für sie zu bleiben, und sie achteten tatsächlich nicht im Geringsten auf mich. Aber etwas wundern sollte ich mich nun doch.
Dieser Graf Tankred, der eben noch so zaghaft dagestanden hatte, richtete sich jetzt zu seiner ganzen Größe auf; sein Gesicht verlor den Ausdruck der Unentschlossenheit.
»Erlaube, Chlorinde, dass ich Dich daran erinnere, wer vor Dir steht!«, sagte er mit ziemlich fester Stimme.
Ein spöttisches Lachen war die Antwort, die er erhielt und die ihm das Blut in das Gesicht trieb, das aus dem prächtigen Helm hervorschaute.
»Du lachst, Chlorinde?«, erwiderte er, und, wohl unwillkürlich, fasste er mit der rechten Hand den Griff des mächtigen Schwertes an seiner linken Seite. »Ich hoffe, dieses Lachen galt nicht mir!«
Die letzten Worte sprach er fast drohend.
Die Königin aber schaute ihn an, besann sich und erwiderte:
»Ich bin Dir keine Rechenschaft schuldig, worüber ich lache.«
»Nur dann, wenn ich die Ursache wäre! Aber da dies ausgeschlossen ist, so lass uns nicht bei solchen Nebensachen verweilen, Königin.«
»Und die Hauptsache, die Dich herführte, ohne gerufen zu sein?«, fragte sie schroff.
»Loke kommt heute Abend zu Dir«, sagte Tankred.
Hei, wie da die Augen des schönen Weibes aufflammten!
Ich musste an Brunhild denken, als König Gunther wagte, sie zum Wettkampf herauszufordern!
»Und was kümmert das Dich?«, rief sie wieder so höhnisch wie zuerst.
»Ich bin Dein Verlobter, Chlorinde!«
Aha! Aha! Das hatte ich allerdings nicht vermutet, gar nicht vermuten können! Der Gestalt nach allerdings passten die beiden zusammen, sie hätten ein schönes Paar abgegeben, und die Kinder, die einer solchen Ehe entsprossten, mussten herrliche Menschen werden — aber, aber —!
»Hältst Du mich noch immer bei dem Worte, das ich Dir in jener Stunde gab, wo ich nicht bei klaren Sinnen war?«, fuhr die Königin auf. »Nennst Du das ritterlich, Graf Tankred, ein Weib zu zwingen?«
Ein Schatten huschte über das schöne Gesicht des Recken. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er etwas zu erwidern vermochte. Sein Geist war eben wirklich nicht so beweglich wie der des Grafen Bertran de Born, Loke Klingsors.
»Ich habe Dich nicht gezwungen, ich habe Deinen damaligen Seelenzustand nicht ausgenutzt, habe Dir nicht von meiner unerschütterlichen Liebe zu Dir gesprochen, Königin. Freiwillig hast Du mir Dein Wort gegeben —!«
»Freiwillig! Hahahaha! Nach dem, was ich durchgemacht hatte! Freiwillig! Wahnsinnig war ich — ja, wahnsinnig!«
Das war nun freilich eine starke Dosis! Ich hätte mir das nicht sagen lassen, auch von der nicht, mochte sie so schön und zehnmal eine Königin sein.
Doch Graf Tankred dachte anders als ich, benahm sich vornehmer, als ich es vielleicht getan hätte.
»Ich gebe Dir hiermit Dein Wort zurück, aber, Königin, ich tue es freiwillig, ich bin nicht wahnsinnig, werde das später niemals vorgeben, und nun wollen wir über das andere sprechen —«
Da fuhr sie auf. Es sah aus, als wollte sie ihm an die Kehle springen. Sie streckte schon beide Hände vor —
Aber wieder beherrschte sie sich, wich zurück, wurde totenblass und stöhnte so schmerzlich, dass es mich in tiefster Seele erbarmte. Und nun sollte ich einmal erfahren, wie wetterwendisch die Weiber sein können!
»Niemals!«, schrie sie auf. »Niemals nehme ich mein einmal gegebenes Wort zurück! Auch von Dir nicht!«
»Verzeihung Königin, wenn auch ich es nicht zu tun vermag. Ich habe es ausgesprochen. Du bist frei! Und was ich einmal sagte, das halte ich auch. Diese Episode ist für mich abgetan — einmal für allemal!«
Alle Wetter! Jetzt gefiel mir dieser Graf Tankred!
Ein Mann war er doch!
Freilich, wie gesagt — ich selber hätte ihr noch etwas anderes erzählt!
Die Königin starrte ihn an, sie war wirklich fassungslos, rang nach Atem.
»Du verschmähst mich?«, stieß sie hervor.
»Davor behüte mich der Himmel, edle Königin!«, erwiderte der Graf, nun wieder die förmliche Anrede brauchend. »Ich bitte Dich einfach, zu vergessen, was gewesen ist. Du sagtest, Du warst damals wahnsinnig, Du hast es sogar wiederholt, und ich glaube Dir. Deshalb ist selbstverständlich, dass Du nicht für das verantwortlich sein kannst, was Du damals tatest. Die Sache ist für mich abgetan, und da ich immer mehr erkenne, dass Du mich durchaus nicht haben willst, nun — aufdrängen werde ich mich Dir nicht. Keiner der Skalden weiß etwas von unserem Verhältnis, wenn überhaupt eins bestanden hat. Kein Schein einer Schmach kann auf Dich fallen —«
Jäh hob sie die eine Hand.
»Niemand weiß etwas?«, fragte sie. »Und er?«
»Loke? Allerdings, er war dabei, aber glaubst Du, dass er —«
»Und wenn er heute Abend kommt?«
»Ich bin ja eben hier, mit Dir deswegen zu sprechen.«
»Was wolltest Du?«
»Dir sagen, dass ich natürlich zugegen sein und Dich —«
»Du willst sagen: mich schützen würdest?«
»Das wollte ich sagen«, gab Graf Tankred zu.
»Du mich? Als wenn ich selber das nicht vermöchte!«
»Verzeih, Königin, die Sache hat sich ja nunmehr erledigt, ich habe gar kein Recht mehr, bei dem Empfange zugegen zu sein, und ich bezweifle nicht, dass Du Dich selber schützen kannst, freilich ebenso wenig, dass Du dazu gezwungen sein wirst!«
Wieder flammten die Augen Chlorindes auf.
»Weshalb sonst käme er? Weshalb hätte er mich auf solche schnöde Weise betrogen?«, fuhr sie auf.
»Betrogen hast Du Dich selbst, o Königin! Du hättest vorsichtiger sein müssen, als Du es warst! Und außerdem — wir sind im Kriege mit Loke.«
»Und Du glaubst, dass ich ihm wirklich gestatten werde, in mein Zelt zu treten? I h m ? Niemals! Niemals!«
Da aber schüttelte Graf Tankred sein Haupt.
»Königin!«, mahnte er.
»Du willst mich an die Gesetze erinnern, die ich selber anerkannt habe?
Du denkst, ich würde sie verletzen?
Ah, Du hast ein schönes Vertrauen zu mir, Tankred!«
Das war nun wieder so eine echte Probe weiblicher Logik. Diese schöne Frau hatte doch eben ihr Wort gebrochen, wollte wenigstens nichts mehr von dem Versprechen wissen, dass sie dem Grafen gegeben hatte. Und jetzt war sie empört, weil er ihr einen neuen Wortbruch zutraute!
Ja, das sind eben Weiber, die immer alles so auslegen, wie es ihnen gerade in den Kram passt!
Was musste Loke dieser Königin Chlorinde angetan haben, dass sie ihn so hasste!
Denn ehe Tankred noch etwas äußern konnte, fuhr sie fort:
»Nein, ich werde die Gesetze unseres Ordens nicht verletzen, aber es gibt noch eine Möglichkeit, mich vor dieser Schmach zu bewahren.«
Und sie riss den Dolch aus der Scheide, der ihr am Gürtel hing.
»Eher töte ich mich!«, rief sie dabei, was sie doch gar nicht nötig gehabt hätte.
Wohl aber hätte Graf Tankred ihr nun in den Arm fallen, ihr die Waffe entreißen müssen. Er schien nicht daran zu denken.
»Und wenn Du Dich umbrächtest, Dir den Dolch wirklich ins Herz stießest, dann würdest Du doch als Wortbrüchige sterben, Königin!«, sagte er mit tiefem Ernst.
Und er hatte recht! Wenn die Gesetze so lauteten, dass die Besiegte den Sieger empfangen musste, dann gab es eben gar nichts anderes, dann durfte sie sich h i n t e r h e r umbringen, weil sie die widerfahrene Schmach nicht überleben wollte, aber e r s t musste sie sich dem Gesetz beugen, musste sich demütigen.
Die Königin wusste sofort, was Tankred meinte. Sie wurde erst recht blass, schwankte sogar und tastete rückwärts nach einem Halt.
Doch als er zuspringen, sie stützen wollte, da hatte sie sich schon wieder in der Gewalt. Nur ihr Gesicht blieb so kalkweiß. Und dabei nagte sie mit den Zähnen an der Unterlippe.
Unter gesenkten Wimpern hervor schaute sie auf den Grafen, der sie seinerseits traurig, aber nicht etwa mitleidig anblickte.
»Und wenn ich Dich bäte, mich zu töten, Tankred?«, fragte sie plötzlich ganz leise. »Von Deiner Hand darf ich sterben, das ist kein Wortbruch, keine Verletzung unserer Gesetze —«
»Und Du glaubst, mir das zumuten zu dürfen?«, erwiderte Tankred.
Weiter sagte er nichts, wartete auch nicht, dass sie etwas entgegnen, sich wiederum verteidigen sollte.
Auf der Stelle, wo er stand, drehte der Recke sich um und schritt davon.
Hochaufgerichtet, ohne noch einen Blick zurück zu tun!
Und ich bat diesem Manne jetzt in Gedanken alles ab, was ich vorher über ihn gedacht hatte! Das war kein Simandl, kein Pantoffelheld, das war ein ganzer, echter Mann! Und vor allem zeigte sich das darin, dass er gleich ging, nicht erst noch den Zusammenbruch der Königin abwartete!
Ich aber?
Ja, was sollte ich denn anderes tun, als mich ebenfalls umwenden?
Das tat ich auch, dachte, ich hätte es ganz unbemerkt fertiggebracht, aber da hatte ich mich eben einmal getäuscht. Ein Schrei erklang hinter mir.
Dann kam ein klirrender Sprung eine Hand packte mich an einer Schulter. Ich wurde festgehalten, gleich wieder umgedreht und schaute in das blasse, schöne Gesicht, in drohend auf mich gerichtete Augen.
»Wer bist Du?«, herrschte sie mich an; aber ehe ich antworten konnte, fuhr sie schon, ebenso drohend, fort:
»Hast Du die ganze Zeit hier gestanden? Hast Du alles mit angehört?«
»Jawohl«, erwiderte ich dreist und gottesfürchtig, lügen kann ich eben nicht, und Furcht —? Na, da gab es erst recht nichts beim Willmerkarl!
Sie hatte den Dolch noch in der Hand.
Jetzt setzte sie mir die Spitze der Waffe auf die Brust.
»Dafür musst Du sterben!«
»Bitte sehr!«, versetzte ich und brauchte mir nicht Mühe zu geben, recht gelassen zu erscheinen, denn das war ich. Ich wusste doch, dass diese Frau sich nicht mit meinem Blute besudeln würde.
»Du glaubst nicht, dass ich Dich töten werde?«, herrschte sie mich an.
Lächelnd schüttelte ich das Haupt.
Und der Dolch ward von meiner Brust zurückgezogen.
Prüfend schaute sie mich an, durchdringend sogar, aber das schreckte mich erst recht nicht. Was konnte ich denn dafür, dass die beiden mich als Luft betrachtet hatten? Mit meinem Willen war ich nicht hier! Und dass ich in ihre Badekabine hineingeschossen worden war, dafür konnte ich erst recht nicht. Da hätte sie eben ein Dach darüber anbringen lassen müssen.
Im Übrigen war mein Gewissen rein! Ich hatte diese keusche, königliche Frau nicht durch einen bewussten Blick besudelt!
»Du bist ein Skalde?«, fragte sie.
»Nein, das bin ich nicht.«
Verständnislos starrte sie mich an. Ich kann es nicht anders nennen. Sie schien wirklich ihre Selbstbeherrschung ganz verloren zu haben.
»Du trägst die Rüstung —«
»Sie ist entliehen«, sagte ich.
»Von wem?«
»Ich nahm sie aus einer Vorratskammer, und zwar auf den Rat der Prinzessin Turandot.«
»Der Prinzessin Turandot? Das heißt, Du warst drüben? Du hast Dich als Spion hier eingeschlichen?«
Und ich hörte sofort, wie sie nun frohlockte, verstand das auch ganz gut, denn wäre ich tatsächlich ein Spion gewesen, dann hätte sie das Recht gehabt, mich töten zu lassen. Vielleicht stand darauf sogar der Tod durch den Strick des Henkers. Ich wusste allerdings mit den diesbezüglichen Gesetzen nicht Bescheid, hatte gar keinen Anlass gehabt, mich gerade danach zu erkundigen.
»Auch das bin ich nicht«, erwiderte ich.
»Du bist in unserem Lager, hast bekannt, dass Du von drüben kommst! Wozu leugnest Du? Fürchtest Du den Tod?«
Also doch! Spione wurden gehenkt, aber dazu wollte ich meinen Hals nicht hergeben, schon deshalb nicht, weil ich doch die bewusste Prophezeiung Loke Klingsors nicht zu Schanden werden lassen durfte.
»Ich bin vollständig wider meinem Willen hier«, sagte ich daher.
»Wie meinst Du das?«
Nun, da erzählte ich ihr eben die Geschichte, verschwieg sogar das Abenteuer in der Badestube nicht.
Nun erst recht nicht!
Ach du liebe Zeit!, fuhr sie zusammen, als sie das hörte! Und dann die andere Geschichte, dass ich in ihrem Zelt gewesen war!
Dass ich sie so hatte am Tische sitzen sehen!
Das heißt, das sagte ich ihr freilich nicht, aber denken konnte sie sich's.
Sie stand eine ganze Weile stumm, suchte nach Worten, rang nach Selbstbeherrschung. Dann aber erwies sie sich doch wieder als echte Frau.
Sie ging schlank über das hinweg, was ihr nicht in den Kram passte, kam mit keinem Worte darauf, dass ich sie zweimal auf sehr unliebsame Weise belauscht hatte, wenn ich so sagen darf, weil es doch gar nichts zu »lauschen« gegeben hatte, bloß etwas zu sehen.
»Und Du lügst dennoch!«, stieß sie hervor. »Die Helepolis ist unbrauchbar. Du kannst nicht mit ihr durch die Luft gefeuert worden sein!«
Sie sagte tatsächlich »gefeuert«, obwohl gar kein Pulver dabei losgebrannt worden war. Vielleicht war das der übliche Ausdruck bei den Skalden.
Ich verbesserte sie nicht, sondern erwiderte ganz heiter:
»Die Helepolis schießt wieder, und der Beweis dafür bin eben ich! Ich bin das erste Wurfgeschoss, das mit dieser Riesenballiste hierher geschickt wurde. Ich habe durch einen Zufall den Fehler entdeckt —«
Na, und weiter brauchte ich eigentlich nichts zu sagen, denn wenn sie mir nicht glaubte, dann konnte sie ja warten. Der Beweis für die Wahrheit meiner Worte würde ihr bald werden. Ich wenigstens zweifelte nicht, dass man nun alsbald »drüben«, wie sie immer gesagt hatte, Anstalten treffen würde, die Belagerer zum Teufel zu jagen.
Oder aber, Loke Klingsor ließ die Helepolis vor die Festung Thule schaffen und eroberte sie. Dann war eben die Geschichte auch zu Ende.
Doch es kam anders, als ich dachte.
Die Königin rief nicht etwa die Leute herbei, die mich gefangen genommen und hierher gebracht hatten, sie wollte sich offenbar nicht bloßstellen.
Noch einen Blick warf sie auf mich, dann wollte sie in ihr Zelt zurückkehren, winkte mir auch schon, ihr zu folgen.
Dort drin sollte das Verhör fortgesetzt werden.
Na, mich konnte sie ja nicht ausfragen, da kam sie an den Falschen.
Aber noch ehe sie den Vorhang ganz zurückgeschlagen hatte, geschah es.
Beschreiben kann ich es ja nicht, wie so manches, was ich schon hätte beschreiben müssen. Da fehlen uns Menschen eben die Worte, und ich habe immer gefunden, dass es nicht stimmt, wenn der Dichter behauptet: »Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein!« Das trifft doch nur bei Menschen zu, die ihre Unwissenheit hinter Worten verbergen wollen, die reden, weil sie nicht weiter können.
Zu denen gehöre ich nicht, deshalb bekenne ich offen, dass ich nichts beschreiben kann. Es ging auch alles viel zu schnell — zu »fix«, wie wir daheim sagen.
Also, während wir beide noch so dastanden, kam etwas durch die Luft, sausend und pfeifend, aber nicht bloß so, wie eine Riesengranate, noch viel unheimlicher, ganz dem kolossalen Gewicht entsprechend, das dieses Geschoss hatte.
Und dann schlug es ein!
Wo es einschlug, was für Verwüstungen es anrichtete, das war ganz Nebensache. Die Hauptsache war das Gebrüll, das alsbald anhob! Und dann das Gesicht der Königin! Wie versteinert! Faktisch, wie versteinert!
Ich konnte mir in diesem Augenblick lebhaft vorstellen, wie Lots Weib ausgesehen haben muss, als es nach der brennenden Stadt zurückblickte und zur Salzsäule wurde!
Chlorinde hatte das Geschoss kommen sehen und kommen hören, und da gab es doch gar keinen Zweifel, sie wusste sofort, dass ich die Wahrheit gesprochen hatte, dass das ein Gruß der Helepolis war —
Und sie erkannte, dass sie wieder einmal verspielt hatte!
Loke Klingsor war Sieger geblieben!
Und ich — ich! — hatte ihm dazu verholfen!
Hätte ich doch lieber das M... gehalten, anstatt alles haarklein zu erzählen! Wenn ich jetzt büßen musste, dann war ich selber schuld!
Doch die Königin achtete nicht auf mich, ich war für sie überhaupt nicht mehr vorhanden.
Sie hob beide Arme, als könnte sie so das Riesengeschoss aufhalten, und dann ließ sie sie schlaff sinken, stand auch selber so schlaff da, nicht mehr das tapfere, königliche Weib, sondern mehr eine Sklavin — ich weiß eben nicht, wie ich es schildern soll.
Und ehe sie sich noch aufraffen konnte, erscholl von Neuem ein Gebrüll, ein Schreien, und da kamen sie heran —
Zwischen den Zelten tauchten sie auf, wohl alle die Führer der Belagerer —
Allen voran Graf Tankred und neben ihm —
Aufrecht, in einem wunderbaren, goldenen Schuppenpanzer, aber waffenlos, schritt neben dem Grafen Loke Klingsor, das Haupt unbedeckt —
Ich staunte ja nicht schlecht, obwohl ich sofort wusste, woran ich war, denn der hatte mir doch mein unfreiwilliges Kunststück nachgemacht, hatte sich in das feindliche Lager schießen lassen.
Um seinen Triumph auszukosten! Um der Königin Chlorinde seinen Besuch abzustatten, den sie dulden musste, weil sie eben verloren hatte!
Eine solche Luftreise war doch für den eine Kleinigkeit. Und die Königin Chlorinde sah ihn, sah den Grafen Tankred —
Im nächsten Augenblick stand sie aufrecht da, stolz wie immer, bezwang sich sogar so weit, dass sie ihm entgegenging, natürlich nicht freundlich lächelnd, und ich — ich guckte auf Loke Klingsor, der hier also wohl als Fürst der Felsen kam oder als Bertran de Born —
Ich sah, wie er nur mich anschaute, an der Königin vorübersah. Na, wenn das gut wurde! Ich stand den beiden so nahe, dass ich jedes Wort hören müsste, das sie miteinander sprechen würden.
Und ich hörte tatsächlich alles!
Aber nicht Loke Klingsor begann, sondern Graf Tankred.
»Königin«, hob er an, »Graf Bertran ist als Parlamentär gekommen!«
Chlorinde drehte mir den Rücken zu, ich konnte ihr Gesicht nicht sehen und nicht beobachten, welchen Ausdruck es jetzt hatte, aber denken konnte ich es mir, nach dem wenigstens, was ich selber bereits erlebt hatte.
Sie blieb stehen, anscheinend fassungslos trotz aller Selbstbeherrschung.
»Ich grüße Dich, edle Königin!«, sagte da Klingsor.
»Ich grüße Dich, Graf Bertran!«, erwiderte sie, ihre Stimme schien mir fest genug zu sein.
»Graf Tankred hat Dir bereits gesagt, dass ich als Parlamentär komme«, fuhr Loke Klingsor fort. »Aus zwei Gründen.«
»Und die sind?«
»Wollt ihr denn hier im Freien unterhandeln?«, wendete da Graf Tankred ein. »Ist es nicht ratsam, in Dein Zelt zu gehen, Königin?«
Doch diese hob nur die Hand.
Da wichen alle die Skalden zurück, welche den beiden gefolgt waren.
Neugier schien hier nicht verboten zu sein, aber auf Gehorsam hielt man.
Die drei standen allein, wenn man von mir absehen will — —
»Nun darfst Du sprechen, Graf Bertran!«, sagte die Königin.
»Das will ich. Höre, was mich zu Dir führt. Zunächst habe ich Dir einen Handel vorzuschlagen, einen Tausch, auf den Du sicher gern eingehen wirst. Ich bitte Dich, mir diesen dort, Karl Willmer, meinen Freund, auszuliefern, der durch einen bösen Zufall wider seinen Willen in Dein Lager kam. Dafür verzichte ich auf den Besuch — auf das Recht, Dich heute Abend zu besuchen!«
Graf Tankred strahlte über sein ganzes gutes Gesicht. Er freute sich offenbar herzlich, weil seine geliebte Königin so wohlfeil aus der schlimmen Zwickmühle herauskam.
Chlorinde aber ging noch nicht auf diesen Vorschlag ein.
»Und zu zweit?«, fragte sie.
»Schlage ich Dir vor, die Belagerung aufzuheben, ehe ich Dich dazu zwinge!«
Immer höher wuchs die Gestalt der Königin empor. Sie hatte sich wiedergefunden. Der Hass gab ihr wahrscheinlich die Kraft dazu.
»Beides lehne ich ab!«, erwiderte sie ganz ruhig.
»Und Deine Gründe?«, fragte er ebenso.
»Die behalte ich für mich!«
»Wie Du willst!«
Loke Klingsor verschmähte also jede Drohung; er wendete sich ebenso ruhig, wie es vorhin Graf Tankred getan hatte, zum Gehen.
Und die Königin hinderte ihn nicht!
Dieses trotzige Weib ließ sich doch eher zerbrechen, als dass es nachgab.
Ich hätte was drum gegeben, hätte ich jetzt dieses Gesicht sehen können!
Aber die drei hatten die Rechnung ohne mich gemacht. Ich war überhaupt nicht um meine Meinung gefragt worden, und ich war auch noch wer!
»Halt!«, rief ich.
Die beiden blieben sofort stehen, wendeten sich mir zu, nicht so Chlorinde, die das gar nicht für der Mühe wert halten mochte.
»Was wünschen Sie, Herr Willmer?«, fragte Loke Klingsor, der er für mich eben war.
»Ich möchte mir nur eine Frage erlauben«, sagte ich.
»Bitte sehr!«
»Unterstehe ich als Fremder, als Nichtskalde, den Gesetzen des Ordens?«, fragte ich.
Und ich sah Loke Klingsor an, dass er sofort verstand, was ich wollte.
»Durchaus nicht«, antwortete er.
»Dann kann ich doch auch nicht als Gefangener hier zurückgehalten werden, umso weniger, als ich mich niemals an Kampfhandlungen beteiligt habe —«
»Sie haben die Helepolis wieder gebrauchsfähig gemacht!«, fuhr da die Königin auf, drehte sich gleich herum und funkelte mich mit ihren Augen an.
»Jawohl, das habe ich! Aber keinesfalls mit Absicht! Es war ein Zufall, wie er sich hier und da einmal ereignet.«
»Das bleibt sich gleich!«, behauptete Chlorinde.
Aber da war Graf Tankred anderer Meinung.
»Du irrst, edle Königin«, sprach er. »Und selbst wenn er absichtlich den Fehler behoben hätte, so dürften wir ihn nicht zurückhalten, eben weil er dem Orden nicht angehört und damit auch keiner der kriegführenden Parteien.«
»Ich gebe ihn nicht frei!«
»Dann werden wir Dich zwingen müssen, und welche Folgen das für Dich haben muss, das weißt Du selbst, o Königin!«
Jawohl, dieser mächtige Kerl gefiel mir immer besser!
Seit er sich zu der Entsagung auf das heißgeliebte Weib entschlossen und durchgerungen hatte, war er eben wieder ein echter Mann geworden, und für den gibt es, wenn es sich um Recht oder Unrecht handelt, keinen Unterschied der Person.
Wollte die Königin sich nicht noch mehr blamieren, so musste sie nachgeben, aber es fiel ihr schwer. Sie hatte sich als Siegerin geglaubt, hatte Loke Klingsor gezeigt, dass sie sich nicht von dem drohenden Besuch freikaufen wollte, indem sie auf den vorgeschlagenen Handel einging, und nun hatte sie überhaupt kein Recht, mich zurückzuhalten — —
Es musste sehr, sehr schmerzlich sein, das einzugestehen! Und diese neue Niederlage wurde nicht leichter zu tragen, als Loke Klingsor nun sagte:
»Fürchte nicht, Clorinde, dass ich Dich trotzdem mit meinem Besuche belästigen werde — —«
»Du mich belästigen?«
Er achtete nicht auf die Unterbrechung, sondern fuhr gelassen fort:
»Denn ehe der Abend sich senkt, wirst Du nicht mehr hier sein!«
»Das glaubst Du selber nicht!«
»Oder Du nicht, was Du eben sagtest! Durch meine Helepolis werde ich Dich mit allen den Deinen zum Abrücken zwingen, es sei denn, Ihr zöget den Tod vor, und das ist in diesem Falle nach unseren Gesetzen ebenfalls verboten! Du weißt es!«
Die Königin hatte sich ihm wieder zugewendet.
»Ich weiche nicht!«, murmelte sie erst, dann aber wiederholte sie die Worte fast schreiend.
»Das kannst Du halten wie Du willst! Die persönliche Entscheidung steht Dir frei! Nur Deine Leute darfst Du nicht halten, und sie werden sich nicht halten lassen! Damit wäre der Zweck meiner Anwesenheit hier erledigt! Oder hast Du mir noch etwas zu sagen?«
»Ich werde Dich dennoch besiegen, Dich unter meine Füße zwingen!«, knirschte das Weib.
»Versuch's!«, kam es sehr kühl zurück. Dann wendete er sich mir zu.
»Darf ich bitten, Herr Willmer?«
Ich trat sofort neben ihn und wir wollten gehen, da aber hielt Graf Tankred uns doch zurück.
»Und ich, edle Königin, sage Dir hiermit Gefolgschaft und Treue auf! Ich mag keinem wetterwendischen Weibe dienen. Ich gehe zu Loke Klingsor über!«
Ein schrilles Lachen war die einzige Antwort, die er erhielt. Das schien ihn nicht zu stören; er wendete sich gelassen um und ging mit uns durch die Zeltgasse, aber angesehen habe ich den tapferen Mann nicht. Ich konnte es nicht, ich wusste doch, dass sicher Tränen in seinen Augen standen. Er hatte eine furchtbare Entscheidung getroffen, und ich allein wusste doch, was vorangegangen war.
Da ich mir aber nichts vergab, wenn ich mich einmal umblickte, eben weil ich noch kein Skalde war, so tat ich es. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.
Und nie werde ich den Anblick vergessen, den ich da hatte! Königin Chlorinde lag auf den Knien.
Ich hatte Mitleid mit ihr, aber ich musste doch an einen Vers aus einem alten Kirchenliede denken, das ich vor langer Zeit als Handschrift aufgefunden hatte. Da lauteten die letzten Zeilen: »Gib m i r nicht schuld, klag' m i c h nicht an! Das hast D u selber Dir getan — —!«
So war es hier! Und es konnte wahrhaftig kein Kunststück gewesen sein, diesen langen Schlagtot am Bändel zu führen, um nicht zu sagen an der Nase! Aber das trifft man eben auch wieder häufig genug, dass gerade gutmütige, offene Männer sich in die raffiniertesten Weiber verlieben, sich von ihnen ausnutzen, ja sogar zum Verbrechen treiben lassen. Ganz ohne Grund sprach doch der französische Polizeipräsident, der berühmte Vidocq, nicht seine Worte: »Cherchez la femme!«, sucht die Frau! — nämlich die Frau, die hinter j e d e m Verbrechen steckt. Auch der Dieb, ob er nun einbricht oder aus Taschen seine Beute holt, arbeitet im Grunde nur für die Weiber, vielleicht für das Weib. Er will Geld, damit er es in Gesellschaft von Dirnen ausgeben kann!
Und wenn ein berühmter Verbrecher gefangen sitzt, mag er der scheußlichste Mörder sein, wer besucht ihn dann am häufigsten, wer spendet ihm Blumen und Näschereien? Wer füllt in der Versammlung den Saal?
Doch Frauen! Aus allen Ständen! Von der vornehmsten Aristokratin herunter bis zur Straßendirne!
Nein, bedauern konnte ich sie nicht, aber auch nicht den Grafen, dass er nun dieses herrliche Weib nicht freien durfte! Er konnte froh sein, dass er sie auf diese Weise losgeworden war! Die hätte ihm später doch nur die Hölle gewaltig heiß gemacht!
Wir drei schritten schweigend durch die Zeltgassen dahin, und ich sah jetzt mehr noch als vorher, wo ich als Gefangener geführt worden war, doch während des längsten Teiles des Weges den schalldämpfenden Sack über dem Kopfe, wie viele solche Zelte hier standen, manche riesengroß, wohl als Aufenthalt für die gemeinen Krieger bestimmt.
Aber auch Führerzelte gab es genug, jedes wieder, wie in der Ritterzeit, durch die Lanze mit dem flatternden Wappenfähnlein daran gekennzeichnet, und neben diesem Wahrzeichen immer ein Knappe in vollem Waffenschmuck, oft auch nur ein Edelknabe, wie ich diese herrlichen Jünglinge wohl nennen musste.
Die Skalden verstanden es trefflich, die Sitten der Ritterzeit wieder lebendig werden zu lassen, und ich habe doch schon erzählt, wie ich selber diese Zeit liebte, wie romantisch ich veranlagt war. Da darf man auch nicht an mir irre werden, wenn ich immer wieder einmal tue, als wäre eine Portion Schweinsknochen, eine lange Pfeife mir lieber. Nein, das Herz schlug mir gewaltig vor Sehnsucht, hier mittun zu dürfen! Ich hätte schon meinen Mann gestellt!
Niemand achtete auf uns, konnte es gar nicht, denn es war niemand zu sehen. Alle die feindlichen Skalden — wenn hier von einer Feindschaft die Rede sein konnte! — hielten sich in ihren Zelten, weil die Königin es so befohlen hatte — durch einen einzigen Wink ihrer Hand!
Vergebens aber spähte ich nach den Verwüstungen aus, die das Riesengeschoss angerichtet haben musste, das ich doch durch die Luft hatte kommen sehen und kommen hören.
Nirgends waren Zelte niedergerissen, nirgends lagen Tote und Verstümmelte umher, nirgends war Blut zu sehen, und die Erde hatte sich auch nicht aufgetan, um diese Riesengranate zu verschlucken.
Da ging mir eine Ahnung auf. Ich musste sie aussprechen.
»Gestatten Sie eine Frage, Herr Klingsor?«, sagte ich.
»Immer, Herr Willmer!«
»Sie haben sich in dieses Lager schießen lassen?«
Er nickte lächelnd.
»Nach berühmten Vorbildern!«
»In einem Behälter, der im letzten Augenblick gewichtlos wurde, also trotz seiner ursprünglichen Schwere keinen Schaden anrichten konnte?«
»So ist es, Herr Willmer «
Nur etwas musste ich noch aussprechen. Meinen Dank dafür, dass Loke Klingsor gekommen war, um mich auszulösen. Ich hatte jedoch kaum davon angefangen, als er schon abwehrte.
»Das war meine Pflicht, umso mehr, als Turandot die Schuld an Ihrer unfreiwilligen Luftreise trägt. Sie hätte Sie nicht allein in der Maschine herumklettern lassen sollen, gleich gar nicht, nachdem diese zum Schusse eingestellt war, und umso weniger, als Sie ja noch nicht einmal wieder vollkommen genesen sind.«
»Sie ist doch nicht etwa erschrocken?«, fragte ich.
»Na, das können Sie sich doch denken! Namentlich da sie keine Ahnung hatte, dass Sie einen solchen Automaten bei sich hatten, der Sie vor dem Schlimmsten bewahrte! Das war ein Zufall, für den Sie beide dem Himmel auf den Knien danken müssen, und nur aus diesem Grunde ist der Mann, der den Apparat aus Versehen an seinem Panzer hängen ließ, einer schweren Strafe entgangen —
Wie war Ihnen denn bei der Luftfahrt zumute?«
»Ach, das war ganz nett, und ehe ich noch recht zur Besinnung kam, war ich doch schon wieder auf festem Boden — —«
Ich wusste nicht, ob ich nochmals meine Abenteuer erzählen sollte, hielt es aber für das beste und berichtete alles — —
Beinahe hätte da der Tod mich doch noch ereilt! Durch die Hand des Grafen Tankred! Kaum hatte ich berichtet, dass ich die Königin Chlorinde sozusagen im Bade belauscht hätte, da fuhr er auf mich los, schon das mächtige Schwert in der Hand — —
»Das überlebst Du nicht!«, schrie er mich an, und seine Lungen waren mächtig genug, dass das wirklich donnerte, wie sonst Romanschriftsteller sich gern überschwänglich auszudrücken belieben.
Ehe er zuhauen und mich gleich halbieren konnte, so nach dem berühmten Muster des wackeren Schwaben, der »nit forcht«, fiel Loke dem Freunde in den Arm.
Und Tankred besann sich sofort. Ich brauchte ihm nicht zu versichern, dass ich nichts gesehen, mich gleich umgedreht hatte. Er brauchte mir doch nur in die Augen zu blicken. Ja, ich musste an Sakuntala denken, während noch Graf Tankred sein Schwert wieder in die Scheide schob, mir aber schon die Hand zur Versöhnung bot.
»Was ist denn eigentlich aus meiner Braut geworden?«, fragte ich also.
Nun hatte Turandot mir ja schon berichtet, dass Sakuntala während meiner Krankheit nicht von meinem Bett gewichen war, nur dann, wenn Turandot sie ablöste, wenn es eben gar nicht mehr ging. Aber gesehen hatte ich sie nicht wieder, auch nicht gefragt, was damals weiter geschehen war, als Loke Klingsor zu den »Tausendfüßlern« hinunterstieg.
»Wir werden baldigst Ihre Hochzeit feiern«, erwiderte Loke Klingsor lächelnd. »Sie müssen sich nur noch ganz erholen, und außerdem — ich weiß wirklich noch nicht, wohin ich Sie auf die Hochzeitsreise schicken soll und welchen Wohnsitz Sie beide bekommen sollen — wir sprechen noch davon. Ich denke, ich habe schon eine Idee, die Ihnen zusagen wird. Jetzt wollen wir erst einmal zu den Unsrigen zurückkehren!«
Ich hatte nichts einzuwenden, trotzdem ich gern gleich noch mehr über diese Idee gehört hätte.
Da aber hatte auch Graf Tankred noch etwas zu sagen.
»Loke«, hob er zögernd an, wie es eben seine Art war, »die Chlorinde wird sich doch kein Leid antun?«
Nun hätte Loke Klingsor diese Frage mit einer spöttischen Handbewegung abtun, vielleicht noch dazu sagen können: »Die denkt gar nicht dran! Die stirbt nicht, bevor sie mir den ihr angetanen Schimpf heimgezahlt hat!«
Er tat es nicht, denn dazu war er viel zu vornehm gesinnt, und das wäre doch wirklich eine Beschimpfung dieses königlichen Weibes gewesen.
»Ich werde Dich darüber vollkommen beruhigen«, sagte er nur. »Wir haben das Herzelektrokardiogramm Chlorindes.«
»Dann bin ich allerdings beruhigt«, gab Tankred ohne Weiteres zu, und der Ausdruck seines Gesichtes zeigte, dass er die Wahrheit sprach.
Er hatte indes noch etwas auf dem Herzen, was ihn schwer bedrückte.
»Loke«, fing er wieder an, »hältst Du mich für treulos, weil ich zu Dir übergegangen bin, die Königin verlassen habe?«
Der Gefragte schaute ihn an, bot ihm lächelnd die Hand.
»Als wenn Du ihr untreu werden könntest, Freund!«, rief er dabei. »Du wechselst zwar das Lager, aber Dein Herz bleibt bei ihr, und wenn Du Geduld hast, dann wirst Du auch erleben, dass sie sich auf sich selbst besinnt, denn ihr Verhalten hat mir klarer als sonst etwas bewiesen, dass sie nicht mehr mich liebt, sondern Dich!«
»Loke! Du willst mich trösten!«, erwiderte Tankred, aber es war gleich zu hören, wie wohl diese Worte ihm getan hatten, wie viel er darum gegeben hätte, hätte er sie glauben dürfen.
»Ich sprach die Wahrheit!«, versicherte Loke.
»Und ich glaube Dir, denn Du bist zehnmal, hundertmal klüger als ich!«
Vor Freude umarmte Tankred den Freund und gab ihm einen schallenden Kuss auf beide Wangen. Es sah aber aus, als wollte er ihn erdrücken, so presste er ihn dabei an sich. Dieser Recke war eben nicht anders! Wenn er einmal Feuer gefangen hatte, dann war er nicht mehr zu halten, dann ging sein Temperament mit ihm durch, so phlegmatisch er auch sonst erschien.
Und dann blieb er stehen, machte ein recht dummes Gesicht, wusste offenbar nicht, ob er sagen durfte, was ihm eingefallen war.
»Loke — dann — wäre es nicht doch besser, ich bliebe?«, stotterte er endlich.
Doch da gab es nichts. Sein Freund war wirklich klüger als er und wusste, dass dadurch alles bei Chlorinde verschüttet worden wäre.
»Nein, Du gehst mit mir! Ich dulde nicht, dass Du Dich wieder vor dieser Frau demütigst. Sie soll sich auf sich selber besinnen, und das kann nur geschehen, wenn sie Dich vermisst. Du wirst mich verstehen —«
Na, ich gab ihm recht, obwohl ich in der Ars amandi, in der Kunst zu lieben, wirklich nicht bewandert war. So viel wusste ich aber doch, dass die Liebe wächst, wenn Liebende sich nicht sehen, ich konnte da aus Erfahrung sprechen. Ich hatte doch Sakuntala wirklich nicht gerade als geliebte Braut behandelt, solange ich mit ihr zusammen war, aber jetzt — ach, wie pupperte mir das Herze, wenn ich an sie dachte!
Tankred ließ sich belehren, ging weiter mit, und nun zeigte sich, wie wir in das Lager zurückkehren konnten.
Loke Klingsor hatte bereits vor seiner gefährlichen Luftreise die nötigen Anordnungen getroffen. Eins der Luftschiffe lag bereit, uns aufzunehmen, es war jetzt sichtbar, was sonst meist nicht der Fall war.
Wir stiegen ein, die Fahrt begann, aber — — ich sah nichts! Es war dafür gesorgt worden, dass ich nichts sehen konnte, weil ich nichts sehen sollte. Ich hätte sonst eben die Geheimnisse dieser Belagerung schon so durchschaut, wie das nachher der Fall sein sollte.
Wir landeten auf irgend einer Hochebene, stiegen durch eine Öffnung eine Treppe hinab und kamen über allerlei Gänge in einen Raum, der wie ein Arbeitszimmer ausgestattet war.
Ich rede hier von dem Arbeitszimmer eines geistig arbeitenden Menschen, eines Gelehrten, und da darf selbstverständlich der Schreibtisch nicht fehlen, an dem er seine Gedanken zu Papier bringt oder sonst wie festhält.
Papier lag aber nicht auf der Platte. Auch Schreibzeug war nicht zu sehen, keine Schreibmaschine.
Dafür sah ich andere Merkwürdigkeiten, die sonst in solchen Arbeitszimmern fehlen, höchstens bei einem Physiker vorhanden sein dürfen.
An der Wand, vor welcher der Schreibtisch stand, waren drei Tafeln angebracht, jede in der Mitte eine Scheibe aus Milchglas aufweisend, wenigstens hielt ich die Masse für solches.
Die unterste der Scheiben war die größte, mehr breit als hoch, rechteckig natürlich, die zweite war ebenso lang wie die oberen, aber um die Hälfte breiter, dafür aber war die Milchglasscheibe in ihr kürzer.
Links von der untersten war eine Art Manometer angebracht, also eine Scheibe mit Gradeinteilung und Zeiger in der Mitte.
Darunter wieder stand ein Apparat, den ich gleich als Grammofon erkannte, nur einfacher gearbeitet als sonst diese Instrumente zu sein pflegen, der Trichter, aus dem die Töne hervorkamen, einfach ein kegelförmiges Metallrohr.
Ein ebensolches Manometer stand rechts auf dem Schreibtisch, und davor wieder eine Art Pult mit verschiedenen, auch verschieden gefärbten Druckknöpfen. Man kann sich ihn am besten vorstellen, wenn man an einen Schalter für Telefonleitungen denkt — solche Schalter, wie sie jetzt in jedem größeren Büro zu sehen sind.
Unter jedem Druckknopf stand ein Wort, also die Angabe, welche Verbindung man durch Niederdrücken herstellen konnte. Ich achtete aber nicht auf diese Worte, sondern sah noch, dass über diesem zweiten Manometer ein Thermometer hing, dessen Quecksilberkugel aber in einem Behälter stak, der sich rechts nach oben bog.
Im Übrigen stand vor dem Schreibtisch der zugehörige bequeme Lehnstuhl, rechts davon wieder war ein Büchergestell angebracht mit den üblichen dickleibigen, furchtbar gelehrt aussehenden Büchern, die aber, wie ich alsbald erfahren sollte, gar keine Druckschrift enthielten, sondern nur eine Art Sammelmappen vorstellten.
Das war die Einrichtung dieses Arbeitszimmers, so weit sie mich interessierte, und wenn die Beschreibung etwas langatmig ausgefallen ist, so kann ich nichts dafür; ich musste eben alles aufzählen, denn sonst könnte der Leser nicht verstehen, was nun hier geschah.
Wir waren also zu dritt eingetreten. Loke Klingsor trat vor den Schreibtisch, vor den Schaltkasten, wies uns anderen Sitzplätze an, und wir setzten uns.
Bei unserem Eintritt war das Zimmer matt erleuchtet, nun aber wurde es dunkel darin, und Loke Klingsor sagte.
»Ich will Dir beweisen, Tankred, dass ich die Wahrheit sprach. Erst einmal, dass Chlorinde noch lebt!«
Er drückte auf einen der Knöpfe. Sofort erschien auf der untersten, also der größten Platte, und zwar auf dem Milchglas, die Röntgenfotografie eines menschlichen Brustkorbes, wie sie ja wohl jedermann bekannt ist. Und in diesem Brustkorb sahen wir deutlich das dunkel erscheinende Herz regelmäßig schlagen. Zu gleicher Zeit begann das Grammofon eintönig zu klingen, immer nur zwei Töne — lub, dub — lub, dub!
Sie entsprachen genau den Bewegungen des Herzens zwischen den sich senkenden und hebenden Rippen, und mich durchkreuzte es doch unwillkürlich, als ich vor mir auf der Platte dieses zuckende Herz sah; ich musste gleich an ein feuriges Ross denken, das an einen Pfahl gebunden ist und doch frei sein möchte, immer so tänzelt und sich ungeduldig bäumt!
Und dieses Herz vor uns war das der Königin Chlorinde!
Jetzt verstand ich das Wort, was Loke Klingsor gesprochen hatte, während wir noch im feindlichen Lager gewesen waren.
Ich sah hier zum ersten Mal in meinem Leben das Wunder eines Herzelektrodiagramms! Und zwar sah ich wirklich noch ein Diagramm erscheinen, nein, gleich zwei! Auf den oberen Platten! Auf der unteren Milchglasplatte erschien das Atemdiagramm, auf der oberen das des Herzschlages.
Ich kann es nicht beschreiben, dazu sind diese Zeilen nicht da, aber ich muss doch daran erinnern, dass ein Wiener Arzt vor nunmehr anderthalbhundert Jahren ein Büchlein herausgab mit dem Titel: »Neue Erfindung, durch Beklopfen des menschlichen Brustkorbes die Zeichen verborgener Krankheiten im Innern der Brust zu entdecken«. Der Mann hieß Auenbrugger und wurde natürlich von seinen Kunstgenossen verlacht, wie das üblich ist, aber sechzig Jahre später erfand der Franzose Laënnec das Stethoskop, das Hörrohr, mit dem heute jeder Arzt versehen ist, und wieder nach hundert Jahren waren wir bei dem Röntgendiagramm angelangt, das von dem Holländer Einthoven zum Elektrokardiagramm ausgestaltet wurde, weil er feststellte, dass jeder arbeitende Muskel Aktionsströme erzeugt und diese sich durch die Elektrizität sozusagen verfilmen lassen.
Ja, unsere Dichter! Sie sind von vielen prosaischen Menschen verlacht und verhöhnt worden, wenn sie davon sangen, dass es wie ein Strom ihre Adern durchrann, sobald sie die Geliebte erschauten, dass sie ihren Händedruck bis ins Innerste des Herzens spürten.
Überschwänglichkeiten!, sagten die Realisten. Bis die Wissenschaft kam und klipp und klar bewies, dass die Dichter in ahnendem Geiste die Wirklichkeit erkannt hatten!
Es ist Tatsache, dass ein Blick, ein Händedruck, eine Umarmung, ein Kuss eine Art elektrischen Stromes im menschlichen Körper erzeugt, dass es uns heiß und kalt durchrieselt, dass man vergehen möchte!
Es mag genug sein. Wer denken gelernt hat, wird sich selber weiter zurechtfinden und die Möglichkeiten ermessen, die da gegeben sind! Warum denn fühlt der Arzt den Puls des Kranken? Um die Herzschläge zu zählen? Ja, ja, nebenbei!
In Wahrheit aber erkennt er aus dem Pulsschlag ganz anderes! Dieses Hämmern verrät ihm ganze Geschichten, auch von der Seele des Kranken!
Man kann doch aus dem Pulsschlage — mit verbundenen Augen! — sofort feststellen, wie alt der Betreffende ist! Weil in jedem Lebensalter, zu jeder Tageszeit, bei veränderter Körperhaltung der Pulsschlag ein anderer ist! Und wenn zum Beispiel, um nur dieses eine noch anzuführen, der Kriminalist einen Verbrecher vor sich hat, der hartnäckig leugnet und gar nicht zu überführen ist, dann braucht er ihn nur an einen elektrischen Strom anzuschließen, ein Elektrokardiagramm von ihm zu machen.
Wenn er dann den Verbrecher ausfragt, so wird dieser ja auch noch verstockt bleiben, aber er wird nicht hindern können, dass seine Pulse rascher schlagen als sonst, wenn von der Tat die Rede ist! Und da mag er getrost leugnen! Das Diagramm zeigt an, wann er schneller atmete, wenn er erregt war!
Ist das nicht Zauberkunst? Und ich musste an die Wunder denken, die ich schon erlebt hatte, seit Loke Klingsor mich entführt hatte. Ich hatte sie mir nicht zu erklären vermocht. Jetzt aber!
Ach, wenn alles so natürlich zuging wie das hier! Er wollte dem Grafen Tankred beweisen, dass die Königin Chlorinde noch lebte, und da zauberte er an der Wand gleich ein Bild ihres Herzens hervor, ließ es hier vernehmlich schlagen! Und er tat noch mehr.
Er schaltete und schaltete. Was er da bewirkte, war nicht zu sehen, aber auf einmal begann das Herz doch ganz anders als vorher zu arbeiten, es hüpfte in der Brust, die Töne wurden lauter, der zweite namentlich klang heller — —
»Jetzt denkt sie an Dich, Tankred! Ich habe ihr den Gedanken von hier aus übertragen! Und sieh, wie sie sich grämt, wie sie bereut, Dir wehe getan zu haben!«
Nein, ein Hexenmeister war dieser Loke Klingsor mit seinen wunderbaren Erfindungen nicht, aber dennoch ein Zauberer. Ich denke, man wird mich verstehen und auch, dass ich ihn nun erst recht verehrte.
Tankred dachte anders, er fühlte da zarter als ich, in seinem Riesenleibe wohnte eine gar empfindsame Seele, und er konnte es nicht länger ertragen, dass hier die Herzensgeheimnisse eines Weibes offenbart wurden — auch nicht, wenn er dadurch beglückt und beruhigt werden sollte.
»Hör auf, Loke! Genug, genug!«, rief er.
Und Loke stellte den Apparat ab. Das Bild des Brustkorbes mit dem darin klopfenden Herzen verschwand, das Grammofon klang nicht mehr, und die Manometer zeigten nicht mehr den Blutdruck Chlorindes an.
Es ward wieder hell in dem Raume und ich sah, wie die beiden Männer einander in die Augen schauten, wie sie sich dann die Hand drückten und dabei die Blicke des Grafen Tankred selig und dankbar aufleuchteten — —
»Nun geh zu Turandot!«, sagte Loke Klingsor darauf. »Sie wird sich freuen, Dich wieder einmal zu sehen — —«
»Ich nicht minder!«, versicherte der Recke.
»Sage ihr, dass unser Freund Willmer wohlbehalten bei mir sitzt und sie sich nicht länger sorgen soll —«
»Und Sakuntala mag sie benachrichtigen, dass ich bald käme!«, erlaubte ich mir da einzuschalten.
»Nein, das wird Graf Tankred nicht ausrichten, denn Sie werden Ihre Braut jetzt noch nicht wiedersehen, es sei denn, Sie weigerten sich, den Auftrag zu übernehmen, den ich Ihnen erteilen möchte.«
Ich bekam einen sehr roten Kopf. Ich ärgerte mich wieder einmal über mich selbst — weil ich vorlaut gewesen war — —
»Selbstverständlich übernehme ich den Auftrag!«, stieß ich hervor und setzte gleich noch trotzig hinzu: »Sakuntala mag warten.«
»Ich werde sie rechtzeitig in Kenntnis setzen«, sagte Loke Klingsor, reichte dem Freunde noch einmal die Hand, und dieser ging, nachdem er mir zugenickt hatte. Wir beide wussten, dass wir fortan gute Freunde sein würden. Dann saß ich Loke Klingsor allein gegenüber und wartete auf das, was er mir zu sagen haben würde, auf den geheimnisvollen Auftrag. Ich dachte nicht mehr daran, dass ich noch in der Genesung war, ich fühlte mich stark genug, den Teufel aus der Hölle zu holen.
Loke Klingsor aber schwieg lange, lange, den Kopf auf eine Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken.
Ich störte ihn durch keine Frage, hütete mich sogar, mich zu bewegen; ich wartete eben, und endlich richtete er sich auf.
»Wir wollen in einen anderen Raum gehen«, sagte er, »denn hier kann ich Ihnen nicht zeigen, was Sie sehen müssen.«
Er erhob sich und schritt hinaus. Ich folgte ihm. Wir kamen in einen kleinen Saal, dessen eine Wand die berühmte Scheibe war, die ich nun schon kannte — ich wusste, dass ich einen Film zu sehen bekommen sollte.
Wir setzten uns, und ehe die Vorführung begann, sagte Loke Klingsor ernst:
»Ich werde Ihnen kein Wort der Erklärung sagen, weder jetzt noch während der Vorführung, noch nachher. Ich bitte Sie auch nicht zu fragen. Die Bilder, die ich Ihnen zeigen will, stammen aus jüngster Vergangenheit und erzählen eine Geschichte kürzer, als ich es mit Worten zu tun vermöchte. Es ist eine heitertraurige Geschichte, eine Geschichte menschlicher Irrwege, aber auch, wie Sie erkennen werden, ein Hohelied der Frauenliebe, die niemals an dem Manne irre wird, dem sie gilt. Und ich habe Sie dazu ausersehen, die Frau, die Sie jetzt sehen werden, zu mir zu führen. Sie werden dabei noch Helfer haben, auch andere Männer sind schon zu diesem Zwecke unterwegs, aber Sie — Sie allein sollen die ganze Geschichte im Bilde miterleben.«
Dass diese geheimnisvolle Einleitung ganz dazu angetan war, in mir die höchste Spannung zu erregen, brauche ich nicht zu sagen. Ebenso wenig aber habe ich nötig, zu erzählen, was ich sah, denn alles das ist schon bekannt, wenngleich es mir natürlich fremd war.
Ich will es kurz machen.
Ich sah im Filme die Herzensgeschichte der Madonna, die Angela hieß, welchen Namen ich allerdings nicht erfuhr, auch nicht den des Mannes und den des Kindes, und ich erlebte mit, wie dieses herrliche Weib sich dem an sich hässlichen Manne weihte — ihr ganzes Dasein, alle ihre Gedanken!
Ich sah, wie er heimkam, sah die Szene mit dem Hündchen und den Schluss —
Ich brauche also nicht zu wiederholen, was ich sah.
Und das Letzte war, wie diese Frau nachts in das Unterseeboot einstieg, den schlafenden Knaben auf dem Arme —
Dann war es zu Ende.
Nein, es ging noch weiter, nach einer Pause, die vielleicht auch zeitlich eingetreten war.
Ich erlebte im Film mit, was Angela auf ihrer Fahrt erlebt hatte, und das allerdings muss ich berichten, so kurz wie möglich, denn das eben ist den Lesern ja noch unbekannt.
Hier ist es:
Als Angela Steen die kleine Treppe hinabgestiegen war und in einem winzigen Vorraume stand, sah sie vor sich eine einzige Türe; aber gleich durchbebte es sie.
Diese Türe glich ganz und gar der, die zu ihrer Wohnung geführt hatte.
Es war eigentlich sonderbar, dass sie das so genau wusste, denn in dieser Hinsicht wissen ja die wenigsten Menschen Bescheid, so oft sie auch diese Türe geöffnet und gesehen haben mögen.
Oder es soll doch mal einer sagen, wie die Eingangstüre seiner Wohnung aussieht! Ungefähr kann er es, aber etwa zeichnen? Ganz ausgeschlossen! Das könnte er nicht einmal, wenn er seine Hand zeichnen sollte, die er doch noch viel öfter sieht!
Angela aber wusste da Bescheid, aus einem Grunde, der ihrem Herzen alle Ehre machte!
Immer, wenn sie mal einen kleinen Weg hatte besorgen und den kleinen Knaben allein lassen müssen, war sie vor der Tür draußen stehen geblieben, wenn sie heimkam, hatte sich lauschend vorgebeugt, das Ohr an das Holz gedrückt, nicht etwa aus Sorge, dass ihrem Herzblatt etwas zugestoßen sein möchte — nein, weil sie dadurch ihre Mutterfreude erhöhte!
Diese Türe war für sie der Eingang zum Paradiese, in welchem ja auch ununterbrochene Freuden den Menschen erwarten sollen!
Und bei diesem Lauschen hatte sich ihrem Gedächtnis das Bild der Tür genau eingeprägt, ganz genau.
Daher wusste sie jetzt sofort: Diese Türe hier ist dieselbe wie daheim!
Und da stimmte wirklich alles, sogar die Stelle unten fehlte nicht, wo Farbe und Lack etwas abgestoßen waren. Ein Junge, der die Milch brachte, hatte dort immer mit dem einen Fuße angestoßen, anstatt zu klopfen, was er nicht konnte, weil er eben die Hände voll hatte.
Ja, das war i h r e Türe!
Und aus diesem Grunde öffnete sie sie auch gleich in freudiger Erwartung!
Die nicht getäuscht ward!
Der Raum, den sie betrat, war ein getreues Abbild ihres Stübchens!
Nichts, aber auch gar nichts fehlte darin von dem, was ihr so lieb geworden war!
Da stand die Nähmaschine, an welcher sie so fleißig gearbeitet hatte. Ihr Nähkörbchen fehlte nicht, und die Arbeit lag noch so da, wie sie sie verlassen hatte, sie konnte gleich weiternähen.
Auch das Bettchen des Knaben war vorhanden, und da fehlte ebenfalls nichts.
Angela Steen war eben wieder daheim, nur dass dieses Daheim sich jetzt im Innern eines Unterseebootes befand, was ihr aber vorläufig nicht zum Bewusstsein kam, und so war selbstverständlich, dass sie zuerst zu dem Bilde des geliebten Mannes trat, dass sie es beseligt anschaute und dann zu der Stupsnase hinauf zu sprechen begann:
»Sei mir nicht böse, mein lieber Karl, dass ich fortgelaufen bin, dass ich über Dich so sehr erschrak. Du weißt doch aber selber, dass ich dumm bin — ach, so dumm! Ich bin ja gar nicht unter die anderen Menschen gekommen und will es auch nicht! Wenn ich nur Dich habe und meinen Jungen! Und mein Stübchen!
Nicht wahr, Du vergibst mir? Und kommst wieder?
Ich hatte mich so gefreut, dass Du endlich wieder einmal daheim warst, und wir wollten doch diese Stunden ganz genießen. Nun ist freilich nichts daraus geworden, Du musst schon wieder in der Welt herumfahren, und wer weiß, wann Du wieder mal Urlaub bekommen kannst!
Aber das ist ja die gerechte Strafe, die ich verdient habe. Mir geschieht schon recht! Nun muss ich mich wieder lange, lange nach Dir sehnen!
Ach, wenn Du doch immer bei uns bleiben könntest, Karl! Wie wollten wir glücklich sein! Wir brauchen ja gar nicht so viel zum Leben, Du hättest nicht nötig, so fleißig zu sein —«
Sie kam nicht weiter, denn der Kleine auf ihrem Arm war erwacht, schlug die Augen auf und erblickte zuerst das Bild des Versicherungsinspektors mit der Stupsnase.
»Daddy!«, lallte er. »Papa!«
Und er streckte die Ärmchen nach dem Vater aus.
»Ja, das ist Vati!«, sagte Angela und streichelte zärtlich das Haar des Kleinen. »Nun wollen wir zu ihm —«
Dem Knaben aber fiel etwas anderes ein.
»Wauwau!«, sagte er. Er besann sich auf das herrliche Spielzeug, das der Vater ihm versprochen und auch mitgebracht hatte, auf das Hündchen, das tanzen und springen und bellen konnte.
»Ach ja, Dein süßes Wauwauchen!«, erwiderte die Mutter. »Das kriegst Du auch bald wieder. Vati hat es eingeschlossen, denn erst muss Bubi nun brav schlafen, ehe er wieder mit dem Hündchen spielen kann.
Und hier ist schon das Heidebettchen! Husch, husch, da liegt der Junge drin! Und nun muss er hübsch die Guckeln zumachen und schlafen. Mutti singt ihm ein schönes Lied!«
Sie hatte den Kleinen zum Bett getragen, ihn auf die Kissen niedergleiten lassen und ihn sorgsam zugedeckt, er war ja im Nachtkleidchen, sie hatte ihn aus dem Bette gerissen, als sie fortstürmte in wildem Entsetzen vor dem schrecklichen Teufelsspuk.
Dann setzte sie sich und sang eins der uralten Liedchen, die allen Müttern bekannt sind, und da machte es keinen Unterschied, dass sie auf Englisch von den kleinen Gänserln sang, die keine Schuhe haben — es war derselbe Sinn, und der Knabe schloss die Augen und schlief ein, ein Lächeln auf den Lippen, sodass Angela an sich halten musste, um ihn nicht mit Küssen wieder zu wecken.
»Dein Sohn, mein Karl!«, flüsterte sie. »Dein Ebenbild! Wie undankbar bin ich doch, dass ich mich immer nach Dir sehne! Ich habe Dich ja bei mir! Wenn ich Deinen Knaben vor mir sehe, sehe ich Dich! Aus seinen Augen leuchtet und strahlt die Liebe, die Du mir schenkst!
Ach, bin ich eine selige, beneidenswerte Frau! Wie konntest Du doch unter den Tausenden gerade mich beglücken mit Deiner Liebe!
Herr im Himmel, lehre mich demütig sein in meinem großen, großen Glücke.«
Sie war selig, dass dieser Mann mit der Stupsnase und dem Mopsgesicht sie »beglückt« hatte mit seiner Liebe! Sie, die wirklich engelschöne Frau, die Madonna, als welche sie ja auch gemalt so oft an der Wand hing!
Die Liebe lässt sich eben nicht lenken, sie kommt und ist da, und nur diese Liebe macht ja wahrhaft glücklich!
Angela Steen spürte nichts von den Entbehrungen, die sie dulden musste, sie sehnte sich nicht nach den Vergnügungen, ohne welche die meisten Frauen nicht leben zu können meinen. Ihr Heim war ihr ganzes Glück, ihr Mann war ihr Heiland, und ihr Junge —
Ach, wenn sie hätte sagen können, was er ihr war!
Als sie nun so allein an dem Bettchen saß, konnte sie freilich nicht hindern, dass ihre Gedanken sich mit alledem beschäftigten, was hinter ihr lag, mit den letzten schrecklichen Ereignissen, ihrer Flucht und ihrem Gange nach dem Hause des Steuermannes Glane.
Sie sah wieder Frau Gladys vor sich, und dann besann sie sich auf jedes Wort, was dort gesprochen worden war.
Rätselhafte, seltsame Worte, die sie sich auch jetzt vergeblich zu deuten suchte!
Sie sollte ihren Mann finden!
Aber wo? Wann? Wie?
Sie fragte nicht, sie glaubte, und deswegen untersuchte sie gar nicht erst, ob noch andere Räume vorhanden waren, löschte vielmehr das Licht — der Drücker war an der richtigen Stelle — entkleidete sich und legte sich neben dem Knaben nieder.
Nach wenigen Minuten war sie eingeschlafen und wachte nicht wieder auf, bevor es Tag wurde —
Nein, das war hier nicht der Fall, die Sonne schien nicht durch die Fenster, aber auch sonst kam nicht das Licht des Tages herein, ebenso wenig wie Nebel draußen jede Aussicht verhüllte.
Sie erwachte eben zu der gewohnten Stunde und erhob sich auch gleich.
Der Kleine war gewohnt, die Nacht durchzuschlafen, aber nun machte sie Feuer im Herd, wozu alles bereit lag —
Ja, und dann erschrak sie freilich etwas.
Die Milch! Wer brachte ihr denn hier die Milch für den kleinen Loke?
Zitternd und zagend öffnete sie die Tür.
Es war ja gar nicht möglich, dass die Flasche draußen stand, der Milchjunge konnte nicht gekommen sein!
Und er war doch da gewesen!
An der üblichen Stelle stand die Literflasche, genau dieselbe wie sonst, und das aufgeklebte Etikett stimmte auch! —
Da fragte Angela nicht, wie das möglich sein konnte, sondern bückte sich und nahm die Flasche und trug sie hinein und kochte die Milch in dem Topf, den sie immer dazu benutzte.
Es kann nicht alles erzählt werden, was Angela an diesem ersten Morgen tat, wie sie die Asche in die Öffnung schüttete, die dazu in der Wand angebracht war, und sich erst später besann, dass hier doch kein Aufzug da sein konnte. Aber die Asche war doch weg, als sie nachsah — und so ging es weiter.
Da war es ganz erklärlich, dass sie, als der Kleine mit seinem Spielzeug beschäftigt war, einmal nachsah, was es denn eigentlich hier unten alles gab.
Dass sie in einem Fahrzeuge war, in einem Boote, das war ihr wieder bewusst geworden, aber sie hatte noch keinen Blick durch eins der Fenster getan, und als sie nun hintrat und hinausschauen wollte, da sah sie nichts — auch kein Wasser oder gar Seetiere, Fische und so — die Scheiben waren anscheinend undurchsichtig geworden.
Nun, das kümmerte sie nicht weiter, sie hatte auch sonst keine Zeit gehabt, auf die Dächer hinauszuschauen, die sie von ihrem Zimmer aus hatte sehen können, sie vermisste diesen Blick nicht.
Nun aber war in der einen Wand des Raumes noch eine Tür, die in ihrem Heim nicht vorhanden gewesen war.
Das war das einzige Zeichen, dass sie doch nicht in ihrem alten Heim weilte, und sie konnte sich denken, dass hinter dieser Tür irgend etwas Neues verborgen sein musste, aber sie war eben keine Frau wie andere Frauen, die Neugier war ihr fremd und sie lief nun nicht etwa gleich hin, weil sie gar nicht erwarten konnte, zu erfahren, was hinter dieser Tür stak.
Nein, sie überlegte vielmehr erst, ob sie nicht noch etwas zu tun hätte, was erledigt werden müsste. Außer der Näharbeit war nichts da.
Doch da kam ihr ein Gedanke, ähnlich wie vorhin der betreffs der Milch.
Sie mussten doch essen!
Woher kam hier das Fleisch? Woher sollte sie das Gemüse kriegen und alles, was eben auf dem Mittagstisch unentbehrlich ist? Auch der Knabe aß ja schon wacker mit.
Nun, sie würde es schon erfahren. Vielleicht stand allemal draußen vor der Tür ein Körbchen, in dem alles war, was sie brauchten; vielleicht wurde es auf sonst eine Weise hereingebracht?
Es war wunderbar, wie wenig Angela sich sorgte, und doch auch wieder nicht wunderbar bei dem grenzenlosen Vertrauen, das sie in ihren Mann setzte, und hier noch in den, der als dessen Stellvertreter zu ihr gesprochen hatte — in den Steuermann Glane.
Vorläufig wollte sie erst einmal, wie sie es gewohnt war, frische Luft in das Stübchen lassen, und deshalb trat sie zu den Fenstern, wollte eins öffnen.
Alsbald erkannte sie, dass da etwas nicht stimmte.
Der Wirbel ließ sich zwar drehen, der Flügel aber sich nicht öffnen.
Und beim näheren Hinblicken erkannte Angela nun auch, dass die Scheiben nicht aus Glas waren, sondern aus einer ähnlichen, jedoch vollkommen undurchsichtigen Masse.
Darüber wunderte sie sich schon etwas, doch zunächst dachte sie vielmehr daran, wie sie nun frische Luft hereinkriegen könnte.
Von Unterseebooten hatte sie ja gehört — gelesen nicht! Sie nahm keine Zeitung, keine Zeitschrift und gleich gar keinen Roman in die Hand. Gelernt hatte sie auch nicht viel, denn mit dem Schulbesuch ist es ja in England sehr schlecht bestellt, Schulzwang besteht zwar jetzt in gewissem Sinne, aber eben nur in diesem. Wenn ein Kind nicht in die Schule kommt, erscheint nicht etwa der Büttel und holt es; die Eltern müssen keine Strafe bezahlen. Auch das Kind ist frei, und wenn es Geld verdienen will, anstatt die Schulbank zu drücken, dann ist das eben nur recht.
Angela hatte wacker ihrer Mutter helfen müssen, die ebenfalls solche Nähereien besorgte, sie hatte nur selten einmal in die Schule gehen können — na, und was sie da gelernt hatte, das war doch sehr, sehr wenig.
Sie brauchte es nicht, denn eine echte Frau denkt eben nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Herzen, und was in der Welt geschah, das kümmerte Angela nicht.
Kurzum, sie wusste nicht, was ein Unterseeboot eigentlich war, was für eine herrliche Erfindung des Menschengeistes, sonst hätte sie es doch nicht so furchtlos betreten, hätte sich vor allem einmal darum gesorgt. wie es fahren konnte, wer es steuerte und was sonst solche naheliegende Fragen noch mehr waren.
Sie vertraute eben dem, der sie diesen Weg schickte. Etwas anderes gab es für sie nicht!
Daher war sie auch jetzt gar nicht weiter beunruhigt, weil sie keins der Fenster öffnen konnte, und noch mehr wurde sie es, als sie plötzlich an ihrem Scheitel einen kühlen Strom frischer Luft spürte, als sie diese einatmete und merkte, wie rein sie war.
Das war eine andere Luft als das Gemisch, das in London als solche bezeichnet wird. Das war jene Luft, die sie geatmet hatte, wenn sie mit ihrem Karl und dem Knaben einen Ausflug gemacht hatte.
Recht tief sog sie diese köstliche Luft ein, und es war verständlich, dass sie dabei gleich an ihren Karl denken musste, an die schönen Wiesen, die sie das letzte Mal mit ihm durchwandert hatte.
Nun wollte doch eine leise Trauer ihr Herz beschleichen, weil sie sich durch ihre Flucht um diesen Genuss gebracht hatte.
Unwillkürlich schaute sie durch eins der Fenster, obwohl sie doch nun wusste, dass sie nicht einmal den Himmel draußen sehen würde.
Aber da weiteten sich ihre blauen Augen. Unwillkürlich wich sie etwas zurück, wie erstarrt, auch erschrocken — sie strich sich über die Augen, über das ganze Gesicht — es konnte doch gar nicht sein!
Und schon bückte sie sich und hob den spielenden Knaben zu sich empor.
»Loke, gucke doch! Gucke doch nur! Was ist denn das?«
Sie glaubte zu träumen, und weil sie ihren eigenen Augen nicht traute, so wollte sie den Knaben anrufen, dass er den Traum zerstörte.
Aber der Kleine hob bereits jubelnd die Händchen.
»Muzekuh!«, jauchzte er, eben mit dem entsprechenden englischen Worte. Und dann verriet er durch seine Rufe, dass er genau dasselbe sah wie seine Mutter, für die allerdings diese Landschaft da draußen mit ganz anderen, viel süßeren Erinnerungen verknüpft war als für den Knaben.
Ach, sie kannte doch hier jeden Fußbreit Boden, jeden Schritt, den sie auf diesem schmalen Pfade getan hatte, der sich an einem munteren Bächlein hinschlängelte!
Arm und Arm war sie mit ihrem Karl dort gegangen!
Und sie wartete schon sehnsüchtig, dass der Platz käme, wo sie dann gerastet hatten — unter einer alten Eiche, von der ihr Karl zu berichten gewusst hatte, dass sie uralt sei, dass unter ihr schon der berühmte Robin Hood gesessen habe, der ritterliche Räuber Englands.
Denn die Landschaft draußen stand nicht still, sie bewegte sich, ohne dass Angela dabei auf den Gedanken kam, dass dies der Fall war, sie dachte eben, sie sähe das alles von dem fahrenden Boote aus, und da grübelte sie nicht lange darüber nach, wie das möglich sein könnte.
Die Erinnerung überwältigte sie ganz und gar. Sie vergaß alles andere, und als wirklich die alte Eiche auftauchte, erst in der Ferne, dann näher rückend, da presste Angela beide Hände auf das stürmisch schlagende Herz. Sie kannte nicht das liebliche Gedicht Walthers von der Vogelweide: »Unter der Linde, tandaradei —«, aber sie sah doch jetzt ganz deutlich, wie dort noch das weiche grüne Gras niedergedrückt war. Dort hatten sie sich gelagert, eins dicht ans andere geschmiegt, und der Kleine war jauchzend auf allen vieren herumgekrochen, hatte die Heuspringer zu haschen versucht —
Und dann — der Bach hatte so gelockt, und es war so heiß gewesen — da hatten sie ein Bad genommen —
Ja, davon war in dem Wasser freilich keine Spur zurückgeblieben. Kein Mensch konnte das verlangen, ebenso wenig wie er zweimal in dem gleichen Bache oder Flusse baden kann —
Angela brauchte es nicht zu sehen, sie wusste ja alles, alles noch, und ihr Herz schlug rasch, ihre Pulse flogen, ihre Wangen röteten sich und die Brust hob und senkte sich ungestüm.
Ach, wie herrlich war das gewesen! Wie einzig schön!
Sie wurde wieder zur Wirklichkeit zurückgeführt, weil der Kleine von ihren Armen herunterstrebte. Er wollte doch hinaus auf die lockende Wiese, in den Sonnenschein, den Blumenduft!
Aber in dem Augenblick, als sie ihn auf den Boden stellte und er nach dem Fenster lief, ward dieses wieder schwarz wie vorher.
Die Landschaft war verschwunden, und der kleine Loke klopfte vergebens an die Fensterscheibe, bettelte umsonst die Mutter, dass sie ihn hinauslassen möchte.
Angela war auf den Stuhl an der Nähmaschine gesunken und hatte das erbleichte Gesicht mit beiden Händen verhüllt. Sie weinte nicht etwa, aber ihr stürmisches Atmen verriet, wie tieferregt sie war.
Jetzt auf einmal besann sie sich wieder auf die frevelnden, gotteslästerlichen Worte, die ihr Mann damals gesprochen hatte, als sie ihn zuletzt sah, als er sich vor ihren Augen so schrecklich verwandelte!
War das alles wirklich ein Teufelsspuk, nur möglich, weil ihr Karl sich dem Bösen mit Leib und Seele verschrieben hatte?
Sie konnte die Lösung der Rätselfrage nicht finden, hatte gar keine Zeit dazu, musste den Knaben beruhigen und ablenken, bis er endlich wieder mit dem wertlosen Kram spielte, der ihm gehörte.
Aber als Angela dann unwillkürlich noch einmal nach dem geheimnisvollen Fenster blickte, durch das sie die Wiesenlandschaft gesehen hatte, da erschrak sie neuerdings, denn schon wieder war ein anderes Bild zu sehen, ihr ebenfalls bekannt, aber aus einer Zeit, da sie noch Liebesleute gewesen waren —
Ganz still saß sie da, rief nicht wieder den Knaben, sondern schaute und schaute, aufs höchste beseligt, und sie sah sie ein Bild nach dem anderen draußen erscheinen und vorübergleiten, nicht nur Landschaften, sondern auch einmal ihr erstes Heim, das sie zusammen ausgesucht hatten. Sie durfte noch einmal das große Glück erleben, das sie empfunden hatte, als sie die paar armseligen Möbelstücke kauften, kaufen konnten, weil ihr Karl eine Sonderbelohnung erhalten hatte, wie er sagte!
Ach, war das eine selige, selige Zeit gewesen damals!
Und sie hatte vor diesem guten, seelenguten Manne Furcht empfinden können? Vor diesem Manne, der doch nur für sie lebte, immer ihr eine Freude zu machen suchte, ihr und seinem Knaben, der nie mit leeren Händen heimkam, und wenn er auch nur ein paar Pfund Zucker, Kaffee und so mitbrachte!
Ja, es war wie ein herrliches Wunder, dass die junge Frau in dieser einen Fensterscheibe ihr ganzes Liebesglück wieder an sich vorbeiziehen sah, immer alles an dem entsprechenden Orte sich abspielend, und jeder Ort genau so noch aussehend wie damals!
Angela kannte Kinos, wusste etwas vom Film, dachte aber natürlich keineswegs daran, dass es sich hier um so etwas handeln könnte.
Sie dachte überhaupt nichts, mit dem Kopfe wenigstens nicht — ihr Herz redete laut, sang das Hohelied der Gattenliebe, und da zweifelte sie auch nicht mehr, da wusste sie, der Zauber, durch den sie dies alles sah, war nicht der Hölle entsprungen, konnte nur vom Himmel stammen!
Die Zeit verging ihr darüber wie im Fluge, es kam die Stunde, wo sie ans Mittagessen denken musste, und ohne das geringste Zögern trat sie zu dem Wandschranke, in dem sie daheim ihre geringen Vorräte aufzubewahren pflegte.
Sie hatte nichts anderes erwartet, als sie tatsächlich sah.
Es war alles da, was ihr Herz sich nur wünschen konnte, nur in viel reichlicheren Mengen, als sie diese guten Sachen je besessen hatte.
Dass in der Mietskaserne eine Zentralküche vorhanden gewesen war, ist schon berichtet worden, ebenso, dass Angela selten davon Gebrauch machte. Das Wenige, das sie und ihr Junge brauchten, bereitete sie sich auf ihrem Stübchen, und hier war ja auch alles vorhanden, ein Gaskocher, ein elektrischer Herd —
Ohne sich Gedanken zu machen, bereitete sie einen Eierkuchen, füllte zwei Schüsselchen mit Yammus, deckte den Tisch, betete, wie sie es gewohnt war, und ließen sich's beide so gut schmecken wie nur je. Sie aßen alles, alles auf.
Darauf hielt der Knabe ein Mittagsschläfchen, währenddessen die Mutter das gebrauchte Geschirr reinigte und an seinen Ort stellte, kurz, sie tat jede Arbeit, die sie auch daheim getan hatte, nur an die Nähmaschine setzte sie sich nicht —
Heute wollte sie einmal feiern, wirklich feiern! Weil sie doch durch die Bilder in dem Fenster in eine Feierstimmung versetzt worden war.
So setzte sie sich wieder in ihren Stuhl an der Maschine, stützte den Kopf in eine Hand und versank abermals in Erinnerungen, ohne dass aber wieder die entsprechenden Bilder sichtbar wurden.
Endlich stand sie auf und trat zum zweiten Male in die Nähe der Tür, die in eine ihr unbekannte Stube führen mochte, wie sie annahm.
Eine blanke Messingklinke war daran, die sich auch leicht genug niederdrücken ließ, aber die Tür tat sich nicht auf. Sie mochte irgendwie verschlossen sein — nicht durch einen Schlüssel oder einen Riegel — denn davon war nichts zu sehen, also war auch kein Schlüsselloch vorhanden, durch welches eine neugierige Evastochter hätte spähen können.
Angela dachte nicht daran, dies zu tun, stellte auch gar keine Versuche an, die Tür aufzukriegen, sondern wollte eben an ihren vorigen Platz zurückkehren. Da war ihr wieder, als hätte sie einen Traum.
Diesmal aber schüttelte sie gleich den Kopf.
Es war doch ganz ausgeschlossen, dass sie hier die Stimme ihres Karls vernehmen konnte!
Und doch! Da war es wieder!
»Angela!«, sagte die Stimme. »Hörst Du mich? Ich bin Dein Karl!«
Ach, wie die Frau da aufjauchzte!
»Karl! Mein Karl! Du kannst zu mir sprechen? Wo bist Du denn? Ist denn hier ein Telefon vorhanden?«
»Nein, Angela, aber etwas Ähnliches. Man hat jetzt die Möglichkeit, über weite Stecken sprechen zu können, ohne dass eine Leitung durch Drähte dazu nötig ist. Man nennt das deswegen drahtlose Telefonie.«
»Ach, so ist das? Und Ihr habt einen solchen Apparat, Karl?«
»Ja, den haben wir«, lautete die Antwort.
Sie nahm also an, dass ihr Mann sie von seinem Büro aus angerufen habe, und über das andere wunderte sie sich gar nicht, eben, weil sie nichts von den Wundern der neuesten Technik wusste.
»Ach, Karl, ist das aber fein! Und da kann ich Dich gleich um Verzeihung bitten, weil ich —«
»Nein, Angela, das hast Du nicht nötig, denn nicht Du bist der schuldige Teil, ich bin es, aber auch ich will Dich nicht um Verzeihung bitten, denn wir müssen unsere Zeit besser anwenden, ich weiß doch, dass Du mir schon vergeben hast —«
»Von Herzen, mein Karl! Von ganzem, ganzem Herzen!«
»Ich danke Dir, Schatz, und nun höre. Dass Du mit allem versorgt bist, was Du für Dich und den Knaben brauchst, das weiß ich, und da Du auch sonst Dein Stübchen nur selten verlassen hast, wirst Du kaum etwas vermissen, wenn Du es jetzt nicht tun kannst.
Denn, liebe Angela, Du kannst nicht aus Deinem Stübchen hinaus. Du bist eben in einem Unterseeboote, das tief unter dem Meere fährt —«
»Ach, das ist doch ganz gleich, Karl! Und wenn ich tief unter der Erde säße und könnte mit Dir sprechen, dann wollte ich nach nichts anderem fragen. Weißt Du denn auch, was für herrliche Stunden ich schon hier erlebt habe?«
Sie errötete tief, als sie das fragte, sah wirklich wie ein junges, verschämtes Mädchen aus, und dabei ahnte sie nicht, dass ihr Mann — Loke Klingsor — sie sehen konnte, nicht, was er dabei empfand!
»Ich weiß es. Das ist auch so eine moderne Erfindung, Kind, und die kannte ich schon damals. Heimlich, ohne dass Du es merktest, habe ich die Bilder aufgenommen. Es ist eben ein Apparat für Filmfotografien.
Es hat Dir also Spaß gemacht, Angela?«
»Ach Du! Spaß nennst Du das? Und mein Herz — — ich will es lieber nicht sagen — aber selig bin ich, Karl, so selig! Und wenn ich dieses Stübchen nie wieder verlassen dürfte, ich wollte nicht klagen, ich müsste es lieb haben, weil ich hier noch einmal das ganze Glück habe durchleben dürfen, das Du mir geschenkt hast, Du Einziger, Du —
Da! Ich schicke Dir einen Kuss, Karl!«
»Angekommen!«, rief er lachend. »Aber etwas kühl geworden durch die weite Luftreise! Sage, Angela, weißt Du denn, wohin die Fahrt geht? Sorgst Du Dich nicht, weil Du in einem solchen Boote fährst?«
»Gar nicht, Karl, gar nicht! Wie soll ich mich denn sorgen? Und gleich gar, wenn ich mit Dir sprechen kann? Du weißt doch, wo ich bin, sonst könntest Du mich nicht anrufen, nicht wahr?«
»Ja, das weiß ich, Angela, und ich hoffe, ich werde auch noch einen anderen Apparat benutzen dürfen, der eben erst erfunden worden ist.«
»Dass Du mich sehen kannst? Und ich Dich?«, rief sie, dadurch beweisend, dass sie durchaus nicht dumm war, und zugleich, dass liebende Frauen alles für möglich halten, wenn der Geliebte es für möglich ausgibt.
»Ja, mein Schatz! Und dann kannst Du auch mich sehen. Dazu ist der Raum da, zu welchem die jetzt noch verschlossene Tür führt. Wenn es so weit sein wird, dann wirst Du es klingeln hören, und dann wirst Du die Tür öffnen können. Dann gehe getrost in den Raum!«
»Ja, das werde ich tun, mein Karl! Und ich freue mich schon jetzt darauf. Darf ich den Loke mitnehmen?«
»Nicht immer! Das Kind versteht ja so etwas noch nicht, regt sich zu sehr auf, wenn es den Vater sieht und nicht zu ihm kann.
Oder weißt Du, Angela, damit Du ihn doch nicht allein lassen musst, habe ich ein Mittel — er braucht mich nicht als seinen Vater zu erkennen, ich könnte mich Dir in einer anderen Gestalt zeigen — Du kennst sie ja. Steuermann Glane hat Dich mein Bild sehen lassen —«
»Ja, Karl, ganz, wie Du willst!«
»Und noch eins, Angela! Ich heiße nicht Karl Steen, wie Du mich immer nennst, ich habe doch damals auch nicht zugegeben, dass Du unseren Jungen Karl taufen ließt, sondern bestand darauf, dass er Loke heißen sollte.
Du hast nicht nach dem Grunde gefragt, aber jetzt musst Du ihn erfahren. Er ist eben nach mir getauft worden, nach seinem Vater, denn ich heiße Loke — — Loke Klingsor!«
»Loke Klingsor!«, wiederholte sie, ohne etwas hinzuzusetzen, ohne zu verraten, dass dieser Name ihr ganz fremd war; sie hatte weder von dem Feuergott Loke noch dem Zauberer Klingsor je etwas gehört.
»Ja, so heiße ich, und wenn wir wieder miteinander sprechen, dann musst Du mich eben Loke nennen. Das wird Dir ja nicht schwer fallen, weil unser Knabe so heißt.«
Nun, da irrte er sich eben einmal, und zwar gewaltig, denn für Angela blieb er eben Karl Steen, mochte er sich sonst wie nennen! »Karl« hatte sie ihn genannt, als sie zum ersten Male an seinem Halse hing, als er sie küsste. »Karl« hatte sie ihn in allen ihren Sehnsuchtsträumen angeredet! Und da blieb er eben ihr Karl!
In dieser Hinsicht also wusste der sonst so kluge Loke Klingsor einmal nicht Bescheid, da kannte er die Frauenseele doch nicht, aber er sollte nichts von diesem Irrtum zu spüren bekommen.
Angela hielt alles für vortrefflich, was er anordnete, fügte sich ihm ohne Zögern. Fortan würde sie ihn eben »Loke« nennen und »Karl« dabei denken!
»Ja, ich werde Dich Loke nennen«, sagte sie.
Minuten verstrichen.
Dann erscholl ein leiser Seufzer.
»Aber dann bist Du auch wohl nicht Versicherungsinspektor?«
Diese Frage hatte kommen müssen. Loke Klingsor hatte sie erwartet und sich auch eine Antwort zurechtgelegt, aber — es fiel ihm doch sehr, sehr schwer, sie nun zu geben.
»Nein, Angela, das bin ich nicht, bin es nie gewesen.«
»Ich dachte es mir«, hauchte sie, und er hörte heraus, wie verzweifelt sie war. Ehe er aber etwas erklären konnte, fuhr sie schon fort:
»Loke, Du wirst mir Zeit lassen müssen, mich an diese Änderung zu gewöhnen — auch unserem Jungen — und da wirst Du länger brauchen als bei mir, er wird einen fremden Mann nicht Vater nennen wollen —«
»Der euch beide belogen hat!«, ergänzte Loke Klingsor.
»Du wirst einen Grund dazu gehabt haben«, erwiderte sie, »und da will ich nicht mit Dir rechten, kann nur sagen, es wäre vielleicht besser gewesen, Du hättest es nicht getan, denn, weißt Du, ich habe dem Karl Steen, den ich kannte, ewige Liebe geschworen, nicht nur, als ich mit ihm getraut wurde, sondern schon lange vorher, und das wird wohl so bleiben, ich kann nicht dafür, ich werde immer diesen Mann lieben müssen, aber ich werde mir Mühe geben, ihn in Dir zu sehen.
Ich werde indes nicht verhindern können, wenn ich Dich nun einmal wieder sehe, dass ich daran denken muss, wie Du mich getäuscht hast, denn ich begreife nicht, wozu das nötig war, und siehst Du, Loke, wenn Du nicht Versicherungsinspektor bist, dann hast Du doch jedes Mal, wenn Du mit mir zusammen warst, von Neuem eine Unwahrheit sagen müssen, viele Unwahrheiten, und vor allem dann, wenn Du wieder von mir gingst und vorgabst, Du müsstest weit, weit fort, und ich dürfte nicht wissen, wo Du seist, dürfte Dir nicht schreiben, auch Du könntest mir keinen Brief schicken.
Jetzt ahne ich, dass Du mich damit hast auf die Probe stellen wollen. Du hast wohl erst sehen wollen, ob ich Dir wirklich treu wäre, und das, Loke, das hättest Du nicht tun dürfen, nein, das nicht!
Du bist ein Mann, Du weißt nicht, wie eine Frau fühlt, gleich gar nicht, wie einer Mutter ums Herz ist, wenn sie allein ist in ihrer schweren Stunde.
Ach, was gelten da die Schmerzen, die man empfindet? Sie sind doch nichts gegenüber der riesengroßen Freude, dass man dem geliebten Manne ein Kind schenken darf, nichts gegenüber der Sehnsucht, ihn zu sehen, wenn er es zum ersten Mal auf seine Arme nimmt!
Und wenn da nur fremde Leute um einen sind, mögen sie noch so gütig und liebevoll sein — ach, Loke — ich kann mir ja nicht vorstellen, dass Du hättest da sein können und nicht da gewesen bist! Dass Du mich auf die Probe stelltest, wo doch mein ganzes Herz so offen vor Dir lag!
Ich will nicht mit Dir rechten. Du bist ein Mann, und die Frau soll dem Manne gehorchen, und so will ich Dich auch nicht fragen, was Du in Wirklichkeit bist —«
»Ich aber muss es Dir sagen, Angela, und Du musst es hören!«, unterbrach er sie.
»Wenn Du musst!«, gab sie zurück und senkte das Haupt.
»Ja, es muss sein, denn Du sollst doch zu mir kommen, wir wollen fortan miteinander leben und uns nur noch trennen, wenn eine Notwendigkeit es unbedingt erfordert. Deshalb muss ich Dir sagen, was ich bin.
Höre, Angela, Du bist nicht die Frau eines gering besoldeten Versicherungsinspektors, Du bist für die Zukunft berufen, über viele Menschen zu herrschen, und Du wirst nicht mehr arm sein und mit den Hellern rechnen müssen, denn Dein Mann ist ein mächtiger Gebieter über ein großes Reich. Seine Untertanen nennen ihn einen Fürsten, wenn auch nicht in dem Sinne, wie dieser Titel sonst gebraucht wird, und wenn ich will, dann stehen alle Schätze der Erde zur Verfügung, Gold und Edelsteine — ich besitze Paläste in allen Teilen der Erde, mir gehört mehr Land als selbst dem mächtigsten Kaiser, den Du Dir denken kannst.
Damit aber nicht genug, Angela! Ich verfüge über ein Wissen, das weit über dem der übrigen Menschheit steht, ich kenne Erfindungen, von denen diese sich nichts träumen lässt, und damit Du es nur weißt: Diese Apparate, mittels deren ich zu Dir sprechen, mich Dir im Bilde zeigen kann, sind ebenfalls meine Erfindungen. Auch das Boot, in dem Du Dich jetzt befindest, gehört dazu und noch vieles, vieles andere!
Ja, Angela, Dein Gatte ist viel, viel mächtiger, als Du Dir vorstellen kannst —«
Da hob sie die rechte Hand, streckte sie abwehrend vor und sagte langsam:
»Und Satan sprach zu dem Herrn: ›Alles, was Du siehst, will ich Dir geben, alle Schätze der Erde sind Dein, so Du vor mir niederkniest und mich anbetest.‹«
Dann senkte sie das Haupt, stand auf, schritt zur Tür, öffnete sie, trat hinaus und schloss sie wieder hinter sich. Langsam trat sie zu dem Bette des noch schlummernden Knaben, setzte sich auf den daneben stehenden Stuhl und barg ihr erblasstes Gesicht in beiden Händen.
Loke Klingsor aber sprach kein Wort mehr. Er fand den Mut nicht dazu, denn er hatte erkannt, dass eine liebende Frau — diese Frau — viel, viel mächtiger war, als er es zu sein behauptet hatte.
Und weiter fuhr das Unterseeboot, ohne dass Angela sich darum kümmerte. Sie lebte, als sei sie daheim, tat ihre Pflicht, betreute ihren Knaben, besorgte die Wirtschaft und setzte sich endlich wieder an die Nähmaschine und arbeitete, als sei sie auf die Groschen angewiesen, die sie verdiente.
Dabei nahm sie von den Vorräten aus dem Schranke nur das, was sie unbedingt brauchte, rührte die seltenen Früchte und andere Leckerbissen, die oft darin lagen, nie an, ebenso wenig wie sie ihrem kleinen Loke das Spielzeug gab, das sie darin erblickte.
Nie wieder betrat sie jenen Raum, nie wieder versuchte sie die Klinke niederzudrücken. Die Tür war für sie nicht mehr vorhanden.
Und Tag um Tag verstrich in der gleichen Weise.
Was aber in ihr vorging, das ward nicht laut, das sagte sie nicht einmal ihrem Gott, zu dem sie wie früher betete. Ihr Herz war stumm geworden, und es nannte weder den Namen Karl Steen noch Loke Klingsor, ja, sie vermied es, künftig ihren Knaben mit diesem Namen anzureden, erfand Schmeichelnamen für ihn.
Und seinen Vater zeigte sie ihm nicht!
Loke Klingsor beobachtete sie fortgesetzt, er hatte die Macht, auch ihr Seelenleben zu erkunden — aber wenn er es einmal tat, dann stellte er die Apparate alsbald wieder ab.
Er wusste, dass er frevelte.
Und das Schwerste stand ihm ja noch bevor.
Er hatte Angela noch nicht gesagt, wer Gladys Glane war, wer der Steuermann, den diese geheiratet hatte!
Aber er glaubte einen Ausweg gefunden zu haben.
Eines Morgens, als Angela sich von ihrem Lager erhob, stutzte sie, wie an jenem ersten Morgen, den sie in dem Boote erlebt hatte.
Wie damals rieb sie sich die Augen, denen sie nicht traute, aber bevor sie noch zur Erkenntnis des neuen Wunders kam, hörte sie ihren Knaben laut jauchzen.
Ein Sonnenstrahl, der durch eins der Fenster kam, hatte ihn geweckt, und nun richtete er sich hastig auf.
»Mami, die Sonne! Wir wollen hinaus!«
Diese Worte konnte er ja noch nicht sprechen, aber was er lallte, das verstand doch Angela, und da wurde es eben zu diesem Ruf.
»Die Sonne!«, stammelte sie.
Sie brauchte keine Vorhänge zurückzuschieben, denn nun brachen Licht und Wärme mit unwiderstehlicher Gewalt in das Stübchen, und Angela schaute nicht erst lange durch die Scheiben, um sich zu vergewissern, wo sie war —
»Mein Herzblatt, ja, die liebe Sonne scheint uns wieder!«, jubelte auch sie. »Da wollen wir rasch hinaus! Komm, komm, dass ich Dich wasche, dass ich Dir Deine Milch gebe!«
Und der Kleine sprang aus dem Bettchen, ließ sich waschen und ankleiden, aß und trank rascher als sonst —
Ja, und dann traten die beiden in den Vorraum, in dem auch heute wieder die Milchflasche gestanden hatte, wie alle Morgen seither, aber heute stand die Tür auf, die sich bei der Abfahrt hinter ihr geschlossen und seitdem nicht wieder geöffnet hatte, und als Angela hinausblickte, musste sie das Händchen ihres Knaben loslassen, um ihre eigenen Hände auf die Brust zu pressen.
Mit leuchtenden Augen schaute sie auf das herrliche Bild, das sich ihr darbot, auf die schlanken Palmen, die ihre Kronen mit den gefiederten Blättern hoch in den tiefblauen Himmel reckten, auf die vielen, vielen anderen seltsamen Sträucher und Pflanzen —
Der kleine Loke aber, der die Treppe hinaufgekrabbelt war, riss sie aus ihrer Verzückung.
Sie eilte ihm nach und auf den Strand, auf das feste Land, das vor ihr lag.
Sie sah, dass es eine Insel sein musste, denn in ewiger Wiederkehr sandte die gewaltige Wassermasse ringsum Wellen heran, die an den Steinen des Strandes zerschellten —
Ach, was fragte sie danach, wo sie war!
Sie hörte doch das laute Jubelgeschrei ihres Knaben, der die Papageien im Astwerk der Bäume erblickt hatte, der die vielen tausend herrlichen Blumen und Blüten pflücken wollte, und da fing sie ihn sich ein, hielt ihn fest mit einem Arme umschlungen, kniete selbst nieder und betete.
Weiter wusste sie nichts zu tun, als Gott zu danken, dass er sie diese Herrlichkeiten schauen ließ.
Erst dann erhob sie sich wieder, den Knaben an der Hand festhaltend.
Gab es hier Menschen? Oder waren sie allein hier?
Loke Klingsor gab ihr keine Auskunft, er hatte nicht wieder zu ihr gesprochen, er hatte die beiden hierher geführt, auf ein Eiland, das er seit langem kannte und liebte, wo er selbst so gern geweilt hatte.
Gerade dieses kleine Paradies hielt er für den richtigen Ort, wo Angela alles vergessen könnte, was sie bedrückte, und er wusste, dass dies am sichersten geschehen würde, wenn er sie allein ließ.
So meldete er sich nicht, aber er beobachtete die beiden bei jedem Schritte, den sie taten, lenkte diese sogar, ohne dass sie es merkten, und führte sie an einem aus dem Innern kommenden Bächlein entlang bis zu jener Hütte, die er dort hatte errichten lassen.
Ach, wie Angela jubelte, als sie diese Hütte erblickte, als sie die Bank davor sah und die herrlichen, schattenspendenden Bäume ringsum.
»Hier werden wir wohnen, Liebling!«, sagte sie. »Hier ist es schön, wunder, wunderschön!«
Und sie setzte sich auf die Bank, den Knaben neben sich, und weil ihr weiter nichts einfiel, um ihn halten, begann sie ihm zu erzählen von dem Paradiese, wie sie es sich vorstellte.
Der Kleine verstand nichts davon, aber als aus dem Buschwerk plötzlich eine Ziege hervorlugte, laut meckernd, da vergaß auch Angela alles andere und lief schnell zu dem Tier, das nicht vor ihr floh, sondern sich willig festhalten ließ.
»Nun haben wir jeden Tag frische Ziegenmilch!«, jubelte sie, als sie das strotzende Euter gewahrte.
Aber sie erschrak auch etwas, denn sie wusste ja nicht, wie man eine Ziege melken muss.
Sie lief in die Hütte, um nach einem Schemel zu suchen, nach einem Topfe.
Und da staunte sie wieder, weil auch dieser Hüttenraum genau so aussah, wie ihr Stübchen, weil auch da alles an dem gewohnten Platze stand. Sie brauchte nicht zu suchen, fand alles, wo sie es zu finden gewohnt war, so hatte sie bald ein Eimerchen und einen Schemel, den ihr Mann einst für den kleinen Loke mitgebracht hatte.
Sie versuchte sich zum ersten Male in der Kunst des Melkens, und es ging immer besser, je länger sie es tat, das Eimerchen füllte sich, sie gab dem Knaben daraus zu trinken —
Auch sie trank — es war wohl das erste Mal in ihrem Leben, dass sie diesen Genuss hatte. Noch nie war sie ja in Bauernhöfen gewesen, und Loke wusste, dass er das Richtige getroffen hatte.
Hier würde und musste Angela den verlorenen Seelenfrieden wiederfinden, und da er durch andere wichtige Dinge und Geschehnisse in Anspruch genommen wurde, so stellte er die Beobachtung der beiden ein, überließ sie sich selbst, um sich nur gelegentlich einmal von ihrem Wohlbefinden zu überzeugen.
Er sah bereits nicht mehr, wie Angela stutzte, als sie noch einmal an den Strand zurückkehrte, um nach dem Unterseeboote zu sehen, in dem sie mit ihrem Knaben hierher gekommen war.
Sie wusste nicht, wie es aussah, hatte es nicht betrachtet, als sie ausstieg, und nun —
Ja, sie sah kein Boot, kein Fahrzeug irgendwelcher Art mehr.
Loke Klingsor hatte es tauchen lassen, es sollte auf dem Meeresboden ruhen, bis es wieder gebraucht würde.
Nun, Angela sorgte sich deswegen nicht.
Ein solches Leben hatte sie sich immer schon gewünscht, umso mehr, als sie es eben gar nicht kannte, und darüber vergaß sie sogar, wenigstens für jetzt, dass sie doch zu ihrem Manne hatte geholt werden sollen.
Das klare Wasser des Baches lockte den Kleinen, er wollte gleich so hinein wie er war, mit Schuhen und Strümpfen.
Das klare Wasser des Baches lockte den Kleinen.
Da entkleidete sie ihn rasch, und weil sie ihn nicht allein lassen wollte, warf auch sie ab, was sie auf dem Leibe trug; dann aber tollte sie mit dem Jungen in dem gar nicht sonderlich warmen Wasser, und sie jauchzten und lachten, der kleine Loke konnte gar nicht genug kriegen —
Ach, das war herrlich!
Noch nie, nie hatte Angela in fließendem Wasser baden können, gleich gar nicht unter Palmen, und es fiel ihnen beiden schwer, wieder ans Land zu gehen.
Der kleine Loke wollte sich nicht wieder ankleiden lassen, auch ihr graute vor dem dicken Kleide, und so lief sie rasch nach der Hütte, um zu sehen, ob dort vielleicht andere Gewänder zu finden seien.
Sie hatte sich nicht getäuscht.
In einem Wandverschlag fand sie für den Knaben ein leichtes Höschen aus Linnen und einen ebenso leichten kleinen Strohhut, für sich aber ein hemdartiges Gewand und einen breiten Schnitterhut, und ohne Zögern kleidete sie sich an, trug dann das Höschen hinaus, und Loke schlüpfte hinein und freute sich über den Hut, den ersten, den er bekam —
So traten sie eine Entdeckungswanderung an, immer dem Bache folgend, und wenngleich der des Laufens ungewohnte Knabe bald müde wurde, so tat das nichts, sie trug ihn, und er jauchzte immer wieder, wenn er etwas Neues erblickte, wenn sie ihm von den Früchten zu naschen gab, die überall aus dem Blattgrün hervorlugten.
Und sie ahnte und merkte nicht, dass sie dadurch bewies, wie sehr sie dem Manne traute, den sie doch nicht hatte wiedersehen wollen!
Nicht ein einziges Mal kam ihr der Gedanke, dass eine der Früchte giftig sein könnte, dass wilde Tiere sie bedrohen, giftige Schlangen vorhanden sein möchten!
»Dann hätte er uns nicht hierher geführt!«
Das empfand sie im tiefsten Innern, und deshalb fürchtete sie sich auch nicht, als sie sich endlich mit dem Kleinen in dem Schatten eines breitästigen Baumes niederlegte auf weiches, grünes Gras.
Stundenlang schliefen sie im Frieden, bis sie endlich wieder erwachten, um sich von Neuem zu freuen.
Es braucht nicht erzählt zu werden, was für wonnige Tage Angela auf diesem paradiesischen Eilande erlebte, wie sie alle Tage neue Entdeckungen machten, immer wieder etwas Schönes fanden, das ihnen entgangen war, und wie sie sich bald daran gewöhnten, dass der Tag um sechs zu Ende war und um sechs wieder begann.
Das heißt, Angela kannte die Stunde schon längst nicht mehr aber sie sah doch, dass die Sonne wie mit einem Schlage da war und ebenso plötzlich wieder verschwand, und da nach ihrer Meinung eben der Tag genau so lang war wie die Nacht, so nahm sie ganz willkürlich an, dass es bei Sonnenaufgang um sechs sei und wieder sechs beim Sonnenuntergange.
Dass sie aus diesem Umstande erraten konnte, in welcher geografischen Breite dieses Eiland lag, das war nicht von ihr zu verlangen; sie hatte nie davon gehört, dass dies nur in den Tropen der Fall sein konnte, in gewissem Sinne sogar nur unter dem Äquator.
Nicht ein einziges Mal sehnte sie sich nach Menschen; sie hatte doch stets einsam gelebt und sie hatte ihren kleinem Loke, der herrlich aufblühte in dieser ebenso herrlichen Natur, wie sie selbst eine ganz andere wurde, ohne dass sie es merkte, bis sie endlich einmal, ehe sie wieder ins Bad stieg, in dem klaren Wasser ihr Spiegelbild sah.
Sie glaubte gar nicht, dass sie das sein könnte, drehte sich unwillkürlich um in dem Glauben, eine andere Frau stände hinter ihr.
Doch sie war allein, und so musste sie schon glauben, dass sie das war, diese reiferblühte Frau, und dabei dachte sie eigentlich zum ersten Mal wieder an ihren Mann — —
Nicht aus Stolz, weil sie so schön geworden war!
»Ob er mich wiedererkennen wird, wenn er mich sieht? Und den Kleinen?«
Wie braun der geworden war und wie stark, wie lustig! Wie fest er auf den strammen Beinchen stand!
»Ach, wenn er doch bei uns sein könnte!«
Unwillkürlich hatte Angela diese Worte gemurmelt.
Loke Klingsor hörte sie nicht, der war zu dieser Zeit gerade mit Karl Willmer auf der Brautfahrt, Sakuntalas wegen, und auch die nächsten Ereignisse ließen ihm ja keine Zeit, sich nach den beiden geliebten Menschen umzusehen.
Das aber sollte er bitter bereuen müssen.
Es war selbstverständlich, dass er die Insel genau untersucht hatte, ehe er Angela und seinen Knaben dort landen ließ. Alles, was den beiden gefährlich hätte werden können, war beseitigt worden, die Ziegen hatte er aussetzen lassen als die einzigen Vierbeiner, die es dort gab. Aber Loke Klingsor hatte einmal vergessen, dass die Natur sich nicht gebieten lässt, auch von ihm nicht.
Und so kam es, dass die beiden auf dem Eiland einen jener entsetzlichen Gewitterstürme erlebten, von denen man sich in gemäßigtem Breiten keinen Begriff machen kann; dass sie angstzitternd in der Hütte hockten, während draußen grelle Blitze unaufhörlich die Nacht zum Tage machten, während nicht nur die Luft, sondern auch der Boden unter der Wirkung dröhnender Donnerschläge erbebte und der Regen auf das Hüttendach trommelte, als kämen nicht Wassertropfen vom Himmel herab, sondern hühnereigroße Kieselsteine.
Es muss gesagt werden: Die beiden fürchteten sich nicht! Der Knabe freute sich über das Zucken der Blitze und über das Knattern der Donnerschläge. Angela aber wusste, dass ihnen nichts geschehen konnte ohne den Willen Gottes.
Und nur eine Sorge hatte sie: dass das Unwetter die liebliche Insel vernichten könnte, alle die Palmen und anderen Bäume entwurzeln müsste.
Ja, arge Verwüstungen waren angerichtet worden, als sie am nächsten Morgen vor die Hütte traten, aber die Insel selbst stand noch, und die Luft war herrlich.
Sie hatte Vorräte an Früchten in der Hütte, auch Milch, sie brauchte nicht hinaus, aber nachdem sie gegessen hatten, kam eine seltsame Unruhe über sie. Sie konnte nicht mehr bleiben, sondern musste hinaus.
Da es kaum etwas kühler war als sonst in den Morgenstunden, so behielt sie das Gewand an, welches sie seit dem ersten Tage ihres Aufenthaltes hier trug. Sie hatte für sich und den Kleinen nur noch ein Paar Sandalen gefertigt, aus Stücken Baumrinde, die unter einem der Bäume am Boden lagen, als seien sie eigens zu diesem Zwecke hingelegt. Sie wusste eben nicht, dass in den Tropen manche Bäume alljährlich einmal die Rinde abwerfen, wie in den gemäßigten Breiten die Bäume im Herbste die Blätter verlieren.
Diese Sandalen aber hielten nicht lange aus. Sie waren zwar geschmeidig genug, um nicht zu brechen, aber sie wurden bald dünn und dann nützten sie eben nichts mehr.
Daraufhin hatte Angela in dem Wandschrank nachgesucht und — ohne dass sie darüber staunte — darin wirklich für sich und den Kleinen passende Schuhe jeder Art gefunden, darunter auch Sandalen.
Diese legten sie nun an die Füße, und so wanderten sie hinaus, um zunächst einmal nach den Ziegen zu sehen, denn außer der, welche sie zuerst entdeckt hatten, gab es noch eine ganze Herde, die aber über das Eiland verstreut war. Auch einige Böcke waren vorhanden. Alle konnten ja nicht in dem Unwetter umgekommen sein, aber in Sorge wegen der Tiere war Angela doch.
Kaum waren sie indes ein Stück von der Hütte fort, da reckte der Knabe das eine Ärmchen empor und lallte ein Wort.
»Smoke!«, sollte es heißen, also Rauch.
Er deutete auch nach der Richtung, in welcher er den Rauch gewahrt hatte, und Angela sah, als sie hinschaute, tatsächlich über den Bäumen Rauch aufsteigen.
Es musste dort sein, wo das Eiland sich zu einem gar nicht hohen Berge — mehr einem Hügel — erhob.
Anfangs war Angela ja gewaltig erschrocken. Sie dachte doch nicht anders, als dass noch andere Menschen auf die Insel gekommen seien und dass es dann mit ihrem Paradiesleben vorbei war.
Der Gedanke, dass dieser Rauch von einem vorüberkommenden Dampfer herrühren könnte, kam ihr jedoch nicht, aus dem einfachen Grunde, weil sie nie einen im Meere gesehen hatte.
Noch viel weniger dachte sie daher an die Möglichkeit, die wirklich vorlag: dass die Insel vulkanisch sei und sich dort oben ein Krater aufgetan haben könnte.
Nur einmal war sie bisher auf dem Berge gewesen, um einen Überblick über das Eiland zu bekommen. Sie hatte sich gar nicht sattsehen können, hatte immer wieder das unendliche Meer angestaunt, dann wieder die grünen Laubmassen, mit denen die Insel ganz überdeckt war, und auch damals hatte sie nicht etwa die Blicke sehnsüchtig nach dem Horizonte gerichtet, ob dort ein Schiff auftauche und sich der Insel nähere.
Sie wollte nicht wieder fort, wollte hier bleiben und hoffte deshalb, wie man eben immer hofft, was man wünscht: dass ihr Gatte zu ihr kommen und hier mit ihr leben würde.
Ach, würde das ein herrliches Dasein werden!
Angela entbehrte doch nichts von den Errungenschaften der Kultur, sie brauchte keine Bücher, kein Theater, kein Konzert und was da alles noch in Frage kommen konnte.
Und ihr Karl, der sich nun Loke nannte, hatte doch auch immer so für die Natur geschwärmt, hatte sie stets ins Freie geführt, wenn er auf Urlaub gekommen war. Aber vielleicht hatte er sich auch da verstellt, hatte diese Liebe zur Natur nur geheuchelt, weil er sie bei seiner Frau fand?
Nun also sah sie, dass auf dem Berggipfel Rauch aufstieg, und, wie gesagt, sie erschrak. Sie wusste für den Augenblick gar nicht, was sie tun sollte. Sie hielt den Kleinen, der ungestüm an ihrer Hand zerrte, zurück, sie wollte nicht dorthin gehen, weil sie hoffte, die fremden Menschen würden wieder verschwinden.
So führte sie den Knaben an den Strand, und dort vergaßen beide das merkwürdige Erlebnis, denn die Wogen hatten die allerschönsten Muscheln und anderes Seegetier auf den Sand geworfen, und da hatten sie so viel zu sehen und sich so viel zu wundern, dass sie gar nicht fertig wurden.
Plötzlich aber war es Angela, als hätte sie wieder fernen Donner gehört. Verwundert schaute sie nach dem Himmel hinauf.
Er war tiefblau wie alle die Tage und vollkommen wolkenlos. Die Sonne schien, nirgends stand eine drohende schwarze Wand, die den nahen Ausbruch eines Gewitters verkündete.
Da nahm Angela an, dass sie sich getäuscht habe; sie musste dem Knaben eine Krabbe entreißen, die noch lebte und sich eben anschickte, ihn zu kneifen, und da — als sie das hässliche Tier in das Wasser zurückschleuderte — hörte sie das dumpfe Dröhnen wiederum.
Auch jetzt konnte sie es sich nicht erklären, es kam eine seltsame Bangigkeit über sie, die sich noch steigerte, als sie auf einmal wahrnahm, dass die vielen Papageien, die auf der Insel lebten, gleich den anderen Vögeln ganz still geworden waren.
Es war so merkwürdig. Totenstille herrschte anstatt des Lärmes, den die beiden sonst zu hören gewohnt waren. Nur das Meer brandete noch gegen den Strand, aber so mäßig und lautlos, dass es die Stille nicht störte.
Unwillkürlich zitterte Angela, eine Ahnung kommender drohender Gefahr war in ihr.
Sie schaute nach der Rauchwolke hinüber. Und da freilich erschrak sie. Inmitten des schwarzen Rauches gewahrte sie einen feurigen Schein. Aber noch dachte sie nur daran, dass ein Feuer dort brennen müsste, von Menschenhand entzündet, und sie legte sich auch gleich alles zurecht, wie es hätte sein können.
Als Tochter des seefahrenden Englands wusste sie doch allerhand von Schiffen und Schiffbrüchen, und sie kannte auch die Geschichte des Matrosen Selkirk, der bekannter unter dem Namen Robinson geworden ist, wie der auf eine einsame Insel verschlagen wird und jahrelang dort lebt.
Also dachte sie ohne Weiteres, der Sturm während der Nacht habe einem Schiffe den Untergang gebracht und die überlebenden Matrosen oder auch Fahrgäste hätten sich auf das Eiland retten können.
Nun hätten sie den Berg erklommen, weil sie von dort Ausschau nach vorüberkommenden Schiffen halten wollten, hätten auch ein Feuer angebrannt, das als Signal dienen sollte.
Das Dröhnen, das eben wieder erklang, rührte dann vielleicht von Signalschüssen her, sagte sie sich weiter, und wenn ihr auch noch bange war, wenn ihr ganz und gar nichts daran lag, hier Gesellschaft zu bekommen, so hielt sie es doch für ihre Pflicht, den Berg zu ersteigen und sich zu überzeugen, ob sie richtig vermutet habe.
Sie wollte nicht erst lange zögern mit dem Wege, und so nahm sie den Knaben an der Hand und folgte wieder dem Laufe des Baches, der ja von jenem Berge herabkam, auf dessen halber Höhe er entsprang. Von der Quelle aus aber führte ein schmaler Pfad weiter empor. Loke Klingsor hatte ihn anlegen lassen — —
Mit keinem Gedanken dachte Angela daran, dass ihr eine Gefahr drohen könnte; sie traute keinem Menschen etwas Böses zu, und als der Knabe müde ward, trug sie ihn, bis sie endlich an jene Stelle gelangte, von der aus sie einen Blick nach der Höhe des Berges hatte.
Sie sah keine Menschen, sah auch kein von solchen angebranntes Feuer brennen, aber sie sah, dass die Flammen aus dem Innern des Berges kamen, ebenso der Rauch.
Da wusste sie sogleich, woran sie war. Das war ein feuerspeiender Berg, und weil sie nur einen einzigen solchen auf dem Bilde gesehen hatte, den Vesuv, so nannte sie diesen Berg hier auch gleich so.
»Ein Vesuv!«, murmelte sie und ihr Herz stand eine Sekunde fast still.
Loke hatte ihr so manches von der weiten Welt erzählt, wenn er heimkam, auch einmal von dem Vesuv, und da hatte er gleich mit berichtet, wie dieser einst in gewaltigem Ausbruche zwei blühende Städte unter glühender Asche begraben hatte, deren Namen sie nicht mehr wusste — dass Tausende von Menschen dabei umgekommen seien. Sie hatte nächtelang von diesem großen Unglück geträumt.
Und nun war hier auf der Insel ein solcher Vesuv, der auch Feuer und Rauch ausspie!
Und da wusste Angela, dass das Dröhnen, das sie vernommen hatte, nicht von einem fernen Gewitter her rührte, ebenso wenig wie von Signalschüssen, sondern dass es von diesem Berge ausging, aus dem Innern der Erde selbst kam.
Sie spähte schon nach einem Strome glühender Lava, der vorhanden sein musste und doch ebenso wenig zu sehen war wie ein Ascheregen vom Himmel herabsank.
Da besann sie sich, dass solche feuerspeiende Berge nur von Zeit zu Zeit ausbrechen, dass manche von ihnen vollkommen harmlos geworden sind. Auch das hatte ihr Mann ihr erzählt.
Und als sie an diesen dachte, da machte sie sich auch gleich Vorwürfe, weil sie so kleinmütig gewesen war. Was auch zwischen sie getreten war, das Vertrauen zu ihrem Gatten hatte sie nicht verloren. Sie wusste, dass er sie nicht auf diese Insel geschickt hätte, wenn ihnen dort eine Gefahr drohte.
Und so kam sie allmählich so weit, dass sie nur noch Freude an diesem großartigen Schauspiele empfand, keine Furcht mehr.
Aber ganz hinauf wagte sie sich doch nicht, wagte nicht, einen Blick in den Krater zu tun.
Nach einer Weile machte sie sich auf den Heimweg, und als ihr auf diesem zwei ihrer Ziegen begegneten, ihr freudig meckernd entgegensprangen, da vergaß sie erst recht alles andere, und der kleine Loke ahnte ja nichts von einer Gefahr, er spielte wie alle Tage seine kindlichen Spiele, patschte im Bache herum und schlief, wenn er müde ward, im Schatten irgend eines Baumes oder Strauches.
So vergingen wieder einige Tage.
Der Berg sandte seine Rauch- und Feuersäule weiter am blauen Himmel empor, der Boden dröhnte von Zeit zu Zeit, aber die beiden kümmerten sich nicht mehr darum.
Und wieder brach ein neuer Tag an mit Sonnenschein und Papageiengekreisch.
Angela erhob sich, um ihr Morgenbad zu nehmen, an das sie sich nun längst gewöhnt hatte, das sie nicht mehr entbehren zu können glaubte, und dabei kam ihr der Gedanke, doch mal zu versuchen, ob sie nicht einen der Papageien fangen und zum Sprechen abrichten könnte.
Sie hatte eben ihr Gewand abgestreift und schickte sich an, in das Wasserbecken zu steigen, das sie in dem Bachgrund ausgehöhlt hatte, da schrak sie wieder einmal zusammen.
Wieder krachte es und dröhnte es, aber anders als bisher, auch anders als damals bei dem Gewitter.
Und diesmal kam der Donner von der See her.
Angela bog die Büsche zur Seite, mit denen ihr Badeplatz umgeben war, und spähte nach dem Meere hinüber.
Ihr Herzschlag stockte, sie presste unwillkürlich beide Hände auf die Brust. Das hatte sie nicht erwartet.
Dort draußen lag ein ziemlich großes Schiff, und eben stieg aus einer seiner Seiten eine Rauchwolke auf, von einem grellen Feuerschein beleuchtet. Ein Kanonenschuss! Dann folgte ein dritter, und darauf ward es wieder still.
Deutlich aber gewahrte Angela, wie es auf dem Schiffsdeck von Menschen wimmelte, und zwar von merkwürdig bunt gekleideten Menschen.
Sie sah, wie man drüben ein Boot zu Wasser fierte. Das alles kannte sie ja, sie war an den Londoner Docks gewesen.
Jedenfalls wollten die Fremden auf dem Schiffe nach der Insel kommen. Aber was wollten sie hier?
Ohne zu warten, bis die Sonne sie getrocknet hatte, streifte Angela ihr Gewand wieder über und eilte nach der Hütte.
Der kleine Loke schlief noch, sie weckte ihn noch nicht, sie überlegte in fiebernder Hast, was sie tun sollte, fliehen oder bleiben?
Die Hütte lag etwas versteckt, konnte von dem Strande aus nicht gesehen werden, aber dass die Fremden sie überhaupt nicht finden sollten, war doch ausgeschlossen.
Was also tun? Angela misstraute den Fremden nicht ohne Weiteres, aber sie war doch scheuer geworden als vorher, und sie empfand, dass sie schutzlos war.
Aber da fiel ihr ein, was ihr Mann ihr einst gesagt hatte: Kein echter Mann würde sich jemals an einem wehrlosen Weibe vergreifen, erst recht nicht an einem Kinde.
»Ich bleibe!«, murmelte sie also.
Nur nach dem Wandschranke lief sie und wollte das Kleid anziehen, in dem sie hergekommen war. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie nicht in dem hemdartigen Kittel den Fremden entgegentreten dürfte.
Ja, sie wollte es anziehen, aber es ging nicht mehr. Es passte nicht, ließ sich namentlich über der Brust nicht mehr schließen, so sehr sie sich auch mühte.
Da streifte sie es rasch wieder ab, dachte nicht daran, nach einem vielleicht vorhandenen anderen zu suchen, legte das vorige wieder an und trat erst einmal vor die Hütte, ging so weit vor, dass sie den Strand übersehen konnte.
Sie kam eben zur rechten Zeit, um zu sehen, dass ein ziemlich langes Boot dort anlegte, wunderte sich noch, dass es nicht von Rudern getrieben wurde, ebenso wenig aber eine Esse vorhanden war, die auf eine Hilfsmaschine schließen ließ, nahm aber gleich an, dass ein Elektromotor vorhanden sein müsse. Denn das eben kannte sie von daheim.
Viel mehr als diese Nebensache nahm das Aussehen der Fremden ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.
Sie wusste für den ersten Augenblick überhaupt nicht, ob das Männer waren oder Frauen, denn alle waren in weite, farbenbunte, sogar sehr prächtige Gewänder gehüllt.
Dann aber erkannte sie die schwarzen Bärte, und da wusste sie Bescheid.
London ist eine internationale Stadt, in welcher man Vertreter aller Rassen sehen kann, namentlich an den Docks, und so hatte auch Angela gleich eine Ahnung, dass diese Fremden Orientalen sein mussten; sie wusste aber da keinen Unterschied zwischen Türken, Indern und so — —
Den Atem anhaltend, als dürfe sie sich nicht verraten, stand sie und beobachtete die Fremden, die nun alle auf den Strand gekommen waren, ganz zuletzt ein weißbärtiger, würdig aussehender Greis, der der Vornehmste sein mochte, denn ehe er das Boot verließ, wurde ein Teppich über den Sand gebreitet, und dann folgte ihm auch ein kohlschwarzer Neger, der einen seltsam geformten Sonnenschirm über das Haupt des Greises hielt.
Angela wusste wirklich nicht, ob sie träumte oder wachte. Furcht hatte sie nicht, denn die Fremden sahen nicht bösartig aus, hatten allerdings an der Seite blitzende Säbel oder Schwerter hängen und schienen in den Gürteln, als welche sie Seidenschärpen benutzten, auch noch andere Waffen zu tragen.
Nun hatten die zuerst Ausgestiegenen am Strande die Fußspuren entdeckt, die Angela und der kleine Loke dort erzeugt hatten.
Einer machte den andern darauf aufmerksam, endlich wies man sie auch dem Greise, der sie betrachtete und dann einige Befehle zu geben schien.
Sofort verfolgten zwei der Männer die Spuren, und Angela wusste nun, dass sie sich nicht länger zu verbergen brauchte, dass sie bald entdeckt sein würde.
So kehrte sie zu der Hütte zurück, setzte sich auf die Bank davor und wartete, bis die Männer auftauchten.
Sie stutzten bei ihrem Anblick, aber nicht zu sehr, sie hatten doch längst gewusst, dass sie hier eine Frau finden würden. Der Anblick der wohnlich aussehenden Hütte war sicher für sie viel befremdlicher als der der Frau. Angela erhob sich und ging auf die Männer zu.
Das lange herrliche Blondhaar umwallte sie wie ein kostbarer Schleier, und obgleich sie von der Sonne gebräunt war, mussten die Fremden doch erkennen, dass sie eine Weiße war.
Sie neigten sich tief vor ihr, die Arme über der Brust kreuzend, und schon wollte Angela diesen Gruß erwidern und sie fragen, was sie hier suchten, da kam ihr ganz plötzlich ein Gedanke, der sie ängstigte.
Die Fremden würden sie doch ganz sicher fragen, wie sie hierher gekommen sei, und was sollte sie ihnen dann erzählen?
Ganz abgesehen davon, dass Angela keiner Lüge fähig war, hätte sie doch das Vorhandensein der Hütte mit der europäischen Einrichtung erklären müssen, und da konnte sie nicht vorgeben, sie selber habe sie gebaut, habe von dem gestrandeten Schiffe nach und nach alles geholt, was jetzt darin war.
Sie hatte, wie schon erwähnt, den Robinson gelesen, wusste also, wie mühselig dieser sich hatte behelfen müssen, und er war ein Mann gewesen, der allerlei Fertigkeiten verstand!
Ein Weib aber konnte niemals eine solche Hütte bauen, auch wenn es die besten Werkzeuge gehabt hätte, die hier nicht vorhanden waren. Was also sollte sie den Männern sagen?
Sie konnte ihnen doch nicht sagen, wie sie hierher gekommen war, dass sie hier auf ihren Mann wartete — ebenso wenig all das andere!
Lügen wollte und konnte sie nicht, sich aber auch nicht ausfragen lassen. Da blieb nur eine Möglichkeit, und diese fiel ihr in diesem Augenblicke ein, als hätte Gott selbst ihr diesen Gedanken geschickt.
»Ich muss mich stummstellen!« , sagte sich Angela. Als Frau dachte sie noch nicht an die Konsequenzen, die sich daraus ergeben würden; sie sollte erst später mit Schrecken darauf aufmerksam werden.
Vorläufig erwiderte sie also den Gruß der beiden Fremden mit einem leichten Neigen des Kopfes, was aber von ihnen nicht bemerkt wurde, da sie sich ja verneigten. Dann aber richteten sie sich wieder auf, nun freilich staunten sie unverhohlen.
So herrliches Goldhaar hatten sie überhaupt noch nicht gesehen, ebenso wenig solche blaue Augen.
Für sie als Orientalen war das ein Wunder, und so verneigten sie sich nochmals, um dann auf eine Anrede der Frau zu warten.
Angela aber schwieg, deutete nur mit einer Hand nach der Hütte und forderte die beiden auf, ihr dorthin zu folgen.
Da hob der eine zu sprechen, zu fragen an, sich gleich der englischen Sprache bedienend, die ja eben fast überall verstanden wird, und so hörte Angela ihn fragen.
»Wer bist Du, weiße Frau?«
Sie lächelte, deutete auf ihren Mund und schüttelte den Kopf.
Die beiden sahen einander an, und dann fragte der erste wieder:
»Du bist stumm?«
Da nickte Angela, ohne dass sie ihr Lächeln einstellte, als fände sie nichts Beklagenswertes darin, dass sie nicht sprechen konnte.
»Aber Du hörst und verstehst mich?«
Wieder nickte Angela.
Der Orientale ist kein neugieriger Frager, er spricht überhaupt wenig, hält Selbstbeherrschung für die erste Pflicht des Mannes, und außerdem hat er ja den festen Glauben, dass sein ganzer Lebenslauf von Anfang an durch das Schicksal bestimmt sei, dass er aus eigener Kraft nichts, aber auch gar nichts daran ändern könne, und da bleibt sich vollständig gleich, ob man dies Fatum oder Kismet nennt.
Das kam hier zur Geltung. Diese weiße Frau war stumm. Daran ließ sich nichts ändern. Kismet!
Die beiden folgten Angela nach der Hütte, blieben aber vor dieser stehen, und sie tat weiter nichts, als dass sie zum Bettchen des Knaben trat, der eben aufwachte, dass sie ihn heraushob und mit ihm auf dem Arme wieder ins Freie trat.
Die beiden Fremden staunten wiederum, obwohl sie also gewusst hatten, dass sie hier ein Kind finden würden, vielleicht schon aus dem Fußabdruck feststellend, dass es ein Knabe sein musste.
Sie staunten also aus einem anderen Grunde, den sie jedoch höchstens durch die Blicke verrieten, die sie miteinander tauschten.
Und sichtlich hatte der eine, der Angela angeredet hatte, Mühe, einen Namen zu unterdrücken, der ihm beim Anblick des Kindes unwillkürlich auf die Lippen hatte treten wollen, den diese jetzt aber nur lautlos murmelten, und den Angela, welche die beiden scharf beobachtete, doch lesen zu können meinte.
» L o k e ! « , h a t t e d e r M a n n s a g e n w o l l e n .
Und das war der Name, mit dem sie Karl Steen jetzt nennen sollte. Angela war nicht gelehrt, aber klug, hatte natürlichen Verstand. Dazu kam der Instinkt der liebenden Frau. Sie reimte sich zusammen, was hier vorging.
Die beiden hatten aus dem Gesicht des Knaben sofort erkannt, wer sein Vater war, mussten diesen also schon gesehen haben, kannten auch seinen Namen!
Angela zog vorläufig nur einen Schluss daraus, dass sie noch mehr als bisher auf der Hut sein müsse, nichts verraten dürfe.
»Ist das Dein Sohn?«, fragte da der Fremde auch schon. Sie nickte.
»Und sein Name?«
Ja, den konnte die Stumme eben nicht aussprechen.
Der Frager lächelte.
Der Kleine hatte sich bisher ganz still verhalten, die fremden buntgekleideten Männer gefielen ihm, aber ihre schwarzen Barte und die blitzenden Augen wieder erschreckten ihn.
Da zog der eine, der den Sprecher machte, aus einem Beutel an seinem Gürtel eine Handvoll bunte, blitzende Steine hervor und hielt sie dem Knaben hin.
Sofort griffen die Händchen nach dem neuen Spielzeug, aber der Mann zog es zurück.
»Wie heißt Du denn, mein Knabe?«, fragte er.
»Loke!«, kam gleich die Antwort, mit dem ganzem Stolze des Kindes gegeben, das sein erstes Wissen zeigt.
Angela hatte es nicht verhindern können; sie verlor ihre Ruhe auch jetzt scheinbar nicht, selbst dann nicht, als sie gewahrte, wie die beiden einen Blick tauschten, aus dem Freude leuchtete.
»Er heißt Loke?«, fragte der Sprecher nun sie selbst.
Da musste sie eben nickend bestätigen, dass er recht hatte. Lügen wollte sie auf keinen Fall.
»Wie sein Vater?«
Das war nun eine andere Frage. Sie hob beide Achseln zum Zeichen, dass sie diese Frage nicht verstehe .
»Ich meine, ob der Knabe nach seinem Vater genannt ist, dieser also ebenfalls Loke heißt?«
Ja, da konnte er lange fragen. Das verstand Angela eben nicht, denn sie hatte auf einmal Verdacht geschöpft, dass sich hinter dieser dringlich gestellten Frage vielleicht eine Feindschaft gegen ihren Gatten verbergen könnte.
Mochten sie von ihr denken, was sie wollten, sie stellte sich unwissend. Dementsprechend hob sie abermals die Schultern.
Da stellte der Fremde zunächst sein Fragen ein und bat:
»Komm mit uns! Wir sind zufällig mit unserem Schiffe an die Insel geraten und hier gelandet. Wir werden Dich aus deiner unfreiwilligen Einsamkeit erlösen, Dich mit uns nehmen, dass Du wieder zu Menschen kommst. Unser gnädiger Herr wird sich freuen, Dir helfen zu können.«
Es schien, als hätte er noch etwas hinzusetzen wollen, was er aber nun für sich behielt, und in der Tat hatte er ihr sagen wollen, dass sie den weißbärtigen Greis als Radscha ansprechen müsse, aber da sie doch stumm war und nicht reden konnte, so brauchte sie das nicht zu wissen; sie würde es schon hören, wenn er angeredet wurde.
Angela aber dachte nicht daran, mit den Fremden zu gehen.
Warum sie das nicht tat, hätte sie allerdings nicht sagen können. Jedenfalls schüttelte sie sofort den Kopf, deutete auf ihre Hütte und dadurch an, dass der Herr zu ihr kommen möge.
Darauf redeten die beiden in einer unbekannten Sprache leise miteinander, neigten sich abermals und entfernten sich.
Angela aber musste zu der Bank eilen und sich darauf niedersetzen, denn ihre Knie drohten unter ihr zu brechen. Was für Menschen waren das nur?
Sie kannten Loke. Das war ihr klar. Aber konnten sie denn irgendwie erfahren haben, dass er seine Frau auf diese Insel gebracht hatte, sie von dort wieder holen wollte?
Auf keinen Fall wollte sie sich fortbringen lassen, das fremde Schiff betreten, denn dann würde ihr Mann sie vergebens suchen. Sie ahnte doch nicht, was Loke Klingsor alles vermochte.
Und erst recht nicht wollte sie sich von dem Kinde trennen, dieses sich etwa entreißen lassen! Was aber würde nun werden?
Rasch gab sie dem Knaben zu trinken, ließ ihn aber nicht aus ihren Armen, so sehr er fortstrebte, und leise raunte sie ihm zu:
»Sei brav, Herzchen! Bleibe bei Mutti!«
Loke war immer gehorsam gewesen, kannte es gar nicht anders, und so schmiegte er sich auch jetzt an sie, ohne zu ahnen, welche Qualen der Ungewissheit die Seele seiner Mutter marterten.
Angela erkannte doch jetzt, dass sie ein gewagtes Spiel unternommen hatte! Die Männer mussten erkennen, dass sie nicht stumm war, denn dann hätte sie doch ihren Knaben nicht reden lehren können, dann hätte er ja nicht stumm zu sein brauchen, aber doch unfähig, Worte zu bilden, da er nie welche gehört haben konnte.
Ja, wenn die Fremden nicht ganz dumm waren, mussten sie das merken. Und dann mussten sie auch die Lüge durchschauen, die einzige, deren Angela sich schuldig machte, abgesehen davon, dass sie eben nichts von einem Manne wissen durfte, der Loke hieß.
Ach, sie fürchtete sich vor dem Ausgefragtwerden und bereute schon, dass sie gleich verraten hatte, dass sie Englisch verstand. Viel besser wäre gewesen, sie hätte getan, als verstände sie keine der Fragen und wäre dabei geblieben, in welcher Sprache sie auch angeredet worden wäre.
Aber auch das hätte sie nicht auf die Dauer durchführen können! Der Knabe verstand doch Englisch! Und ihm konnte sie nicht beibringen, dass er nicht antworten dürfe! Das war es! Sie hatte geglaubt, sehr klug zu sein, und war sehr töricht gewesen! Nun aber konnte sie nicht die einmal begonnene Rolle aufgeben! Die Gedanken irrten in fieberhafter Hast durch den Kopf Angelas, ohne dass sie einen rettenden Ausweg fand.
Da sah sie auch schon die ganze Schar der Fremden an dem Bache entlang herankommen, den Weißbärtigen voraus, immer noch von dem Schirme gegen die Sonnenstrahlen geschützt, den der Neger trug, die anderen paarweise gehend.
Angela sandte ein Stoßgebet zum Himmel empor, dass dieser ihr helfen möge, aber sie gab sich auch alle Mühe, äußerlich ruhig zu erscheinen, und so erhob sie sich abermals und ging dem Fremden entgegen.
Sie sah, wie dieser erst sie prüfend betrachtete, dann aber seine Blicke nur auf dem Knaben haften ließ, und da wusste sie erst recht, dass dieser seinem Vater, diesem Loke Klingsor, ähnlich sah, was ihr eben gar nicht weiter aufgefallen war.
Dieser Greis kannte ihren Mann. Das freute sie in gewissem Sinne, und gleichzeitig flößte es ihr Furcht ein — aber sie lächelte freundlich und lud durch eine Handbewegung den Weißbart ein, neben ihr auf der Bank Platz zu nehmen.
Dieser jedoch hob eine Hand, die von kostbaren Ringen funkelte. Einer aus seinem Gefolge breitete einen dicken, wenn auch kleinen Teppich über den Boden, und ehe der Greis sich auf diesem nach orientalischer Art mit untergeschlagenen Beinen niederließ, hatte schon ein anderer eine kostbar mit Goldmalereien überdeckte Glasflasche mit seltsam hohem Halse vor ihn gestellt, von der ein roter, mit Golddraht umwundener Schlauch ausging; oben darauf war ein weißer Becher, aus dem duftender Rauch sich kräuselnd in die Luft hob.
Es war eine indische Huka, eine Wasserpfeife, bei welcher der Rauch also durch das in die Flasche gefüllte duftende Wasser gehen und sich darin reinigen muss. Angela staunte diese seltsame Pfeife an, dergleichen sie noch nicht gesehen hatte; Loke wollte sogar nach den blauen Rauchwölkchen haschen, aber sie presste ihn an sich, und dann sah sie zu ihrer Erleichterung, dass der Greis seinen Begleitern ein Zeichen gab, sich zurückzuziehen. Er wollte also allein mit ihr sprechen, sie vielmehr allein ausfragen, da sie ja nicht antworten konnte. Aber so weit war es noch nicht.
Mit orientalischer Gelassenheit, für welche Zeit überhaupt nicht in Frage kommt, blies der Greis eine ganze Weile schweigend den Rauch in die Luft, bis er endlich zu sprechen, gleich zu fragen anhob.
»Du bist allein hier mit Deinem Knaben?«
Angela nickte, und da eben eine der Ziegen auftauchte, so deutete sie lächelnd auf das Tier, als wollte sie sagen, das sei ihre einzige Gesellschaft.
»Wie bist Du hierher gekommen?«
Angela schüttelte den Kopf.
»Bist Du auf einem Schiffe gewesen, das scheiterte?«
Nein, das war nicht so. Angela log deswegen nicht, sie betrachtete eben das geheimnisvolle Boot nicht als Schiff.
»Dann hat jemand Dich hierher gebracht?«, fragte der Greis weiter.
Sie zuckte die Achseln.
»Du musst doch aber wissen, wie Du auf diese Insel gekommen bist!«
Nein, das konnte sie mit gutem Gewissen bestreiten. Der Frager schaute sie ratlos an.
Plötzlich blies er eine starke Rauchwolke vor sich hin, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, und sagte:
»Dein Mann, der Loke heißt wie Dein Knabe, hat Dich hierher gebracht. Ist es so?«
Die Rauchwolke hatte sich verflüchtet. Angela sah in zwei scharf auf sie blickende dunkle Augen, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf und zuckte auch noch die Schultern. Das verstehe sie nicht, bedeutete das.
»Wer hat diese Hütte errichtet?«
Das wusste Angela nicht, da brauchte sie wiederum nicht zu lügen.
»Bist Du schon lange hier?«
Das hätte Angela sowieso nicht sagen können, denn sie hatte die Tage nicht gezählt, und einen Wechsel der Jahreszeiten schien es hier ja nicht zu geben.
»Bist Du immer allein mit Deinem Knaben gewesen?«
Da durfte sie getrost nicken.
»Aber manchmal kommen auch andere Menschen hierher?«
Nein, das war nicht der Fall.
»Sehnst Du Dich fort von hier?«
Angela schüttelte heftig das Haupt.
»Du kannst doch aber nicht immer allein bleiben auf dieser einsamen Insel, Du musst Dich nach Menschen sehnen.«
Nein, das war nicht so, sie brauchte keine.
»Du hast doch aber unter Menschen gelebt, sonst könntest Du mich nicht verstehen. Bist Du eine Engländerin?«
Angela zögerte einen Augenblick, ehe sie antwortete, nickte jedoch, da sie keine Gefahr darin sah, wenn sie das zugab.
»Woher? Aus London?«
Das gab sie zu.
»Warst Du auch dort allein?«
Jawohl, da brauchte sie nicht zu lügen. Ihr Mann war ja fast nie heimgekommen, und die Nachbarin zählte nicht mit, von der wollte der Greis sicher nichts wissen.
»Wo hast Du da gewohnt?«
Ja, das konnte sie eben nicht sagen.
»Kannst Du schreiben und Geschriebenes lesen?«
Das war nun wieder eine verfängliche Frage, deren Tragweite Angela sofort erkannte, denn wenn sie bejahte, dann musste sie eben aufschreiben, was sie nicht sagen konnte.
Nach kurzem Kampfe mit sich selbst sagte sie sich, dass Gott ihr diese Lüge sicher verzeihen würde, die sie doch nicht ihretwillen aussprach. So schüttelte sie den Kopf.
Aber der Greis stellte sie aus die Probe. Er schrieb mit einer Hand in den Sand vor den Teppich ein Wort, ohne dabei die Blicke von ihrem Gesicht zu wenden, und das eben gab Angela die Kraft, sich ganz ahnungslos zu stellen, obwohl er den Namen Loke hingemalt hatte.
Da ließ er sich täuschen und glaubte ihr, schien aber auch kurze Zeit ratlos, was er mit ihr nun noch beginnen sollte.
Er wollte es mit dem Knaben versuchen, der ja sprechen oder doch wenigstens lallen konnte. Zuvor aber fragte er noch:
»Von wem hat Dein Knabe sprechen gelernt?«
Unwillkürlich deutete Angela auf sich, ärgerte sich zwar sogleich darüber, konnte aber nichts mehr zurücknehmen, obwohl sie das Aufblitzen der dunklen Augen gleich gewahrte.
Desto mehr war Angela nun auf der Hut, als der Greis fragte:
»Du warst also nicht immer stumm?«
Sie musste natürlich den Kopf schütteln, durfte aber wieder die Achseln zucken, als er fragte, seit wann sie die Sprache verloren habe.
»In London hast Du noch reden können?«
Ja, das hatte sie gekonnt.
»Und bei welcher Gelegenheit merktest Du, dass Du nicht mehr sprechen konntest?«
Das konnte sie wieder nicht sagen.
»Wie verständigst Du Dich denn mit Deinem Knaben?«, fragte er da.
Nun, das war eine Frage, die er nicht an eine Mutter hätte richten dürfen. Mutter und Kind verstehen sich bekanntlich ohne Worte, aber der Inder hatte sich gewiss niemals um seine eigenen Kinder gekümmert, wusste nicht, wie Mutter und Kind sich verständigen.
Angela machte es ihm nicht klar, da musste er sehen, wie er auf den richtigen Weg kam. Er wendete sich an den Knaben.
»Loke!«, rief er lockend.
Der Kleine schaute ihn an.
»Wo ist Dein Vater?«
»Vati!«, wiederholte der Knabe jauchzend.
»War Vati bei Dir?«
Ja, da konnte er den ganzen Tag fragen, ohne dass eine andere Antwort erhielt, als dass der Kleine eben sein »Vati!« jauchzte, und auch sonst konnte er den Knaben nicht aushorchen, dazu war der noch zu jung, und was er doch erfahren hätte, das war so gut wie nichts.
Angela war froh, dass sie den Knaben nicht mit in die geheimnisvolle Kammer genommen hatte, dass er nicht jenes Bild kannte, und als sie das dachte, erschrak sie doch wieder.
Wenn ihr Mann jetzt gerade Zeit hätte und mal wieder mit ihr plaudern wollte, was er doch die ganze Zeit nicht getan hatte?
Sie hätte sich deswegen nicht zu ängstigen brauchen, denn Loke Klingsor sprach doch niemals zu ihr, ohne dass er sie vorher auf einer der roten Wände sah, wusste, was sie tat, ob sie allein war.
Sie freilich wusste das nicht, aber sie konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn der Greis sagte jetzt:
»Ich kann nicht verantworten, Euch beide auf dieser einsamen Insel allein zu lassen. Ich werde Euch mit mir nehmen und verspreche Dir, alles aufzubieten, dass wir den Mann finden, der zu Dir gehört, den Vater Deines Kindes. Oder weißt Du, dass er tot ist?«
Er brauchte die Antwort nicht abzuwarten, sah doch aus der Art, wie sich Angela nach dem Herzen fasste, wie der bloße Gedanke sie erschreckte, und so fuhr er fort:
»Ich habe bei meinen Fahrten kein bestimmtes Ziel, deshalb verschlägt es mir nichts, wenn ich Dich persönlich nach London bringe. Dort wirst Du mich an das Haus führen, wo Du früher wohntest, und dann wird es mir leicht sein, alles zu erfahren, was Dich betrifft. Du selbst kannst mir ja nichts sagen, nicht einmal Deinen Namen, Deine Wohnung, Du kannst auch nicht schreiben, was mich eigentlich wundert, da die Engländer sonst alle diese Kunst verstehen.
Aber sei dem so, ich will Dir helfen und ich denke, Du wirst mir vertrauen, dass ich Dein Bestes will. Nicht wahr, Du gehst mit auf mein Schiff?«
Nun, da hatte er sich eben verrechnet.
Angela schüttelte heftig den Kopf, presste den Knaben eng an sich und machte Miene, in die Hütte zu flüchten. Das war eine so deutliche Ablehnung, dass der Greis nicht im Zweifel sein konnte. Er ließ sich nicht beirren.
»Du kannst doch aber nicht immer hier bleiben. Dein Knabe muss unter Menschen, muss etwas lernen — —«
Angela schüttelte noch heftiger als zuvor den Kopf, deutete auf den Boden zu ihren Füßen und drückte so ganz deutlich aus, dass sie bleiben wollte, wo sie war.
Aus den Augen des Greises traf sie ein fast drohender Blick, der sehr im Gegensatz zu seinem bisherigen gütigen Wesen stand. Es war aber nur ein Blitz, er hatte sich schnell wieder in der Gewalt.
»Wenn Du so töricht bist und mein Angebot missachtest, dann werde ich Dich zwingen müssen!«, sagte er.
Da aber richtete Angela sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie sah wirklich hoheitsvoll aus, als sie so vor ihm stand, und vor den Blicken, die sie auf ihn richtete, musste er seine Augen niederschlagen. Er hatte eben wirklich noch keine Mutter gesehen, die sich und ihr Kind verteidigt!
Und als er die Augen wieder zu ihr hob, sah er, dass sie die rechte Hand gebietend ausgestreckt hatte. Sie wies ihn von sich.
Er lächelte nicht spöttisch, wozu er berechtigt gewesen wäre, denn gegen seine Begleiter konnte sich die schwache Frau ja doch nicht wehren, aber er hatte seinen Plan gefasst — —
So stand er auf, verneigte sich vor ihr und sagte noch:
»Wir werden uns noch weiter sprechen!«
Dann eilte der Neger herbei, um ihn wieder zu beschirmen, ein andrer trug die Huka fort, ein dritter rollte den Teppich zusammen, und dann verschwanden alle die Fremden wieder hinter den Büschen.
Angela war allein mit ihrem Knaben und hatte nun Zeit, sich alles nochmals zu überlegen, was eben geschehen war.
Ganz zufrieden war sie mit sich nicht, aber umso fester stand ihr Entschluss, sich nicht fortführen zu lassen.
Hierher war sie von ihrem Manne gebracht worden, hier wollte sie ihn unter allen Umständen erwarten!
Und wenn die Fremden Gewalt brauchten? Ja, dann musste sie eben fliehen, musste sich irgendwo verbergen. Ein Versteck würde sie schon finden. Aber wenn die Fremden Hunde an Bord hatten? Ach, wozu sorgte sie sich unnütz! Und doch wollten die marternden Gedanken nicht nachlassen. Wenn sie doch jetzt mit ihrem Karl hätte sprechen können, mit ihrem Loke! Aber der ahnte ja nicht, was ihr geschehen war, half ihr nicht in dem furchtbaren Zwiespalt, und sie selber hatte keine Möglichkeit, ihn anzurufen.
Sie ließ den Knaben zu Boden gleiten, dass er spielen könnte, duldete aber nicht, dass er sich aus ihrer nächsten Nähe entfernte. Sie traute den Fremden nicht und hatte sehr wohl gemerkt, dass ihnen an dem Kinde weit mehr lag als an ihr selbst.
Woher kannten diese Menschen ihren Mann?
Dieser hatte ihr doch offenbart, dass er ein sehr mächtiger und reicher Herr sei, ein Fürst. Konnte es da nicht möglich sein, dass er mit einem anderen Fürsten in Feindschaft lebte, dass ein Krieg zwischen ihnen entbrannt war? Und dass dieser Fürst nun hier die Frau und das Kind seines Feindes durch einen Zufall entdeckt hatte? Oder schon vorher gewusst hatte, dass er sie beide hier finden würde?
Nur eins stand in Angela mit vollkommener Sicherheit fest: Auf keinen Fall durfte sie sich den Knaben entreißen lassen! Ohne ihn hätte es für sie kein Wiedersehen mit dem geliebten Manne gegeben!
Und wenn es ihr Leben galt? Dann starb sie mit dem Knaben!
So weit war sie mit ihrem Nachdenken gekommen, als sie durch Musik aufmerksam wurde, die vom Strande her erscholl.
Der Kleine lauschte ebenfalls, schickte sich an, hinzulaufen, klatschte in die Händchen.
Rechtzeitig hielt Angela ihn fest und sprach leise auf ihn ein, sich dabei zum ersten Mal scheu umsehend, um sich zu vergewissern, dass sie nicht belauscht wurde.
Er ließ sich halten, lauschte aber ebenso wie sie, und sie merkte, dass die fremdartige Musik näher und näher kam, sah auch bald wieder bunte Gestalten auftauchen und erkannte zu ihrem Staunen und zu ihrer Freude, dass sich ihr diesmal keine Männer nahten, sondern Frauen.
Angela hatte nie etwas von sogenannten Bajaderen, den indischen Tanzmädchen, gehört; sie staunte also die leichtgekleideten Mädchen an, fand nichts Unschickliches an ihnen, trotzdem sie doch recht unzulänglich bekleidet waren, hielt das eben für Brauch bei diesem Volke.
Weiter fiel ihr auf, dass die Mädchen vielen kostbaren Schmuck trugen, sogar in der Nase, dass jeder auf die Stirn mit blauer Farbe ein gewisses Zeichen gemalt war und natürlich, dass sie sehr schön waren.
Die Musik, nach der diese Mädchen sich im Tanze bewegten, wurde von drei Männern gemacht, die kein anderes Kleidungsstück trugen als ein um die Hüften gewundenes weißes bis zu den Knien reichendes Tuch. Der eine hielt eine lange Trommel oder er hatte sie umgehängt, das konnte Angela nicht unterscheiden, da diese Männer im Hintergrunde blieben und sich dort niederhockten. Aber er schlug die an beiden Enden aufgezogenen Felle nicht mit einem Schlägel, sondern nur mit den Knöcheln der Hände.
Der zweite hatte eine Art Schalmei, auf der er eine eintönige Melodie blies, und der dritte hielt ein Saiteninstrument, das am meisten an eine Laute erinnerte.
Eins der Mädchen, das am schönsten und prächtigsten geschmückte, trat nun vor, hob beide Arme, in der einen Hand ein Tamburin, auf dem es mit der andern trommelte.
So gab sie ein Zeichen zum Beginn des Tanzes, und nun musste Frau Angela allerdings bewundernd staunen.
Niemals in ihrem Leben hatte sie dergleichen gesehen, kein Ballett in einem der Londoner Theater, höchstens mal eine armselige Straßentänzerin, die sich doch mit keiner von diesen hier messen konnte.
Ja, das war schön, das gab sie ohne Weiteres zu. Diese Mädchen schwebten nur so über den doch gewiss nicht ebenen Boden, und dabei drehten und wanden sie sich, dass schließlich gar keine Einzelheit mehr zu unterscheiden war.
Für Männer musste dieser Tanz natürlich noch viel reizender sein, geradezu sinnberückend, aber auch Angela vergaß alles andere, während der kleine Loke bloß der Musik lauschte.
Dann hob die Vortänzerin wieder die Arme, die Musik verstummte, die Mädchen standen still, und nach tiefen Verneigungen zogen sie sich zurück.
Noch hatte Angela das seelische Gleichgewicht nicht wieder erlangt, da sah sie schon wieder einen Zug herankommen.
Diesmal wurde ein indischer Palankin vorangetragen, dessen seidene Vorhänge jedoch zurückgeschlagen waren, und auf den weichen Kissen ruhte eine wunderschöne Frau, den Kopf auf die linke Hand gestützt.
Weißgekleidete Mädchen gingen nebenher, die ihrer Herrin mit Fächern aus prächtigen weißen Federn Kühlung zuwedelten, und den Beschluss machten glänzend gewappnete Krieger, denn sie trugen wirkliche Panzer, die aus Gold zu bestehen schienen oder wenigstens vergoldet waren, und jeder auf dem Haupte einen blitzenden Helm, jeder an der Seite ein krummes Schwert und an dem einen Arm einen kleinen, ebenso glitzernden Rundschild.
Da brauchte Angela nicht lange nachzusinnen; sie merkte gleich, dass das eine Fürstin sein musste, und sie sagte sich folgerichtig, dass dann wahrscheinlich der vornehme Greis der Gemahl dieser Schönen war.
Nun, sie ließ sich nicht beirren. Wenn nun diese Frau etwa versuchen wollte, sie aufs Schiff zu locken, so war auch sie vergebens gekommen.
Die Träger des Palankins blieben stehen, ließen ihn auf den Boden nieder. Die Dame stieg aus, nachdem die Dienerinnen rasch einen Läufer über den Boden gebreitet hatten, und so kam sie auf Angela zu, die ihren Knaben ganz fest an sich presste und ihr doch mutig entgegensah
»Ich grüße Dich, schöne blonde Frau!«, sagte die Königin oder was sie sonst sein mochte. »Darf ich mich zu Dir setzen?«
Angela rückte willig zur Seite, aber so, dass sie selbst dicht neben dem Eingange der Hütte blieb, jeden Augenblick in diese flüchten konnte, falls man sie doch überlisten wollte.
Sie sah noch, wie das Gefolge sich abermals zurückzog, dann musste sie ihre Aufmerksamkeit der Fremden zuwenden, die mit einer der entzückend kleinen Hände das Gesicht Lokes streichelte.
»Welch hübscher Knabe!«, sagte sie dabei in gutem Englisch. »Wie schade aber, dass er so unglücklich ist!«
»Unglücklich?«, wollte Angela wiederholen, sie öffnete schon den Mund. Da gewahrte sie den lauernden Blick der anderen, und sofort erkannte sie, dass sie jetzt noch mehr auf der Hut sein musste als vorher.
So schwieg sie rechtzeitig aber sie wusste, dass sie sich doch schon verraten hatte, und sie merkte das auch alsbald aus dem Benehmen und aus den Fragen der Fremden.
»Warum nur willst Du nicht zu uns kommen?«, fuhr diese fort. »Du ahnst ja nicht, wie herrlich es auf unserem Schiffe ist! Und wenn Du ganz bei uns bleiben wolltest, so solltest Du mit uns gehen, nach dem wunderschönen Indien, wo Du meine Schwester sein solltest. Dein Knabe aber würde ein großer Held werden oder ein weiser Gelehrter, ganz wie Du willst, und reich würde er sein, unermesslich reich —«
Angela erwiderte natürlich nichts, ließ die Fremde reden.
Ihr Gatte hatte ihr doch schon gesagt, dass er reich sei, ihr alles Gold und alle Schätze der Erde zu Füßen legen könnte.
Sie aber war, als sie das gehört hatte, still fortgegangen, hatte nichts weiter wissen wollen.
Nein, mit solchen Lockungen fing man sie nicht!
Da aber senkte die schöne Frau das Haupt. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck tiefer Trauer, und ihre linde Stimme zitterte, als sie fortfuhr:
»Ich selber bin die reichste und mächtigste Frau meiner Heimat. Alles, was ich mir wünschen kann, ist mein — und doch bin ich nicht glücklich, denn Lakschmi, die Göttin der Liebe, hat mir ein Kind versagt, mit dem Du gesegnet worden bist.
Mein Gatte, der Maharadscha, sehnt sich nach einem Sohn. Er könnte eine andere Gattin nehmen und mich verstoßen, dass sie ihm vielleicht den ersehnten Erben schenke, aber er liebt mich, er will sich nicht von mir trennen, will mich nicht zu meinen Eltern zurückschicken, weil ich dann ewig als Gefangene leben müsste —
Nun aber hat er Dein Söhnchen gesehen, er war so froh, als er mir davon erzählte, er hoffte, dass Du mit ihm gehen würdest, dann wollte er Deinen Knaben als den seinen annehmen, wollte ihn zum Erben seiner Macht und seiner Reichtümer einsetzen —
Und weil er erkannte, dass er Dich nicht würde überreden können, so sandte er mich, und sieh, ich, die mächtige Fürstin, ich sinke hier vor Dir auf die Knie nieder und flehe Dich an: Komm mit mir! Ziehe mit uns nach unserer Heimat! Und lass Deinem Sohne das große Glück zuteil werden, das die Götter ihm bescheren wollen!
Du selber sollst an meiner Seite herrschen, Du sollst ebenso mächtig sein, wie ich es bin, und Du sollst stolz sein dürfen auf Deinen Sohn, den Du doch so sehr liebst, wie mein Gatte mir sagte!
Wie entscheidest Du Dich? Ich will nicht eher aufstehen, nicht nachlassen mit meinen Bitten, bevor Du nicht ja gesagt hast!«
Angela saß regungslos.
Sie hatte nicht verhindert, dass die schöne Frau tatsächlich vor ihr niederfiel, sie hatte sie sprechen lassen und — hatte gemerkt, dass dieser Redefluss bestimmt war, sie in eine Falle zu locken.
Diese lockenden Versprechungen waren nur gemacht worden, dass sie entweder ein Nein oder ein Ja hervorstoßen musste! Oder sie sollte entsetzt rufen: »Halt ein! Niemals trenne ich mich von meinem Kinde!«
Ja, das merkte Angela recht wohl, aber sie ließ sich nichts anmerken, und sie streckte die Hände nicht aus, um die fremde Frau aufzuheben, denn dann hätte sie ihren Knaben freilassen müssen, und das wollte sie nicht, das durfte sie nicht. Sie hatte doch immer wieder die lauernden Blicke der Fremden gesehen.
So schüttelte sie nur ernst und abweisend das Haupt, blieb aber stumm.
Da streckte die schöne Frau beide Arme nach ihr aus, wollte sie umschlingen.
Sie kam nicht dazu.
Angela war aufgesprungen und ehe die Fremde, die Maharana, sie hindern konnte, in die Hütte geeilt, deren Tür sie hinter sich zuwarf.
Außer sich vor Erregung suchte sie nach einem Riegel. den sie vorschieben könnte, und sie erschrak gewaltig, als sie gewahrte, dass keiner vorhanden war, ebenso wenig ein Schloss.
Bisher hatte sie nicht darauf geachtet, hatte niemals für nötig gehalten, sich nachts einzuschließen, jetzt aber —
Da die Tür sich nach innen öffnete, so blieb die einzige Möglichkeit, dass Angela sich dagegenstemmte, und sie wollte es eben tun, da hörte und spürte sie schon, wie von außen jemand einzudringen suchte, an der Tür rüttelte, ohne dass diese nachgab.
Und in demselben Augenblicke wusste Angela, dass sie sich nicht zu sorgen brauchte, dass diese Tür nicht nachgeben würde.
Wie das möglich sein sollte, darüber grübelte sie nicht nach, aber sie war so felsenfest überzeugt, dass sie sicher war, dass sie sich mit dem Knaben auf dem Arm aufs Bett setzte.
Ihr Herz schlug wie rasend, ihre Pulse fieberten.
Was sollte das alles bedeuten? Warum wollte man ihr den Knaben durchaus nehmen und sie mit fortlocken?
Es konnte nicht anders sein!
Diese Fremden wussten, wer Loke Klingsor war, wussten, dass sie seine Frau war, der Knabe sein Sohn!
Deshalb wollten sie sich der beiden bemächtigen!
Aber brauchten sie deshalb Feinde zu sein?
Hätten sie nicht schon längst über sie herfallen können, die ja wehrlos war?
Fieberhaft hetzten sich die Gedanken Angelas, sie fand keine Klarheit, sie hörte nur, dass abermals draußen an der Tür gerüttelt und dann gegen das Holz geklopft wurde, sie hörte die fremde Frau Befehle rufen in einer unbekannten Sprache, hörte Männer herankommen, merkte, dass auch diese gewaltsam einzudringen suchten, und dann —
»Warum bist Du vor mir geflohen?«, fragte die Maharana draußen. »Ich denke doch nicht daran, Dir Böses zu tun! Ich werde Dich nie zwingen, mit mir zu gehen, wenn Du nicht willst.
O, komm doch wieder heraus, dass ich Dich um Verzeihung bitten kann wegen des Schreckens, den ich Dir einflößte! Mein Gatte würde mir nie vergeben, würde mir zürnen, und dort kommt er schon — bitte, bitte, öffne! Komm heraus!«
Angela antwortete nicht, stand nicht auf.
Sie wusste, dass sie überlistet werden sollte, und da konnte die draußen lange reden —
Sie hätte gern einmal hinausgeschaut, aber das einzige Fensterchen der Hütte war plötzlich ebenfalls versperrt. Trotzdem war es hell in dem Raume, doch Angela hatte keine Zeit, sich zu überzeugen, woher das Licht kam.
Dann hörte sie wieder draußen ein Flüstern, vernahm deutlich Männerstimmen —
Und dann wurde gerufen.
»Öffne gutwillig oder wir brauchen Gewalt! Wir geloben, Dir nichts Böses zu tun, Dein Leben und das Deines Knaben soll uns heilig sein. Aber wir müssen Dich eben gegen Deinen Willen mit uns nehmen, dürfen nicht dulden, dass Du auf dieser einsamen Insel Gefahren ausgesetzt bist, die Du nicht ahnst.«
Angela schwieg, ja, sie lächelte sogar.
Jetzt ließen die Fremden wenigstens die Maske fallen.
Nun durfte sie sich erst recht nicht ergeben.
Wieder wurde draußen in unbekannter Sprache beraten, es schien Angela, als sei wirklich der Greis wiedergekommen.
Noch einmal wurde sie aufgefordert, zu öffnen.
Sie rührte sich nicht, aber sie fühlte sich trotz allem so sicher, dass sie sogar den Knaben aus ihren Armen gleiten ließ und ihm auf dem Boden zu spielen erlaubte.
Da dröhnten schon harte Schläge gegen das Holz der Tür.
Nun erbebte diese und mit ihr zugleich Angela.
Schon bückte sie sich, um den Knaben wieder an sich zu reißen, da geschah etwas, was weder sie noch die draußen erwartet hatten.
Die Erde erbebte. Zugleich erscholl ein unheimliches Dröhnen, laut und grollend —
In der Hütte wurde es Nacht.
Angela hörte ein Klirren, ein Ächzen und Beben durch die Hütte gehen. Geschirr fiel zu Boden und zerbrach, und sie selber schwankte mitsamt dem Bett, auf dem sie saß, als würde dieses von einer Riesenfaust in schaukelnde Bewegung gesetzt.
Laut schrie Angela auf, sie vergaß, dass sie die Stumme hatte spielen wollen, aber sie wusste auch nicht, dass selbst Stumme doch noch schreien können — es kam nicht darauf an, denn viel lauter als sie schrien die Menschen draußen, sie brüllten —
Und dann erstarb auch dieser Lärm wieder in dem entsetzlichen, unheimlichen Dröhnen.
Angela eilte nach der Tür, um sie nun selbst zu öffnen.
Sie hatte ihren Knaben gepackt, hielt ihn auf dem Arm. Da sprang auch schon die Tür von selbst auf. Aber Angela stürmte nicht hinaus.
Der Boden unter ihr wankte, sie wäre fast gestürzt, musste sich mit einer Hand an das Türgebälk klammern und spürte, wie sich dieses bewegte, sie mit —
Zugleich sah sie, dass der lichte Tag sich in tiefste Nacht verwandelt hatte, aber in eine Nacht, die durch einen grellen Feuerschein erhellt ward, wie von brennenden Pechfackeln — dass blendende Blitze vom Himmel hernieder zuckten und dass die Luft von einem stickenden Rauche erfüllt war, von Dünsten, die ihr den Atem raubten.
»Der Vulkan!«, dachte Angela und suchte einen Blick nach dem Berge zu gewinnen.
Da sah sie es!
Aus dem Gipfel schoss eine haushohe Feuersäule, und aus dieser heraus wurden glühende Steine noch höher hinaufgeschlendert gegen den Himmel, der nicht mehr vorhanden schien.
Zugleich rann von dem Gipfel herab ein mehrfach geteilter Feuerstrom, und was er auf seinem Wege traf, das loderte sofort in hellen Flammen auf, brannte lichterloh —
»Der Vesuv ist ausgebrochen!«
Angela stöhnte es halblaut.
Und dann strengte sie alle ihre Kraft an, aus der Hütte hinauszukommen, deren Dach knisterte und knackte, deren Balken sich über- und durcheinander schoben, dabei krachend zersplitternd —
Laut weinte der Knabe, er barg den Kopf an der Brust der Mutter, und diese hob das Kleid, um es über den Kleinen zu decken, sie war ja allein, keiner der Fremden mehr zu sehen.
Aber auf dem Boden vor der Hütte lagen Waffen und Streithämmer, stand noch der Palankin —
Und obwohl Angela erkannte, welche Gefahr ihr gedroht hatte, wusste sie jetzt doch, dass ihr keine andere Rettung blieb, als an den Strand hinabzueilen und bei den Fremden Schutz zu suchen, die in einem Boote gekommen waren, wieder nach ihrem Schiffe zurückkehren und mit diesem dem drohenden Untergange entfliehen konnten.
Ohne zu zögern, stürmte sie an dem Bachbett entlang, dessen Wasser nicht mehr vorhanden war.
In der grellroten Beleuchtung sah sie den Strand —
In neuem, jähem Entsetzen wich sie zurück. blieb stehen, als sei sie gleich Lots Frau in Stein verwandelt worden.
Das war nicht mehr das friedliche Meer, das vor Kurzem seine Wellen nur wie spielerisch an den flachen Strand gesandt hatte.
Jetzt hatte es sich in eine wilde Bestie verwandelt, die brüllend nach Opfern suchte.
Hoch sich auftürmend kamen mächtige Wogenberge herangerauscht und rannten wie die Sturmtruppen eines Feindes weithin über den Strand, bis fast dorthin, wo Angela stand.
Und von all den Fremden war keiner mehr zu sehen, nichts von dem Boote, in dem sie gekommen waren!
Oder doch!
Einmal war es Angela, als gewahre sie in dem Scheine der unaufhörlich herniederzuckenden, rasselnden Blitze weit draußen das Boot, das eben von einem Wellenberge auf seinen Gipfel gehoben wurde.
Menschen aber schienen nicht darin zu sein.
Was war aus diesen Indern geworden? Aus der schönen Frau, aus ihrem Gatten, aus den Kriegern, den Tanzmädchen und aus allen den anderen?
Dann wieder war ihr, als tauchten neben ihr in dem Buschwerk Gestalten auf, sie meinte das Knacken von Ästen und Zweigen zu hören.
Sie achtete nicht darauf, es war ja auch so gleichgültig, die Fremden konnten ihr nichts mehr zuleide tun, die mussten doch gleich ihr erkennen, dass einer über ihnen war, gegen den sie machtlos waren — mussten einsehen, dass jetzt der Untergang der Welt gekommen war, zumindest dieses herrlichen, paradiesischen Eilands!
Und Loke Klingsor ahnte nichts von der furchtbaren Gefahr, in der seine geliebte Angela, sein geliebter Knabe schwebten, kam ihnen nicht zu Hilfe!
Ob er es vermocht hätte?
Angela dachte wohl an ihn, aber eben nur, wie eine Sterbende in ihren letzten Minuten an den Mann ihrer Liebe denkt.
»Lebe wohl, mein Karl!«, murmelte sie, jetzt den ihr fremdgebliebenen anderen Namen verschmähend. »Lebe wohl! Vielleicht sehen wir uns doch wieder!«
Dann schickte sie sich an, sich niederzusetzen, wo sie stand, aber plötzlich erwachte der Trieb der Selbsterhaltung in ihr, der jedes Geschöpf beseelt. Nein, noch wollte sie sich nicht stumpfsinnig in ihr Schicksal ergeben. Sie spähte um sich.
Zum Strande hinunter konnte sie und durfte sie nicht mehr. Er war ja überhaupt nicht mehr vorhanden.
Auf den Berg hinauf durfte sie sich erst recht nicht wagen. Von dort wälzten sich die Feuerströme der Lava herab, regnete es glühende Asche und Steine — es war ein Wunder, dass noch keiner sie getroffen und niedergeschmettert hatte — dort oben brannte schon alles lichterloh! Noch nie hatte Angela die Insel zu umschreiten versucht, war immer in der Nähe der Hütte geblieben. Nun aber musste sie es tun, musste sehen, ob sich nicht irgendwo ein Schlupfwinkel für sie und das Kind finden ließe.
Dicht neben ihr brach etwas aus dem Buschwerk, etwas Weißes —
Inder? Feinde?
Nein! Da hörte sie ein angstvolles Meckern.
Ziegen waren es, sie flohen vor dem Untergang —
Wenn die Tiere klüger waren als die Menschen und wussten, wo sie sich bergen konnten?
Ohne zu zögern lief Angela, den Knaben auf dem Arme, den flüchtenden Tieren nach, die sie nicht mehr sah.
Zweige schlugen ihr ins Gesicht, peitschten ihre Beine, die ja nicht geschützt waren, sie kam mehrmals in Gefahr zu stürzen, aber sie hielt sich immer noch im letzten Augenblick aufrecht —
Sie hörte das klagende Weinen des Knaben, das gab ihr immer neuen Mut und neue Kräfte, sie musste weiter, und dabei konnte sie doch nicht genügend auf den Weg achten, der ja allerdings nicht einmal vorhanden war — nur die Spur der drängenden Ziegen, deren Körper etwas Platz geschaffen hatten.
Und so kam es, dass Angela plötzlich den Boden unter den Füßen verlor, dass sie sich vergebens an einem Aste zu halten suchte —
Er brach und, das abgebrochene Stück in der einen Hand haltend, mit dem anderen Arm ihren Knaben an sich drückend, sauste die unglückliche Frau unaufhaltbar in eine unbekannte Tiefe.
Der Aufruhr der entfesselten Elemente dauerte die ganze Nacht und noch bis zum Mittag des folgenden Tages. Da erlosch der Vulkan wieder, der Ausbruch war zu Ende.
Aber noch schwebte über dem Gipfel des Berges hoch in der Luft eine seltsam geformte, tiefschwarze, drohende Wolke.
Und von dem Paradiese war so gut wie nichts geblieben.
Die Feuerströme der Lava hatten sich zwar endlich ins Meer ergossen, waren dort erloschen, nachdem ein entsetzlicher Kampf zwischen den beiden Elementen angehoben hatte, aber alles Grün war von den Flammen verzehrt worden, nicht einmal mehr die rauchgeschwärzten, verkohlten Stämme der Palmen und anderen Bäume ragten mehr in die Luft empor.
Alles, alles war eine weite Aschenfläche, aus der an vielen Stellen das Gestein hervorragte.
Vollkommen versiegt war das kleine Wasser des Baches.
Die einsame, friedliche Hütte war ebenso verschwunden wie die Bäume, von denen sie beschattet worden war, und wie alles, das sie geborgen hatte.
Auf dem Strande aber, der wieder von dem wütenden Meere freigegeben worden war, türmten sich stellenweise zersplitterte Schiffsplanken, lagen Bruchstücke von Masten umher, Kisten und Fässer und andere Trümmer.
Auch das Schiff des Maharadschas war dem Wüten der Elemente zum Opfer gefallen, und alles, was an Bord geatmet hatte, sicher im Meere ertrunken.
Was aber war aus Angela und ihrem Knaben geworden?
Ins Endlose fallend, hatte sie die Besinnung verloren, hatte nicht mehr vermocht, den Knaben zu schützen.
Aber sie war nicht tot.
Durch eine raue Zunge, die ihr die Wange leckte, wurde sie erweckt.
Verwirrt schaute sie um sich und sah dicht über sich den Kopf einer Ziege, die schwarzen, schräggestellten Augen, hörte ein klägliches Meckern —
Ja, was war denn nur mit ihr?
Warum lag sie nicht in ihrer Hütte auf dem Bett?
Wo war dieses?
Da erwachte Angela ganz.
In jähem Entsetzen wollte sie sich aufrichten, aber ächzend, wimmernd sank sie alsbald zurück.
Sie schloss die Augen wieder, suchte sich zu besinnen, und die Schreckensbilder der vergangenen Nacht wurden wieder vor ihrem Geiste lebendig, sie sah den Ausbruch des Vulkans, sah die Feuerbäche, die flammenden Blitze, hörte das Dröhnen —
Sie wusste alles wieder, auch, dass sie gefallen war — ins Endlose!
»Loke!«, schrie sie auf und öffnete von Neuem die Augen.
Ihr Knabe! Wo war der Knabe!
Sie spähte umher, sah dicht vor sich blutbefleckte Steine, griff sich unwillkürlich an den Kopf und spürte dort geronnenes Blut, eine Wunde, einen jähen Schmerz. Dann sah sie, dass sie selbst auf Steingeröll lag, in einer tiefeingerissenen Schlucht — hoch reckten sich die Felswände neben ihr, sie konnte nicht einmal den Himmel sehen —
Aber nirgends gewahrte sie den Knaben.
Laut schrie sie auf, und alles andere vergessend, rief sie seinen Namen.
Immer wieder und wieder schrie sie, sie wollte beide Hände an den Mund legen, konnte aber nur den einen Arm heben, der andere versagte den Dienst, und wenn sie ihn zu bewegen versuchte, dann empfand sie entsetzliche Schmerzen.
Sie achtete nicht darauf, sie suchte sich aufzurichten, sich mühsam mit der einen Hand stützend, und allmählich gelang es ihr, ihre Beine waren wohl zerschunden, das Gewand war zerfetzt, überall sah sie blutige Risse in der Haut —
Ach, was fragte sie nach sich selbst!
Sie war sehr schwach, die Pulse hämmerten in der Kopfwunde, der Arm schmerzte — und ihre Kehle war ganz und gar ausgetrocknet.
Da spürte sie neben sich die Ziege, die einzige, die vielleicht gleich ihr dem Verderben entronnen war.
Sie sah das volle Euter des Tieres.
Das war Rettung.
Sie lockte es zu sich, ließ sich wieder zu Boden gleiten und trank aus dem Euter des Tieres, das willig stehen blieb.
Der Trunk gab ihr Kraft. Leichter als vorher konnte sie aufstehen, und sie zögerte nicht.
»Loke, mein Loke! Wo bist Du nur?«, rief sie gellend und dabei doch schon wieder eine leise Hoffnung im Herzen, dass der Knabe noch leben möchte.
Wenn er tot gewesen wäre, gestorben durch den Sturz, dann hätte er doch neben ihr liegen müssen, es war keine Möglichkeit, dass er noch tiefer gestürzt sein konnte, die Schlucht war hier zu Ende.
Und das Blut auf den Steinen rührte nur von ihrer Wunde her, sie sah es jetzt deutlich — es war nur an der Stelle, wo ihr Kopf gelegen hatte!
Sie atmete auf, und während sie sich an die Felswand stützte, schlich sie sich weiter — der Boden der Schlucht senkte sich ganz allmählich — ein Ausgang zeigte sich, zunächst nur wie ein schmaler Spalt, dann sich erweiternd —
Und Angela tastete sich bis dorthin, lugte hinaus, sah dicht unter sich den Meeresstrand, einen anderen als den, den sie kannte, mit Felsblöcken bedeckt, die seltsam schwarz aussahen —
Und auf einer freien Stelle saß im Sande ihr Knabe und spielte mit bunten Muscheln oder Steinen, neben ihm aber suchte eine andere Ziege die spärliche Nahrung, die dort für sie gedieh.
»Loke!«, schrie jauchzend Angela.
Der Knabe schaute auf, sah die Mutter, hob, ebenfalls jauchzend, die Ärmchen, stand auf und kam auf sie zu.
Da brach Angela zusammen — vor Freude, vor unbeschreiblicher Freude!
Ihr Knabe lebte nicht nur, er schien vollkommen unversehrt! Welch ein Wunder das war, welch ein unfassliches Wunder!
»Herrgott, lieber, lieber Herrgott, ich danke Dir!«
Weiter stammelte Angela nichts, sie konnte nicht mal die Hände falten, aber sie war überzeugt, dass der, der ihr Kind so gnädig beschützt hatte, sie trotzdem freundlich anhörte.
Der Knabe jauchzte, er rief sein »Mutti!« — er kam heran.
Da raffte Angela sich auf, da wankte sie ihm entgegen, und als sie ihn mit dem gesunden Arme umschlingen konnte, presste sie ihn an sich und wollte ihn küssen.
Er aber schrie laut auf und wehrte sie von sich, sie verstand gar nicht gleich, warum — bis sie an die Wunde dachte, durch die sie doch sicher arg entstellt wurde.
»Warte, mein Herzblatt!«, raunte sie ihm zu. »Gleich will ich mir das Blut abwaschen. Dann bin ich wieder Dein Muttchen, das Du lieb hast, nicht wahr!«
Sie schleppte sich bis zum Meere, riss sich die Fetzen des Kittels vom Körper und legte sich in das laue Wasser.
Dabei untersuchte sie den schmerzenden Arm, bewegte vorsichtig alle Gelenke und atmete erleichtert auf, denn sie merkte, dass doch nichts gebrochen war. Sie mochte nur gerade mit dieser Körperseite heftig aufgeschlagen sein, da war der Knochen geprellt worden, die Haut sah ja auch an vielen Stellen ganz blauschwarz aus —
Ach, wie gut das Wasser da tat!
Immer wieder netzte sie die schmerzenden Stellen, dann wusch sie sich das Blut aus dem Gesicht, riss ihr Gewand noch vollends in Fetzen, und mit einem Streifen verband sie die Wunde, die wieder zu bluten anhob.
Dann winkte sie ihrem Knaben, dass er zu ihr kam, und lustig platschte er in das seichte Wasser.
Sie aber entkleidete ihn und untersuchte seinen Körper. Sie hätte jauchzen mögen, als sie nur ganz wenige Hautabschürfungen fand. Ihr Knabe war heil und gesund geblieben, sie selbst war dem Tode entronnen. Was sollte sie da noch trauern, weil die Hütte verbrannt war, was sie ja noch gar nicht wusste?
Sie lebte, konnte ihrem Gatten seinen Sohn wiederbringen!
Das war genug für sie, für den Augenblick.
Sie blieb in dem Wasser liegen, das ihr wohl tat, achtete nur darauf, dass der kleine Loke sich nicht zu weit entfernte, und wurde erst von ihrem Platze vertrieben, als die Sonne zu sehr brannte.
Da raffte sie zusammen, was von dem Kittel noch übrig war, schlang es sich um die Hüften und ging mit dem Knaben so weit zurück, bis sie unter einem Steine, der etwas überhing, ein geschütztes Plätzchen fand.
Sogar Gras wuchs dort, und die Ziegen hatten das schnell herausgefunden, hatten sich sattgefressen und ruhten nun wiederkäuend.
Da zeigte Angela dem Knaben, wie er aus dem Euter trinken konnte, trank selbst wieder, und endlich schliefen sie beide ein, der kleine Loke im Arme und an der Brust der treuesten aller Mütter.
Sie schliefen den Rest des Tages und die ganze Nacht hindurch, und diese Ruhe tat Angela wohl, sodass sie sich fast wieder ganz kräftig fühlte, als sie erwachte.
Nun trank sie erst wieder Milch, der Knabe ebenfalls, der mit ihr wach geworden war, dann gingen sie zum Strande, suchten sich einige essbare Muscheln und legten sich in das Wasser, bis auch heute wieder die Sonne sie vertrieb.
Nun aber suchte Angela doch nach einem besseren Obdach für sich und ihren Liebling, sie wanderte mit ihm zwischen den großen und kleinen Steinblöcken dahin, etwas Passendes zu finden; keine Höhle war da.
Die Ziegen trotteten hinter den beiden drein, blieben einmal zurück, tauchten aber immer wieder auf, sichtlich froh, dass sie die beiden Menschen gefunden hatten.
Plötzlich aber trat hinter einem der Steine eine Gestalt hervor, so unerwartet, dass Angela kaum noch ihren Knaben erhaschen konnte.
Unwillkürlich schrie sie leise auf.
Der Mann war einer der Inder, hatte einen langen weißen Bart, war aber nicht der Maharadscha, das sah sie sofort.
Trotzdem sie sich nicht vor ihm fürchtete, erschrak sie doch, denn sie besann sich erst in diesem Augenblicke, dass sie fast gar nichts mehr auf dem Körper trug, aber da sah sie schon, wie der Greis sein Überkleid abnahm und es ihr, sich tief neigend, hinhielt.
Ohne Zögern nahm sie es und hüllte sich hinein.
»Ich danke Euch!«, sagte sie dabei unwillkürlich.
Und dann erschrak sie umso mehr!
Sie hatte doch ganz vergessen, dass sie die Stumme gespielt hatte! Jetzt hatte sie sich verraten!
Angstvoll spähte sie in das Gesicht des Mannes, der sich nun aufgerichtet hatte, aber doch in seiner Haltung Ehrerbietung verriet.
Nein, Spott war auf seinem faltigen Gesicht nicht zu lesen.
Sie hatte ihn auch noch nicht gesehen, unter denen, die zu ihr gekommen waren, war er keinesfalls gewesen.
Vielleicht wusste er so wenig von ihr wie sie von ihm?
»Wer bist Du?«, fragte sie leise, da sie nun doch einmal gesprochen hatte. »Gehörtest Du auf das Schiff, das vor der Insel lag?«
»Du sagst es, Herrin«, erwiderte er mit tiefer Stimme. »Und ich bin wohl der einzige, der den Untergang dieses Schiffes überlebte. Ich war als Hakim dort —«
»Alle sind tot?«, stieß Angela hervor, ihn unterbrechend.
Ein tiefes Mitleid erfüllte ihr Herz.
Mochten diese Menschen zehnmal ihre Feinde gewesen sein, zu sterben hatten sie deswegen nicht brauchen!
Nun waren sie alle, alle tot, konnten ihr nichts mehr tun, und doch vermochte sie sich nicht über diese Gewissheit zu freuen.
»Sie sind alle tot«, bestätigte der Greis.
»Und Du?«, fragte Angela, unwillkürlich auf seine Art der Anrede eingehend, die ja, wie sie allerdings nicht wusste, bei allen Orientalen üblich ist.
»Ich weiß nicht, wie ich gerettet wurde. Mir war, als höbe ein Wirbelwind mich empor und trüge mich durch die Lüfte, um mich dann ganz sanft niederzulassen.
Deshalb ist mein Gewand nicht durchnässt, es müsste allerdings ja auch schon wieder getrocknet sein — deshalb bin ich auch sonst unversehrt.
Du aber, Herrin, warst nicht bei uns, Du musst schon auf dieser Insel gelebt haben —«
»So ist es. Ich war schon lange hier, ehe ihr kamt«, bestätigte Angela nun ohne Scheu, da sie wusste, dass er nichts von ihr gehört hatte.
»Vielleicht hat mein Herr Dich besuchen wollen?«, fuhr der Greis fort. »Ich hörte ihn davon sprechen, dass er die Frau des mächtigen Loke Klingsor suche. Und diese bist Du?«
»Ja, die bin ich!«, antwortete Angela ohne das geringste Zögern, sie wollte nicht länger lügen, unter keinen Umständen.
Da neigte der Greis sich sehr tief vor ihr.
»Befiehl über mich, Fürstin!«, sagte er, das englische Wort »princess« anstatt des indischen »Maharana« brauchend.
»Ich bin keine Prinzess«, sagte Angela errötend, »nur eine arme Mutter, die froh ist, ihr Kind gerettet zu haben.«
Der Greis ging sofort darauf ein, nannte sie nicht wieder mit dem Titel, der freilich auch nicht zu ihr passte, wenigstens jetzt nicht, sondern sagte:
»Ich sehe eine blutgetränkte Binde an Deiner Stirn, ich merke, dass das Stehen Dir schwer fällt. Darf ich Dir helfen? Ich bin ein Hakim.«
»Was ist das?«, fragte Angela, die dieses Wort noch nie gehört hatte.
»Ein Arzt in Deiner Sprache.«
Ah, dann allerdings!
Ja, sie wollte ihm die Wunde zeigen, den Arm —
»Komm mit mir, Herrin! Ich hause in einer Höhle. vor der ich erwachte.«
Ach, das war ja herrlich! Nun hatte sie auch noch eine Zufluchtsstätte gefunden!
»Führe mich!«, sagte sie.
Der Hakim wendete sich und ging voran.
Nur wenige Schritte brauchten sie zu tun, da standen sie vor einer ganz niedrigen Felswand, und in dieser tat sich eine schwarze Öffnung auf — —
Angela spürte, dass ein kalter Schauer ihren Rücken überlief angesichts dieses Loches. Es erschien ihr wie das einzige, tückisch blickende Auge eines bösen Tieres.
Sie erkannte natürlich, dass sie nur kriechend in das Innere der Höhle gelangen konnte, und auch das gefiel ihr gar nicht.
Sie schaute sich um.
Noch lag der grelle Sonnenschein über allem, und sie wusste, dass sie krank werden würde, wenn sie keinen Schutz vor ihm fand, aber in diese finstere Höhle?
Und der Kleine?
Der indische Arzt erriet, was in der Frau vorging. Lächelnd trat er zu ihr und sagte:
»Immer, ehe der Mensch zum Lichte gelangt, muss er durch das Dunkel, und nicht immer ist das Licht der Sonne ihm heilsam. Wenn Du dieses enge Tor hinter Dir hast, wirst Du staunen.«
Misstrauisch schaute Angela ihn an, aber sie sah in dem ernsten Antlitz nichts anderes als wohltuende Güte, und so sagte sie:
»Wohlan! Ich will sehen, wie die Höhle beschaffen ist! Gefällt sie mir, so werde ich sie bewohnen, sonst wird sich gewiss noch eine andere Zufluchtsstätte für mich und das Kind finden lassen. Bitte, krieche voran!«
Der Inder gehorchte ohne Weiteres, und da er den engen Eingang schon oft durchkrochen hatte, so kam er diesmal schnell genug hinein.
Noch einmal zögerte Angela.
Ihr war, als müsste sie auf lange vom Sonnenschein Abschied nehmen, wenn sie in die Höhle kröche, aber schließlich ließ sie sich doch auf die Knie nieder, setzte den Knaben auf den Boden und ließ ihn vorankriechen, denn auf den Armen behalten konnte sie ihn jetzt nicht mehr.
Der Kleine fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit, er kroch munter voran, und seine Mutter blieb ihm unmittelbar auf den Fersen.
Ehe sie aber noch an die Dunkelheit gewöhnt war, die sie für kurze Zeit umhüllte, wich diese schon wieder.
Sie atmete auf.
Die Höhle, die sie nun vor sich sah, war auf die gleiche geheimnisvolle Weise erleuchtet, wie es der Raum im Unterseeboote gewesen war, wie das Innere der Hütte, die nun nicht mehr stand.
Dazu kam, dass diese Höhle anscheinend schon bewohnt gewesen war. Menschen mussten hier gehaust haben, denn der Steinboden war fast überall mit Fellen bedeckt, zwar nur mit Ziegenfellen, wie sie sofort erkannte.
Dabei merkte sie auch gleich, dass diese Höhle recht geräumig war, vor allem höher, als sie hatte annehmen können. Der Felsen war ihr von draußen viel niedriger erschienen.
So richtete sie sich auf, während der kleine Loke noch auf den Fellen umherkroch, sie an den langen Haaren packte und krähend lachte.
Der Hakim selbst stand in einer Ecke des Raumes und deutete auf den Herd, der dort aus Steinen aufgebaut war.
Asche lag darauf, und trockenes Holz war an der einen Seite sorgsam aufgetürmt. In einer aus dem Gestein gehauenen Nische aber entdeckte Angela verschiedene Gefäße, denen man ansah, dass sie oft genug gebraucht worden waren. Es waren aber nicht etwa Töpfe, wie ein Robinson sie sich mühsam aus Lehm hergestellt, sondern sie waren aus einem weißen Metall, sodass Angela gleich an Aluminium denken musste.
Ganz unbewusst ergriff sie einen davon, und da merkte sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Es war wirklich Aluminium, das sich ja durch sein geringes Gewicht auszeichnet.
Ein Meckern hinter ihr veranlasste sie, sich umzublicken, und da sah sie, dass eine der Ziegen ihr gefolgt war. Sie lächelte, lockte das Tier zu sich, molk es und machte sich daran, ein Feuer anzubrennen, um die Milch zu kochen.
Dann suchte sie einen anderen Topf.
»Ich will Wasser holen«, sagte sie dabei. »Vielleicht finde ich einige Eier draußen, die ich kochen kann.«
Sie schickte sich an zu gehen, wieder durch das enge Loch hinauszukriechen, da aber hörte sie den Inder sagen:
»Wasser findest Du hier, und zwar reiner, als Du es draußen holen könntest. Auch nach Eiern brauchst Du nicht zu suchen. Es ist alles hier, was Menschen zur Nahrung brauchen.«
So willkommen diese Nachricht Angela hätte sein müssen, so sehr erschrak sie darüber.
Wurde sie denn immer noch geführt und behütet von unsichtbaren Mächten? Im Unterseeboote hatte sie alles gehabt, wessen sie bedurfte, in der Hütte war es ebenso gewesen, und hier sollte nun das Gleiche der Fall sein?
»Du hast diese Höhle schon gekannt, ehe Du sie betratest?«, fragte sie den Hakim.
»Ich war noch nie hier, Begum«, erwiderte er jedoch.
»Woher weißt Du denn, dass hier alles vorhanden ist?«
»Weil ich mich umschaute, wie das wohl jeder getan hätte, der hierher gelangte.«
Darauf ließ sich eigentlich nichts erwidern, es war ganz logisch, aber Angela schüttelte den Kopf.
»Wenn solche Vorräte vorhanden sind, dann gehören sie nicht uns, sondern denen, die sie hierher brachten. Wir dürfen sie nicht benutzen.«
»Das finde ich nicht. Wir sind Schiffbrüchige, wenigstens ich, denn von Dir weiß ich noch nicht, wie Du hierher gekommen bist. Außerdem deutet alles darauf hin, dass die Menschen, die einst diese Höhle bewohnt haben, nicht mehr hier sind und nicht mehr zurückkehren werden. Sollen die Vorräte ungenutzt verderben?«
»Du magst recht haben«, gab Angela zu, »aber ich kann mir nicht helfen, ich muss mich erst überzeugen, dass wirklich niemand da ist, dessen Eigentum wir rauben.«
Sie nahm die Milch, die kochte, vom Feuer, rief den kleinen Loke zu sich und schickte sich an, die Höhle zu durchsuchen, denn sie hatte inzwischen bemerkt, dass diese sich noch tief in das Innere des Felsens erstreckte.
Der Hakim hielt sie nicht zurück, sondern folgte ihr, und hinter ihnen trippelte die Ziege, die sich hier ganz wohl zu fühlen schien.
Ja, die Höhle erstreckte sich tief in das Innere des Hügels; an den ersten Raum schlossen sich, immer durch genügend hohe Gänge miteinander verbunden, andere an, und überall war der Boden bedeckt, aber nicht mehr mit Ziegenfellen, sondern schon in dem zweiten Raume mit dicken Teppichen, und obgleich Angela nie einen solchen besessen hatte, so wusste sie doch, dass das gar kostbare Gewebe waren.
Außerdem aber sah sie ja auch, dass jeder dieser Räume noch andere Kostbarkeiten aufwies, Lager aus seidenen Decken und Fellen großer, ihr unbekannter Tiere, niedrige Tischchen aus farbigem Holz mit allerhand Einlegearbeit. Auch standen hier und da Gefäße, Vasen, Schalen und andere, umher, allesamt wertvoll genug, wie sie ebenfalls zu beurteilen vermochte, denn sie hatte dergleichen bei ihren Gängen durch die Straßen Londons in den Auslagen der vornehmen Geschäfte erblickt.
Dabei waren auch die Steinwände fast überall mit seidenen Decken verhangen, wo diese aber fehlten, da war das Gestein anscheinend mit kunstvollen Malereien bedeckt, immer seltsam verschnörkelte Pflanzen aufweisend.
Schon in dem dritten Raume stockte Angelas Schritt.
»Das ist keine Höhle, wie Schiffbrüchige sie sich eingerichtet haben können«, sagte sie leise, als fürchtete sie, jemand möchte sie hören.
»Das dürfte ein Irrtum sein, Begum«, erwiderte der Inder. »Bedenke, wenn ich hierher gekommen wäre, so hätte ich vielleicht von dem gestrandeten Schiffe auch allerhand solche Dinge bergen können.«
»Es ist doch vollkommen verschwunden!«, wendete sie ein.
»Gewiss! Aber nimm an, es sei nur gescheitert, ich hätte zu ihm kommen, es ersteigen und aus den Kajüten allerhand bergen können — kann dies nicht auch damals so gewesen sein, als die Bewohner dieser Höhle hier ankamen? Sie haben von einem gestrandeten Schiffe alles das bergen können, und sie haben recht daran getan, anstatt es vom Meere verschlingen zu lassen —«
Ja, das leuchtete Angela ein. Sie hatte, wie gesagt, den Robinson gelesen — aber sie war eben auch in dem Unterseeboote gewesen, nachher in der Hütte — und da nahm sie eben an, dass der, der beides ausgestattet hatte, auch hier seine Hand im Spiele hatte.
Aber wie hatte er wissen können, dass das Unglück mit dem feuerspeienden Berge kommen musste, dass Angela einst in dieser Höhle eine neue Zuflucht finden würde?
»Und sie haben die Wände bemalt!«, murmelte sie. »Sie müssen sehr lange hier gewesen sein — —«
Da lächelte der Arzt.
»Du irrst, Begum, das ist keine Malerei, das ist ein leuchtendes Gestein, und das einzig Seltsame ist, dass die Adern dieses Minerals gerade so wunderlich verlaufen, dass es den Anschein gewinnt, als seien Künstler hier an der Arbeit gewesen. Tritt mit mir an diese Wand und überzeuge Dich!«
Angela gehorchte und sah alsbald, dass der Inder recht hatte. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass es solche leuchtende Mineralien gab, und es handelte sich hier nicht etwa um ein radiumhaltiges Gestein — es war einfach Baryt oder vielleicht auch eine Fluorverbindung.
»Wo mögen diese Menschen geblieben sein?«, fragte sie, ohne weiter auf die geheimnisvolle Tatsache einzugehen. »Können sie sich nicht doch noch hier aufhalten? Vielleicht in einem der weit hinten liegenden Räume? Hast Du sie schon alle durchforscht?«
»Dazu hätte ich längere Zeit nötig gehabt, als ich hier bin, Begum — —«
»Warum nennst Du mich immer Begum?«, fragte da Angela.
»Weil Du eine Begum bist, eine Maharana!«
»Das verstehe ich nicht.«
»Du bist doch die Gattin Loke Klingsors, und dieser ist ein Fürst. Wir würden ihn einen Maharadscha nennen, und seiner Frau gebührt die Anrede, die ich Dir gab. Du bist eine Begum, eine Fürstin!«
Angela lachte auf.
»Jawohl«, entgegnete sie belustigt. »Ich bin die Kaiserin von Indien!«
»Damit würdest Du wohl nicht zufrieden sein — ich meine, Du würdest herabsteigen, um dies zu sein, Du bist doch viel, viel mächtiger als jene, die es ja einmal gegeben hat.«
»Höre auf! Ich bin eine arme Frau, die ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit verdient hat, aber keine Begum. Und nun will ich noch den nächsten Raum betreten, dann aber ist es genug, dann will ich wieder ins Freie hinaus und nur in die vorderste Höhle zurückkehren, wenn die Nacht hereinbricht — —«
Sie schritt, ohne eine Antwort des Hakims abzuwarten, in den nächsten Gang, der nicht länger war als die früheren.
Nach wenigen Sekunden stand sie an der Schwelle eines neuen Raumes, der diesmal aber durch eine von der Decke hängende brennende Ampel erleuchtet war, und nun stutzte sie erst recht.
In der Mitte des Raumes erhob sich eine Art Tafelaufsatz, nur eben hier auf dem Boden stehend und viel höher als sonst diese Geräte sind. Es sah fast aus, als sei die untere Schale so groß wie das Becken eines Springbrunnens, die nächste war etwas kleiner, und so türmten sich sechs solcher Schalen übereinander, immer durch ein reich verziertes Zwischenstück miteinander verbunden.
Den Abschluss bildete eine Art Blumenkelch, auch mit den daraus hervorragenden Staubfäden versehen.
Und aus jeder dieser Schalen leuchtete es in einer anderen Farbe.
Aus der untersten funkelte es strahlend rot, aus der nächsten ebenso in strahlendem Grün, dann kam eine mit Blau, die nächste mit Gelb, die nächste mit Violett, und die oberste enthielt nur weiße, aber dabei in allen anderen Farben schimmernde Massen.
Langsam näherte Angela sich diesem Aufbau. Vorsichtig neigte sie sich über die unterste Schale.
Da sah sie, dass sie ganz mit roten Edelsteinen gefüllt war. Sie wusste nicht, dass man diese Rubine nennt, aber sie sah doch sofort, dass das kostbare Steine waren, obwohl sie keine Ahnung von dem wahren, geradezu unermesslichen Wert hatte, denn ein echter Rubin ist ja viel teurer als ein gleichgroßer Diamant.
Ja, das wusste Angela nicht, ebenso wenig, wie sie die Steine in der nächsten Schale nennen sollte, aber sie wich ebenso langsam wieder zurück, immer weiter, bis sie den Gang erreichte, und dann — —
Sie flog, als würde sie verfolgt, den Knaben an der Hand, und sie ruhte nicht, bevor sie nicht in der vordersten Höhle wieder angelangt war.
Beide Hände auf die wogende Brust gedrückt, stand sie dort und wartete, bis der Hakim zu ihr trat.
Da wendete sie sich ihm zu, ihre Augen blitzten.
»Gestehe, dass Du mich mit Absicht hierher gelockt hast!«, herrschte sie ihn in einem Tone an, den sie nie bisher in ihrem Leben gebraucht hatte.
Der Inder verneigte sich vor ihr.
»Da bedarf es keines Geständnisses«, erwiderte er, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, und schaute ihr dabei unverwandt in die Augen. »Ich sagte Dir, dass ich diese Höhle entdeckt hätte, ich bot sie Dir als Zuflucht an, und das soll sie Dir auch bleiben — —«
»Niemals! Aber Du wusstest von den Reichtümern, die es hier gibt!«
»Ich sah sie, gewiss, doch was sollte ich von ihnen zu Dir sprechen, Begum? Was nützen uns, den armen Schiffbrüchigen, diese Steine? Was könnte uns alles Gold der Erde helfen?«
»Du hast recht«, gab sie zu, schon etwas ruhiger werdend. »Aber Du wirst nicht mehr behaupten wollen, dass diese Schätze da drin von Schiffbrüchigen stammen!«
»Warum soll das nicht der Fall sein? Du bist nicht an Bord des Schiffes gewesen, das mich trug, Du kannst nicht wissen, dass sich dort noch ganz andere Reichtümer befanden als Du sie hier erblicktest. Ich aber sage Dir, wenn man sie hätte bergen können, so würdest Du erst recht staunen!
Nein, ich bleibe dabei, dass Schiffbrüchige, die allerdings sehr reich gewesen sein müssen, hier gehaust haben, nachdem sie von ihrem gestrandeten Schiffe alles geborgen hatten, was ihnen wertvoll erschien — —«
»Und dass sie dann alle diese Reichtümer doch zurückgelassen haben?«
»Warum nicht? Nimm an, sie hätten ein Schiff entdeckt, das hier vorübersegelte, es hätte sie bemerkt und mitgenommen — — sollten sie da alles mit sich schleppen, was doch nur die Habsucht der Fremden hätte reizen müssen? Können sie sich nicht vorgenommen haben, diese Schätze später einmal zu holen?«
Ja, das war allerdings einleuchtend genug. Angela nickte dazu, und der Inder fuhr fort:
»Aus diesem Grunde sind diese Schätze da drin allerdings Kostbarkeiten auch für uns, denn sie werden uns ermöglichen, von hier fortzukommen. Man wird früher oder später wiederkehren, und dann werden wir —«
»Umgebracht werden, weil wir diese Schätze entdeckten!«, vollendete Angela.
Der Hakim lächelte. »Wenn wir verraten, dass wir um sie wissen! Aber wer zwingt uns denn dazu? Können wir nicht, sobald wir am Horizont ein Schiff auftauchen sehen, nach einem anderen Teile der Insel gehen — —«
»Und behaupten, wir wüssten von nichts?«, unterbrach Angela ihn abermals.
»Genau so!«, gab er zu.
»Das wäre eine Lüge!«
»Wenn Du es so nennen willst!«
»Und ich lüge nicht!«, rief Angela. »Niemals! Auch dann nicht, wenn ich mein Leben dadurch retten könnte!«
Da schaute der Inder sie mit seltsamem Ausdruck an.
»Dann freilich wirst Du lange warten können, ehe Du von hier erlöst wirst!«, sagte er ernst.
»Und wenn ich hier sterben müsste!«, versicherte Angela. »Jetzt aber lasse mich wieder hinaus. Ich will suchen, ob ich eine andere Stätte finde, wo ich mit meinem Knaben unterkriechen kann. Wenn nicht, dann werden wir eben ohne Obdach schlafen, und Gott wird uns nicht verlassen.«
Sie ging zu dem Loche, durch welches sie hereingekommen waren, ließ sich wieder auf den Boden nieder und wollte den Knaben rufen — —
Sie hatte ihn zuletzt nicht mehr an der Hand gehalten, hatte einmal nicht auf ihn geachtet, ganz gegen ihre Gewohnheit — —
Und jetzt sah sie das Kind nicht mehr! Sie erschrak wohl etwas, aber sie sorgte sich noch durchaus nicht, denn sie hörte aus dem Nebenraume das Meckern der Ziege und sagte sich, dass Loke dort mit dieser spielte.
Sie rief ihn.
»Komm, Loke! Wir wollen wieder hinaus an das Meer!«
Der Knabe antwortete nicht, kam auch nicht.
Da lief Angela zu dem Gange, durchschritt ihn, kam in die nächste Höhle, sah auch dort den Knaben nicht, lief wieder weiter in den nächsten Raum — — Loke war nicht dort!
»Loke!«, rief sie da so laut sie konnte.
Doch keine Antwort kam. Regungslos stand Angela da. Was hatte sie getan! Wenn der Knabe immer weiter gelaufen war und sie ihn nun suchen sollte?
Sie wendete sich, rief nach dem Arzt. Er war sofort bei ihr.
»Der Knabe ist verschwunden!«, stieß sie hervor.
»Es scheint so«, lautete die Antwort.
Da schnellte sie vorwärts und packte ihn mit beiden Händen an den Schultern.
»Das ist Dein Werk!«, schrie sie ihn an.
Doch als sie in die ernsten Züge des Mannes schaute, schämte sie sich schon wieder ihrer Heftigkeit, ließ ihn los und eilte in die erste Höhle zurück.
Vielleicht war der Kleine unbemerkt von ihr hinausgekrochen, spielte nun schon wieder draußen mit der Ziege — oder er war ans Meer gelaufen — er konnte in das Wasser gefallen sein — —
In heißer Herzensangst lief Angela zum niedrigen Gange, kroch hindurch, kam ins Freie, schaute suchend umher — sie sah Loke nicht — —
Da rannte sie zum Strande hinab. Weithin war er zu übersehen, aber nirgends erblickte sie den Knaben.
Und in dem Sande hätten seine Füßchen Spuren hinterlassen müssen! Nein, hier war er nicht, er musste noch in der Höhle sein! Also wieder dorthin!
Der Inder war noch nicht herausgekommen, sie fand ihn in der ersten Höhle, teilte ihm mit, dass Loke nicht draußen sei, und lief schon wieder durch die Gänge und Höhlen — —
Sie kam wieder in jene Schatzkammer, ohne die Kostbarkeiten auch nur eines Blickes zu würdigen, wollte jenseits weiter, konnte aber nicht, hier wies die Felswand keinen Gang mehr auf.
Ratlos stand sie da. Verzweifelt schaute sie sich um. Da trat der Hakim zu ihr.
»Du weißt noch nicht, dass von jeder dieser Höhlen Gänge abzweigen. Sie sind durch Decken verhüllt. Sieh hier!«, sagte er und zog einen der Vorhänge seitwärts.
In jähem Schrecken sah Angela, dass nicht nur ein Gang abführte, sondern dass einer neben dem andern lag.
Und als der Arzt auf der gegenüberliegenden Seite, zu der er getreten war, nun auch den Vorhang entfernte, da zeigten sich dort ebenfalls Gänge — —
Laut schrie die unglückliche Mutter auf.
Wo sollte sie nun ihr Kind suchen?
Sollte sie alle diese Gänge durchforschen, von denen doch vielleicht wieder andere abzweigten?
Und selbst wenn sie es tat, konnte doch der Knabe inzwischen von einem Unglück betroffen worden sein. Es konnte Abgründe hier geben — er — — ach, es war ja gar nicht auszudenken, was alles ihm zugestoßen sein konnte — —
Der Hakim aber wusste einen Trost.
»Es ist wohl kaum anzunehmen, dass der kleine Bursche einen der Vorhänge zur Seite gezogen hat«, sagte er. »Möglich ist nur, dass er zufällig hinter einem eine Öffnung gespürt hat und dann erst die Decke hob. Sicher aber ist er nicht in einen der dunklen Gänge gekrochen; er wird nur einen der erleuchteten gewählt haben, sodass wir also nur diese zu durchsuchen haben.«
Ja, da bemerkte Angela selbst erst, was ihr vorher entgangen war.
Nicht alle abzweigenden Gänge waren hell, sondern die meisten gähnten ihr dunkel entgegen. Ja, sie erkannte nunmehr, dass immer nur einer auf jeder Seite erleuchtet war.
»Ich hörte die Ziege noch in der ersten Höhle! Dorthin wollen wir zurück und dort suchen!«, stieß sie hervor.
So kehrten sie nach dem Raume zurück, dem zweiten also, und als der Hakim dort die Wandvorhänge zur Seite zog, sahen sie zu ihrer großen Freude, dass alle Gänge bis auf einen dunkel waren, dieser eine dafür aber weit und hoch war.
Und da fanden sie auch etwas, was ihnen verriet, dass wenigstens die Ziege diesen Gang betreten haben musste.
Auf dem Boden sahen sie jene schwarzen kleinen Dinger, die der Volksmund als »Ziegenrosinen« bezeichnet.
Angela schrie auf vor Jubel, sie glaubte schon, nun müsste sie den Kleinen bald wiederhaben — —
Sie lief in den Gang hinein, immer wieder den Namen des Knaben rufend, und der Arzt folgte ihr.
Doch schon nach kurzer Zeit kam die Enttäuschung.
Der Gang teilte sich in spitzem Winkel, und beide Teile waren erleuchtet! Welchen Weg sollten sie nun einschlagen? Eine weitere Spur war nicht vorhanden.
Zitternd stand Angela da.
»Geh Du nach der einen Seite!«, sagte sie zu dem Inder. »Ich will die andere nehmen!«
»Und wenn der Gang sich abermals teilt?«, wendete er ein.
Ja, er hatte recht!
»Dann bleibe bei mir! Wir beide wollen rechts gehen, und finden wir ihn da nicht, dann suchen wir links!«
Sie betraten den neuen Gang, eilten darin weiter, aber er nahm kein Ende, teilte sich auch nicht.
Bis er endlich vor einer Felswand aufhörte!
Sie mussten umkehren und taten es, und trotz des vergeblichen Suchens war Angela fast froh, dass sie hier nicht weitergekonnt hatte. Nun musste sie den Kleinen in dem anderen Gange finden.
Sie liefen eiliger als sie gekommen waren zurück, kamen an die Kreuzungsstelle, bogen in den anderen Gang ein — —
Und nach einer Weile standen sie wieder vor einer Felswand!
Angela brachte kein Wort hervor. »Hier ist er nicht«, sagte der Inder.
»Aber wo dann?«, fragte sie.
»Wir wollen in die Höhle zurück!«, entschied sie.
Sie liefen zurück, es war genau der Weg, den sie gekommen waren, und doch konnte er es nicht sein, denn auf einmal sperrte auch hier eine Felswand ihn, sie konnten nicht weiter — —
Leichenblass schaute Angela ihren Gefährten an.
»Wir sind in den falschen Gang gekommen!«, murmelte sie.
»Ausgeschlossen!«, erwiderte er. »Von der Stelle, wo der Gang sich teilte, führte kein anderer hierher, wir sind richtig gelaufen, aber man hat uns den Ausweg versperrt — —«
»Man hat uns den Ausweg versperrt?«, wiederholte Angela tonlos und starrte entsetzt auf den Inder.
»Es kann nicht anders sein!«, versicherte er.
»Dann müssten also doch Menschen in den Höhlen gewesen sein?«
Der Hakim nickte.
»Ich wüsste keine andere Erklärung!«
»Aber sie können doch nicht Gesteinswände aufbauen, wo vorher keine waren!«
Da zuckte der Inder die Schultern — —
Angela sah es und verstand — —
Die Geheimnisse, von denen sie sich in letzter Zeit umgeben gesehen hatte, ließen ihr eine solche Möglichkeit nicht mehr als ausgeschlossen gelten. Wenn es Wesen gab, die — —
Ach, sie wollte nicht weiter über diese Dinge nachdenken, sie hätte den Verstand darüber verloren. Ihr Kopf war so schon ganz wirr, nur ihr Herz war noch klar — —
»Loke! Mein armer kleiner Loke!«, schrie sie auf und wollte niedersinken, die Hände ringend.
Dann aber besann sie sich.
Sie stürmte gegen die Gesteinswand, hämmerte mit beiden Fäusten dagegen.
»Macht auf! Macht auf! Meinen Knaben will ich wiederhaben! Gebt mir meinen Loke wieder!«
Sie hätte sich die Hände wund hämmern können, der Felsen gab nicht nach.
Da freilich sank sie weinend nieder, aber auch jetzt schnellte sie bald wieder empor.
»Wir wollen doch sehen, ob wir uns nicht verlaufen haben!«, sagte sie.
Sie ging zurück, kam wieder an die Stelle, wo der Gang sich teilte, lief nach rechts, kam an das Ende, kehrte um, lief nach links — —
Alles war vergebens!
Auf jeder Seite waren die Gänge durch Felswände abgeschlossen, sie waren gefangen in dieser Unterwelt, und der kleine Loke war verschwunden!
Angela dachte nicht daran zu beten, Gott um Hilfe anzuflehen. Es war etwas in ihr, das ihr sagte, das würde ganz nutzlos sein, aber sie dachte und dachte nach, bis sie nicht mehr konnte — —
Dann glitt sie zu Boden und blieb regungslos auf ihm hocken
»Sterben!«, murmelte sie. »Jetzt kann ich nichts weiter tun als sterben!«
Der Hakim erwiderte nichts.
Sie sah, wie er fortging und wiederkam. Er hatte die Felswand noch einmal untersucht, aber nicht die kleinste Ritze gefunden, die das Vorhandensein einer Tür angedeutet hätte.
Da setzte er sich ebenfalls. Er war ein Inder, der Gleichmut seiner Seele war durch nichts zu erschüttern. Nirwana! Kismet! Die Götter wollten es so! Was sollte er sich da empören?
Und langsam, unendlich langsam schlich die Zeit. Nichts regte sich in dem Gange, das Licht erlosch nicht — —
Wie lange sie so dagehockt hatte, Angela wusste es nicht, sie spürte weder Hunger noch Durst, aber ihr Herz schien eine Stimme bekommen zu haben, die immer wieder einen Namen formte, gleichmäßig, eintönig diesen Namen wiederholte. Immer dasselbe:
»Loke! Loke! Loke!«
Bis dann in ihr noch andere Stimmen lebendig wurden, Stimmen, die Anklage gegen sie erhoben.
Warum hatte sie nicht weiter angehört, was ihr Gatte ihr hatte anvertrauen wollen? Warum war sie so hochmütig gewesen?
Ach, wenn sie ihn doch nur ein einziges Mal noch hätte sprechen können! Aber jede Möglichkeit dazu war ausgeschlossen!
Und endlich musste die Müdigkeit sie überwältigt haben, sie träumte wohl, denn sie sah plötzlich eine Frau auf sich zukommen.
Das war eine ganz seltsame Frau, und noch seltsamer war das Gewand, das sie trug. Angela wurde nicht klug, was es eigentlich war — —
Oder war das gar keine Frau, war das ein Mann?
Ach nein, es war schon eine Frau. Das Gesicht gab es — und dann — ja, unter der schwarzseidenen Bluse hob und senkte sich eine weibliche Brust, und dieser Mund war ein Frauenmund — —
Aber sonst — — die hohen blanken Stiefel aus geschmeidigem Leder — —
Und der große schwarze Hund mit den funkelnden Augen — —
Angela rieb sich die Augen.
Aber als sie aufschaute, war die Frau noch immer da, stand dicht vor ihr.
Und jetzt neigte sie sich etwas vor. Dunkle, unheimlich funkelnde Augen drangen in sie. Angela fühlte sich so beklommen — —
»Du bist Angela, Loke Klingsors Frau?«, fragte eine leise schwingende Stimme, die aus weiter, weiter Ferne zu kommen schien.
»Du bist Angela, Loke Klingsors Frau?«
Angela strich sich zum zweiten Mal über die Augen.
Da hörte sie ein Lachen, und dann sagte dieselbe Stimme wie vorher:
»Du träumst nicht! Ich stehe wirklich vor Dir!«
Da schlug Angela die Augen auf, erhob sich und streckte beide Hände vor. Sie berührten das seidene Gewand, sie glitten empor bis zu den Schultern, kamen an den Hals, an die Wangen — —
Und dann jauchzte Angela auf.
»Gerettet! Du bist ein Weib! Du wirst mir helfen, meinen Knaben finden!«
»Dein Knabe ist schon längst bei mir«, erwiderte das seltsame Weib.
»Er ist bei Dir?«
Und dann dachte Angela zum ersten Mal wieder an den, den sie vorher nicht hatte anrufen wollen.
»Gott im Himmel, ich danke Dir!«, murmelte sie.
Sie erschrak, als die Frau vor ihr lachte.
»Närrin!«, sagte sie. »Nicht Gott rettete Deinen Knaben, nicht ich tat es! Ich fing ihn, weil ich ihn haben musste, weil es Loke Klingsors Sohn ist — —!«
»Du fingst ihn? Du hast ihn mir entführt, geraubt? Ah, Du — —!«
Angela packte die vor ihr Stehende und wollte sie schütteln. Da merkte sie, dass sie ebenso gut eine steinerne Bildsäule hätte rütteln können!
Unbeweglich stand das Weib da. Nur die dunklen Augen funkelten noch unheimlicher als zuvor, und der große Hund neben ihr ließ ein dumpfes Knurren hören.
»Antworte!«, sagte die Fremde. »Bist Du die Frau Loke Klingsors?«
Da ließ Angela die Hände von der Fragerin, richtete sich stolz auf und sagte:
»Ich bin die, die Du nennst!«
»So komm! Folge mir! Fürchte Dich nicht!«
»Ich mich fürchten? Dich vielleicht? Oh, wie Du Dich irrst!«
Die Unbekannte antwortete nicht, sie schritt voran, und Angela folgte ihr.
Doch nur ein kurzes Stück.
»Hast Du den Inder schon fortgebracht, den Hakim?«, fragte sie.
»Was kümmert er mich?«, klang es zurück.
»Er war mein Freund, ich will ihn nicht verlassen!«
Angela wendete sich bereits, sie wollte nach dem Inder sehen, dessen sie erst jetzt gedachte.
Da wendete ihre Führerin sich um.
»Er ist schon dort, wohin wir alsbald kommen werden!«, sagte sie.
»Du lügst nicht?«
»Das habe ich nicht nötig. Ihr beide seid in meiner Gewalt.«
»Dann geh voran! Aber wehe Dir, wenn Du die Unwahrheit gesagt hast!«
Keine Antwort erfolgte.
Das seltsam gekleidete Weib schritt weiter, den Hund zur Seite, für den Angela das Tier hielt, und nun sah sie, dass die Felswand wieder verschwunden war, dass sie den Gang dahinschreiten konnte wie ehedem.
Bald standen sie wieder in der zweiten Höhle, schritten durch den Verbindungsgang nach der ersten, und in dieser erblickte Angela, sobald sie sie betrat, an einer Wand den Hakim, dessen Blicke bei ihrem Erscheinen aufleuchteten, dann aber sah sie zwischen fremdartig gekleideten Männern ihren Loke stehen — —
Da vergaß sie alles andere.
»Loke!«, jubelte sie auf und lief zu dem Kleinen, der ihr die Ärmchen entgegenstreckte.
Da trat einer der Männer zwischen sie und den Knaben. Ein furchtbar aussehender Kerl war es, dessen Gesicht eine einzige Narbe zu sein schien, der keine Nase mehr hatte — —
Und in der einen Hand schwang er ein blitzendes krummes Schwert. Seine Augen funkelten tückisch und drohend.
Er schrie ihr ein Wort zu, das wohl »zurück!«, bedeuten sollte, das sie aber nicht verstand — —
Ach, dieser Mensch wollte sie von ihrem Knaben trennen? Dieser Mensch?
Und wenn er hundert Hände gehabt und in jeder ein Schwert geschwungen hätte, Angela hätte sich nicht vor ihm gefürchtet!
Ehe sie selbst wusste, was sie tat, ehe er noch ahnte, was sie vorhatte, hatte sie ihm das Schwert entrissen und ihn selbst zur Seite gestoßen — —
Im nächsten Augenblick hatte sie ihren Knaben gepackt, ihn auf die Arme gehoben — das Schwert fiel mit leisem Klirren zu Boden — —
»Loke! Ich habe Dich wieder!«, jubelte sie leise. »Wo warst Du nur? Warum hast Du Deiner Mutti einen solchen Schrecken eingejagt?«
Der Kleine konnte ihr keine Auskunft geben, aber er schlang beide Ärmchen um ihren Hals und schmiegte sein Gesicht an das ihre.
Nun erst schaute Angela auf die Frau, die regungslos dastand, sah den finsteren, hässlichen Mann, der sein Schwert wieder aufgehoben hatte.
»Was wollt Ihr von mir?«, fragte sie. »Meinen Sohn? Ah, kommt doch! Seht, ob Ihr ihn mir entreißen könnt!«
Sie zählte mit den Blicken die Männer, die ihr gegenüberstanden.
Ihrer acht waren es, acht verwegen aussehende, bis an die Zähne bewaffnete Männer, und auch das Weib führte Waffen in dem Gürtel.
Angela aber war allein, hatte nichts, womit sie sich verteidigen konnte, und doch wagte sich keiner an sie; stand sie vollkommen furchtlos da.
»Hat Dir Dein Mann nicht von mir erzählt?«, fragte da das Weib in der dunklen Seidenbluse.
»Mein Mann? Von Dir? Wer bist Du denn, dass Du so etwas annehmen kannst?«
»Ich bin die Maladetta«, klang es furchtbar drohend.
»Die Maladetta? Nun, ich kenne Dich nicht, aber wenn Du wirklich ein Weib bist gleich mir, dann wirst Du jetzt mit diesen dort gehen und mich nicht mehr belästigen! Ich habe Dich nicht gerufen — —«
Da lachte die Maladetta schrill auf.
»Als wenn ich auf Deinen Ruf gewartet hätte! Dich suchte ich, Dich habe ich gefunden, und Du bist meine Gefangene — Du mitsamt dem Kinde des Mannes, den ich hasse, dem ich Rache geschworen habe!«
»Wofür?«, fragte Angela.
»Das kümmert Dich nicht!«
»Dann verschweig es, sprich aber auch nicht mehr von Rache, denn sie wird Dir nicht glücken! Mein Mann — ah, ich kannte ihn bisher noch gar nicht — ich hielt ihn für — — doch das kümmert wieder Dich nicht! Aber das weißt Du doch sicherlich, wenn Du ihn wirklich kennst, dass er niemals dulden wird, dass seiner Frau und seinem Kinde auch nur das geringste Leid geschieht! Und planst Du doch Böses wider uns, so wird es zuschanden werden, eher als Du es ahnst! Ach, was weißt denn Du von meinem Manne!«
Wie stolz und verächtlich das klang! Und die Frau, die sich Maladetta genannt hatte, konnte nichts dagegen tun!
Angela wusste ja nichts von der Feindschaft zwischen diesem Weibe und ihrem Loke, aber sie fühlte, dass er der Stärkere von beiden war, dass er imstande sei, sie zu schützen — —
Sie achtete gar nicht auf das, was nun weiter geschah. Sie verstand auch die Befehle nicht, welche von der Maladetta gegeben wurden, denn die Sprache war ihr ganz unbekannt.
Sie winkte dem Hakim, und er kam sofort zu ihr, wurde nicht daran gehindert.
Da reichte sie ihm die rechte Hand und schaute ihn dankbar an, ohne ein Wort zu sprechen.
Und er verstand sie, neigte das Haupt und blieb neben ihr.
Nun zeigte sich, dass der enge Eingang der Höhle auch nur eine Täuschung gewesen war, denn eine Pforte tat sich auf, durch welche die Maladetta mit ihren Begleitern hinausging, und ohne Zögern folgte ihnen Angela mit dem Knaben auf dem Arm.
Noch war es heller Tag draußen, aber die Sonne stand schon tief, und so konnte Angela wenigstens erraten, dass sie lange Stunden in den Höhlen verbracht hatte, aber sie wusste nicht, ob es noch der gleiche Tag war oder ein neuer, der sich jetzt dem Ende zuneigte.
Sie sah noch etwas anderes. Am Strande der Insel lag ein Schiff, ein Dampfer, und auf diesem standen viele fremdartig gekleidete Menschen.
»Du wirst Dich nicht weigern, an Bord zu gehen?«, fragte da die Maladetta, indem sie neben Angela trat.
Diese schaute auf den Hakim, und als er leise nickte, erwiderte sie:
»Nein. Ich werde mit Dir gehen.«
»So folge mir! Aber hüte Dich, entfliehen zu wollen! Mein Fenris würde Dich einholen und zerreißen!«
»Das ist Dein Hund?«
»Es ist kein Hund, es ist ein wilder Wolf, der nur mir gehorcht!«
»Nun, das ist dasselbe, und Ihr beide passt zueinander, denn — doch das brauche ich Dir nicht erst zu sagen, dass Du selber in meinen Augen eine tückische Wölfin bist — —«
»Du sagst es, Du kannst mich nicht beleidigen, und Du sollst bald erfahren, dass ich wirklich eine Wölfin bin!«
Dann schritt das Weib dem Strande zu, auf den ein Boot gezogen war, und die Männer schoben es in das Wasser.
Darauf stiegen alle ein, Angela setzte sich an das Heck; sie fürchtete sich auch jetzt noch nicht, und seelenruhig stieg sie über das herabgelassene Fallreep an Deck.
Die Maladetta, die ihr folgte, winkte ihr. Sie stiegen eine enge Treppe hinab, der Arzt hinter ihnen, und dann betraten sie eine Kabine von den vielen, die von einem langen Gang abzweigten.
»Hier sollst Du mit Deinem Knaben leben«, sagte die Maladetta.
»Und der Hakim?«, fragte Angela.
»Er wird neben Dir wohnen. Ich will Dich nicht hindern, mit ihm zu verkehren, denn was er Dir auch wird sagen können, es wird mir nur mein Vorhaben erleichtern, und schaden kann es mir nichts. Er wird nicht lange mehr leben. Sobald wir unser Ziel erreicht haben, stirbt er.«
»Das glaubst Du, Maladetta!«, sagte da der Inder gelassen.
»Das weiß ich!«, fuhr sie wild auf.
»Nichts weißt Du, denn sonst würdest Du nicht so töricht sprechen. Ich hätte nicht nötig, es Dir zu sagen, aber ich will es nicht verhehlen. Wisse, dass ich in den Sternen gelesen habe und dass sie mir verrieten, Du würdest vor mir sterben!«
Die Maladetta, die Wolfsgräfin, die sich schon zum Gehen gewendet hatte, hemmte ihren Schritt und schaute den Sprecher verächtlich an.
Dann lachte sie verächtlich auf.
»Ich müsste Dich sehr klug nennen, wüsste ich nicht. dass Dein Kniff uralt ist!«
Sie hatte recht. Im ganzen Morgenlande ist diese Geschichte verbreitet, dass ein mächtiger Fürst seine Astrologen kommen ließ und von ihnen zu erfahren wünschte, wann er sterben würde. Die Gelehrten aber kannten ihren Herrn und wussten genau, dass er sie köpfen lassen würde, wenn ihm die Antwort nicht gefiel.
Allerdings wussten sie auch nicht, wie er sie gern gehört hätte, ob sie ihm ein nahes oder ein fernes Ende prophezeien sollten, und dann wie nahe, wie ferne!
Was sie befürchtet hatten, trat ein. Die Antworten der einzelnen brauchen nicht angeführt zu werden. Sie alle wurden hinausgeführt und dem Scharfrichter überantwortet. Nur einer stand noch da, und den fragte nun der Fürst:
»Was meinst Du, wann ich sterben werde?«
»Ich meine nicht, aber ich weiß, dass Du, Erhabener, eine Stunde später sterben wirst als Dein Diener dem Tode zum Opfer fällt!«, lautete die Antwort, und dieser Astrologe blieb am Leben. Das hatte er schon deswegen verdient, weil er wirklich ein Seelenkenner war. Der Fürst hätte ihn ja ebenfalls töten lassen können, um vielleicht zu erfahren, ob die Prophezeiung eintreffen würde, aber das hätte für ihn eben nicht mehr und nicht weniger als einen Selbstmord bedeutet. Er war abergläubisch und doch nicht, sonst hätte er die nicht töten lassen, die ihm ein langes Leben voraussagten, aber als der eine ihm eröffnete, dass er eine Stunde später sterben werde als der Weissager, da — ja, da ließ er es eben doch nicht darauf ankommen, da gab er Befehl, den klugen Mann genau so zu behandeln wie sich selbst, ihn aufs sorgsamste zu pflegen — —
Denn er wollte eben recht, recht lange noch leben! Und da musste der Prophet natürlich auch am Leben bleiben!
Diese Geschichte war der Maladetta bekannt, sie lachte darüber.
Der Hakim ließ sich nicht beirren.
»Die Sterne lügen nicht«, sagte er. »Du verdienst zwar nicht, dass ich Dir einen Beweis gebe, aber ich will es tun. Von denen, die bei Dir sind, ist einer Dir besonders lieb, ich weiß auch seinen Namen, obwohl ich ihn nie gesehen habe, ihn überhaupt nicht kenne. Er nennt sich Tschaikoff und ist ein Russe gleich Dir, obwohl er die Kleidung des Landes trägt, in dem Du jetzt lebst. Höre, Maladetta — —«
»Wie wagst Du mich zu nennen?«, fuhr da das schwarzhaarige Weib dazwischen.
»Ich nenne Dich mit dem Namen, den Du Dir selbst beigelegt hast.«
»Nun gut — es kommt ja wirklich nicht darauf an«, erwiderte die Gräfin, die sich schon wieder beruhigt hatte. »Du kennst also diesen Tschaikoff nicht, wohl jedoch sein Schicksal?«
»Ich will es Dir sagen. Er steht jetzt unter dem hintersten Maste Deines Schiffes und schaut nach dem Himmel hinauf. In der Höhe ist ein Matrose beschäftigt, Taue zu splissen. Er tut es mit einer langen Eisennadel, die man Marlspieker nennt — und in dieser Sekunde lässt der Mann die Nadel fallen, sie dringt Tschaikoff ins linke Auge — er fällt tot nieder — —«
»Das lügst Du!«, zischte wütend die Maladetta.
Aber ihr Gesicht, das vom Zorne gerötet war, erbleichte, als sie im gleichen Augenblick an Deck einen gellenden Schrei hörte, dann ein Trappen von hastigen Schritten.
Und da kam auch schon einer jener Männer, die mit ihr in der Höhle gewesen waren, die Treppe herunter und rief:
»Soeben ist Tschaikoff tödlich verunglückt!«
Die beiden anderen, der Hakim und Angela, verstanden diese Worte nicht, weil sie auf Russisch gerufen worden waren, aber für den Inder bedurfte es ja überhaupt keiner Bestätigung seiner Voraussage, und Angela erkannte sofort, dass diese eingetroffen war.
Die Maladetta aber stürmte nicht sofort an Deck.
Dicht trat sie vor den Hakim, und die Blicke ihrer Augen bohrten sich in sein Gesicht. Ihre Brust wogte erregt, ihre Hände ballten sich.
»Und Du sollst Dich doch verrechnet haben! Ich werde Dich — —«
Sie sprach nicht aus, was sie hatte sagen wollen, sondern stieg nun langsam die Treppe empor, nachdem sie den Gang zurückgelegt hatte.
Die beiden, die auf so seltsame Weise Verbündete geworden waren, waren allein, und nun fragte Angela:
»Wie konntest Du das wissen? Hast Du es wirklich in den Sternen gelesen?«
Der Inder antwortete nur durch einen Blick. Er schaute die Fragerin an. Das aber genügte.
Angela sah wieder einmal, dass es auch für diesen Mann keine Lüge gab, und sie bot ihm die Hand.
Er nahm sie, drückte sie aber nicht, sondern legte sie sich aufs Haupt, sich dabei tief verneigend.
Dann richtete er sich wieder auf.
»Was bin ich gegen Deinen Gatten, dessen Blick alles durchdringt, der alles weiß?«
Angela stutzte.
»Du behauptest wohl etwas viel. Alles wissen kann nur Gott — —«
»Dein Gatte gleicht einem Gott!«, versicherte der Inder.
»Mensch, frevle nicht! Wenn Du mit diesem Namen einen Deiner Götzen meinst, dann magst Du ja recht haben, denn sie sind eben auch nur von Menschen geschaffen und erdacht worden, können daher nur Menschliches tun und vollbringen, aber jener Gott, den ich meine, der einzige, den es gibt — oh, er lässt sich mit keinem Menschen vergleichen —«
»Gott ist Gott«, erwiderte ernst der Inder. »Wie die Menschen ihn nennen, das bleibt sich gleich, ebenso, wie sie sich ihn vorstellen. Der aber, zu dem Du betest, ist der gleiche, den auch wir verehren, und Dein Christus, der Erlöser, ist unser Gaudama. Wie jener von einer Jungfrau geboren ward, so entsprang er dem Kelche einer Lotosblume, und beide haben alle Herrlichkeit aufgegeben, die ihres Vaters war, der eine die im Himmel, der andere die eines Fürstenpalastes; beide sind arm geworden, weil sie nur so den Armen helfen konnten —
Lass mich schweigen, Begum! Was ich Dir sagen könnte, wirst Du von Deinem Gatten schon erfahren haben. Jetzt aber sieh! Die Maladetta kommt zurück. Sie wird mich holen lassen — —«
»Und Dich töten wollen?«, stieß Angela hervor, die keine Zeit fand, auf die lange Erklärung des Hakims einzugehen.
Wieder antwortete der Inder nicht, aber er lächelte seltsam.
Erst als die Maladetta mit ihren Begleitern dicht vor ihm stand, sagte er halblaut:
»Geh mit hinaus, dass Du siehst, was sich ereignen wird!«
Die Maladetta hatte diese Worte vernommen.
»Ja, tue das!«, fügte sie hinzu. »Aber vorher sagt Dir vielleicht Dein Freund auch noch Deinen Todestag voraus. Er muss sich beeilen, denn lange wird ihm nicht Zeit dazu bleiben.«
Angela hob abwehrend die freie Hand.
Doch ehe sie etwas sagen konnte, hörte sie den Hakim sprechen:
»Und wieder irrst Du, Weib! Ich werde noch lange Tage mit dieser Frau beisammen sein und ihr viel sagen können!«
»Denkst Du? Nun, ich will Deinen Prahlereien ein Ende machen!«
Sie winkte den Männern, ihren Kosaken, den Hakim zu ergreifen, und er ließ sich willig fortführen.
»Komm nur mit!«, forderte die Maladetta dann Angela auf, aber es hatte dessen nicht erst bedurft. Sie war entschlossen, mit hinaufzugehen und zu sehen, was sich dort abspielen würde.
Alle betraten das Deck, und zwar das Achterdeck.
So kam es, dass Angela sofort auf den Planken die große Lache Blutes gewahrte, die sich unmittelbar unter dem dort stehenden Mast ausbreitete.
Sie erschauerte, als sie sich klar machte, dass der Hakim also die Wahrheit gesprochen hatte.
Was für Menschen waren das, die die Zukunft voraussehen konnten?
Und ihr Loke sollte noch mehr vermögen als sie?
Doch sie hatte nicht lange Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen.
Die Maladetta winkte ihr, mit an die Reling zu treten, an welche der Inder geführt worden war.
Dann winkte sie.
Einer der Kosaken hatte einen Schinken in der Hand.
Den schleuderte er nun in weitem Bogen ins Meer, das sehr ruhig war.
Und kaum war der Schinken auf das Wasser aufgeschlagen, da ward es ringsum lebendig.
Gewaltige Fische tauchten auf, deren spitze dreieckige Rückenflossen pfeilschnell das Meer durchschnitten.
Dann sah Angela, wie einer sich auf den Rücken warf, dass der hellgraue Bauch durch das Wasser schimmerte. Sie sah einen mächtigen Rachen sich auftun mit furchtbaren, dolchähnlichen Zähnen gespickt — —
Dann war der Schinken verschwunden.
Der Glückliche, der ihn erschnappt hatte, tauchte. Seine Gefährten aber suchten emsig nach einer anderen Beute, kamen näher und näher an das Schiff heran —
Angela wusste, dass es Haifische waren, obwohl sie noch nie einen gesehen hatte außer einem ganz kleinen, der einmal an einer Fischhandlung an der Tür gehangen hatte — —
Und sie hatte gesehen, was für entsetzliche Räuber diese Tiere waren.
So erschrak sie furchtbar, als nun die Maladetta, die dicht neben ihr stand, ihr zuraunte:
»Was meinst Du, wenn ich Dich jetzt mitsamt Deinem Knaben ins Meer werfen ließe?«
Angela presste ihren Knaben an sich. Sie wurde leichenblass — —
Da aber fuhr die Maladetta schon fort:
»Ich denke, Du fürchtest Dich nicht?«
Da besann sich Angela. Ihre Augen flammten die Spötterin an.
»Du vermagst nichts über mich, was nicht von Gott über mich beschlossen wurde!«, erwiderte sie.
»Schon wieder dieser Name? Ach, Du Närrin, törichte! Der alte Mann, als den Ihr Euren Gott darstellt, der ist müde geworden, sich mit Euch herumzuärgern! Aber lassen wir das! Jetzt will ich Deinem Schützer beweisen, dass seine Prophezeiungen Lügen sind, mit denen er mich schrecken will. Ich werde ihn mitten zwischen diese hungrigen Bestien werfen lassen, und Du glaubst doch wohl nicht, dass er ihnen entgehen wird?«
»Wenn er die Wahrheit gesprochen hat, wenn er wirklich in den Sternen zu lesen versteht, die den Willen des Gottes bekunden, den Du eben verspottet hast, ja, dann wird er ihnen entgehen!«, rief Angela.
Die Maladetta lachte ihr schrilles misstönendes Lachen.
»Nun, so wollen wir sehen! Und wenn sie ihn doch zerreißen, dann wirst Du ja auch noch erleben, dass ich nicht vor ihm sterbe, wie er behauptete!«
Sie winkte. Die Kosaken packten den Hakim und hoben ihn empor. Schon schwebte er über ihren Köpfen.
Da rief die Maladetta:
»Bekenne, dass Du gelogen hast, und ich will Dir das Leben schenken!«
Der Hakim aber lächelte.
»Packt Dich die Furcht vor dem Tode, Weib? Du stellst Dich, als spottetest Du seiner, und doch graut Dir vor ihm, wie Dir vor der Stunde graut, in welcher der Gatte Deiner Gefangenen von Dir Rechenschaft fordern wird!«
Da erbleichte die Gräfin, aber es war nicht festzustellen, ob vor Zorn oder vor Schreck.
Sie zögerte einen Augenblick, dann jedoch hob sie die rechte Hand.
Die Kosaken schleuderten den unglücklichen Inder so in das Meer wie vorher den Schinken.
Klatschend schlug der Körper auf das Wasser, dass es hoch empor spritzte, und dann schossen auch schon die gewaltigen Tiger des Meeres herbei.
Im nächsten Augenblick musste das Blut des Hakims die Wogen färben, musste sein Leib von den scharfen Gebissen der Haie zerfetzt werden.
Schaudernd sah Angela hinab. Sie zwang sich dazu, obwohl sie sich am liebsten abgewendet hätte. Eine Gewalt in ihr ließ es nicht zu —
Und fast hätte sie aufgejubelt darüber, was sie sah! Die Haie waren dicht an dem Hakim, der alsbald wieder aus dem Wasser aufgetaucht war, aber sie zerfetzten ihn nicht!
In wilder Flucht stoben sie vielmehr davon, tauchten unter.
Nach einer Minute schon war keiner von ihnen mehr zu sehen.
Regungslos stand die Maladetta da, mit beiden Händen die Brüstung der Reling umklammernd, dass das Holz knackte. Sie beugte sich weit vor, ihre Augen weiteten sich immer mehr —
Ja, das war nicht nur Unglaube, was sich auf ihrem Gesicht ausprägte. Das war unverhohlenes Entsetzen!
Und ihre Schergen schrien auf. Auch sie fürchteten sich vor dem, was sie da sahen!
Angela aber lächelte.
»Es gibt einen Gott!«, murmelte sie. »Und ihm will ich fortan unerschütterlich trauen, was mir auch geschehen mag!«
Die Maladetta aber erholte sich schnell von ihrem Schrecken.
»Werft Schinken und anderes ins Meer! Dicht neben ihn! Wir wollen doch sehen, ob sie ihn da nicht mit packen!«
Die Kosaken eilten fort.
Ihnen selbst lag offenbar viel daran, dass die Haie den Inder zerrissen. Sie schleppten Schinken und Fleischstücke herbei und schleuderten alles über Bord, immer dicht neben den schwimmenden Körper des Hakims, der sich nicht regte und doch von den Wellen getragen wurde.
Aber kein Hai tauchte wieder auf, keiner schnappte nach der willkommenen Beute!
»So sollst Du wenigstens ertrinken!«, schrie die Maladetta außer sich und winkte nach der Kommandobrücke hin. Das Schiff, das keine Fahrt gemacht hatte, weil die Maschine abgestellt gewesen war, erbebte, als sie nun wieder in Gang gesetzt wurde.
Bald musste der schwimmende Inder weit hinter dem Dampfer zurückbleiben, und dann war er ja doch verloren —
Aber der Dampfer kam nicht von der Stelle!
Und da kam schon einer der Heizer an Deck gestürzt und schrie:
»Ein Bolzen ist gebrochen, die Maschine versagt — lasst —«
Er kam nicht weiter. Der Kapitän erkannte die Gefahr — er rief einen Befehl durch das Sprachrohr, das hier noch den Telegrafen ersetzte — und alsbald ließ man den Dampf ausströmen, dass er mit sausendem Zischen wich. Sonst wäre der Kessel geplatzt, und alle, die an Bord weilten, wären verloren gewesen!
Totenbleich taumelte die Maladetta zurück. Ihre dunklen Augen hatten einen furchtbar starren Blick —
Sie murmelte Worte, die niemand verstehen konnte.
Und das gleiche Entsetzen hatte sich aller bemächtigt, die Zeuge dieser rätselhaften Vorfälle gewesen waren.
Nur Angela strahlte vor Freude, ihre Blicke schauten verklärt zum Himmel empor, und laut rief sie:
»Herr, Herr, Du bist allmächtig und Deine Güte ist ohne Ende!«
Die Maladetta verstand diese Worte, sie schaute auf das schöne junge Weib, das jetzt mehr als je zuvor einer Madonna glich, und dann trat sie dicht neben sie.
»Du glaubst, dass der Mensch dort das alles bewirkte?«
»Er? Er vermag gar nichts! Aber alles vermag sein Glaube!«, entgegnete Angela. »Du jedoch, geh' in Dich und tue Buße, ehe es zu spät wird!«
Da wollte die Maladetta auflachen, aber es ward nur ein heiserer Laut, der sich ihrer Kehle entrang.
Zögernd stand sie noch einen Moment da.
Dann lachte sie wirklich.
»Setzt alle Segel! Wir wollen doch sehen, ob er uns zu halten vermag!«
Die Matrosen aber gehorchten nicht. Scheu wichen sie von ihr zurück, immer weiter. Sie kannten den Jähzorn der Gebieterin, aber diesmal fürchteten sie ihn nicht.
Zornflammend stand die Gräfin da.
»Memmen!«, schrie sie. »Vorwärts! Entert ihr auf, Kosaken! Ihr versteht ebenfalls die Segel zu bedienen! Hinauf mit Euch!«
Aber auch die Kosaken wichen nur zurück.
Keiner von ihnen wagte, den Befehl auszuführen.
Da biss die Maladetta sich in die Unterlippe, dass ein Blutstropfen hervorquoll, sie ballte die Hände —
Und mit jäher Bewegung riss sie einen der Revolver aus der Tasche an ihrem Gürtel.
Sie zielte auf den ihr am nächsten stehenden Kosaken.
»Geh' und gehorche!«, schrie sie ihn an.
Der Mann rührte sich nicht.
Da krachte der Schuss und streckte ihn tot nieder.
»Geh Du!«, wendete sie sich an den nächsten.
Mit demselben Misserfolg
Auch er starb von ihrer Hand, und der nächste sollte an die Reihe kommen. Es war offenbar, dass die Maladetta in ihrer Wut zu allem fähig war.
Doch da rotteten die Männer sich zusammen, und der mit dem furchtbar entstellten Gesicht trat vor.
»Tötest Du noch einen, so stirbst Du selbst!«, stieß er hervor.
Und dass er keine leere Drohung aussprach, sah sie an seinen funkelnden Augen. Er hatte ebenfalls einen Revolver in der Hand, und seine Gefährten zogen die ihren.
Da wendete sich die Maladetta um, wollte anscheinend wieder unter Deck gehen.
Noch einmal wurde sie an ihren Platz gebannt.
Aber nur eine Sekunde stand sie so.
Dann taumelte sie zurück.
Eben tauchte über der Reling der Körper des indischen Hakims auf.
Leicht schwang er sich über sie und stand im nächsten Augenblick auf Deck, kam auf die Maladetta zu, bis er dicht vor ihr stand.
Und alle sahen das neue Wunder!
Aus seinem Gewand rann das Wasser nicht in Strömen auf die Decksplanken.
Es war vollkommen trocken!
»Nur eine Frage will ich an Dich richten, an Dich, die Du Dich selber die Maladetta nanntest, die von Gott Verfluchte!
Glaubst Du auch jetzt noch, dass ich gelogen habe, dass Du mich töten lassen kannst, wie es Dir beliebt?«
Rings um die beiden bildete sich ein Kreis von Neugierigen —
Nein, nicht nur Neugier sprach aus den Mienen der Männer, der Kosaken sowohl als der Inder. Jetzt sollten sie den letzten Beweis dafür erhalten, wer von diesen beiden mächtiger war, die Herrin oder der Hakim.
Und die Gräfin wusste, was für sie auf dem Spiele stand.
Für Sekunden senkte sie die Lider. Sie stand stumm da und bemühte sich offenbar auch, das erregte Atmen ihrer Brust zu dämpfen, aber das gelang ihr nicht. Nur die Züge ihres Gesichts hatte sie in der Gewalt, sodass sie nur höhnisch lächeln konnte.
»Den Beweis dafür musst Du selbst erbringen«, erwiderte sie endlich. »Du meinst, ich müsste Dir glauben, weil die Haie Dich verschonten? Leider aber kann ich das nicht für ein Zeugnis Deiner übernatürlichen Kräfte ansehen, denn ich weiß, dass es ein Mittel gibt, das diese Tiere abschreckt. Ich selbst besitze es noch nicht, aber wie gesagt, ich weiß, dass es existiert. Und Dir ist es bekannt.«
»Dann bewirkte dieses Mittel auch, dass ich nicht im Meere versank, dass mein Gewand nicht nass ward und ich aus dem Wasser unversehrt an Deck kommen konnte?«
»Was weiß ich, woraus Dein Gewand besteht? Was Du darunter trägst? Das ist ein Hokuspokus, den Dir mancher von meinen Leuten nachmachen könnte, sicher aber mancher Yogi. Auch damit überzeugst Du mich nicht!«
»Und dass die Maschine versagte? Dass Deine Leute meuterten?«, fragte der Hakim mit unerschütterlicher Ruhe.
»Zufall! Der Bolzen sprang, weil er schon lange einen Riss hatte! Und über diese Memmen da Einfluss zu erringen, ist nicht schwer, das wirst Du selber wissen!«, entgegnete die Maladetta, immer verächtlicher sprechend, je mehr sie sich selbst einredete, dass alles so sein müsse.
Da lächelte der Hakim.
»Ich habe Dir versprochen, den Beweis zu liefern, und ich werde mein Wort halten! Sieh, ob Du mich töten kannst!«
»Gleichviel auf welche Weise?«, fragte sie lauernd.
»Gleichviel! Und Ihr alle hört es! Vermag Eure Gebieterin mich zu töten, auf welche Weise es auch sei, so will ich als Lügner sterben!
Und nun beginne, Weib!«
Da winkte die Maladetta und raunte dem Hässlichsten ihrer Begleiter leise Worte zu.
Der Mann eilte davon, kam aber bald zurück, mit Mühe die beiden mächtigen schwarzen Wölfe an den Riemen haltend, die an ihren Halsbändern befestigt waren.
»Hussa!«, kreischte die Gräfin. »Hussa! Packt ihn!«
Die Tiere — mächtige Bestien, denen die lechzende Zunge weit aus dem blutroten Rachen hing — wurden freigelassen —
Sie sprangen vor, gegen den Inder, der hochaufgerichtet dastand —
Aber unmittelbar vor ihm duckten sie sich winselnd, und dann —
Mit eingezogenem Schwanze schlichen sie zurück, nicht etwa sich umwendend, sondern wirklich rückwärts gehend, und erst als sie eine Strecke von dem Hakim fort waren, wendeten sie sich und entflohen, nun auch ein dumpfes Geheul ausstoßend.
Fassungslos sah es die Maladetta.
Es gab keinen anderen Ausdruck für ihren Zustand. Sie vergaß, dass sie von vielen Augen beobachtet wurde —
Sie selbst wollte nicht glauben, was sie doch glauben musste.
Und erst, als der Hakim sie fragte, ob sie nun überzeugt sei, raffte sie sich auf.
»Dein Geheimmittel wirkt auch auf diese Wölfe!«, stieß sie zähneknirschend hervor. »Jetzt aber wahr Dich. Jetzt will ich Dich durch etwas töten, was sich nicht erschrecken lässt!«
Und schon hatte sie den Revolver auf ihn gerichtet und den Abzug berührt.
Angela hatte vergebens im letzten Augenblick noch eine Handbewegung gemacht, als wollte sie den Arm der Gräfin emporschlagen.
Auch der indische Hakim aber hob die rechte Hand.
Hatte er dies nicht erwartet?
Doch nein! Die Kugel, aus unmittelbarster Nähe abgefeuert, hatte ihn nicht getötet. Aufrecht stand er da, lächelnd wie zuvor, und indem er den rechten Arm vorstreckte, ließ er etwas aus der sich öffnenden Hand auf die Planken fallen.
Alle sahen und hörten es.
Vor ihnen lag das Geschoss, ein längliches Stück Blei, mit einem Nickelmantel umgeben, in dem die Sonnenstrahlen sich glitzernd brachen.
Laut ächzte die Gräfin auf.
Abermals wankte sie, in den Knien zusammenknickend, als wollte sie niederstürzen, dann aber kreischte sie wild auf.
Einen der langen, tscherkessischen Dolche aus der Scheide reißend, hob sie ihn und warf sich im Sprunge auf den Hakim.
Die Spitze der Waffe traf die Brust des Inders, durchbohrte das dünne Gewand —
Jetzt war es vorbei — jetzt musste er sterbend niedersinken!
Aber er stand auch nun noch aufrecht.
Und der Stahl in der Hand der Maladetta hatte sich ganz und gar verbogen, die scharfe Spitze war seitlich gekrümmt, als sei sie auf den härtesten Stahl geprallt.
»Du trägst einen Kettenpanzer!«, ächzte die Gräfin.
Doch lächelnd schob der indische Hakim das Gewand über der Brust zurück.
Die bloße Haut zeigte sich. Er trug keinen Panzer auf dem Leibe, was allerdings die ganze Sache mit einem Schlage erklärt hätte.
Umso größer war das Entsetzen, als er seine nackte Brust herwies!
Immer weiter wichen alle vor dem Hakim zurück, und auf einmal lagen alle Inder der Länge nach auf den Decksplanken, das Gesicht an diese pressend. Sie hatten erkannt, dass ein Guru vor ihnen stand, einer der Mahatmas, die den Göttern gleichen —
Und wenngleich die Kosaken sich nicht ebenfalls zu Boden warfen, so war doch vollkommen klar, dass keiner von ihnen künftig noch wagen würde, Hand an diesen Menschen zu legen, den sie, wenn nicht für einen Heiligen, so doch für einen gewaltigen Zauberer hielten.
Allein stand die Maladetta ihm gegenüber, neben ihr Angela mit dem Knaben auf dem Arme, staunend und begeistert zugleich, und nun brach sie den Bann, indem sie zu dem Hakim trat und ihm die Hand bot.
»Komm! Lass uns nach unten gehen!«, sagte sie. »Mein Knabe ist müde und möchte schlafen.«
Kein Wort also verlor sie über die Wunder, deren Zeugin sie eben geworden war. Sie glaubte eben an die Wunderkraft dieses Mannes, und wenn jemand glaubt, so bedarf es für ihn keiner Worte mehr.
Der Hakim neigte sich vor ihr, die seine Hand freigegeben hatte und nach der Kajütsluk schritt.
Doch ehe er ihr folgte, wendete er sich noch einmal an die Maladetta und sagte leise, dass niemand außer ihr es hören konnte:
»Du willst doch immer nicht glauben, was Du doch nicht leugnen kannst! Ich verschmähe es, Dir weitere Beweise zu geben, aber den einen Rat nimm von mir an, wenn Du nicht mit sehenden Augen in Dein Verderben rennen willst:
Lass ab von Deinem Kampf gegen Loke Klingsor! Hoffe nicht, dass Du ihn zwingen kannst, weil Du sein Weib gefangen hast, weil Du seinen Knaben als Geisel besitzt!
Diese Frau ist mächtiger als Du, viel mächtiger, als Du wähnst, und ich will Dir sagen, warum es so ist! In ihr ist die Liebe, die von Ewigkeit her ist und sein wird, und kraft dieser Liebe, die Gott in sie pflanzte, wird sie Dich wehrlos machen, alle Deine Pläne zuschanden werden lassen!
Noch einmal wird es scheinen, als dürftest Du triumphieren, aber es wird das letzte Aufflackern eines verlöschenden Flämmchens sein.
Dass es nicht ganz verlischt, das wirst Du ihm danken, den Du hasst und verfolgst. Er wird Dir verzeihen, denn was Du wider ihn planst, das stammt aus derselben Quelle, aus der der Engel der Finsternis seinen Hass gegen den Schöpfer nährte, und auch er war einst ein Engel des Lichtes!
Deswegen, weil Du den liebst, den Du zu hassen wähnst, deshalb wird er Dich begnadigen!«
Er wendete sich ab, nicht darauf achtend, dass die Maladetta sich bei den letzten Worten, die er zu ihr sprach, aufbäumen wollte, als sei sie von einer Giftschlange gebissen worden.
Totenblass, schweigend stand das Weib einsam noch minutenlang auf der gleichen Stelle, dann aber schritt es ebenfalls die Treppe hinab und verschwand unter Deck.
Ich, Karl Willmer, richtete mich auf. Regungslos hatte ich die Szenen an mir vorüberziehen sehen — nein, das waren keine Szenen gewesen, wie ein Film sie uns vorgaukelt, so lebendig sie auch scheinen mögen — das waren Erlebnisse gewesen, die ich gehabt hatte.
Nicht nur gesehen hatte ich das alles, sondern auch jedes Wort gehört, und noch jetzt stand meine Seele unter einem lastenden Banne.
Ich wagte mich nicht zu rühren, mir nicht über die Augen zu streichen, die mir schmerzten wie die Stirn, hinter der rastlos meine Gedanken arbeiteten.
Endlich, endlich wagte ich mich umzuschauen.
Ja, wo war denn Loke?
Der war nirgends zu erblicken, er hatte vorgezogen, sich auf Französisch zu empfehlen!
Aber ich könnte ihn ja anrufen. Eben wollte ich es tun, da wurde ich selbst von ihm angerufen.
»Herr Willmer!«
»Jawohl, hier bin ich!«, erwiderte ich.
»Ihr Urteil über mich steht wohl schon fest?«
»Jawohl, das steht fest, und das will ich Ihnen auch gleich sagen, das sollen Sie brühwarm zu hören bekommen, Sie —«
»Halten Sie ein!«, klang es da gebietend.
»I wo, ich lasse mir von Ihnen gar nichts mehr sagen und befehlen! Aber auch gar nichts! Sie sind in meinen Augen ein ganz erbärmlicher —«
Ich wurde abermals unterbrochen. Schärfer als vorher klang es:
»Halten Sie ein!«
Nun, vielleicht wollte er sich doch verteidigen, hatte irgend etwas zu seinen Gunsten zu sagen, und da bin ich freilich unparteiisch genug.
»Eines Mannes Rede ist keine Rede, man soll sie hören alle beede!«
»Was haben Sie mir denn zu sagen?«, fragte ich, reichlich kühl, denn in mir kochte es noch, und ich musste kräftig an mich halten.
»Zu sagen? Sie meinen, zu meiner Verteidigung?«, klang es noch viel kühler zurück. »Glauben Sie denn wirklich, dass ich Ihnen das alles nur zu dem Zwecke vorgeführt habe, dass Sie sich zu meinem Richter aufwerfen sollen und aufwerfen können?
Herr Willmer, leiden Sie tatsächlich an derartigem Größenwahn?«
Und der lange Schlagtot, ich, der Karl Willmer, knickte zusammen.
Da hatte ich mein Fett! Und verdient!
Ich brachte auch freilich keine Entschuldigung vor. Da kannte er mich doch schlecht, wenn er das annahm.
»Wozu haben Sie mich denn das alles sehen lassen?«, fragte ich.
»Da Sie imstande sind, diese Frage an mich zu richten, so erkenne ich allerdings, dass ich Sie überschätzt, mein Vertrauen an einen Unwürdigen verschwendet habe«, lautete die Antwort.
»Was?«, fuhr ich auf. »Ich ein Unwürdiger? Herr Klingsor, sehen Sie auf Ihre Worte!«
»Ich weiß genau, was ich spreche, und kann nur wiederholen, was ich sagte. Es tut mir leid, dass ich —«
»Nun aber hören Sie auf!«, schrie ich, so laut, wie ich nur konnte. »Soll ich denn da nicht wild werden, wenn Sie eine arme Frau an der Nase herumführen und ihr weismachen, Sie seien ein armer Teufel? Wenn Sie sie in ihrem Stübchen bis spät in die Nacht schuften lassen, bloß dass sie ein paar Groschen verdient? Und Sie lügen ihr vor, Sie müssten in der Welt herumfahren, weil Ihr Beruf das nötig machte? Sie amüsieren sich hier mit Ihren Gefährten und treten als Luftakrobat auf? Sie maßen sich an —«
Ich will nicht alles niederschreiben, was ich herausbrüllte! Ich sah jedenfalls krebsrot aus vor Wut, aber meinem Herzen machte ich gründlich Luft! Ich sagte ihm die Wahrheit, wie ich es mir vorgenommen hatte.
Und jetzt unterbrach er mich nicht ein einziges Mal.
Da aber hörte ich wieder seine Stimme.
»Mein lieber Herr Willmer«, sprach er ganz freundlich, als hätte ich ihm das Angenehmste gesagt, was er nur hören konnte, »ich war wirklich im Begriff, Ihnen die Freundschaft zu kündigen, aber jetzt denke ich nicht mehr daran, jetzt will ich auch die Worte zurücknehmen, die ich vorhin sprach —«
»Das können Sie halten, wie Sie wollen!«, erwiderte ich grob. »Sie können mich doch überhaupt nicht beleidigen.«
»Nein, das kann ich wirklich nicht«, gab er zu, sodass ich ganz verblüfft dasaß.
»Na, wenn Sie das nur einsehen!«, murrte ich.
»Ja, das sehe ich ein, nur über den Anlass täuschen Sie sich. Aber wir wollen nicht mit Worten fechten, ich freue mich jetzt über Sie — aufrichtig — und besonders darüber, dass Sie mich so abgekanzelt haben.
Aber, Herr Willmer, Sie werden mir eine Frage gestatten.«
»Bitte sehr!«
»Besinnen Sie sich noch auf alles, was ich Ihnen sagte, ehe ich Ihnen die Bilder vorführte?«
»Natürlich! Ich weiß alles ganz genau.«
»So! Das freut mich. Dann besinnen Sie sich ja auch noch auf das Versprechen, das Sie mir gaben.«
Ich kratzte mich hinter dem einen Ohre. Aber ein Drückeberger bin ich eben nie gewesen. wollte es auch jetzt nicht erst werden.
»Jawohl, ich weiß, was ich Ihnen versprochen habe, und da gibt es natürlich nichts, ich werde mein gegebenes Wort einlösen.«
»Sie wollen also zu meiner Frau gehen und sie zu mir holen?«
»Jawohl, das will ich!«
»Und Sie sind bereit, sogleich aufzubrechen?«
Eigentlich war ich es nicht, und ich hätte ein gutes Recht gehabt, jetzt ihn an sein Versprechen zu erinnern. Er hatte doch gesagt, dass meine Hochzeit alsbald stattfinden sollte.
Indessen, was nützte mir's, wenn ich noch in dieser Stunde heiratete und gleich nachher meine junge Frau verlassen musste?
Die Flitterwochen wollte ich mir doch nicht rauben und nicht stören lassen, und Loke Klingsor hatte mir auch schon zugesagt, dass er ein Plätzchen für uns beide finden würde, wo niemand uns stören könnte.
Als hätte Loke diese Gedanken erraten, sagte er gleich:
»Ihre Heirat mit Sakuntala wird dadurch nicht aufgeschoben. Im Gegenteil, es ist eigentlich eine unerlässliche Bedingung, dass sie vor Ihrer Abreise stattfindet.«
»Und die Flitterwochen?«, fragte ich.
Da klang ein heiteres Lachen an meine Ohren.
»So verliebt sind Sie?«
Doch ich ging nicht auf diesen Ton ein.
»Jedenfalls werde ich meiner Frau nichts vorschwindeln, wenn ich mal über den Strang hauen will. Ich werde ihr immer die Wahrheit sagen.«
»Und daran tun Sie sehr recht, aber mir tun Sie wieder einmal unrecht, denn, Herr Willmer, ich habe Ihnen doch versprochen, ein Plätzchen ausfindig zu machen, wo Sie mit Ihrer jungen Frau ganz allein sind, ungestört Ihrem Liebesglücke leben können.«
»Ja, davon war die Rede.«
»Nun, auch ich pflege einmal gegebene Versprechen zu halten, und deswegen sollen Sie Ihre junge Frau mitnehmen —«
»Wenn ich Ihre Frau suche?«
»Ja, eben! Das lässt sich ganz gut miteinander vereinigen!«
»Sie wissen doch aber, wo sie ist?«
»Nein, das weiß ich nicht, wenigstens nicht momentan.«
»Na, hören Sie mal!«
»Fahren Sie nicht schon wieder auf. Ich will Ihnen alles erklären und zu diesem Zweck noch einmal zu Ihnen kommen —«
Nein, das passte mir nicht. Ich wollte diesem Manne jetzt nicht gegenüberstehen, denn mir brannten noch viele andere Fragen auf der Seele, mir war noch eine ganze Menge eingefallen, worüber ich mit diesem Loke Klingsor abrechnen musste.
»Bleiben Sie vorläufig nur noch, wo Sie sind!«, sagte ich deshalb, obwohl ich mir klar bewusst war, dass ich eine Grobheit beging. Ich, als Gast, durfte ihm doch keine Vorschriften machen — aber ich tat es eben.
Er durchschaute mich sogleich.
»Sie sind immer noch nicht zufrieden?«, fragte er.
»Nein, durchaus nicht.«
»Was haben Sie denn noch auf dem Herzen?«
»Ach, gar viel! Betreffs Ihrer Frau, aber auch wegen meiner Braut.«
»Na, da fragen Sie doch!«
»Und Sie werden die Antworten ohne Rückhalt geben? Denn sonst hat mein Fragen gar keinen Zweck. Da halte ich lieber den Mund und denke mir mein Teil.«
»Ich werde Ihnen rückhaltlos antworten.«
»Dann bin ich zufrieden. Also zuerst: Sie haben doch gewusst, was Ihre Frau auf jener einsamen Insel erlebte, nicht wahr?«
»Nein, ich hatte keine Ahnung.«
»Aber Sie haben mir doch eben alles im Bilde gezeigt, im Film! Den müssen Sie doch aufgenommen haben.«
»Sie vergessen, dass wir Vorrichtungen besitzen, mittels deren solche Aufnahmen ganz selbsttätig erfolgen.«
»Sie hatten also keine Ahnung?«
»Nicht die geringste.«
»Gut! Das entschuldigt Sie. Seit wann aber wissen Sie, was Ihrer Frau passiert ist?«
»Das habe ich eben erst erfahren.«
»Sie wollen sagen, dass Sie mit mir zugleich den Film zum ersten Mal sahen?«
»Genau das!«
»Und warum haben Sie sich nicht früher nach ihr umgesehen?«
»Diese Frage sollten Sie sich selbst beantworten können, Herr Willmer.«
Na ja, das konnte ich — vorausgesetzt eben, dass ich ihm glaubte.
Er war überzeugt gewesen, dass seiner Frau nichts geschehen konnte, hatte gedacht, sie führe mit dem Jungen auf dem Eiland ein paradiesisches Leben.
»Warum haben Sie sie da nicht gleich zu sich kommen lassen?«
»Das war ausgeschlossen — aus verschiedenen Gründen. Zunächst einmal musste ich sie doch vorbereiten, sie hätte sich gar nicht zurechtgefunden in den vollkommen veränderten Verhältnissen, und dann —
Herr Willmer, ich muss Ihnen doch etwas anvertrauen.«
»Wieder was Verfängliches?«
»Sogar sehr verfänglich.«
»Da sagen Sie es nur gleich, es ist jetzt ein Aufwaschen.«
» I c h h a b e n o c h e i n e F r a u ! «
»Sie haben noch eine Frau? Das heißt, Sie haben zwei Frauen zu gleicher Zeit? Sie haben beide geheiratet, haben jeder Liebe geheuchelt?«
Ich sprach diese Fragen ganz ruhig aus, ohne dass ich hätte sagen können, warum ich dabei so ruhig blieb. In Wahrheit kochte es doch in mir.
»Ja, Herr Willmer«, kam die Antwort, ebenso ruhig.
»Und diese zweite Frau?«
»Lebt auch in England, lebte vielmehr dort, ist indessen nun gleichfalls auf dem Wege zu mir.«
»Da wollen Sie sich wohl hier einen Harem einrichten?«
»Herr Willmer, Sie gefallen mir heute nicht«, sagte da dieser Mensch auch noch tadelnd.
»Na, hören Sie mal«, fuhr ich nunmehr auf, »ob ich Ihnen gefalle oder nicht, das kann mir ziemlich schnuppe sein. Ich habe Ihnen vorhin schon meine Meinung gesagt, kann mir das jetzt sparen, aber nun denke ich natürlich nicht mehr daran, bei Ihnen zu bleiben. Jetzt will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Danke bestens!
Und nun sagen Sie mir mal gleich, wo ich Ihre Frau suchen soll, die, die ich gesehen habe, die Angela, die will ich suchen und hierher bringen, weil ich es eben versprochen habe. Die andere können Sie sich selber holen —«
»Und dann wollen Sie mich verlassen?«
»Na, und ob!«
»Und Sakuntala?«
»Wissen Sie was, mein werter Herr!«, rief ich da außer mir. »Die behalten Sie nur gefälligst für sich, ich denke nicht daran, die noch zu heiraten.
Wer kann denn wissen, ob das nicht schließlich auch eine Ihrer Frauen ist oder wenigstens eine Liebste von Ihnen —
Nee, nee, nee — auf solche Geschichten lasse ich mich nun nicht mehr ein, ich rate Ihnen bloß, heiraten Sie nun auch noch die Königin Chlorinde, denn die ist doch sowieso verschossen in Sie. Betrügen Sie Ihren Freund Tankred, und wenn Sie sonst noch Appetit haben, meinen Segen kriegen Sie! Ich weiß doch nicht, ob die Herrschaften, die sich Skalden nennen, alle solche — — Schweinepriester sind wie Sie. Vielleicht ist das auch eins ihrer Gesetze —
Also, wohin soll ich gehen? Wo soll ich die Frau mit dem Knaben suchen?«
»Sie werden es erfahren, sobald Sie auf dem Wege sind«, lautete die Antwort.
Weiter aber sagte Loke Klingsor nichts, verteidigte sich nicht wieder, suchte nichts zu erklären — es hätte ja auch keinen Zweck gehabt.
»Haben Sie eine Ahnung, auf welcher Insel sich jener Vulkanausbruch abgespielt hat, wo sie liegt?«
»Nicht die geringste.«
»Sie haben doch aber gesehen, dass Inder auf einem Schiffe hinkamen.«
»Mit einem Schiffe kann man überallhin kommen.«
»Ganz recht, aber es erschien doch nachher ein zweites Schiff, wieder in erster Linie mit Indern bemannt, wenngleich einige Kosaken darunter waren.«
»Sie wollen damit sagen, dass diese Insel in der Nähe Indiens liegt?«
»Nein, denn was da an Inseln vorhanden ist, das ist alles bewohnt.«
»Dann könnte es sich nur um eine aus dem malaiischen Archipel handeln.«
»Und das ist tatsächlich der Fall. Die Insel gehört zu der Kette jener Vulkane, die sich zwischen den malaiischen Inseln bis nach den Marshallinseln und hinauf nach Japan hinziehen. Diese Kette ist vielfach unterbrochen, weil eben die unterirdischen Kräfte dort noch nicht gebändigt sind. Da entstehen fortwährend neue Inseln, alte verschwinden.«
»Die, welche hier in Frage kommt, muss alt gewesen sein, das schließe ich aus der reichen Pflanzenwelt, von der sie bedeckt war«, sagte ich.
»Richtig! Und da sie keinen Vulkan aufwies, ich wenigstens die kleine Erhebung in der Mitte nicht für einen solchen hielt, brachte ich meine Frau hin, hätte sie bald von dort geholt oder durch Sie holen lassen. Nun hat sich herausgestellt, dass auch sie vulkanisch war — ich habe das nicht gewusst, hatte so vielerlei zu tun, dass ich nicht beobachten konnte, was dort geschah.
Jedenfalls ist meine Frau gerettet worden. Ich könnte den Film, den ich Ihnen zeigte, weiterlaufen lassen. Ich will es nicht tun. Es liegt keinerlei Anlass vor, mich um sie zu sorgen, denn der Hakim, der sie begleitete, der aber jetzt nicht mehr bei ihr ist, hat die Wahrheit gesprochen. Meine Frau wird nicht sterben, ihr und dem Knaben wird kein Leid geschehen. Sie steht unter einem Schutze, der mächtiger ist, als ich ihn ihr gewähren könnte. Sie werden das schon noch verstehen.
Sie müssten also nach dem malaiischen Archipel aufbrechen, zunächst nach Borneo, also nach der bekannten javanischen Insel.
Haben Sie einmal von dem geheimnisvollen See gehört, den es dort geben soll?«
»Nicht das Geringste. Ich habe noch keine Weltreisen gemacht.«
»Nun, dann muss ich Ihnen einige Aufklärungen geben. Zunächst aber eine Frage. Sie wissen nicht, wo Sie sich jetzt befinden? Können Sie wenigstens den Erdteil erraten?«
Nun, das sollte mal einer sagen!
Ich hatte doch hier allerlei zu sehen bekommen, was sich überhaupt nicht auf einen Erdteil vereinigen ließ, war am Nordpol Schneeschuh gefahren, hatte mit dem Mestizen Indianerabenteuer erlebt — dann wieder hatte ich Elefanten gesehen und andere Tiere der tropischen Zone.
»Ich habe keine Ahnung«, gestand ich.
»Sie befinden sich in Asien«, sagte Loke Klingsor.
»Das ist ein bisschen groß«, sagte ich darauf spöttisch.
»Ja, allerdings, und deshalb will ich Ihnen gleich weiteren Aufschluss geben.«
Er schwieg. Dafür aber zeigte sich nun auf der Wand die Projektion einer Karte, genau so, wie sie in jedem Atlas zu finden ist, und ich brauchte nur auf die Namen zu blicken, die dort geschrieben standen, da wusste ich Bescheid.
Der erste Name, der mir auffiel, war Urga. Es war also Innerasien.
Aber schon ehe ich noch groß hinsehen konnte, erlebte ich wieder ein Wunder.
Die übrige Karte verschwand, ich sah nur noch den Namen Urga, und auch dieser verschwand, dafür aber tauchte das genaue Bild einer von Mongolen und anderen asiatischen Völkern bewohnten Stadt auf, immer deutlicher werdend. Ich musste annehmen, dass Loke Klingsor imstande war, mir ein genaues Bild der Stadt Urga zu zeigen.
Und das ging immer weiter. Ich sah anstelle der ganzen Stadt nur einige Straßen, zunächst im Plane, dann aber wirklich, mit dem bunten Leben darin, sah einen der Tempel auftauchen, eine Stadt in der Stadt bildend.
Einer der tibetanischen Priester stand vor einer der vielen Pforten und wurde eingelassen, durchschritt die zahllosen Höfe, ich also mit ihm, indem ich seinen Weg beobachtete.
Er machte vor einem besonderen Gebäude Halt, zu dem viele, viele Stufen empor führten, nach oben immer schmaler werdend, immer niedriger, betrat den Tempel, in dem es ganz dunkel war.
Trotzdem sah ich den Mann als dunkle Gestalt noch, sah ihn weiterschreiten und endlich in der Nähe eines mächtigen schwarzen Gegenstandes stehen bleiben.
Er stand regungslos.
Sekunden verstrichen, ohne dass noch etwas geschah.
Auf einmal aber war es, als schössen aus den Wänden des Tempels lodernde Flammen hervor.
Nein, es waren wirkliche Flammen, ich sah es ganz deutlich, und Flammen schlugen auch aus dem schwarzen Koloss heraus, den ich nunmehr als einen ungeheuren Sarg erkannte.
Zur gleichen Zeit stand auf einer Treppe hinter dem Sarge ein Mann, wohl ein Lama, also ein Priester der tibetanischen Religion. Sein nackter Schädel sah gelb aus und glänzte, sein Gesicht war fast das eines Totenschädels, bestand nur aus Haut und Knochen.
Aber aus den tiefliegenden Augen schoss ein Licht hervor, das selbst im Scheine der zuckenden Flammen bemerkbar ward, und immer greller wurden die Flammen, schlängelten sich durcheinander, woben sich zusammen — es war ganz sonderbar — namentlich die aus dem Sarge hervordringenden schienen bestimmte Zeichen zu bilden.
»Das ist der Hutuchtu Jelip Djamsrap vom Narabantschi Kure«, hörte ich da Loke sagen. »Und die Flammenzeichen, die Sie sehen, Herr Willmer, sind Buchstaben eines geheimnisvollen Alphabets, das nur noch diesem Hutuchtu bekannt ist, des VatannaAlphabets. Jede dieser Flammen verkörpert einen Gedanken, und zwar einen der Gedanken, welche von den Vorgängern des Heiligen gedacht wurden.
Der größte aller seiner Vorgänger aber, der vor Jahrtausenden starb und doch immer noch lebt, jederzeit mit seinen Nachfolgern durch diese Flammenschrift des Vatanna verkehren kann, ruht in dem Sarge.
Sie werden das jetzt nicht fassen, und ich bin leider außerstande, Ihnen eine Erklärung zu geben. Sie sind noch nicht eingeweiht.
Jetzt geben Sie acht!«
Das hätte er mir nicht zu heißen brauchen, denn bei dem seltsamen Anblick, den ich hatte, vergaß ich doch alles andere, auch meinen Streit mit diesem seltsamen Manne.
Die Flammen bildeten neue Zeichen, woben sozusagen eine Fläche, wieder eine Art Karte, wieder Innerasien, aber diesmal war das ganze Gebiet von feurigen Linien durchzogen.
Gleichzeitig glitt die Karte, aus Flammen gewoben, weiter.
Ich sah nicht mehr Innerasien, sondern meine Blicke glitten über die ungeheuren, unerforschten Bergketten im Süden, bis das Riesenmassiv des Himalajas auftauchte, und immer war mir, als könnte ich durch die Berge noch ins Innere der Erde schauen, denn ich sah dort die roten Linien, die sich nicht bewegten, deren Inhalt aber lebendig zu sein schien, wie ja auch das jedes Flusses lebendig ist.
Und wieder wechselte das Kartenbild, nachdem es zunächst noch einmal nach Norden geglitten war.
Diesmal glitt es mehr östlich vor meinen Blicken nach Süden.
Ich erblickte Hinterindien bis hinab zur Halbinsel Malakka und dann die gewaltigen Ketten der großen und kleinen Inseln, sie wichen nach links, während von rechts immer neue auftauchten.
Auch unter dem Meere aber, das sie umspülte, unter den Inseln selbst, kreuzten sich in fast verwirrendem Durcheinander die roten Linien.
Diesmal aber fiel mir auf, was ich vorhin beim Anblick des Himalajas nicht beachtet hatte:
Die Linien kreuzten sich zwar immerfort und an den verschiedensten Stellen, an manchen aber schienen sie alle zusammenzulaufen, große Knoten zu bilden.
Ehe ich mir indes klar werden konnte, was diese Knoten bedeuten möchten, entstand vor mir eine Seekarte. Das heißt, ich muss sie als solche bezeichnen, weil ich eben keinerlei Land mehr auf ihr zu entdecken vermochte, auch nicht die kleinste Insel, nicht einmal eine kahle Klippe, die als Gipfel eines unterseeischen Bergriesen über das Wasser herausragte.
Diesmal lief nur eine rote Linie weiter.
Das Bild wurde sehr rasch bewegt, und da sah ich auch schon Land auftauchen, einen winzigen Punkt —
Rasch wurde er größer und größer. Es wäre gar nicht nötig gewesen, dass er so anwuchs, denn ich erkannte schon bald die Insel, auf welcher ich die arme Angela mit ihrem Knaben beobachtet hatte.
Eine Erklärung gab Loke Klingsor nicht dazu.
Die Insel verschwand wieder, das Meer wurde abermals sichtbar.
Jetzt aber fehlten die roten Linien.
Nun hätte ich gern einmal über das Gesehene nachgedacht, aber ich fand noch keine Muße dazu, denn nun kehrte die Darstellung nach jenem Tempel zurück. Ich sah wieder den riesenhaften Sarg, die daraus hervorlodernden Flammen, den Hutuchtu und den Lama, aber ich vermochte jetzt ebenso wenig wie vorher die Buchstaben des geheimnisvollen VatannaAlphabets zu lesen wie vorher.
Dafür sah ich etwas, was mir verständlich schien.
Der Hutuchtu hob den linken Arm.
Da waren auf einmal viele schlanke Jünglingsgestalten neben ihm.
Woher sie so plötzlich gekommen waren, wusste ich nicht zu sagen, nahm aber an, dass sie wohl auf ganz natürliche Weise hereingekommen seien, denn der Hintergrund des Raumes war dunkel, ich konnte nicht feststellen, ob dort Eingänge waren.
Diese Jünglinge warfen sich vor dem Hutuchtu nieder, blieben regungslos liegen, und auch er rührte sich nicht mehr, aber dafür waren die Flammen umso lebendiger geworden, sie wogten und zuckten durcheinander, bis sie endlich in einem langen Strahle gerade nach dem Kopfe des einen der Jünglinge schossen.
Da näherte sich diesem der Heilige, beugte sich nieder und legte ihm die rechte Hand auf das Hinterhaupt.
Er brauchte sich nicht lange zu bücken, denn der Jüngling wurde durch eine unsichtbare Macht emporgehoben, dass er waagerecht, wie er auf dem Boden gelegen hatte, in der Luft schwebte, in Schulterhöhe des Priesters —
Ich wusste ja bereits, dass es ein Mittel gab, die Schwerkraft aufzuheben, hatte es selbst erprobt, aber nur angenommen, dass es niemand außer Loke Klingsor bekannt sei.
Er erriet auch, was hier geschah.
Dieser Jüngling — oder wenigstens sein Geist — war von dem Hutuchtu nach einem fernen Platze ausgesendet worden, um zu erkunden, was dort geschah. Auch darüber wunderte ich mich an sich nicht, denn ich hatte, wie erwähnt worden ist, manchem spiritistischen Experiment beigewohnt, hatte auch Beweise für Hellsehen erhalten und wusste außerdem, dass im Orient diese Kunst noch gegenwärtig viel geübt wird, in anderer Weise allerdings als bei uns.
Sogar in Europa gibt es ja noch einen Ort, wo man das ganz ausgezeichnet versteht, und zwar in der Mönchsrepublik auf dem Athos, jenem Vorgebirge der Balkanhalbinsel.
Unter den Mönchen dort gibt es mehrere, die sich in einen tiefen Schlaf versetzen können, indem sie unverwandt auf ihren Nabel schauen. Sie konzentrieren vorher ihre Gedanken auf das, was sie zu sehen wünschen, und beim Erwachen haben sie das wirklich gesehen. Das ist durch viele, einwandfreie Proben erwiesen worden.
Ich wusste weiter, dass asiatische Zauberpriester aber nicht erst eine solche Versenkung nötig haben, dass sie Seelen anderer ausschicken, die für sie sehen. Es ist also dasselbe, was wir gegen unseren Willen und ganz unbewusst im Traume erleben: dass unsere Seele außer uns wandert, und unsere Vorfahren, die alles versinnbildlichen mussten, haben dieser wandernden Seele die Gestalt einer Maus gegeben, meist von grauer oder weißer Farbe.
Wenn ein Mensch schläft und träumt, dann schlüpft diese Maus aus seinem Munde, und wenn man sie an der Rückkehr in diesen verhindert, dann kommt der Mensch nicht wieder zu sich, dann wird sein Schlaf ein Todesschlaf, eben, weil die Seele nicht zurückkehrt.
Der »gebildete« Mensch lacht über solche Märchen und »gerät außer sich«, wenn man sie ihm als Wahrheit einreden will.
Man braucht nur auf diese wenigen Worte zu achten.
Er gerät außer sich!
Wer ist denn dieser Er? Und wenn er nicht wieder zu sich kommt, dann ist der Mann eben tot. Was ist denn da nicht wiedergekommen?
Ja, wir haben eben eine dunkle Erinnerung an solche Dinge, aber wir ahnen sie kaum noch, merken nur manchmal, dass etwas in uns lebt, dem wir ja nicht gebieten können. Deshalb begeht der Mensch auch, wenn er außer sich ist, Taten, die er nicht versteht, nie vollbringen könnte, wenn er bei sich wäre.
Ich weiß nicht, ob das verständlich ist. Jedenfalls vermag doch jeder Mensch seine Seele, wie wir das einmal nennen wollen, weit, weit fort zu schicken. Er sitzt dabei ganz ruhig auf seinem Stuhle, aber seine Seele wandert über das Meer, besucht Menschen, die er liebt, spricht mit ihnen —
Und wenn ein Mensch kommt, dessen Willenskraft der unseren überlegen ist, dann kann er unsere Seele zwingen, zu wandern, wie er will.
Oder ist das nicht der Fall? Werden unsere Gedanken nicht gegen unseren Willen durch Musik beeinflusst, durch ein Theaterstück, dass wir ganz anders empfinden, als unsere Art ist?
Genug davon! Ich wollte nur erklären, dass ich genau verstand, was hier vorging, dass der Hutuchtu die Seele des Jünglings auf die Wanderung schickte, aber niemals hätte ich erwartet, dass auch ich sehen könnte, was sie sah.
Auf einmal war das Innere des Tempels verschwunden. Ich sah vor mir — und zwar, als stünde ich selbst dort — eine furchtbar öde Felsengegend, ohne den geringsten Pflanzenwuchs, nur nacktes schwarzes Gestein, in mächtigen Blöcken auf dem Boden liegend, sich stellenweise aber auch zu Bergen türmend.
Zwischen diesen Blöcken schritt auch ich dahin, bis vor mir ein herrliches Bild sich auftat:
Ein Berg ragte in die treibenden schwarzen Wolken, sein Haupt war mit Eis und Schnee bedeckt, aber zugleich stieg daraus in kurzen Abständen ein mächtiger Feuerstrahl empor, um ebenso plötzlich wieder zu verschwinden.
Zunächst wusste ich nicht, wo das sein könnte, bis mir urplötzlich die Erkenntnis kam, dass ich auf Island war und dieser Berg der feuerspeiende Hekla.
Und da dämmerte in mir eine weitere Erkenntnis.
Ich konnte mich nur wundern, dass sie mir nicht schon längst gekommen war.
Der Glaube der nordischen Germanen verlegt in diesen Vulkan den Wohnsitz des Feuergottes, und dieser heißt bei ihnen L o k e !
Loke Klingsor und der Hekla!
Bestand zwischen diesen beiden irgendwelcher Zusammenhang?
Und mir war, als erstiege ich langsam und mühsam diesen Berg, natürlich aber viel, viel schneller, als dies in Wirklichkeit hätte geschehen können.
Ich stand bald genug am Rande des Kraters und sah hinab in den Höllenschlund. Aber ich kannte nicht nur keine Furcht, wich nicht vor dem Getöse zurück, das aus den Tiefen der Erde donnernd zu mir empor schallte, sondern ich stieg gelassen und ruhig die Wand hinab. Hinein in den feurigen Schlund! Mitten hinein in die lodernden Flammen!
Ohne dass sie mich versehrten!
Und da sah ich, dass dieser Feuerschlund ein Eingang in unbekannte Unterwelten war, sah an der einen von Flammen umzuckten Wand ein Bild, das ich kannte.
Stöhnend entrang sich meinen Lippen ein Name.
Loke!
Und da war es, als käme aus weiter, weiter Ferne eine Menschenstimme, klang voll, sonor — ich hörte die Worte, die sie sprach:
Der auf dem Höllenthron ich sitze,
Der ich in Höllenflammen schwitze,
Der ich in Höllentiefen blitze,
Wo Laven glüh'n, mit Pech und Schwefel um mich spritze,
Euch zu verbrüh'n —
Bald bin ich Löwe, Blut zu lecken!
Bald tu ich mich als Schlange strecken,
Bald riesig, Kirchen abzudecken als wilder Föhn,
Doch auch in Herzen kann ich stecken, klein, ungeseh'n — —
Die Stimme verklang.
Noch glaubte ich sie zu vernehmen, da war schon das Bild wieder verschwunden — alles — ich sah weder mehr den Hekla, den Tempel — noch den Hutuchtu — noch die Karte —
Ich stand in dem Raume, in dem ich allein gewesen war und Loke Klingsor getadelt hatte. Und ich erkannte, wie töricht ich gewesen war! Warum hatte Loke Klingsor mich das sehen lassen?
Ich wartete vergebens auf eine Erklärung, konnte mich auch nicht entschuldigen.
Ehe ich noch wusste, wie mir geschah, umhüllte mich tiefe Finsternis. Mir war, als würde ich durch eine unsichtbare Gewalt weithin getragen und irgendwo niedergesetzt.
Ich hatte dieses Bewusstsein so deutlich, dass ich spürte, wie ich zu Boden glitt und liegen blieb, und da war wohl erklärlich, dass ich mir mit der Hand nach der Stirn fasste, weil ich wirklich nicht mehr wusste, woran ich war.
Und als ich die Hand von der Stirn nahm und sie über die Augen gleiten und dann sinken ließ, da musste ich die Lider schließen.
Eine strahlende Helligkeit blendete mich, ich schaute in einen wolkenlosen Himmel, von dem die Sonne mit furchtbarer Gewalt auf mich nieder strahlte, aber ich spürte auch gleichzeitig, dass meine Füße nass waren, meine Kleider.
Ich richtete mich empor.
Himmel, wohin war ich denn nur geraten?
Es war ein ganz merkwürdiger Zustand, in den ich geraten war. Ich glaubte ganz deutlich zu spüren, dass ich ein anderer geworden war als vordem — auch körperlich — und trotzdem noch der Karl Willmer war.
Mir ging es wie einem Menschen, dem ein Fuß amputiert worden ist, der das genau weiß und es dennoch nicht glauben will, weil er ebenso genau noch die Schmerzen in dem abgeschnittenen Gliede spürt, und das geht so weit, dass er die Krankenschwester bitten kann, ihm doch etwas unter die Ferse des Fußes zu legen, der inzwischen schon in der Esse der Anatomie verbrannt worden ist.
In ähnlicher Weise guckte ich meine nassen Füße an, wusste, dass es meine Füße waren, stellte das auch noch fest, indem ich mir vornahm, jetzt diese, jetzt jene Zehe bewegen zu wollen, und immer geschah diese Bewegung.
Trotzdem aber kam es mir vor, als gehörten diese Füße nicht zu mir, als wären sie die eines ganz fremden Menschen, und besondere Merkmale hatten sie nicht. Ich besann mich wenigstens auf keins, wie das den meisten gehen wird, denn die Füße sind eben sozusagen Stiefkinder unter den Gliedern des Menschen, müssen die meiste und verantwortungsvollste Arbeit tun und werden doch dafür gar nicht weiter beachtet — bis sie eben einmal den Dienst versagen oder — wie hier bei mir — ganz dringend verlangen, dass man sich mit ihnen beschäftige.
Wie gesagt, ich wusste anfangs nicht, warum ich diese von den Wellen des Meeres bespülten Füße nicht für die meinen halten wollte, ich guckte sie an, bewegte die Zehen, hob den einen, hob den anderen.
Und da wusste ich es!
Als ich den rechten Fuß hob, hörte ich ein leises Klirren und sah im gleichen Augenblicke von dem Knöchelgelenk eine Kette herabhängen — den Rest einer Kette — und da sah ich auch am Gelenk selbst die zu dieser Kette gehörige Schelle.
Ich war gefangen gewesen, man hatte mir irgendwo Ketten an die Füße gelegt und nun war ich wieder frei.
Ja, aber, wo war ich denn gefangen gewesen? Bei wem denn nur?
Ich hatte doch eben noch den Schuppenpanzer auf dem Leibe gehabt, hatte durch Loke neue Wunder gezeigt bekommen.
Und jetzt lag ich hier, am unbekannten Strande, mit dem Rest einer Kette an dem rechten Fuße, gewahrte, dass auch der linke eine Schelle getragen hatte, denn deutlich sah ich die roten Einschnitte, welche durch sie erzeugt worden waren.
Unwillkürlich hob ich meine Hände.
Vielleicht hatte ich auch an den Handgelenken Fesseln oder doch welche gehabt?
Nein, das war nicht der Fall gewesen. Doch zeigten sich keine solchen Spuren, aber am Halse hatte ich etwas, was mich störte, als trüge ich einen hohen, sehr engen, sehr steifen Stehkragen, von denen ich nie ein Freund gewesen bin, wie ich nie habe begreifen können, dass Menschen sich solche Marterinstrumente freiwillig um den Hals legen können, womöglich noch ein ebenso steif gestärktes Oberhemd dazu.
Ich griff an den Hals und stutzte.
Ich hatte wirklich einen solchen Stehkragen um, bloß, dass er nicht aus vierfacher Leinwand zusammengesteppt war. Ich spürte gleich, dass der aus dauerhafterem Material war — aus Metall!
Und ich erriet, dass auch dieser Metallkragen oder Metallring ein Zeichen meiner Gefangenschaft war, denn ich wusste, dass derartiges früher üblich gewesen und noch jetzt an verschiedenen Orten im Brauch war.
Solche Ringe tragen auch orientalische Sklaven am Halse, abgesehen von jenen, die den Opfern der Sklavenjagden umgelegt werden. Ich brauche wohl nichts weiter davon zu sagen.
Also ich war noch vor kurzem Sklave gewesen, hatte an den Füßen Schellen getragen, eine war sogar noch vorhanden, wie am Halse der Ring — und als ich mit der Spitze meines rechten Zeigefingers über diesen fuhr, da spürte ich ganz deutlich, dass dort ein Name eingegraben stehen musste — —
Es stimmte demnach alles!
Ich war auf einmal ein früherer Sklave, war auf einem Schiffe gewesen, das hier strandete, war durch mitleidige Wellen an Land getragen worden und nun erwacht.
Und dabei hieß ich Karl Willmer, war Tiefbauingenieur und zuletzt geehrter Gast des Fürsten Loke Klingsor.
Sicher war ich der einzige Überlebende der Katastrophe.
Aber jetzt musste ich erst mal aus der Sonne, denn wenn ich da noch länger liegen blieb, dann würde ich dösig, bekam einen Sonnenstich.
Ich stemmte also die beiden Hände auf den Sand, wie man es tut, wenn man aufstehen will.
Ja, und in diesem Augenblick erst sah ich, was ich doch schon längst hätte sehen müssen: dass ich in einem ganz bunten seidenen Gewand stak — —
Ich musste also doch meine Gedanken nicht ordentlich beisammen haben, denn sonst hätte ich das schon früher wahrnehmen müssen.
Jetzt? Ach du liebe Zeit! Was kümmert mich denn jetzt dieses Kleid!
Ich hatte mich um ganz andere Dinge zu sorgen! Hunger hatte ich, und was für welchen! Und Durst! Ich hätte eine Tonne Wasser austrinken können!
Dabei besann ich mich auf einmal darauf, dass eben die Prinzessin Turandot mir gesagt hatte, ich würde keinen Hunger bekommen — —
Im nächsten Augenblick kam mir die andere Erinnerung: dass ich so dürr gewesen war, so klapperdürr!
Und da sah ich meine Glieder an, soweit sie nicht von dem Gewand bedeckt waren, und sah, dass sie durchaus nicht dürr waren, nicht einmal mehr mager, sondern im Gegenteil recht hübsch voll — —
In dieser Beziehung war also auch ein Wunder mit mir geschehen, ich war wieder der Karl Willmer, der ich gewesen war, der lange Schlagtot!
Da mussten die Unbekannten mich also, während ich lange, lange bewusstlos gelegen hatte, sehr gut mit Nahrung versorgt und auch sonst trefflich gepflegt haben, sonst hätte ich eben nicht alles wieder in diesem Maße ansetzen können, was ich verloren gehabt hatte.
Desto besser!
Also ich kümmerte mich den Teufel um die bunten Lappen auf meinem Leibe, stand da und guckte mich nun wirklich erst mal richtig um.
Der Strand vor mir war flach.
Ich war kein Seemann, aber so viel hatte ich doch in der Schule gelernt: dass nämlich der Schiffer nicht die felsigen Steilküsten fürchtet, wie manche Leute annehmen, sondern vielmehr die flachen sandigen, und das ist doch für jeden denkenden Menschen ohne Weiteres verständlich.
Ich aber sagte mir hier: Wenn an diesem flachen Strande ein Schiff gestrandet ist, dann kann es eben nur auf eine Untiefe aufgelaufen sein, vielleicht vom wilden Sturm getrieben, und wenn man in einem Kahn fährt und auf eine Sandbank aufläuft, da weiß man ja, wie schwierig es ist, wieder freizukommen. Wie viel mehr muss das erst bei einem großen Schiffe der Fall sein, das von der furchtbaren Kraft eines Orkans getrieben wird.
Ja, das Schiff, das hier gestrandet war, hätte noch irgendwo draußen in dem Sande festsitzen müssen.
Das war nicht der Fall. Ich sah nichts. Auch dafür aber wusste ich eine Erklärung.
Die Wogen hatten das Schiff zerschlagen.
Ich kannte die Kraft des bewegten Wassers. Das Wrack hatte den heranstürmenden Massen nicht ausweichen können, eben weil es festsaß — da war es in kurzer Zeit zerschlagen worden.
So! Auch das war erledigt! Für mich wenigstens!
Nun ließ ich meine Blicke erst mal über den Strand schweifen, so weit ich ihn übersehen konnte. Ich dachte, dass vielleicht eine Kiste mit Nahrungsmitteln angetrieben worden sein könnte, ein Fass — —
Nichts war es! Auch keine Trümmer erblickte ich. Also nicht, liebe Tante!
Nun machte ich eine ganze Drehung um mich selbst.
Ja, was ich da sah, das war schon lockender als das Vorhergehende.
Die Insel war mit einer sehr üppigen Vegetation bedeckt. Ein Stück hinter mir begann der Palmenwald, aber auch andere Bäume standen dort, und diese stiegen den Hang eines mäßigen Berges hinauf.
Wo Pflanzen sind, ist auch Wasser zu finden, und einige von diesen Pflanzen würden sicher essbare Früchte tragen. Ich sah schon die schlanken Kokosstämme —
Meine Füße waren nackt, der Sand, mit kleinen scharfen Steinen durchsetzt, war glühend heiß — ich machte, dass ich hinüberkam!
Mit meinen langen Beinen dauerte es nicht lange. Bald stand ich im Schatten einiger Palmen, sah auch schon auf dem Boden reife Nüsse liegen, hob eine auf und griff gewohnheitsmäßig in die Tasche, wo mein Messer stecken musste.
Jawohl! Ich hatte weder eine Tasche noch ein Messer darin.
Da stand ich nun, die Nuss in der Hand, hungrig und durstig, und konnte sie doch nicht öffnen.
Ich fing nicht an zu jammern, das gab es bei mir nicht, ich suchte eben weiter nach etwas anderem Essbaren, lauschte aber erst einmal, ob ich nicht das Plätschern eines Baches, das Rieseln einer Quelle hören könnte, denn der Durst überwog den Hunger.
Nichts zu hören!
Dann mussten saftige Früchte her.
Ich marschierte erst am Waldrande hin, wenn ich hier von einem Walde reden konnte, zumindest handelte es sich um einen Urwald, denn ich hatte schon gewahrt, dass zwischen den Stämmen allerlei Schlingpflanzen in üppigster Menge wuchsen, aber auch, dass die meisten von ihnen hübsche lange und scharfe Stacheln besaßen, da wollte ich lieber eine Stelle suchen, wo sie nicht so dick standen, anstatt hier mein Kleid und meine Haut von ihnen zerfetzen lassen.
Schon von Weitem sah ich einen Strauch mit leuchtendroten großen Beeren. Ich lief hin.
Die Dinger sahen bald aus wie die Hagebutten, und gerade diese Ähnlichkeit warnte mich, denn wer einmal unvorsichtig Hagebutten ganz in den Mund genommen und zerbissen hat, der weiß, wie das tut, wie er nachher lange spucken und husten und krächzen muss, ehe er die feinen Härchen alle wieder aus der Schleimhaut des Mundes heraus hat.
Soll ich oder soll ich nicht?
Ja, was blieb mir denn anderes übrig?
Verhungern wollte ich nicht, ich musste essen — —
Ich pflückte eine der Beeren, sie war mittelweich, ließ sich leicht auseinanderreißen, zeigte innen einen gelben Brei mit feinen braunen Körnchen drin, den Samen —
Ich leckte vorsichtig
Jawohl! Gut schmeckte es — wie Stachelbeeren!
Ich will nicht länger so weitschweifig sein. Ich aß mich an den Beeren satt, soweit man das eben von solchem Zeug werden kann, füllte mir den Magen, empfand auch keinen Durst mehr und marschierte weiter.
Der Strand zog sich im weiten Halbkreis hin, dessen Peripherie also das Meer bildete, aber ich wollte nicht weiter gehen, als bis zu der fernsten Ecke, wollte vorläufig den Punkt nicht ganz verlassen, wo ich auf diese Insel gekommen war.
Da der Wald undurchdringlich für mich blieb, kümmerte ich mich nicht weiter um ihn, kehrte an der Ecke, wenn ich das so nennen darf, um, wanderte zurück nach der anderen Seite, sah auch dort keinen Bach münden und hatte vorläufig genug von meiner Entdeckungsfahrt.
Ich lagerte mich im Schatten eines breitästigen Baumes, der wohl zur Gattung der Brotbäume gehörte, denn er trug entsprechende Früchte. Gras wuchs nicht unter ihm, wie es das ja in diesen Breiten überhaupt nicht gibt, wenigstens nicht das, was der Europäer Gras nennt. Aber der Sand war weich, und so dauerte es gar nicht lange, und ich schlief so sanft wie nur je daheim in meinem Bett.
Als ich durch ein neues Hungergefühl erweckt wurde, war es Nacht, aber nicht etwa ganz dunkel. Sterne leuchteten in seltenem Glanze vom samtschwarzen Himmel, und nachdem ich mich etwas an diese schwache Beleuchtung gewöhnt hatte, konnte ich ziemlich genau meine Umgebung unterscheiden.
Außer dem Plätschern, mit dem in ewigem Gleichmaß die Wellen an den Strand schlugen, war kein Geräusch zu vernehmen, und erst in diesem Augenblick fiel mir etwas auf.
Ich hatte während meiner Wanderung auch nicht eine Spur von Tierleben auf dieser Insel entdecken können, nicht einmal Insekten, hatte freilich auch nicht darauf geachtet, und jetzt kam ich bloß deshalb darauf, weil ich die Plagegeister der Tropenwelt vermisste, die Moskitos — —
Böse war ich natürlich nicht, dass sie fehlten, aber ich wunderte mich nun doch einmal, denn meines Wissens gibt es keine Stelle der Erde, der das Tierleben vollständig fehlt. Selbst an den eiskalten Polen ist das nicht der Fall, und noch im Firnschnee der höchsten Berge findet man Insekten, die Gletscherflöhe und so.
Vielleicht hatte ich nur eben nicht aufgepasst. Beim Lichte des neuen Tages wollte ich das nachholen.
Zunächst kletterte ich einmal auf den Baum, was sich sehr leicht machen ließ, haschte nach einer der grünen Früchte, riss sie los, biss hinein und spuckte nicht schlecht.
So waren die Dinger nicht zu genießen, und ich besann mich nun auch, dass die Brotfrucht einer gewissen Zureitung bedarf.
Jedenfalls schimpfte ich auch nicht, blieb aber, vielleicht aus angeborener Bequemlichkeit, sitzen, wo ich saß. Der Ast war dick genug.
Jetzt hätte ich sonst was um eine Pfeife Tabak gegeben, doch daran war nicht zu denken, denn selbst wenn ich eine einstecken gehabt, wenn mir auch der Tabak nicht gefehlt hätte, so hätte ich ihn doch nicht anbrennen können. Ich besaß kein Feuerzeug.
So begann ich an einem Blattstiel zu kauen und paffte dabei, als bliese ich Rauchwolken von mir, aber es war doch nicht das Rechte.
Schon wollte ich wieder auf den Boden hinabsteigen, als meine Aufmerksamkeit plötzlich auf den Himmel gelenkt wurde.
Mir war genau so gewesen, als sei über diesen eine sehr große Sternschnuppe geflogen, also ein Meteorit.
Ich ärgerte mich noch, dass das Ding so schnell vorbei gewesen war, denn mir fiel der alte Aberglaube ein, dass alles, was man sich beim Anblick einer Sternschnuppe wünscht, in Erfüllung geht, und da hätte ich mir eben Pfeife, Tabak und Feuerzeug gewünscht.
Vielleicht kam noch eine?
Die wollte ich auf keinen Fall verpassen, guckte deshalb zum Nachthimmel empor, und immer weiter öffneten sich meine Augen.
Ich sah an diesem Lichtsignale hinhuschen, in raschester Folge, immer so blitzschnell wie eben Sternschnuppen.
Bald waren es lange, bald kurze Strahlen, bald auch nur lichte Punkte.
Da gab es doch gar keinen Zweifel, dass diese Signale von Menschen ausgeschickt wurden oder wenigstens von denkenden Wesen, denn wie eben kein noch so hochstehendes Tier den Gebrauch des Feuers kennt, so weiß es natürlich auch nichts vom Licht.
Menschen waren in der Nähe. Aber wo waren sie?
Das Nächstliegende, was ich annehmen musste, war, dass diese Lichtsignale von einem Schiffe ausgesandt wurden, und wenn jemand das tut, so hat er doch auch einen Zweck dabei, will, dass diese Zeichen von einem anderen bemerkt und gedeutet werden.
Dabei ging das Funken immer fort, immer nur von einer Stelle aus, keine Antwort kam.
Die, die sie abschickten, wünschten demnach dringlichst eine Verständigung, ohne sie bekommen zu können. Der Angerufene hörte nicht — —
Plötzlich verschwanden die Zeichen vom Himmel und kamen nicht wieder.
Die Herrschaften hatten die Sache als zwecklos aufgegeben. Für diese Nacht konnte ich mich zu Bett legen. Vielleicht war in der nächsten wieder etwas zu sehen.
Ich war aber so munter geworden, dass ich nicht wieder einzuschlafen vermochte, gar nicht daran dachte. Mein Geist arbeitete eben weiter, ohne mich um Erlaubnis zu fragen; ich bekam auf diese Weise gleich wieder einen Beweis, dass ein Wesen in mir wohnte, das von mir unabhängig war, und seufzend schickte ich mich an, von dem Aste herabzusteigen, mich wenigstens lang zu legen — da stutzte ich nochmals.
Ganz, ganz weit am Horizont hinten, an der Kimmung, wie der seemännische Ausdruck lautet, blitzte es nun ebenfalls auf. Ein ganzes Strahlenbündel schoss nach dem Nachthimmel empor.
Jetzt waren also andere in die Nähe gekommen, suchten ebenfalls nach Freunden, hatten sich aber zu sehr verspätet.
Auch sie erhielten nicht die gewünschte Antwort.
Das war doch zumindest sonderbar, wenigstens für meinen Verstand.
Ich konnte mir ja denken, dass ein Mensch beim vergeblichen Warten die Geduld verliert und endlich heimgeht, aber hier lag doch die Sache etwas anders.
Hier hatte man doch ganz, ganz bestimmt von einem Schiffe aus signalisiert, und obwohl man die ersehnte Antwort nicht bekommen hatte, schliefen doch nun nicht alle an Bord. Die Wachen lösten einander wie üblich alle vier Stunden ab, und von diesen Leuten musste einer die neuen Lichtzeichen am Himmel bemerken.
Oder das Schiff war eben fortgefahren, hatte die Sache für immer aufgegeben!
Das ließ sich schon annehmen, falls die beiden eben eine bestimmte Zeit für ihr Zusammentreffen ausgemacht hatten. Diese war nun von dem einen Teil nicht innegehalten worden, der hatte sich verspätet, und nun funkte er gleichfalls vergeblich.
Näher kamen sie nicht, und nach einer Stunde verschwanden auch sie.
Eine Stunde später brach der Tag an, ganz plötzlich, und ich wusste nun, was ich schon aus der Pflanzenwelt hatte schließen können: dass ich mich unter tropischer Breite befand, denn nur dort fällt eben jede Dämmerung weg, wird es sechs Uhr morgens Tag, sechs Uhr abends Nacht.
Dass mir diese Erkenntnis viel genützt hätte, hätte ich nicht behaupten können. Ich war eben schon ein NevermindMann geworden, mir war alles schnuppe — ich hatte wieder Hunger und Durst — —
Und wie ich da so von meinem Brotbaume herabklettere und nur ganz zufällig nach dem Strande hinübersehe, wo ich tags zuvor aus meiner Ohnmacht erwacht war, da rieb ich mir doch gleich die Augen, aufs höchste verwundert, eigentlich sogar verblüfft, trotz meines Grundsatzes des Nil admirari!
An dem Strande lag ein Boot.
Und aus diesem stand eben ein Mensch auf. Eine Frau!
Nein, da irrte ich mich! Das war entschieden ein noch junges Mädchen, denn so etwas sieht man doch, obgleich auch Frauen noch schlank sein können.
Was wollte denn die hier? So mutterseelenallein?
Woher war die so blitzblatz gekommen?
Denn das sah ich auch, dass sie eben erst das Boot an den Strand getrieben hatte, sie zog gerade noch die Ruder ein.
Das Boot lag fest im Sande, sie schickte sich an, es zu verlassen, und an der Art, wie sie das wieder tat, sah ich weiter, dass sie daran gewöhnt war, sich in einem solchen Fahrzeug zu bewegen, denn sonst hätte sie eben ganz anders balanciert, als sie es tat.
Und nun stand sie da — —
Das musste eine Türkin sein oder eine Maurin oder so etwas!
Sie hatte oben ein Jäckchen aus blauer Seide, offenstehend, darunter etwas wie ein weißes Hemd, und dann kamen weite Pluderhosen bis an die Knöchel reichend, an den Füßen rote Schuhchen, vorn aufgebogen.
Und im Übrigen gingen von ihrem Körper überall strahlende Blitze aus, wohl von kostbaren Edelsteinen, die sie am Gewand und sonst trug.
Das Haar konnte ich nicht sehen, denn das stak unter einem prachtvollen rotseidenen Turban, an dem es vorn wieder so blitzte, nur noch viel mehr als anderwärts. Das Gesicht selbst war nicht weiß, aber auch nicht braun, die Haut war nicht dunkler, als man sie bei manchen schwarzhaarigen Frauen der weißen Rasse auch findet.
Immerhin musste ich natürlich nach der ganzen Aufmachung sofort auf den Gedanken kommen, dass ich es hier mit einer Türkin oder einer Maurin zu tun hatte.
Ich habe dieses Weib so genau beschreiben müssen, weil es eine bedeutende Rolle bei meinen weiteren Erlebnissen spielen konnte, was ich aber jetzt natürlich noch nicht ahnte.
Vorläufig dachte ich nur, dass auch sie zu dem Schiffe gehört haben müsste, das hier gestrandet war, dass sie aber von der Mannschaft gerettet worden sei und nun einmal in einem Boote eine Rundfahrt um die Insel angetreten habe.
Das konnte indessen doch nicht stimmen, denn eine solche vornehme Dame rudert eben nicht, die lässt sich rudern.
Und weiter sagte ich mir, dass sie sich zwar aus dem Schiffbruch gerettet haben könnte, auch in einem Boote, aber auf keinen Fall in diesem zierlichen Dinge, und besonders mitgenommen haben konnte sie das auch nicht, denn wenn es ans Leben geht, denkt man an andere Sachen, aber nicht daran, ein solches Boot hinterher zu schleppen.
Doch wozu sollte ich mir den Kopf zerbrechen? Ich brauchte doch bloß zu ihr zu gehen. Da würde ich schon alles erfahren, was ich erfahren konnte und erfahren musste.
Merkwürdig genug war, dass ich trotzdem auf meinem Aste hocken blieb. Ich kann nicht sagen, was es war. In mir regte sich etwas, was ich nicht zu bezeichnen vermag oder — ich will nur offen sein, wie man es von mir gewohnt ist — etwas, was ich nicht mit dem einzig richtigen Namen bezeichnen mochte.
Ich empfand ganz deutlich eine gewisse Furcht! Mich wandelte wahrhaftig die Lust an, zu fliehen!
Vor diesem Weibe!
Ich wollte über mich selber lachen, aber ich brachte es nicht fertig. Immer beklemmender wurde mir ums Herz, und ich kann nicht anders sagen: Ängstlich verfolgte ich mit meinen Blicken jede Bewegung der Unbekannten, als hinge davon unglaublich viel für mich ab.
Sie hatte also das Boot verlassen und war auf den Strand getreten.
Aus Langeweile oder nur infolge eines Zufalles war sie auch nicht gekommen, denn ich sah sofort, wie sie den Boden spürend betrachtete, bald hierhin, bald dorthin schritt, immer weiter nach dem Walde vorrückend.
Und da blieb sie stehen.
Ich wusste genau, dass es an der Stelle war, wo ich gelegen hatte. Ich hatte dort eine recht hübsch sichtbare Vertiefung in dem Boden erzeugt.
Ebenso genau wusste ich, dass sie nun die Spuren entdecken musste, die ich beim Laufen erzeugt hatte, denn sie waren noch nicht wieder verwischt worden.
Und richtig folgte sie den Abdrücken meiner Füße, machte genau denselben Weg, den ich gemacht hatte, bis an die Ecke und wieder an dem Walde zurück.
Und auf einmal stand sie unter dem Baume, der meine Zuflucht bildete.
Jetzt hatte ich sie unmittelbar unter mir, konnte sie mir genau betrachten und sah nun, dass sie ein sehr schönes Weib war, der Körper in herrlichem Ebenmaß gebildet, alles straff und fest — —
Ja, das war es, straff und fest!
An der war auch noch anderes straff und fest, was ich nicht gleich sehen konnte! Die hatte einen festen Willen, der sich durch nichts beugen ließ, und in den dunklen Augen las ich sogar, dass sie erbarmungslos grausam sein konnte, wenn es darauf ankam oder — wenn es ihr einmal Spaß machte.
Das alles sah ich aus meinem grünen Versteck, in dem sie mich unmöglich schon entdeckt haben konnte, obwohl sie gerade unter mir stand und zu mir emporschaute. Keinesfalls konnte sie doch wissen, wer ich war.
Das dachte ich, und während ich mir überlegte, ob ich nun nicht doch herabsteigen sollte, hob sie auf einmal mit einer ganz eigentümlichen Bewegung den Kopf.
Und dann sagte sie mit einer prächtigen Altstimme, die ich bei dem andern Geschlecht immer geliebt habe:
»Komm herunter, Hussein!«
Na, da schlag doch Gott den Teufel tot!
Ich wäre wirklich bald vom Stängelchen gefallen.
Steht da unter mir eine waschechte Türkin oder Maurin, bedient sich ihrer Muttersprache, und ich — der ich keine Ahnung von dieser habe — verstehe sie!
Das war doch das Verrückteste bei der ganzen Sache!
Mir war vollkommen klar, dass sie die Worte, den Befehl, auf Türkisch ausgesprochen hatte, und ebenso, dass ich ihn verstand! Ja, wo hatte ich denn auf einmal diese Sprache gelernt?
Früher einmal hatte ich wohl Lust gehabt, das zu tun, da hatte ich mich aber erst vorher erkundigt, ob sie auch nicht recht schwer sei, und was ich da gehört hatte, das hatte mir den Appetit vergehen lassen.
Jetzt hatte der Herr mir's im Schlafe gegeben!
Oder ich war eben behext — stand unter einem fremden Willen wie eine in Trance befindliche Somnambule, die ja auch in Sprachen schreiben und reden und dichten, die ihnen sonst böhmische Dörfer sind.
Das heißt, alle diese Gedanken huschten mir blitzschnell durch den Kopf. Lange hatte ich gar nicht Zeit zum Nachdenken, denn die Augen unter mir, die mich nun in meinem Versteck entdeckt zu haben schienen, funkelten bereits verdächtig, und ich wollte es lieber nicht darauf ankommen lassen, dass sie den Befehl wiederholte. So haspelte denn ich langer Schlagtot meinen Korpus aus dem Gezweig des Brotbaumes und kletterte zu Boden, bis ich vor ihr stand.
Wie ich mich nun verhalten, ob ich sie nun anreden sollte oder nicht, wusste ich freilich nicht. Ich brauchte mich auch nicht weiter darum zu kümmern, denn das Reden besorgte jetzt sie — wieder auf Türkisch — und man kann sich wohl lebhaft vorstellen, wie mir zumute war. In meinem Kopfe drehte sich nicht bloß e i n Mühlrad, da musste ein halbes Dutzend angebracht sein.
Man stelle sich nur einmal vor, man käme in ein Land, dessen Sprache man nicht kennt, von der man keine Ahnung hat, wird von einem Einheimischen angeredet und versteht ihn Wort für Wort!
Ja, noch mehr! Man kann ihm antworten — in seiner Sprache!
So war es hier. Ich verstand Türkisch und konnte, wie sich gleich zeigen sollte, auch Türkisch sprechen. Vorläufig aber redete sie.
»Nun, Hussein, siehst Du nun ein, dass Du mir nicht entfliehen kannst?«
Und ehe ich etwas erwidern konnte, was mir auch für den Augenblick ganz unmöglich gewesen wäre, fuhr sie schon fort:
»Warum bist Du nicht sofort aus Deinem Versteck hervorgekommen, als Du mein Boot nahen sahst? Kennst Du Deine Pflichten nicht mehr? Oder willst Du mir den Gehorsam aufsagen?«
Diese Fragen waren in einem Tone gestellt, dass ich sogleich wusste, es würde nicht nur keine Antwort von mir verlangt und erwartet, sondern ich durfte überhaupt keine geben. So spricht man etwa zu einem Hunde, der etwas verbrochen hat. Aber der wedelt wenigstens mit dem Schwanze, was ich ja nicht konnte.
Ich kam auch nicht dazu, etwas zu sagen, wenn ich das hätte tun wollen.
»Hole das Zelt! Schlage es hier auf! Du hast wieder einmal die schattigste Stelle am Waldrande gefunden. Bringe auch den Korb mit, denn die Fahrt hat mich hungrig und durstig gemacht! Aber rasch! Nur durch doppelten Eifer kannst Du die Strafe mildern, die Du verdient hast und der Du nicht entgehen wirst!«
Na da! Wenn ich nun einmal Hussein war, offenbar der Sklave dieser Dame, dann musste ich doch auch gehorchen!
Ich säbelte also los, nach dem Strande hinunter, wo das Boot lag, und unterwegs kollerten mir die Gedanken im Kopfe rum wie Erbsen in einem Topfe.
Ich war also ausgerissen, vor ihr! Nicht zum erstem Mal! Aber immer hatte sie mich wieder eingefangen, ob immer selbst oder ob andere das auch einmal besorgt hatten, konnte ich nicht wissen. Diesmal aber war sie selbst da — —
Na ja, und wenn man ausreißt, muss man doch einen Grund dazu haben!
Mich jedoch hätte man jetzt auf den Kopf stellen und wie einen Kreisel drehen können, wenn ich hätte sagen sollen, warum ich vor dem hübschen Weibchen ausgerissen war.
Ich war doch gar nicht ausgerissen! War als Schiffbrüchiger hierher gekommen!
Himmel, wenn ich nicht verrückt wurde, dann wurde es überhaupt niemand!
Aber da kam mir auch schon Rettung.
Mein Humor brach durch.
»Karl, Du bist ein Esel!«, sagte ich zu mir selber. »Warum sollst Du denn nicht mal Hussein, der Sklave, sein? Was kann Dir denn passieren? Dass sie Dich etwa durchhaut? Na, dazu gehören doch allemal zwei, und wenn sie üppig wird, da kann sie ja was erleben, die stecke ich doch in die Tasche, wenn ich auch keine habe. Der will ich schon zeigen, dass ich nicht Hussein, der Sklave, sondern Herr Tiefbauingenieur Karl Willmer bin!«
Und da lachte ich, ich konnte mir nicht helfen, lachte so herzlich und so laut, dass sie es hören musste.
Ich aber drehte mich nicht etwa herum, um zu sehen, wie sie das aufnahm, ich war schon bei dem Boote, und dass ich den erhaltenen Auftrag sehr rasch ausführte, das kam nicht daher, dass ich mich nun als Sklave fühlte, sondern weil die Sonne schon wieder ganz ekelhaft brannte und stach, und — weil ich Hunger hatte, und meine Herrin auch.
Wenn aber die Herrin isst, dann fällt doch auch für den Sklaven etwas ab, und wären es auch nur die Reste, die Knochen — —
Ich also in das Boot, das sehr elegant aussah, worum ich mich aber nicht weiter kümmerte.
Wo war denn das Zelt?
Da lag ein Packen Zeugs, das musste es sein.
Und da stand auch der Korb — Fresskorb nannten wir das bei den Soldaten — so sah er aus — —
Ich also das beides aufgehoben, den Packen auf die Schulter, den Korb in die eine Hand, und dann mit meinen langen Beinen wieder losgelegt.
Nach wenigen Minuten stand ich vor meiner Herrin, die sich auf den Boden gesetzt hatte. Mir rann der Schweiß nicht nur von der Stirn über das Gesicht, sondern am ganzen Körper herab.
Trotzdem schaute sie mich bitterböse an.
»Hussein, Hussein!«, sagte sie. »Ich fürchte, Dir wird es diesmal sehr schlimm ergehen!«
Ja, was hatte ich denn schon wieder gesündigt? Ich hatte doch wirklich nicht schneller machen können!
»Du duldest, dass Deine Herrin sich auf den bloßen Boden setzen muss?«
Da hatte ich mein Fett!
Was aber sollte ich ihr denn unterlegen? Höchstens mich selbst! Und da hätte ich eben das Zelt nicht holen können.
»Sonst hättest Du mir wenigstens einige Zweige abgerissen und sie über den Boden gebreitet, Hussein.« erklärte sie mir da, was ich unterlassen hatte.
Natürlich war ich schon bei dem Baume und packte zu. Wenn sie weiter nichts wollte!
Da lachte sie, als ich ihr einen ganzen Armvoll Zweige auf den Boden schüttete.
Wahrhaftig sie lachte!
Und wie das klang! Wie das hübsche Gesichtel sich da verschönte, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre! Und in ihren Augen lachte der Schalk mit! Ach, diese Weiber! Diese Weiber!
»Wir haben doch jetzt das Zelt, Hussein«, rief sie dann vorwurfsvoll. »Da sind ja die Zweige nicht mehr nötig!«
Na, da hatte sie wieder recht, und ich schickte mich an, den Packen aufzuschnüren. Das ging sehr schnell, die Hülle war ein sehr langes Tuch, purpurfarben, irgendwie innen gesteift — aber ich suchte nach Stangen, über die ich es spannen konnte — ich wusste nichts mit dem Tuche anzufangen.
»Hussein, ich glaube, die Sonne hat Dich dumm gemacht!«, sagte sie da. »Wie viele Male hast Du dieses Zelt aufgerichtet! Und jetzt stellst Du Dich an, als wüsstest Du überhaupt nicht Bescheid!
Reize mich nicht, Hussein! Glaube nicht, dass ich Dir schon vergeben hätte, weil ich über Dich habe lachen müssen!«
Und ihre Augen blitzten auch wirklich schon wieder ganz bösartig.
Da musste ich eben mein Glück versuchen. Ich hob das Tuch auf und merkte, dass es von allein stand, dass das eine ganz patente Sache war, obgleich sie sicher keinem Patentamte vorgelegen hatte — —
Nach wenigen Minuten stand ein viereckiges Zelt da, nicht hoch, aber ausreichend, und nun lagen auf dem Boden noch allerhand Decken und Kissen, die in das Tuch eingewickelt gewesen waren.
Ich kroch also hinein in das Zelt, breitete eine der Decken über den Sand, die anderen schichtete ich an einer Wand auf, und dann kam ich wieder heraus.
»Wir wollen hier speisen, Hussein!«, sagte sie da. Sie hatte sich's schon wieder anders überlegt. Ich musste also ein paar Decken und Kissen herausholen, unter den Brotbaum legen, und sie setzte sich.
Dass ich nun den Korb herbeibrachte und vor ihr niederstellte, war selbstverständlich, aber ich dachte nicht daran, ihn auch aufzumachen und den Inhalt auszupacken. Ich war eben doch noch nicht dressiert genug, und als Kellner hatte ich auch nicht gelernt.
Ich will es kurz machen.
Sie brachte mir alle meine Pflichten wieder bei, und ich kann bloß sagen, dass mir das Herz im Leibe lachte, als ich die Herrlichkeiten roch und sah, die der Fresskorb enthielt.
Alle Wetter, die hatte richtig vorgesorgt!
Und dabei war das nicht bloß so ein Korb, wie ich angenommen hatte, sondern er enthielt innen noch einen Kasten, der durch irgend etwas kühl erhalten wurde, dass die Speisen auch in der Hitze der Tropensonne nicht gleich verderben konnten, was da sonst sehr, sehr schnell vonstatten geht.
Ich musste nun wirklich den demütigen Sklaven spielen, ihr die Speisen auf den Knien darbieten und die Platten so lange halten, bis sie ein paar Bisschen von jeder zu sich genommen hatte.
Da ich nun einmal Sklave war, so wusste ich auch, dass es sich nicht für mich schickte, meine Herrin anzugaffen, aber unter den gesenkten Lidern hervor betrachtete ich sie doch.
Ach, wirklich! Die konnte mir gefallen! Die war fast noch hübscher als meine Sakuntala, molliger, will ich einmal sagen, alles so hübsch rund, und dabei eben fest — —
Und in ihren Blicken war ständig etwas, was ich mir nicht deuten konnte, etwas Lauerndes, aber nichts Bösartiges — sie wartete offenbar auf etwas, ohne dass ich erraten konnte, was es war.
Die Platten, von denen sie gegessen hatte, musste ich zur Seite stellen, ihr eine neue bieten, bis sie endlich von allen gegessen hatte.
Dann lehnte sie sich gegen den Stamm des Baumes, nachdem ich ihr noch ein Kissen hinter den Rücken hatte schieben müssen.
»Hole die Pfeife, Hussein!«
Alle Wetter! Die hatte auch eine Pfeife mitgebracht?
Ich rannte nicht schlecht nach dem Boote hinunter, sah auch gleich die wundervolle Wasserpfeife in einem besonderen Schutzkorbe, die ich hier wohl Nargileh nennen musste, schleppte gleich den ganzen Korb hinauf und stellte ihn vor ihr nieder.
Wieder traf mich ein vorwurfsvoll verwunderter Blick.
»Hussein!«, rief sie auch noch.
Also musste ich wieder den Sklaven spielen, die Wasserpfeife aus dem Korbe holen, ein Ebenholzkästchen lag unten drin, mit köstlich riechendem Tabak ganz gefüllt — —
Ich stopfte den Meerschaumkopf, der aber hier noch mit echten Goldfäden umwunden war — —
Ja, und dann suchte ich nach einem Feuerzeug, fand aber nur ein kleines Brennglas, wusste Bescheid, schob die Pfeife in die Sonne, hielt das Glas über den Tabak — er begann zu brennen — ich damit rasch zurück und der
Dame das dicke Bernsteinmundstück hingehalten, neugierig, ob sie es in das Mäulchen brachte —
Da aber traf mich wieder jener Blick.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber sie gab mir das Mundstück — —
Na, da rauchte ich eben diese Pfeife an und gab sie ihr, als sie lustig brannte.
Na, da rauchte ich eben diese Pfeife an und gab sie ihr.
Und da erlebte ich etwas, was ich freilich nicht erwartet hatte!
Indem sie das Mundstück an die Lippen führte, lächelte sie mich an! Und wie! Mir ging es doch gleich durch und durch!
Ich hatte noch nie in meinem Leben erfahren, dass schöne Frauen so sinnberückend lachen können! Nicht bloß mit dem Munde, auch mit den Augen!
Mir schoss doch gleich das Blut ins Gesicht, ich konnte sie nicht mehr anschauen!
Hatte die sich etwa in mich verliebt?
In mich, der ich gerade ein sehr schönes Mädchen hatte heiraten sollen!
Ei, Karle, Karle!
Da aber kam auch schon die kalte Dusche.
»Entferne Dich aus meinen Augen, wenn Du Deinen Hunger stillst!«, herrschte sie mich an.
Ich traute meinen Ohren nicht.
War ich denn für die wirklich nichts weiter als ein Hund — ein etwas großer zwar — mit dem sie spielte?
Na meinetwegen! Ich hatte Hunger.
Ich also nicht lange die gekränkte Leberwurst gespielt, sondern die Platten in den Korb gestellt, diesen angepackt und damit hinter den Brotbaum gekrochen.
Mir konnte bloß lieb sein, wenn sie nicht sah, wie ich schlang!
Jetzt erst spürte ich doch, dass ich Hunger hatte.
Die paar Beeren vom Abend zuvor, die kamen überhaupt nicht in Frage, die waren schon längst verdaut —
Jedenfalls war mir nun wieder wohl, und ich war gern bereit, noch ein paar Mätzchen vor der zu machen, wenn sie es nun einmal haben wollte.
Bloß die Pfeife!
Himmel, was die für eine feine Sorte rauchte! Der Großsultan konnte keine bessere haben!
Aber weil es bei einer Pfeife keine Knochen gibt, konnten keine für mich abfallen — oder es galt als Ersatz, dass ich schnuppern durfte!
Das tat ich denn auch, suchte gleich ganze Wölkchen des Rauches einzufangen und in die Lungen zu kriegen, obwohl mir der Duft eines guten Portorikos oder eines noch besseren Varinas viel lieber gewesen wäre als der des türkischen Tabaks.
Aber der will aus einer langen Pfeife geraucht sein, nicht so aus einer Wasserflasche, mag sie auch noch so schöne Verzierungen aufweisen.
Ob meine Herrin merkte, wie ich immer einmal um den Brotbaum herumfuhr, einmal auf dieser Seite, einmal auf jener, das weiß ich nicht, spüren ließ sie nichts davon, nur war mir, als bliese sie manchmal gerade den Rauch auf mich zu. Und einmal war mir sogar, als hätte ich wieder so ein silberhelles Lachen gehört.
So ein Racker!
Machte die sich etwa über mich lustig?
Na, jedenfalls wollte ich ihr den Gefallen nicht tun, dass ich mich ärgerte! Ich lehnte mich an die andere Seite des Stammes, schloss die Augen und hatte nun Zeit, über alles nachzudenken.
Warum hatte diese Dame, die sie doch war, mich persönlich gesucht?
Warum lag ihr so viel gerade an mir, dass sie mich immer wieder holte, wenn ich einmal fortgelaufen war, was also nach ihren Worten oftmals geschehen sein musste?
Und nun hatte sie sich wieder selbst aufgemacht, um einen Sklaven zu suchen, den sie dann eben wie einen solchen behandelte?
Schwerebrett noch einmal, das musste ich ergründen!
Und eine bessere Möglichkeit dazu gab es gar nicht, als indem ich nochmals auskniff!
Jetzt wusste ich doch, dass sie mich suchen würde, und da konnte ich ihr mal beweisen, dass sie mich nicht fand, wenn ich es nicht wollte!
Gerade hier in diesem Walde war das doch ganz ausgeschlossen, außer sie hatte Hunde! Aber auch die lassen sich irreführen. Man braucht nur eine Zeit lang im Wasser zu gehen — oder man reibt die Fußsohlen mit etwas ein, das sie täuscht. Es gab in diesem Dickicht sicher Pflanzen mit scharfem Milchsaft.
Und kaum hatte ich das gedacht, da beschloss ich auch schon, ihr auszukneifen.
Ich hatte sehr gut gemerkt, dass sie nicht mehr so regelmäßig wie vorher den Rauch von sich blies, und nahm mit Recht an, dass sie nahe daran war, ein Nickerchen zu machen — einzuschlafen.
Jetzt passte ich auf.
Immer weiter bog ich mich um den Stamm herum, und da sah ich, dass das Mundstück des Pfeifenschlauches neben ihr auf dem Boden lag, dass sie das Köpfchen gegen den Stamm gelegt hatte, wo es ja durch den Turban eine weiche Unterlage hatte, die Händchen lagen schlaff im Schoße — —
Und wäre ich noch im Zweifel gewesen, dass sie wirklich eingeschlafen war, so wäre dieser alsbald behoben worden, als sie sanft zu schnarchen anfing.
Es klang ganz allerliebst, wie sie so ratzte. Ich sah zwischen den roten Lippen des kleinen Mundes die weißen Zähnchen — —
»Eigentlich sollte ich Dir einen Kuss geben, Du Racker!«, dachte ich noch, aber das war eben nur ein Gedanke, den ich nie ausgeführt hätte. Das Vertrauen dieses Weibes hätte ich nie zu missbrauchen vermocht.
Ich wartete noch eine Weile, überlegte mir, wie ich am besten ausrücken konnte, dachte aber sonst an nichts anderes, fürchtete auch keine Folgen für mich, und dass mir in dem dichten Walde etwa eine Gefahr drohen könnte, das kam mir erst recht nicht in den Sinn.
»Warte, warte! Dir will ich doch mal beweisen, dass Du Deinen Hussein nicht findest, wenn er sich nicht finden lassen will!«
Ich hatte meinen Plan.
Ganz leise erhob ich mich, kletterte an dem Brotbaume empor, was wirklich kein Kunststück war, und suchte, als ich genügend hoch gekommen war, nach einer Möglichkeit, zu einem anderen Baume hinüberzukommen.
Das war keineswegs schwer, weil die Bäume hier so eng aneinander standen, dass die Äste des einen in die des anderen hinüberreichten. Ich hatte nur immer einen auszusuchen, der nicht zu sehr von Schlingpflanzen überwuchert war, denn durchreißen konnte ich die nicht, sie trugen fast alle lange und scharfe Stacheln und mir war bekannt, dass auch unscheinbare Wunden, die man sich an solchen reißt, sehr oft zum Tode führen.
Ich wendete also die gebotene Vorsicht im äußersten Maße an, hütete mich auch, unnütze Geräusche zu erzeugen, und wenn mal ein Ast rauschte, dann war das nicht schlimm. Die Schläferin hörte es sicher nicht.
Während ich aber so in der Laubregion kletterte, immer nach der Fortsetzung meines Weges ausspähend, war mir, als würde der Wald lichter und lichter, als verlören sich die hässlichem Dornenranken immer mehr. Ich musste schon länger suchen, ehe ich von einem Baume zum anderen kommen konnte, und auf einmal kam mir der Gedanke, dass dieser Urwaldgürtel einen freien Innenraum umschließen könnte, aus welchem nur an bestimmten Stellen Wege führten, die wieder nur Eingeweihten bekannt waren.
War das der Fall, dann war aber auch ebenso sicher anzunehmen, dass dieser Urwaldgürtel ein Geheimnis umschloss und dass mit diesem meine schöne Unbekannte in Beziehung stand.
Dann durfte ich auch nicht weiter nach der Mitte zu fliehen, sondern musste eben in diesem Urwaldgürtel bleiben.
Jawohl, das würde sich ganz gut machen lassen. Vorher wollte ich doch erst mal erkundigen, welches Geheimnis diese Insel in ihrem Innern barg.
Ich setzte also meinen Weg fort, immer von einem Baume zum anderen, musste manchmal schon im Sprunge zum nächsten schnellen, kam indessen immer weiter, bis auf einmal der Weg zu Ende war!
Bäume standen noch vor mir, aber ich konnte nicht zu ihnen.
Es war ein ganz gemeiner Trick, den die Bewohner der Insel angewendet hatten.
Unter mir gewahrte ich einen breiten Wassergraben.
Ob er auch tief war, konnte ich nicht sagen, es kam gar nicht darauf an. Und wäre er ganz seicht gewesen, dass ein Kind ihn hätte durchwaten können, es hätte das nicht wagen dürfen.
In diesem Graben befanden sich Wächter, die niemand durchließen, die, nicht eingeschläfert, nicht bestochen werden konnten.
Das Wasser wimmelte von langschnäuzigen Krokodilen, einer ganz besonderen Art, von der bekannten abweichend, und ich wusste auch den Namen, hatte solche Tiere in naturwissenschaftlichen Atlanten abgebildet gesehen. Es waren Gavials.
Sie waren dort unten so zahlreich wie die Frösche in einem deutschen Dorfteiche, krochen über- und untereinander weg — ich hörte das Kratzen, mit dem die schuppigen Panzer einander berührten — —
Natürlich war mein erster Gedanke, ob ich nicht über diesen Graben springen könnte. Aber selbst, wenn ich mir einen jungen Baum, den es hier gar nicht gab, als Sprungstange hätte aus der Erde reißen können, dann hätte mir das nichts genützt.
Um eine solche Sprungstange anwenden zu können, muss man einen Anlauf haben, sich dann auch durch die Luft schwingen können.
Aber ein solcher Anlauf war nicht vorhanden, und wäre er dagewesen, so hätte ich mich nicht emporschwingen können, die Äste hätten mich festgehalten.
Also mit dem Hinüberspringen war es Essig.
Da dachte ich darüber nach, ob diese Gavials durch Zufall in den Graben geraten waren oder hineingesetzt.
Vor allem lebten diese Tiere in solcher Menge doch nur dort, wo sie genügend Nahrung fanden, und da diese wohl hauptsächlich aus Fischen bestand, so hätte das Wasser also mindestens ebenso von diesen wimmeln müssen wie von den Echsen.
Das war ausgeschlossen, denn sie wären eben alsbald gefressen worden.
Dann fanden die Gavials anderwärts Nahrung?
Ja, das wäre wohl möglich gewesen, doch dann hätten sie das Wasser zuzeiten verlassen und ich hätte die Spuren sehen müssen, wo das geschah. Solche schwere und lange Tiere, die zudem auf dem festen Lande sehr unbeholfen sind, klettern doch nicht aus einem Graben heraus, ohne Spuren davon zu hinterlassen.
Da blieb bloß die Annahme, dass die Tiere nicht nötig hatten, aus dem Graben zu kriechen, weil sie in diesem gefüttert wurden.
Und zwar reichlich!
Denn so ein Vieh braucht doch schon was! Kann allerdings auch wieder geraume Zeit hungern.
Na, mir konnte das egal sein, wie und womit sie gefüttert wurden, mir bestätigte ihr Vorhandensein nur, was ich schon vermutet hatte: dass das Innere der Insel ein sorgsam gehütetes Geheimnis barg.
Und noch etwas sagte ich mir, was für mich von Wichtigkeit war.
Hunde konnte es hier nicht geben, durch die meine Spur gefunden werden konnte.
Wo Krokodile leben, halten Hunde sich fern, denn sie gerade bilden die Lieblingsnahrung der Riesenechsen.
Ich durfte also wagen, den Baum zu verlassen, auf dem ich noch saß, mir einmal die Geschichte von unten anzugucken.
Das war durchaus nicht gefährlich, denn einmal waren diese Gavials daran gewöhnt, gefüttert zu werden, und dann — ehe sie herauskletterten, war ich doch schon längst wieder fort.
Ich stieg also herunter, näherte mich dem Graben und sah nun etwas, was mir vorher noch entgangen war.
Auf der Seite, auf der ich mich befand, war das Ausbrechen der Tiere unmöglich gemacht.
Eine dünne Drahtwand war da gezogen — nein, das war nicht einmal Draht, das waren Rosshaare, immer jeder Faden, zu dem sie verknüpft waren, dreißig Zentimeter vom andern entfernt.
Das war doch kein Hindernis für die Gavials?
Aber ja! Das wusste ich sogar, der es nur aus Büchern kannte.
Diese Tiere wichen vor dem leisesten Hindernis zurück, gegen das sie beim Kriechen an Land stießen!
Sobald sie also einen solchen Faden aus Pferdehaar berührten, machten sie Halt! Und berühren mussten sie hier überall einen.
Raffiniert!
Ich trat bis an diesen merkwürdigen Zaun. Die Gavials sahen mich, wälzten sich übereinander, glotzten mich gierig an — —
Und da freilich erschrak ich!
Jetzt wusste ich, dass sie nicht mit Fischen oder anderen Tieren gefüttert wurden, sondern mit Menschen!
Weil sie eben gleich gar so lebendig wurden!
Na, da sollte mal einer versuchen, über diesen Graben zu kommen!
Mich schauderte.
Wer waren diese Inselbewohner, die ihr Geheimnis nur dadurch wahren konnten, dass sie den tierischen Wächtern Menschen zum Fraße vorwarfen? Und was für unglückliche Menschen bildeten diese Opfer? War etwa meine schöne »Herrin« auch eine von der Bande?
Wenn ich mich an das Funkeln ihrer Augen erinnerte, das ich manchmal gewahrt zu haben glaubte, dann musste ich das annehmen.
Dann aber konnte sie meinetwegen zehnmal so schön sein, wie sie war, da hatte sie bei mir verspielt!
Und ich überlegte sogar schon, ob es nicht besser sei, wenn ich umkehrte und dieses Weib unschädlich machte!
Doch ich verwarf diesen Gedanken wieder, wollte lieber meine Entdeckungsfahrt fortsetzen.
Da die Gavials ganz außer sich geraten waren und ich fürchten musste, dass dadurch Wächter angelockt werden konnten, so schwang ich mich wieder auf einen Baum, zog mich ein ganzes Stück von dem Graben zurück — setzte aber an diesem entlang meine Reise von Ast zu Ast und Baum zu Baum fort.
Dass mein bunter Anzug durch diese Kletterei besser geworden wäre, kann ich natürlich nicht behaupten. Auch meinen Füßen tat sie nicht besonders wohl, sie bluteten schon an mehreren Stellen, ebenso meine Hände, aber das störte mich natürlich nicht.
Jetzt war ich erpicht, das Geheimnis kennenzulernen, das hier vor mir lag, ich ruhte nicht, kletterte und sprang immer weiter, obwohl die Sache endlich gar keinen Spaß mehr machte, blieb aber immer in der Nähe des Grabens, und dieser war immer mit Gavials gefüllt.
Nun hatte ich leider vergessen, mir ein Merkzeichen an der Stelle zu machen, wo ich ihn zuerst erreicht hatte. Es war doch anzunehmen, dass er sich um die ganze Insel zog, dass ich also schließlich an die Stelle zurückkam, von der aus ich angefangen hatte.
Und so war es in der Tat.
Wie lange ich unterwegs gewesen war, kann ich nicht sagen, es nur nach dem Laufe der Sonne beurteilen, und danach waren es reichlich fünf bis sechs Stunden gewesen.
Aber ich fand auch die Ausgangsstelle wieder, denn ich sah auf dem Boden die Abdrücke meiner Füße.
Was denn nun?
Sollte ich reumütig zu meiner Herrin zurückkehren?
Ich weiß nicht, warum mir auch jetzt wieder so davor graute, warum ich eine seltsame Angst in mir aufsteigen spürte.
Aber gerade deswegen beschloss ich, sie zu suchen.
Ich wollte doch einmal sehen, was sie mit mir anfing.
Oder — vielleicht schlief sie noch? Nach so langer Zeit?
Ach was!
Mir blieb gar keine andere Wahl.
Ich wollte zu Menschen, wollte endlich einmal erfahren, was mit mir geschehen war, was mir noch bevorstand —
Ich turnte also meinen Weg zurück, und da brauche ich mich selber nicht zu loben, weil ich ihn fand, das ist eben ein besonderer Sinn, der manchen Menschen verliehen ist, den die Wilden und die Tiere noch nicht verloren haben. Auch der Zigeuner findet sich in jeder Gegend zurecht, und wenn er noch gar nicht dort gewesen ist.
Ich kam also sehr schnell wieder zu meinem Affenbrotbaume, stieg langsam und vorsichtig so weit herab, bis ich den Boden darunter erblicken konnte, lugte gespannt hinab und —
Die schöne Fremde lehnte zwar nicht mehr mit dem Rücken gegen den Stamm, schlief nicht mehr, aber — das Zelt stand noch an seinem Platze, und als ich nach dem Strande hinüberspähte, gewahrte ich dort auch noch das Boot.
Sie war also noch da.
Ich weiß nicht, warum ich bei dieser Entdeckung aufatmete, zugleich aber wieder jene Beklemmung spürte, wie ich sie nur aus meiner Schulzeit kannte, wenn ich mal faul gewesen war und nun darauf wartete, dass ich vom Lehrer erwischt werden würde.
Ja, ich kam mir wirklich wie ein Schuljunge vor, der Strafe zu fürchten hat.
Himmeldonnerwetter noch einmal!
Man darf mir diesen Fluch nicht übel nehmen, den ich wirklich ausstieß.
Ich langer Schlagtot sollte mich vor diesem Weibsen fürchten?
I, da sollte doch —!
Ich also runter von dem Baume.
Die Decken lagen noch da, die ich für »sie« ausgebreitet hatte, aber sie selbst war nicht zu sehen. Dann konnte sie nur im Zelte sein.
Also hin, den Vorhang leise aufgehoben und hineingeguckt —
Gerade in das lächelnde Gesicht der schönen Frau!
Nun hatte ich dieses »Feixen« aber satt!
Ohne mich zu besinnen, stürmte ich in das Zelt, ich war außer mir vor Wut. Jetzt hatte ich diese Komödie über —
»Warum lachen Sie so?«, schrie ich. »Ich verbitte mir das! Sie haben mich gar nichts auszulachen!«
Viel fehlte nicht, und ich hätte sie auch gepackt und abgeschüttelt. Ich war gerade in der richtigen Stimmung.
Aber sie erschrak nicht etwa. Sie lächelte nach wie vor.
»Du bist unverbesserlich, Hussein«, sagte sie halblaut und gar nicht unfreundlich. »Erst lässt Du mich einfach im Stiche, und dann wagst Du sogar, ungerufen vor mich zu treten. Wüsste ich nicht, dass Du —«
Sie vollendete den Satz durch eine Handbewegung nach der Stirn.
Was? Ich sollte verrückt sein?
Na, das hatte gerade noch gefehlt. Ich und verrückt? Ja, werden konnte ich es, wenn das so fortging, aber noch war ich es nicht!
Doch ehe ich ihr das ins Gesicht schreien konnte, sah sie mich an.
Sie lächelte nicht mehr, ihr Gesicht war ganz starr geworden, ihre dunklen Augen schossen Blitze, wie die Romanschreiber das so schön sagen, und ihre Hand deutete nach dem Ausgange des Zeltes.
Dabei sprach sie kein Wort, ich sagte ebenfalls nichts, brachte keinen Ton über die Lippen —
Rückwärts ging ich zum Vorhang.
Im nächsten Augenblick war ich draußen und stand da wie ein begossener Pudel.
Himmel, war mir zumute! Ich kann es doch gar nicht beschreiben!
Soll das mal einer versuchen, wenn er merkt, dass er keinen Willen mehr hat, wenn er erkennt, dass er ein ganz anderer geworden ist, als er war!
Es war doch geradezu unheimlich, dieses Bewusstsein einer doppelten Persönlichkeit.
Ganz, ganz genau wusste ich, dass ich der Tiefbauingenieur Karl Willmer war, und zugleich war mir doch ebenso klar, dass ich Hussein war, der Sklave, der diesem Weibe da drin gegenüber keinen Willen mehr hatte!
Und das sollte ich gleich noch auf ganz besondere Weise erfahren!
»Hussein!«, erklang es aus dem Zelte.
Und da lief der Hussein hinein, kniete neben dem Eingange auf dem Boden nieder, kreuzte beide Arme über der Brust und senkte auch noch das Haupt!
Und innerlich murrte Karl Willmer einen ellenlangen Fluch über dieses elende Weibsstück, und seine Finger berührten die schwellenden Muskeln der Oberarme, und er fragte sich, warum er dieses Weib nicht packte und aufhob, es zum Meere hinabtrug und in das Wasser warf, dass es nur so klatschte!
Himmelbombenelement!
»Komm näher, Hussein!«, lockte da die Stimme.
Und der KarlHussein kroch auf den Knien hin zu dem schwellenden Lager, auf dem das Weib ruhte.
»Noch näher, mein Hussein!«, sagte sie schmeichelnd, und mich traf wieder jener Blick, der mir das Blut wie einen Strom siedenden Bleies durch die Adern jagte.
Ich kniete dicht vor ihr, ohne sie anzusehen.
Da streckte sie die eine Hand vor und packte mich an dem Haar —
Sie zerrte daran, dass es wehtat, aber ich wusste doch auch schon, dass das nur zärtlich gemeint war, und dann kam auch die andere Hand noch dazu, und beide wühlten in meinen Haaren und zogen meinen Kopf immer weiter hinüber, bis er endlich in dem Schoße des Weibes ruhte.
Ich kann ja doch nichts anderes erzählen, als was ich erlebte!
Mein Kopf ruhte auf diesem wonnesamen Kissen, durch die eine Hand noch am Haar gehalten, die andere fuhr mir über die Stirn, strich mir über die Augen —
Und dann —
»Sieh mich an, Hussein!«, klang es mir unbeschreiblich zärtlich an die Ohren.
Ich konnte gar nicht anders, ich öffnete die Lider und schaute auf.
Dicht über mir sah ich ihr Gesicht, ihren halb geöffneten, lächelnden Mund, ihre Augen —
Ach, diese Augen!
Was in denen zu lesen war!
Alles, was ein liebendes Weib dem geliebten Mann zu verheißen vermag!
Ich spürte, wie sich auf meinen Mund ein Lippenpaar presste — ach, so unbeschreiblich lind erst, als sänke ein Rosenblatt auf meine Lippen, nur wie ein Hauch —
Ach, war das herrlich, herrlich, herrlich!
Ich hätte vergehen mögen in diesem Kusse!
Denken?
Ach, wer in einem solchen Augenblick denken kann, der ist doch nicht wert, ihn zu erleben!
Und mein Verstand war ja auch so durcheinander geraten, dass ich ihm längst nicht mehr traute, ich wusste doch gar nicht mehr, wer ich eigentlich war: der Ingenieur Karl Willmer oder der Sklave Hussein —
I, und zum Teufel noch mal, der Karl Willmer hatte sich doch in seinem ganzen Leben noch nicht so selig gefühlt wie jetzt —
Oder war das eben dem Hussein schon mal passiert?
Es musste doch wohl so sein, denn Übung hatte die darin, schon wie sie mich so bei dem Schopfe gepackt und langsam meinen Kopf niedergezogen hatte, wie sie mich dann küsste!
Auch dieser Kuss nahm ein Ende.
Die Lippen lösten sich von den meinen.
Aber die eine Hand hielt mich noch am Schopfe fest, mein Kopf musste auf dem weichen Kissen ihres Schoßes liegen bleiben, ich musste weiter in diese jetzt wunderbar leuchtenden Augen schauen, und ich hörte, wie sie mir girrend und gurrend zuraunte:
»Hussein, liebst Du denn Deine Fatme gar nicht mehr, dass Du ihr schon wieder hast entfliehen wollen?«
Da durchzuckte es mich.
Das Letzte hätte sie nicht sagen dürfen!
Wie, um Himmels willen oder in drei Teufels Namen, konnte die denn schon wissen, dass ich hatte auskneifen wollen?
Sie konnte mir doch nicht nachgeschlichen sein!
Aber es sollte noch besser kommen!
»Hussein, manchmal möchte ich wirklich glauben, dass Allah Deinen Verstand getrübt hat!«, fuhr sie, immer noch so zärtlich schmeichelnd, fort. »Die anderen alle nehmen es ja auch an. Du weißt es. Nur deshalb habe ich Dir immer wieder das Leben retten können. Aber mir gegenüber brauchst Du Dich doch nicht zu verstellen, mir gegenüber Deine Rolle nicht zu spielen. Oder Du dürftest Dich nicht manchmal verraten — wie eben —
Ach, Hussein!«
Die flammenden Blicke ihrer dunklen Augen bohrten sich in die meinen und ihr Mund raunte mir zu:
»Warum schlingst Du nicht Deine Arme um mich, Hussein? Warum ziehst Du Deine Fatme nicht an Dich? Warum muss sie Dich küssen, und warum küsst nicht Du sie?«
Und KarlHussein tat, was ihm geheißen ward.
Er rankte die Arme, an denen die Muskeln eines Karl Willmer saßen, zärtlich um das Weib, das sich Fatme nannte, küsste sie ebenso zärtlich auf den Mund.
Und das fiel ihm nicht einmal schwer! Im Gegenteil, nun er einmal Geschmack daran gefunden hatte, knutschte er sie auch gleich ordentlich ab, wie etwa ein Gardereiter seine Küchenfee —
Sie quiekte auch wirklich, was mich gar nicht wunderte —
Ja, und dann hatte sie mich ganz neben sich gezogen, dass ich Seite an Seite mit ihr lag — ganz in Ehren natürlich.
Wie immer, wenn es am schönsten wird, kam auch hier eine Störung.
Wir beiden hatten doch alles um uns her vergessen, wir hatten nicht gehört, dass jemand sich dem Zelte genaht hatte, hatten sicher auch überhört, wie man sich draußen bemerkbar zu machen suchte — da hatte man die Geduld verloren, die Sache war, wie sich herausstellte, ja auch sehr dringlich —
Kurzum, auf einmal hörten wir eine Stimme rufen.
»Herrin —!«
Ich erschrak ja nicht schlecht, denn bei solchen Techtelmechteln hat der Mann meistens ein böses Gewissen, mag es auch noch so anständig dabei zugehen, und ich war doch sozusagen schon halber Ehemann — ich hatte die reizende Sakuntala heiraten sollen —
Merkwürdig, dass mir das jetzt einfiel!
Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken.
Fatme hatte sich etwas aufgerichtet, drückte mich aber dabei mit der einen Hand hinter sich, und da es in dem Zelte doch dämmerig war, so konnte man mich vom Eingange her vielleicht gar nicht sehen, umso weniger, als der Vorhang nicht etwa ganz zurückgeschlagen worden war. Ich aber gewahrte, dass jemand hereinsah, konnte zwar nicht erkennen, ob es eine Frau war oder ein Mann, aber ich hörte es doch an der Stimme und dann auch die Frage der »Herrin«:
»Was gibt es, Zaida?«
»Die Suarins, Herrin.«
Da freilich vergaß Fatme alles andere, sprang auf trat zu der Botin.
Aber sie war wieder sehr helle dabei.
Sie zog diese mit sich ins Freie, und ich hörte nun noch, wie die beiden miteinander aufgeregt flüsterten.
Nach einer Weile wurde der Vorhang zurückgeschlagen.
Fatme allein kam zurück, setzte sich aber nicht wieder zu mir, sondern blieb stehen, anscheinend noch ganz fassungslos.
Da musste ich natürlich fragen, was es gab.
Sie schüttelte anfangs nur den Kopf, dann jedoch hob sie beide Arme, ob aus Zorn oder aus Verzweiflung wusste ich nicht.
»Wir müssen fort, Hussein!«, stieß sie hervor.
Ja, das hatte ich mir zwar schon gedacht, aber gescheiter wurde ich durch diese Antwort nicht, als ich gewesen war.
»Die Suarins?«, fragte ich, ohne eine Ahnung zu haben, was dieser Name bedeutete.
Mir war dunkel, als hätte ich ihn schon einmal gehört, und zwar aus dem Munde Loke Klingsors, aber ich wusste den Zusammenhang nicht mehr.
Da stampfte Fatme mit dem einen Füßchen den Boden.
»Diese Schufte! Hast Du denn etwas von ihnen gespürt? Du warst doch schon gestern Abend hier, Hussein?«
Jawohl, das stimmte, aber —
Da besann ich mich auf die Lichtsignale am nächtlichen Himmel und erzählte es. Ganz fassungslos starrte Fatme mich an.
Ich war aufgestanden, stand dicht vor ihr, und nun packte sie mich an beiden Schultern, rüttelte mich mit einer Kraft, die ich ihr gar nicht zugetraut hätte und der ich keinen Widerstand entgegensetzte.
»Mensch, und das sagst Du erst jetzt?«
Ja, sie hatte mich doch gar nicht gefragt oder wenigstens nicht zu Worte kommen lassen, und ich gehöre doch nicht zu jenen Menschen, die jedes, was sie erleben, gleich auspapeln müssen wie eine Henne, wenn sie ein Ei gelegt hat, sich gar nicht wieder mit Gackern beruhigen kann.
Ich wollte das sagen, da aber funkelte sie mich mit ihren Augen auf einmal an, dass mir das Wort in der der Kehle stecken blieb.
»Hussein!«, murmelte sie, und ich spürte, wie ihre Finger sich in meine Schultern einkrallten, anders kann ich es nicht nennen — es schmerzte.
Dabei guckte sie mir tief in die Augen.
Aber was sie in diesen las, das schien sie wieder zu beruhigen.
»Nein, Du bist kein Verräter«, sagte sie dann leise. »Du kannst nichts dafür. Manchmal scheint Allah wirklich Deinen Geist mit Blindheit zu schlagen. Aber Du bist treu!«
Und dann:
»Sage, dass Du treu bist! Dass Du Dich für Deine Fatme töten lassen würdest, anstatt sie zu verraten!«
»Ich würde mit Freuden für Dich sterben«, versicherte ich, freilich nur, um sie zu beruhigen.
Da atmete sie auf und küsste mich noch einmal, jedoch nur ganz flüchtig, streichelte auch mein Haar.
»Komm! Wir müssen eilen, dass wir ihnen entrinnen.
Wir dürfen natürlich nicht ins Boot —«
Sie schritt aus dem Zelte, und als wir draußen standen, sah ich niemand Fremdes mehr. Das Mädchen oder die Frau, die Zaida genannt worden war, mochte sich schon wieder entfernt haben. Sonst aber war alles noch wie zuvor.
Das Boot lag am Strande, die Decken waren unter den Baum gebreitet und die Sonne schien auch noch, obwohl sie schon tief stand.
Fatme schaute sich auch nicht um, als spähe sie nach den Suarins, die also ihr feindlich gesinnt zu sein schienen. Sie schritt ein Stück an dem Waldrande hin, und ich wusste zunächst nicht, ob ich ihr folgen oder nun das Zelt wieder zusammenlegen sollte.
»Herrin —«
»Komm doch! Wir müssen eilen!«, erwiderte sie über die Schulter.
Da folgte ich ihr eilends, hatte sie bald wieder eingeholt, und gerade, als ich sie erreicht, schlug sie das Buschwerk auseinander, trat in die entstehende Lücke und verschwand.
Ich tat es ihr nach, tauchte ebenfalls hinter dem Grün unter und sah nun, dass hier durch den scheinbar undurchdringlichen Urwald ein Gang führte —
Das war also ein neues Geheimnis dieser Insel, aber ich konnte natürlich nicht wegen eines Aufschlusses fragen, musste hinter der eilig Vorwärtsschreitenden bleiben und wartete nur darauf, wie es werden würde, wenn wir an den Gavialgraben kamen.
Besaß sie etwa die Möglichkeit, darüber zu kommen?
Ja, ich hatte mich vergebens darauf gespitzt.
Wir kamen überhaupt nicht an den Graben, denn nach einer Weile standen wir vor einem besonders mächtigen Baume, irgendwie öffnete Fatme eine schmale Pforte, die in das Innere des hohlen Stammes führte, sie zog mich hastig in die Höhlung, schloss die Tür hinter sich — es ging einige Stufen im Finstern hinab, dann einen schmalen Gang hin, dessen Wände ich mit beiden Schultern berührte —
Und dann standen wir auf einmal in einem Raume, der ganz dem Innern des Zeltes glich, in welchem ich so selige Minuten verlebt hatte.
Er war erleuchtet, und zwar auf ganz natürliche Weise durch eine Ampel in kunstvoller orientalischer Arbeit, in welcher irgendein wohlriechendes Öl brannte —
Hier blieb Fatme stehen, wendete sich mir zu und legte mir abermals beide Händchen auf die Schultern, um mir wiederum tief in die Augen zu sehen.
»Hussein«, sagte sie dann leise, aber mit bebender Stimme, »vergib, dass ich an Dir zweifeln konnte! Ich habe Dich so lieb, dass ich es nicht zu ertragen vermöchte, ließest auch Du Dich von meinen Feinden gewinnen.
Aber Du hast mir schon geschworen —
Und jetzt, Hussein, jetzt sollst Du mir feierlich, nach unserer Weise, noch einmal schwören!«
Ich hätte das tun können, denn sicher war die Gottheit, bei der ich schwören sollte, keine, die ich anbetete. Ich brauchte ihre Rache nicht zu fürchten, aber trotzdem sagte ich:
»Da muss ich erst wissen, wer die Feinde sind, die Dich bedrohen.«
Es konnte doch sehr leicht sein, dass sie selber eine Gegnerin Loke Klingsors war. Ich musste dies sogar annehmen, weil ich doch ihr Sklave, an Händen und Füßen gefesselt gewesen war, noch die Reste an dem einen Fußgelenk und am Halse trug.
Sie schaute mich groß an. Ich sah, dass sie mich gar nicht verstand, es hätte nicht der Worte bedurft, die sie noch sprach:
»Du kennst meine Feinde nicht, Hussein?«
Jetzt war der kritische Punkt gekommen. Jetzt musste endlich die Aufklärung erfolgen, die eigentlich schon lange nötig gewesen wäre.
»Nein, ich habe keine Ahnung Fatme. Du siehst mich bestürzt an, und jetzt blitzen Deine Augen sogar im Zorn, aber das schreckt mich nicht. Vorhin, als ich mich auch nach Deiner Meinung verständnislos stellte oder dumm, hast Du gesagt, ich sollte Dir gegenüber nicht den Narren spielen. Es sei genug, wenn andere mich für verrückt hielten, denn sonst hätte man mich schon lange umgebracht. Da wollte ich auffahren, denn ich fühlte mich beleidigt durch Deine Worte. Ich bin nie verrückt gewesen, wenigstens nicht mehr, als jeder vernünftige Mensch das ist.
Nun aber steht doch anscheinend mehr auf dem Spiele als vorhin. Du bist bedroht von Feinden, und ich soll Dir schwören, Dich gegen sie zu schützen. Da muss ich Dir offen bekennen, dass ich diesen Schwur nicht leisten kann, bevor ich nicht weiß, wer Dich bedroht, und davon habe ich keine Ahnung, nicht die geringste!«
Immer starrer war der Ausdruck ihres ganzen Gesichts geworden, je weiter ich sprach. Der zornige Blick verschwand aus ihren Augen. und endlich schaute sie mich fast furchtsam an.
»Ja, bist Du denn nicht Hussein? M e i n Hussein?«
»Nein!«, erwiderte ich, ohne etwas hinzuzusetzen, denn das wäre hier eben vom Übel gewesen.
»Und Du hast Dich von mir küssen lassen? Du hast mich geküsst?«
Was nun kommen würde, hatte ich vorausgesehen. konnte noch rechtzeitig ihr rechtes Handgelenk packen, als sie aus ihrem Gürtel oder sonst wo her einen kleinen, aber sicher nichtsdestoweniger gefährlichen Dolch hervorriss, diesen hob und mich erstechen wollte — oder vielleicht genügte da ein Hautritz, um die Wunde tödlich werden zu lassen.
Die grellen Zornesblitze, die ihre Augen eben noch auf mich geschossen hatten, erloschen wieder. Die Waffe entfiel ihrer Hand.
Ich wollte mich nach ihr bücken und sie aufheben, nicht etwa, um sie selber zu verwahren, sondern um sie ihr zurückzugeben. Ich fürchte mich doch nicht vor einem Weibe, auch nicht vor einem, das mit vergifteten Waffen gegen mich losgeht.
Da aber fasste sie meine ausgestreckte Hand. Ein halblauter Angstschrei kam aus ihrem Munde.
»Lass! Rühre den Dolch nicht an! Er ist in Assawam getaucht!«
Ich hatte also richtig vermutet, doch wenngleich ich keine Ahnung hatte, was für ein Gift dieses Assawam sei. Angst hatte ich auch vor ihm nicht. Ich wollte die Waffe nicht liegen lassen.
Aber ich kam noch nicht dazu, sie aufzuheben.
Fatme zwang mich, mich aufzurichten.
Wieder funkelte es ganz gefährlich aus ihren Augen.
»Du bist wirklich nicht Hussein«, sagte sie, auch jetzt wieder nur halblaut sprechend. »Er hätte nie gewagt, mir in den Arm zu fallen, und noch weniger diesen Dolch aufheben wollen!«
Na, da musste dieser Hussein eben ein Schmachtlappen gewesen sein, ein Feigling, und nun wollte ich erst recht nicht mehr seine Rolle spielen.
»Es ist gut, wenn Du das jetzt erkennst, Fatme«, erwiderte ich gelassen.
»Ja, aber Du bist doch Hussein!«, fuhr sie fort, ohne auf meine Worte zu achten. »Du trägst seine Kleidung, Du gleichst ihm Zug für Zug. Deine Sprache ist die seine — und — — Du küsstest wie er!«
Eine rote Glut stieg in ihre Wangen, als sie diese letzten Worte sprach, die ja sehr offenherzig waren, mich aber freuten, weil ich daraus erkannte, dass sie wenigstens den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen.
Allerdings wusste ich nicht so recht, ob auch in Küssen ein solcher Unterschied kenntlich ist, ich hatte da noch viel zu wenig Erfahrung, so gut wie gar keine, und ich hatte sie eben so geküsst, wie ich küssen konnte.
Sie aber hatte etwas Besonderes herausgemerkt — was? das war ihr Geheimnis. Mich kümmerte es nicht im Geringsten.
»Und Du hast doch gesagt, dass Du mich liebst!«, fuhr sie noch leiser als bisher fort.
»Das ist mir nicht eingefallen, Fatme!«
»Nicht? Nun, es kommt nicht darauf an. Du hast mich geküsst, hast meine Küsse geduldet, hast mich an Dich gedrückt, und Du bist nicht Hussein, wie Du sagst. Dafür musst Du natürlich sterben!«
Nun, so ganz natürlich kam mir das ja nicht vor, aber ich hielt es für angebracht, zunächst nicht darauf einzugehen.
»Jedenfalls liegt die Schuld, dass Du mich für deinen entlaufenen Sklaven hieltest, nicht allein an Dir. Ich selber muss ja zugeben, dass ich Kleider trage, die mir nicht gehören. Ich kann mir das nicht erklären, noch viel weniger aber, wie ich zu den Fesseln und dem Sklavenhalsband gekommen bin, und am allerwenigsten, was mich auf diese Insel führte.
Ich nahm, als ich erwachte, an, ich hätte einen Schiffbruch erlitten, sei als einziger Überlebender an den Strand geworfen worden. Dann kamst Du, sahst die Spuren, die ich hinterlassen hatte, suchtest nach mir, fandest mich und gabst mir Befehle. Ich kam nicht dazu, Dir zu sagen, wer ich sei, dass Du Dich irrtest, und dann — Du selbst hast davon gesprochen, also darf auch ich es tun — Du hast mich zuerst geküsst, und wenn ich es dann tat, so wirst Du verstehen, dass jeder andere Mann an meiner Stelle das auch getan hätte, denn Du bist schön, Fatme, viel schöner als andere Frauen —«
Bisher hatten wir uns beide noch gegenübergestanden, ganz dicht, jetzt aber wich sie vor mir zurück, und plötzlich sank sie auf ein weiches Lager, das in dem Raume vorhanden war.
Nein, sie sank nicht darauf, sie brach zusammen, und dann vergrub sie das Gesicht in den Kissen, packte diese auch noch mit beiden Händen und zog sie über ihrem Haupte zusammen — ich sah, dass ein wildes Weinen ihren holden Leib erschütterte. Sie weinte, als sollte ihr das Herz im Leibe zerbrechen.
Ich eilte zu ihr, kniete neben ihr nieder, rührte sie aber nicht wieder an, suchte nicht, ihr Haupt aus den Kissen zu heben.
»Fatme!«, sagte ich so sanft, wie es mir nur möglich war. »Habe ich Dich gekränkt, so geschah es ganz gegen meinen Willen! Ich will Dir ja dienen, wie Du es verlangst, will Dir Deinen Hussein ersetzen, der ja Deiner Liebe gar nicht wert ist, weil er Dir immer wieder entfloh — erst jetzt wieder — ich weigere mich doch auch nicht, Dir zu schwören, ich wollte doch nur wissen, wer Deine Feinde sind —
Fatme, weine nicht mehr! Ich kann es nicht ertragen! Fatme —«
Plötzlich richtete sie sich auf, und ich kann nicht anders, ich muss bekennen, dass der Anblick ihres tränenüberströmten Gesichts mir in der tiefsten Seele wehtat. Ohne zu wissen, was ich tat, zog ich sie an mich, drückte ihr Köpfchen an meine breite Brust und streichelte ihr Haar, denn der Turban war von diesem herabgeglitten, und ich sah nun, dass sie wunderschönes, blauschwarzes Haar besaß, das mit Perlenschnüren durchflochten war.
Sie schluchzte noch, aber es wurde leiser und leiser, und endlich verstummte es ganz. Sie hatte sich beruhigt, nur ihre Brust wogte noch in krampfhaften Atemstößen.
Nachdem sie geraume Zeit regungslos an meiner Brust geruht hatte, hob sie wie zaghaft den Kopf, schaute mich mit den dunklen Augen, die noch von Tränen feucht schimmerten, fragend an, und dann flüsterte sie bittend:
»Küsse mich noch einmal, Hussein!«
Und ich küsste sie.
Ob es nicht der Kuss war, den sie erwartet hatte, das weiß ich nicht.
Sie stieß mich nicht von sich, aber sie löste sich aus meinen Armen, ohne mich dabei anzuschauen. Ich sah, dass sie erregter als zuvor atmete, dass auf ihren Wangen die Röte kam und ging, und dann —
»Wir wollen uns nebeneinander auf dieses Lager setzen«, sagte sie.
Das taten wir denn auch, ohne uns aber zu umschlingen, und nach einer neuen langen Pause hob sie an:
»Wer bist Du, wenn Du nicht Hussein bist?«
Diese Frage hatte natürlich kommen müssen, ich hatte sie erwartet, aber ich war noch nicht mit mir im Reinen, was ich antworten sollte. Ich konnte ihr doch nicht die Wahrheit sagen, und lügen — ja, das war eben nicht mein Fall.
Ich musste also Zeit gewinnen, um mir überlegen zu können, was ich sagen sollte, und da gab es nur eine einzige Möglichkeit.
»Wäre es nicht besser, Du sagtest mir erst, wer dieser Hussein ist?«
Wieder traf mich ein Blick des Zweifels. Sie war noch immer nicht überzeugt, dass ich sie nicht betrügen wollte.
Ich nahm ihr diesen Zweifel, indem ich sagte:
»Höre mich an, Fatme! Ich habe vorhin nicht schwören wollen, als Du es von mir verlangtest. Ich tat es nicht, weil der Eid mir sehr heilig ist, weil ich nie ohne Not schwöre.
Nun aber will ich Dir bei dem Gotte, zu dem ich bete, schwören, dass ich nicht der Hussein bin, den Du suchst. Genügt Dir das?«
»Du bist ein Christ?«, fragte sie.
»Ja, ich bin ein Christ.«
»Nun wohl, dann glaube ich Dir, dass Du wirklich nicht Hussein bist. Aber ich —«
»Bitte, lass jetzt alle Einwände!«, unterbrach ich sie. »Die Zeit ist doch sicher kostbar für Dich, Feinde bedrohen Dich. Teile mir also schnell mit, was ich über diesen Sklaven wissen muss. Dann werde ich Dir mitteilen, was Dir zu wissen nötig ist!«
»Hier sind wir sicher«, gab sie darauf zurück. »Meine Feinde hätten mir nur gefährlich werden können, wäre ich Ihnen oben in die Hände gefallen. Auch sind sie wahrscheinlich noch gar nicht auf der Insel.
Nein, ich kann mir Zeit lassen, und ich muss Dir doch alles erzählen.
Zunächst musst Du wissen, dass Hussein ein Christ war, gleich Dir.«
»War!«, wiederholte ich.
»Er ist es vielleicht noch, denn wir haben nie Wert darauf gelegt, dass er unseres Glaubens wurde —«
»Also Mohammedaner?«
»Woraus schließt Du das?«
»Du hast Allah angerufen.«
»So? Tat ich das? Dann geschah es aus Zerstreutheit. Nein, ich glaube nicht an Allah.«
»Das ist ja gleichgültig. Bitte, sprich weiter!«
»Hussein war ein Christ, gleich Dir«, begann sie wieder. »Er sagte, er sei ein Aleman.«
»Wie ich.«
»Du bist einer, ich sah es gleich, deswegen konnte ich Euch beide ja auch so leicht verwechseln, und alles andere stimmte doch auch, Du hast nicht nur das blonde Haar Husseins, sondern Du ähnelst ihm auch Zug für Zug, hast seine Gestalt, seine Sprache — und ich sagte es ja schon — Du küsstest mich auch genau so, wie er es tat.
Da Du nun auch seine Kleider trägst, an dem einen Fuße noch den Rest der Kette, an dem Halse das Messingband, musste ich da nicht annehmen, dass Du Hussein seiest?«
»Allerdings«, gab ich zu.
»Und Du gehorchtest mir, wie Hussein mir gehorchte. Mir war sogar, als hättest Du Angst vor mir!«
»Musste er diese haben?«, entschlüpfte ich dieser verfänglichen Frage.
Da musste sie, wohl gegen ihren Willen, lächeln, und ich merkte, dass ich einmal eine Dummheit gesagt hatte.
»Mich fürchten alle«, erklärte sie.
»Ihn aber liebtest Du, wie konnte er da vor Dir Angst haben?«
»Du hattest sie doch auch!«, behauptete sie.
Was sollte ich da sagen? Ich habe ja schon zugegeben, dass mich eine seltsame Beklemmung befallen hatte, als ich sie sah, dass diese Angst auch nachher geblieben war.
Aber es war keine Angst vor einer Strafe gewesen oder wenigstens nicht direkt, eben nur jene Besorgnis, ich könnte etwas nicht recht machen, mir dadurch ihren Unwillen zuziehen.
»Lass uns zu Ende kommen!«, bat ich, um dieser unliebsamen Fragerei zu entgehen. »Erzähle mir, wie Hussein zu Dir kam, und alles andere.«
Wieder schaute sie mich an, schüttelte plötzlich den Kopf und erwiderte:
»Ich will Dir erst sagen, wie er den Verstand verlor. Er verteidigte mich unter Einsetzung seines Lebens, wurde auf den Tod verwundet und genas erst nach langer Zeit. Dann aber war er manchmal nicht mehr bei sich, redete Unsinn und tat Törichtes.«
»Du aber vergabst ihm alles, eben, weil er für Dich gelitten hatte?«
»Das hätte ich tun m ü s s e n . Geisteskranke sind doch heilig und unverletzlich«, erklärte sie nun wieder. »Nein, ich tat es, weil er mich die Liebe gelehrt hatte.«
Aha! Dieser Hussein stieg in gewissem Sinne in meiner Achtung. Er war sicher ein schlauer Patron gewesen. Aber so kamen wir nicht weiter. Wir verloren uns immer in Nebensachen.
»Erzähle alles zusammenhängend!«
»Ich wollte es eben tun, da kam mir diese Erinnerung. Und jetzt kann ich mich gleich überzeugen, ob Du wirklich Hussein bist oder nicht —«
Himmel noch einmal! Jetzt glaubte die mir noch immer nicht, trotz meines Schwures! Das war doch ein starkes Stück!
Ich wollte auffahren, ich bekam den Trödel nun satt. Da aber spürte ich, wie sie eine Hand auf die Brust unter mein Gewand schob; ich hatte nichts sonst auf dem Leibe, also auch kein Hemd, das hatte ich schon gemerkt —
Jedenfalls berührten ihre Finger meine Haut, strichen darüber hin —
Ich wusste sofort, was sie suchte.
Hussein hatte dort die Narben der Wunden gehabt, die er im Kampfe für seine Herrin und Geliebte empfangen hatte.
Na, da suchte sie ja bei mir vergeblich. Ich hätte ganz gern, falls sie es verlangte, meine Brust entblößt und ihr bewiesen, dass sie keine Narbe aufwies —
Schon aber hörte ich einen schrillen Schrei aus ihrem Munde, sah, dass ihre Augen sich weiteten. »Lügner!«, schrie sie dann. »Du bist Hussein! Du hast einen falschen Eid geschworen!«
Ich mag ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, als ich das hörte. Ehe ich jedoch etwas sagen konnte, rief sie schon wieder, indem sie mir das Gewand über der Brust aufriss:
»Da! Sind das vielleicht keine Narben? Oder ähnelst Du auch darin dem andern? Ah, ich wusste doch, dass Du es bist! Und Du hast gewagt, mich zu belügen! Wehe Dir! Jetzt musst Du wirklich sterben!«
Ganz verwirrt schaute ich selbst auf meine Brust, auf der ich nicht nur eine Narbe, sondern viele Narben erblickte, zum Teil von furchtbaren Hieben herrührend —
Ja, was sollte ich denn da sagen, was denken?
Wenn man einem Menschen sagt, er sei ein ganz anderer, als er ist, wenn man ihm das unter allen Umständen einzureden sucht, dann wird er doch glauben, der andere sei nicht ganz richtig.
Wenn ihm aber klipp und klar bewiesen wird, dass er wirklich ein anderer ist, den er überhaupt noch nie gesehen, nie gekannt hat, ja, was denn dann? Wer ist dann verrückt?
Ich griff mir an die Schläfen. Ich wusste wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf stand.
Ganz genau wusste ich, dass ich Karl Willmer war, und jetzt wurde mir ebenso genau bewiesen, dass ich Hussein war, der Sklave dieses Weibes.
Nun, lange Zeit, mir dies alles zu überlegen und zu einer Erklärung zu kommen, blieb mir nicht.
Fatme war aufgesprungen, während ich noch saß.
»Zu meinen Füßen!«, herrschte sie mich an.
Nun, da konnte sie lange befehlen. Ich dachte doch nicht daran, zu gehorchen, und wenn sie jetzt gar zu üppig wurde, wenn sie mich etwa gar schlagen wollte, dann hörten für mich eben die Rücksichten auf, die ich auf ihr Geschlecht nahm, dann wehrte ich mich.
Ich blieb also ruhig sitzen, verschmähte auch jedes Wort. Überzeugen konnte ich sie doch nicht, meinem Schwur glaubte sie nicht —
»Hörst Du nicht? Zu meinen Füßen!«, wiederholte sie, jetzt schon drohend, und ihre Augen blitzten.
Ich blieb sitzen.
Da stampfte sie mit dem einen Fuße den Boden.
»Du verweigerst den Gehorsam? Hast Du vergessen, wie ich Dich dazu erzog? Soll ich Dich —«
Da stand ich auf, hübsch langsam, richtete mich vor ihr zu meiner ganzen Größe empor, schaute sie von oben her etwas verächtlich an.
»Weißt Du, Fatme, eine Weile habe ich den Kram mitgemacht, weil ich wissen wollte, mit wem Du mich eigentlich verwechseltest, aber nun habe ich es satt. Ich wiederhole Dir, dass ich nicht Dein Sklave Hussein bin, und ich rate Dir, rede nicht noch einmal davon, dass Du mich schlagen willst. Ein Deutscher lässt sich nicht von einem Weibe züchtigen.
So! Und wenn ich Dir nun noch irgendwie helfen kann, dann sage es, sonst gehe ich meiner Wege, und ich kann Dir nur raten, mich nicht zurückzuhalten oder zu verfolgen.«
Einen Moment guckte sie mich an, als sei ich wirklich wahnsinnig. Dann stieß sie einen eigenartigen Laut aus, und ehe ich wusste, was das sollte, spürte ich auf einmal, dass jemand hinter mir stand.
Nun, ich guckte mich nicht erst um. Mochte sie doch einen Sklaven oder eine Sklavin gerufen haben, sie hatte es eben nicht mit ihrem feigen Hussein zu tun —
Da hörte ich sie befehlen:
»Packt diesen Hund! Er ist ein Verräter!«
Und schon spürte ich an jedem meiner Handgelenke zwei Fäuste, und zwar von starken Männern.
Das war mir nur lieb, denn mit Weibern hätte ich mich wirklich nicht gern herumgebalgt.
Ich wendete einen Kniff an, den ich schon lange kannte, seinerzeit durch sorgsame Übung bis zur Vollendung eingeübt hatte —
Mit dem rechten Fuß stieß ich ganz unvermutet nach hinten, in der Richtung, wo mein einer Gegner stehen musste.
Ein Schmerzensschrei erscholl. Meine rechte Hand war frei, und nun brauchte ich nicht erst noch mit dem anderen Beine auszuschlagen — jetzt wendete ich mich doch meinem Angreifer zu.
Es war ein Äthiopier, also kein Neger, obwohl er so schwarz war wie ein solcher — jedenfalls ein gar ungeschlachter Geselle.
Noch starrte er mich verwundert an, da hatte meine Faust ihn schon an die eine Schläfe getroffen.
Noch starrte er mich verwundert an, da hatte
meine Faust ihn schon an die Schläfe getroffen.
Der Kerl stürzte krachend nieder und regte sich nicht mehr.
Fatme aber stand da und rührte sich nicht.
Aus ihren Augen funkelte auch nicht mehr der wilde Zorn von vorher, nein, ich las in ihnen vielmehr ungeteilte Bewunderung, und fast jubelnd rief sie.
»Hussein! Ja, Du bist Hussein! Nur er vermochte das!
Ach, Hussein, warum nur verstellst Du Dich immer wieder so?«
Also auch jetzt war sie nicht nur nicht bekehrt von ihrem Irrtum, sondern erst recht überzeugt, dass ich dieser Sklave sei.
»Nun?«, fragte ich etwas höhnisch. »Willst Du mich noch schlagen und gefangensetzen lassen? Versuch's doch! Mit einem halben Dutzend von diesen Kerlen nehme ich es auf —«
»Das weiß ich, das weiß ich doch! Ich habe es ja oft genug gesehen! Nein, nein, Hussein, ich will Dich nicht gefangensetzen lassen, Du bist doch der einzige, der mich schützen kann!
Und ich will Dich auch nicht weiter kränken. Vergiss alles, was ich gesprochen habe, wie ich vergessen will, dass Du mich belogen hast. Du kannst ja nicht dafür! Meinetwegen ist Dein Verstand getrübt —
Komm, komm! Wir wollen weiter! Und Du sollst mich schützen, wenn sie nahen!«
Ehe ich noch wusste, was mir geschah, hatte sie meine linke Hand gepackt, und, ohne sich um die beiden Sklaven zu kümmern, zog sie mich durch eine Tür in der einen Wand und durch einen Gang dahin, dessen Decke und Wände mit Seidenstoffen bespannt waren. Von Zeit zu Zeit hing von oben herab eine brennende Ampel, und dann kam eine Tür, anscheinend aus Bronze, denn sie leuchtete rotgolden.
Meine Führerin griff zwischen die vielen Schnörkel und Verzierungen, die auf dem Metall angebracht oder aus ihm herausgearbeitet waren. Die Tür tat sich auf, eine Treppe wurde sichtbar, mit dicken Läufern bedeckt,
Wir eilten sie empor, kamen an eine andere Tür. Fatme drückte die Klinke nieder, und — wir standen in einem weiten Saal.
Der erste Eindruck, den ich hatte, war, dass er ganz mit Menschen angefüllt war.
Nur von der Tür, durch welche wir kamen, führte ein freier Gang nach der Mitte, und in dieser erhob sich auf einem Stufenaufbau eine Art Thronsessel, der von Edelsteinen flimmerte und funkelte.
Auf diesen eilte Fatme zu, mich immer noch an der Hand haltend, rannte die mit kostbaren Teppichen bedeckten Stufen empor und setzte sich auf den Thron.
Ich aber stand neben ihr und schaute mich nun um.
Jawohl, ich hatte mich nicht geirrt.
Der Saal war mit Menschen gefüllt, die in vielfachen Reihen an den Wänden ringsum standen, und ich sah auch gleich, dass es Männer und Weiber waren. Und kaum hatte ich sie gemustert, da war mir von Neuem, als hätte ich einen heimtückischen Schlag auf den Kopf erhalten, denn diese Leute kannte ich doch allesamt schon.
Es waren die Tausendfüßler, mit denen Loke Klingsor einen furchtbaren Kampf bestanden hatte!
Da — der weißbärtige Mann, offenbar ein Priester, der jetzt vortrat, war dabei gewesen, als der Zwerg mich zum Tanzen hatte zwingen wollen —
Himmel, was bedeutete denn das?
Hatte Loke Klingsor doch verloren?
Hatten diese Verschwörer ihn beseitigt und alle seine Anhänger in ihre Gewalt gebracht?
Na, dann sollte ihnen das schlecht bekommen! Rächen wollte ich ihn — unter allen Umständen! Und wenn ich selbst dabei zugrunde ginge, was mehr als wahrscheinlich war, dieser Masse gegenüber!
Für den Augenblick konnte ich natürlich gar nichts tun, als abwarten.
Ich stand also da und guckte mir die Gesellschaft an.
Die Kerls gefielen mir recht gut; denn sie waren sämtlich sehr groß gewachsen und auch stattlich gebaut. Die Gesichter, die meist von Bärten umrahmt waren, mindestens aber einen Schnurrbart aufwiesen — alle schwarz — waren männlichmutig und entschlossen. Man sah ihnen an, dass sie tapfer waren.
Die Frauen waren in ihrer Art das passende Gegenstück zu ihnen, schlank und doch von allen Formen, wie die leichten Gewänder verrieten.
Das alles sah ich in den wenigen Minuten, die es dauerte, bis der Oberpriester sich dem Throne näherte, sich immer wieder tief verneigend, bis er endlich vor der untersten Stufe sich der Länge nach zu Boden warf und liegen blieb.
Da wurde es Zeit, dass ich mich wieder einmal nach Fatme umguckte, der man hier also mit allen Ehren begegnete, die man einer Fürstin erweisen muss.
Sie saß wirklich wie eine solche da, stolz und auch etwas finster.
Und ich — ich musste mich neben ihr ausnehmen wie ein zerlumpter Hanswurst.
Aber ich schämte mich nicht etwa.
In mir war in diesem Augenblick neben dem Verlangen, zu erfahren, was sich hier abspielen würde, nur noch Zorn über dieses Gesindel, und ich nahm als bestimmt an, dass diese Kerls auch mich gefangen hatten.
Jetzt musste sich das Rätsel lösen, das mich umgab, durch das ich aus dem Tiefbauingenieur Karl Willmer der Sklave Hussein geworden war und zugleich der Heimlichgeliebte der schönen Fürstin.
»Was willst Du, Ormuzd?«, fragte Fatme.
Ich stutzte, denn ich erinnerte mich dieses Namens. Der Oberpriester hob das Haupt und richtete sich halb auf.
»Die Feinde sind im Anzug. Die ganze Nacht gaben sie Signale«, sagte er, ohne einen Titel hinzuzufügen.
Die hatten also dasselbe beobachtet wie ich auch.
»Und diese Signale besagten?«, fragte Fatme.
»Dass sie von zwei Seiten nahen. Sie haben sich noch nicht vereinigt, die Entfernung war zu groß, aber in der kommenden Nacht werden sie sich finden«, lautete die Antwort.
»Muzaffer!«, rief da Fatme.
Einer der Krieger trat vor, sich wohl verneigend, aber nicht in so hündischer Demut wie der Priester.
Es war ein stolzer Mann mit finsterem Gesichte. Die breite Brust, die starken Arme verrieten, dass er ein beachtenswerter Gegner für seine Feinde sein musste. Sicher verstand er, das mächtige Schwert, das ihm an der Seite hing, trefflich zu führen.
»Was hast Du zu melden, Muzaffer?«, fragte Fatme.
»Nichts, als dass wir bereit sind!«
»Das genügt mir! Und Du bist des Sieges gewiss?«
»Ich bin es.«
»Wer führt die Feinde? Habt Ihr es aus den Signalen erraten?«
»Er selbst!«
Ich gewahrte, wie Fatme zusammenzuckte.
»Er selbst?«, wiederholte sie. »Was heißt das?«
» D a s s L ok e K li n g s o r d e n O b e r b e f e h l ü b e r u n s e r e F e i n d e f ü h r t . «
Da konnte Fatme doch nicht mehr an sich halten. Sie sprang auf. Zornflammend stand sie da.
»Loke Klingsor selbst?«, stieß sie hervor. »Das lügst Du! Chaireddin!«
Ein anderer Krieger trat vor, ebenso stolz wie der erste, auch er offenbar ein ganzer Held.
»Behauptest auch Du, dass Loke Klingsor unsere Feinde führt?«
»Es ist die Wahrheit!«, lautete die Antwort, die mit fester Stimme gegeben wurde.
Da sank Fatme auf ihren Thronsessel zurück.
Aber rasch sprang sie wieder auf, eilte die Stufen herab und bot dem, den sie Muzaffer genannt und einen Lügner gescholten hatte, die Hand.
»Verzeih mir!«, bat sie. Und schweigend legte der Krieger seine rechte Hand in die ihre. Die Sache war für ihn abgetan, und tatsächlich konnte er ja keine größere Genugtuung verlangen, als dass sie ihm die Beleidigung angesichts der ganzen Versammlung abbat.
Fatme kehrte auf ihren Platz zurück, setzte sich wieder, stützte den einen Arm auf die Lehne, das Haupt in die Hand und starrte vor sich nieder, bis sie nach einer ganzen Weile erst den Kopf wieder hob.
»Das hatte ich nicht zu hören erwartet. Die letzten Nachrichten meldeten übereinstimmend, dass Loke Klingsor noch von der Königin Chlorinde bedroht ward, dass sie alle Aussicht hatte, ihn zu besiegen. So ist ihr Plan also doch missglückt.
Oder wisst Ihr etwas anderes zu melden?«
»Die Königin befindet sich im Lager Lokes«, erwiderte da Chaireddin.
Fassungslos starrte Fatme ihn an.
»Als Gefangene?«, schrie sie auf. »Loke hat sie besiegt?«
»Wir wissen nichts weiter«, versetzte jetzt Muzaffer.
Ich aber musste in mich hineinlachen. Ich hätte doch genaue Auskunft geben können, ich war Zeuge der Vorgänge gewesen; ich hütete mich natürlich, auch nur eine Silbe davon zu verraten.
Jetzt war mir klar, dass diese Verschwörer die Zeit benutzt hatten, um sich abermals gegen Loke aufzulehnen. Sie hatten aus der Bedrängnis Nutzen gezogen, in welche er durch den Überfall vonseiten Chlorindes gebracht worden war —
Viel, viel wichtiger aber war für mich die Gewissheit, dass Loke Klingsor noch lebte!
Fatme hatte sich beruhigt.
»Mag es sein! Ich fürchte ihn nicht, und ich werde ihn doch noch unschädlich machen.
Ich habe Euch, meine treuen Krieger! Ich habe Euch, Ihr mutigen Frauen! Und die Suarins sind unsere Freunde und Bundesgenossen! Noch ahnt Loke nichts von diesem Bündnis. Er wird staunen, wenn —
Genug davon! Ich danke Euch, Muzaffer und Chaireddin! Zur rechten Zeit habt Ihr mich warnen lassen.
Jetzt aber will ich Euch etwas Freudiges mitteilen.«
Sie fasste meine linke Hand.
»Hier steht Hussein! Ihr wisst, dass er mir schon einmal das Leben rettete, sein eignes dafür einsetzend, dass wir ihn mit Mühe wieder gesund pflegten, dass aber sein Verstand infolge der Verletzungen getrübt ward.
Nun hat er ihn ganz zurückerlangt, und ihr, meine Treuen, ihr habt mich seit Langem mit Bitten bestürmt, mich zu vermählen. Ich habe mich stets geweigert, denn ich darf meine Hand nur dem Würdigsten von Euch reichen, dem Tapfersten und Treuesten.
Ihr alle seid tapfer und treu, doch keiner ist so tapfer, so treu wie dieser Hussein, und deshalb soll er mein Gatte werden, soll mit mir Euer Herr sein.
Ha, und zum Hohne gegen Loke Klingsor, zum Trotze gegen ihn wollen wir noch heute unsere Vermählung feiern.
Hört es, Assawani, Eure Fürstin wählt Hussein zu ihrem Gemahl, und ladet Euch für heute zu dem großen Feste ihrer Vermählung.
Ormuzd, lass den Tempel rüsten!
Ihr, Frauen und Jungfrauen, schmückt Euch! Ihr Krieger legt Eure besten Rüstungen an!
Eine Nacht haben wir noch Zeit! In dieser einen Nacht will ich ganz Weib sein, dann aber will ich mich mit meinem Gatten an Eure Spitze stellen und mit Euch gegen Loke Klingsor und die Skalden kämpfen — ich werde ihn besiegen! Gefangen soll er vor Euch stehen! Oder Ihr seht uns beide nie wieder!«
Ein unbeschreiblicher Jubel brach nach diesen Worten ringsum los. Die Krieger rissen die blitzenden Schwerter aus der Scheide und schwangen sie in der Luft, die Frauen und Mädchen hoben die Arme und klatschten in die Hände.
Ich aber sah inmitten diesen Jubels nur das Gesicht Muzaffers und fing den furchtbaren Blick auf, den er mir zuwarf.
Da wusste ich genug!
Er hatte sich Hoffnung darauf gemacht, von Fatme als Gatte gewählt zu werden, und nun schwor er mir Rache!
Und dieser finstere Mann würde den Schwur, den er sich jetzt leistete, unverbrüchlich halten.
Im Übrigen ließ das, was ich soeben gehört hatte, mich vollkommen kalt.
Jetzt wusste ich ja, was ich wissen musste: dass Loke Klingsor mich rechtzeitig befreien würde.
Na, und heiraten hatte ich ja schon einmal sollen, es sogar gewollt —
Probeweise konnte ich die Geschichte hier einmal mitmachen.
Bloß eins störte mich!
Der mächtige Hunger, der sich bei mir einstellte!
So ein langer und starker Kerl, wie ich, braucht schon was, damit sein Korpus in Ordnung bleibt. Das Wenige, was ich von meiner künftigen Frau bekommen hatte, war nicht genug gewesen, hatte nicht lange vorgehalten, jetzt musste wieder aufgeschüttet werden, damit die Mühle im Gange blieb.
Wenn ich aber etwa jetzt gleich heiraten sollte, da streikte ich. Das nahm ich mir fest vor. Erst mussten sie mich füttern!
Nun, zur Trauung ging es noch nicht gleich.
Die Tore des Tempels — es waren mehrere vorhanden, die gleichzeitig geöffnet wurden, um allen den Austritt zu gestatten — führten zu einer mächtigen Terrasse und zu einer ebenso mächtigen Treppe von vielen hundert sehr breiten Stufen, sodass man von der Höhe wie in ein Tal schaute.
In diesem aber standen würfelförmige Häuser von ganz eigenartiger Beschaffenheit, ob aus Stein oder nur aus Lehm erbaut, konnte ich noch nicht sagen.
Jedenfalls waren da immer mehrere Würfel aufeinandergestellt, der unterste natürlich der größte, der nachfolgende immer nur so groß, dass um ihn her — also auf dem Dache des vorhergehenden — ein breiter Gang ringsum blieb, bis endlich der oberste den Beschluss machte.
Ich sah Häuser, die aus nur zwei Würfeln bestanden, aber auch welche bei denen sechs, sieben, acht und mehr übereinander getürmt waren.
Fensteröffnungen gewahrte ich nicht, nur Türen, durch welche demnach allein das Licht in das Innere dringen konnte, und ich gewahrte auch, wie man von unten zu den oberen Würfeln gelangen konnte.
Leitern waren angelegt, immer nur gerade hoch genug, um bis zur nächsten Terrasse zu reichen, und mir war klar, dass infolge dieser Bauart eigentlich jedes dieser Häuser eine kleine Festung bildete.
Warum diese Bauweise hier innegehalten worden war, sah ich ebenfalls auf den ersten Blick, denn das Tal, in welchem die Stadt sich erhob, war nur eng, musste jedoch offenbar einer großen Menschenmasse Raum gewähren, und da war diese Bauweise die praktischste.
Wenn ich nun weiter in Betracht zog, was ich schon wusste: dass nämlich der Umkreis dieser Stadt noch durch jenen mit Gavials ausgefüllten Graben abgesperrt war, dann war klar, dass die Gebieterin dieses Volkes mancherlei Gründe haben musste, es in engen Schranken zu halten.
Der Tempel, aus dem wir herausgekommen waren, war aus Steinblöcken ausgeführt, eine Art Pyramide, deren einziger Schmuck Türme waren, die sich an den Ecken erhoben. Sie waren achteckig, wiesen unten nur eine Tür und über dieser im Mauerwerk enge Spalten auf, sicher Schießscharten. Oben hatten sie eine hohe Brüstung aus Zinnen und waren mit Wächtern besetzt.
Man musste also von ihnen aus einen Überblick über die Gegend haben, desgleichen von der Höhe der Pyramide.
Vorläufig kümmerte mich das eben nur so weit, dass ich mir vornahm, im Notfalle diese Pyramide zu erklimmen und von dort oben aus dem heranrückendem Loke Signale zu geben.
Vorläufig indessen hatte ich auf dem Boden genug zu tun und hörte auch noch genug, was mir zu denken gab.
Fatme zog mich bis dicht an die oberste Stufe der hohen Treppe.
Neben uns standen rechts der Oberpriester, links die beiden Krieger, wohl die Anführer der anderen.
Ersterer teilte diesen Proletariern die bevorstehende Vermählung mit, alle reckten die Arme in die Höhe, aber kein einziger wagte, die Treppe zu betreten, auch nur die unterste Stufe —
Und ich sah nun wirklich, dass diese Leute unten das gemeine Volk bildeten, denn sie waren durchaus nicht gut gekleidet, die hemdartigen Gewänder, die beide Geschlechter trugen, waren offenbar nicht nur schmutzig, sondern auch vielfach zerfetzt — ich sah die Haut an diesen Stellen durchschimmern.
Diese Leute machten mir den Eindruck, als hätten sie Not gelitten, litten sie noch, als sähen sie recht verhungert aus.
Die Großen aber spürten noch keine Not, das sah ich ihnen an.
Es war eben auch hier die alte Geschichte, dass die Untertanen büßen müssen, wenn ihre Fürsten kriegerische Gelüste haben.
Nachdem der erste Jubel über die Freudenbotschaft sich etwas gelegt hatte, ergriff der finstere Feldherr, Muzzaffer, das Wort, und was er sagte, das schien erst recht den Beifall des Volkes zu haben, denn es jubelte noch viel lauter als zuvor, und immer näher brandeten die Massen an die Treppe heran, als wollten sie diese nun doch heraufstürmen.
Das war vorausgesehen worden.
Plötzlich tauchten aus verborgenen Toren gewappnete Krieger auf und besetzten die unterste Stufe.
Dann winkte Fatme selbst. Ruhe trat wieder ein, sie deutete an den Himmel, beschrieb einen Viertelkreis an ihm, bis ihr Arm senkrecht nach oben deutete.
Um Mitternacht sollte also das Fest stattfinden.
Jedenfalls kehrten wir nun in den Tempel zurück.
Fatme bestieg den Thron nicht wieder, sondern blieb vor den Stufen stehen, und nun zogen erst die Frauen und Mädchen, dann die Krieger an ihr vorbei, sich alle vor ihr neigend, um dann durch Tore zu verschwinden.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich allein mit Fatme war, und nun spürte ich erst recht meinen mächtigen Hunger und nahm keinen Anstand, das meiner Braut zu sagen.
Sie lächelte freundlich, was ich gar nicht erwartet hatte.
»Jaja, ich hätte es mir denken können, denn Du bist ja immer ein starker Esser gewesen, mein lieber Hussein, und deshalb freue ich mich, dass ich Dir noch alles geben kann, was Du begehrst. Glücklicherweise ahnt das Volk ja nicht, dass wir genügend Vorräte für uns aufgespeichert haben. Es ist ganz gut, wenn es hungert, denn umso größer wird dann seine Wut den Feinden gegenüber, umso verwegener werden die Männer fechten, und außerdem sollen ja alle heute Nacht genügend zu essen bekommen.
Ich denke, es kann nichts schaden, wenn wir etwas von unseren Vorräten opfern, denn morgen steht uns doch die Schlacht bevor, und ich bin gewiss, dass wir siegen werden. Dann haben wir zu essen in Hülle und Fülle.
Verlieren wir aber, nun — dann bedürfen wir weder der Speise noch des Tranks mehr, dann sterben wir —
Und nicht wahr, Hussein, Du wirst Deine Fatme auch im Tode nicht verlassen?«
Das war nun wieder so eine Frage, die ich nicht beantworten konnte und wollte, und ich wich dem aus, indem ich einen Ohnmachtsanfall erheuchelte, tat, als würde mir vor Hunger schwarz vor den Augen.
Fatme hielt mich mit ihren Armen, und zwischen den gesenkten Lidern hervor sah ich recht wohl, wie sie erschrak.
Jedenfalls hatte meine List den Erfolg, dass sie alles andere vergaß, nicht mehr mit verfänglichen Fragen in mich drang.
»Armer Hussein!«, rief sie. »Komm nur rasch, dass ich Dich in Deine Gemächer führe! Ich werde Dir alles auftragen lassen, was Du seit Langem entbehrt hast.
Aber nicht wahr, dann lässt Du Dich auch so schmücken, wie es sich für diese Feier ziemt?«
Ich murmelte ein Ja, dachte aber nur, dass ich also richtig vermutet hatte.
Wir benutzten keinen der Ausgänge, den die anderen genommen hatten, vielmehr bestiegen wir den Aufbau, auf dem der Thron stand, und Fatme verstand es, diesen durch einen Druck von seinem Platze zu entfernen.
Eine Öffnung im Boden wurde sichtbar, in welche eine enge Treppe führte, und nachdem wir ein Stück hinabgestiegen waren, rückte der Thron wieder an seinen Platz; es ward erst finster, aber bald wieder hell.
Auch hier wieder endete die Treppe an einer Tür, hinter ihr tat sich ein breiter Gang auf, von dem andere abführten, und dann auch noch viele Türen — oder besser gesagt — Türöffnungen, denn sie waren nur durch allerdings schwere Teppiche verhängt.
Vor einem dieser Eingänge blieb Fatme stehen.
»Hier sind wir am Ziele«, sagte sie. »Ich werde sogleich für Dich sorgen.«
Aber sie ging nicht, und ich wusste natürlich, was sie noch wollte.
Nun, ich musste eben meine Rolle als zärtlicher Bräutigam spielen, es half nichts, sonst erfuhr ich nicht, was ich wissen wollte, und so knutschte ich sie eben ein bisschen ab, küsste sie auch —
Sie war ganz außer sich, jubelte und lachte und rief mehrmals:
»Jetzt bist Du wieder mein Hussein! So hast Du mich das erste Mal geküsst! Weißt Du noch?«
Ich hatte keine Ahnung, aber das schadete nichts. Sie war nicht mehr misstrauisch, und das war für mich die Hauptsache.
Endlich, als sie mich wieder umschlingen wollte, hob ich den Teppich.
Da ließ sie sofort von mir ab.
»Jaja, Du hast Hunger, Hussein! Geh nur! Aber wenn Du satt bist, so weißt Du ja den Weg zu Deiner Fatme —«
Noch ein verheißungsvoller Blick aus ihren großen, schönen Augen — dann huschte sie davon.
Ich aber trat in meine Gemächer!
Ich staunte ja nicht schlecht.
Wenn alle Sklaven hier so fürstlich untergebracht waren, wie mussten da erst die vornehmen Herren hausen!
Weiter will ich nichts berichten, nur sagen, dass mir eine ganze Flucht prächtig ausgestatteter Räume zur Verfügung stand und dass einer der ersten ein großer Baderaum war, mit einem Becken, in dem ich wenigstens einige Schwimmstöße machen konnte.
Ich war eben im Begriff, mir die paar Lumpen, die ich trug, vom Körper zu reißen und ins Wasser zu springen, denn nach einem Bade sehnte ich mich trotz meines wirklich mächtigen Hungers, da rauschte es hinter mir wie von leichten Gewändern, und rasch zog ich meinen Kittel wieder zu den Schultern empor.
Was wollten jetzt diese Weiber bei mir?
Zu essen brachten sie noch nichts, wie ich doch gleich an den leeren Händen sah.
Nun, ich will es kurz machen.
Es waren die Bademägde, die mich bedienen sollten.
Diese Sitte hat es früher überall gegeben — zur Ritterzeit — da wurde der in eine Burg kommende geehrte Gast zuerst ins Bad geführt und immer von Mägden dabei bedient, ja, manchmal, wenn er ein besonders hoher Herr war, sogar von der Frau und den Töchtern des Burgherrn. Auch in den städtischen Badestuben gab es nur weibliche Bedienung.
Ich jagte die Fräuleins sehr schnell zum Teufel, und sie gehorchten rascher, als ich erwartet hatte. Sie mochten von dem echten Hussein schon auf ähnliche Weise angefahren worden sein. Ich durfte mich nun ruhig entkleiden und ins Wasser springen und darin nach Herzenslust planschen. Nachdem ich genug hatte, wollte ich auch die alten Lumpen nicht wieder anziehen, schaute mich um, fand aber nichts weiter, worein ich mich hüllen konnte, als eine der Seidendecken von einer der überall angebrachten Lagerstätten.
Nun, mir war das egal, und da mein Hunger ganz unerträglich wurde, klatschte ich in die Hände, wie sich das für einen solchen Pascha ziemte.
Richtig! Sie kamen!
Und eine, die wohl die Führerin der anderen war, verbeugte sich tief vor mir und fragte nach meinen Wünschen.
»Zu essen!«, herrschte ich sie an.
Da verschwanden alle bis auf die Fragerin, die auf den nächsten Vorhang deutete, den sie auch emporhob.
Da sah ich erst, dass das eine Art Kleiderkammer war, und so machte ich kurzen Prozess, ließ den Teppich fallen, suchte mir einen Anzug aus.
Nach kurzer Zeit hatte ich mich in einen vornehmen türkischen Herrn verwandelt, hatte auch solche Schnabelpantöffelchen an den Füßen.
Die Magd führte mich in einen anderen Raum, in welchem wenigstens einige niedrige Tische standen. Ich setzte mich vor dem einen auf ein Lager, mit untergeschlagenen Beinen, denn sonst hätte ich doch nicht von der Käsehitsche essen können, und wartete.
Ja, da kamen sie schon und schleppten auf silbernen Platten und in silbernen Schüsseln herein, was mein Herz erfreute.
Ein Tisch reichte natürlich nicht zu, alle wurden vollgestellt, aber als dann die erste Sklavin mich bedienen wollte, schnauzte ich sie wieder an und winkte, dass sie sich mitsamt den anderen verduften möge.
Sie gehorchten. Ich war allein.
Und ich schlug mir den Magen voll!
Was ich aß, war vollkommen Nebensache, es war eben genug für mich, und dass nichts übrig blieb, war nicht meine Schuld. Warum hatte meine »Braut« mich durch eine Hungerkur mürbe machen wollen! Da war's ihr schon recht, wenn ich alles zusammenfr... —
Die Mädchen hatten neben den Tischen auch silberne Krüge niedergestellt, und ich vermutete mit Recht, dass sie was zu trinken enthielten.
Es war Wein, und zwar offenbar guter Rheinwein.
Nun fehlte bloß noch die Pfeife. Rauchen musste ich erst, ein paar Züge wenigstens, dann aber wollte ich mal richtig schlafen, schon deswegen, weil ich doch voraussichtlich gezwungen sein würde, mir die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen.
Ich klatschte also wieder, die erste Sklavin erschien. Ich gab ihr die nötigen Befehle, und alsbald brachten die andern eine wunderschöne Wasserpfeife, füllten den Kopf, eine legte eine glühende Holzkohle darauf, bis er brannte, eine andere tat die ersten Züge und bot mir dann kniend das Mundstück, und ich schickte sie alle wieder fort, der Führerin noch die Weisung gebend, mich ja nicht zu stören, bevor es nicht höchste Zeit sei, suchte mir ein recht hübsches Lager, das auch lang genug für mich Schlagtot war, und dann rauchte ich, bis mir der Schlauch aus den Händen glitt und ich einschlief.
Als ich erwachte, geschah es, weil ich durch eine eigenartige Empfindung geweckt wurde.
Mir war gerade so, als krabbelte mir etwas auf der Brust herum.
Ich griff danach, ohne die Augen zu öffnen.
Ich packte auch etwas — und als ich nunmehr die Augen öffnete, sah ich, dass ich eine Metallkapsel hielt, in der es seltsam tickte.
Himmel — — Loke Klingsor!
Jawohl, es war so!
Das war eine jener geheimnisvollen Uhren oder vielmehr Telegrafenkapseln, die ich schon kannte, und während ich sie noch so hielt, vernahm ich auch schon den Anruf, der mir galt, immer wieder dieselben Morsezeichen:
»— . — . — —« und wieder »— . — . — —«!
Also ein »K« und ein »W«! Die Anfangsbuchstaben meines Namens.
Dann kam wieder der Ruf: »— — . . — —«!!
Das hatten wir als Zeichen für »Achtung!«, verabredet.
Ich wusste Bescheid.
Loke Klingsor hatte mir diese Kapsel irgendwie zugeschmuggelt, er hatte vielleicht jemand hier bestochen oder eins war ihm treu geblieben —
Ich fragte nicht danach.
Da war der kleine Knopf, auf den ich drücken musste.
Ich antwortete, und dann führte ich mit Loke Klingsor eine Unterhaltung, die sehr rasch vonstatten ging.
Schade, dass man nicht telegrafisch lachen kann! Loke Klingsor hätte es sonst sicher getan.
»Na, wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle, Herr Willmer?«, war seine erste Frage.
»Ganz ausgezeichnet!«, erwiderte ich.
»Und Sie wissen auch schon, warum diese Verwandlung vor sich gegangen ist?«
»Nu, allemal!«, log ich weiter.
Aber damit gab er sich nicht zufrieden.
»Ich bitte um eine klare Antwort!«, verlangte er.
Was sollte ich denn da sagen?
»Sie wollen mich im feindlichen Lager haben«, antwortete ich.
»Keineswegs! Sie haben also den Zweck noch nicht erfasst.«
»Und der wäre?«
»Eine Prüfung, die ich Ihnen auferlegte.«
»Nanu? Warum denn das? Kennen Sie mich vielleicht noch nicht durch und durch, inwendig und auswendig?«
»Ich, ja, aber Sie kennen sich nicht!«
Das war ein starkes Stückchen.
»Ich denke doch!«, erwiderte ich also.
»Das werden wir sehen!«
»Inwiefern denn nur?«
»Ich kann es Ihnen nicht sagen, das wird sich erst in der kommenden Nacht zeigen.«
»Ja, was denn nur?«
Ich wusste wirklich nicht, worauf er hinaus wollte.
Da gab er mir wenigstens eine Andeutung.
»Sie haben mir heftige Vorwürfe gemacht wegen meiner einen Frau —«
»Die Sie doch auch verdient haben!«
»Eben das soll sich heute zeigen. Ich will doch mal sehen, wie Sie sich einem liebenden Weibe gegenüber benehmen, und da will ich Ihnen gleich verraten, dass Fatme Sie wirklich liebt, nicht etwa nur vorübergehend — sie wird sterben, wenn sie Sie verlieren soll —«
»Ich bin doch aber gar nicht ihr Hussein!«
»Doch! Jetzt wenigstens!«
»Und das soll eine Prüfung für mich sein?«
»Ja, Ihre letzte!«
»Inwiefern denn nur?«
Da kam keine Antwort mehr, ich konnte anrufen, wie ich wollte.
Ja, was sollte ich denn nun denken, wie eine Erklärung für diese neue Seltsamkeit finden?
Eine letzte Prüfung? Durch dieses Weib?
Ich muss gestehen, ich fand mich nicht zurecht, jedenfalls hatte ich keine Zeit mehr zu weiterem Nachdenken, denn meine Sklavinnen erschienen wieder, es war vermutlich Zeit, mich in den Hochzeitsstaat zu werfen.
Sie brachten mir sehr schöne Kleider, die vielleicht dem wirklichen Hussein recht gefallen hätten. Mir aber gefielen sie ganz und gar nicht! Ich hatte keine Lust, solche Affenjacken anzuziehen.
»Was soll ich mit dem Gelump?«, herrschte ich die Führerin an. »Bin ich ein Hanswurst? Ich bin ein Mann, und als solcher will ich erscheinen.
Schickt mir sofort Sklaven mit einer vollständigen Rüstung, mit Schwert und Helm und allem anderen! Ihr aber lasst Euch ja nicht wieder vor mir sehen!«
Darob gab es ein entsetztes Staunen, aber als ich Miene machte, aufzuspringen und sie hinauszujagen, rannten sie fort.
Ich musste lange warten, ehe es sich wieder in dem Vorraum regte.
Dann aber kam eine ganze Schar schwarzer Kerls herein und brachten, was ich verlangt hatte, und sie verstanden es, mir das Gewaffen anzulegen.
Ja, das war das Richtige!
Jetzt sah ich fast wieder so aus wie zuletzt im Lager Loke Klingsors, stak in einem goldig schimmernden Schuppenpanzer, hatte an einem aus Metallplatten gebildeten Gürtel ein mächtiges Schwert und einen langen Dolch hängen, und — ich hatte in die kleine Tasche, die ebenfalls daran angebracht war, meine Telegrafenkapsel geschmuggelt, die ich den Blicken der Sklaven geschickt zu verbergen wusste.
Dann aber musste ich erst mal die Waffen prüfen, zog das Schwert aus der Scheide, den Dolch —
Ja, beide waren aus bestem Stahl, waren auch sehr scharf, aber damit gab ich mich nicht zufrieden, denn manchmal springt eine solche Klinge doch noch am Griff ab, wenn man einen festen Hieb tut.
Ich schaute mich um.
Die Tischchen bestanden aus einer Metallplatte mit Einlegearbeit, aus bunten Steinen geziert.
Ob ich eine solche Platte durchhauen konnte?
Wenn das gelang, dann widerstand meinem Schwerte auch kein Panzer.
Ich holte also aus.
Entsetzt schauten die Schwarzen mir zu, als ich mit einem mächtigen Hiebe das Tischchen mitten auseinander spaltete und noch in den Boden hineinhieb.
Ich aber kümmerte mich nicht um sie, prüfte die Schneide, fand sie so unversehrt wie zuvor und hätte zufrieden sein können, war es aber noch nicht.
Wer konnte denn wissen, aus welchem Metall die Panzer und die Helme der Krieger hier bestanden?
»Bringt einen Schild, einen Panzer, einen Helm!«, befahl ich. »Die beste Arbeit, die es hier gibt!«
Der Führer der Sklaven eilte davon und brachte nach kürzester Zeit das Gewünschte.
Ich ließ zuerst den Schild gegen die Wand lehnen und begann auf ihn loszudreschen!
Jawohl, fest war er, er schützte seinen Träger. Ich konnte nur in den Rand hauen, und auch da gar nicht tief.
Nun versuchte ich den Panzer.
Auch er widerstand. Ich konnte ihn auch mit der Spitze des Schwertes nicht durchbohren.
Da brauchte ich den Helm eigentlich gar nicht zu prüfen. Ich tat es doch und stellte fest, dass mein Schwert nichts über ihn vermochte.
»Hunde!«, schrie ich da die Schwarzen an. »Was für ein erbärmliches Ding von einem Schwert habt ihr mir gebracht! Soll ich Euch vielleicht den Kopf damit abhacken? Marsch fort! Und lasst Euch nicht wieder vor mir sehen ohne ein Schwert, das Panzer und Helm zerhaut!«
Die Kerls stoben davon, ich aber wartete in höchster Spannung. Ich war froh, dass ich diese Probe gemacht hatte.
Diesmal dauerte es länger als vorher, ehe sie wiederkamen, aber sie kamen wieder, und das war mir ein Beweis, dass sie wirklich das Verlangte aufgetrieben hatten.
Das Schwert bestand die Probe über alles Erwarten gut. Mit dem ersten Hiebe spaltete ich den Schild fast bis zur Mitte, mit dem zweiten zerhaute ich den Panzer, mit dem dritten zerschrotete ich den Helm.
»Sind das die festesten Schutzwaffen, über die Ihr hier verfügt?«, fragte ich.
Einen Augenblick zögerte der Sklave mit der Antwort, dann aber bekannte er:
»Muzaffer besitzt die festesten.«
»So bringe mir solche!«
»Herr —«
»Was gibt es denn? Was hast Du zu winseln, wenn Dir etwas befohlen wird? Soll ich —«
Ich brauchte bloß das Schwert etwas zu heben, da war er fort.
Ich erriet ja, dass diese Waffen, die Muzaffer für sich reservierte, nicht leicht zu bekommen waren, aber das war doch nicht meine Sache.
Und der Kerl hatte die Möglichkeit gefunden, zu stibitzen, was ich haben wollte, er brachte Schild, Panzer und Helm, und bei diesen hatte ich schon Mühe, sie zu zerhauen, aber es ging doch.
»Ist auch mein Panzer von dieser Art?«, fragte ich.
»Nein, Herr!«
»Schuft, und da wagst Du, ihn mir anzulegen? Noch einmal lass Dich bei einer solchen Frechheit ertappen, und ich haue Dich vom Kopf bis zu den Füßen auseinander!«
Wiederum entwich der Mann vor meinem Zorne, die anderen angstzitternd hinter mir, und wieder musste ich lange warten, bis er wiederkam.
Ja, das war das Rechte! Das sah ich gleich. Da brauchte ich nicht erst zu prüfen!
Binnen weniger Minuten hatte ich die neue Rüstung an, stülpte mir selber den Helm auf, band den Sturmriemen fest —
So, mein lieber MuzafferHagen! Jetzt kann die Hauerei beginnen! Und jetzt wehr Dich, wenn Du mich angreifst!
Aber was sollte nun geschehen?
Zunächst stärkte ich mich durch einen tiefen Schluck aus einem der Weinkrüge, dann fragte ich:
»Was wird nun?«
»Die Rana wartet auf Dich, o, Herr!«
»Das konntest Du doch gleich sagen, Esel! Führe mich!«
»Herr —«
»Das ist wohl streng verboten, was, weil Du so erschrickst?«
»Bei Todesstrafe, Du weißt es.«
Ich wusste nichts, aber wenn die es sagten, musste es so sein.
Ich klirrte also in meinen Waffen aus den Gemächern hinaus auf den Gang, sah dort schon die Sklavinnen, die bei meinem Anblick stutzten, staunten und dann in die Knie sanken, die leuchtenden Augen zu mir gehoben.
Sie bewunderten mich offenbar sehr, und ihre Führerin wagte dem auch Ausdruck zu geben, indem sie sagte.
»Du gleichst dem Kriegsgotte, o Herr!«
»Zur Herrin!«, sagte ich.
Da erhob sich die erste der Sklavinnen oder Dienerinnen, um mir den Weg zu zeigen, und mir gefiel, dass sie durch nichts ihr Staunen darüber verriet, dass ich diesen Weg nicht allein fand.
Ich hätte ihr jedenfalls auch böse heimgeleuchtet, hätte sie etwa ein Wort darüber verloren.
Aber etwas sagte sie doch. Sie schien sich das erlauben zu dürfen, weil sie sicher in gewissem Sinne eine Vertraute ihrer Herrin war.
»Herr«, hob sie an, »Du wirst heute der Rana ein großes Glück schenken.«
»So?«, brummte ich.
»Umso größer, als Du ihr viel Leid bereitet hast«, fuhr sie fort.
Ich schwieg, wusste doch auch gar nicht, was ich sagen sollte, wie ich Fatme gekränkt hatte.
»Wirst Du, wenn Du ihr Gatte bist, auch wirklich nicht wieder fliehen?«
Das war eine unverschämte Frage, an sich wenigstens, aber ich verstand den Beweggrund, und da konnte ich diesem treuen Weibe nicht zürnen. Es sorgte sich doch nur um das Glück der Herrin.
»Was kümmert das Dich?«, herrschte ich sie trotzdem an. »Ziemen Dir solche Fragen?«
Aber sie ließ sich nicht erschrecken, und nach kurzem Zögern erwiderte sie sogar etwas, was mir noch mehr imponierte als das Vorausgegangene.
»Herr«, sagte sie halblaut, »wenn Du etwa die Absicht hast, wieder zu entfliehen, so überlege Dir es wohl. Es würde Dir diesmal nicht gelingen.«
»Und warum nicht?«, fragte ich, mich hochmütig stellend, in Wahrheit aber recht gespannt.
»Weil ich es hindern würde!«
»Und wie wolltest Du das anfangen?«
»O, da gibt es schon ein Mittel, oder auch nicht nur eins.«
»Und warum willst Du nicht, dass ich wieder fliehe?«
Da schaute sie mich vorwurfsvoll an.
»Weil ich meine Herrin nicht nochmals so schrecklich leiden sehen will!«
Und dann tat sie etwas, was sicher ein großes Wagnis von ihr war.
Sie stellte sich vor mich, fasste meine beiden Arme und schaute mich flehend an.
»Herr, liebst Du sie denn nicht?«, fragte sie dabei.
Das ging natürlich zu weit, ich durfte nicht dulden, dass sie sich in meine Herzensangelegenheiten drängte, und so befreite ich mich rasch, schob sie zur Seite und sagte:
»Du wirst frech, Weib! Aber ich will Dir verzeihen, denn ich merke wohl, dass Du nur aus Treue zu Deiner Herrin so handelst. Doch wage nie wieder eine solche Frage!«
Sie konnte sich gegen mich nicht wehren, doch ihr Mut war noch nicht gebrochen, und jetzt funkelten ihre Augen mich an.
»Du weichst mir aus, weil Du nicht die Wahrheit sagen willst!«, rief sie. »Und die ist, dass Du meine Herrin nicht liebst, dass Du schon wieder auf Flucht sinnst!
O, Du Undankbarer, kannst Du denn alles vergessen, was sie Dir getan hat? Dass sie Dir nicht nur einmal das Leben rettete? Dass sie Dich sogar vor Muzaffer schützte?
Hätte sie es nicht getan, dann müsstest Du heute Nacht sterben —
Aber das wiederhole ich Dir: Wage nicht noch einmal, zu fliehen! Oder Du stirbst doch!«
Da hatte ich es! Gleich zweierlei: Erstens die Bestätigung, dass Muzaffer mein geschworener Feind war, der schon früher meinen Tod gefordert hatte — aus Eifersucht oder Ehrgeiz — und dass er jetzt erst recht alles aufbieten würde, mich noch vor der Hochzeit oder wenigstens in der Brautnacht aus dem Wege zu räumen.
Dann aber, dass dieses Weib neben mir die Möglichkeit besaß, mich in den Tod zu schicken, falls ich nochmals fliehen wollte.
Dass sie das tun würde, sah ich ihr an.
Ich ließ sie stehen, schritt ruhig weiter, als gingen ihre Drohungen mich nichts an, und dann besann sie sich doch auf ihre Pflicht, kam mir nach und blieb neben mir, bis sie vor einer Tür Halt machte, die mit einem besonders prächtigen Teppich verhängt war.
Den hob sie nun mit beiden Händen und ließ mich an sich vorüber in das Gemach treten.
Es war sehr prächtig ausgestattet, was ich nicht zu schildern brauche, aber meine »Braut« war nicht darin. Nur eine Anzahl junger, sehr schöner Mädchen stand an den Wänden, und alle verbeugten sich, als sie mich erblickten, fast bis zum Boden.
Ich kümmerte mich nicht weiter um sie, ging zur nächsten Tür, hob den Teppich, wollte es tun — da kam mir ein anderes etwas blümerant vor die Augen, als sie mich mit den schlanken, bloßen Armen umschlang und hastig hinter den Teppich zog.
Hatte die sich etwas auch in mich verliebt?
Etwas Ähnliches lag unbedingt vor, denn sie hing sich gar zu schmachtend an mich; aber ehe ich noch etwas tun sollte, stellte sie sich auf die Fußspitzen, zog sich noch an mir empor, dass ihr Mündchen dicht an meinem linken Ohre lag, und dann raunte sie mir in sichtlicher Erregung zu:
»Hussein, Vorsicht! Er ist bei ihr!«
Na da! Jetzt hatte meine Braut wohl gar noch einen Hausfreund? Und die wollte mich eifersüchtig machen?
Ich suchte die mich umschlingenden Arme zu lösen, konnte es aber nicht, ohne dass ich Gewalt angewendet hätte, und dazu war sie mir zu schade. Wenn ich mit meinen gepanzerten Händen diese weichen Ärmchen gepackt hätte, dann wären die blauen Flecken sicher wochenlang zu sehen gewesen.
»Lass mich!«, raunte ich sie also nur an. »Was kümmert mich das alles?«
»Er will nicht, dass Ihr Euch vermählt!«, zischelte sie wieder. »Er droht mit einem Aufstand des Volkes!«
»Mag er doch!«
»Und er wird seine Drohung wahrmachen!«
»Viel Spaß!«
»Hussein, höre auf mich! Verschiebe die Hochzeit! Warte bis übermorgen!«
»Ich denke nicht daran!«
»Ach, Du bist schrecklich! Liebst Du sie denn gar so sehr? Und mir hast Du gesagt, Du möchtest sie nicht! Du hättest mich viel lieber als sie! Hast Du mich belogen?«
Da hatte ich's. Mein Doppelgänger schien ein schöner Bruder gewesen zu sein; der hatte sich anscheinend wirklich als Türke gefühlt und sich einen kleinen Harem zugelegt. Nun sollte ich dafür büßen.
Was aber sollte ich dem Mädchen antworten?
Wenn ein Weib eifersüchtig wird, dann ist es zu allem fähig, und dieses hier hatte mich gewarnt —
»Du bist töricht«, sagte ich also beschwichtigend. »Du kennst mich und weißt, wie ich gesinnt bin. Daran ändert die Hochzeit nichts, aber nun lass mich frei, ich muss hinein, muss diesen Kerl verjagen —«
»Er wird Dich töten!«, hob sie da zu jammern an.
Ich lachte nur.
»Ja, Du hast Dich vorgesehen«, sprach sie da weiter. »Es war sehr klug von Dir, dass Du diese Rüstung angelegt hast, aber bist Du denn auch stark genug, gegen ihn zu kämpfen —?«
Der Antwort wurde ich überhoben.
Klirrende Schritte kamen näher, und rasch löste das Mädchen die Arme von mir, kreuzte sie über der Brust und sank neben der Tür auf den Boden nieder, ganz demütige Sklavin —
Als ich noch verwundert auf sie schaute und dabei feststellte, dass sie wohl wirklich die schönste von allen den Sklavinnen war, die ich bisher erblickt hatte, da wurde schon der Teppichvorhang an der anderen Seite des Raumes zurückgeschlagen.
Vor mir stand Muzaffer.
Er staunte nicht schlecht, nicht etwa, weil er mich überhaupt hier sah, das hatte er ja erwarten müssen, sondern wohl hauptsächlich, weil auch ich gerüstet war.
Seine Augen flammten auf, unwillkürlich fuhr er mit der rechten Hand nach dem Schwert, als wollte er gleich hier den Kampf beginnen, doch er beherrschte sich.
Ich aber schritt gerade auf ihn zu, und als ich dicht vor ihm stand und er nicht zur Seite wich, herrschte ich ihn gebietend an.
»Gib Raum, Muzaffer!«
Ich sah, wie er erbleichte, hörte, wie seine Zähne aufeinander knirschten.
Und dann zischte er mir zu:
»Elender Sklave, triumphiere nicht zu früh!«
Da hatte es bei mir geschnappt.
Mit diesem Hussein hätte er das ja vielleicht dürfen, aber bei Karl Willmer kam er an den Falschen.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, schlug ich ihm mit der Faust ins Gesicht, dass ihm gleich das Blut aus Nase und Lippen spritzte und er gegen den Teppich taumelte. Das hatte er auf keinen Fall erwartet, und ehe er sich fassen konnte, schritt ich an ihm vorüber, hoch aufgerichtet.
Was hinter mir geschah, beachtete ich nicht mehr, ich wusste, dass dieser Mann nicht wagen würde, mir in den Rücken zu fallen. Wenn er sich an mir rächte, was ganz sicher geschah, dann wählte er andere Mittel.
Ich aber hatte kaum den nächsten Raum betreten, als sich mir schon wieder ein weibliches Wesen an den Hals warf, sich fest an mich hing —
Und diesmal regnete es Küsse auf meinen Mund, auf mein ganzes Gesicht. Und diesmal konnte ich mir noch weniger als vorher Luft verschaffen, denn das war eben meine »Braut«, war Fatme.
»Nun ist's aber genug!«, fuhr ich sie trotzdem an, als sie gar kein Ende finden konnte.
Und was ich nicht gehofft hatte, geschah.
Sie ließ sofort von mir ab, stand vor mir und schaute mich entzückt an.
»Hussein, mein Hussein!«, jubelte sie nun, auch noch in die Händchen klatschend. »Wer hätte das von Dir erwartet! Du bist ja ein Held, ein wahrer Held! Nein, wie herrlich Du aussiehst! So stolz! So schön! Wer hat Dir denn geraten, diese Rüstung anzulegen? Hast Du vielleicht schon gewusst, dass er gegen Dich arbeiten würde? Und willst Du —«
Bei uns zu Hause gibt es ein Sprichwort, das heißt: »Drei Weiber, drei Gänse, drei Frösche dabei, die machen einen Jahrmarkt mit vielem Geschrei!«
Na, ich ließ sie reden, ich merkte doch, wie sie sich wirklich von Herzen freute, und verschütten durfte ich es bei ihr nicht, denn sonst erzählte sie mir schwerlich, was ich wissen wollte.
Endlich war sie mit der Bewunderung ihres gepanzerten Hussein fertig, stand wieder vor mir, wollte mich wieder umarmen, ich wehrte ab.
»Fatme«, sagte ich sehr ernst, »was hatte denn dieser Kerl bei Dir zu suchen? Wie durfte er wagen, Deine Gemächer zu betreten?«
»Nicht wahr, das war eine Unverschämtheit?«, fuhr sie da auf. »Er hat den Tod dafür verdient, wie jeder Mann, der hier eindringt — außer Dir natürlich, Hussein — ach, mein Hussein —«
Sie wollte schon wieder zu himmeln anfangen, aber ich hinderte das.
»Er wollte Dich bestimmen, auf die Heirat mit mir zu verzichten?«, fragte ich.
»Ja, deshalb war er da.«
»Und er drohte Dir mit einem Aufstand des Pöbels?«
»Woher weißt Du das? Hast Du es selbst gehört?«
Da sie mir die Ausrede so leicht machte, ging ich sofort darauf ein. Sie brauchte nicht zu wissen, dass ihr Hussein noch eine andere Liebste gehabt hatte.
»Ja, ich hörte es.«
»Und als er Dir nicht Platz machte, hast Du ihn ins Gesicht geschlagen! Hussein, wie tapfer Du sein kannst? Ich bin so stolz aus Dich, so stolz!«
Ich hatte nichts dagegen.
»Du bist also fest geblieben?«, fragte ich.
»Natürlich, Hussein! Ich werde mir doch mein größtes Glück nicht durch ihn rauben lassen!«
»Und wenn er wirklich das Volk aufhetzt?«
Da kräuselte ein recht verächtliches Lächeln ihre Lippen.
»Ach, das Volk!«, sagte sie auch noch.
Es war also, wie ich schon gedacht hatte. Die Leute in der Stadt unten kamen für die vornehmen Kreise gar nicht in Betracht. Nur wunderte ich mich, dass da Muzaffer mit einer Empörung dieses Volkes hatte drohen können.
Ich ging nicht weiter darauf ein, mir lagen andere Dinge mehr am Herzen als die Eifersucht meines Nebenbuhlers.
»Wir haben wohl noch etwas Zeit, Fatme«, sagte ich, »bis die Festlichkeiten beginnen —«
»Noch mehr als eine Stunde, wie Du ja weißt.«
Ich wusste nichts, aber die Antwort genügte mir, und diese Stunde musste ich eben ausnutzen.
»Dann wollen wir uns auf jenes Lager setzen, denn ich möchte verschiedene Fragen an Dich richten.« —
Ich zog sie mit mir zu dem Lager, hatte Mühe, mich darauf niederzulassen, denn es war zwar sehr weich, aber auch sehr niedrig, und ich musste meine langen Beine weit von mir strecken, sie sozusagen auf den Boden legen, wollte ich mich nicht gleich ganz legen.
Fatme aber machte das großen Spaß. Ohne Weiteres setzte sie sich mir auf den Schoß, schlang ihre Arme um meinen Hals und schmiegte sich an mich.
»Fatme«, hob ich an, »ist Dir an mir nicht in der letzten Zeit etwas aufgefallen?«,
»Jaja!«, rief sie sogleich.
»Was denn zum Beispiel?«
»Du bist ein Mann geworden, Hussein!«
»Wieso?«, wollte ich wissen.
»Du bist gesund geworden«, sagte sie. »Früher schon warst Du ja tapfer, sonst hättest Du doch nicht Dein Leben für mich gewagt, aber jetzt erst bist Du so recht ein Held geworden. Das kommt daher, dass Du Deinen klaren Verstand wiedererlangt hast. Nicht wahr, ich habe recht, mein Hussein?«
»Ja, das ist der Grund!«, gab ich zu. »Ich verstehe jetzt selbst nicht mehr, wie ich je anders sein konnte — oder ich muss sagen, ich weiß überhaupt nicht, wie das war. Mir ist, als müsste ich mich erst mühsam wieder in alles finden, was gewesen ist. Deshalb wollte ich eben meine Fragen an Dich richten.«
»Und ich werde Dir sehr gern antworten, Hussein. Ich bin ja so froh, so froh, dass Du wieder der bist, der Du warst! Ich habe mich sehr um Dich gesorgt, auch zuletzt noch, als Du gar nicht wusstest, wer Du warst — aber das ist ja nun vorbei —«
»Also, Fatme, Du hast gemerkt, dass mein Gedächtnis versagte?«
»Ja, das habe ich gemerkt, Du wusstest gar nichts mehr von manchen Dingen, vor allem von unserer Liebe.«
Ich musste sie schnell ablenken, denn sie wollte wieder zärtlich werden.
»Du führst also Krieg mit Loke Klingsor!«, sagte ich.
»Ja, natürlich.«
»Nun, das habe ich ja gehört, aber ich weiß nicht mehr, warum dieser Krieg entstand, willst Du mir nicht kurz alles wiederholen?«
Jetzt staunte sie freilich, aber sie merkte nichts, gab mir vielmehr eine kurze, jedoch vollkommen für mich genügende Darstellung.
Was ich da hörte, war für mich allerdings vollkommen neu und sehr, sehr überraschend.
Zunächst erfuhr ich, dass Fatme wirklich eine Schar der Tausendfüßler leitete, die Fürstin war, hörte auch, dass Loke jüngst erst hinter ihr Treiben gekommen war, aber sie sagte gleich, dass sie nicht zu jenen gehörte, die sich von den Vaudoux hätten beeinflussen lassen. Blut habe sie nie getrunken, und Menschenopfer seien auch nicht gebracht worden.
Dann aber kam es:
Ich erfuhr aus dem Munde Fatmes, dass ein sehr geschickt angelegter Plan bestand, Loke Klingsor gefangen zu nehmen, und zwar nur zu dem einen Zwecke, sich eines Geheimnisses zu bemächtigen, das er mit sich umhertrug — nicht etwa in einer Geheimtasche, sondern gleich auf dem Körper selbst.
Ich brauche das alles nicht zu erzählen, denn es ist bekannt.
Die Tausendfüßler und ihre verschiedenen Abarten hatten überall auf Erden Anhänger, zu denen auch die Ibaditen gehörten, die Suarins und andere, und einer von ihnen, ein gewisser Samuel Philipp, war ausersehen worden, die kühnsten Männer zu werben, zugleich aber auch einige große Künstlerinnen, die einen, um die Abenteuer zu bestehen, die anderen, um Loke Klingsor in ihre Netze zu locken.
Große Expeditionen waren ausgerüstet worden, nach den verschiedenen Erdteilen, eine sogar nach der Tiefe des Meeres, alle mit dem Zweck, Loke Klingsor zu suchen und, wenn er gefunden war, ihn zu überwältigen, entweder durch List oder durch Gewalt, ihm dann das sorgsam behütete Geheimnis zu entreißen und ihn seiner unerklärlichen, furchtbaren Macht zu berauben.
Ach, was ich da alles hörte! Wie mich das innerlich aufs Äußerste empörte!
Und wer weiß, ob ich mich hätte bezwingen können, hätte nicht Fatme mir gestehen müssen, dass alle diese Expeditionen fehlgeschlagen seien.
»Dieser Loke Klingsor ist viel, viel klüger, als wir geglaubt haben«, erklärte sie. »Er hat unseren Plan von Anfang an durchschaut und durchkreuzt, hat alle die Helfer, die durch Samuel Philipp angeworben worden sind, für sich gewonnen, zu seinen Freunden gemacht, und Samuel Philipp selber ist schon von einer furchtbaren Strafe ereilt worden. Er befindet sich im Fegefeuer —«
Da musste ich doch einmal lachen.
»Na, höre, Fatme, Du glaubst doch sonst nicht an diese Dinge«, sagte ich. »Wie kannst Du da vom Fegefeuer reden? Weißt Du denn überhaupt, was man darunter versteht?«
Doch sie blieb ganz ernst, als sie erwiderte:
»Er leidet Feuersqualen. Loke Klingsor hat ihn in einen feuerspeienden Berg verbannt. Das kann er — er allein — denn er ist eben der Fürst des Feuers. Nein, nein, Du darfst mir glauben, Samuel Philipp ist im Fegefeuer!«
Ich wollte etwas erwidern, aber ich hielt es für besser, von diesem Thema abzukommen, und so fragte ich weiter:
»Was ist denn nun aus diesen Expeditionen geworden? Du sagtest doch, dass die Teilnehmer sich aus Feinden Lokes in seine Freunde verwandelt haben.«
»Jawohl, das haben sie!«, rief Fatme entrüstet. »Das versteht ja dieser Mensch ausgezeichnet! Wer nur eine Weile mit ihm verkehrt, der kann ihm nicht mehr Feind sein, der muss ihn lieben!«
»Das beweist aber doch nur, dass er ein Auserwählter ist, ein herrlicher Mann!«
Ich beobachtete sie scharf, während ich das sagte, und sah wohl, wie sie auf einmal glühend rot ward.
Da wusste ich Bescheid, ging aber nicht weiter auf die Sache ein.
»Was also ist aus diesen Männern und Frauen geworden?«, fragte ich.
»Sie sind unsere Gefangenen und werden in dieser Nacht sterben.«
»Auf Deinen Befehl?«
»Was denkst Du von mir?«, fuhr sie auf. »Das bestimme doch nicht ich!«
»Sondern der Oberpriester?«
»Natürlich! Und Muzaffer.«
»Welchen Rang bekleidet denn der eigentlich hier?«
Ein neuer Blick des höchstens Staunen traf mich.
»Wie Du nur fragst, Hussein!«, rief sie dann. »Das wenigstens musst Du doch noch wissen! Du hast ja —«
»Ich weiß gar nichts, Fatme«, versicherte ich darauf, wahrheitsgemäß, was sie aber nicht ahnte. »Bitte, sage mir alles, gib mir auf meine Fragen Antwort, als wüsste ich nicht das Geringste. Nur auf diese Weise kannst Du dazu helfen, dass mir das Gedächtnis vollständig wiederkehrt, und das wünschst Du doch selbst am meisten. Oder nicht?«
»Ja, ja, ja! Natürlich wünsche ich das! Es ist doch schrecklich, wenn ich Dich immer an Dinge erinnern muss, die kein Mann vergessen darf!«
»Also, was ist Muzaffer?«
»Mein Großwesir und der Oberbefehlshaber aller Krieger.«
»Er hat sich um Deine Hand beworben?«
Wieder ward sie rot, dann aber blass.
»Hussein!«, rief sie flehend. »Du hast doch Deine Wunden im Kampfe mit ihm empfangen, damals, als er mich —«
Da wusste ich genug und konnte ihr das Weitere ersparen.
»Ich besinne mich!«, rief ich, obwohl ich ja gar nichts wusste, doch ich konnte mir die Geschichte denken.
Nun kam die Hauptsache.
»Wie viele Gefangene sind es?«
»Das weiß ich selbst nicht, Hussein. Ich habe mich nie darum bekümmert. Sie sind in der Verwahrung Chaireddins.«
»Und er hat sie bis jetzt nicht misshandelt, etwa gar gefoltert, um von ihnen irgendwelche Geständnisse zu erpressen?«
»Was denkst Du! Unsere Gefangenen werden so gut gepflegt wie einer von uns. Das hast Du doch ebenfalls erfahren. Du warst doch auch einer.«
Aha! Ich war also nicht freiwillig hier.
Jetzt konnte ich mir alles zusammenreimen, und die Geschichte war sehr einfach.
»Nun nur noch eine Frage, Fatme«, sagte ich. »Dann werde ich alles wieder wissen.«
»Ach, das wäre herrlich! Du glaubst ja nicht, wie sehr es mich immer geschmerzt hat, wenn Du nichts, gar nichts mehr wusstest!«
»Also, warum wollte Samuel Philipp das Geheimnis erforschen, welches in den Runen auf dem Rücken Samuel Philipps enthalten ist?«
Da aber schüttelte Fatme den Kopf.
»Wenn ich Dir das sagen könnte!«
»Du hast keine Ahnung?«
»Nein, gar keine! Ich weiß nur, dass es ein furchtbares Geheimnis ist, welches seinen Besitzer zum Herrn der ganzen Welt macht, dem niemand widerstehen kann.«
»Also auch Ihr nicht!«
»Wir? Wie Du wieder sprichst, Hussein. Du bist doch noch nicht ganz gesund, denn Du hast doch von mir gehört, dass wir viele Geheimnisse Lokes erfahren haben, wir sind ihm gewachsen. Wir haben doch auch einen Golem erbeutet, wenigstens meldete das Muzaffer.«
Ein Golem? Was war denn das wieder?
Ich entsann mich dunkel, dass ich mal eine Geschichte darüber angekündigt gesehen hatte, es gab wohl sogar einen Film, der den Stoff behandelte, doch ich hatte weder die Geschichte gelesen noch den Film gesehen —
Dabei wusste ich auch, dass es gar keinen Zweck hatte, Fatme deswegen zu fragen. Sie hätte mir keinen Ausschluss geben können.
Selbstverständlich kam mir ein anderer Gedanke, der sehr nahe lag, wenigstens für mich.
»Dieser Golem gibt Euch Gewalt über Loke?«, fragte ich.
»Nicht ganz, aber er macht uns in dem Kampfe siegreich.«
»Und wer verwahrt diesen Talisman?«
Sie verstand den Ausdruck nicht, ich musste ihr erklären, was ich meinte.
»Selbstverständlich Muzaffer«, sagte sie dann.
Soso. Der Kerl war gescheit, und Fatme war sehr leichtsinnig, denn wenn dieser Golem nicht in ihren Händen war, dann befand sie selbst sich in denen Muzaffers.
Ich hatte also eine neue Aufgabe bekommen.
Diesen Golem musste ich so bald wie möglich an mich bringen, nicht bloß, um Muzaffer eine Waffe zu entwinden, sondern auch den Tausendfüßlern überhaupt, damit sie nicht etwa Loke besiegten, was ich jedoch für ganz ausgeschlossen hielt.
Gab es sonst noch etwas zu fragen?
Ich wusste nichts, jedenfalls tappte ich nun nicht mehr so im Finstern.
»Holt man uns hier zur Feier ab oder begeben wir uns ohne Weiteres in den Tempel?«, fragte ich.
Sie wurde der Antwort enthoben, denn eben erschien am Eingange des Raumes, in dem wir saßen, jene Sklavin, die ich schon mehrmals barsch angefahren hatte, zugleich erscholl eine rasch näherkommende Musik, wenn man das so nennen will, denn es war eigentlich nur ein ganz barbarischer Spektakel, ein Tuten aus Trompeten oder Hörnern, ein Trommeln, ein Rasseln mit Becken und so —
Nun, ich war bereit. Ich überzeugte mich nochmals, dass mein Schwert sich leicht aus der Scheide ließ, ebenso der Dolch. Der Helm saß fest, und meine Knochen waren auch alle noch beisammen. Gegessen und getrunken hatte ich, und in der Tasche stak die kleine Kapsel.
Ich stand auf. Fatme hatte sich schon erhoben.
Eben wollte ich ihr meinen Arm bieten, wie sich das für einen Bräutigam seiner Braut gegenüber doch gehört, da drangen viele von den Frauen und Mädchen herein, die ich schon gesehen hatte, alle jetzt festlich geschmückt.
Meine Braut wurde jetzt noch in eine Anzahl Schleier gewickelt — ich finde keinen anderen Ausdruck dafür — diese Schleier verhüllten endlich sogar ihr Gesicht.
Dann dröhnte die Musik noch wilder als zuvor, und wuppdich! entführte man mir mein Bräutchen.
Doch nicht lange blieb ich allein, denn schon wieder klirrten Schritte. Jetzt kamen meine Führer, und es waren lauter herrlich gewappnete Männer von hohem, kräftigem Körperbau.
Ich interessierte mich sehr dafür, denn ich sollte doch wahrscheinlich nachher mit ihnen kämpfen, und so guckte ich mir auch ihre Rüstungen genau an, um alsbald festzustellen, dass sie von der minderen Sorte waren.
Sie neigten sich vor mir, nicht eben tief, aber doch respektvoll, und dann sah ich in ihren Augen ein unverhohlenes Staunen.
Offenbar hatten sie nicht erwartet, mich so gewappnet zu finden, aber keiner verlor darüber ein Wort.
Da ich bei meiner »Braut« gesehen hatte, dass diese ihren Führerinnen ohne Weiteres vorangeschritten war, so tat ich es ihr nach.
An der Spitze meiner Gefolgschaft verließ ich das Zimmer und trat auf den Gang.
Holla, da standen ja auch die beiden Kerle, der Muzaffer und der Chaireddin, und ich sah alsbald, dass sie die gleiche Rüstung trugen wie ich.
Beide neigten sich ebenfalls vor mir, aber noch weniger tief als die andern, dann trat Muzaffer rechts neben mich, Chaireddin links, und so ging es weiter, was mir sehr lieb war, denn ich wusste doch durchaus nicht, wohin ich mich hätte wenden sollen.
Jetzt aber führten die beiden mich durch den Gang, dann eine Treppe hinauf, die mit den wertvollsten Teppichen belegt war und nach oben immer breiter wurde, und als sie breit genug war, um den Männern Raum zu gewähren, standen solche Ritter an beiden Seiten, um sich, nachdem der Zug an ihnen vorübergeschritten war, uns anzuschließen.
Immer größer wurde auf diese Weise meine Gefolgschaft, und als die Treppe zu Ende war und sich vor mir ein weiter, herrlich geschmückter, von hohen Säulen getragener Tempel auftat, da wusste ich, dass im Ganzen zweihundert Mann hinter mir waren.
Im Übrigen brauche ich den Tempel nicht erst zu schildern. Er glich ganz jenem, in welchem ich mit dem roten Zwerge ein Tänzchen aufgeführt hatte. Das wird genügen.
Für mich kam nur in Frage, dass im Hintergrunde wieder eine breite Freitreppe emporführte, zu einer mächtigen Terrasse, und dass auf dieser rechts die Krieger standen, links die Frauen und Mädchen.
Vor letzteren saß auf einem erhabenen Stuhle meine »Braut«.
Für mich stand drüben ein anderer Thron bereit.
Ich aber stellte schon jetzt fest, dass zwischen diesen beiden Thronen ein Zwischenraum von hundert Schritten war, also etwa fünfundsiebzig Meter.
Weiter sah ich, dass der Mittelraum zwischen den Kriegern und den Weibern freigelassen worden war, dass sich im Hintergrunde ein mächtiges Tor befand, welches jetzt mit einem einzigen Teppich verhangen war.
Wir marschierten durch die ganze Halle bis zu dem für mich bestimmten Platze, und währenddessen herrschte ein ohrenbetäubender Lärm, erzeugt von den Musikanten und von der Menge, die den unteren Raum Kopf an Kopf füllte, wieder auf einer Seite die Männer, auf der anderen die Weiber, und ich sah recht wohl, dass diese Leute, die ich vor Kurzem noch in zerlumpten Gewändern hatte stehen sehen, jetzt saubere Togen trugen und dass aus ihren Gesichtern der Ausdruck des Verhungertseins, der Not, gewichen war.
Man hatte sie also doch gefüttert, und ich zweifelte sogar nicht daran, dass man ihnen auch nicht zu knapp zu trinken vorgesetzt hatte, das beste Mittel, um solche armselige Kreaturen zu einem Mute aufzupeitschen, der ihnen sonst ganz fremd ist.
Unter furchtbarem Radau setzte ich mich auf meinem Thron, nahm eine möglichst würdevolle Haltung ein und wollte eben das breite und lange Schwert quer über meine Schenkel legen, da trat Muzaffer vor mich.
Ohne sich die geringste Mühe zu geben, den feindseligen Ausdruck seiner Augen zu verbergen, sagte er:
»Du musst jetzt Deine Waffen abgeben und die Rüstung ablegen. Es ist unverzeihlich von den Sklaven, dass sie Dich nicht darauf aufmerksam machten, dass Du unbewaffnet vor dem Gotte stehen musst.«
Na, da kam er ja bei mir an den Rechten!
»Du brauchst den Sklaven nicht zu zürnen, Muzaffer«, erwiderte ich leichthin. »Sie haben ihre Pflicht getan und mir das Gewand gebracht, welches Du für diese Feierlichkeit bestimmt hast. Ich aber habe eine Rüstung und Waffen vorgezogen, wie es sich für einen Mann geziemt.«
»Aber die Priester werden es nicht dulden!«
»Das lass meine Sache sein, Muzaffer. Jedenfalls behalte ich meine Rüstung und meine Waffen. Und nun kein Wort mehr! Ich behalte meine Waffen!«
Noch drohender als vorher funkelten seine Augen; aber er bezwang sich.
Er trat in den freigebliebenen Raum, ganz weit hinten, stellte sich fast unmittelbar vor das große Tor, das also durch den mächtigen Teppich verhüllt war.
Ob das sein Platz bei der bevorstehenden Feierlichkeit war? Jedenfalls kam mir das verdächtig vor, und ich beschloss, ihn scharf zu bewachen.
Ja, wenn das immer so ginge, wie man sich's vornimmt.
Vorläufig wurde mir ein Schauspiel geboten, das wirklich bewundernswert war und dem ich ganz gern zusah.
Tänzerinnen erschienen. Solche Tänze, von reizenden jungen Mädchen aufgeführt, sind oft genug beschrieben worden, ich kann es mir hier sparen.
Nachdem die Tänzerinnen ihre Darbietungen beendet hatten, erdröhnte ein mächtiger Gong hoch über mir, eine Metallscheibe von mindestens drei Metern Durchmesser, glänzend poliert, dass die Bronze wie Gold glänzte und das Ganze wie eine Sonne über den vielen Menschen schwebte.
Ich gewahrte, während durch den dröhnenden Ton die Aufmerksamkeit aller andern abgelenkt wurde, dass neben meinen Feind an dem Tore ein Mann in weißer Toga huschte, dass die beiden hastig einige Worte miteinander tauschten, und nahm an, dass die Meldung, die der Mann gebracht hatte, mit mir in Verbindung stand.
Der große Teppich bewegte sich seitwärts, und durch das Tor zogen wohl gegen hundert Priester herein, feierlich, wie sich das für sie gehörte, geführt von dem mir nun schon bekannten Oberpriester.
In feierlichem Zuge umschritten sie den freien Raum. Der Oberpriester nahte sich immer mehr meiner »Braut«, verbeugte sich aber nicht vor ihr, was ich auch gar nicht erwartete, da eben hier er der Herr war.
»Aha!«, dachte ich. »Der mustert sie, ob sie vorschriftsmäßig angezogen ist!«
Und ich freute mich schon auf das Gesicht des Mannes, wenn er zu mir kam. Jetzt wusste ich, dass er mit Muzaffer unter einer Decke stak, das alles ein abgekartetes Spiel war.
Und richtig!
Nachdem er den Staat meiner Braut in Ordnung befunden zu haben schien, kam Ormuzd zu mir herüber, immer natürlich noch in feierlichem Zuge, immer noch unter dem schallenden Gesang der Priester.
Auch mir näherte er sich nur allmählich, aber in den Bewegungen, mit denen er das tat, war etwas, was die Zuschauer stutzen ließ.
Ich war natürlich gespannt, wie die Sache ablaufen würde.
Nun stand Ormuzd dicht vor mir.
Es konnte eine Bewegung sein, die zu einer heiligen Handlung gehörte, aber da er es nicht vor meiner Braut getan hatte, so musste ich annehmen, dass es eine Gebärde der Überraschung war, und das wurde mir bestätigt durch seine Worte.
»Welcher Frevel ist hier begangen worden?«, fragte er, und zwar so laut, dass seine Worte in dem ganzen Raume zu hören waren. »Wer hat Dir diese Rüstung angelegt? Wer hat Dir diese Waffen gegeben?«
Nun, da konnte ich ihm antworten und tat es.
»Was missfällt Dir an meinem Aussehen, Ormuzd? Die Rüstung? Die Waffen?«
»Unseliger, Du fragst noch?«, fuhr er auf, und die anderen Priester mimten getreulich die Entrüstung ihres Oberhauptes nach.
Es war eine lächerliche Komödie.
Ich machte ihr ein Ende.
»Ormuzd, ich bin ein Mann, und das Festkleid des Mannes ist die Rüstung, sein höchster Schmuck sind seine Waffen. Ich weiß, was Du einwenden willst. Du möchtest behaupten, ich sei nur ein Sklave, der weder Rüstung noch Waffen tragen darf. Doch da irrst Du. Ich war ein Sklave, bis die Huld der Herrin mich erhöhte und zum freien Manne machte. Als solcher stehe ich hier, und als solcher trage ich Rüstung und Waffen.«
Und dann setzte ich noch einen Trumpf drauf, den ich schon bereithielt.
»Oder willst Du die Herrin kränken angesichts allen Volkes, dass Du ihr zutraust, sie könnte sich mit einem verachteten Sklaven vermählen wollen?«
Ormuzd brauchte nicht zu antworten. Das Volk übernahm das.
Meine Worte hatten gefallen, nicht aber nur den Frauen, die ja leicht zu entflammen sind, sondern auch den Kriegern, denn unter ihnen mochte mancher gewesen sein, dem es wider den Strich gegangen war, dass ein Sklave künftig sein Gebieter sein sollte.
Nun aber war die Sache durch meine List geändert worden, und außerdem durfte ich doch auch annehmen, dass diese Männer wussten, wie ich schon einmal als Held gekämpft hatte.
Ormuzd war klug genug, einzusehen, dass er umkehren musste.
Nachdem der brausende Jubel sich gelegt hatte, währenddessen er seine Arme senkte, neigte er sich vor mir und sagte:
»Du hast klug gehandelt und gesprochen!«
Dann aber setzte er doch noch hinzu, halb gegen das Volk gewendet:
»Unser Gott selbst wird entscheiden!«
Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, jedenfalls aber setzten die Priester nun ihren Umzug fort, bis sie sich in einem Halbkreise auf der Terrasse aufstellten, dessen eines Ende bei dem Throne Fatmes war, das andere an dem meinen. Ormuzd stand vor ihnen.
Der erste Gesang war zu Ende gewesen, nun begann ein zweiter, lauter als der erste, und es kam mir vor, als sei in den gesungenen Worten eine flehende Bitte, eine Art Beschwörung.
Plötzlich krachte der Gong wieder, gleich dreimal hintereinander, aber so rasch ich auch hinausschaute, ich konnte doch nicht feststellen, wie er geschlagen wurde.
Nun, mir konnte das gleichgültig sein.
Aber der Gott kam noch nicht.
Dafür tat sich in dem Boden eine Öffnung auf. Zwei große Platten hoben sich dachförmig, wie man das auf Bahnhöfen sehen kann, wenn der Fahrstuhl mit dem Gepäck aufsteigt, und auch hier kam ein solcher zum Vorschein.
Es war wirklich ein Karren mit niederen Rädern, und auf ihm stand ein Käfig aus weitmaschigem Drahtgeflecht gebildet, nur an den vier Ecken mit festen Metallstangen gestützt.
Dieser Käfig war sehr, sehr groß. Ich schätzte seine Länge auf acht Meter, seine Breite aus fünf.
Aber er war trotzdem fast ganz mit Menschen gefüllt — natürlich mit Gefangenen!
Und diese sollten zur Feier unserer Vermählung sterben, sicher also dem Gotte geopfert werden.
Himmel, musste ich mich zusammennehmen, dass ich mich nicht verriet!
Das erste, was ich sah, war doch eine Frau mit einem Knaben auf dem Arme — war Madonna Angela mit dem kleinen Loke, wie ich sie ja genau kannte!
Die anderen aber — nun, ich hatte ja kaum erst aus Fatmes Munde von den Expeditionen gehört, die gegen Loke Klingsor von Samuel Philipp ausgerüstet worden waren —
Nein, alle waren das nicht — ich zählte nur fünf Personen, darunter noch zwei Frauen, aber diese kannte ich sofort, hatte ihre Bilder oft genug in illustrierten Zeitungen gesehen —
Die Schwarzhaarige war offenbar eine Italienerin, und dann konnte sie nur die Signorina Ravelli sein. Die andere aber war gleich gar nicht zu verkennen, denn die hatte mir immer imponiert, und ich hatte mir oft gewünscht, sie nicht nur sehen zu können, sondern sie auch gleich persönlich kennen zu lernen —
Das war die Bella Cobra, die berühmteste aller Exzentriktänzerinnen, die die gesamte Männerwelt rasend machte —
Und demnach waren die Männer, die in den Käfig eingesperrt waren, die Begleiter der beiden Frauen, waren Antonio Almeida und Manuel García und Monsieur Charles Dubois, der berühmte Jäger, der zuletzt in Afrika aufgetaucht, dann aber verschwunden war.
Und diese sollten geopfert werden?
Na, da hatte ich auch noch ein Wort mitzureden; aus der Sache wurde nichts! Ich prüfte vielmehr schon mit scharfen Blicken das Drahtgeflecht und lachte in mich hinein.
Ein paar Hiebe mit meinem guten Schwerte zerfetzten das Zeug, wie man sonst mit einem Messer Leinwand zerfetzt! Die wollte ich bald frei haben.
Dann aber interessierten die Gefangenen selbst mich sehr.
Niedergeschlagen, hoffnungslos sah keiner von ihnen aus, auch nicht die Frauen, und Angela gar schaute so zuversichtlich um sich, als könne ihr kein Härchen gekrümmt werden.
Ich wusste, woher ihr diese stolze Zuversicht kam, und ich freute mich, dass Loke Klingsor mich ausersehen hatte, sie zu befreien und zu schützen — sie dann zu ihm zu führen.
Der Käfig war inzwischen von der Öffnung hinweggerollt, diese hatte sich wieder geschlossen, und er stand nun in der Mitte des noch verbleibenden freien Raumes.
Merkwürdig schien mir, dass die Zuschauer nicht aufjubelten, sich vielmehr mucksmäuschenstill verhielten, aber ich sollte bald die Ursache erfahren.
Wieder erdröhnte der Gong, den Gesang der Priester überhallend, und dann auf einmal erscholl ein donnerähnliches Krachen —
Es war wirklich, als hätte sich ein furchtbares Gewitter mit einem einzigen mächtigen Schlage entladen, und dementsprechend war die Wirkung. Ich beobachtete, wie das »Volk« die Köpfe einzog, sah aber auch, dass die Gefangenen sich nicht imponieren und erschrecken ließen.
Und dann tat sich abermals der Boden auf, diesmal in weit größerem Umfange als vorher, jetzt musste ein viel größerer Fahrstuhl erscheinen —
Nein, jetzt kam kein Fahrstuhl.
Ganz deutlich sah ich aus der Tiefe einen Elefantenkopf auftauchen, ein ganz riesenhaftes Vieh, und je weiter es emporkam, desto mehr staunte ich.
Alle Wetter, war das ein Koloss!
Und dabei gewahrte ich sofort, dass es sich um ein von Menschen geschaffenes Kunstwerk handelte, nicht um ein lebendes Tier. Es gibt ja gerade unter den Elefanten kolossale Kerle, aber so weit geht das nicht, dass sie zehn Meter hoch werden.
Und der hier war so hoch.
Bloß dieser Kopf!
Wenn der hohl war, musste ein erwachsener Mensch bequem aufrecht darin stehen können, und er konnte schon über dem Durchschnitt sein.
Ich staunte ja nicht schlecht, umso mehr, als ich nun erkannte, dass die Figur aus Stein gemeißelt war. Da war die Leistung, die der Künstler vollbracht hatte, noch bewundernswerter, als wenn er sich eines anderen Materials bedient hatte.
Was aber sollte dieser Elefant hier?
Stellte er den Gott dieser Menschen dar?
Dann konnte ich mich allerdings auch wieder nur wundern, denn viele unter den Kriegern und viele unter den Frauen sahen doch wirklich nicht so dumm aus, dass sie einen Elefanten als Gott hätten anbeten können.
Vielleicht aber dachten sie selber nicht an eine solche Torheit, machten sie nur zum Scheine mit, damit das Volk etwas zu glauben hatte, denn Robespierre hatte sehr recht mit seinem Ausspruche: »Wenn es keinen Gott gäbe, dann müsste man einen erfinden!«
Ich guckte also noch nach dem Elefanten hin, der ganz langsam aus der Tiefe emporstieg.
Auch die Gefangenen in dem Käfig sahen ihn natürlich, und der Knabe auf dem Arme Angelas hob die Händchen in lautem Jubel.
Das war der Anlass, dass ich auf ihn schaute und dann auf die anderen, und dass ich sah, wie der berühmte Jäger — nein, wie alle drei Männer — den Elefanten mit ganz besonderen Blicken betrachteten — mir wollte es vorkommen, als kennten sie ihn schon.
Nun, das wäre wohl zu erklären gewesen, da sie ja sicher schon einige Zeit in der Gefangenschaft schmachteten, vielleicht ähnlichen Gottesdiensten beigewohnt hatten.
Da — ich erschrak wirklich —
In der Tasche an meinem Gürtel klopfte der Apparat!
Irgend jemand rief mich telegrafisch an.
Wenn man das hörte!
Ich griff schnell mit der rechten Hand zu, hatte die Kapsel in der Hand, schloss diese, damit der Schall gedämpft würde.
Da verstummte das Klopfen, dafür spürte ich ein Ticken gegen meinen Handteller.
Ich konnte auch so die Zeichen fassen, ja, nun war erst recht jeder Irrtum ausgeschlossen.
Aber es kam keine große Mitteilung, das Klopfen hörte bald wieder auf.
Nachdem mir nur eins gemeldet worden war!
»Nicht wundern! Achtgeben! Die Gefangenen haben ebenfalls Kapseln!«
Sollte ich da versuchen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen?
Ihre Namen kannte ich. Am besten gefiel mir der Charles Dubois. Von ihm setzte ich auch voraus, dass er mich verstehen würde — die anderen waren doch Spanier und Portugiesen, es war die Frage, ob sie die englische Sprache beherrschten —
Ich gab also den Anruf des »C« und des »D«, dann wieder das Achtungszeichen. —
Und weil ich dabei den berühmten Jäger scharf beobachtete, merkte ich zu meiner großen Freude alsbald, dass er wirklich auf mich hörte, wenn man beim Telegrafieren davon reden kann.
Da zögerte ich nicht, mich ihm zu erkennen zu geben.
»Ich bin der Vertraute Loke Klingsors — ich — hier auf dem Throne — ich spiele nur eine angenommene Rolle —«, morste ich.
Charles Dubois gab sogleich das Verstandenzeichen.
Da fuhr ich fort:
»Sorgt Euch nicht! Wir werden Euch befreien!«
Und da kriegte ich eine Antwort, die ich freilich nicht erwartet hatte.
»Wir sorgen uns nicht im Geringsten, denn wir haben uns im Auftrage Lokes fangen lassen, sonst wäre das unseren Feinden nie gelungen. Nur die Frau mit dem Kinde ist nicht eingeweiht. Wie sie in die Gewalt dieser Menschen kam, wissen wir nicht.«
»Dafür weiß ich es«, gab ich nunmehr zurück.
Dann musste ich aufhören, denn etwas Neues, ganz Unerhörtes geschah.
Der steinerne Elefant wurde lebendig.
Er hob den Kopf mit ganz natürlicher Bewegung, öffnete das Maul und schwenkte den Rüssel, ganz so, wie ein Elefant es getan haben würde.
In demselben Augenblick aber setzte sich das steinerne Tier auch mit den Schritten eines wirklichen Elefanten in Bewegung.
Ich hatte glücklicherweise schon andere Wunder im Reiche Loke Klingsors erlebt als dieses, war also nur für den erstem Augenblick verblüfft, dann gefiel mir die Geschichte, und ich wunderte mich auch nicht mehr, als alle Anwesenden, namentlich aber das Volk, in laute, begeisterte Rufe ausbrachen, sich vor Freude gar nicht zu lassen wussten ...
Dann ertönte der Gong. Tiefste Stille trat ein.
Der Elefant schien ebenfalls diesem Zeichen zu gehorchen, denn er blieb stehen, wo er eben stand, verwandelte sich wieder in Stein; sein Rüssel blieb in der Krümmung nach oben, die er eben gehabt hatte.
Nun stimmte der Oberpriester erst wieder einen Lobgesang an. Er dauerte ziemlich lange, aber als er zu Ende war, näherte sich Ormuzd der regungslos auf ihrem Throne sitzenden Fatme.
»Erhabene«, sagte er mit tönendem Pathos, »schon seit Langem ist Dir gemeldet worden, dass unsere tapferen Krieger jene dort im Käfig zu Gefangenen gemacht haben. Wir haben sie seither gut gepflegt und es ihnen an nichts fehlen lassen, wie Du Dich aus ihrem Aussehen überzeugen kannst, sie sind wohl und munter und ahnen nicht das Schicksal, das ihrer harrt.
Lange hat unser Gott, der heute in unserer Mitte erschienen ist, auf ein Opfer warten müssen. Nur bei besonders festlichen Anlässen darf es gebracht werden. Kein solcher war da.
Heute aber ist er vorhanden, denn Du willst Dich endlich den Wünschen Deiner Getreuen fügen und Dich einem Manne vermählen, der Deiner würdig ist. So sollen die Gefangenen dem Ebimelech geopfert werden, und wir bitten Dich, das Zeichen dazu zu geben.«
In atemloser Spannung warteten alle auf dieses Zeichen.
Fatme schüttelte den Kopf, hob auch noch die beiden Hände und machte damit eine abwehrende Bewegung.
»Nein, sie sollen nicht sterben!«, sagte sie, und zwar so laut, dass alle es hören konnten. »Wenigstens nicht, bevor ich nicht mit meinem Geliebten vermählt bin und mich mit ihm aus diesem Tempel entfernt habe!«
Ormuzd war über diese ganz unerwartete und unprogrammmäßige Antwort so verblüfft, dass er einen Schritt zurückwich und mit nicht gerade gescheitem Ausdruck zu Fatme emporschaute.
Auch die anderen Priester waren erstaunt, die Krieger, die Frauen und Mädchen, das Volk — kurz alle, die diese Worte vernommen hatten.
Und ich? Ich kann nicht anders sagen, als dass ich mich sehr freute!
Diese Fatme war doch besser, als ich gedacht hatte. Sie hatte das Herz auf dem richtigen Flecke.
Oder war diese Antwort nur eine Folge meiner Vorstellungen? Handelte sie so, um mich zu erfreuen?
Ich konnte es nicht sagen, sollte aber bald Gewissheit darüber erlangen, denn auf einmal durchbrach Muzaffer die Reihen der Priester.
An diesen Kerl hatte ich zuletzt überhaupt nicht mehr gedacht; jetzt wurde ich wieder an ihn erinnert, und wahrhaftig, wie er so vor dem Throne Fatmes stand, machte er ganz den Eindruck eines grimmen Hagens, der kein Zurück kennt, für den es nur ein Biegen oder Brechen gibt.
»Fatme, Du frevelst!«, stieß er hervor, ohne sich Mühe zu geben, seinen tobenden Zorn zu verbergen. »Willst Du die uralten Gesetze unseres Volkes über den Haufen werfen? Ehe Du Dich vermählen darfst, müssen dem Ebimelech Opfer gebracht werden oder er wird uns alle strafen!«
Ob diese Worte eine geheime Bedeutung hatten, vielleicht für die im Leibe des Riesenelefanten steckenden Lenker, weiß ich nicht. Jedenfalls bewegte er auf einmal den Rüssel wieder, streckte ihn gerade vor und trompete zum zweiten Male, viel lauter noch als das erste Mal —
Und wieder war dies ein Zeichen für die Versammlung, in lautesten Jubel auszubrechen. Alles schwang die Hände und schrie —
Ein Gongschlag schuf Ruhe.
»Du hast die Stimme des Gottes gehört, seinen Willen erfahren und den des Volkes«, hob Muzaffer da wieder an. »Willst Du wagen, ihnen zu trotzen?«
»Ich trotze niemand, weder dem Gotte noch dem Volke, die ich beide gleich liebe«, erwiderte da Fatme, und sie sprach mit einer Würde, die mir sehr gefiel.
Auch auf das Volk machten ihre Worte einen ausgezeichneten Eindruck, denn es jubelte ihr seinen Beifall zu und musste erst durch einen Wink Muzaffers wieder zur Ruhe gebracht werden.
Da aber sprach Fatme auch schon weiter:
»Seit Langem habe ich gegen diese Menschenopfer geeifert und Dich mehrmals gebeten, sie abzuschaffen. Du hast es nicht gewollt, und so habe ich meine Wahl eines Gatten immer wieder hinausgezögert, eben um solche Opfer zu vermeiden. Nun aber steht meine Vermählung bevor, nun sollen Menschen sterben, damit ich mit meinem Erwählten glücklich werde und das Wohlwollen des Gottes erringe. Wohlan, ich will den Versuch wagen, ob ich auch ohne diese Opfer seinen Segen erhalte, und deshalb bestimme ich, dass die Gefangenen leben bleiben, bis meine Vermählung vollzogen ist. Zürnt der Gott deswegen, so wird er es zu erkennen geben, und dann können wir ihn noch immer durch das Opfer der Gefangenen versöhnen. Vorläufig aber will ich sehen, ob es ohne dieses abgeht.«
In immer fassungsloserem Staunen starrten Muzaffer und Ormuzd auf die mutige Sprecherin, ich aber konnte mich nicht enthalten, ebenfalls aufzustehen, und wären nicht so viele Menschen zwischen mir und ihr gewesen, so wäre ich zu Fatme geeilt, hätte mich neben sie gestellt, bereit, sie zu schützen, wenn es nottat, denn jetzt gefiel sie mir wirklich, und obgleich ich natürlich noch nicht daran dachte, ihr Mann zu werden, so wollte ich doch nicht, dass sie etwa dem Zorne dieser beiden Schufte zum Opfer fiel.
Hinüber also konnte ich nicht, so rief ich wenigstens:
»Recht so, Fatme! Du hast mir ganz aus der Seele gesprochen, und ich stimme Dir bei! Wir wollen doch sehen, ob erst Menschen geopfert werden müssen, damit wir glücklich werden!«
Ich überlegte mir aber nicht, dass ich durch meinen Ruf meine Vermählung beschleunigte, was ich gerade verhindern wollte — doch alles sollte anders kommen, als ich jetzt dachte.
Kaum waren meine Worte verklungen, da wendeten die beiden sich mir zu, sie kamen vor meinen Thron, und ich sah, wie wütend sie waren.
»Du also hast Fatme aufgereizt, dass sie unseren Gesetzen zu trotzen, sie zu brechen wagt?«, schrie Ormuzd außer sich.
»Das fragst Du noch?«, rief da Muzaffer. »Siehst Du nicht, dass er noch einen ganz anderen Frevel gewagt hat, dass er in Wehr und Waffen hier steht?«
»Ja, ich sehe es bereits — —«
»Und als ich ihn darauf aufmerksam machte, ihn aufforderte, die Waffen abzulegen, da verhöhnte er mich!«, fuhr Muzaffer fort.
Da hatte ich genug.
»Schweigt!«, schrie ich, und auch ich kann schreien. »Wer hat Euch Erlaubnis gegeben, uns Vorschriften zu machen? Seid Ihr die Herren hier? Oder ist es Fatme? Bin ich es, den sie zu ihrem Gatten wählen will?
I h r seid die Empörer! I h r wagt, den Gesetzen zu trotzen! I h r meutert! Und deshalb — hierher, ihr Krieger! Nehmt diese beiden fest und führt sie ab, dass sie ihrer verdienten Strafe nicht entgehen.«
Doch die Krieger, an die ich mich wendete, rührten sich nicht. Augenscheinlich waren sie an unverbrüchlichen Gehorsam gewöhnt — oder sie hatten eben noch ein Vorurteil gegen den vermeintlichen Sklaven, der ihr Herr werden sollte — ich weiß es nicht —
Muzaffer aber ließ die Maske vollends fallen.
Laut und furchtbar höhnisch lachte er auf.
»Du? Du willst Dich als meinen Herrn aufspielen? Du willst mich von meinen eigenen Kriegern gefangennehmen lassen?
Ha, wer bist denn Du? Glaubst Du, ich wüsste es nicht?«
Und ehe ich ahnte, wo hinaus er wollte, wendete er sich dem Volke zu.
»Ihr Männer und Frauen, hört mich! Ihr habt vernommen, dass Eure Herrin wider allen Brauch nicht einen der tapferen Krieger zu ihrem Gatten wählen will, sondern einen elenden Sklaven, Hussein mit Namen.
Ihr wisst aber auch, dass dieser Hussein ihr einst das Leben gerettet, das seine dafür aufs Spiel gesetzt hat und tödlich verwundet wurde.
Deshalb habt Ihr nichts gegen die Wahl der Herrin einzuwenden gehabt, seid vielmehr hierher gekommen, der Vermählung beizuwohnen und dann ein Freudenfest zu feiern.
Ihr habt gehört, dass Ihr um das Schauspiel der Opferung der Gefangenen gebracht werden solltet!
Hier steht der Mensch, dem Ihr das verdankt.
Es ist Hussein, der Sklave, der Euer Herr werden soll.
Nicht wahr, das glaubt Ihr? Davon seid Ihr fest überzeugt?«
»Hier steht der Mensch, dem Ihr das verdankt!«
Vorher hatte er nicht gewartet, bis die Menge ihm eine Antwort zuschrie, nun aber wartete er, und da riefen natürlich einige:
»Jawohl, es ist Hussein!«
»Lüge!«, kreischte da Muzaffer, und seine Stimme überschlug sich.
»Ihr seid belogen und betrogen worden von einem elenden Schurken, denn —«
Er sprach nicht zu Ende, aber er winkte.
Und da entstand in den hinteren Reihen der Priesterschar eine Bewegung.
Man gab Raum —
Zwei Krieger traten hervor, und zwischen sich führten sie einen Mann, der mein Ebenbild war, wenigstens jetzt —
So hatte ich vielleicht ausgesehen, ehe das Meer mich an den Strand warf, so hanswurstmäßig bunt gekleidet —
»Hier ist Hussein, der echte Hussein!«, schrie Muzaffer.
»Hussein!«, schrie alles.
Ein furchtbarer Tumult entstand, die Krieger hatten Mühe, das Volk zurückzuhalten —
Muzaffer aber strahlte über das ganze Gesicht. Er war seines Sieges jetzt vollkommen sicher.
Ich kümmerte mich freilich nicht viel darum. Hunde, die viel bellen, beißen nicht, und so würde die Geschichte nicht schlimm werden.
Mich interessierte zunächst bloß dieser Sklave, dessen Rolle ich spielte.
Dass er ganz und gar mein Ebenbild war, musste ich glauben — er war es wenigstens gewesen — denn jetzt glich ich ihm schon nicht mehr. Da war ich ein stolzer Krieger, er aber immer noch ein Sklave.
Im Übrigen mochte er ein ganz kräftiger Kerl sein, war genau so lang gewachsen wie ich, wobei es natürlich auf eine Kleinigkeit nicht ankam —
Aber etwas bei dem Vergleiche stimmte nicht.
Dieser Mensch besaß keinen Stolz, kannte kein Ehrgefühl!
Das sah ich ihm nicht nur gleich an, sondern ich erhielt auch den Beweis dafür, da er sich jetzt vor dem Throne Fatmes auf die Knie warf, beide Arme gegen sie hob und mit lauter Stimme flehend rief:
»Vergib mir, Herrin! Ich habe an Dir gesündigt, indem ich Dir abermals entfloh, aber ich bin dafür auch furchtbar gestraft worden, ich habe Entsetzliches leiden müssen, und das Schlimmste ist, dass sich während meines Fernseins ein Betrüger an meine Stelle gedrängt hat, dass Du durch ihn so sehr getäuscht worden bist, dass Du Dich ihm sogar vermählen willst —
Glaube ihm nicht!
Hier, zu Deinen Füßen, liegt Hussein, Dein Sklave, Dein treuester Diener —«
Und schon entblößte er seine Brust, um die Narben herzuweisen, die er im Kampfe für sie empfangen hatte.
Also ein Prahler war er auch noch!
Noch griff ich nicht ein, ich wollte erst abwarten, wie Fatme sich verhielt, und — alle Achtung! — mein Urteil über sie stimmte. Sie hatte nicht nur wirklich das Herz auf dem richtigen Fleck, sondern war auch ein gescheites Weibchen.
»Du bist Hussein, mein Sklave?«, fragte sie.
»Ja, der bin ich. Du siehst es ja —«
»Und Du behauptest, jener dort sei ein Betrüger?«
»Er ist es. Lass Dir seine Brust zeigen —«
»Nicht nötig! Ich sah sie bereits und die Narben, die sie schmücken.«
Hussein erschrak sichtlich, aber er fasste sich bald.
»Dann hat er sie auf andere Weise erlangt als ich — ich kämpfte für Dich, ich rettete Dir das Leben —«
Da reckte Fatme sich hoch auf.
»Und damit willst Du beweisen, dass Du ein Mann bist, ein Held, würdig, mein Gemahl zu werden?
O, Du elender Prahler! Weißt Du nicht, dass der echte Mann sich niemals seiner Taten rühmt, dass er keinen Dank dafür begehrt?
Jener dort, den Du einen Betrüger zu nennen wagst, handelte so. Nie hätte er seine Brust vor mir entblößt, um, gleich Dir, seine Narben zu zeigen. Ich musste ihn dazu zwingen, und auch dann noch stellte er sich, als wüsste er nicht, wie er sie erhalten hatte.
Du aber — ah, sage mir doch, warum Du von mir weggelaufen bist, obwohl Du vorgibst, mir so treu zu sein? Sage mir doch, wo Du Dich umhergetrieben hast, bis es Dir jetzt einfiel, wiederzukommen?
Ich sehe Dich erbleichen. Ich kenne Dein Geheimnis, und weil Du mich dazu zwingst, will ich es allem Volke verraten —«
Da sprang Ormuzd vor.
»Du entweihst diese heiligen Räume!«, schrie er.
Und Muzaffer, der neben ihn trat, fügte hinzu:
»Wozu das alles, da ich — ich! — beweisen kann, dass dieser hier Hussein ist, jener dort aber ein Betrüger?«
Doch Fatme hob, Schweigen gebietend, die Hand.
»Das Volk soll entscheiden!«, sagte sie, und wieder hatte sie das rechte Wort gefunden, denn sofort brüllten die Massen los. Es schmeichelte ihnen, dass sie auch mal eine Meinung haben, vielleicht sogar den Ausschlag geben sollten, während sie sonst überhaupt nicht gefragt wurden, sich alles gefallen lassen mussten, was Muzaffer im Verein mit Ormuzd ihnen vorschrieb.
»Sie soll reden! Wir wollen sie hören!«
Da mussten die beiden sich fügen, und Fatme warf nun ohne Weiteres die sie einhüllenden Schleier von sich, zeigte allen ihr schönes, von heißer Glut überstrahltes Gesicht.
»Ich danke meinem Volke!«, sagte sie zunächst schlicht, auch mit den Händchen winkend. »Es darf sicher sein, dass ich sein Vertrauen zu mir zu lohnen wissen werde.«
Ein erneut losbrechender Beifallsturm durchtobte das Haus. Erst nach einer langen Weile trat wieder Ruhe ein, und nun hob Fatme an und sagte:
»Dieser Mensch hier behauptet, mein treuer Sklave Hussein zu sein. Seine Treue hat er mehrmals bewiesen —«
»Indem er ausriss!«, schrie da ein baumlanger Kerl aus dem Volke, indem er sich vordrängte.
Lautes Lachen antwortete; sogar die Krieger lachten mit.
»Und indem er Tage hindurch bei einer anderen weilte«, ergänzte Fatme.
»Der Schuft!«, brüllte der Lange.
»Nehmt den Schreier fest!«, befahl da Muzaffer, dessen Wut jede Grenze überstieg.
Einige Krieger unten schickten sich an, zu gehorchen; aber schon gebot Fatme selber ihnen Halt.
»Lasst den Mann ungeschoren!«, rief sie. »Oder sollen hier die bestraft werden, die die Wahrheit reden, aber die frei ausgehen, welche lügen?
Was ich sagte, ist wahr. Ihr alle wisst es, und Ihr wisst auch, dass ich selbst mich aufmachte, um diesen treulosen Sklaven hier zu suchen.
Damit er mein Gatte würde?
Glaubt Ihr das wirklich?
Strafen wollte ich ihn, ihn mit eigener Hand für seine Frechheiten züchtigen!
Und wofür am meisten?
Dafür, dass er sich eine Rolle anmaßte, die ihm nicht zukam!
Er nannte sich Hussein, wie jener tapfere Mann dort heißt, aber er ist nicht Hussein, gab sich für diesen nur aus, weil er ihm ähnlich sah — weil er ihm äußerlich gleicht —
Aber innerlich?
Ich selber wusste, als ich einen Mann fand, den ich für Hussein halten musste, nicht, ob es der echte war oder der falsche, aber ich hatte bald das Richtige herausgefunden.
Ich stellte ihn auf die Probe, und ich sagte schon, wie diese ausfiel.
So schwöre ich bei Ebimelech, der mich hört: Dieser dort auf dem Throne ist der echte Hussein, den ein widriges Geschick zum Sklaven machte, der aber stets ein echter Mann blieb, frei auch trotz der Sklavenketten.
Dieser aber, der vor mir kniet, was ein echter Mann nie tun würde, ist ein Betrüger —«
Schon wollte die Entrüstung des Volkes zum Durchbruch kommen, da hob Muzaffer beide Arme hoch, und so gewaltig war der Respekt vor diesem Manne, dass wieder Schweigen eintrat.
»Und ich — Muzaffer, der Großwesir und Oberbefehlshaber, schwöre angesichts Ebimelechs, dass dieser hier« — er deutete auf den Knienden — »der echte Hussein ist, jener aber ein Betrüger, der den Tod verdient hat!«
So! Nun war der Knoten geschürzt. Das Theater gefiel mir. Ich war wirklich neugierig wie die Verwicklung gelöst werden würde.
Und meine Fatme, wie ich sie jetzt einmal nennen will, tat es.
»Gut! Du behauptest das, Muzaffer! Vielleicht hast Du auch Beweise an der Hand, diese Behauptung zu stützen. Ich weiß, dass Du ein Meister darin bist, solche Beweise herbeizuschaffen.
Jetzt aber gestattest Du mir noch eine Frage an diesen da!«
Nun deutete sie auf den Knienden.
Muzaffer konnte nichts einwenden, und Fatme fuhr fort:
»Hussein — wie Du Dich nennst! — gelobst Du mir, angesichts des ganzen Volkes, die Frage, die ich jetzt an Dich richten werde, der reinen Wahrheit gemäß zu beantworten?«
Selbstverständlich blieb dem Menschen, der ja seine Wahrheitsliebe und die Gerechtigkeit seiner Sache bereits beteuert hatte, nichts übrig, als diese Frage zu bejahen.
»Gut! Ihr alle habt gehört, was er sagte, und nun antworte mir: Wer schlug Dir die Wunden, deren Narben Deine Brust aufweist? Und weshalb hast Du mich gegen ihn verteidigt?«
Sicher waren nur zwei in dem Tempel, welche wussten, warum diese Frage gestellt wurde, und diese beiden waren Muzaffer und ich.
Deshalb aber stutzten die anderen umso mehr, als der Sklave nicht antwortete.
Er war in tödlicher Verlegenheit, krümmte und wand sich, aber er sagte nichts —
Da richtete Fatme sich erst recht auf.
»Hussein, Du hast gelobt, die Wahrheit zu sagen. Antworte auf meine Fragen! Wer schlug Dir diese Wunden? Und weshalb?«
Keine Antwort kam, nur ein paar hervorgedruckste Worte —
»Herrin — Du weißt es —«
Aber Fatme hatte genug gehört.
»Ja, ich weiß es, aber nicht ich will es aussprechen. Jener dort soll es dem Volke verkünden, der mich wirklich aus den Klauen eines Teufels befreite, der sein Leben mutig für mich in die Schanze schlug, der keinen Lohn dafür verlangte.
Hussein, den ich zu meinem Gemahl erwählt habe, Du Tapferster der Tapferen, sage dem versammelten Volke, wer seine Herrin schnöde während des Schlafes überfiel!«
Diese Worte waren an mich gerichtet, und ich wusste, was ich zu tun hatte.
Dieser Muzaffer, dieser Schuft, musste entlarvt werden. Ich stand schon, aber nun reckte auch ich mich, und so rief ich:
»Ja, ich will es dem Volke sagen, und das Volk soll urteilen.
Dort steht der Frevler, der nachts die Herrin überfiel, um sie seinen Wünschen gefügig zu machen — mit Gewalt, wenn es nicht anders ging!«
Ich deutete mit ausgestreckter rechter Hand auf Muzaffer, und ich nannte auch seinen Namen.
»Muzaffer drang während der Nacht in das Schlafgemach Fatmes, aber ich wachte, ich erkannte seine Absicht, und — das andere ist Euch allen bekannt — ich konnte ihn nicht verletzen, ich hatte keine Waffe, mit der ich ihm eine Wunde schlagen konnte, aber —«
Und nun muss ich erst etwas einschalten.
In meiner linken Hand hielt ich noch die Kapsel, und in dieser tickte es, sodass ich die Morsezeichen an meiner Hand spürte, und sie sagten mir etwas, was ich nicht hatte wissen können.
»Aber«, sagte ich also, »ich habe ihn, den ich trotz der Finsternis erkannte, noch gezeichnet, und dieses Zeichen ist geblieben, er kann es nie und nimmer verwischt haben.
Ihr Krieger, wollt Ihr den Beweis haben, dass Ihr einem Manne gehorcht, der sich an einem schwachen Weibe verging? Der sich nicht scheute, unter dem Schutze der Nacht, die allen heilig ist, ein schnödes Verbrechen zu verüben, wie es noch nie in diesem Reiche verübt worden ist?«
Da trat Chaireddin vor.
»Nenne diesen Beweis, und wenn er vorhanden ist, dann wehe dem Frevler!«
Mir gegenüber hielt er eine Strafandrohung für ganz überflüssig, und sie war es tatsächlich, denn ich wusste, dass die Krieger alle über mich herfallen würden, falls die Sache nicht stimmte.
Aber ich wusste doch, dass alles in Ordnung war.
»Nimm Muzaffer den Helm ab, Chaireddin!«, sagte ich. »Und auf seinem Wirbel wirst Du eine kahle, wunde Stelle finden, denn dort riss ich ihm im Kampfe ein großes Büschel Haare aus!
Und solltest Du mir trotzdem nicht glauben, dann will ich diese Haare selbst zur Stelle schaffen!«
Muzaffer taumelte zurück.
Das hatte er nicht erwartet. Sicher hatte er den Sklaven am nächsten Tage aufgesucht und ihn durch Drohungen oder auch durch Versprechungen dazu bestimmt, diese Tatsache zu verschweigen.
Hussein hatte wohl infolgedessen behauptet, er wisse nicht, wer der nächtliche Angreifer gewesen sei, und außerdem — er war doch schwer verwundet gewesen —
»Lügner! Elender Lügner!«, schrie Muzaffer.
Dann riss er sein Schwert aus der Scheide und drang auf mich ein.
Chaireddin und andere Krieger wollten dazwischenspringen — vielleicht war jeder Kampf in den heiligen Räumen verboten —
Doch ich rief mit schmetternder Stimme:
»Zurück! Er hat das Urteil Ebimelechs angerufen. So soll Ebimelech entscheiden, und ich will mit Muzaffer kämpfen.«
Das Volk jubelte laut.
Ich stieg von dem Throne herab und stellte mich Muzaffer gegenüber, der nicht gewagt hatte, ohne Weiteres über mich herzufallen.
»Chaireddin, Du wirst Kampfrichter sein!«, sagte ich.
»Ich will es«, erwiderte er.
Da hob auch schon Muzaffer sein gewaltiges Schwert.
Ob er gemerkt hatte, dass meine Rüstung und meine Waffen den seinen gleichwertig waren, weiß ich nicht, muss es aber annehmen. Sicher hatten seine Spione, die er überall unterhielt, ihm das gemeldet. Ebenso sicher aber war er seiner Meinung nach mir doch an Geschicklichkeit und Übung überlegen.
Nun, er wurde alsbald eines besseren belehrt.
Ich hatte mir geschworen, ihn gehörig zu vertobaken, wie ich das nannte, und dieses Versprechen löste ich nun ein. Zu rühmen brauche ich mich nicht weiter, ich will nur sagen, dass schon nach wenigen Hieben das Schwert aus Muzaffers Hand weit in den Tempel hineinflog, dass er also für einen Moment waffenlos war und ich ihn hätte töten können, dass ich aber sofort ebenfalls mein Schwert wegwarf und auf den Ringkampf einging, den er begann.
Da kam er erst recht an den Falschen.
Es war ein schwerer und sehr kräftiger Mann. Doch das half alles nichts.
Nach einer Minute schon hatte ich ihn aufgehoben, dass er hoch über meinem Kopfe schwebte. Und dann schmetterte ich ihn mit solcher Wucht nieder, dass die Platten, die den Fußboden bildeten, zersprangen, wo er aufschlug.
Dabei wurde der Helm von seinem Haupte geschleudert, weil das Sturmband zerriss —
Und da schrie Chaireddin auch schon auf und deutete mit der rechten Hand auf die verräterische Stelle, von der ich gesprochen hatte.
Deutlich war zu sehen, dass auf dem Wirbel Muzaffers ein ganzes Büschel Haare ausgerissen war.
Der Beweis, den ich versprochen hatte, war in doppelter Hinsicht geliefert, denn die Haare fehlten, und außerdem hatte ich ihn in regelrechtem Kampfe vollkommen besiegt.
Fatme aber fügte einen dritten Beweis hinzu.
Sie brachte aus ihrem Gewand einen Dolch zum Vorschein.
»Kennst Du diesen Dolch, Chaireddin?«, fragte sie, vom Throne herabsteigend und dem Krieger die Waffe vorhaltend.
»Es ist Muzaffers Dolch, den er angeblich verloren hatte. Und den ich ihm entwand, ohne dass er es merkte!«
Da erhob sich ein schrecklicher Tumult.
Nicht nur das Volk tobte, sondern auch die Frauen und die Mädchen gerieten ganz außer Rand und Band, und am meisten die Krieger.
Nur der Umstand, dass Muzaffer bewusstlos war, rettete ihm für den Augenblick noch das Leben.
Aber sie beraubten ihn seiner Rüstung und banden ihn. Dann trat Chaireddin vor mich hin und neigte sich tief vor mir.
Diesmal jubelten die Krieger allesamt über diese Huldigung. Jetzt war ich wirklich ihr Held geworden.
»Du wirst bestimmen, was mit dem Elenden geschehen soll!«, sagte Chaireddin.
»Du irrst«, erwiderte ich. »Nicht ich habe ihn zu richten, sondern Fatme, denn sie beleidigte er, sie wollte er jetzt zwingen, einen Unwürdigen zum Gatten zu nehmen.«
Da erst besann man sich auf Hussein, den Sklaven.
Aber der war nirgends mehr zu sehen.
Eine gewaltige Aufregung entstand, die sich jedoch sofort legte, als Fatme rief:
»Er kann nicht entkommen! Lasst ihn sich jetzt sicher wähnen. Dann aber werde ich Euch sagen, wo ihr ihn findet!«
»Und willst Du uns auch sagen, was mit diesem geschehen soll?«, fragte da Chaireddin, nachdem er sich zustimmend verneigt hatte.
»Führt ihn, sobald er wieder bei vollem Bewusstsein ist, vor Ebimelech!«, erwiderte sie.
Kein Widerspruch wurde laut. Man wusste offenbar, was dann geschehen würde.
Aber man gab sich nunmehr Mühe, Muzaffer wieder zum Leben zurückzurufen.
Es gelang, doch es dauerte noch eine ganze Weile, ehe er sich besann, was geschehen war.
Die Stricke an seinen Händen und an seinen Füßen belehrten ihn deutlich genug, dass er gefangen, seine Macht gebrochen war.
Man stellte ihn auf die Füße.
»Du bist immer tapfer gewesen, Muzaffer«, sagte nun Chaireddin. »Du wirst auch jetzt nicht feig sein und gestehen, dass Du an Fatme schwer gefrevelt hast!«
»Gefrevelt? Nennst Du das einen Frevel, wenn man ein törichtes Weib zwingen will, vernünftig zu handeln?«, schrie Muzaffer wütend. »Oder willst Du leugnen, dass ich allein der rechte Mann für sie gewesen wäre?«
»Hussein hat bewiesen, dass er stärker und gewandter ist als Du, und somit ist er Dir überlegen, also ist er der rechte Mann für unsere Herrin«, erwiderte jedoch Chaireddin.
Dann aber fragte er:
»Du gibst zu, sie überfallen zu haben?«
»Ja, ich tat's!«
»Das genügt! Ihr alle habt es gehört! Und nun soll nach dem Willen Fatmes geschehen!«
Die Krieger, die dem Gefangenen am nächsten standen, zogen ihn die Stufen hinab vor den riesenhaften Elefanten.
Weder ich noch Fatme folgten ihnen, wir konnten von oben aus sehen, was sich dort unten abspielen würde.
Der Elefant, der sich nicht mehr gerührt hatte, bewegte sich nicht, als Muzaffer vor ihn geführt wurde, aber Chaireddin, der den Oberpriester gezwungen hatte, mit ihm zu gehen, befahl diesem nun, den Gott anzureden.
Ormuzd, den ich im Verdacht hatte, mit Muzaffer unter einer Decke gesteckt zu haben, musste alles aufbieten, um jedes Misstrauen von sich abzulenken, und so tat er, wie ihm geheißen ward. Er beschwor den Gott, den Schuldigen zu strafen.
Lautlose Stille herrschte ringsum.
Jetzt erst musste die endgültige Entscheidung fallen, und Fatme hatte sie herausgefordert; sie musste also überzeugt sein, dass sich dieses Urteil des Gottes nicht gegen mich wenden würde.
Und in der Tat!
Der riesenhafte Elefant bewegte den Rüssel nach vorn. Im Nu hatte er Muzaffer gepackt und emporgehoben. Hoch in der Luft schwebte der Mann —
Doch was alle erwartet hatten, geschah nicht. Plötzlich wurde ich durch ein seltsames Getöse aufmerksam, das hinter dem mächtigen Teppich erklang, der das große Tor wieder verhüllte.
Auch alle anderen hörten es, und ich gewahrte sogleich, dass sich aller eine gewaltige Bestürzung bemächtigte, ja, sogar offenbar Furcht —
Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Ich schaute erst noch einmal auf den Elefanten und sah, dass dieser Muzaffer nicht zu Boden schmetterte, ihn dadurch natürlich tötend, sondern ihn ganz sanft hinstellte.
Dann jedoch hob er den Rüssel wiederum, streckte ihn vor und begann zu trompeten, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.
Was für ein Wunder sich da abspielte, kann man ja gar nicht schildern, oder wie sollte das möglich sein, wenn sich solch ein steinerner Elefant plötzlich ganz wütend gebärdet, von einem Bein auf das andere tritt und immer von Neuem das Angriffssignal hinausschmettert, als welches dieses Trompeten doch aufgefasst werden musste?
Dabei rückte er langsam gegen die Treppe hin vor.
Ich staunte und staunte —
Vielleicht kam er gar noch die Stufen herauf?
Da aber kam etwas anderes heran.
Der Teppich wurde zur Seite gerissen, und ich traute meinen Augen nicht.
So etwas hatte ich doch nicht einmal im Wunderreiche Loke Klingsors erlebt!
Durch das Tor kam ein Mann — nein, das war ein Riese — mindestens so hoch wie der Elefant —
Und dieser Riese war ebenfalls aus Stein, nur viel plumper gestaltet als das Tier.
So erschrecklich sein Anblick auch auf mich wirkte, mein Verstand arbeitete vollkommen ruhig, und ich fragte mich, wo ich einen solchen Steinriesen schon einmal gesehen hatte.
Denn dass dies der Fall gewesen war, das wusste ich genau, ganz genau sogar!
Und mein Gedächtnis ließ mich nicht im Stiche.
Solche steinerne Riesen waren in einem Buche abgebildet gewesen, das ich sogar selbst besaß, in dem Bericht einer deutschen Forschungsexpedition, die nach Rapanui geschickt worden war, nach dem entlegensten aller Eilande, nach der Osterinsel!
Dort standen noch solche Steinriesen. Die meisten waren allerdings umgestürzt —
Es gab gar keinen Zweifel, dazu war die Kopfbedeckung zu charakteristisch, diese seltsame Mütze —
Ja, mein Gott, wie kam denn aber ein solcher Steinriese von Rapanui hierher?
Und noch dazu lebendig?
Ich wusste wirklich nicht mehr, ob ich träumte oder wachte, nahm das erstere an, denn so etwas konnte es in Wahrheit ja gar nicht geben.
Aber ich sollte noch ganz anderes erleben.
Jetzt hatte der Elefant den Riesen erblickt!
Noch wütender als zuvor wurde sein Trompeten. Er stürmte die Stufen empor —
Im nächsten Augenblick mussten die beiden lebendig gewordenen Steinriesen gegeneinanderprallen — —
Schreckensstarr stand alles ringsum.
Ich selber war doch wie gelähmt —
Und in diesem Augenblick kam mir eine Erleuchtung.
Jetzt besann ich mich auf ein Wort, das Fatme gesprochen hatte.
Der Golem!
Das hier musste ein Golem sein!
Was es war, wusste ich ja noch nicht, aber ich wusste, dass ich recht hatte!
Und ich besann mich weiter, dass Fatme erzählte, Muzaffer verwahre diesen Golem, den er Loke Klingsor entwendet hatte!
Jetzt hatten die Anhänger des gefangenen Schurken diesen Golem losgelassen, dass er mit Ebimelech, dem steinernen Elefantengotte, kämpfte!
Und da stieß dieser Steinriese ein Gebrüll aus, das kein Mensch zu beschreiben vermöchte. Es war grauenhaft, nervenerschütternd, übertönte das Trompeten des Elefanten —
Aber es war der einzige Ton gewesen, den der ausstoßen konnte.
Noch brüllend stürzte er nach vorn, raffte sich nochmals auf, stand wankend da, fiel abermals —
Und diesmal schlug er mit furchtbarem Krachen auf den Boden, gleich den Platten selber in Tausende von Stücken zerspringend —
Nur sein Kopf blieb unversehrt, rollte über den Boden weiter, kam bis vor die Füße des Elefanten, der regungslos dastand —
Das Tier hob den rechten Fuß, als wolle es den Kopf zerstampfen, aber — es stieß nicht zu, hielt ihn in der Luft und erstarrte neuerdings —
Zu gleicher Zeit tat sich der Leib des Elefanten auf — ich konnte gar nicht sehen, wie das zuging —
Eine Treppe senkte sich —
Ja, und dann kam ein Geschöpf aus dem Bauche des Tieres, ein Geschöpf so sonderbar anzusehen, dass mein Verstand abermals stillzustehen drohte.
Es war offenbar ein Mensch, aber eine Missgeburt, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte —
Ich brauche sie nicht zu schildern, ein Name wird genügen, den ich freilich erst später erfuhr:
Es war der Bunte Maulwurf!
Und ihm folgte, wie ich nun gleich verraten will, eine andere Missgeburt — der einäugige Zyklop —
Vierzig andere Männer entstiegen nacheinander dem Bauche des Elefanten, und diese vierzig waren normale Menschen, nur in jene Rüstungen gehüllt, die ich schon kannte, mit Pistolen ausgerüstet, die mir ebenfalls vertraut waren —
Ich aber hielt sie für Abgesandte Lokes!
Fast hätte ich laut aufgejubelt und wäre zu ihnen geeilt.
Da aber sah ich, wie der Bunte Maulwurf sich auf dem Boden mit bewundernswerter Schnelligkeit bewegte, bis er den Kopf des Steinriesen erreichte, wie seine Leute ihm halfen, diesen zu packen, wie sie ihn zertrümmerten und ihm etwas entnahmen. was ich gar nicht richtig zu sehen bekam —
Jedenfalls hatte die Missgeburt es rasch in irgendeiner Tasche oder sonst wo verschwinden lassen.
Das alles hatte sich so schnell abgespielt, dass ich zum Niederschreiben viel längere Zeit brauche, als es dauerte, und auch das nun folgende Schauspiel entwickelte sich entsprechend schnell.
Der Führer der vierzig musste genaue Instruktionen seines sonderbaren Herrn haben. Er trat vor und rief mit lauter Stimme:
»Keiner von Euch rühre sich! Wer es wagt, ist des Todes! Ihr kennt unsere Waffen, und wir werden Euch nichts zuleide tun, nachdem wir erlangten, was wir suchten. Wir haben den Golem an uns gebracht — Ihr wisst, dass er uns zu Herren über Euch macht — doch wir werden Euch nicht stören. Feiert das Fest weiter, das Ihr feiern wolltet —«
Er verstummte, sein Herr hatte ihm wohl etwas zugeraunt.
Er lachte auf.
»Verzeiht!«, fuhr er dann fort. »Ich habe mich geirrt. Ihr werdet das Fest doch nicht zu Ende feiern können, denn ich muss die Auslieferung des Mannes fordern, dem Fatme, Eure Herrin, sich vermählen wollte!
Vielleicht kann diese Vermählung später noch stattfinden, denn wir werden jenen vielleicht nur für einige Zeit gefangen halten müssen, ihn aber dann zurückgeben. Jetzt jedoch muss er mit uns gehen! Liefert den aus, den Ihr Hussein nennt!«
Bisher hatten Volk, Frauen und Mädchen und die Krieger sich schweigend verhalten, ich selber hatte noch gar keine Zeit gefunden, nach Fatme zu sehen und festzustellen, wie diese Überraschungen auf sie wirkten, aber als ich es jetzt tun wollte, ward es unnötig, denn —
Auf einmal kam sie zu mir gestürmt, und ehe ich wusste, was sie wollte, hatte sie mich mit beiden Armen fest umschlungen, sich eng an mich pressend.
»Nie! Nie! Nie!«, schrie sie. »Eher sterbe ich, als dass ich ihn lasse!«
Und das war ein Zeichen für Chaireddin und seine Krieger, sich um uns zu scharen, auch die Frauen und das Volk drängten sich herbei —
Chaireddin aber schrie durch den neuerdings entstehenden Tumult:
»Hinaus mit Euch! Hinaus! Oder wir schlagen Euch tot!« —
Aber der Führer der Eindringlinge hob nur die Pistole.
Ich sah voraus, was kommen musste — hindern konnte ich es nicht mehr.
Ein Blitzstrahl schoss nach dem wackeren Chaireddin, und schon sank er vollkommen lautlos nieder.
Da wussten alle, dass sie nichts ausrichten konnten gegen diese furchtbaren elektrischen Waffen.
Nur Fatme wich nicht von mir.
»Nehmt mich mit! Ich will mit ihm gehen!«, rief sie, »was er leidet, will ich auch leiden!«
Doch der Führer der vierzig schüttelte das Haupt.
»Gib ihn frei, Fatme!«, sagte er. »Und ich verspreche Dir feierlich, dass er Dir bald zurückgegeben werden soll!«
»Nein, ich lasse ihn nicht! Töte mich lieber!«
Doch der Unbarmherzige schüttelte abermals den Kopf, wollte etwas erwidern, da kam ich ihm zuvor.
»Und wenn ich mich weigere, Dir zu folgen?«, rief ich.
Ein Lachen war die Antwort, es klang höhnisch und verächtlich genug.
Das war gerade das Richtige.
»So komm doch und sieh, ob Du mich packen kannst!«, schrie ich, schob Fatme hinter mich und griff nach dem Schwert, das einer der Krieger mir bot.
Abermals erklang das höhnische Lachen, aber es verstummte alsbald —
Wieder bewegte sich der mächtige Teppich, zugleich aber entstand auch hinter dem Volke eine Bewegung. Und auf einmal wurden die Massen von eindringenden Männern durchbrochen.
Unwillkürlich jubelte ich nun laut auf.
Diese Männer kannte ich.
Die Skalden waren es, die ich während der Belagerung im Lager Lokes gesehen hatte.
Durch die Masse des Volkes kamen zwei herangestürmt —
Ich rief ihre Namen laut:
»Hildebrand! Tankred!«
Und da erscholl hinter mir ein anderer Schrei, ein Schrei des Entsetzens — Fatme hatte ihn ausgestoßen —
»Weh uns! Loke Klingsor!«
Hei, wie ich mich umwendete!
Wie ich vor Freude aufschrie, als ich ihn sah, diesen Mann, den ich nun erst recht bewunderte! Da kam er heran, hinter ihm seine Schwester und — Chlorinde, die Königin —
Ich traute doch meinen Augen gar nicht, noch viel weniger als selbst vorhin, wo die beiden steinernen Ungeheuer gegeneinander gerannt waren, um miteinander zu kämpfen!
Hatten die beiden sich versöhnt?
Ich wollte Loke entgegeneilen, blieb aber, wo ich stand, musste mich über Fatme beugen, die leblos zu meinen Füßen niedergesunken war.
Und während ich sie aufhob, sie auf meine beiden Arme nahm, fest entschlossen, sie zu schützen, falls Loke sie bestrafen wollte, sah ich, wie die tapferen Krieger allesamt ein Knie beugten, wie auch die Frauen und Mädchen, das ganze Volk, niedersanken —
Der bloße Anblick dieses Mannes genügte dazu, es war wunderbar —
Und so sah ich ihn, ohne dass er auf mich achtete, vorwärts schreiten, die Stufen hinab, gerade auf den Käfig zu, in welchem noch die Gefangenen staken, die selbstverständlich Zeugen der Szenen geworden waren.
Wieder herrschte Totenstille in dem weiten Raume.
Tankred und Hildebrand hatten sich nur des Bunten Maulwurfs bemächtigt und des Zyklopen, die sich übrigens nicht im Geringsten wehrten — ein Wunder, das ich erst noch verstehen lernen sollte —
So schritt also Loke Klingsor auf den Käfig zu, in welchem auch Angela stand, den kleinen Loke auf dem einen Arme.
Ich hatte mich nicht um sie kümmern können, nicht um die anderen Gefangenen.
Jetzt zum ersten Male schaute ich wieder auf sie, und ich muss gestehen, mir bebte das Herz im Leibe.
Was würde nun werden?
Erkannte sie ihn, den Mann, der sie so schnöde betrogen hatte?
Ich wusste doch, dass er sich ihr in seiner wahren Gestalt gezeigt hatte —
Loke Klingsor stand vor dem Käfig still.
Er trug eine glänzende Rüstung; aber sie fiel plötzlich von ihm ab.
Ich sah, wie er die Hände zu seinem Gesicht hob —
Aber was sonst vor sich ging, sah ich nicht.
Ich hörte nur auf einmal den Jubelschrei einer Kinderstimme.
»Daddy! Dear Daddy! Papa, lieber Papa!«
Und dann sah ich, wie der kleine Loke die Ärmchen ausstreckte, wie er sie gegen das Gitter hielt —
Ich hörte den gellenden Jubelruf einer Frauenstimme:
»Karl! Mein lieber, lieber Karl!«
Und da fiel das Gitter —
Wie es geschah, weiß ich nicht.
Loke Klingsor streckte beide Arme vor, er umfasste Angela und hob sie heraus, und dann —
Ich schämte mich der Tränen nicht, die über meine Wangen und — auf das totenblasse Gesicht Fatmes niederrannen!
Wer sollte auch nicht ins tiefste Innerste erschüttert werden durch dieses Wiedersehen!
»Angela!«, hörte ich Loke stöhnend rufen. »Treueste aller treuen Frauen!«
Da aber spürte ich, wie sich zwei weiche Arme um mich rankten.
Jetzt erst erkannte ich, dass Fatme wieder zu sich gekommen war — verzweifelt schmiegte sie sich an mich.
»Hussein!«, murmelte sie. »Verlass mich nicht! Ich muss sterben, wenn Du mich nicht liebst!«
Da hatte ich den Krempel!
Ich muss ein sehr, sehr dämliches Gesicht gemacht haben!
Und sollte ich auch nicht!
Konnte ich denn jetzt diesem Weibe brutal ins Gesicht schreien, dass ich seine Liebe nicht erwiderte?
Ich hätte Fatme auf der Stelle umgebracht damit.
Aber was sollte denn nun werden?
Einmal musste sie doch die Wahrheit erfahren!
Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, verhielt ich mich ganz ruhig, streifte die mich umklammernden Arme nicht ab, und so hörte ich Fatme dann sagen:
»Was ist das nur? Loke hält eine Frau in den Armen, den Knaben? Hussein, weißt Du, was das bedeutet?«
Ja, was sollte ich denn sagen?
»Es ist seine Frau, es ist sein Junge!«, erwiderte ich.
»Seine Frau? Loke ist verheiratet?«
In maßlosestem Staunen sprach sie diese Worte, und ich musste zugeben, dass sie ein Recht dazu hatte.
Aber inzwischen ging die Sache schon weiter.
Die Skalden, deren Zahl ich auf dreihundert schätzte, hatten ihren Führer umringt; auch sie staunten nicht schlecht, aber sie waren doch auch alle freudig erregt, und ihnen wandte sich Loke nun zu.
Er drehte sich so, dass auch ich sein Gesicht sehen konnte.
Himmel, das war doch gar nicht Loke Klingsor!
Ich wusste ja gleich Bescheid, aber für den ersten Augenblick war ich doch erstaunt, dass ich auf einmal den »Versicherungsinspektor« Karl Steen vor mir sah!
Auch die Skalden wussten Bescheid.
Immerhin blieb die Situation verfänglich.
Da trat Turandot neben ihren Bruder.
In der lautlosen Stille, die herrschte, vernahm nicht nur ich jedes ihrer Worte, sondern alle hörten sie. Sie sagte:
»Heil und Glück Dir, Angela Steen! Deine Treue ist viel geprüft worden, aber nun hat sie den verdienten Lohn gefunden, denn wisse, was Dir ja schon gesagt worden ist: Dein Mann heißt nicht Karl Steen, er ist nicht ein simpler Versicherungsbeamter, sondern ein Fürst in einem gewaltigen Reiche und heißt Loke Klingsor!
Du aber, Bruder, lass die Maske fallen, in der Du um ihre Liebe geworben und diese Liebe gewonnen hast! Sie wird Dir alles vergeben, denn echte Liebe glaubt alles, versteht alles, verzeiht alles!«
Und ich sah, wie Loke Klingsor sich abermals über das Gesicht strich, wie es sich änderte —
Als er die Hände sinken ließ, war es sein Gesicht, war er der Loke Klingsor, den ich kannte.
So beugte er ein Knie vor Angela, senkte auch demütig das Haupt —
Da aber besann ich mich.
Ich hatte von ihm selber die ehrenvolle Aufgabe erhalten, seine Frau zu ihm zu führen. Ich hatte das in der Erregung momentan vergessen.
Jetzt dachte ich daran, jetzt wollte ich mein Wort einlösen.
»Gib mich frei, Fatme!«, bat ich. »Ich muss hinunter! Aber ich kehre sofort zu Dir zurück!«
Jawohl, die mich freigeben!
Sie dachte nicht daran.
»Ich gehe mit Dir, Hussein! Ja, ich gehe mit! Und da will ich ihn gleich um Verzeihung anflehen und ihn bitten, dass er uns beide vereint!«
Jawohl, das sagte sie, und zwar so demütig, aber auch so jubelnd, dass ich ein Barbar hätte sein müssen, hätte ich sie zurückstoßen wollen.
Meinetwegen!
Loke Klingsor hatte mir die Suppe eingebrockt, mochte er sie nun auch auslöffeln.
Das Wort von der »letzten Prüfung«, die er über mich hatte verhängen wollen, hatte ich längst vergessen.
Ich sollte aufs Unangenehmste dran erinnert werden.
Also wir beide brachen uns Bahn, und ehe Angela noch etwas hatte erwidern und tun können, stand ich neben ihr, neben mir wieder Fatme. Loke also kniete vor seiner Frau, aber er schaute zu dieser empor.
Und da war mir, als huschte blitzschnell ein sehr spöttisches Lächeln über sein markantes Gesicht.
Sofort jedoch war es wieder tiefernst, dass ich annahm, ich hätte mich getäuscht, und da fasste ich mir ein Herz.
»Frau Angela«, sagte ich und sprach auf einmal wieder Englisch, was ich bisher gar nicht mehr gekonnt hatte, jetzt aber tat, ohne dass es mir zum Bewusstsein kam, »Frau Angela, ich bin mit der mich hoch ehrenden Aufgabe betraut worden, Sie Ihrem Gatten zuzuführen.
Sie haben gewiss Grund, ihm zu zürnen; aber Sie sehen doch, dass er Sie über alles liebt, und Sie haben gehört, dass wahre Liebe alles versteht und alles verzeiht. Daher werden auch Sie ihm vergeben —«
Und dann setzte ich noch einen Trumpf darauf, der mir glücklicherweise einfiel.
»Um des Kindes willen, das Sie beide lieben!«
Angela hatte mich unverwandt angeschaut, und ich war bei diesem Blicke der großen, schönen Frauenaugen butterweich geworden — wirklich butterweich — aber ich sah doch, dass sie schon vergeben hatte.
Sie beugte sich vor, legte beide Hände auf die Schultern des Knienden und zog ihn sanft zu sich empor.
»Ja, ich liebe Dich«, sprach sie mit einer Stimme, die mich wie die eines wahren Engels dünkte. »Aber zu verzeihen habe ich Dir nichts. Beglücke uns beide, Deinen Loke und mich, auch weiter durch Deine Liebe!«
Dann umschlang sie beide, küsste erst ihn und dann den Knaben.
Hei, wie da die Skalden jubelten, vor allem Turandot, Tankred und Hildebrand!
Und noch hatte der Jubel sich nicht gelegt, da geschah schon etwas anderes.
Prinzessin Turandot hatte die Hände Tankreds erfasst, des tapferen Grafen, und nun zog sie ihn, der nicht wusste, was sie wollte, zu Chlorinde, die erglühend und erblassend zurückwich, ihr indessen doch die eine Hand ließ.
»Du hast es gehört, Königin!«, rief Turandot nun mit heller Stimme. »Wahre Liebe verzeiht alles! So verzeihe Du diesem hier, der so lange in unwandelbarer Treue um Dich geworben hat. Willige ein, seine Gattin zu werden, und lasst Euch beide segnen durch diese reine Frau!«
Wie es kam —? Die beiden knieten vor Angela.
Strahlenden Auges schaute diese auf sie nieder.
»Ihr liebt Euch?«, fragte sie.
»Ja, ja!«, jubelte der Graf, dass es durch die Halle höhnte.
»Ja«, hauchte Chlorinde.
»Dann segne ich Euch kraft der Liebe, die Gott selber in mein Herz pflanzte!«, sagte Angela und legte jedem der beiden eine ihrer Hände aufs Haupt.
Demütig senkten sie es, aber bald sprang Tankred auf, Chlorinde mit sich reißend.
Und ehe sie noch wusste, wie ihr geschah, hatte er sie umschlungen, hatte das schöne, stolze Weib hoch in die Luft gehoben, schwenkte sie einmal herum, stellte sie ganz sanft auf ihre Füße und drückte ihr einen Kuss auf den Mund, dass es klatschte!
Alles lachte und jubelte — auch die Untertanen Fatmes —
Und da geschah, was ich hatte kommen sehen!
Auf einmal wurde ich von ihr ebenfalls vor Angela gezogen.
Ob ich wollte oder nicht, ich musste neben ihr niederknien, und schon rief sie:
»Loke, eine Missetäterin kniet hier, kniet vor Deinem Weibe, und um dieses Weibes willen, um des Glückes willen, das sie Dir schenkte, wirst Du mir verzeihen, wird sie auch meine Liebe segnen —
Angela, ich liebe ihn, wie er mich liebt! Füge uns zusammen nach der Weise, die bei Euch üblich ist, und wir wollen Dir in steter Treue dienen!«
Na also! Jetzt hatte ich die Bescherung!
Was ich dabei dachte?
Es war gar nicht viel und lässt sich in wenige Worte fassen:
»Strambach, wenn jetzt Deine Sakuntala Dich erwischte!«
Wahrhaftig! Das dachte ich und weiter gar nichts!
Ich war doch nicht mehr Hussein, der Sklave, der sich alles hatte gefallen lassen müssen —
Aber der Trotz, zu dem ich mich aufraffen wollte, war gar nicht weit her. Ich erkannte ganz klar die große Schuld, die ich auf mich geladen hatte — und für die ich nun wohl würde büßen müssen.
Sakuntala war für mich verloren, das war klar!
In mir regte sich sogar schon eine Stimme, die mir zuraunte:
»Was willst Du denn, Du Narr? Ist dieses Weib neben Dir nicht mindestens ebenso schön wie die Indianerin? Hast Du sie nicht vielmals geküsst und sie in Deinen Armen gehalten? Hast Du dabei nicht den Himmel offen gesehen?«
Ja, ja, das sagte ich mir wohl, und auch, dass ich ein gewissenloser Schuft genannt werden müsste, wenn ich jetzt diesem liebenden Weibe einen so bittern Schmerz bereitete — aber, aber!
War ich denn schuld daran, dass ich Hussein, der Sklave, geworden war?
War ich denn der alte Willmer gewesen, als ich diese Fatme zu lieben wähnte?
Und als dieser Gedanke mir kam, da musste ich auf Loke Klingsor blicken — es war sicher kein freundlicher Blick — und ich muss gestehen, ich habe die Hände verstohlen geballt, als ich ihn lächeln sah.
Durfte denn dieser Mensch auch noch feixen, weil er mich in diese Patsche gebracht hatte?
Ich kann sagen, eine Wut gegen ihn war in mir, dass ich ihm am liebsten an die Kehle gesprungen wäre!
Aber ich hatte ihm wieder einmal unrecht getan!
Angela, die nun einmal im Segnen war, schaute gütig auf uns, wie sie vorher auf Tankred und Chlorinde geschaut hatte, und ebenso fragte sie:
»Liebt Ihr Euch?«
Jauchzend antwortete Fatme ihr Ja, und ich — ich?
Da aber hob Loke Klingsor die rechte Hand.
»Halt!«, scholl seine Stimme durch die feierliche Stille.
Sofort wendete Fatme sich ihm in vollstem Entsetzen zu. Ihr schönes Gesicht erbleichte zum Erschrecken. Sie wollte sicher bittend die Hände heben, ohne es fertig zu bringen. Sie ließ die Arme schlaff sinken und ebenso das schöne Haupt. Tränen rannen ihr über die Wangen.
Ach, wie mir da das Herz pupperte!
Ich habe schon gesagt, dass ich Frauen nicht weinen sehen kann, und hätte Angela mich jetzt wieder gefragt, ob ich diese Frau liebe, ich hätte es bejaht — bloß, damit sie aufhörte, zu weinen!
Sie schluchzte auch nicht, die Tränen flossen lautlos, aber um so erschütternder —
Loke Klingsor indessen schien ein härteres Herz zu haben, als es in meiner Brust schlug.
Er trat vor uns — zwischen seine Frau und uns.
»Steh auf, Fatme!«, gebot er.
Sofort gehorchte sie ihm.
Als ich sie aber schwankend vor ihm stehen sah, erschien es mir als selbstverständliche Pflicht, ebenfalls aufzuspringen und sie zu stützen. Ich zog sie sogar an mich und konnte gar nicht fassen, dass sie sich sanft, aber entschieden aus meinen Armen löste.
Ich schaute Loke an und sah ihn lächeln — nicht spöttisch — ich weiß nicht, wie ich dieses Lächeln schildern soll — wenn es keine Gotteslästerung wäre, möchte ich sagen:
So muss der Heiland gelächelt haben, als er am Brunnen der Sünderin vergab, weil — sie viel geliebt hatte.
Geliebt!
Das heißt also: sich mit seinem ganzen Sein dem Geliebten geben, nichts kennen auf Erden als ihn, bereit sein, in den Tod zu gehen, wenn sein Wohl es erfordert.
Ich stand noch verwundert, wusste nun wirklich nicht mehr, was ich denken, und gleich gar nicht, was ich tun sollte, da fragte Loke:
»Du weißt, wo jener Hussein sich aufhält, der Dein Sklave war?«
Sie nickte schweigend.
»So lass ihn holen und hierher bringen!«
Fatme gab einem ihrer Krieger einen Befehl. Der Mann enteilte und kam schon nach Kurzem mit meinem Doppelgänger zurück — mit meinem bisherigen Doppellänger, hätte ich sagen müssen, denn ich fühlte mich ja wieder als Karl Willmer. Nur die Erinnerung an meine letzten Erlebnisse konnte ich nicht aus meiner Seele tilgen, und in dieser Hinsicht war ich also doch noch ein Doppelwesen. Der elende Mensch, dessen Posten ich also hatte einnehmen müssen, zitterte vor Furcht an allen Gliedern und wagte nicht, die Blicke zu erheben. Loke jedoch fragte Fatme:
»Ist das der Mensch, der Dein Sklave war und Hussein heißt?«
Verständnislos schaute sie ihn an.
»Dort steht der echte Hussein«, sagte sie. »Dieser ist ein Betrüger.«
»Nein, Fatme, das ist er nicht. Er ist der, der Dich die Liebe lehrte, den Du liebtest, und er hat Dich vor dem Anschlag Muzaffers unter Einsetzung seines Lebens geschützt. Als Beweis dafür sieh die Narben auf seiner Brust!«
Fatma lachte verächtlich.
Hier steht der Held, der mich rettete — damals und heute!«
»Bitte, Herr Willmer, entblößen Sie Ihre Brust!«, wendete Loke sich an mich, und ich war ja selber gespannt, was nun zum Vorschein kommen würde.
Aber als ich meine Brust enthüllt hatte, sah ich Fatme schreckensbleich zurückweichen, und sie hatte guten Grund dazu, denn meine Brust wies nicht die geringste Narbe mehr auf, wie sich das ja auch gehörte.
»Er ist nicht Hussein?«, stieß Fatme mühsam hervor.
»Er ist es nicht, war es nur während der Zeit, wo ich es wünschte. Ich wusste doch, was Dir drohte, und da ich ebenso wusste, dass dieser echte Hussein dort Dich nicht würde retten können, sandte ich Dir diesen meinen jungen Freund —«
»Und ich habe —«
»Du hast ihn geküsst, warst bereit, seine Frau zu werden«, vollendete Klingsor. »Du kannst aber nicht bestreiten, dass Du immer den geliebt hast, der Dich vor Muzaffer rettete — und der steht dort, der echte Hussein. Dass er ein Narr geworden ist, kann seine Heldentat nicht schmälern, und dass Du ihn jetzt verachtest, kann nicht tilgen, dass Du ihn geliebt hast — so, wie er war — als Narren! Oder, Fatme, hast Du meinen Freund hier nicht als Narren behandelt, nachdem Du selber ihn verfolgt und gefunden hattest? Meinst Du, dass ein echter Mann sich so von einem Weibe behandeln lassen würde, wie es Dir gegenüber diesem vermeintlichen Hussein beliebte? Genug! Du liebtest Hussein, den Sklaven. Dort steht er, und wenn Du nicht Dich selbst beschmutzen willst, dann wirst Du ihm diese Liebe auch jetzt noch schenken, wirst ihn aus der Erniedrigung erlösen, in die Du selber ihn gestellt hast —«
»Niemals!«, schrie das leidenschaftliche Weib auf und tastete schon an der Stelle herum, wo sie sonst den todbringenden Dolch zu verwahren pflegte.
Loke aber lächelte nur.
»Sieh mir in die Augen, Hussein!«, befahl er, und der Sklave, dessen Rolle ich also so lange gespielt hatte, gehorchte sofort. Ich selber aber und alle die Umstehenden, die von diesem Vorgange ja gar nichts verstehen konnten, sahen nun, wie die Augen des armen Menschen seltsam wurden, desgleichen sein Körper, und wie Loke sich zu ihm beugte und ihm etwas in das eine Ohr raunte. Dann machte er eine Bewegung mit beiden Händen und sagte nur das eine Wort: »Erwache!«
Sofort wich die Starrheit von ihm, er öffnete die Augen weit, sah sich aber nur einmal flüchtig um, und als er Fatme stehen sah, da achtete er nicht auf die vielen Menschen, die ihn umgaben, sondern eilte zu ihr, riss sie in seine Arme und presste sie an sich.
»Fatme, will wieder jemand Dich kränken?«, rief er, und der eben noch so feige erscheinende Mensch richtete sich stolz auf. Seine Augen flammten, und — ich kann nur sagen, so musste ich ausgesehen haben, als ich Muzaffer gegenübertrat und ihn entlarvte.
Fatme, die sich ihm hatte entreißen wollen, schaute ihn fassungslos an.
»Hussein!«, murmelte sie kaum vernehmbar.
»Ja, ich bin bei Dir, Geliebte — Dein Hussein! Sage mir, gegen wen ich Dich schützen soll, und wehe ihm!«
Er maß uns, die er nicht kannte, mit drohenden Blicken, und es war klar, dass er bereit war, mit jedem von uns zu kämpfen, trotzdem er abermals waffenlos war, wie damals, als er Muzaffer verjagte. Fatme schaute ihn an, schaute auf mich — plötzlich aber verklärte sich ihr Gesicht.
»Ja, Du bist mein Hussein!«, jauchzte sie. »So kannte ich Dich, so liebte ich Dich — und Du — hast Du Deine Fatme wirklich noch lieb?«
»Das kannst Du fragen?«
Da warf sie sich ihm an den Hals und küsste ihn.
Und ich stand da — wie ein begossener Pudel!
Was für eine jämmerliche Rolle spielte ich hier!
Und doch konnte ich mich nicht aufraffen, Loke zu zürnen. Er kam mir übrigens zuvor.
»Sehen Sie dorthin, Willmer!«, sagte er.
Und als ich nach der Richtung schaute, in die er wies, da sah ich die auf mich zukommen, an die ich immer hatte denken, nach der ich mich immer hatte sehnen müssen — meine Sakuntala!
Sie kam fast feierlich auf mich zu, und alle wichen vor ihr zurück, auch Fatme mit ihrem wiedergefundenen Hussein.
Sie trat vor mich hin, auch jetzt wieder in jeder Bewegung eine jungfräuliche Priesterin und zugleich ein liebendes Weib. Ihre herrlichen Augen strahlten mich an.
»Geliebter«, sagte sie. »Nun bin ich bei Dir. Nun darf ich Dir gehören, und nichts, nichts mehr vermag uns zu trennen!«
Ich aber riss sie an mich, ungestüm und doch zärtlich genug — nicht, um sie vor aller Augen zu küssen, wie Fatme es mit ihrem Hussein getan hatte, der durch Loke von seiner Geistesverwirrung, von seiner Narrheit befreit worden war, sondern um sie vor Frau Angela zu ziehen, auf die Knie nieder, und diese Frau, die doch nicht wissen konnte, was dem allen zugrunde lag, schaute nur in unsere Augen und — wusste Bescheid.
»Ihr liebt Euch, wie Menschen einander lieben sollen«, sagte sie ernst, »und deswegen gehört Ihr einander. Nichts, nichts soll Euch mehr trennen können!«
Sie legte jedem von uns eine Hand auf das Haupt und segnete uns so, und alles ringsum schwieg — auch dann noch, als wir uns erhoben und uns den Verlobungskuss gaben.
Richard Flint hatte die Aufgabe, die Loke Klingsor ihm gestellt hatte, nicht ganz genau zu erfüllen brauchen. Lange, lange hatte er gebraucht, um klar darüber zu werden, was es bedeutete, dass seine Martha ihm einen Sohn schenken sollte, und er wusste gar nicht, was er vor Freude anfangen sollte. Jetzt hätte sein ärgster Feind ihm begegnen können, er hätte ihm restlos vergeben. Umso mehr verlangte ihn, nachdem er sich wenigstens etwas beruhigt hatte, nach einem Wiedersehen mit seiner Frau, und umso rascher wollte er nun die Frau seines Wohltäters aus der Gewalt der Ibaditen befreien. Wie er das anfangen sollte, wusste er freilich nicht. Loke hatte ihm keine Weisung mehr geben können oder geben wollen. Er war ganz auf sich angewiesen, aber er hatte ja schon den Beweis erbracht, dass er zur rechten Zeit immer die richtige Tat fand. Vor allen Dingen musste er das Ewige Licht in Sicherheit bringen, wegen dessen er die gefahrvolle Fahrt bis hierher hatte machen müssen, und da er selber es nicht bergen konnte, so musste er eben seine Frau haben. So untersuchte er die Ausgänge des Raumes, in dem sich der Brunnen befand, denn es war unbedingt nötig, dass er wieder hierher kommen konnte, und dann wollte er aufs Geratewohl einen der Gänge benutzen, als abermals die Stimme Lokes erscholl.
»Herr Flint, die Befreiung meiner Frau hat sich erledigt. Sie ist bereits bei mir, und so haben Sie vollkommen freie Hand, sich mit der Suche nach der Ihren zu beschäftigen. Sie werden dabei noch einige kleine Abenteuer erleben und mühelos bestehen, aber ich muss Sie bitten, die Herrschaften, mit denen Sie dabei in Berührung kommen werden, mit zu mir zu bringen. Wollen sie nicht gutwillig mitgehen, nun, so werden Sie sie zwingen. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Auch sollen Sie nicht erst wieder an den Brunnen zurückkehren müssen, um das Licht darin zu bergen. Ich werde jemand abschicken, der dies tun soll. Jedenfalls erwarte ich Sie recht bald auf meiner Lieblingsbesitzung und verspreche Ihnen schon jetzt einige Überraschungen, die Ihnen sehr gefallen werden.
Leben Sie wohl, und auf Wiedersehen!«
Richard Flint musste als höflicher Mensch diesen Gruß erwidern, doch als er dann etwas fragen wollte, da kam keine Antwort mehr und da zerbrach er sich eben den Kopf nicht weiter, sondern handelte auf eigene Faust, was ihm ja auch, wie er sich selber gestand, das Liebste war. Waffenlos, wie er war, wagte er sich in dem Gange vorwärts, der wieder durch einen schwachen, von irgendwo her kommenden Lichtstrahl erleuchtet wurde und keinerlei Abzweige oder Türen aufwies.
Lautlose Stille herrschte ringsum. Dabei wusste Richard Flint indes ganz genau, dass in dieser Unterwelt — oder war es schon eine Oberwelt? — Menschen hausten. Die beiden Kerls, die ihn hatten töten wollen und die er in den feurigen Abgrund geschickt hatte, waren doch ganz gewiss nicht aus eigenem Antriebe dort unten gewesen, und weil sie als Wächter den Eingang zu dieser unbekannten Welt gehütet hatten, schloss Richard Flint, dass hier allerlei Geheimnisse verborgen sein müssten, weil man sonst eben keine Wächter nötig gehabt hätte.
Richard Flint wusste nicht, ob er noch unsichtbar war, er nahm es nicht an, um sich nicht unnütz einer Gefahr preiszugeben, und so schlich er mit aller gebotenen Vorsicht dahin, immer bereit, sich zu wehren, wenn es nötig sein sollte.
Lange, lange regte sich nichts um ihn her, und schon glaubte er, dass er umkehren und einen anderen Gang würde verfolgen müssen, als er auf einmal stehen blieb und beide Ohren spitzte.
Er hatte ein Lachen vernommen, das ihm ganz und gar nicht gefiel.
»So müsste der Teufel lachen, wenn es einen gäbe!«, sagte er sich und fragte sich zugleich, ob dieses Lachen von einem Menschen ausgestoßen worden sein könnte.
Da erscholl es nochmals, und unmittelbar darauf hörte er auch eine Stimme reden, deren Klang ganz diesem Lachen entsprach.
»So, mein lieber, alter Freund, nun will ich mir erst einmal etwas Ruhe gönnen und Dir ebenfalls, denn Du wirst sie nötig haben für das, was ich Dir bescheren möchte. Losgebunden wirst Du natürlich nicht, und für eine weichere Unterlage kann ich leider auch nicht sorgen, weil ich keine habe. Aber ich denke, es wird nicht mehr viel darauf ankommen, ob Du einen blauen Flecken mehr oder weniger in die Hölle mitbringst, in welche ich Dich jetzt zu befördern gedenke.
Ja, ja, mein lieber Abdel Dschelil, das hättest Du Dir auch nicht träumen lassen, dass Du selber einmal die Bekanntschaft dieses Tavamatschli würdest machen müssen, der Dir so viel verdankt und den es natürlich nicht gibt, den ihr erfunden habt, um diese armen Menschen einzuschüchtern. Das einzige Wahre an der Sache ist, dass noch niemand wiedergekommen ist, den ihr zu diesem Teufel befördert habt, und so nehme ich an, dass auch Du ihm nicht wirst entrinnen können.«
Keine Antwort erfolgte, aber Richard Flint wusste auch so genug. Ganz in seiner Nähe befand sich ein Mann, der einen anderen — gebundenen — bei sich hatte und diesen demnächst in die Hölle zu befördern gedachte, zu dem Tavamatschli, von dem auch die beiden Wächter schon geredet hatten, und der demnach ganz in der Nachbarschaft hausen musste. Vielleicht war sogar jener Abgrund mit den Flammen diese Hölle? Jedenfalls wollte sich Flint überzeugen, was von der Sache zu halten sei, er wollte diese beiden Menschen mal näher anschauen, und so schlich er sich noch etwas vor. Schon wenige Schritte weiter beschrieb der Gang eine scharfe Biegung und hatte Richard Flint einen Einblick in einen Raum, auf dessen Steinboden ein Mann saß, ein anderer lag. Die beiden brauchen nicht noch einmal beschrieben zu werden — es waren der Steinfuchs und Abdel Dschelil. Der alte Jäger hatte seinen Gefangenen im Luftschiffe hierher entführt, und nun wollte er ihm die Strafe zuteil werden lassen, die jener verdiente, da er den Kameraden des Alten hatte zu Tode martern lassen.
Was Richard Flint über die beiden dachte, konnte er natürlich nicht aussprechen, er kam aber auch gar nicht zum großen Nachdenken, denn während er noch auf seinem Beobachtungsposten stand und zusah, wie der Jäger bald selber einen Bissen aß, um dann auch seinem Gefangenen einen in den Mund zu schieben, begab sich etwas, was Richard Flint in dieser Unterwelt gar nicht mehr wunderte.
»Siehst Du, wie zahm Du geworden bist?«, höhnte eben der Steinfuchs. »Du frisst mir bereits aus der Hand! Hahaha, der stolze Abdel Dschelil, der so hoch über mir armen, alten Jäger stand!«
Wieder erklang das furchtbare Lachen, aber es erstarb ganz plötzlich.
Der Alte sprang auf und hatte im Nu das Gewehr an sich gerissen, das neben ihm an der Wand lehnte.
Seine Augen blitzten drohend, und alles an ihm war zur Abwehr eines Angriffes bereit, ohne dass der Taucher einen Feind zu gewahren vermochte, ohne dass er näherkommende Schritte hörte.
Plötzlich aber brach der Jäger, wie durch den Schlag einer unsichtbaren Faust gefällt, zusammen, ohne dass er das Bewusstsein verlor, und verwundert sah Richard Flint, wie der Mann vergebens die Arme zu bewegen versuchte —
Das Rätsel ward alsbald gelöst.
Aus einem der Gänge kam ein anderer Mann heraus, dem eine ganze Schar solcher Türken oder Araber folgte, wie Richard Flint sie bereits kannte. Er trat vor den Jäger, diesen dadurch den Blicken des Tauchers verdeckend, und sagte leise, aber mit furchtbarem Hohn:
»Man soll nie zu früh triumphieren, Steinfuchs; ebenso wenig aber darf man die Macht dessen unterschätzen, den man besiegt zu haben glaubt. Du hast beides getan, und nun wirst Du die Folgen tragen müssen. Dabei hast Du mir die Strafe sehr bequem gemacht, denn —
Doch weißt Du, wo Du Dich befindest? Nein? Oder willst Du nur nicht antworten? Nun, es kommt nicht darauf an. Du bist in dem Reiche der Maladetta, und Du wirst wissen, dass wir hier alles finden werden, was nötig ist, um einen Menschen unter Höllenqualen eines langsamen Todes sterben zu lassen.«
»So, so!«, dachte Richard Flint, als er das hörte und sah, dass die Diener den Gebundenen, der also Abdel Dschelil hieß, befreiten und mit aller Ehrerbietung behandelten.
Er wusste nicht, um was es sich hier handelte, aber er wusste, dass er seinem Herrn alle die bringen sollte, die er unterwegs antreffen würde, im Notfalle mit Gewalt, da gab es für ihn kein langes Besinnen.
Mit einem Satze, den niemand diesem abgehackten Riesen zugetraut hätte, stand Richard Flint hinter dem zuletzt Gekommenen und gab ihm einen Hieb gegen die eine Schläfe, dass er sofort zusammensackte.
Dann gab er den Dienern, die Abdel Dschelil befreit hatten und sich nun um ihn bemühten, ein paar Püffe, dass sie nach allen Seiten flogen. Doch nicht diese Püffe schienen sie so furchtbar zu erschrecken, sondern etwas anderes, was Flint aber nun auch schon kannte.
»Tavamatschli!«, kreischten die Kerls und — rissen aus, was sie konnten. Richard Flint bückte sich über Abdel Dschelil, der sich nicht zu wehren vermochte, und band ihn wieder. Das Gleiche geschah Abdel Hamid, der seinem Freunde zu Hilfe gekommen war, und nun hatte Richard schon drei Gefangene.
Dass er noch unsichtbar war, wusste er jetzt, und das gefiel ihm ganz gut, aber als Abdel Hamid fragte, wer er sei, brüllte er ihn an:
»Tavamatschli!«
Er hatte die auf Arabisch gestellte Frage ja überhaupt nicht verstanden, und da er sich nach seiner Martha sehnte, so machte er kurzen Prozess.
»Ihr beiden geht vor mir her!«, gebot er dem Steinfuchs und Abdel Hamid. »Und wenn Ihr nicht wollt, dann mache ich Euch Beine. Denkt nicht, dass ich Spaß verstehe.«
»Das Maul halten, Mann!«, schnauzte er gleich darauf Abdel Hamid an, als dieser wieder zu sprechen anhob. »Ganz still! Oder ich klebe Dir ein Pflaster auf den Schnabel!«
Er stellte beide auf die Füße und schob sie vor sich her, während er Abdel Dschelil auf seiner linken Schulter trug und das Gewehr des Steinfuchses auf dem Rücken hängen hatte.
Es war ganz merkwürdig, dass die beiden Gefangenen dem tapferen Taucher wirklich keinen Widerstand leisteten, und als einmal der Steinfuchs blitzschnell in einen Nebengang verschwinden wollte, der sich von dem Hauptwege abzweigte, da hatte Flint ihn so schnell beim Kragen, dass es bei dem Versuch blieb. Außerdem versetzte er ihm ein paar derartige Püffe, dass dem alten Jäger Hören und Sehen fast verging.
Aber wohin mit den Kerlen? Wo war Martha? Und wo sollte er Klingsor finden? Nun, Richard Flint verlor den Mut nicht, sondern marschierte tapfer weiter, Treppen hinauf, Gänge entlang und Treppen hinab, ohne eine Ahnung, dass er sich im Bereich Lalakawanas befand, bis ihm plötzlich zwei Männer entgegenkamen —
Rasch legte der Taucher seine Last auf den Boden und fasste das Gewehr, aber ehe er den Hahn spannen konnte, klang es ihm entgegen:
»Halt! Gut Freund!«
Da freilich stutzte Richard Flint. Konnten die beiden ihn denn sehen? Oder redeten sie zu den Gefangenen?
»Wir kommen von Loke, Herr Flint!«, rief da der eine. »Wir sehen Sie, wie Sie ja merken und wie ich Ihnen gleich beweisen will —«
Er kam auf den Taucher zu, schob die beiden Gefangenen zur Seite und ergriff ohne Weiteres die rechte Hand Flints, der das Gewehr in der linken hielt.
»Glauben Sie mir nun?«, fragte der Unbekannte. »Sie werden sich sagen können, dass nur der, der Sie unsichtbar machte, imstande war, uns die Möglichkeit zu geben, Sie trotzdem zu sehen. Wir sollen Sie von den Gefangenen erlösen und diese zu den übrigen bringen, die schon gemacht sind. Sie müssen sofort zu Ihrer Frau, weil diese in Sorge um Sie ist. Sie hat Sie anrufen wollen, hat es auch getan, aber keine Antwort bekommen, Herr Klingsor sagte uns, die Leitung sei irgendwie gestört —«
»Was? Martha sorgt sich um mich? Gerade jetzt? Und ich stehe hier unnütz herum?«, rief Richard Flint. »Nehmen Sie die Kerls, meine Herren, und sagen Sie mir, was ich tun soll, wo ich meine Martha finde!«
Da deutete der eine der beiden Unbekannten, die übrigens Professor Becker und Doktor Frank waren, auf einen Nebengang.
»Hier hinein, die Treppe hinunter, so kommen Sie an den Meeresstrand, finden dort ein Unterseeboot und besteigen es. Das Weitere bleibt Ihnen überlassen.«
Mehr hörte Richard Flint nicht; er rannte den Gang hinab und die Treppe hinunter, kam an den Strand, sah sich nicht erst groß um, sondern stieg in das Boot, das dort lag, klappte die Türe zu und wunderte sich auch nicht, als es sofort tauchte und davonfuhr.
Er hatte keinen anderen Gedanken, als dass seine Martha sich um ihn sorgte, und so schnell auch das Boot fuhr, es ging ihm noch nicht schnell genug. Er fragte sich auch nicht, wohin die Fahrt ging, er lief nur erregt in dem engen Raume hin und her und guckte immer wieder hinaus, um festzustellen, dass er noch unter Wasser war.
Plötzlich schrak er zusammen.
»Achtung Herr Flint! Das Boot wird jetzt auftauchen. Sie werden zwei Schiffe sehen, auf das eine zufahren, das die Notflagge gehisst hat, und es ohne Weiteres rammen, wozu Ihr Boot sehr wohl imstande ist. Dann tauchen Sie wieder —«
»Und die Menschen auf dem Schiffe?«
»Sind gemeine Piraten, die durch eine tückische List Handelsschiffe anlocken und überfallen — die Schurken müssen unschädlich gemacht werden —«
»Wird besorgt!«
Das Gespräch war zu Ende, das Boot tauchte auf. Richard Flint sah die beiden Schiffe, die etwa eine Seemeile auseinander lagen, und bald hatte er auf dem einen auch die Notflagge entdeckt, sah an Bord einen rothaarigen Menschen stehen, der die Hände wie flehend hob.
Da wusste er genug. Er kannte das. Man lockte fremde Schiffe an unter dem Vorgeben, dass irgendeine Krankheit an Bord ausgebrochen sei. Der hohe Bergelohn lockte, und sobald die beiden Schiffe nebeneinander lagen, kamen die Piraten an Deck —
»Jawohl, Euch werde ich's besorgen!«, dachte Richard Flint und gab dem Boote den richtigen Kurs. Dabei dachte er noch, was für Augen die auf dem anderen Schiffe machen würden, wenn sie den Fremden in die Tiefe gehen sahen — er lachte leise in sich hinein, sah durch den Auslug, dass der Rothaarige entsetzt auf das Unterseeboot starrte —
Und zwei Minuten später war alles vorüber!
Das Piratenschiff war nicht nur gerammt, sondern durch irgendeine geheime Gewalt auseinandergesprengt worden, und schon wieder sauste das Unterseeboot weiter.
Am Abend landete es in einer Bucht, die Richard Flint nicht kannte, ihm aber recht gut gefiel, weil hinter einer kurzen Strandstrecke frischgrüne Bäume emporragten, unter denen ein Zelt stand —
Ohne großes Besinnen stieg Richard Flint aus und ging zu dem Zelte hinüber, hörte Stimmen daraus schallen und wunderte sich etwas. Das klang doch so sonderbar —!
»Jaja, mein kleiner Hardel, nun kommt bald Dein Vati —«
»Martha!«, schrie da Richard Flint auf und rannte auf das Zelt zu, riss den Vorhang auf, der als Tür diente, und fiel der Frau zu Füßen, die dort auf einem Lager saß und im Schoß ein winziges Menschenkind hielt.
»Martha«
»Mein Richard!«, klang es zurück.
Fast hätten die beiden in ihrer Wiedersehensfreude den kleinen Richard erdrückt, hätte er sich nicht durch lautes Geschrei bemerkbar gemacht; nun aber hielt die junge Mutter ihn dem Vater entgegen, über das ganze Gesicht strahlend:
»Nimmst Du mich mit, Richard?«, fragte sie.
»Freilich, freilich, Martha! Deswegen bin ich doch hier. Herr Klingsor sagte mir, dass Du Sorge um mich hättest, aber Du siehst ja, dass ich noch lebe, und ich sehe, dass Du wohlauf bist — Du und der Junge — nein, Martha, diese Freude! Und nun wollen wir nur hin, dass e r unseren kleinen Hardel sieht —«
»Ich muss Dir doch erst alles erzählen —«
»I, wozu denn? Wir fahren ja im Boote, da ist auch noch Zeit. Oder ist sonst noch jemand hier, den wir mitnehmen müssen?«
Nein, es war niemand mehr da. Der Rechtsanwalt Iron mit seiner Tochter und Berndt Fehrmann, mit denen Frau Martha zusammen gewesen war, waren eines Tages plötzlich verschwunden gewesen. Da trug Richard Flint seine Frau, die wieder ihr Söhnchen hielt, zu dem Boote, stieg ein und überließ sich wieder vertrauensvoll dem, der ihn in der letzten Zeit so wunderlich geführt hatte. Unterwegs aber herzte er seinen Jungen und ließ sich erzählen und erzählte selber, und dabei verging den beiden die Zeit so schnell, dass sie sehr erstaunt waren, als das Boot plötzlich aus dem Wasser auftauchte und an einem Ufer anlegte, dessengleichen die beiden noch nicht gesehen hatten.
Zu dem Wasser hinab führte eine wundervolle breite Treppe aus reinweißem Marmor, auf beiden Seiten beschattet von uralten Baumriesen, wie sie nur noch in einsamen Tropenwäldern vorkommen — über und über mit herrlichen Blüten bedeckt, die wiederum umgaukelt wurden von wundervollen Schmetterlingen.
Die Stufen der Treppe herab aber kam der, den die beiden Glücklichen bisher nur im Bilde gesehen hatten, kam Loke Klingsor, ihnen schon von Weitem beide Hände entgegenstreckend, mit strahlenden Augen, glücklich lächelnd.
Hinter ihm schritten mehrere Paare. Richard Flint schlang einen Arm um seine Martha und führte sie die Stufen hinauf und rief:
»Da ist sie! Ich habe sie wieder! Und meinen Jungen dazu! Gucken Sie bloß, Herr Klingsor, was für ein Kerlchen das ist!«
»Der ganze Vater!«, setzte die junge Mutter glückstrahlend hinzu und hielt den Kleinen in die Höhe.
Loke aber nahm ihn und küsste ihn sanft.
»Ja, er ist der ganze Vater«, sagte er, »und nun sollt ihr auch meinen Jungen bewundern dürfen —«
Er umfasste die schöne blonde Madonna, die hinter ihm stand und einen hübschen kleinen Jungen an der einen Hand führte.
»Das ist meine Angela, das ist mein Loke!«, sagte er. »Sie sind nun bei mir und werden mich nicht mehr verlassen —«
»Wie wir, Herr Klingsor!«, rief der Taucher rasch.
»Ach ja, wenn wir hier bleiben könnten!«, setzte seine Frau hinzu.
»Hier? Wissen Sie denn, wo Sie sind? Sie sind in dem Lande, das, unerreichbar für die übrige Menschheit, auf der Höhe des höchsten Gebirges liegt. Sie sind in meinem Mammutparke!«, erwiderte Loke Klingsor.
»Wie Sie das Land nennen, ist ja ganz egal«, versicherte jedoch Richard Flint. »Die Hauptsache ist, dass Sie hier leben, denn wo Sie sind, da ist es herrlich, und die anderen Menschen — na, wissen Sie, die können mich gern haben —«
Plötzlich fiel ihm etwas ein.
»Herr Klingsor«, fragte er etwas leiser als bisher, »haben Sie denn den Kerl erwischt, der — Sie wissen schon —«
»Der Sie bestechen wollte, dass Sie mir mein Geheimnis entrissen?«, fragte Loke lächelnd. »Nun, Herr Flint, sehen Sie sich mal die Herrschaften dort an — ich will sie Ihnen gleich vorstellen — da ist Senhor Antonio Almeida und Signorina Luzia Ravelli — da ist Mister O'Donnell und Miss Olinda — und da steht Monsieur Charles Dubois und Miss Cobra — und was denken Sie? Alle diese Herrschaften waren ebenso wie Sie ausgezogen, mir mein Geheimnis zu entreißen —«
»Alle waren von diesem Mr. Philipp bestochen? So ein Schuft!«, rief Richard Flint außer sich.
»Und doch sind sie alle meine Freunde geworden. Ich habe sie zu der Erkenntnis gebracht, dass sie sich auf einen Irrweg hatten leiten lassen — und nun —«
Richard Flint hob die Hand.
»Und ich wette, wenn uns unser Vorhaben doch gelungen wäre, wir hätten trotz allem mit langen Gesichtern und leerem Händen abziehen müssen!«, rief er lachend.
»Weil die geheimnisvollen Runen auf meinem Rücken gar nicht vorhanden sind?«, fragte Loke Klingsor und lachte ebenfalls.
»Nu freilich! Wie soll denn das auch möglich sein, dass jemand auf seinem Rücken ein Geheimnis mit sich herumträgt, das für ihn und für andere Menschen von unermesslichem Werte sein soll? Wenn es ein solches Geheimnis gibt, dann wird es doch auf andere Weise zu sichern sein, als dass es gerade jemand auf den Rücken tätowiert wird —«
»Nun, vielleicht erfahren Sie auch darüber noch die Wahrheit, Herr Flint«, erwiderte Loke Klingsor lächelnd. »Vorläufig werden Sie indessen wohl zugeben müssen, dass ich immerhin allerhand kann, was anderen Menschen unmöglich ist —«
»Nu und ob!«, bestätigte der Taucher.
»Haben Sie sich denn nicht gefragt, wie das möglich ist?«
»I, was kümmert denn das mich? Sie können's eben, und damit basta! Und nun gucken Sie mal hin, Herr Klingsor! Wenn das, was Sie sehen, nicht viel tausendmal schöner ist als alles, was es auf der Erde gibt, dann will ich nicht Richard Flint heißen und jetzt der glücklichste Mann auf der Welt sein —«
Er zeigte seitwärts. Dort stand Frau Angela und hielt auf ihren Armen den kleinen Richard. Neben ihr aber kniete Frau Martha, beide Arme um den kleinen Loke schlingend, der sich vertrauensvoll an sie schmiegte.
Da kam ein Leuchten in die Augen des Mannes, der eine Welt beherrschte, dem Naturkräfte untertan waren, von denen die Menschheit sich noch nichts träumen ließ. Er streckte dem kleinen dicken Stöpsel, diesem Richard Flint, die rechte Hand hin und erwiderte:
»Sie haben recht, Flint! Das Herrlichste auf Erden sind liebende Mütter. Nichts, aber auch gar nichts gleicht ihnen!«
Dann trat er zu Angela, die Frau Martha den Jungen zurückgab und dafür den ihren in Empfang nahm, und alle zusammen stiegen die Treppe vollends empor zu dem herrlichen Bauwerk, zu dem sie führte.
»Angela«, sagte Loke, als sie vor dem Portal anlangten, »Du wirst Dich Deiner Schwester Martha annehmen, und wenn die anderen Damen sich anschließen wollen —«
Da eilten die Ravelli, die Bella Cobra und Olinda zu den beiden, und alle verschwanden im Palast. Loke Klingsor schaute ihnen nach. Dann wendete er sich denen zu, die ihn noch umgaben. Es waren also außer Richard Flint die beiden Gelehrten, die inzwischen den Taucher bereits begrüßt und ihm gemeldet hatten, dass sie die Gefangenen sicher abgeliefert hätten, Georg Wedekind und Fritz Hammer, Karl Willmer, Charles Dubois, Antonio Almeida und O'Donnell sowie Lord Clifford. Er forderte sie durch einen Wink auf, ihm zu folgen, und so schritten sie hinter ihm her durch einen großen Park, dessen Baumriesen allerdings einst zu einem Urwalde gehört hatten und an den eine breite Fläche grenzte, die den schroffsten Gegensatz zu ihm bildete. Es war eine mit großen und kleinen Steinblöcken bedeckte Ebene, über welche jedoch ein ganz gut gangbarer Pfad führte. Jenseits erhoben sich einige Felsen, und je näher man diesen kam, desto lauter wurde ein Dröhnen und Donnern, desto deutlicher sahen alle in der Luft einen gewaltigen Regenbogen stehen. Schließlich wurde das Donnergepolter derart, dass kein anderer Laut mehr zu hören war, und staunend traten alle endlich an einen Abgrund, dessen Absturz durch ein mächtiges Steingeländer gesichert war.
Da sahen sie die Ursache des donnernden Getöses — einen Wasserfall von so mächtigen Ausmaßen, dass der Niagara dagegen wie ein Zwerg erschien, und, ohne dass es einer Klärung bedurft hätte, erkannten alle, dass hier die Quelle aller der geheimnisvollen Kräfte war, über welche Loke Klingsor verfügte. Wenn die Titanenkraft dieser stürzenden Wassermassen nutzbar gemacht werden konnte, dann mussten sie den, der das verstand, fast zur Allmacht verhelfen. Und Loke Klingsor hatte das verstanden! Durch eine Tür kamen alle in das Innere der Felsen und stiegen auf schmalen Treppen hinab, immer tiefer und tiefer, bis sie nach einer halben Stunde den Fuß des Wasserfalles erreicht hatten und in überdeckten Gängen weiterschritten bis zu den mächtigen Bauwerken, die hier unten ausgeführt worden waren —
Von wem? Wann? Und mit welchen Mitteln?
Noch erfuhren sie es nicht. Sie wanderten nur in immer steigendem Staunen durch schier unendliche Turbinenhallen, durch andere, in denen Ungeheuer von Dynamomaschinen standen und alle jene anderen Kunstwerke, die Menschen zu ersinnen vermocht hatten, bis sie endlich in eine letzte Halle kamen, die keine Maschinen mehr enthielt, sondern ein anderes Wunder —
Apparate standen überall umher, wie noch keiner der Herren sie gesehen hatte. An den Wänden waren Tafeln angebracht mit Hebeln und Schaltwerken, mit einem Gewirr von blitzenden Metallteilen.
Inmitten dieses Raumes aber saß vor einem — allerdings ungeheuer großen — Schreibtische ein noch junger Mann, der sich nun erhob und sich leicht verbeugte.
»Doktor Reinhard!«, sagte er.
»Der Leiter dieser Zentrale«, fügte Loke Klingsor hinzu. »Er wird Ihnen an meiner Stelle den erläuternden Vortrag halten, denn — die Herren werden mich entschuldigen — ich habe Wichtigeres zu tun —«
Verständnisvoll lächelten alle und wussten doch auch zugleich, dass nicht die Sehnsucht nach seiner Angela diesen wunderbaren Menschen von ihnen forttrieb, sondern dass er zu bescheiden war, um selbst eine Erklärung alles dessen zu geben, was sein Geist und der seiner Helfer, der Skalden, hier geschaffen hatte. Dr. Reinhard aber hatte auf einen Knopf gedrückt, und alsbald erschien in dem Raume ein anderer Herr — Professor Edeling, der nun ein wahrer Hüne geworden war — und neben ihm ein junges Weib in japanischer Tracht —
»Meine Frau Turandot!«, sagte Professor Edeling, der von Dr. Reinhard vorgestellt worden war. »Ich werde mir die Ehre geben, Ihnen zunächst zu zeigen, welche Riesenkraft an Elektrizität wir hier zu erzeugen verstehen. treten Sie zu diesem Ausguck, der groß genug ist, Sie alle aufzunehmen, und schauen Sie nach jenem allein emporragenden Felsen hinüber. Ich drehe diese kleine Scheibe — so — und —«
Ein schier entsetzliches Krachen erscholl, ein gewaltiger Feuerstrahl blendete alle — aber sie sahen doch, dass der Felsen drüben in tausend und abertausend Splitter zerbarst — durch einen Blitzstrahl getroffen, der durch das Drehen der Scheibe erzeugt worden war —
»Und jetzt noch eins!«, sagte Professor Edeling.
Wieder führte er einen Handgriff aus. Sofort schossen aus dem Boden, der mit den Gesteinstrümmern überdeckt war, lodernde Flammen empor. Die Steinbrocken erstrahlten erst in roter, dann in weißer Glut, und dann — schmolzen sie und rannen als feuriger Strom, wie er einem feuerspeienden Vulkan entquillt, in dem Tale dahin.
»Wo auf Erden als hier könnte eine solche ungeheure Kraft entwickelt werden!«, hob Edeling wieder an. »Wir nennen diese Kraft vorläufig noch Elektrizität — der Name ist vollkommen unzureichend — jedenfalls ist Loke Klingsor durch diese Kraft imstande gewesen, alle die technischen, Ihnen unerklärlich scheinenden Wunder hervorzubringen, die Sie so oft in Staunen gesetzt haben — die auch mich verblüfften —
Bitte, folgen Sie mir in den Nebenaum!«
Alle begaben sich hinüber, wobei Frau Turandot neben ihrem Gatten blieb, und dort bestieg dieser eine Art Podium, während die Herren auf den Sitzen der Arena ringsum Platz nahmen. An der einen Wand war eine Weltkarte zu sehen, eine sogenannte Mercatorprojektion, auf welcher also die sämtlichen Erdteile in ein Rechteck eingeschlossen und naturgemäß verzeichnet sind, da sie nach den Polen zu immer weiter auseinandergezogen werden müssen. Man kann solche Karten in jedem Schulatlas sehen; aber sie haben ja nur einen begrenzten Wert, indem sie die Lage der Erdteile zueinander zeigen. Hier aber kam noch etwas dazu. Hier waren die sämtlichen Erdteile und die Meere kreuz und quer von roten, blauen, und gelben Linien durchzogen, und Professor Edeling gab die Erklärung.
»Sie befinden sich hier im so genannten Mammutpark, am nördlichen Fuße des Mount Everest oder Gaurisankars, dicht an der Grenze von Tibet. Dieses Gebiet, das der übrigen Menschheit unbekannt ist und unbekannt bleiben wird, bildet ein Rechteck von sieben geografischen Meilen Länge und vier Meilen Breite, also ein recht hübsches Land — ich will nicht näher darauf eingehen, warum es den Menschen draußen unzugänglich ist. Sie werden das selbst erkennen, wenn Sie einige Zeit hier weilen und noch mehr, wenn Sie dauernd hierbleiben. Sie haben vorhin den gewaltigsten Wasserfall der Erde gesehen und werden sich sagen, dass diese Wassermassen irgendwo hin abfließen müssen. Diesen Abfluss sehen Sie auf der Karte dort. Die Massen verschwinden unter der Erde und verbreiten sich unter ihr über alle Erdteile. Je nach ihrer Art, ob befahrbar oder nicht, ob breit ob nur als dünne Adern, sind sie mit der entsprechenden Farbe bezeichnet, und dabei muss gleich gesagt werden, dass Sie hier nur die Wasserläufe sehen, die wir bis jetzt festzustellen vermochten. In Wahrheit sind es viel mehr, als wir noch ahnen.
Sie wissen nun, dass Wasser ein ausgezeichneter Leiter für den elektrischen Strom ist, und werden einsehen, dass wir ihn auf diesem Wege auch in die entferntesten Winkel der Erde leiten können, dass wir also unter allen Umständen imstande waren, mit allen von Ihnen, wo Sie sich auch aufhielten, persönlich zu verkehren, dass wir mit Hilfe unserer Apparate nicht nur Ihr Tun beobachten, sondern auch zu Ihnen sprechen konnten. Sie kennen die unscheinbaren uhrenähnlichen Apparate, durch welche der Verkehr mit dieser Zentrale möglich ist, da wir durch die Riesenkraftquelle, wie Sie sich überzeugt haben, Hitzegrade zu erzeugen vermögen, von denen die Menschen draußen noch keine Vorstellung haben; so können wir auch Metalle und Metallverbindungen mit Eigenschaften erzeugen, die Ihnen als Wunder erscheinen mussten. Wir können unsere Unterseeboote und unsere Flugzeuge nicht nur von hier aus lenken, wohin wir wollen, wir haben auch die Möglichkeit entdeckt, sie und uns selbst unsichtbar zu machen, was übrigens gar keine so große Kunst ist —
Ich erinnere Sie nur an die ultravioletten Sonnenstrahlen, an die uns Menschen nicht wahrnehmbaren Schwingungen, und Sie werden verstehen, dass der, der sich diese beiden Kräfte dienstbar zu machen vermochte, der übrigen Menschheit weit vorauskommen musste. Ich könnte Ihnen noch manches andere aufzählen, ich will es unterlassen. Jedenfalls werden Sie nun auch erkennen, wie es uns möglich war, Gebiete auf der Erde zu entdecken, die noch von keines Menschen Fuß betreten worden sind, wie jenes im Inneren Australiens, wo Monsieur Dubois und Miss Grace Turpulin so sonderbare Erlebnisse hatten — wie jenes, wo die Affenmenschen hausen, in Brasilien drüben — ach, es gibt ja auf der Erde so vieles, wovon die Menschen sich nichts träumen lassen und was den meisten von ihnen für immer unbekannt bleiben wird. Sie aber werden, wenn Sie nur Lust haben, überallhin vordringen und alles erforschen können, was es hienieden Rätselhaftes gibt, und wenn Sie bedenken, wie niedrig die große Masse der Menschheit denkt, wie sie sich nur von Geldgier treiben und von Vergnügungssucht anspornen lässt, wenn Sie ferner bedenken, dass wir hier in diesem Erdenparadiese zwar nicht zu Übermenschen werden können, denen Menschenleid ganz fremd ist, wenn Sie bedenken, dass es ohne dieses Leid auch keine wahre Freude geben kann, dann — nun ich meine, die Wahl wird Ihnen nicht schwer fallen und Sie werden sich entschließen, für immer hierzubleiben und nach Ihren Kräften mitzuarbeiten an dem großen Werke, das der Skaldenorden von hier aus begonnen hat. Nein, jubeln Sie nicht mir freudig zu! Ich bin ja selbst erst seit Kurzem der Ehre gewürdigt worden, als Meister in diese Vereinigung erlauchter Geister aufgenommen zu werden — warten Sie, bis Loke Klingsor wieder unter uns tritt — unser aller Herr und Meister. Ich habe nur noch eins zu erwähnen, eine Frage zu beantworten, die Sie bereits beschäftigt haben wird — die Frage, warum wir uns nicht gegen jene geschützt haben, die unseren Bestrebungen feindlich gegenüberstanden — also unseren Feinden, den Ibaditen, den Malandrinos und wie sie alle sich nennen. Es wäre eine Blasphemie, wollte ich sagen, dass auch der allmächtige Schöpfer das böse Prinzip in der Welt wirksam sein lässt, jedenfalls sind wir sehr wohl in der Lage, uns dieser Feinde zu erwehren und sie unschädlich zu machen, sobald wir es wollen. Sie selber haben zum Teile mit dazu beigetragen, und wenn Sie nun wissen wollen, welche Strafen wir über die Besiegten verhängen, so antworte ich Ihnen kurz und bündig: Sie wollten das Böse, ihre schlimmste Strafe wird daher die Erkenntnis sein, dass sie mit all ihrer Tücke nur Gutes zu schaffen vermögen, nur Gutes schaffen müssen.
Vorläufig müssen sie alle uns dienen, je nach der der Art ihrer Verbrechen in härterem oder leichterem Dienste — Sie werden hier alle jene wiedersehen, die Ihnen zum Teil nach dem Leben getrachtet haben. Nur wenige haben wir töten müssen, so zuletzt jenen gewissenlosen Schurken, der sein Weib durch Jim Crawler morden ließ und seine Tochter an den Mörder verkaufen wollte —«
Ein Schrei hallte auf. Grace Turpulin hatte ihn ausgestoßen, und schon erschien auf einer Wand jene Szene, die Richard Flint zuletzt erlebt hatte, ohne sie zu verstehen.
Man sah die Vernichtung des Piratenschiffes, nachdem zuvor der Rothaarige lange genug sichtbar gewesen war. Grace Turpulin schrie nicht wieder auf, als sie ihren Vater erkannte; neben ihr stand Prinzessin Turandot und flüsterte ihr zu:
»Er war nicht Dein Vater. Du sollst ihn nie mehr so nennen — und nun komm, dass ich Dich zu dem führe, dem Du diesen Namen geben darfst —«
Sanft geleitete sie die Weinende hinaus.
Tiefes Schweigen herrschte ringsum, bis eine kräftige Stimme rief:
»Herrschaften, ich bin nur ein einfacher Tiefbauingenieur, ich heiße Karl Willmer, und ich muss sagen, ich bin einmal mit diesem Herrn Loke Klingsor ganz bösartig zusammengeraten — er konnte sich damals gratulieren, dass er nicht in Reichweite von mir war — ach, ich Riesenochse! Wie hätte ich mir denn träumen lassen sollen, was ich hier gesehen habe und was doch erst ein schwacher Anfang ist —
Also, Herr Professor, wenn Sie mich haben wollen, wenn Sie mich brauchen können, ich bin mit tausend Freuden bereit, auf die Welt dort unten zu pfeifen —«
»Und ich stehe hier, um Sie und alle die anderen in unsere Gemeinschaft aufzunehmen, wenn Sie bereit sind, sich den noch ferner nötigen Prüfungen zu unterwerfen«, antwortete an Stelle des Professors Loke Klingsor selbst, der wieder eingetreten war. »Hier meine Hand! Wer der meine sein will, mag seine Rechte hineinlegen —
Nicht zu stürmisch, meine Herren! Einer nach dem anderen!«
»Zuvor aber stimmen Sie mit mir ein in einen Ruf, wie er bei den Menschen draußen nun einmal üblich ist!«, schrie Karl Willmer. »Hoch lebe Loke Klingsor, der Fürst des Feuers, der Zauberer vom Mammutpark!«
Jubelnd stimmten alle in den Ruf ein, und dann besiegelten sie durch einen Händedruck den neuen Bund, während drüben die Frauen sich fanden zu einem neuen Dasein, von dem sie sich nie etwas hätten träumen lassen.
Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is out of copyright in countries with a copyright
period of 70 years or less, after the year of the author's death.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.