Roy Glashan's Library
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ROBERT KAFT

IM PANZERAUTOMOBIL
UM DIE ERDE

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ROMAN


Ex Libris

Neuausgabe des erstmals 1908 erschienenen
Romans in neuer deutscher Rechtschreibung mit
36 Illustrationen von Adolf Wald

Herausgeber und Verlag der DvR-Buchreihe:
Dieter von Reeken,
Brüder-Grimm-Straße 10, 21337 Lüneburg

1. Auflage 2024

Korrektur: Ellen Radszat

Diese E-Buchausgabe: Roy Glashan's Library, 2025
Fassung vom: 2025-08-25

Erstellt von Matthias Kaether und Roy Glashan

Textquelle: Verlag Dieter von Reeken
(Mit freundlicher Genehmigung des Verlegers)

Abbildungsnachweis
Thomas Braatz (Archiv): sämtliche Abbildungen
H.G. Münchmeyer G.m.b.H., Niedersedlitz-Dresden:
Einbandvorderseite und sämtliche Abbildungen im Text
Adolf Wald


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Im Panzerautomobil um die Erde, DvR-Ausgabe

INHALTSVERZEICHNIS

--•--

Editorische Hinweise

Die vorliegende Neuausgabe enthält den ungekürzten Text des von Robert Kraft (1869-1916) verfassten Romans, der erstmals 1908 in 12 Lieferungen erschienen ist, unter Verwendung folgender Ausgabe:

Im Panzerautomobil um die Erde. In: Robert Kraft: Die Augen der Sphinx. Gesammelte Erzählungen. Sechste Serie. Erster Band. Niedersedlitz-Dresden: H.G. Münchmeyer G.m-b.H. o.J. [1909]. 663 S. mit 36 Illustrationen von Adolf Wald.

Zu Robert Krafts Leben und Werk verweise ich auf die umfassende reich farbig illustrierte Bibliografie von Thomas Braatz(1), die ebenfalls farbig illustrierte Biografie von Walter Henle und Peter Richter(2), ein umfangreiches Buch von Arnulf Meifert(3) und auf die Tagungsbände(4-6) zu den Robert-Kraft-Symposien.

(1) Thomas Braatz: Robert Kraft — Farbig illustrierte Bibliographie zum 100. Todestag. Leipzig, Wien: Edition Braatz & Mayrhofer, 3., erweiterte Aufl. 2016. — 1032 S. mit über 1000 farbigen Abb.

(2) Walter Henle, Peter Richter: Unter den Augen der Sphinx. Leben und Werk Robert Krafts zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Leipzig, Wien: Edition Braatz & Mayrhofer 2005. — Das Buch ist vergriffen; eine Neuausgabe ist für 2025 geplant.

(3) Arnulf Meifert: Robert Kraft. Avanturier und Selbstsucher. Eine Annäherung. Leipzig, Wien: Edition Braatz & Mayrhofer 2018.

(4) Robert Kraft 1869—1916. 1. RobertKraftSymposium. 15.—16.10.2016. Mit Beiträgen von Thomas Braatz, Arnulf Meifert, Achim Schnurrer sowie historischen Texten von Dr. S. Friedlaender und Robert Kraft. Leipzig: Thomas Braatz im Rahmen des Freundeskreises Science Fiction Leipzig 2016.

(5) Wenn ich König wäre! Robert Kraft zum 150. Geburtstag. 3. RobertKraftSymposium. 12.—13.10.2018. Mit Beiträgen von Jakob Bleymehl, Gerhard W. Bleymehl, Thomas Braatz, Matthias Käther, Walter Mayrhofer, Arnulf Meifert, Karlheinz Steinmüller und Hans Wollschläger. A.a.O. 2019.

(6) RobertKraftSymposium. 16.04.2022. Serienheld Nobody. 100 Jahre KraftFilm von Thomas Braatz, u.a. mit Beiträgen von Michael Bauer, Aurel Lupastean und Franziska Meifert. A.a.O. 2022.

Der im Original in Fraktur gesetzte Text ist in Antiqua (Garamond Standard) umgewandelt und an die seit 1996 geltenden neuen Rechtschreibregeln angepasst worden. Offensichtliche Rechtschreibfehler und überholte Schreibweisen sind stillschweigend berichtigt worden. Auf S. 274 wurde der auch zur Zeit der Romanentstehung als herabwürdigend geltende Begriff 'Nigger' durch das heute ebenfalls als diskriminierend, damals aber ›neutral‹ empfundene Wort ›Neger‹ ersetzt.

Fußnoten mit Sternchen (*) stehen so auch im Originaltext, solche mit Zahlen (1) sind vom Herausgeber eingefügt worden.

Die Wiedergabequalität der Abbildungen war abhängig von der jeweiligen Druckqualität der Vorlagen. Da die den Lagen vorangestellten ganzseitigen Abbildungen in der vorliegenden Neuausgabe dem Fließtext räumlich zugeordnet werden konnten, ist auf die fast textgleichen Bildunterschriften verzichtet worden.

In einem umfassenden Aufsatz(7) über Weltreisen mit realen Automobilen und fiktiven Panzer-Automobilen weist Arnulf Meifert übrigens zutreffend darauf hin, dass die Illustrationen von Adolf Wald den Beschreibungen im Text nicht gerecht werden:


Die Illustrationen des Buches sind kein Gewinn, vor allem bezüglich des Aussehens des utopistischen Gefährts sind sie kontraproduktiv, es sieht manchmal aus wie ein Teilnehmer beim Seifenkistenrennen von Kindern. Zum Beispiel sind die Räder auf keiner der Illustrationen so abgebildet wie sie geschildert werden...(8)


(7) Arnulf Meifert: »...rund um die Erde« / Reale Reisen mit dem Automobil in Berichten, fiktive mit dem Panzerautomobil in Romanen Maders, von Puttkamers, Krafts oder: »Das höllische Automobil«. In: Wenn ich König wäre! Robert Kraft zum 150. Geburtstag (wie Anm. 5), S. 142—276.

(8) A.a.O., S. 203.

Für freundliche Unterstützung durch den Originaltext der, für Bilder und Hinweise bedanke ich mich bei Thomas Braatz, für die Korrektur bei Ellen Radszat.

*

Kapitel 1
Um hundert Millionen Dollar

Die Stadt New York liegt auf einer Insel, welche vom Festland durch den Hudson River getrennt ist, und an diesem erheben sich die Gartenvillen und Sommerpaläste, deren Besitzer keine einfachen Dollarmillionäre sein können.

Nun, Mr. L.P. Deacon durfte hier den prächtigsten Palast sein Eigen nennen. Die Eigentümer sämtlicher Kohlenminen und Petroleumquellen hatten eine Aktiengesellschaft gebildet, von dieser war Mr. Deacon Direktor, bezog als solcher ein Gehalt von mehr als einer halben Million Dollar; außerdem besaß er noch ein gutes Teil Aktien.

Er hatte Ferien genommen, wollte sie auf seinem städtischen Sommersitze verbringen, aber wirkliche Ruhe kannte Mr. Deacon trotz seines grauen Haares nicht. Sein einziger Sohn, Artur, war von der Reise zurückgekommen, er hatte europäisches Geschäft und Leben studieren sollen; dem hielt der Vater jetzt in seinem Arbeitszimmer einen Vortrag.

Master Artur schien in den europäischen Hauptstädten äußerst fleißig studiert zu haben. Besonders das Leben. Er sah noch ganz ermüdet aus. Sogar die Haare hatte er sich vom Scheitel etwas abstudiert. Sonst aber ein tadelloser Gentleman und dabei wirklich ein schöner Kerl.

An seinem schwarzen Bärtchen drehend, gelangweilt zum Fenster hinausblickend, hörte er dem Papa zu, der dem Sohne und Nachfolger die nächsten geschäftlichen Pflichten auseinandersetzte.

»Es handelt sich also um Maximus Morris. Kennst du den?«

»Nein.«

»Dem das alte Kapuzinerkloster gehört, welches mitten in unserm Newtoner Kohlendistrikt liegt.«

»Dieses alte Kloster kenne ich wohl, weiß auch, dass es dir ein Dorn im Auge ist, weil der Besitzer es nicht veräußern will, aber von dem Manne selbst habe ich noch nichts gehört.«

»Die Sache ist folgende: Als wir bei Newton vor etwa zehn Jahren den Bauern das ganze Land abkauften, stießen wir nirgends auf Schwierigkeiten. Die ahnten nicht, dass sie auf schwarzen Diamanten wohnten, die sie samt und sonders zu Millionären gemacht hätten. Wir bekamen das ganze Land für ein Butterbrot. Nur einer machte nicht mit: der Besitzer jener Klosterruine, zu der noch vier Acker Land gehören, Mr. Maximus Morris. Ich bot ihm das Doppelte, das Dreifache des normalen Bodenpreises — dann ließ ich ihn liegen. Wir wollten mit unsern Schächten dieses Fleckchen Land umgehen, da aber stellte sich heraus, dass die Hauptader gerade unter diesem Kloster fortläuft — auch aus andern Gründen müssen wir diese vier Acker unbedingt haben. Von dort kommt das ganze Grubenwasser — kurz, ich musste wieder zu bieten anfangen, ging von 5000 Dollar bis auf 100 000 — alles vergeblich! Dieser Sonderling antwortet nicht einmal auf Briefe.«

»Der gräbt ganz einfach selbst auf Kohlen.«

»Fällt ihm gar nicht ein. Ich fing an, den sonderbaren Kauz beobachten zu lassen. Jene Vermutung lag ja allerdings sehr nahe. Die vier Acker haben einst den Klostergarten gebildet, sie sind mit einer hohen Mauer umzogen. Die konnte einem gewieften Detektiv kein Hindernis sein. Nein, in dem verwilderten Garten wurde nicht gegraben. In das Kloster selbst konnte allerdings niemand eindringen, aber es ist ganz ausgeschlossen, dass von da aus eine Mine angelegt wird. Der alte Morris ist eben ein Sonderling. Er haust in dem Bauwerke, das gar nicht eingerichtet sein soll, schon seit einem Vierteljahrhundert als Einsiedler, nur in Gesellschaft von drei Männern, jedenfalls Schlossern; denn da drin wird Tag und Nacht geschmiedet, gehämmert und gefeilt. Das konnte ich herausbringen, aber nichts über seine pekuniären Verhältnisse...«

»Erlaube mal, Papa — was hämmert er denn da zusammen?«

»Der alte Mann ist einfach ein Erfinder, so einer von der verrückten Sorte, er will ein Perpetuum mobile konstruieren.«

»Ein Perpetuum mobile, sehr gut das!«, lächelte Master Artur. »Macht er nicht auch Gold?«

»Das kann er zum Glücke noch nicht. Er sitzt vielmehr ganz gründlich im Auweh. Jetzt habe ich es endlich herausgebracht. Er mag Geld genug gehabt haben, aber das hat er mit seinem Perpetuum mobile verpulvert; zudem hat er auch eine Tochter, die mit der einfachen Lebensweise des Vaters nicht zufrieden ist und ihn daher viel Geld gekostet hat. Vor einem Jahre hat der alte Morris auf sein Grundstück eine Hypothek aufgenommen, nur 3000 Dollar. Die ersten Zinsen bezahlte er, beim zweiten Termin bat er schon um Stundung. Ich das erfahren und sofort hin, habe die Hypothek gekauft. Natürlich nicht billig. Und noch natürlicher habe ich sofort die Hypothek gekündigt. Heute kommt es zum Klappen. Mit dem alten Morris habe ich nichts mehr zu tun, der ist vor drei Tagen begraben worden. Die Tochter schrieb mir, hat wieder um Stundung gebeten. Gibt's nicht. Habe sie herbestellt. Welche Zeit ist es? Gleich zehn Uhr. Um zehn muss sie hier sein, sonst geht sofort der Exekutor ab und pfändet die ganze Klosterruine samt dem Perpetuum mobile. Und das Frauenzimmer braucht nicht etwa zu denken, dass ich noch einmal 100 000 Dollar biete. 4000 — nicht mehr — 1000 Dollar will ich ihr hier bar auf den Tisch zahlen, und wenn sie damit nicht zufrieden ist, dann — raus, rrraus an die Frühlingsluft!«

Nach wie vor gelangweilt, blickte Master Artur in die sonnige Frühlingslandschaft hinaus, mit der die Bewohner des Kapuzinerklosters also nähere Bekanntschaft machen sollten.

»Miss Leonor Morris?«, meinte er dann sinnend.

»Leonor heißt das Weibsbild«, bestätigte der Papa, der kein Freund von Damen zu sein schien.

»Ich habe einmal eine Miss Leonor Morris in Paris kennen gelernt.«

»Leicht möglich. Sie ist ununterbrochen auf Reisen gewesen, in Frankreich, Deutschland, England, in der Schweiz.«

»Es war eine Dame der Halbwelt.«

»Das wird sie schon gewesen sein. Wie ich sagte, die war mit der Einsamkeit ihres Vaters gar nicht zufrieden.«

»Aber mit Reizen konnte die nicht wuchern. Abgelebt und abgeschleckt!«

»Ja, ja, die kann auch nicht mehr jung sein.«

»Mit einer hohen Schulter, die alle Kunstmittel nicht ebnen konnten.«

»Warum soll sie keine hohe Schulter haben?«, meinte der Papa, der offenbar schon an etwas anderes dachte.

»Einen Klumpfuß hat sie auch.«

»Warum soll sie keinen Klumpfuß haben? Nun, Artur, wollen wir wegen der sibirischen Kohlenminen sprechen, die Russland an uns verpfändet hat...«

Da schnellte der Sohn lebhaft empor, den Blick zum Fenster hinausgerichtet.

»Sieh, Papa, was für ein merkwürdiges Fahrzeug, ein ganz neuer Typ von Motorboot, und was für eine Geschwindigkeit es entwickelt!«

Der alte Deacon war nicht ein so enragierter Sportsman wie sein Sohn, der am liebsten nur von Motorbooten und Automobilen sprach, musste aber doch bestätigen, dass es ein ganz merkwürdiges Boot war, welches dort unten den Hudson durchquerte.

Es war ein langer, grauschwarzer Kasten, fast wie ein Sarg aussehend, und zwar wie ein zugeklappter, der mit außerordentlicher Schnelligkeit die Fluten des Hudsons quer durchschnitt.

»Ja, was machen denn die?!«, rief Artur. »Das Boot rennt ja gegen die Ufer, muss stranden...«

Nein, es strandete nicht, sondern es landete, und mehr noch, das Motorboot kletterte die sanfte Uferböschung herauf, verwandelte sich in ein auf Rädern ruhendes Automobil, erreichte die Landstraße, wurde durch Häuser den Blicken der Beobachter entzogen.

»Ein Automobil, kombiniert mit einem Motorboote!!«, rief Artur in hellem Staunen. »Das ist die allerneuste Erfindung auf diesem Gebiete!«

»Faktisch sehr interessant, eine sehr gute Erfindung, die wird was einbringen!«, bestätigte der Vater. »Nun lass uns aber die sibirischen Kohlenminen besprechen, und wie wir Russland auch die Petroleumquellen abnehmen.«

Er zwang den Sohn, seinen Erklärungen zu folgen, bis ein Klingelzeichen den Eintritt eines Dieners meldete. Er brachte auf silbernem Teller eine Visitenkarte.

»Ah, Leonor Morris! Die Dame soll eintreten!«

Sie kam. Aber das war nicht die Miss Leonor Morris, die Master Artur in Paris kennen gelernt hatte. Die hier hatte weder hohe Schulter noch Klumpfuß, sah weder abgelebt noch abgeschleckt aus.

Das einfache, schwarze Trauerkleid konnte der Gestalt nichts an Eleganz und blühender Jugendfrische rauben, und zwar war es die Gestalt einer Diana, und wie von dieser, ging auch von ihr ein Hauch keuscher Jungfräulichkeit aus, und dabei ein edles, durchgeistigtes Antlitz von klassischer Schönheit.

Master Artur, der noch das schiefe, hinkende Bild der Pariser Dirne vor Augen gehabt, war ganz perplex, weniger der Vater.

»Miss Leonor Morris?«, fragte der nur, vorsichtig nach dem Klumpfuße spähend, den er aber nicht entdecken konnte, vielmehr schauten unter dem vorn etwas kurz getragenen Kleide die niedlichsten Füßchen hervor.

»Ja.«

Dann war's gut, dann konnte das Geschäft losgehen, und nur immer so kurz wie möglich.

»Na, können Sie bezahlen?«

»Nein.«

»Na, was wollen Sie dann haben?«

»Hundert Millionen Dollar.«

Mr. L. P. Deacon beugte sich etwas vor, auch schon die Hand zum Ohre führend.

»Wie viel?«

»Hundert Millionen Dollar.«

Mr. Deacon beugte den Oberkörper noch weiter herab.

»Hundert... was?«

»Hundert Millionen Dollar«, erklang es zum dritten Male kühl zurück.

Jetzt begann der alte Deacon auch seinen kurzen Hals wie eine Schildkröte herauszurecken.

»Hundert Millionen... was?«, fing er immer noch einmal an.

»Dollar!«, wurde jetzt nur noch ergänzt.

Deacon hatte doch richtig gehört, er konnte seinen Hals zurückziehen und sich wieder aufrichten.

»Sie fordern hundert Millionen Dollar?«

»Ja, ich will mich damit begnügen.«

»Sie sind wohl...«

»Ich bin Miss Leonor Morris, die Tochter von Mister Maximus Morris, welcher etwas erfunden hat, was alle Kohlen und alles Petroleum auf Erden überflüssig macht.«


Illustration

Dieser Mann, dem man die Leitung einer Aktiengesellschaft anvertraut hatte, von der die ganze Menschheit abhängig war, konnte sicher nicht schwer von Begriffen sein. Was er da gehört hatte, musste ihm genügen. Und Mr. L. P. Deacon steckte die Hände in die Hosentaschen, reckte den Bauch heraus, schielte erst nach seinem Sohne hinüber, dann nach der jungen Dame hinüber, und dann lächelte er verschmitzt.

»Ach nee!«

»Ich fasse mich ebenso kurz, wie man hier entgegenkommt. Ich werde Ihnen ein Experiment vormachen. Bitte, geben Sie mir eine Flasche Wasser! Weiter brauche ich nichts.«

Die mechanischen Bewegungen, mit welchen der alte Herr nach einem Seitentischchen ging und von dort eine Wasserkaraffe nahm, verrieten, dass doch etwas ganz Außerordentliches in ihm vorging.

Leonor, hatte ein Handtäschchen mitgebracht, diesem entnahm sie selbst eine Glasflasche, die eine besondere Konstruktion zeigte, ferner einem Etui einen dünnen Draht, in dessen Mitte ein Klümpchen zu sehen war.

»Sehen Sie hier, meine Herren!«

Auch Master Artur betrachtete mit unruhigem Misstrauen den präsentierten Draht.

»Was ist das?«

»Bitte, nicht angreifen! Es kommt nicht aus meinen Händen. Es handelt sich um das kleine, silbern glänzende Kügelchen, welches Sie in der Mitte des Drahtes erblicken. Diese Substanz ist Morrisit, so benannt nach ihrem Erfinder, meinem Vater. Sie besitzt die Eigenschaft, das Wasser, welches bekanntlich aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teile Sauerstoff besteht, durch bloße Berührung in diese seine Elemente zu zerlegen, und zwar in unbeschränktem Maße. Die Mischung beider Gase würde das gefährliche Knallgas sein, zur Heizung und zur Beleuchtung unbrauchbar. Zu diesem Zwecke ist das Morrisit zwischen einen Kupferdraht und einen verzinkten Stahldraht eingelötet. Am Kupferpole entwickelt sich Sauerstoff, am Zinkpole Wasserstoff, sodass beide Gase mittels einer ganz einfachen Vorrichtung getrennt aufgefangen werden können. Sehen Sie hier!«

Sie erklärte die Flasche näher. Diese bestand aus zwei Teilen, welche ineinandergeschliffen waren. Der untere besaß eine Vorrichtung, um den Draht festzuhalten, oben gingen durch den Kork drei Glasröhren, die mittelste mit einem Trichter, die beiden andern mit kurzen Gummischläuchen versehen, alle mit Hähnen.

Nachdem Leonor das Klümpchen unten befestigt hatte, führte sie je ein Drahtende in die äußern Glasröhren, dann schloss sie die ganze Flasche.

Wenn die beiden Herren nicht von ganz andern Empfindungen erfüllt gewesen wären, so hätten sie bewundern können, mit welch erstaunlicher Geschicklichkeit diese feinen, schlanken Hände dies alles arrangiert hatten.

»So, das wäre fertig — nun geben Sie mir Ihre Wasserflasche — das ist Ihr eignes Wasser, daran kann ich doch nichts gemacht haben — ich lasse das Wasser durch den Trichter in den Apparat fließen — so, er ist ziemlich voll — Sehen Sie! Sofort fängt eine lebhafte Gasentwicklung an den beiden Polen an. Es ist genau ein Gramm Morrisit, welches hier funktioniert, und die Menge des Knallgases genügt, um einen Gas- oder Benzinmotor von einer Pferdestärke zu treiben. Das wäre die Kraft, welche das Morrisit entwickelt, wovon ich Sie hier nicht sogleich überzeugen kann. Nun aber Leucht- und Heizkraft — jetzt öffne ich die beiden Hähne, lasse die getrennten Gase ausströmen — so, jetzt brenne ich das Wasserstoffgas an...«

Sie tat es mit einem Streichholze. An dem einen Glasrohre entstand eine lange Flamme, die aber kaum sichtbar war. Der alte Deacon wollte wohl auch erst nicht an ihr Vorhandensein glauben, näherte den Finger und zog ihn mit einem Schmerzensschrei zurück.

»Das ist eine Wasserstoffflamme«, erklärte Leonor weiter. »Um brennen zu können, verbraucht sie jetzt nur den Sauerstoff der normalen Atmosphäre. Nun aber entweicht aus der andern Röhre reiner Sauerstoff, diesen leite ich jetzt seitwärts in die reine Wasserstoffflamme — eine Knallgasflamme, die größte Hitze erzeugend, welche wir kennen.«

Aus der kaum sichtbaren Wasserstoffflamme kam seitlich eine etwas mehr leuchtende Stichflamme heraus, der man sich gar nicht mehr nähern durfte.

»Diese Flamme genügt, um einen Küchenofen zu heizen, um einen mittlern Hausstand im Winter warm zu halten, sie versieht auch das ganze Haus mit Licht. Denn diese Flamme hier ist ja viel zu groß, mit der könnte man einen riesigen Saal tageshell erleuchten, und man kann das sich entwickelnde Gas ja auch teilen. Natürlich muss die Flamme dann wirklich leuchtend gemacht werden. Etwa Drummond'sches Kalklicht gefällig?«

Sie hielt in die Stichflamme ein Stückchen weißen Kalk, und augenblicklich ging von ihr ein so intensiv weißes Licht aus, dass man sofort die Augen schließen musste. Dann brachte Leonor eine rotgefärbte, dann eine grüne und noch andere Substanzen hinein, welche ein gefärbtes und viel angenehmeres Licht gaben.

»Ganz, wie man wünscht. Oder man kann durch das Knallgas ja auch einen Motor treiben lassen, der wieder durch eine Dynamomaschine elektrisches Licht erzeugt. Dies hier ist also ein einziges Gramm und liefert eine Pferdestärke oder dementsprechende Wärme oder Licht. Eigentümlich ist, dass die Kraft totaler Wirkungsfähigkeit des Morrisits allein durch sein Gewicht bedingt ist, also nicht durch die Größe seiner Oberfläche. Hundert Gramm Morrisit hätten etwa die Größe einer Haselnuss, und dieses Stückchen würde dann hundert Pferdestärken entwickeln.«

Das junge Mädchen hatte die Hähne abgedreht, nahm den Apparat wieder auseinander.

Schweigend sahen die beiden Männer den schlanken, weißen Händen zu.

»Und — und... was für Zeug ist das eigentlich?«, brachte der alte Deacon endlich mühsam hervor.

»Das bleibt vorläufig mein Geheimnis. Wie ich sagte, Petroleum und Kohlen sind von jetzt an vollständig überflüssig, wertlos geworden.«

»Oho! Oho!«, fing Mr. Deacon jetzt zu keuchen an. »Da sind doch erst noch verschiedene Fragen zu erörtern. Was kostet die Herstellung dieser Substanzen?«

»So gut wie nichts.«

»So gut — so gut...«

»Wie nichts«, ergänzte Leonor gelassen den alten Herrn, der plötzlich gar nicht mehr sprechen konnte. »Außerdem nützt es sich auch gar nicht ab. Solch ein einziges Gramm Morrisit könnte alles Wasser der Erde zerlegen. Natürlich würde das etwas lange dauern. Aber man kann das Morrisit ja in beliebiger Menge herstellen. Die Sache ist nur die, dass dies — vorläufig wenigstens — eine Zeit von zwei Jahren erfordert. Dieses winzige Stückchen hier und ein größres Stück von 400 Gramm sind die Ergebnisse der ersten Versuche, welche meinem Vater tadellos gelangen.

Jetzt können wir das Morrisit also in beliebiger Menge herstellen, aber immer erst in zwei Jahren. Kurz vor seinem Tode hat mein Vater für 100 Tonnen oder 2000 Zentner vorbereitet — angesetzt, wie wir sagen. So werden in zwei Jahren 2000 Zentner Morrisit fertig sein, das sind hundert Millionen Gramm, ebenso vielen Pferdestärken entsprechend. Diese hundert Millionen Gramm biete ich Ihnen für ebenso viele Dollar an. Pro Pferdekraft, ewig ausdauernd, ein Dollar, das ist gewiss nicht viel, Sie können das Gramm ja für das Dreifache, für das Zehnfache verknusen. Gehen Sie nicht darauf ein, dann wende ich mich eben an eine andere Gesellschaft, hundert Millionen Dollar werden schon aufzubringen sein. — — Sie aber können mit Petroleum und Kohlen nichts mehr anfangen, das sage ich Ihnen nochmals. Ich fühle mit Ihren Aktionären etwas wie Mitleid, deshalb wende ich mich zuerst an Sie. Also in zwei Jahren auf Wiedersehen!«

Leonor hatte schon wieder eingepackt, schien gehen zu wollen.

»Und das Rezept, das Rezept?!«, stieß der alte Deacon in immer wachsender Erregung hervor.

»Das brauchen Sie gar nicht. Diese Substanz kann jeder Chemiker untersuchen, jedes Kind dann nachmachen. Aber erst einmal auf diese Idee zu kommen, das ist die Sache!«

»So lassen Sie mir den Apparat mit dem Morrisit wenigstens da!«

»Wozu?«, fragte Leonor, und schon musste sie mit einem Lächeln kämpfen.

»Ich muss doch prüfen, ob es sich auch wirklich auf die Dauer bewährt.«

»Na, Mr. Deacon«, lächelte das junge Mädchen jetzt offen, »ich sagte ja schon, dass jedes Kind es nachmachen kann...«

»Sie können den Apparat ja verschließen und versiegeln.«

»Nein, nein, es kommt nichts aus meiner Hand. Entweder in zwei Jahren die zwanzig Tonnen Morrisit für hundert Millionen Dollar — oder gar nichts. Gelegenheit zu einer Prüfung sollen Sie dennoch haben. Mein Vater hat auch ein besonderes Automobil konstruiert...«

»Doch nicht das, welches vorhin durch den Hudson fuhr?«, unterbrach Master Artur sie hastig.

»Eben das. Es wird mit jenem andern Stück Morrisit von 400 Gramm betrieben, welches also 400 Pferdekräfte liefert. Und auf diesem Automobil werde ich in den zwei Jahren erst einmal eine Reise um die Erde machen.«

»Und die hundert Tonnen, wo werden die vorbereitet?«, fragte der alte Deacon.

»Ja, meine Herren, das erfahren Sie natürlich nicht. Die Hypothek ruht nur auf dem Boden, nicht auf dem Gebäude — vor meiner Abreise werde ich das Kloster in Flammen aufgehen lassen, und geben Sie sich keine Mühe, in dem glühenden Schutthaufen etwas suchen zu wollen. Sie würden nichts finden. Auf Wiedersehen in zwei Jahren! Ich empfehle mich.«

Eine kaum merkliche Verneigung, sie hatte das Zimmer verlassen.

Wie gebrochen sank der alte Deacon auf einem Stuhle zusammen.

»Wir sind ruiniert, ruiniert für immer!«, ächzte er.

»Ja, wenn das wahr ist, dann können wir unser ganzes Petroleum und unsre Kohlen nur gleich ins Feuer werfen«, knurrte Master Artur und wandte sich wieder dem Fenster zu.

Bald kam das große, vollkommen geschlossene Automobil wieder zwischen den Häusern hervor, fuhr die Böschung hinab direkt in das Wasser, strebte dem andern Ufer zu.


Illustration

Ein zischender Laut ließ Artur sich umdrehen. Hinter ihm stand sein Vater. Das an sich schon eiserne Gesicht des alten Mannes drückte eine furchtbare Entschlossenheit aus.

»Artur — diese Erfindung müssen wir ihr abnehmen — wir müssen! — Das sind wir der ganzen Menschheit schuldig — mit List oder Gewalt — und an dir ist es, dies auszuführen — du musst diese Reise um die Erde mitmachen — du musst! — und — du hast dich gegen deine Freunde so oft gerühmt, dass dir kein Weib widerstehen könne — ich weiß es, ich habe davon gehört — wohlan, so zeige deine Verführungskünste — wenn es nicht anders geht, dann musst du dieses Weib eben heiraten!«

Und der Plan, der Arturs Beifall fand, ward weiter ausgesponnen.

*

Kapitel 2
Ein Weltreisender, dem man nicht glaubt

Auf der von Newark nach Newton führenden Landstraße schritt eine Gestalt, welche in den wilden Westen gepasst hätte, aber nicht in diese Gegend Amerikas, die schon völlig kultiviert ist, wo die Fabriken schon die Landwirtschaft verdrängt haben.

Es war ein sich den Dreißigern nähernder, hünenhaft und athletisch gebauter Mann, in einen ganz aus roh gegerbtem Leder bestehenden Jagdanzug gekleidet, der schon sehr abstrapaziert war, aus Leder auch der abgetragne Schlapphut, an den Füßen Mokassins, die keinen weiten Marsch vertrugen, an der Seite die befranste Jagdtasche, über der Schulter eine Doppelbüchse, an deren Kolben sich bereits die Finger abgedrückt hatten.

Wenn diesem Manne das Glück nur einigermaßen gelächelt hätte, so müsste er eine Berühmtheit gewesen sein, der man alles, was ihre Feder niederschrieb, mit Gold bezahlte. So war er ein Globetrotter, ein Landstreicher, der nicht etwa aus Vergnügen zu Fuß nach Newton lief, sondern dem der halbe Dollar zur Eisenbahnfahrt fehlte; er hätte denn gerade sein Gewehr verkaufen müssen.

Vor genau acht Jahren war Georg Hartung genau auf derselben Landstraße marschiert, damals aber mit Absicht die Eisenbahn verschmähend. Als er über den Hudson gesetzt war, hatte er noch einen Dollar in der Tasche gehabt, und den hatte er der ersten ärmlichen Frau in die Hand gedrückt, und dann war er losmarschiert, mit dieser selben Büchse über der Schulter, auch in solch einen ledernen Anzug gehüllt, der aber ein anderer und damals ganz neu gewesen war.

Quer durch Amerika bis nach San Francisco war er gewandert, unterwegs von der Gastfreundschaft und von der Jagd lebend, niemals für Geld arbeitend. Er durfte sich nirgends aufhalten, denn er hatte noch viel vor.

Von San Francisco nordwärts durch Kanada, auf einer Eisscholle über die Beringstraße nach Asien hinübergesetzt, nun in südwestlicher Richtung nach Sibirien, Mandschurei und China, bis nach Hinterindien, dessen nördlichster Teil per pedes apostolorum genommen wurde, dann kam Vorderindien daran, von Kalkutta bis Bombay, nun wieder etwas nördlich, durch Beludschistan und Persien nach Arabien, dieses durchquert, wie schon über so manchen Strom und Fluss so auch durch den Suezkanal geschwommen — und nun kam die große Tour von Kairo bis nach Kapstadt, von Norden nach Süden durch ganz Afrika!

Hier musste er seinen Mokassins, die allerdings wie der Anzug schon viele Auflagen erlebt hatten, immer alles selber gefertigt, einmal untreu werden. Zu Fuß nach Südamerika konnte er nicht. Er arbeitete sich als Heizer nach Buenos Aires.

Von hier wollte er durch Argentinien zur Westküste. Gerade gegenüber lag Valparaiso. Aber da gab es auch noch südlicher einige Städte, und wenn man nun einmal viele tausend Meilen zu Fuß gemacht hat, kommt es doch auf einen kleinen Umweg nicht an. Also die Richtung durch die Pampa wurde südwestlich genommen, erst einmal Chile angelaufen, und nun auf der alten Inkastraße hinauf bis nach Panama, durch Mexiko und die andern Südstaaten zurück nach New York.

Sieben Jahre hatte Georg Hartung zu dieser ungeheuren Tour gebraucht, und die Rasttage, die er gemacht, konnte er an den Fingern abzählen. Marschiert, immer marschiert! Natürlich musste er auch schlafen, sich durch Jagd Nahrungsmittel verschaffen, das Wildbret erst zubereiten. Aber sonst — das Fell, aus dem er sich einen neuen Anzug fertigen wollte, wurde während des Abendessens nur notdürftig abgeschabt, genäht wurde während des Marschierens, das Leder am Leibe geschmeidig gemacht.

Doch zunächst trennte ihn noch der Hudson von der Stadt New York, und Georg brachte kein Fährgeld mit von seiner Weltreise zurück. Konnte ihn aber jetzt der zwei Kilometer breite Strom hindern? Er hatte schon ganz andre Ströme durchquert. Und beim Durchschwimmen des Hudsons hätte er — dicht am Ziele — bald sein Leben lassen müssen, wäre fast in das offene Meer hinausgetrieben worden. Aber es gelang ihm noch, den Pier zu erreichen.

Er ging zu einem Verlagsbuchhändler. So und so, das und das habe ich ausgeführt, ich möchte darüber ein Buch schreiben.

Was Georg Hartung als ein Glück empfand, war sein Unglück: der Verleger war für die Idee gleich viel zu sehr Feuer und Flamme, die Ausführung wurde nicht genügend vorbereitet.

Und in einem war Georg doch sehr enttäuscht. Stanley hat für seine ›Durchquerung Afrikas von Ost nach West‹ von einem Londoner Verleger 50 000 Pfund Sterling bar auf den Tisch gezahlt bekommen, noch ehe er eine Zeile geschrieben hatte. Georg hatte noch etwas ganz Anderes durchquert, und schließlich wäre er mit dem vierten Teile jener Summe zufrieden gewesen.

Schließlich aber ging er auf den Vorschlag ein, das Werk im Hause des Verlegers zu schreiben, als Pensionär in Kost und Logis stehend, dann könne er umso ruhiger arbeiten, desto mehr würde er später ausgezahlt bekommen, usw. So entstand im Laufe eines Jahres ein Werk von drei dicken Bänden, betitelt: ›Ohne Geld mit der Büchse um die Welt‹.

Es war ein vollkommener Fehlschlag. Das Werk wurde ignoriert. Höchstens hieß es: So etwas kann ja ein Mensch gar nicht leisten, alles Phantasie, eine Jugendschrift, aber viel zu groß, viel zu teuer, ganz miserabel ausgestattet.

Der Verleger warf den Verfasser zum Tempel hinaus, hätte ihn auch noch gern für die Pension ersatzpflichtig gemacht, wenn etwas zu haben gewesen wäre. Die ganze Auflage des Werkes sollte demnächst eingestampft werden.

Georg sah zu spät ein, dass er selbst schuld an diesem Misserfolg war. Er hätte vor seinem Abmarsche sich schon an einen richtigen Verleger wenden müssen, der für den Weltreisenden Reklame machte. Er hätte überall sich bei den Konsulaten melden, andere Lebenszeichen von sich geben müssen, und dann schließlich nach vorangegangener Ankündigung durch den Hudson schwimmen, die Büchse auf dem Kopfe — dann wäre das etwas geworden, dann wäre Georg heute schon Millionär gewesen.

Er versuchte, in anderer Weise aus seinen Erlebnissen Geld zu schlagen, schrieb kleine Erzählungen. Aber sein Name war schon als der eines Aufschneiders gebrandmarkt, er musste es pseudonym tun, und da sind der Schriftsteller Legion, welche solche Reiseabenteuer liefern, noch viel besser, als wenn sie sie selbst erlebt hätten, und ihm fehlte auch die hierzu nötige Routine.

Wenn Georg nicht verhungern wollte, musste er etwas anderes arbeiten. Aber er war gar nicht mehr imstande, eine feste Arbeit anzunehmen. Das Jahr hatte er am Schreibtisch ausgehalten, weil es seine Erinnerungen gewesen, die er mit Liebe niedergeschrieben, aber sonst — er hätte die Stellung eines Direktors mit 100 000 Dollar ausgeschlagen.

Fort, wieder hinaus in die Welt! Und so schlüpfte er eines Tages abermals in seine Lederkleidung und nahm die Büchse vom Nagel — sein ganzer Besitz. Noch einmal dieselbe Tour!

Da in der letzten Minute erhielt er durch Vermittlung jenes Verlegers einen Brief, einen ganz merkwürdigen.

Er wollte der Einladung Folge leisten, das betreffende Haus lag an seiner Route.

*

Kapitel 3
Durch die Mauer

Die ganze Umgegend von Newton ist Kohlenbezirk, trostlos anzusehen; Rauch, Ruß und Kohlenstaub lassen kaum ein Grashälmchen aufkommen.

Auch der Klostergarten, den einst Kapuziner hier angelegt hatten, litt unter dieser Atmosphäre. Wohl erhoben sich über der hohen Ringmauer noch Bäume, aber auch ihr verkümmertes Laub war mit einer Rußschicht bedeckt.

Die Mauer besaß nur ein einziges Zugangstor. Es ward seit heute früh schon von Hunderten von Menschen belagert, und jeder Zug brachte frische Neugierige, welche zu gern dem Kloster einen Besuch abgestattet hätten.

Denn die Geschichte mit dem Morrisit und alles, was sich im Hause Deacons zugetragen, hatte heute schon in der ersten Morgenzeitung gestanden. Es musste ein grober Vertrauensbruch vorliegen. Ein Diener hatte gelauscht, auch jenes Experiment beobachtet — jener, der gestern Abend ohne Grund den Dienst verlassen hatte. Und er hatte alles haarklein einem Reporter erzählt.

Der alte Deacon war außer sich. Der einzige Trost war ihm der, dass der Diener nicht auch belauscht hatte, wie er dann mit seinem Sohne jenen Plan zurechtschmiedete, denn sonst wäre in der Zeitung doch sicher hiervon ebenfalls schon etwas erwähnt worden.

Aber das Publikum hatte auch schon etwas Handgreifliches von der Erfindung des Maximus Morris zu sehen bekommen. Das seltsame Automobil war doch beobachtet worden, wie es durch den Hudson geschwommen war, dann wieder zurück. Vor dem Hause Deacons hatte es eine Viertelstunde gehalten, umringt von staunenden Menschen, die aber keine Frage hatten stellen können, denn aus dem dichtgeschlossenen Fahrzeuge war nichts Lebendiges mehr herausgekommen. Dann war aus Deacons Hause eine junge Dame getreten, war durch ein Türchen schnell in das Innere des gepanzerten Automobils geschlüpft — fort war dieses wieder gegangen.

Dass das merkwürdige Fahrzeug aus dem Kapuzinerkloster stammte, hatte man schnell herausbekommen. Dann war jener Bericht erschienen: das Morrisit von der Tochter des Erfinders dem Mr. Deacon für hundert Millionen Dollar angeboten — schon das Wasserautomobil hatte den Beweis geliefert, dass etwas Wahres an der Sache war.

So war das Tor zum Kapuzinerkloster seit heute früh von Zeitungsreportern und andern Neugierigen belagert. Aber alles war vergeblich, es öffnete sich nicht, es wurde auch noch besonders bewacht.

Neben dem eisernen Tore spazierte oben auf der vier Meter hohen Mauer eine ganz seltsame Gestalt auf und ab. Es war ein kleines, dürres Männlein mit bartlosem, faltigem Gesicht, das ewig schmunzelte, bekleidet mit einem schwarzen Bratenrock und ebensolchen Hosen, auf dem Kopfe einen schwarzen Zylinder, um diesen aber ein breites, grünes Band, an den Füßen grüne Filzschuhe, grün war auch der Schlips, ebenso grün der unter den Arm geklemmte Regenschirm, grün die Handschuhe, grün endlich das mächtige Taschentuch, welches zu benutzen er auch sehr nötig hatte, da dieses Männlein fast ununterbrochen aus einer großen Horndose schnupfte.

Dieser Harlekin war der einzige, an den man sich hier wenden konnte. Seit Stunden schon überlisteten sich die Berichterstatter, um das Automobil besichtigen, um Miss Leonor interviewen zu dürfen, und mit der Ankunft jedes neuen Reporters fing das wieder von vorn an. 10 000 Dollar war ein ganz normaler Satz, der Vertreter des ›New York Herald‹ hatte gleich mit 100 000 begonnen.

Aber der grüne Torwächter ließ sich in seiner erhabnen Höhe nicht erweichen.

»Nischt, nischt, 's gibt äm nischt — gäm Se sich nur geene Mihe, meine Herrschaften, 's gommt geener rin, nich fier hundertdausend Milljonen — un wem's einfällt, ieber die Mauer zu glettern, der wird rundergeschossen wie ä Schbatz — es sind lauter Scharfschützen drinne.«

So rief das Männlein, schwenkte abwehrend den grünen Regenschirm, und dann fütterte es wieder seine Nase.

Das heißt, er hatte sich des Englischen bedient. Aber er sprach einen ganz eigentümlichen Dialekt, in weichem, singendem Tone, es kam auch alles so gemütlich heraus, wodurch er sich gleich als Waliser verriet, als einen Sohn des englischen Fürstentums Wales.

Die Waliser, deren Landesfürst stets der jeweilige Kronprinz von England ist — Prince of Wales — spielen in Großbritannien dieselbe Rolle wie die Sachsen in Deutschland. Besonders durch ihr ›gemiedliches‹, sanftes Aussprechen des Englischen wird diese Ähnlichkeit ganz auffallend, ja, sogar dadurch, dass in Wales nicht, wie sonst überall in Großbritannien, Tee, sondern nur ›Gaffee‹ getrunken wird. So wollen wir dieses grüne Männlein denn mit dem sächsischen Dialekt sprechen lassen.

Ferner verriet er sich auch durch seine Vorliebe für grüne Farben als Waliser. Er gehörte doch offenbar mit zu diesem Kloster, dessen Besitzer vor einigen Tagen gestorben war, und grün ist die Trauerfarbe der Waliser. Ihre Nationaltracht haben die Nachkommen der alten Zimbern abgelegt, sie machen die Mode mit, tragen bei Trauer schwarz, aber etwas Grünes muss immer dabei sein. Dieser hier also drückte seinen Schmerz durch grünes Hutband, grünen Schlips, grüne Handschuhe, grünen Regenschirm, grünes Taschentuch und grüne Filzbabuschen aus.

Jetzt spähte er scharf in die Ferne, winkte mit seinem Regenschirme.

»Heern Se, Sie, heern Se — Sie sin doch der, uff den wir lauern — gomm Se hierher, hierher!«

Er raffte ein Bündel auf, das zu seinen Füßen gelegen hatte, und rannte die Mauer entlang.

Es war Georg Hartung, welcher sich der das Tor belagernden Menschenmenge näherte. Er verstand den Ruf, änderte die Richtung, vor ihm ward eine Strickleiter herabgelassen.

»So, treten Se gefälligst ein — gomm Se ruff — de Dier därf'ch nich uffmachen.«

Gut! Georg erkletterte die Strickleiter.

»Nich wahr, Sie sin Georg Hartung? Na, sein Se scheenstens willgomm. Brieschen gefällig? Echter Doppelveilchen.«

»Ich danke, ich schnupfe nicht. Aber woher kennen Sie mich denn schon?«

»Na, wer solln Sie denn andersch sin? In so ‹n Anzug mit so 'ner Bichse! Also, Sie schnubben nich? Das is schade, jammerschade! Wenn's nach mir ginge, missten schon die Seiglinge den Schnubbtabak in die Nase geduftet kriegen, das is Gehirnfudder...«

Und er erging sich weiter in Lobpreisungen des Schnupfens, während er die Strickleiter auf der andern Seite wieder herunterließ, und als sie die vernachlässigten Wege durch den Park verfolgten, war er noch immer nicht fertig.

»Also gomm Se mit?«, schlug er endlich doch ein anderes Thema an.

»Ja, ich weiß ja noch gar nicht, um was es sich eigentlich handelt?«, lächelte Georg.

»Nu, um enne Reise um de Erde, mir wolln denselben Weg nehmen wie Sie, Sie solln als Fiehrer dienen. Na, das wird Ihnen schon Miss Leonor alles auseinanderglabustern. Se genn ganz ruhig mit ihr schbrechen, se is gar nich so schtolz, wie se aussieht. Woruff solln mir denn ooch schtolz sin? Mir hamm ja nischt. Nadierlich, mir genn was — besonders de Leonor — die hat ja ooch schtudiert — in Zierich un in Berlin un in Gott weeß wo — de hehere Dechnologie un Physik un Chemie — un se hat ooch was gelernt, ei ja — besondrsch im Braktschen — eine Experimentöse, sage ich Ihnen, eine Experimentöööhse! — awwer im Deoretschen bin ich ihr wieder ieber — se gann gaum mit finf Unbegannten rechnen...«

So schwatzte er immer weiter, bis die Klosterruine vor beiden auftauchte.

Es war wirklich eine Ruine, der man gar nicht mehr zutraute, dass sich in ihr ein Mensch noch wohnlich einrichten könnte.


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Doch zunächst sah Georg nur das geheimnisvolle Automobil, welches vor der Tür stand, jetzt nicht mehr ganz geschlossen, sondern es zeigte offne Fenster — und dann ward Georgs Aufmerksamkeit wieder durch das Erscheinen einer jungen Dame abgelenkt.

Leonor ging nicht mehr in Trauer, sondern sie trug ein fußfreies Lodenkostüm, als wäre sie schon reisefertig.

»Mr. Georg Hartung — Miss Leonor Morris, was die Tochter vom alten Morris ist — ei ja, ehem«, stellte der grüne Heinrich vor, weltgewandt seinen Zylinder ziehend, wobei sich zeigte, dass er kein einziges Haar mehr auf dem Kopfe hatte.

»Es freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind«, begann Leonor ohne Weiteres. »Sie werden mir also auf meiner Reise um die Erde als Führer dienen?«

»Sie wollen denselben Weg einschlagen, den ich nahm?«

»Ja. Glauben Sie, dass dieses Automobil überall durchkommen wird?«

»Ehe wir das besprechen, gestatten Sie mir erst eine andere Frage.«

»Bitte sehr!«

»Wie sind Sie auf mich gekommen?«

»Durch Lesen Ihres Buches: ›Ohne Geld mit der Büchse um die Welt‹.«

»Glauben Sie denn auch, dass ich diese Tour wirklich gemacht habe?«

»Das haben Sie nicht?!«, stutzte Leonor.

»Doch. Aber Sie sind die erste mir begegnende Person, welche in die Wahrheit meiner Schilderungen keinen Zweifel setzt. Haben Sie keine Zeitungsberichte über dieses mein Werk gelesen?«

»Ich lese überhaupt fast gar keine Zeitungen. Ich sah das Buch ausliegen und kaufte es. Also man glaubt Ihnen nicht?«

Georg schilderte mit kurzen Worten, wie es ihm gegangen war.

»Ja, wirklich«, bestätigte dann Leonor, »es kommen Sachen darin vor, die man... fast nicht glauben möchte. Die erlebten, manchmal haarsträubenden Abenteuer, die furchtbaren Strapazen — Gott, warum nicht? Der Mensch kann alles, was er will. Aber dann berichten Sie doch Sachen, an denen man wirklich zweifeln möchte, oder aber... Sie sind eine Art von Übermensch, schon mehr mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet.«

»Inwiefern?«, lächelte Georg. »Was zum Beispiel halten Sie für unmöglich?«

»Sie wollen da in Afrika meilenweit eine Spur verfolgt haben, die ein Neger vor acht Tagen zurückgelassen hatte.«

»Das habe ich allerdings getan und habe den Mann auch gefunden.«

»Und dazwischen hat es einen ganzen Tag geregnet — und wenn man nun überhaupt die tropische Vegetation dort bedenkt.«

»Sie haben Recht«, sagte Georg bitter. »Ich hätte mich erst als Fährtensucher und Kunstschütze produzieren müssen, dann hätte das verehrliche Publikum mir eher geglaubt, dann hätte mein Buch auch Erfolg gehabt.«

»Ja, Kunstschütze. Noch mehr als Ihre Fertigkeit im Schießen imponiert mir aber Ihr Taxieren von Entfernungen. Sie wollen auf 620 Meter mit einem Doppelschuss zwei Gazellen erlegt haben.«

»Habe ich auch.«

»Mit dieser einfachen Büchse hier?«

»Einfach, aber sehr gut. Das ist allerdings ihre höchste Leistungsfähigkeit.«

»Nun gut. Erstaunlich, doch möglich. Sehr unwahrscheinlich ist nur, dass Sie vorher die Entfernung ganz richtig auf 620 Meter abschätzten. Das kann kein Mensch.«

»Doch, ich kann es und werde auch nicht der einzige sein. Bis auf tausend Meter will ich jede Entfernung mit einer Abweichung von höchstens fünf Metern richtig taxieren, und da kann mich keine Perspektive täuschen.«

»Das können wir ja gleich prüfen. Blicken Sie dort durch die Bäume! Sie sehen die Mauer. Ich kenne ihre Entfernung von hier genau. Wie groß schätzen Sie diese?«

Nur einen Moment blickte Georg scharf in die bezeichneten Richtung.

»340 bis 345 Meter«, sagte er ohne Zögern.

»Das stimmt wahrhaftig!«, staunte Leonor. »Die Entfernung von hier beträgt genau 342 Meter. Ja, Sir, wie haben Sie diese wunderbare Fähigkeit erlangt?!«

»Sie ist mir angeboren. Überdies habe ich sie von klein auf täglich geübt.«

»Sind Sie professioneller Jäger?«

»Nein. Ich bin in Deutschland geboren, auf einem Rittergute, wurde durch Hauslehrer auf das Gymnasium vorbereitet, habe aber wenig in der Stube gesessen. Immer in Wald und Feld. Als ich zwölf Jahre alt war, wanderte mein Vater nach Amerika aus. Wir hatten in Arkansas eine große Plantage. Ich sollte studieren, Philologie, man sagte, ich hätte die größten Anlagen dazu. Aber ich hätte es nicht zwischen Häusern aushalten können. So wurden mir auch hier Hauslehrer gehalten, die besten Kräfte, mein Vater konnte es sich leisten. Ich studierte im Walde, die Büchse auf dem Rücken, in der Jagdtasche die griechische Grammatik. Als ich neunzehn Jahre, alt war, verlor mein Vater sein ganzes Vermögen, starb. Mutter war schon tot. Was sollte ich tun? Ich gedachte meine Jägerfähigkeiten zu verwerten, dabei viel Geld zu verdienen. So machte ich jenen Marsch um die Erde. Da haben sich meine Gaben nun allerdings erst entwickelt. Ja, ich will es in Spürsinn und andern Fähigkeiten mit jedem Indianer aufnehmen, wie die Phantasie eines Jugendschriftstellers ihn nur schildern kann.«

Unverwandt hatte Leonor das hübsche, offene Gesicht mit dem blonden Bärtchen betrachtet.

»Sie brauchten es mir nicht besonders zu versichern — ich brauche Sie nur anzusehen, dann glaube ich Ihnen auch, dass Sie achtundachtzig englische Meilen in elf Stunden im Laufschritte zurückgelegt haben.«

»Als ich einmal vor dem Verschmachtungstode stand, ja. Das sind freilich solche Unwahrscheinlichkeiten, von denen mein Buch strotzen soll, sodass man es nicht einmal Kindern in die Hände geben dürfte.«

»Ich glaube Ihnen. Sie haben sich also unterwegs immer mit Fleisch versorgen können?«

»Ja. Ausnahmsweise auf einigen Strecken nicht.«

»Wir wären in dem Automobil fünf Personen. Könnten Sie diese immer mit genügend Wildbret versorgen?«

»Sogar viel leichter als nur meine eigne Person, da ich doch nicht viel Proviant bei mir tragen konnte. Ich kenne Stationen, Tränkplätze und dergleichen, wo wir Wild massenhaft erlegen können. Nur muss eine Vorrichtung zum Trocknen oder noch besser zum Räuchern und Pökeln des Fleisches vorhanden sein.«

»An dies alles hat mein Vater beim Baue des Automobils gedacht.«

»Dann können wir uns ja auch in jeder Stadt genügend verproviantieren.«

»Nein, das können wir eben nicht!«

»Weshalb nicht?«

»Weil — weil...«

»Weil mir nischt hamm«, kam der grüne Heinrich der Stockenden zu Hilfe.

»Es ist Tatsache«, lächelte diese unbefangen. »Wir sind mit allem ausgerüstet, was wir zur Reise brauchen, für einen Monat reichlich mit Proviant, aber nun ist das Geld auch rein alle. Ich habe wahrhaftig keinen Dollar mehr in der Tasche. Gestern Abend habe ich noch eine Hundertdollarnote gehabt. Master Green, den ich Ihnen hiermit als den genialsten Ingenieur vorstelle, wollte sich noch einige Kleinigkeiten kaufen, ich gab ihm das Geld. Und was meinen Sie, was er sich für die hundert Dollar gekauft hat? Einen Zentner Schnupftabak!«

»Echten Dobbelveilchen!«, bestätigte Mr. Green schmunzelnd, seine Nase fütternd.

Leonor konnte ihm diese Verschwendung auch nicht verübelt haben, sie lachte herzlich. Georg lachte mit.

»Bravo, bravo!«, rief er. »Das nenne ich wahrhaftig ohne Geld um die Welt! Für einen echten Globetrotter ist das eine Kleinigkeit, auch ein Radfahrer kann sich durchbetteln — aber ein ganzes Automobil, das ist das Allerneueste!«

»Die Sache hat jedoch auch eine ernste Seite«, nahm Leonor wieder das Wort. »Sie scheinen schon zugesagt zu haben...«

»Wenn Sie mich brauchen können, ich bin selbstverständlich dabei!«

»Ja, aber nun wegen der Bezahlung. Was fordern Sie für Ihre Dienste?«

»O, Miss...«

»Wären Sie mit täglich fünfundzwanzig Dollar zufrieden?«

»O, Miss...«

»Ja, das kann ich leicht versprechen«, fing Leonor wieder zu lachen an, »ich habe eben kein Geld. Doch Scherz beiseite. Haben Sie die Berichte über das Morrisit gelesen, über die Unterredung, die ich mit Mister Deacon hatte?«

»Ich habe alles gelesen.«

»Und es beruht auf Wahrheit. Wenn mir Mister Deacon nach zwei Jahren nicht hundert Millionen Dollar zahlt, werde ich sie sofort von anderer Seite bekommen.«

»Selbstverständlich, und so lange bleiben Sie mir das Honorar eben schuldig.«

»Sie sollen dafür auch mit der Extraprämie zufrieden sein. Denn wenn ich hundert habe, kommt es mir auf eine einzige lumpige Million doch gar nicht an.«

Das schöne Mädchen zeigte einen heitern Charakter, den man ihm nach dem sonstigen Äußeren gar nicht zugetraut hätte.


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»Na, da genn' mir ja losgondeln«, meinte Green, in dem geschlossenen Fahrzeuge ein Türchen öffnend.

»Wie? Schon jetzt?!«, stutzte Georg.

»Ja, haben Sie noch etwas zu besorgen?«, fragte Leonor.

»Nein, das nicht, ich bin reisefertig, aber... es kommt mir nur etwas plötzlich.«

»Also dann vorwärts, einsteigen! Ich stelle Ihnen die andern Reisegefährten unterwegs vor, erkläre Ihnen später alles — nur erst einmal fort aus diesem Gehöfte, das für mich mit den unliebsamsten Erinnerungen verknüpft ist — hinaus in die weite Welt! Ach, wie ich mich danach gesehnt habe!«

Sie stieg ein, wozu die Benutzung einer kleinen Treppe nötig war. Georg folgte nach, sah sich in dem schmalen Korridor zwei Männern im blauen Monteuranzug und einem Herrn im Sportkostüme gegenüber.

»Mister Georg Hartung, der Weltreisende, von dem ich Ihnen schon so viel erzählte, dessen Weg wir nehmen werden — und zunächst muss ich Ihnen meine Getreuen und die Mitarbeiter meines Vaters vorstellen — Mister Charles Pick, dessen hervorragendste Eigenschaft die ist, dass er nur mit den Fingern jede Schraube lockern oder anziehen kann, welche sonst jedem Schraubenschlüssel widersteht. — Mister Tom O'Foy, ebenso ausgezeichnet als Koch wie als Elektrotechniker — Master Artur Deacon, welcher mich begleitet, um zu prüfen, ob die Erfindung meines Vaters auch wirklich hundert Millionen Dollar wert ist.«

Den beiden Arbeitern hatte Georg die Hände geschüttelt, von denen die des erstgenannten eine ungeheure Muskulatur zeigten — bei dem Nennen des letzten Namens war er zusammengezuckt. Ein fast feindseliger Blick traf, den jungen Herrn, welcher mit einer Verbeugung ebenfalls die Hand ausstreckte, und... Georg nahm sie nicht!

Das konnte freilich den gewandten Weltmann nicht in Verlegenheit bringen, er hatte scheinbar die Hand nur deshalb ausgestreckt, um sie auf einen Türgriff zu legen, und sofort fing er lächelnd von der Ehre zu sprechen an, den berühmten Weltreisenden kennen zu lernen, dessen epochemachendes Buch jetzt das Tagesgespräch bilde, usw.

»Keine Komplimente, meine Herren!«, unterbrach Leonor den Wortschwall, und dann wandte sie sich an Green, welcher erst jetzt nachkam, das Treppchen einzog und die Tür schloss.

»Sind die Brander gelegt?«

»Es brennt schon. In fünf Minuten steht alles in hellen Flammen.«

»Ich vernichte unsre bisherige Wohnung nämlich durch Feuer«, erklärte Leonor, zu Georg gewendet. »Mein Vater hat doch Verschiedenes hinterlassen, was vernichtet werden muss, will ich selbst die Früchte seiner Erfindungen ernten. Nun vorwärts, Green, auf Ihren Posten — und die Herren begeben sich wohl auch, zuerst in den Chauffeurraum, um die Leistungsfähigkeit des ›Maximus‹, wie ich dieses Automobil zu Ehren meines Vaters getauft habe, mit eignen Augen zu beobachten, ehe ich Ihnen alles näher erkläre.«

In dem schmalen Korridore erblickte Georg so viel des Rätselhaften, dass er lieber vorerst gar nichts prüfen wollte, ebenso sah es auch in dem Chauffeurraume aus. Auch der modernste Ingenieur hätte lauter Rätsel vorgefunden.

Green stand, immer noch im Bratenrocke mit Zylinder, vor einem Apparate mit zahllosen Rädern und Hebeln. Zunächst machte er ›Tut Tut‹. Es klang fast kläglich, wie zu einem Kinderspielzeuge passend. Gleichzeitig ein kleiner Ruck, das Automobil setzte sich in Bewegung, verließ sofort den Weg, brach durch die Büsche.

»Nun müssen wir aber mal die Fenster zu machen.«

Ein Hebeldruck, und über die Glasfenster schoben sich von unten metallne Platten. Das Automobil war vollständig geschlossen. Überall brannte schon elektrisches Licht, und hin und wieder war auch in den Platten ein rundes Guckloch mit sehr starkem Glase angebracht, vor allen Dingen für die Augen des Chauffeurs, und auch Georg, von Leonor an die betreffende Stelle geschoben, konnte noch alles vor sich übersehen, den kolossalen Rammer erkennen, der vorn am Automobil weit hervorragte.

»Wir können nicht durch das eigentliche Tor«, erklärte Leonor, »es wird noch immer von einer Menschenmenge umlagert, das könnte lebensgefährlich werden, und meine Abfahrt soll überhaupt ganz unvermutet geschehen.«

»So geht es durch eine Hintertür?«

»Nein, die Umfangsmauer hat überhaupt nur jenes Tor.«

»Ja, wie kommen Sie sonst hinaus?«

»Nun, einfach durch die Mauer.«

»Ist die niedergerissen?«

»Nein. Wir brechen durch.«

»Se is ja gaum ennen Meter dick«, ergänzte Mr. Green.

Georg fragte nicht weiter, er beobachtete.

Das stärkste Unterholz bedeutete für dieses Automobil nichts weiter als Stroh — da kamen zwei Bäume, zwischen denen es nicht hindurch konnte — etwas zur Seite gelenkt, und der eine Baum von Armstärke knickte wie ein Holzsplitterchen ab — und jetzt tauchte dort die aus Quadersteinen aufgeführte Mauer auf...

»Achtung, 's gommt ä gleener Ruck!«

Der Kraftwagen schlug ein anderes Tempo an — die Mauer schien heranzurasen — Georgs Herz stand doch ein wenig still — aber da ein Ruck, nicht einmal so heftig, dass er alles über den Haufen geworfen hätte, wenigstens nicht hier innen, desto mehr dort draußen — ein schmetternder Krach, ein nachfolgendes Prasseln von Steinen — der Kraftwagen war durch die Mauer gebrochen, hatte sie hinter sich.

*

Kapitel 4
Die Erfindungen von Maximus Morris

Mit der Geschwindigkeit eines Personenzuges eilte das Automobil die Landstraße entlang, dem Westen zu. Noch im Chauffeurraum erklärte Leonor Bauart und Eigenschaften dieses Fahrzeuges.

»Sein Gewicht beträgt noch nicht zwanzig Zentner. Es ist nämlich ganz aus Aluminium gebaut, das aber nach einem besondern Verfahren meines Vaters äußerlich verstählt ist, sodass man wirklich von Panzerplatten sprechen kann. Die Innenräume zeige ich Ihnen dann. Es kann vollständig geöffnet oder ganz geschlossen werden, wie Sie vorhin schon gesehen haben, oder es sind wie jetzt Zimmerfenster darin.

Oben auf der Plattform kann noch ein Panzerturm angebracht werden, mit einem Revolvergeschütz und einem Maschinengewehr ausgestattet, die wir jedoch hoffentlich niemals gebrauchen müssen.

Außerdem kann hinten noch eine geräumige Plattform herausgeschoben werden, ebenso vorn und auf beiden Seiten.

Das ganze Fahrzeug ruht auf drei Achsen oder sechs Rädern, welche voll sind, und überdies sind noch unter dem Wagen mehrere Räder angebracht, die verschiedene Funktionen zu verrichten haben.

»Nun, Mr. Hartung, ich habe Sie noch gar nicht gefragt, welchen Schwierigkeiten nach Ihrer Ansicht solch ein Automobil auf dem Wege, den Sie zurückgelegt haben, begegnen würde. Sprechen Sie sich darüber aus.«

»Ja, auch ich habe erst jetzt daran gedacht. Da sind allerdings große Hindernisse vorhanden. Dass dieses Automobil auch für Wasser eingerichtet ist, habe ich ja schon gehört.«

»Es kann sich in ein vollständiges Boot verwandeln. Dann kommt hinten eine Propellerschraube heraus, auch die Räder können in Schaufelräder verwandelt werden.«

»Es sind manchmal sehr steile Flussufer zu überwinden.«

»Das dürfte das kleinste Hindernis sein.«

»Wir kommen durch große Wüsten mit dem feinsten Sande.«

»In diesem Falle werden die Räder durch einen Hebeldruck meterbreit, auch die untern, das ganze Automobil verwandelt sich in eine Walze, jedes Einsinken verhindernd.«

»Wir werden glatte Eisflächen zu überwinden haben...«

»Dann kommen auf den Rädern Riefen und Stacheln zum Vorschein, ganz, wie wir wünschen. Ja, mein Vater hat bei der Konstruktion der Räder auch noch an etwas ganz Anderes gedacht. Aus den Seiten der Räder können Schwerter oder Sicheln hervorgereckt werden, wie bei den alten Schlachtwagen, welche im Menschengewühl eine furchtbare Wirkung ausüben müssen, wie auch die runde Form des Rammers in eine Schneide oder Spitze verwandelt werden kann. Doch das werden wir hoffentlich nie brauchen. Sonst noch Hindernisse?«

»Ich bemerkte, dass ich stets Karawanenwege eingehalten habe, die für Pferde und Kamele passierbar sein müssen. Ich bin an Erdspalten gekommen, die stets überbrückt waren, wenn auch nur mit Bambusrohr, deren Festigkeit wohl selbst für ein beladenes Kamel genügte, nicht aber für solch ein Automobil.«

»Wissen Sie, wie breit die breiteste dieser Erdspalten war?«

»Ja, das habe ich stets gemessen. Vierzehn Meter war die breiteste.«

»Nicht mehr? Mein Maximus macht Sätze von zwanzig Metern.«

»Was, springen kann er auch?!«, rief Georg in hellem Staunen.

»Sogar in die Höhe, zwei Meter hoch. Dazu ist eine besondere Vorrichtung vorhanden. Vorn legt sich eine Platte nieder, die als schiefe Ebene gewissermaßen als Sprungbrett funktioniert, hinten wirkt im Moment des Sprunges eine Feder. Lassen Sie sich aber erst von der bewegenden Kraft erzählen. Das Morrisit in jenem Apparate, den ich Ihnen dann erklären werde, liefert Knallgas für 400 Pferdestärken, welche, wenn die unter unsern Füßen montierte Maschine völlig ausgenutzt wird, eine Geschwindigkeit von 150 Kilometern in der Stunde erzeugen. Nun benutze ich indes das Morrisit als erzeugende Kraft nur indirekt. Auch wenn wir stillstehen, geht der Motor, dann treibt er eine Dynamomaschine, die Elektrizität wird in Akkumulatoren aufgespeichert und liefert gleichfalls wieder 400 Pferdekräfte, sodass ich durch Benutzung beider Kraftquellen eine Schnelligkeit von 300 Kilometern in der Stunde erzielen kann. Das heißt, das ist nur eine theoretische Berechnung. Wohl würde Maximus diese Geschwindigkeit erreichen, seine Konstruktion und die Maschine würden die Geschwindigkeit aushalten, aber da würde wohl auch die solideste Chaussee aus den Fugen gehen. Hingegen in einem andern Falle kann für kurze Zeit, nur für einen Augenblick, diese enorme Schnelligkeit einmal entwickelt werden. Wenn wir springen wollen. In dem Moment, da ich das Sprungbrett herunter- und hinten die Feder aufschlagen lasse, gebe ich volle Kraft. Das Fahrzeug schnellt zwei Meter in die Höhe und saust noch mindestens zwanzig Meter durch die Luft. Im nächsten Moment haben wir wieder normale Geschwindigkeit, die 100 Kilometer kaum übersteigen darf. Jetzt fahren wir nur vierzig.«

Georg konnte bloß staunen.

»Sie sind doch auch durch Engpässe gekommen?«, fuhr Leonor fort.

»Oftmals.«

»Ist einer schmaler als drei Meter gewesen?«

»Kein einziger.«

»Steigungen über sechzig Grad?«

»Auch nicht.«

»Viele Treppen, Stufen?«

»Das wohl, aber immer passierbar für Pferde und Kamele.«

»Dann wird auch mein Maximus überall durchkommen. Nun sehen Sie hier den Apparat, in dem das Morrisit das Knallgas entwickelt.«

Es war eine fast ebensolche Glasflasche, wie Leonor sie damals zu ihrem Experiment im Kleinen vor Mr. Deacon gebraucht hatte, hier aber von der Größe eines Petroleumballons, das zwischen den beiden Drähten befindliche silberglänzende Stück Morrisit von der Größe einer welschen Nuss. Ferner waren die beiden Teile der Flasche zwar ebenfalls eingeschliffen, außerdem aber an diesen Rändern noch mit einer besondern Masse, wohl Guttapercha, umgeben.

Gegenwärtig war in der Flasche kein Wasser, die Akkumulatoren waren gespeist worden, jetzt lieferten diese elektrische Kraft.

Leonor schaltete den Hebel um, ließ etwas Wasser nachlaufen, zeigte die Entwicklung des Knallgases, gab nähere Erklärungen.

»Wie lange sind Sie einmal ohne Wasser gewesen?«

»Neun Tage war die längste Dauer, in Asien, da habe ich einen Wassersack mitschleppen müssen.«

»Dann können wir nie in die Verlegenheit des Wassermangels kommen. Wir führen in einem Bassin, alles unter dem Boden angebracht, Wasser, nur zur Erzeugung von Kraft, für fünf Tage mit, außerdem können die Akkumulatoren auf drei Tage gespeist werden, das macht zusammen acht Tage, die wir aushalten können, und unser Maximus ist wohl etwas schneller als ein Fußwanderer.«

So sprach Leonor lächelnd.

»Ja, wenn nischt derzwischengommt«, ließ sich der grüne Heinrich vernehmen.

»Was soll denn dazwischenkommen?«

»Nu, ich dachte nur so. Wollen Sie dem Herrn nich lieber gleich erklären, was passiert, wenn er das Zeig da herausnehmen will?«

Das schöne Mädchen wurde etwas verlegen, doch das war schnell überwunden.

»Well. Es handelt sich um eine Vorsichtsmaßregel, die ebenfalls von meinem Vater stammt. Denn schon er beabsichtigte, mit diesem Automobil große Reisen zu unternehmen, kurz vor dem Ziele dieses seines sehnlichsten Wunsches wurde er aus dem Leben gerufen. Wie ich Ihnen schon erklärte, ist das Morrisit eine im Grunde genommen ganz einfach herzustellende Substanz — so einfach, dass wohl schwerlich jemand dahinterkommen wird. Mein Vater erfand es durch einen ganz merkwürdigen Zufall. Nun liegt doch die Gefahr sehr nahe, dass diese Erfindung ihm oder jetzt mir, der Erbin, entwendet wird, ich hätte dann gar keinen pekuniären Nutzen mehr von ihr. So hat also mein Vater eine Sicherheitsmaßregel getroffen, um dies zu verhüten. Sie sehen hier um den eingeschliffnen Rand eine rote Masse. Das ist ein furchtbarer Explosivstoff. Anders als durch Lösen der beiden Teile kann man nicht zu dem Stück Morrisit gelangen. Sobald man nun die Flasche zu öffnen versucht oder zerbricht, erfolgt eine gewaltige Explosion, das Stück Morrisit ist verschwunden.«

»Und der Neugierige und alles, was rumgestanden hat, ebenfalls«, ergänzte Mr. Green mit einem behaglichen Schmunzeln.

Es war schade, dass in diesem Augenblicke niemand den seitwärts stehenden Mr. Deacon beobachtete. Dieser machte ein Gesicht und schielte nach der gefährlichen Flasche wie ein Köter nach der Bratwurst, neben der die Hundepeitsche liegt.

»Dann können wir auch gleich noch etwas Anderes erledigen«, fuhr Leonor fort. »Die Herren dürfen hier ruhig alles anfassen, alles untersuchen. Es ist doch auch nicht etwa, dass ich Ihnen misstraue — Gott bewahre — nur auf eine Gefahr möchte ich Sie aufmerksam machen. Es handelt sich hier um diese Schusswaffen.«

Sie öffnete ein Schränkchen, welches Gewehre und Pistolen enthielt: Eins der ersteren nahm sie heraus.

»Das ist ein Luftgewehr. Dass ein solches schon einmal in einer Armee versuchsweise eingeführt gewesen ist, wohl in einer deutschen, wissen Sie vielleicht. Seine Durchschlagkraft genügte, aber der Kolben hielt den nötigen Luftdruck nicht aus, sprang zu oft mit der Kraft einer Pulverexplosion. Besser haben sich die hydraulischen Geschütze in unserer amerikanischen Marine bewährt. Nun, das hier ist eine ganz andere Konstruktion, ebenfalls eine Erfindung meines Vaters. Ich lade die Waffe.«

Sie klappte den Lauf nach unten und wieder zurück, genau so, wie man die neueren Luftbüchsen mit komprimierter Luft ladet, aber sie tat dies mehrere Male, dabei zählend und sprechend:

»Einmal — das entspricht einem Kernschuss auf 100 Meter — zweimal, das sind 200 Meter — dreimal gleich 300 Meter — und so mache ich das fünfzehnmal — jetzt können Sie auf 1500 Meter schießen, und zwar nicht etwa höheres Visier nehmend, sondern gestrichenes Korn, ohne dabei das Visier verstellen zu müssen.«

»Ist nicht möglich!«, staunte Georg.

»Es ist so. Und Sie können sich die Schüsse auch nach Belieben einstellen, hier durch diesen Hebel an der Seite. Das Magazin nimmt fünfzehn Kugeln oder Schrothülsen auf. Auf 1500 Meter können Sie nur einmal schießen, dann hat sich das Luftreservoir eben mit einem Male entleert. Stellen Sie den Hebel aber so, dass das Gewehr auf 100 Meter schießt, können Sie auch fünfzehn Kugeln hintereinander abschießen; bei 300 Metern fünf Kugeln, und so fort. Die Berechnung ist doch ganz einfach. Sie brauchen auch Ihr Taxierungsvermögen nicht anzustrengen. Hier oben auf dem Laufe ist ein kleines Instrument angebracht, durch welches Sie nur zu blicken brauchen, dann stellen Sie hier diesen Schieber ein, und Sie können die Entfernung bis auf einen Meter ablesen. Die Hauptsache aber ist der Mechanismus, welcher die Luft so kolossal komprimiert. Der Vertreter einer englischen Waffenfabrik, dem von dieser Erfindung meines Vaters zufällig etwas zu Ohren kam, bot ihm dafür 100 000 Pfund. Sie sehen, an Geld würde es mir nicht fehlen, wenn ich welches brauchte. Dabei ist der Mechanismus ganz einfach. Aber eben deswegen hat mein Vater ihn auf ebensolche hinterlistige Weise vor Entdeckung geschützt. Sie sehen hier die kleine Schraube. Löst man sie und klappt den Teil auf, so liegt der ganze Mechanismus bloß. Aber auch dieser Kolben birgt einen Explosivstoff, und löst man die Schraube, so fliegt das ganze Gewehr in Stücke.«

»Und alles, was drumgestanden hat, gleichfalls«, setzte Mr. Green wiederum in seinem gemütlichen Tone hinzu.

»Ebenso sind die Pistolen beschaffen. Also, die Herren sind gewarnt.«

Ohne Zögern nahm Georg das Gewehr in die Hand, während Master Artur wieder so ein schielendes Bullenbeißergesicht machte.

»Kann denn diese Explosionsgefahr nicht beseitigt werden?«, fragte er dann.

»Leider nicht«, entgegnete Leonor kurz. »Nun müssen aber die Herren auch in die Führung des Automobils eingeweiht werden. Mr. Deacon, Sie machen wohl den Anfang, während ich Mr. Hartung die Wohnräume zeige. Also, Mr. Green, machen Sie den Erklärer!«

Indem sie so sprach, hatte sie dem grünen Chauffeur die Hand auf den Rücken gelegt, und dem scharfsichtigen Georg entging nicht, dass sie dabei in merkwürdiger Weise die Finger bewegte, wie beim Klavierspielen.

Doch Georg achtete nicht weiter darauf, und während Deacon an Greens Stelle trat, folgte er dem jungen Mädchen in das Innere des Wagens.

*

Kapitel 5
Das erste Hindernis

Von dem schmalen Korridor, dessen Wände von Röhren, umsponnenen Drähten, Handrädern und Hebeln starrten, gingen vier Haupttüren ab. Die erste hinter dem Chauffeurraum führte in Leonors Schlafkabinett, in welches Georg nur einen flüchtigen Blick bekam, wobei er weniger Bett und Möbel als auch nur wieder lauter Räder und Hebel bemerkte.

Dann kam das gemeinschaftliche Speisezimmer, außer vielen anderen Bequemlichkeiten auch eine kleine Bibliothek enthaltend. Im letzten Raume schliefen die beiden Arbeiter zusammen mit Mr. Green; dazwischen lag eine Kabine, welche Georg mit Mr. Deacon teilen sollte.

Georg fragte nicht, wo die Betten seien, die würden schon, wenn sie gebraucht würden, irgendwo zum Vorscheine kommen — er machte im Augenblick ein recht finstres Gesicht.

»Was haben Sie?«, fragte denn auch Leonor. »Ist Ihnen nicht angenehm, mit Mr. Deacon zusammen hausen zu müssen?«

»In der Tat, wenn das zu ändern ginge — ach, das ist ja nur eine Schwäche von mir! — Natürlich, ich wohne mit ihm zusammen hier.«

»Sprechen Sie offen! Ich habe schon vorhin bemerkt, dass Sie ihm die Hand verweigerten.«

»Haben Sie das bemerkt? Nun gut! Ich erzählte Ihnen doch schon, dass mein Vater vor acht Jahren sein ganzes Vermögen verlor. Land und Haus und alles. Durch einen nichtswürdigen Gaunerstreich wurde er darum betrogen. Durch Mr. L. P. Deacon. Das hier ist sein Sohn. Ja, es ist Torheit, Schwäche, wenn ich das jetzt diesen entgelten lasse... und dennoch... Miss Morris, wenn ich offen mit Ihnen sprechen dürfte...«

»Selbstverständlich, ich forderte Sie doch erst dazu auf.«

»Aber wir dürfen nicht belauscht werden«, flüsterte Georg noch leiser als zuvor.

»Mr. Green hält ihn am Steuerapparat fest.«

»Er könnte doch sich einmal freimachen, indem er schon etwas ahnt.«

»Nein, Green hat von mir ganz bestimmte Instruktion bekommen, ihn für eine Viertelstunde festzuhalten, da auch ich mit Ihnen eine heimliche Unterredung haben wollte.«

In diesem Augenblicke dachte Georg zunächst an etwas Anderes.

»Sie haben dem Chauffeur diesen Befehl wohl auf den Rücken telegrafiert?«

»So ist es. Mein Vater war sehr schwerhörig, deshalb unterhielten wir uns gewöhnlich durch solche telegrafische Zeichen.«

»Nun gut! — Miss Morris, wie kommen Sie dazu, den Sohn von Mr. Deacon, dem Sie jenes Angebot gemacht, auf diese Fahrt mitzunehmen?!«

»Der alte Deacon stellte diese Bedingung, dass sein Sohn mich begleite, um während der Fahrt festzustellen, ob das Morrisit auch wirklich eine unerschöpfliche Kraftquelle sei, die sich gar nicht abnutze.«

»Ich verstehe, aber...«

»Und ich verstehe wieder Sie.«

Ja, die beiden hatten sich gar schnell verstanden.

»Dieser Mensch hat ein Fuchsgesicht«, begann Georg wieder, »und... er ist der Sohn und das verjüngte Ebenbild des Mannes, der meinen Vater auf die niederträchtigste Weise mit Absicht ruinierte. Der Apfel fällt nicht weit vom Baume, und... ich habe von diesem Artur Deacon auch schon handgreifliche Schlechtigkeiten aus bester Quelle erzählen hören.«

»Was haben Sie über ihn gehört?«

»Es liegt durchaus nicht in meinem Charakter, jemand Übles nachzureden, nur in diesem Falle...«

»Ich verstehe, ich verstehe, sprechen Sie frei heraus!«

»Ich wurde erst kürzlich in einem Café Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier Gentlemen — äußerlich Gentlemen, im Innern charakterlose Lumpen. Bewundernd sprachen sie von ihrem Freunde, jenem Artur Deacon, was für ein Teufelskerl der doch sei — besonders in Bezug auf das weibliche Geschlecht — wie er eine Wette eingegangen sei, eine bisher unbescholtene, tugendhafte Frau innerhalb eines Tages durch seine Künste der Sünde in die Arme zu führen — und er habe seine Wette gewonnen...«

Das feine, etwas blasse Gesicht des jungen Mädchens überzog sich plötzlich mit einem flammenden Rot.

»Sonst hörten Sie nichts weiter?«

»Nein. Und für mich genügt es.«

»Für mich auch. Nun, und was haben Sie mir sonst zu sagen?«

»Ich halte diesen Menschen zu allem fähig.«

»Ich auch.«

»Und trotzdem nehmen Sie ihn als Begleiter mit?«

»Eben deswegen, um mich gegen ihn zu schützen. Ich bin mir von vornherein bewusst gewesen, dass dieser Deacon, der alte, alles aufbieten wird, um auf billige Weise in den Besitz meines Geheimnisses zu kommen, und so wunderte ich mich gar nicht, als mir sein Sohn als Begleiter aufgedrängt wurde. Und eben deswegen nahm ich seine Gesellschaft an — um ihn immer unter den Augen zu haben, um ihm auf die Finger passen zu können...«

»Ah, ich verstehe, ich verstehe!«, war es jetzt Georg, welcher dem andern Teile mit schnellem Verständnis entgegenkam. »Ja, dann ist das besser so, wenn er als Feind uns begleitet und...«

»Miss Morris«, ließ sich da Greens singende Stimme vernehmen, »mir gomm an enne Schtadt — und da gommt errscht enne Bricke, und da hamm se enne Barriere vorgeschom.«

»Das ist Easton am Delaware«, ergänzte Georg sofort, »und das stimmt, da mussten schon vor sieben Jahren alle Wagen Brückenzoll bezahlen.«

Hierdurch war die heimliche Unterredung unterbrochen worden, aber sie fand noch eine Fortsetzung oder einen Abschluss — die beiden sahen sich an, und wie auf Kommando reichten sie sich die Hände.

»Mir aber trauen Sie?«, flüsterte Georg.

»Ihre Züge, Ihre Augen können nicht lügen — wir sind verbündet — nun nach vorn!«

Sie begaben sich in den Chauffeurraum zurück. Das langsamer fahrende Automobil befand sich schon zwischen den Gartenhäusern einer Vorstadt. Das dort vorn konnte wohl eine Brücke sein, aber wenn der Chauffeur schon eine Barriere erkennen wollte, dann musste er wohl ein Fernglas benutzen, obgleich er kein solches in der Hand hielt.

Georg lernte sofort diese Einrichtung kennen, wie durch Vorschieben eines andern Glases vor eins der runden Guckfensterchen ein Fernrohr von außerordentlicher Schärfe entstand, und so erkannte auch er eine grüne Barriere, welche vor jedem einzelnen die Brücke passierenden Fahrzeug gesenkt und hinter ihm, nachdem der Führer am Wärterhäuschen seinen Zoll entrichtet hatte, gleich wieder gehoben wurde.

»Ja, wir sind im pedantischen Easton«, erklärte Artur. »Es sind hier schon so viele Wagen ohne Brückenzoll durchgebrannt, besonders diese teuflischen Automobile, die man so schwer aufhalten kann, dass man für besser befunden hat, jedes einzelne Fahrzeug gleich zu arretieren, und sehr stark mag der Verkehr auch nicht sein; auf der Brooklyner Brücke dürfte man diese Taktik keinesfalls anwenden.«

»Und wie hoch ist denn der Brückenzoll?«, fragte Leonor.

»Fünfundzwanzig Cent pro Automobilrad.«

»Himmel!«, rief Leonor mit scheinbar ehrlichem Schreck. »Wenn die alle meine Räder zählen, dann machte das ja zwei und einen halben Dollar! Und überhaupt, ich habe ja nicht einmal 26 Cent in der Tasche!«

»Soll ich drieberhubben oder durchbrechen?«, fragte der grüne Heinrich gemütlich wie immer.

»Nein nein, das können wir nicht. Der elektrische Funke ist doch etwas schneller als unser Maximus, und ich möchte mit der Polizei möglichst gar nicht in Berührung kommen.«

Mit scheinbarem Staunen hatte Deacon diesem Zwiegespräch zugehört.

»Aber ich bitte Sie, Miss Morris«, rief er jetzt, schon aus der Tasche seine Geldbörse ziehend, »ich stehe Ihnen doch selbstverständlich zur Verfügung.«

»Auf keinen Fall!«, wehrte Leonor ab. »Ich sagte Ihnen doch auch bereits, dass ich keine fremde Hilfe annehme, ich will ohne alles Geld um die Welt kommen.«

»Aber das hier ist doch etwas ganz Anderes...«

»Geben Sie sich keine Mühe, ich nehme keinen Cent an! Das ist aber wirklich köstlich«, setzte sie mit aufrichtigem Lachen hinzu, »schon in der ersten Stunde stoßen wir auf ein schier unüberwindliches Hindernis, obgleich es nur aus einem dünnen Gitterwerk besteht!«

Sie hatten dieses erreicht. Das Automobil stoppte, seitwärts an der Straße stehend. Sofort drängten sich Neugierige herum, das riesenhafte, seltsame Fahrzeug anstaunend, auch der Brückenwärter blickte hin, hatte aber mit der Abfertigung anderer Wagen zu tun.

»Gibt es nicht eine Brücke über den Fluss, die zollfrei zu passieren ist?«

Ja, oben bei Stundsbourg, gute vierzig Meilen von hier.

»Ich schlage vor, mir hubben doch drieber«, riet Mr. Green.

»Oder ob sich der Brückenwärter nicht anpumpen lässt?«, meinte Leonor sinnend. »So ein Pump ginge nicht gegen meine Maximen, und wenn man hundert Millionen Dollar in Aussicht hat...«

»Dann können Sie die paar Cent doch auch von mir annehmen«, ergänzte Deacon.

Leonor antwortete ihm gar nicht, brachte das Automobil wieder in Gang, steuerte langsam die Straße hinab, welche sich an dem Strome hinzog.

Doch nur eine kurze Strecke, dann hielt Leonor, welche jetzt selbst den Steuerapparat bediente, abermals, schlüpfte durch ein Türchen hinaus, trat an die meterhohe Steinmauer, blickte in den Strom hinab.

Das Ufer war steil gemauert, unten in einer Tiefe von mindestens acht Metern wälzte der Delaware seine trägen Fluten dem Süden zu, hin und wieder belebt von einem Dampfer und von Stechkähnen.

»Vollkommen tief genug«, murmelte Leonor und begab sich in das Automobil zurück.

»Achtung, meine Herren, halten Sie sich dort an den Handgriffen fest — Mr. Adam Green hat Recht: wir hubben doch!«

Ein Hebeldruck, das Automobil war durch die Panzerplatten vollständig geschlossen. Leonor ließ es zweimal über die Straße hin und her gehen, bis es auf dieser ganz quer stand und dann schoss es mit Vehemenz vorwärts, hatte mit der leichten Eleganz eines Gemsbockes die Steinmauer genommen, und dann ein Klatsch, das Wasser spritzte auf — es war geschehen!

Es war geschehen, noch ehe die andern richtig gewusst hatten, was das Mädchen beabsichtigte — wenigstens nicht Georg und Deacon.

»Um Himmels willen, was...«, hatte dieser im letzten Augenblick geschrien, und selbst Georg hatte sich verfärbt.

Sollte man da auch nicht einen Schreck bekommen, wenn man das Vorhaben erkannte! Da aber war es eben schon geschehen. Ruhig schwamm das Automobil im Wasser, schon von einer Schraube getrieben, schon wieder mit durchsichtigen Fenstern.

»Teufelsweib!«, ächzte Deacon.

»Meinen Sie mich?«, wandte sich Leonor kühl an ihn.

Deacon kam zu keiner Entschuldigung.

»Bravo, bravo!!«, jubelte Georg auf. »Das ist eine Kutsche, die ich mir gefallen lasse!«

»Awwer ooch dieser Hubbs war polizeiwidrig!«, ließ sich Green vernehmen.

»Inwiefern?«, sagte Leonor. »Ich habe mit den Rädern nicht einmal das Trottoir berührt, und dass ich unten niemand auf den Kopf hopste, davon habe ich mich ebenfalls erst überzeugt.«

»Na, lass mer'sch gut sein. De Boliziste darf's nich gesehn hamm, der schreibt uns uff. Mir woll'n lieber machen, dass mer wieder uff's Trockne un ins Freie gomm.«

Das sich in ein Motorboot verwandelt habende Automobil steuerte den Strom hinauf, jeden Dampfer schnell überholend.

Und nun diese Menschen auf der Brücke und auf den Uferstraßen! Da würde wohl mancher die permanente Maulsperre bekommen!

Doch unsre Weltreisenden hatten sich um sich selbst zu kümmern. Auf beiden Seiten zogen sich die gemauerten Ufer hin, so weit das Auge reichte, doch nur die rechte Seite konnte in Betracht kommen.

»Da is ä Dräbbchen«, meinte Green.

Dieses Treppchen konnte das Automobil nun freilich nicht benutzen, das war doch etwas zu viel von seinen Fähigkeiten verlangt.

Da aber hörte die steile Ufermauerung auf. Dort, wo die vielen Kähne lagen, war eine sanfte Böschung mit Pflasterung. Leonor hielt darauf zu.

»Awwer wenn da de Schtraße nich weitergeht, wenn mir da etwa errscht durch Gemiesegärten missen, da gomm mer erscht recht in de Badsche.«

Die Befürchtungen des Walisers trafen nicht zu. Maximus kletterte die Böschung hinauf, fand freie Weiterfahrt, eine Hauptstraße ward wieder erreicht, und das Fahrzeug durchquerte die ganze Stadt, nur als ein ganz seltsames Automobil angestaunt. Die Kunde von dem tollen Wassersprung konnte ihm noch nicht vorausgeeilt sein, dazu fuhr Maximus zu schnell.

*

Kapitel 6
Die Bremse versagt

Freies Feld, sorgsam angebaut, hin und wieder ein Dörfchen, zwischen ansehnlichen Städtchen liegend, wo starke Industrie getrieben wird, nicht anders als im flachen Deutschland — das ist der Charakter des östlichen Pennsylvaniens, vor 350 Jahren von dem Quäker William Penn den dort hausenden Indianern, meist Delawaren, abgekauft, mit ihnen wegen verschiedener Berechtigungen einen Vertrag schließend, den der Quäker im langen Schößenrock nicht beschwören, sondern nur durch Handschlag besiegeln durfte — und wer es kennt, der muss hierbei auch stets betonen, dass dieser der einzige in Amerika mit Indianern geschlossene Vertrag gewesen ist, der nie gebrochen ward.

Eine Wettfahrt mit einem Eisenbahnzuge, die von dem Automobil spielend gewonnen wurde, war die einzige Abwechslung an diesem Nachmittage.

Dann wurde in dem Speisezimmer die erste Mahlzeit eingenommen. In diesem befand sich auch gleich die Küche, elektrisch betrieben, ein winziges Schränkchen, dem Tom O'Foy die gewärmten Konserven, frisch gebackenes Brot und kochendes Teewasser entnahm, alles appetitlich servierend, und wenn es dreißig Tage lang zwei Gänge geben konnte, ehe der Proviant ergänzt werden musste, dann ließ es sich ja hier aushalten.

Mr. Green bediente unterdessen den Steuerapparat.

»Er wird es immer während unsrer Mahlzeiten tun«, erklärte Leonor, »dass deswegen nicht etwa ein edler Wettstreit entsteht. Monsieur Adam Green ist ja sonst ein ganz patenter Mensch, aber... er muss in der Minute sechs Prisen nehmen — echten Dobbelveilchen — auch beim Essen, und das ist wenig angenehm für die Mitspeisenden. Sieht der Mann übrigens nicht etwas dämlich aus? Es ist der genialste Ingenieur — und Astronom — dabei alles durch Selbststudium angeeignet — und ein Mathematikus! Sie müssen ihn einmal rechnen sehen — oder vielmehr hören. Alles im Kopfe! Ein fabelhaftes Zahlengedächtnis! Er hat die fünfstelligen Logarithmen von eins bis tausend im Kopfe.«

Die Gegend wurde hügelig, die Dunkelheit brach an. Der Scheinwerfer sandte einen mächtigen Strahl voraus, und unter seiner Führung kletterte das Automobil das Alleghenygebirge hinauf, die ganze Nacht hindurch.

Es war die alte Auswandererstraße, welche benutzt wurde. Die Eisenbahn hat zur Überschreitung dieses Gebirges einen bequemem Weg genommen, und jene alte Straße, welche einst von Hunderttausenden begangen worden ist, wäre schon längst gänzlich verfallen, wenn der aufblühende Automobilsport sie nicht wieder benutzt hätte. Aber auch die dies- und jenseitigen Bewohner dieses Gebirges ziehen Vorteil davon, um die Eisenbahn zu ersparen, zumal zur Beförderung von Viehherden. Keinem Automobil bereitete diese Straße besondere Schwierigkeiten, am allerwenigsten dem vierhundertpferdigen Maximus. Da gab es kein Keuchen, selbst die steilsten Steigungen wurden mit unverminderter Geschwindigkeit genommen, wozu nur einige Pferdekräfte mehr eingeschaltet zu werden brauchten.

Die beiden Arbeiter lösten sich mit Green in der Führung des Wagens ab. Leonor schien gar kein besonderes Interesse für diese nächtliche Gebirgsfahrt zu haben, sie hatte sich zur Ruhe zurückgezogen, ebenso wie Deacon, während Georg die ganze Nacht im Chauffeurraum aushielt. Aber obgleich in die Führung schon eingeweiht, bekam er jetzt die Steuerung nicht allein in die Hand, es war doch manchmal eine ganz hahnebüchene Fahrt.

In der elften Stunde wurde der Kamm erreicht, und hier an einer breiten Stelle sollte das Automobil bis zum Morgengrauen stehenbleiben. So war schon vorher ausgemacht worden, und da allerdings war Georg immer zu Rate gezogen worden. Wohl verbreitete der vorausgeschickte elektrische Blendstrahl noch in weiter Entfernung Tageshelligkeit, aber es kamen doch gefährliche, äußerst abschüssige Strecken, und so sehr die Erbauer auch von der tadellosen Funktion jedes einzelnen Teiles überzeugt waren, sie hatten das Automobil doch immer nur in dem Klostergarten probiert, wenn auch unter Zuhilfenahme von künstlich aufgeführten schiefen Flächen — es war doch besser, den hellen Tag abzuwarten.

Georg verbrachte die warme Sommernacht schlafend auf der obern Plattform, bis er bei Tagesgrauen von dem Wächter geweckt wurde.

Leonor war schon auf, alle stellten sich ein, die Talfahrt wurde angetreten. Nachdem Mr. Green in der ersten Stunde den Steuerapparat bedient hatte, besonders unter verschiedenen Bedingungen die Bremse prüfend, übergab er die Führung seiner jungen Herrin, während er selbst unter dem an einer Stelle geöffneten Boden etwas an der Maschine beobachten wollte.

Und es ward eine Fahrt, dass Georg dem Beispiel Deacons folgte, sich nämlich ebenfalls mit etwas blassen Lippen an die Handgriffe klammerte. Und es war verzeihlich, er hatte — außer einmal eine Kraftdroschke — überhaupt noch kein Automobil benutzt. Dabei aber musste er das junge Mädchen bewundern, dessen schlanke Hände so fest auf den Hebeln und Griffen lagen, während die schönen Züge nicht die geringste Spannung verrieten, und ruhig hob und senkte sich die Brust.

Leonor hätte ja auch gar nicht nötig gehabt, die Fahrt bis auf fünfzig Kilometer zu steigern. Sie ließ den Wagen einfach laufen, nur selten die Bremse in Tätigkeit setzend. Und nun immer durch die Schluchten geprasselt und um die scharfen Ecken herum, bei diesen die Fahrt nur ein wenig mäßigend.

Da stieß auch Georg einen Schrei des Schreckens aus — gerade um solch eine Ecke bog ein mit Pferden bespannter Wagen, der Zusammenstoß schien unvermeidlich zu sein, musste schon erfolgt sein — aber im letzten Moment hatte Leonor noch ihr Automobil zur Seite gerissen, und für sie selbst schien das gar nichts weiter gewesen zu sein.

»Seien Sie vorsichtig!«, bat Georg.

»Ich bin vorsichtig«, lächelte sie. »Ich weiß genau, was mein Maximus leistet, und was ich mir selbst zutrauen darf, und ich habe mich schon als Chauffeuse ausgebildet — in der Schweiz, im wildesten Gebirge. Seien Sie unbesorgt, ich bringe kein Menschenleben in Gefahr.«

»Es kommt gleich eine furchtbar abschüssige Strecke.«

»Dann werde ich auch rechtzeitig die Bremse...«

Sie brach ab, riss an einem Hebel. Georg sah, wie sie plötzlich erblasste und die Lippen zusammenpresste.

»Green, Green!«, schrie sie dann. »Was ist das? Die Bremse funktioniert nicht!!!«

Wie ein grünes Phantom huschte das Männchen herbei, das schon mit dem Namen seine Farbe bekannte, unterwegs aber noch schnell eine Prise genommen, und dann hatte es beide Hände am Apparat, drehte einen andern Hebel zurück.

Da ein krachender Knall.

»Ei Gott verbibbg, na, nu wärd's awwer errscht gut!!«

Auf Leonor übte dieser Knall eine andere Wirkung aus.

»Um Gott, was war das?!«

»Nu, was wärd's denn gewesen sin? Jetzt is ooch noch de Umschteierung gebrochen! Na nu müss'n mersch Luder loofen lassen, wie's ähm leeft.«

Und dabei blieb es denn auch. Mit immer sich steigernder Geschwindigkeit raste das Automobil die von Felswänden eingefasste Straße hinab.

Jetzt verlor auch Leonor beinahe die Fassung. Mit gefalteten Händen stierte sie nach dem grünen Männchen, in dessen Händen nun ihr Schicksal lag. Und Greens bartloses faltiges Gesicht war eisern geworden, aber dennoch blieb das gutmütige Grinsen darin, und ebenso wenig konnte er den Mund halten.

»Ei du griene Neine — sechzg, fünfundsechzg, sibzg Gilometer — nu heert denn das noch nich uff? Nee — egal un egal fixer — nanu hamm mir schon neinzg Gilometerchen im Schtindchen hundert — hundertundzwanzg — un dreißg — värzg — Ginder, hundertunvärzg Gilometerchen — Heere uff, Heers uff, oder ich schbringe naus!!«

Den andern standen die Haare zu Berge. Deacon hatte sich hingekauert. Zu sehen war auch gar nichts mehr. Immer um die Ecken herum. Wie das grüne Männchen noch die Steuerung behalten konnte, blieb den Andern auch später unbegreiflich.

»Nu, heert denn dieses Gebärge noch nich bald uff?«, schwatzte er während der wahnsinnigen Todesfahrt weiter. »Mr. Hartung, mir missen doch balde unten sin? Halt, da gommts ja schon ein bisschen besser — wollt'r glei weg, ihr Ludersch!«, fing er plötzlich zu brüllen an. »Weg da, ihr Ludersch...«

Georg glaubte vor sich, auf sich verbreiternder und nicht mehr so abschüssiger Straße, eine große Herde Ochsen zu sehen... da konnte er schon nicht mehr urteilen, plötzlich ward es im Automobil finster, die Platten mussten sich geschlossen haben — und gleichzeitig ein furchtbarer Ruck, der alles gegen die Wand warf, nur Green nicht, und mit einer zitternden Bewegung hielt das Automobil.

Das elektrische Licht flammte auf.

»Hat sich niemand den Schädel eingerannt?«

Nein, es war noch gut abgegangen, auch gegen solche Zwischenfälle war alles eingerichtet.

»Na, nu is es gut«, fuhr Green fort. »Wissen Sie denn, meine Herrschaften, wo mir uns befinden? Mir sin direktemang in enne Ochsenherde neingerannt, müssen in ennen ganzen Fleischberg stecken.«

Jetzt verriet schon der Lärm, was geschehen war. Ein vielhundertstimmiges Rindergebrüll, die entsetzten Tiere schienen zu fliehen, dazwischen schmerzliches Stöhnen!

Green ließ die im letzten Augenblick aufgezogenen Panzerplatten zurückgehen, und da erst konnte man das ganze Unheil richtig erkennen.

Vorn war das Automobil wirklich in einen Berg von blutendem Fleisch eingezwängt, über den ganzen Wagen türmte es sich noch hinweg, auf den Seiten ebenfalls blutige Fleischklumpen, und erst hinten konnte man sehen, wie die verstümmelten Rinder umherlagen, tot oder in den letzten Zuckungen, andere sich wegschleppend, während man Hunderte von behörnten Tieren nach allen Seiten fliehen sah — denn hier traten die Felsen zurück — verfolgt von den Hirten, während sich andere Berittene schon gegen das Automobil wandten, das ihnen kein ganz fremder Anblick mehr war.


Illustration

»Au au au au!«, machte Green kopfschüttelnd. »Das war mehr, als die Polizei erlaubt. Da woll'n mir uns lieber wieder in die Schildkrötenschale verkriechen, die schmeißen uns sonst die Fensterscheim ein, die woll'n uns verhaun.«

Er hatte das Automobil wieder geschlossen.

Mit noch immer entsetzten Blicken sahen sich die Anderen an.

»Ja, was nun?«

»Nu miß mer sehen, wie mir auf anschtändge Weise wieder von hier fortgomm.«

Er ging an eine Untersuchung der Maschinerie und konstatierte, dass die Bremse wieder intakt war, dafür aber war an dem Antrieb etwas gebrochen, was jedoch bald repariert sein würde. Das überließ Green dem einen Monteur; mehr als zwei Hände fanden bei der Arbeit nicht Platz. Green selbst bewaffnete sich mit einem großen, schwertähnlichen Messer, begab sich wieder nach vorn, und die noch Uneingeweihten sahen, wie auch in den Panzerplatten ein Fensterchen geöffnet werden konnte, dann noch das wirkliche Glasfenster auf, dessen Aussicht aber das blutige, nur mit Hautfetzen bedeckte Fleisch versperrte, und in diesem begann jetzt Green mit seinem langen Messer herumzusäbeln.

»Was machen Sie denn da?!«, fragte Leonor.

»Nu, ich schneide mir ä Bäffschdäck ab«, lautete die gemütliche Antwort.

»Das dürfen wir nicht, das wäre Diebstahl, oder wir müssten es bezahlen!«

»Heern Se, das miss mer sowieso, un nich nur hier ä gleenes Bäffschdäckchen, das wärd enne deire Schmiere, un wenn mir nur nich mit der Bolizei in Gonflikt gomm. Hier, Tom, hilf mir, dass mir gleich de ganze Reichergammer vollkriegen.«

Man ließ die beiden gewähren, welche große Fleischstücke in das Automobil hereinzogen. Green hatte ja nur zu recht, das konnte eine teure Geschichte werden, und nun hieß es, sich erst mit den Viehtreibern auseinandersetzen. Durch die Gucklöcher konnte man beobachten, wie die meisten der geflohenen Rinder wieder von den berittnen Hirten zum Stehen gebracht worden waren, einige von diesen aber waren abgesessen und donnerten unter wütendem Geschrei und furchtbaren Flüchen gegen die Panzerplatten, um die Insassen zu lynchen. Es waren noch keine echten Cowboys, aber schon genug verwilderte Individuen, denen alles zuzutrauen war.

Und eine Flucht war vorläufig unmöglich, erst musste der Antrieb repariert werden, worüber noch eine Viertelstunde vergehen konnte, und es war doch ein überaus beschämendes Gefühl, sich hier wie eine Schnecke zu verkriechen, um dann wieder durchzubrennen, besonders da man eine wirkliche Schuld begangen hatte.

Und würden nicht auch diese Viehtreiber schon etwas von einem Telegrafen wissen, durch den das Automobil überall aufgehalten werden konnte? Sollte denn das gleich hier im zivilisiertesten Amerika so eine DesperadoFahrt werden, die womöglich auch über Menschenleben hinweggehen musste?

»Ich muss die Geschädigten auf später vertrösten«, meinte Leonor, die wirklich immer verzagter wurde. »Aber wie nur diesen wütenden Menschen das überhaupt glaubhaft machen können...«

»Lassen Sie mich mit ihnen sprechen«, unterbrach sie Georg, »es sind schon halbe Cowboys, und gerade solche weiß ich zu behandeln. Lassen Sie mich hinaus.«

»Nein, nein, um Gottes willen nicht hinaus, wir wollen hier ein Fensterchen öffnen...«

»Kein Fensterchen, ich muss frei hinaustreten können, wie es einem Manne geziemt, der ein geschehenes Unrecht wieder gutmachen will.«

Da kam ein Reiter angesprengt, der einen viel solidern Eindruck machte als die Viehtreiber, wahrscheinlich der Besitzer der ganzen Herde.

Er sprang vom Pferde, wechselte mit den Treibern einige Worte, dann donnerte er gegen die Platten.

»Aufgemacht! Hier sind Menschen drin! Verstecken Sie sich nicht feige, Sie müssen sich verantworten, mir den Schaden vergüten!«

Das klang zwar noch grob, aber schon ganz anders, und kurz entschlossen öffnete Leonor in den Platten ein Fenster.

»Sir, unsere Bremse versagte...«

»Ist mir ganz egal, Sie haben, den Schaden zu ersetzen. Sie kommen nicht eher hier von der Stelle!«

»Was für einen Schaden haben Sie denn gehabt?«

»Das sind wenigstens zehn Ochsen, die Sie mir tot oder zuschanden gefahren haben — der Ochse dreißig Dollar — und was für Schaden ich sonst noch habe — unter fünfhundert Dollar kommen Sie nicht weg!«

Erleichtert atmete Leonor auf, sie hatte sich den Unfall viel schlimmer vorgestellt. Dann freilich dachte sie daran, wie sie denn das bezahlen solle... da streckte sich neben ihr durch das Fenster eine Hand heraus, dem Manne einen ›Greenback‹ hinhaltend, eine Tausenddollarnote.

»Genügt das, Sir?«

Hastig griff der Mann danach, dann an den Schlapphut.

»Danke, Sir, all right!«, erklang es jetzt in ganz anderm Tone als zuvor. »Sollen Ihnen meine Jungen helfen, die Karre aus dem Fleischberg zu schieben?«

»Ein Mensch ist dabei doch nicht verunglückt?«, fragte Deacon zunächst, und Leonor zuckte zusammen. An eine solche Möglichkeit hatte sie noch gar nicht gedacht.

Und noch ein anderer stutzte erschrocken — Mr. Green, der soeben durch die vordere Öffnung ein großes Stück Fleisch hereinbugsierte, dieses jetzt misstrauisch betrachtend.

»Menschenfleesch?! Nu, das wäre enne scheene Geschichte — gereichertes Menschenfleesch!«

Aber der Viehhändler konnte versichern, dass alle seine Hirten noch vollzählig und lebendig seien.

»Der Antrieb funktioniert wieder vorwärts und rückwärts«, meldete der Monteur mit den Zyklopenhänden.

»Halt, halt, noch een eenziges Ogenblickchen!«, ließ sich Green vernehmen, der eben wieder einen guten Zentner Fleisch hereinzog. »Nur noch dieses Lendenstickchen, dann ist die Reichergammer voll.«

Dies wurde noch besorgt, dann ging das Automobil rückwärts, um den Fleischberg herum, und hatte die freie Straße wiedergewonnen.

»Mr. Deacon«, wandte sich Leonor in peinlicher Verlegenheit an diesen, »ich muss Ihnen danken. So habe ich Ihre Geldunterstützung doch einmal annehmen müssen...«

»Und hoffentlich nicht zum letzten Male«, lächelte er verbindlichst.

Leonor blieb ihm die Antwort schuldig.

*

Kapitel 7
Ein nichtswürdiger Plan

Im Laufe dieses Tages wurden noch viele Ortschaften, mehrere kleine und große Städte passiert. Die Gegend änderte sich nicht. Am Abend musste man Indianopolis erreichen, wozu sonst die PacificBahn zwei volle Tage braucht. Maximus würde es in anderthalb Tagen gemacht haben, wobei auch noch einige Stunden Pause gewesen waren. Doch so weit war man noch nicht.

Georg schaute zu, wie Green, der seine grüne Trauer ein ganzes Jahr lang tragen wollte, also auch den grün beschleierten Zylinder, das frische Rindfleisch räucherte. Zu diesem Zwecke kam es in einen engen Schrank, unten wurde ein Pulver hineingestreut, dieses angezündet; ganz langsam, unter starker Rauchentwicklung brannte es ab, der Schrank wurde luftdicht geschlossen.

»So, morgen gönn mir'sch schon essen.«

»Was für ein Pulver ist das?«

»Ooch so ne Erfindung von Maximus Morris. Das so gereicherte Fleesch hält sich zehn Jahre lang — das heeßt, nadierlich darf mersch nich schon vorher uffressen.«

»Was für ein genialer Mann ist das nur gewesen, dieser Maximus Morris, der die Erfindungen nur so aus dem Ärmel schüttelte?«

»Nu, aus 'n Ärmeln schiddeln tat er se grade nich, er ging egal in Hemdsärmeln, die er uffgestreefelt hatte — — und schenjal — nu nee, das war er eegentlich nich — — 's war ähm so e Diftelfritze.«

Mehr sollte Georg über Maximus Morris nicht erfahren, jetzt nicht und niemals. Am Abend näherte man sich der großen Stadt Indianopolis.

»Ich würde von dort gern einmal nach Hause telegrafieren«, meinte Deacon.

Selbstverständlich! Warum nicht?

Das Automobil hielt vor dem Postgebäude. Deacon ging hinein.

»Was der jetzt delegrafiert, das mecht 'ch ooch wissen«, sagte Green, nachdem er zur Einleitung etliche Prisen genommen.

Georg und Leonor blickten sich erstaunt an und auf den Sprecher.

»Was? Sie haben auch schon Argwohn geschöpft?«

»Nu nadierlich, umsonst beschniffelt der doch nich egal den Gnallgasabbarat so mit 'n Oogen — un ieberhaupt, 's geht doch um hundert Milliönchen.«

Es war genug; das grüne Männchen brauchte nicht erst ins Vertrauen gezogen zu werden, wozu Leonor noch gar keine Gelegenheit gehabt hatte.

Folgen wir Mr. Deacon in das Telegrafenamt. Ein Mann, wie ein Arbeiter gekleidet, der hier auf Gelegenheitsdienste wartete, trat an ihn heran.

»Mr. Artur Deacon.«

»Ja. List oder...«

»Liebe«, ergänzte der andere das geforderte Stichwort, wozu ein Uneingeweihter lieber ›Gewalt‹ gewählt hätte.

Die beiden konnten getrost miteinander sprechen.

»Alles arrangiert?«, fragte Deacon.

»Alles.«

»Wo?«

»Wie schon ausgemacht; gleich hinter dem Übergange über die Eisenbahnstrecke nach Iowa.«

»All right. Das dürfte heute gegen Mitternacht sein.«

»Ganz gleichgültig, wir sind immer auf dem Posten. Nur in der Nacht muss es geschehen.«

»Ist das Individuum schon gefunden?«

»Selbstverständlich. Ein unbekannter Landstreicher.«

»Ist er erst getötet worden?«, fragte Deacon ganz kaltblütig.

»Nein, wurde verreckt hinter einem Zaune gefunden.«

»Wir überfahren ihn also nicht selbst?«

»Nein, ich werde ihn vorher mit einem Automobil gehörig zurichten.«

»Dass nur alles klappt!«

»Da verlasst Euch nur auf mich, ich werde mir doch meine Prämie verdienen. Aber erlaubt eine Frage! Wenn sich dieses tolle Weib nun nicht verhaften lässt?«

»Ich werde sie schon dazu bringen!«

»Und dann also, wenn es ihr wegen Totschlags an den Kragen geht, tretet Ihr den Beweis, an, dass sie es gar nicht gewesen sein kann?«

»Das kommt darauf an. Hinter Schloss und Riegel muss sie auf alle Fälle kommen. Entweder lässt sie sich dann von mir befreien, oder ich beweise ihre Unschuld. Wie es nun auch kommen mag, sie ist mir zum tiefsten Danke verpflichtet.«

»Durchs ganze Leben und noch weiter — good bye!«, grinste der andere Mann und verschwand.

Deacon gab an seinen Vater ein ganz gleichgültiges Telegramm auf und begab sich wieder hinaus, musste sich erst durch die Menschenmenge drängen, welche das merkwürdige Automobil umstand — die Fahrt wurde fortgesetzt.

*

Kapitel 8
Maximus lässt sich nicht verhaften

Es war schon Mitternacht vorbei, und eigentümlicherweise wollte heute niemand schlafen gehen. Alle hielten sich im Chauffeurraum auf. Green bediente den Steuerapparat, die anderen spähten in den elektrischen Schein, der vor ihnen die Landstraße tageshell erleuchtete, sodass man jeden Stein erkennen konnte.

»Wo sind wir eigentlich?«, hatte Deacon schon mehrmals gefragt.

»Ja, wenn ich das wisste!«, lautete dann immer Greens stereotype Antwort.

»Wir müssen gleich durch Iowa kommen«, erklärte jetzt Georg.

So geschah es, die kleine Stadt war schnell passiert.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass nun ein Bahnübergang kommt«, fuhr Georg dann fort.

»Wieder mit einer Barriere?«

»Ja, aber die ist nur geschlossen, wenn ein Zug zu erwarten ist.«

Der freie Bahnübergang wurde genommen.

»Da — da!«, schrie Deacon plötzlich auf, dass alle zusammenschraken, mit Ausnahme vielleicht von Mr. Green, der schon mehrmals bewiesen, dass er überhaupt keine Nerven besaß.

»Was gab es?«

»Haben Sie nicht den Schrei gehört?«

»Nein.«

»Wir haben einen Menschen überfahren!«

»Das ist nicht möglich!«, fuhr Leonor empor. »Ich habe gerade auf die Straße geblickt.«

»Und haben Sie da nicht eine Gestalt liegen sehen? Wir haben einen Menschen überfahren!«

»Ennen Menschen?«, nahm jetzt Green das Wort. »Ennen richtigen, lebendigen Menschen? I, geene Schpur von enner Ahnung! Ich hawwe doch immer nausgeguckt, ich hawwe nischt gesehn.«

»Ich auch nicht«, bestätigten sowohl Georg wie die beiden Arbeiter.

»Aber ich habe ihn doch schreien hören!«


Illustration

»Ich nich. Wer weeß, was Sie geheert ham. Un ieberhaupt, wen unser Maximus überfährt, der gann nich erscht schrein.«

»Aber ich versichre Sie — wir wollen umkehren!«

»I, machen Se doch geenen Sums, Sie ham nur getreimt!«

So sprachen auch die anderen, kümmerten sich gar nicht mehr darum, lachten Deacon nur aus. Dieser zuckte die Schultern, stellte sich seitwärts und kaute an den Nägeln.

Dann wurde einige Stunden geschlafen. Doch zwei Chauffeure mussten immer wachen. Niemand quälte eine Sorge — höchstens Deacon.

Am anderen Vormittage näherte man sich Springfield. Doch ehe man die ersten Häuser erreichte, kam ihnen eine große Patrouille Gendarmerie entgegen.

»Das sieht fast genau so aus, als hätten die's auf uns abgesehen«, ahnte Green gleich.

Und so sollte es auch kommen.

Die Reiter nahmen die ganze Landstraße ein; der vorderste schwenkte die Hand.

»Soll ich halten, wenn se's winschen?«, fragte Green erst seine Herrin.

»Ja. Fahren Sie ganz langsam.«

»Ich kann awwer ooch drieber weghubben, das heeßt, da miss mer se erscht bitten, abzusteigen.«

»Nein, halten Sie, wenn es befohlen wird.«

Das Automobil hielt dicht vor dem ersten Reiter, einem Wachtmeister.

»Im Namen des Gesetzes: stopp!!«

»Na, ich schdobbe doch schon!«, sagte Green und machte ein Fensterchen auf, hielt jenem seine Schnupftabakdose hin. »Brischen gefällig? Echter Dobbelveilchen!«

»Im Namen des Gesetzes: Sie sind verhaftet!«

»Als wie ich? Warum denn?«

»Das zu sagen, habe ich nicht nötig. Verlassen Sie mit Ihren Begleitern das Automobil!«

»Heern Se, da missen Se mir erscht sagen, warum, sonst fahre ich weiter.«

»Sie haben heute Nacht einen Mann totgefahren.«

Jetzt machte Green doch große Augen.

»Wo soll denn das bassiert sin?«

»Hinter dem Bahnübergange bei Iowa.«

Da gesellte sich Leonor zu dem Chauffeur.

»Ich ahne etwas!«, flüsterte sie mit blassen Lippen. »Wir dürfen uns nicht festhalten lassen, fahren Sie weiter, aber ohne einen Menschen zu beschädigen.«

Green hatte genug gehört.

»Mir ennen Menschen dodgefahren? I wo, das ham Se ähmfalls nur getreimt — telegrafisch getreimt — machen Se, dass Se weggomm, oder ich hubbe doch über Sie, wenn Se ooch zu Färde sitzen!«

»Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!«

»Nee, ähm nich! Na, wolln Se erscht noch ä Brischen nähm? Nich? Na, da nich! Nu nähm Se Ihre Hiehneroogen weg!«

Schon setzte sich das Automobil in Bewegung, ganz langsam, es drängte das Pferd zur Seite. Der Wachtmeister zog seinen Säbel — in diesem Augenblick schoben sich die Panzerplatten herauf, auf diese donnerte die Klinge.

»So ä Riebel, will der uns die Fensterscheim einhaun!«

Langsam drängte das Automobil auch die anderen Pferde und Reiter zur Seite, dann rollte es weiter. Hinterher galoppierten die brüllenden Gendarmen, aber fast wie tote Gegenstände zurückbleibend, als das Automobil erst wieder einmal volle Straßenfahrt hatte.

»Meine Herren, was sagen Sie dazu?«, fing jetzt Leonor an.

»Die wollen partout, dass wir einen Menschen überfahren haben sollen«, entgegnete Georg erregt.

»So ist es auch gewesen!«, behauptete Deacon mit dreister Stirn, ohne sich durch die ihn fixierenden Blicke beeinflussen zu lassen. »Ich habe es selbst ganz deutlich gesehen. Bedenken Sie doch. Sie brauchen ja nur einen einzigen Augenblick anderswohin gesehen zu haben, da war es schon geschehen. Miss Morris, ich beschwöre Sie, entziehen Sie sich doch lieber der Verhaftung nicht, das macht die Sache nur noch schlimmer, sonst kann sie ja aber gar nicht gefährlich werden, wenn Sie sich verantworten, einfach eine fahrlässige Tötung, wie es bei Automobilen so oft vorkommt, das lässt sich mit Geld gutmachen...«

»Genug!«, unterbrach ihn das junge Mädchen, sich plötzlich hochaufrichtend. »Ja, ich werde mich wegen dieses Falles verantworten, aber nicht eher, als bis ich meines Vaters Erfindung verkauft habe, also nicht vor zwei Jahren, bis dahin soll man mich nicht meiner Freiheit berauben, sodass mein Automobil in andere Hände kommen könnte. Also«, setzte sie in gleichgültigem Tone hinzu, »ich werde erst diese Reise um die Welt vollenden. Die Herren wollen sich, wenn sie den Steuerapparat bedienen, danach richten — sich durch nichts, durch gar nichts aufhalten lassen! Nur dass Menschenleben geschont werden!«

Sie hatte in einer Weise gesprochen, dass jedes weitre Wort vergebens gewesen wäre, und Leonor war ein Charakter, der sich seinen Frohsinn nicht so leicht verderben ließ. Die ihr aufgebürdete Schuld beschwerte sie niemals wieder.

So wurden die Straßen von Springfield erreicht. Da aber zeigte sich, dass die Kunde von der erfolglosen Verhaftung ihnen schon vorausgeeilt war.

Nicht nur Gerichtspersonen stellten sich dem Automobil entgegen, sondern in den Straßen sammelte sich auch gleich eine große Menschenmenge an, bereit, das durchgegangne Automobil aufzuhalten, wie es auch kommen möge. Der Volksunwille gegen einen fahrlässigen Mörder, der sich der Verantwortung entziehen will, ist ja stets außerordentlich groß, da wird die Menge fanatisch.

Die Panzerplatten wurden zur Vorsicht hochgezogen, die ersten Personen durch sanftes Fahren aus dem Wege geräumt; es gelang, noch einmal eine ziemlich freie Straße zu erreichen, dann aber war das Automobil zwischen einer ungeheuren Menschenmenge festgekeilt.

Wohl hätte es mit Leichtigkeit alles zur Seite schleudern können, was es nicht zermalmen wollte, aber selbst beim langsamsten Fahren hätte es zerquetschte Füße gegeben, und das wollte Leonor denn doch nicht! So blieb Maximus stehen, um sich auf eine neue Verteidigung vorzubereiten.

»Was wollt ihr von mir?«, rief Leonor zu einer der Schießscharten hinaus.

Keine Ahnung, dass man sie hätte verstehen können. Ein einziges Geheul, welches einzelne Worte ganz unverständlich machte, nichts als Flüche und Verwünschungen, Steine wurden gegen das Automobil geschleudert, mit Fäusten und Stöcken darauf losgeschlagen, sodass auch die gläsernen Gucklöcher mit Platten geschützt werden mussten. Man rief nach Hebebäumen, um das Fahrzeug in Trümmer zu rammen.

»Adam, schalten Sie die Leitung ein!«, kommandierte Leonor.

»Ich bin schon derbei«, entgegnete Green, und nach einer Minute entstand um das Automobil ein ganz anderes Geschrei, entsetzt suchte sich alles zurückzudrängen.

»Nicht zu stark, nicht zu stark!«, ermahnte Leonor.

»Nur zwei Volt, das geniegt, um de Nerven zu gitzeln.«

Der gestählte Mantel des Automobils war mit Elektrizität geladen worden. Jeder draußen Stehende, der es berührte, erhielt elektrische Schläge. Der Strom ging durch den ganzen Körper, und man weiß wohl, wie wenig elektrische Spannung genügt, um einem Menschen Entsetzen einzujagen, zumal, wenn er die Ursache der eigentümlichen Wirkung gar nicht kennt.

Die nächste Umgebung war frei. Langsam konnte das gepanzerte Ungetüm seinen Weg fortsetzen, und bei diesem Zurückweichen blieb es.

Da zeigte sich eine ziemlich menschenfreie Nebenstraße.

»Mr. Hartung, kennen Sie die Straßen von Springfield?«

»Nein.«

»Gleichgültig! Dahinein! Irgendwo müssen wir doch herauskommen!«

Von der wütenden Volksmenge verfolgt, fuhr Maximus in schnellem Tempo diese Straße entlang. Sie hatte keine Abzweigungen und... endete blind! Das heißt, kein Haus bildete den Abschluss, sondern eine drei Meter hohe Bretterplanke.

»Da gennen mir awwer nich drieberhubben.«

»Durch, was auch dahinter sein mag!!«

Bruch, knickte die Holzwand um, und Maximus befand sich in einem Obstgarten.

»Durch, durch, aller Schaden wird später vergütet!«

Die dichtstehenden Obstbäume knickten wie Strohhalme ab, dann ging es über Blumen- und Gemüsebeete, dann wieder eine Obstanpflanzung, dann kam zur Abwechslung wieder einmal ein Spargelbeet. Das war dem Automobil alles ebenso gleichgültig wie seinem Lenker.

Immer weiter ging es durch Obst- und Gemüsegärten, durch Zäune getrennt, welche ebenso umknickten wie ein eisernes Gitter.

»Herrjesens, herrjesens, will denn das scheene Gemiese noch gar nich uffheren?!«, jammerte Adam.

Dort hinten kam endlich die Landstraße. Vorher aber war ein breiter Wassergraben, der im Sprunge genommen wurde, dann noch ein Kornfeld, und Maximus ließ auf glatter Landstraße die Stadt hinter sich.

*

Kapitel 9
Maximus brennt durch

Einen Tag später. Man war durch keine Stadt mehr gekommen, und in den kleinen Ackerbaukolonien war das ungeheure Automobil nur angestaunt worden.

Die letzte Stadt, welche zu passieren war, wäre Omaha City gewesen, aber man umging sie, den Weg schon durch die blumengeschmückte Prärie nehmend, dann den Mississippi durchschwommen, auf verbreiterten Rädern sich durch eine Sumpfgegend gewürgt, und dann lag vor den Reisenden die Region der unermesslichen Prärien, die sich in Amerika nur hier noch in ihrer ganzen Eigentümlichkeit erhalten haben, weil sich ihr Anbau nicht lohnt, solange es noch anderes, besseres Land im Überfluss gibt.

Noch durch den Nebraska gesteuert, aus dessen Schilf zahllose Schwärme von Wasservögeln aufflogen, dann befand man sich auf der alten Heeresstraße, noch von den Ureinwohnern Amerikas, welche erst später von den uns bekannten Indianern vertrieben wurden, angelegt, dann von Hunderttausenden von Auswanderern benutzt, eine aus gebrannten Steinen hergestellte Chaussee, so widerstandsfähig, dass wir heutzutage so etwas gar nicht mehr fertig bringen.

Einsam und verlassen liegt sie jetzt da. Man sieht darauf jetzt faktisch öfter ein Automobil, welches ganz Amerika durchqueren will, oder einen Globetrotter per Zweirad, als einen Indianeragenten, der sein Wägelchen mit Schnaps, Decken, Pulver, Tabak und was sonst noch das Herz einer Rothaut erfreuen kann, vor sich hertreibt.

Noch einige Stunden schnelle Fahrt, da hatte man Omaha City schon hundert Meilen hinter sich, und Leonor beschloss, einen Rasttag zu halten; denn sie hatte diese Fahrt ja nicht angetreten, um in einer gewissen Zeit um die Erde zu jagen, sondern sie wollte die Welt kennen lernen, die schöne, freie Welt, auch dem Jagdsport wollte sie huldigen — ferner gab es doch verschiedene Geschäfte zu erledigen, große Wäsche und dergleichen, wie auch der nahe Strom zu einem Bade einlud.

So hielt das Automobil am Ufer an; zum ersten Male verließen es seine Insassen, betraten wieder festen Boden.

Während die Arbeiter unter Greens Leitung die Maschinerien untersuchten und schmierten, wollten Leonor und Georg auf die Jagd gehen. Auch Mr. Deacon wurde dazu eingeladen. Er lehnte dankend ab.

»Ich bin wirklich kein großer Freund der Jagd, und... mich reizt mehr der nahe Strom zu einem kühlen Bade.«

Nach dieser Absage nahm Leonor doch lieber ihren ersten Mann noch einmal heimlich vor.

»Dass Sie das Automobil nicht etwa ohne Aufsicht lassen, der ist imstande und geht ohne uns davon.«

»Weiß schon, weiß schon«, schmunzelte Green, seine Nase fütternd. »Ich stelle ab, aber ich habe meine Marke, ob er etwas am Apparat probiert hat.«

Als dann die beiden abmarschieren wollten, mit den Luftgewehren bewaffnet, dachte auch der Mann, der alle fünfzehnstelligen Logarithmen von eins bis tausend im Kopfe hatte, noch an etwas Wichtiges, er hielt noch einmal Georg zurück.

»Mir waschen hernachens, un wenn se vielleicht dräckge Wäsche in Ihrem Goffer ham...«

»Ich habe überhaupt keinen Koffer«, lächelte Georg unbefangen.

»Nu, wo ham Se denn sonst Ihre dräckge Wäsche?«

»Ich habe überhaupt keine Wäsche mit. Nur das, was ich auf dem Leibe trage.«

»Nu, da ziehn Se wenigstens Ihr Hemde aus, das genn mir ja gleich mit waschen, vielleicht ooch gleich Ihr Gostüm, das scheint mir der Seefe ooch sehre bedirftig, Sie hängen sich einstweilen an enn Ast uff...«

»Bedaure, ich habe auch kein Hemd an.«

Nein, dazu war dieser Weltreisende schon viel zu sehr Trapper, der sich und seine Kleidung nur wäscht, wenn er einmal ins Wasser springen muss oder aus Versehen hineinfällt, und bei einem Nordpolreisenden, der vielleicht den Professortitel hat, sieht es ja noch viel schlimmer aus.

Das sah Mr. Adam denn auch ein.

»Na, da is es ja gut. Brischen gefällig?«

Die beiden marschierten ab. Georg bewunderte die Leistungsfähigkeit der Luftbüchse, der ganz die ebenso konstruierte Pistole entsprach, bis zu hundert Metern fünfzehn Schuss abgeben könnend, und Leonor wiederum staunte über die Treffsicherheit ihres Begleiters. Fürwahr, er hatte in seinem Buche nicht mit seiner Schießkunst geprahlt, einen Fehlschuss schien es für ihn überhaupt nicht zu geben. Noch auf zweihundert Meter flederte er mit der Pistole eine pfeilschnell durch die Luft schießende Wasserschwalbe.

Sie hätten die Wasservögel aller Art zu Hunderten erlegen können, vierfüßiges Wild dagegen war nicht zu erblicken, von ihm zeigten sich nur wenige Spuren, wo es zur Tränke gegangen war.

»Da müssen wir die Nacht abwarten«, erklärte Georg. »Es ist hier überhaupt nicht die richtige Gegend zur Pirschjagd, wir sind der Grenze der Kultur doch noch zu nahe, hier ist schon zu sehr gewildert worden. Aber wo der Loup Fork in den Nebraska mündet, hinter Fort Kearny, da können wir auch bei Tage erfolgreiche Jagd auf Hirsche und Antilopen abhalten. In dem Zusammenflusse der beiden Ströme liegen viele Inseln, auf ihnen hält sich das Wild massenhaft versteckt.«

»Werden wir denn auf diesem Wege durch Nebraska mit Indianern in Berührung kommen?«

»Schwerlich! Ja, in den Forts treiben sich immer Indianer herum — ein bettelhaftes, ganz degeneriertes Gesindel. Ich habe bei meiner Durchquerung Nordamerikas kein einziges Abenteuer mit Indianern bestanden, nur mit Wegelagerern, besonders im Felsengebirge. Dort oben im Norden sind noch echte Söhne des großen Geistes, wie Cooper sie verherrlicht hat, zu finden.«

»Ja, weshalb wollen wir da nicht einen Abstecher in diese Jagdgebiete der Rothäute machen? Uns drängt ja keine Zeit, keine Wette.«

»Das kommt ganz auf Sie an! Nur bemerke ich, dass ich Ihnen dann nicht als Führer dienen kann. Ich kenne bloß diesen einst viel begangnen Weg quer durch Nordamerika.«

»Aber Sie wissen mit Indianern umzugehen?«

»Das allerdings. In der Nähe unsrer Plantage in Arkansas hausten noch genug Rothäute, nur von der Jagd lebend, und zwar meist Sioux und Schwarzfüße, deren eigentliche Heimat dort oben der Norden ist. Aber die Indianer sind ja infolge der Bemühungen, ihnen Gebiete im Süden anzuweisen, über ganz Amerika zerstreut worden. Sie flohen während des Transportes. Ich bin unter Sioux groß geworden, kenne ihre Sprache, wie noch manchen anderen Indianerdialekt.«

So sprachen die beiden noch, als sie, mit reicher Jagdbeute behangen, zum Lager zurückkehrten.

Die drei Techniker, wie wir sie insgesamt nennen wollen, waren eben erst mit dem Untersuchen und Schmieren der verschiedenen Maschinerien fertig geworden, zu der großen Wäsche waren sie noch gar nicht gekommen, hatten deshalb noch nichts aus dem Fahrzeuge gebracht.

Dieses präsentierte sich jetzt in vollkommen geschlossenem Zustande, und Green berichtete seiner jungen Herrin, dass er den Fehler gefunden habe, weshalb die Panzerplatten in letzter Zeit oben nicht mehr völlig geschlossen hätten. Das war jetzt beseitigt.

»Und als wir alle drei einmal draußen waren«, setzte Adam noch hinzu, »so wie jetzt, und nur der Mister Deacon war drin, da hat er richtig an den Hebeln herumgeklabastert, wollte fortfahren, ich hab's dann gleich bemerkt, awwer 's war nischt.«

»Und wo ist Mister Deacon jetzt?«, fragte Leonor ungerührt.

»Der baddelt noch dort im Flusse... halt'n uff!!«, fing da plötzlich Adam zu schreien an, dabei mit ausgestreckten Händen vorwärtsrennend, »halt'n uff, halt'n uff!!!«

Die anderen sahen, weshalb Adam so schrie und vorwärts rannte, sie selbst waren dessen nicht fähig, wie gelähmt standen sie da.

Tom war noch einmal in das Innere des Wagens gegangen, kam wieder heraus, sprang die kleine Plattform herab, gleichzeitig die schwere Tür, die sich hinten befand, zuwerfend — und in diesem Augenblicke setzte sich das Automobil in Bewegung, nur im ersten Moment einigermaßen langsam, im zweiten hatte es schon die Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes erlangt, in der dritten Sekunde die eines Eisenbahnzuges, und so ging es dahin über die blumige Prärie, dem Nordwesten zu.

Aber doch nicht mehr so ganz führerlos. Dass alle die anderen vor Schreck gelähmt waren, das galt nicht für Georg. Wie Adam, so war auch er hinter dem fliehenden Automobil hergelaufen, aber in ganz anderer Weise, als jener in seinen Filzschuhen. Mit drei mächtigen Sätzen hatte er, sein Gewehr fallen lassend, den Durchgänger erreicht, packte die Handgriffe, die sich an den Platten befanden, hatte sich auf die kleine Plattform, mehr ein Trittbrett zu nennen, geschwungen.

»Gott sei gelobt! Gott sei gelobt!!«, atmete Leonor aus tiefster Seele erleichtert auf. »Das wäre eine schöne Geschichte gewesen, wenn uns Maximus ohne jede Führung durchgebrannt wäre!«

Schon war das Automobil einige hundert Meter weit entfernt, noch immer stand Georg hinten auf dem Trittbrette, und noch konnte man unterscheiden, wie er sich an der geschlossenen Tür zu schaffen machte.


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»Ja, ob der awwer ooch de Diere uffkriegen gann?«, meinte Adam, in seiner bedächtigen Weise.

Wieder fuhr Leonor furchtbar erschrocken empor.

»Ja, haben Sie ihm denn diesen Mechanismus nicht erklärt?!«

»Ich? Nee. Sie?«

»Um Gottes willen...«

Und Leonor setzte schnell die Hände trichterförmig vor den Mund, schrie aus Leibeskräften:

»Drücken Sie die...«

Sie brach gleich ab. Sie hatte noch Besinnung genug, um zu erkennen, dass sich der Wagen schon viel zu weit entfernt hatte, um für eine menschliche Stimme erreichbar zu sein, außerdem war der Mechanismus, welcher die Tür von außen öffnete, wenn auch nur drei Fingerdrücke dazu gehörten, so kompliziert, dass man ihn mit Worten gar nicht erklären konnte, nur durch eine Zeichnung.

»Ei Gott verbibbg!«, fing jetzt Adam an. »Leeft das Luder von alleene fort — un nu sitzen mir hier midden in der Brärie — und ich in Filzbabuschen. — un nich emal ä Regenschirm — un un un...«

Er hatte seine Horndose geöffnet, um eine Prise zu nehmen, hielt mitten in dieser Bewegung inne.

»... un nur noch ä Lot Schnubbdabak!«

Da raschelte es im Schilfe des Flussufers, neben dem sie noch standen.

»Ist Miss Morris schon wieder von der Jagd zurück?«, ließ sich Deacons Stimme vernehmen.

»Jawohl, die is schon wieder zurück.«

»Dann schnell meine Sachen her — und ein Handtuch!«

»Ihre Sachen? Ihre Gleeder? Nee, heern Se, die sin grade uff enner Reese nach 'n Nordbol begriffen.«

Leonor hatte dem Automobil nachgesehen, bis es in der Ferne verschwunden war, hatte eine Bewegung gemacht, als wolle sie sich verzweifelt zu Boden werfen — dann richtete sie sich mit einem energischen Rucke wieder auf.

»Welche Geschwindigkeit war eingestellt?«, fragte sie ruhig.

»Nu, wie gewöhnlich, värzg.«

»Nur der elektrische Antrieb war eingestellt?«

»Un der geniegt gerade.«

»Wie lange halten die Akkumulatoren noch vor?«

»Noch zwanzg Stündchen.«

»Vierzig mal zwanzig macht...«

Leonor sprach das Resultat nicht aus, sie erschrak wiederum.

»Macht zusammen achthundert«, ergänzte Adam. »Jawohl, achthundert Gilometerchen gann das Vieh machen, ehe ihm die Buste ausgeht — un ich geen Regenschirm, und nich emal Schnubbdabak! Ja, wie ieberhaupt gann denn nur das Luderbeen so von alleene fortloofen?«

Hierüber zu diskutieren hatte gar keinen Zweck. Offenbar hatte das heftige Zuwerfen irgendeinen Mechanismus ausgelöst, es brauchte gar nicht der betreffende Antriebshebel zu sein. Die Erbauer des Automobils kannten alle Eigentümlichkeiten in Funktion eben doch noch nicht so genau.

Leonor hatte sich wiederum gesammelt, zog eine Karte von Nordamerika hervor, entnahm einem Etui Zirkel und Kompass, sah den hinterlassnen Spuren des Automobils nach, maß auf der Karte, wobei ihr Green zusah.

»Ziemlich direkt Nordwest. Achthundert Kilometer — das ist ziemlich die Grenze von Kanada.«

»Jawoll, bis nach Ganada nuff.«

»Wenn das Gefährt nicht durch irgend etwas abgelenkt wird, müsste es auf die ›schwarzen Hügel‹ stoßen, die sich nur vierhundert Kilometer von hier befinden. Was sind das, die ›schwarzen Hügel‹? Hoch genug, um das Automobil aufhalten zu können?«

»Wenn Sie's nich wissen, dann missen mir erscht das Auto einholen un im Nachschlagebuch nachsehen.«

»Machen Sie keine Witze, Mister Green, ich verbitte mir das!«

»Ich mache geene Witze — mir is gar nich gomisch zumute — in Filzbabuschen ohne Regenschärm un ohne geniegend Schnubbdabak.«

»So wollen wir beraten, was nun zu tun ist.«

Bis nach Omaha City gute zweihundert Kilometer, zum nächsten Fort noch viel weiter — und konnte Miss Morris nicht erkannt und noch verhaftet werden?

Ihr Entschluss stand von vornherein fest: den Spuren des Automobils zu folgen! Etwas Anderes gab es für sie nicht.

»Wenn wir den Tag hundert Kilometer machen können, dann haben wir...«

»Acht Tage zu marschieren«, ergänzte Green die wiederum erschrocken Stockende, »ehe wir die Stelle erreichen, wo es nicht weiter kann.«

»Mr. Hartung wird die Tür zu öffnen verstehen.«

Green bezweifelte das.

»Es wird schon vorher zum Stillstande kommen.«

Möglich, auch nicht möglich!

»Wie es auch kommen mag«, entschied Leonor, »wir folgen den Spuren, soweit es möglich ist, und wenn Mr. Hartung schon vorher umdrehen kann — er wird uns zu finden wissen, daran zweifle ich nicht.«

Jetzt machte sich zunächst wieder Deacon bemerkbar, der unterdessen alles erfahren hatte, und er hatte allen Grund, den Verlust des Automobils am schwersten zu empfinden. Hatte er sich doch nicht einmal mit einem Badehöschen vorgesehen gehabt.

»Aber was soll denn nun aus mir werden?!«, jammerte er. »Mr, Green, geben Sie mir doch wenigstens Ihre Jacke, dass ich erst einmal aus dem Schilfe kann!«

»Nee, mei Liewer, das gann ich nich, da wärd'ch mich zu Dode ergälden, un das darf'ch nich, das bin ich meinen Gindern schuldg, weil ich noch emal heiraten will.«

»Aber ich kann doch nicht hier im Wasser bleiben«, jammerte Deacon weiter, nur mit dem Kopfe aus dem Schilfe spähend.

»Nu, warum denn nich? Das genn Se doch machen, wie Se wollen.«

»Geben Sie mir wenigstens Ihr Taschentuch!«

»Wozu wolln Se denn mei Daschenduch hamm? Wenn mer so im Wasser schteht, gann mer sich de Nase doch glei mit'n Fingern butzen.«

»Nein, damit ich es mir vor den Leib binden kann.«

»Vor'n Leib? Vor Ihren nackgen Bauch?«, stellte sich der unverbesserliche Spötter entrüstet. »Wenn'ch mir de Nase butzen will, gann'ch doch nich erscht mir mei Geruchsorgan an Ihrem Bauche rumfuhrwerken. Nee, heern Se, das geht nich — aber was anderes gann'ch Ihnen geben — hier«, Green brachte aus seiner Brusttasche ein Brillenfutteral zum Vorschein, »meine Brille genn Se kriegen!«

Der hilflose Deacon wandte sich lieber an die beiden Arbeiter. Aber auch bei denen hatte er kein Glück. Diese wollten von ihren Kleidern ebenfalls durchaus nichts entbehren können, und nur der eine hatte ein Taschentuch, und dieses bekam der Nackte endlich nebst einem Stück Bindfaden ausgehändigt.

»Aber ich kann doch nicht so hervorkommen«, jammerte dann Mr. Deacon noch immer, der sich mit einem Male vor den Augen einer Dame äußerst genierlich zeigte.

»Not kennt kein Gebot«, entschied Leonor zuletzt, »kommen Sie hervor, bleiben Sie hinter mir!«

Da endlich kam Deacon hervorgekrochen, vor den Leib das große, rote Taschentuch gebunden, in dessen Mitte eine Darstellung des Denkmals der Jungfrau von Orleans prangte.


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Nachdem er die erste Verlegenheit überwunden, bot er sein Möglichstes auf, um Leonor von ihrer Absicht zu bringen, machte sie auf alle bevorstehenden Gefahren aufmerksam, auf den Wassermangel usw.

»Hier auf der Spezialkarte sind genug große und kleine Flüsse angegeben, welche das Automobil durchkreuzen muss, da sie alle von Osten nach Westen gehen, und jetzt nach der Regenzeit müssen wir auch sonst auf genug Wasserlachen stoßen, an Jagdwild wird es ebenso wenig mangeln.«

»Und die Indianer, die bald genug auf Ihrer Fährte sein werden? Ich beschwöre Sie, marschieren Sie nach Omaha City zurück, oder wenigstens nach Fort Kearny — oder noch besser, warten Sie hier, Mr. Hartung wird doch unbedingt wieder hierher zurückkehren!«

»Und wenn er nun in das Innere des Automobils nicht eindringen kann? Nein, wir folgen der Radspur, so weit es geht. Bleiben Sie allein zurück oder wenden Sie sich hin, wohin Sie wollen.«

Sie behing sich mit einigen der geschossnen Wasservögel, die drei Techniker mussten das Gleiche tun, die Wanderung ward sofort angetreten.

Und Mr. Deacon blieb nicht zurück! Ein kurzer Kampf mit sich selbst, ein hilfloser Blick nach Osten und nach Westen, dann storchte er hinterdrein, wegen der spitzen Grashalme bei jedem Schritte das Bein hochhebend, statt eines Feigenblattes nur das Taschentuch mit der Jungfrau von Orleans und der siegreichen Fahne.

*

Kapitel 10
Auf der Plattform

Georg suchte vergebens nach einer Klinke, um die Tür zu öffnen. Da kam ihm sofort der Gedanke, dass es hier einen geheimen Mechanismus gab, in den man ihn noch nicht eingeweiht hatte.

Die Tür war kaum erkennbar, so gut schlossen die Fugen, aber dort, wo sie sich befinden musste, zeigten sich viele Nieten mit sechskantigen Köpfen, und der erste, den Georg anfasste, ließ sich drehen, der zweite auch, der dritte ebenfalls, und so waren sämtliche drehbar.

Dass das Drehen eines oder mehrerer dieser Nietenköpfe das Öffnen der Tür veranlasste, war doch ganz offenbar, die Frage blieb nur, welche Kombination dazu anzuwenden war. Außerdem hatte Georg nur eine Hand frei, mit der anderen musste er sich an einen der Handgriffe klammern, die hier und da hervorragten, was nicht immer der Fall zu sein brauchte — bei gewöhnlicher Fahrt war von ihnen nichts zu sehen. Hinwiederum kam Georg gleich auf den sicher richtigen Gedanken, dass der geniale Erbauer dieses Automobils auch solch eine Möglichkeit vorgesehen hatte, diese Tür mitten in schnellster Fahrt öffnen zu können, während man sich festhalten musste, sodass zur Auslösung des Mechanismus nur eine einzige Hand genügte.

So klabasterte er, wie sich Mr. Adam Green ausgedrückt haben würde, an allen Nieten herum, drehte nach links und nach rechts, bis er einsah, dass er auf diese Weise nicht zum Ziele kommen würde, es wäre denn ein beispielloser Zufall gewesen. Denn der drehbaren Nieten waren gar viele, sie ließen zahllose Kombinationen zu.

»Ei Gottverbibbg, sagt Adam Green, das ist ja eine nette Geschichte!«

Georg wollte erst einmal feststellen, wie es eigentlich vor ihm aussah. Da die Monteure auch außerhalb des Automobils zu tun gehabt, liefen jetzt ringsherum Trittbretter mit darüber angebrachten Handgriffen, was, wie gesagt, sonst nicht der Fall war.

Kaum hatte sich Georg auf eins der seitlichen Trittbretter begeben, als er, obgleich es noch soeben ganz windstill gewesen war, von einem Sturmwind erfasst wurde, erzeugt durch die eigene Geschwindigkeit des Automobils. So befand er sich ganz in der Lage eines Kondukteurs, welcher auf dem Trittbrett den schnellfahrenden Eisenbahnzug entlanggeht, und Georg war kein professioneller Eisenbahnschaffner, der an so etwas schon gewöhnt ist; es ward ihm ganz unheimlich zumute in diesem Sturme, wobei er unter sich den Erdboden nach hinten rasen sah; etwas wie ein Schwindel ergriff ihn.

Zunächst begab er sich schnell wieder auf die Plattform. Erst jetzt kam ihm einmal der Gedanke, abzuspringen, er verwarf ihn aber sofort wieder. Er brauchte nur seitwärts und noch mehr unter sich zu blicken. Er hätte gar nicht zu wissen brauchen, dass das Fahrzeug jetzt vierzig Kilometer in der Stunde machte.

Wolle sich niemand dadurch beirren lassen, dass Schnellzuglokomotiven von hundert Kilometern Geschwindigkeit gebaut werden, dass auch Automobile auf der Rennbahn oder selbst auf guter Chaussee bei Sportgelegenheiten hundert Kilometer machen. Vierzig Kilometer genügen schon vollkommen, um ein Abspringen unmöglich zu machen — das heißt, abspringen kann man wohl, aber das Genick kommt dabei stark in Gefahr. Vierzig Kilometer ist ungefähr die Geschwindigkeit eines Personenzuges, und man wolle bedenken, wie oft Lokomotivführer bei erkannter Gefahr von solch einem Zuge, nachdem sie gewöhnlich schon gebremst haben, abgesprungen sind, und wie selten sie dabei mit heilen Knochen davonkommen, und diese Leute verstehen doch gewiss etwas vom Abspringen — wolle man bedenken, wie gewagt es ist, aus einem Wagen mit durchgehenden Pferden zu springen, und das sind noch lange keine vierzig Kilometer in der Stunde, die entwickelt ein gutes Rennpferd erst beim Endspurt, und man frage einen Jockei, der es an Gelenkigkeit mit jedem Zirkusclown aufnimmt, ob er da aus dem Sattel zu springen wagt.

Nein, diesen Gedanken hatte Georg schnell wieder verworfen. Im Gegenteil, es war ein Glück, dass er das Automobil noch erhascht hatte, um von ihm mitgenommen zu werden; er war jetzt die größte Hoffnung der Zurückbleibenden, selbst wenn sie schon wussten, dass er nicht in das Innere dringen könne. Aber so erfuhr er doch am ehesten, wie denn diese Fahrt enden, was aus dem Automobil werden würde.

Dass sich Mr. Deacon im Flusse badete, hatte er noch vernommen. Sonst hätte er an eine Entführung von dieser Seite geglaubt. Das Automobil hatte sich aus irgendeiner Ursache, die aber jedenfalls mit dem heftigen Zuwerfen der Tür zusammenhing, von allein in Bewegung gesetzt.

Dass es also vierzig Kilometer mache, wusste Georg, und ebenso hatte er kurz vorher erfahren, dass die Akkumulatoren, die während dieses Rasttages wieder gespeist werden sollten, noch Elektrizität für 20 Stunden lieferten.

O, das sah bös aus! 40 mal 20 macht 800, das wusste auch Georg, und ebenso, dass dann die Endstation so ziemlich an der kanadischen Grenze liegen müsse.

Von einem neuen Schrecken ob dieses Resultates erfasst, fing er wieder an den Nietenköpfen zu fingern an, um nach wenigen Minuten zu erkennen, dass er hier auf einen glücklichen Zufall nicht hoffen durfte.

Aber das Automobil hatte noch andere Türen, seitliche, jede einzelne Platte konnte als solche benutzt werden. Sollte er nicht anderswo einen Eingang gewinnen können?

Georg arbeitete sich wiederum die Trittbretter seitwärts entlang, dem künstlichen und dennoch starken Sturmwinde trotzend, sich an ihn gewöhnend, über den vordern Puffer hinweg auf die andere Seite, aber wie er auch an den Handgriffen riss und andere Versuche anstellte, keine Platte wollte nachgeben.

Auf der hintern Plattform wieder angelangt, bemerkte er, dass die Handgriffe noch höher gingen, man musste hinaufsteigen können. So tat er, fand auch oben Handgriffe, sich über das ganze Panzerdach erstreckend, welches wohl schräg zulief, aber doch eine Abplattung besaß. Steckte er auch die Füße durch solche Griffe, so lag er hier ganz sicher, der Sturm ging über ihn hinweg, er konnte alles beobachten, was vor ihm lag.

Für gewöhnlich merkte man von dem Gange der Maschine gar nichts, der ganze Wagen musste ausgezeichnet gefedert sein oder eine andere Vorrichtung besitzen, sodass Maximus keine als Polster wirkende Pneumatiks nötig hatte. Steine gab es hier gar nicht, andere Bodenerhöhungen desto mehr, der Wagen sprang manchmal tüchtig, aber Georg glaubte zu bemerken, dass die Räder oder Achsen nachgiebig sein müssten, wurde die rechte Seite hoch geworfen, so ging in demselben Augenblicke auch die linke in die Höhe, sodass der ganze Wagen immer in Balance blieb.

Auf diese Weise schien das Automobil gegen Hindernisse, die sich nur den Rädern entgegenstellten, ziemlich gesichert zu sein, wie nun aber, wenn es gegen eine richtige Felswand raste? Und vor ihm musste sich in der Prärie ein felsiges Gebirge erheben, so eine Ahnung hatte Georg. Doch was dann passierte, das wollte er sich lieber gar nicht ausmalen. Jedenfalls musste er dann vorher sein Leben durch Abspringen riskieren, sollte er nicht mit dem Automobil ganz bestimmt zerschmettert werden. Denn mochte es noch so solid gebaut und auf noch so viele Möglichkeiten eingerichtet sein, alles hat seine Grenzen.

Vor ihm erglänzte eine ziemlich breite Wasserlinie. Ein ausgetretener Präriefluss, und als Georg das dachte, da begann es auch schon unter den etwas einsinkenden Rädern zu spritzen, mehr und mehr.

Georg bekam Hoffnung, sah im Geiste das Automobil schon in dem Sumpfe stecken bleiben. Aber es sollte nichts daraus werden. Wohl begann das Automobil immer mehr zu würgen, aber die Geschwindigkeit schien um nichts nachzulassen, und da verstand Georg eine Erklärung, die Leonor ihm bereits gegeben, die er aber damals gar nicht beachtet hatte.

Jede Pferdestärke entwickelte eine Geschwindigkeit von einem Kilometer. So konnte nach Belieben eingestellt werden, das blieb auf ebenem Wege konstant. Hatte das Automobil aber einen Widerstand zu überwinden, eine Steigung oder sonst etwas, so schalteten sich die dazu nötigen Pferdekräfte ganz selbsttätig ein, auf dass die Geschwindigkeit immer dieselbe bliebe. Eine geniale, ausgezeichnete Erfindung — nur nicht gerade für diesen Fall! Je mehr das Fahrzeug im Schlamm zu arbeiten hatte, desto mehr Pferdekräfte entwickelte es — ein Auto im vollsten Sinne des Wortes — und dann mochten auch die unten angebrachten Räder ein allzu tiefes Einsinken verhindern.

Lange Zeit zum Beobachten hatte Georg überhaupt nicht. Jetzt plumpste Maximus in das Wasser des eigentlichen Flusses. Wenn aber Georg hoffte, hier würde das Automobil liegen bleiben, weil ihm die Antriebschraube fehlte, so hatte er sich wiederum geirrt. Maximus war viel besser, als er wünschte.

Einmal genügte schon der Schwung, um es in fortschreitender Bewegung zu halten, dann mochten doch auch die sich rasend drehenden Räder etwas mitwirken, wenngleich ihr äußerer Rand jetzt glatt war — kurz, das Automobil gewann das Ufer des eigentlichen Flusses, kletterte hinauf, zunächst noch immer im Wasser, drang durch, auch durch den weitern Sumpf, gewann wieder festen Prärieboden.

Und auf diese Weise passierte Maximus alle Viertelstunden ein derartiges Prärieflüsschen, das zu dieser Zeit über seine Ufer getreten war, während es einige Monate später keinen Tropfen Wasser mehr enthalten würde.

Hirsche und Antilopen flohen vor dem rasenden Ungeheuer davon. Dort hielt ein Trupp berittner Indianer, nicht wissend, ob sie nicht lieber ebenfalls die Flucht ergreifen sollten.

Wenn die Rothäute manchmal zu Ansiedlungen kamen, konnte ihnen ein Automobil keine unbekannte Erscheinung mehr sein. Es hatte sich schon zu sehr die ganze Welt erobert. In Amerika hatte jeder größere Gutsbesitzer schon sein eigenes, abgesehen von denen, die zur Beförderung von Lasten und dergleichen dienten.

Freilich, ein derartig beschaffenes, so vollständig geschlossen, mit solch großer Schnelligkeit mitten durch die weglose Prärie jagend, Flüsse und Sümpfe nehmend, das war diesen Indianern doch etwas Neues, das war schon mehr ›Medizin‹, Zauberei, da gingen sie doch lieber nicht zum Angriff über, wenn sie es überhaupt auf ihren Pferden hätten einholen können.

Dort vorn tauchte ein Wald auf. Georg verließ beizeiten seinen luftigen Sitz und zog sich auf die hintere Plattform zurück, sich auf den verlassend, der auch ein führerloses Automobil lenken kann, trotz aller geschlossenen Panzerplatten.

Erst kam Buschwerk. Das konnte Maximus nicht viel anhaben. Und dann ging es bruch, bruch, kladderadatsch! Um Georg herum stürzten die Bäume nur so, die Luft mit Holzsplittern erfüllend.

Einiges von der Leistungsfähigkeit dieses unheimlichen Fahrzeuges, wenn es sich um das Abbrechen von Bäumen handelte, hatte ja Georg schon zu sehen bekommen, aber hier wurde die Sache haarsträubend.

Ein richtiger Urwald aus uralten Zeiten mit Bäumen, die zehn Männer nicht umspannen können, war es ja nicht, solche vereinzelte Wälder auf freier Prärie werden immer einmal durch Feuer zerstört, aber Bäume, deren Stammdurchmesser fast einen Meter betrug, gab es doch genug, und wenn sie nicht gutwillig zur Seite wichen, machte Maximus einfach kleines Hackholz aus ihnen.

Das ging so fast eine halbe Stunde fort, und da konnte Georg durch eine schnurgerade gezogne Schneise von drei Metern Breite blicken, welche durch den ganzen Wald von ziemlich drei deutschen Meilen Länge gezogen war, und frisch und munter rollte der Kraftwagen mit ungeschwächter Schnelligkeit weiter.

Es kam wieder Prärie, die Georg oben von der Plattform aus genoss.

Eine Uhr besaß er nicht, brauchte auch keine, ihm genügte die Sonne und bei Nacht die Sterne.

Gegen zehn Uhr hatte Maximus seine eigenmächtige Reise angetreten, und jetzt war es Mittag, Zwei Stunden unterwegs, und schon mehr als zehn deutsche Meilen hinter sich!

Und Stunde nach Stunde verging, und nichts wollte sich ändern. Nur dass Georg großen Durst zu empfinden begann, und hungrig war er schon vorher gewesen. Doch wer sich daraus etwas macht, der darf keine Reise um die Erde antreten, zumal nicht zu Fuß. Ja, Hunger und Durst empfand Georg, aber das konnte er gut noch zwei Tage aushalten, ehe er deshalb seine Kräfte schwinden fühlte, und so mit geschwächten Kräften kann man sich noch immer weit schleppen.

Es mochte gegen drei Uhr sein, als das Präriegras immer spärlicher, der Boden immer steiniger wurde, bis er sich ganz in ein Felsenplateau verwandelt hatte. Maximus musste sich freuen, so in seiner ungebundnen Freiheit wie über eine Zementbahn rollen zu können.

Dann aber kam Sand hinzu, immer mehr, doch fanden die Räder darunter noch immer festen Boden. Und dort vorn stieg eine hüglige Wand auf. Jetzt kam es darauf an! Dass Maximus auch eine regelrechte Felswand über den Haufen werfen könne, daran glaubte Georg ja nun nicht, und ebenso wenig, dass Maximus mit aller Kraft dagegenlaufen könne, ohne Schaden an seinem Leibe zu nehmen. Es hat eben alles seine Grenzen, und was Menschenhand geschaffen hat, bleibt unvollkommen.

Der Sand nahm immer zu, immer tiefer sanken die Räder ein. Und da schöpfte Georg neue Hoffnung. Sollte es nicht in dieser Prärie eine Gegend geben, welche direkt die der Sandberge hieß? Gewiss, jene Hügel, die heranzurasen schienen, bestanden nur aus Sand, die sich, von einem innern Kern zusammengehalten, nur wenig durch den Wind veränderten.

Und loser Sand hat eine ganz besondere physikalische Eigenschaft. Jeder, der Soldat gewesen ist, weiß es. Eine Gewehrkugel mag eine zehnzentimetrige Holzplanke durchschlagen, eine Vollgranate eine Stahlplatte — in einen Sandhaufen dringt das Geschoss gar nicht so tief ein. Noch besser kennt das der Bergmann, der Steinbrucharbeiter. Das mit Pulver oder Dynamit gefüllte Bohrloch wird nicht mit einem festen Pfropfen verschlossen, sondern einfach mit feinem, losem Sande. Die Pulvergase zersprengen den ganzen Felsen, aber den feinen Sand vermögen sie nicht herauszuschlagen. Das macht, weil jedes einzelne Sandkörnchen einen Widerstandskörper bedeutet, ein Körnchen muss erst das andere bewegen, dadurch steigt der Widerstand im Quadrat, nach allen Seiten hin sogar im Kubik, und dadurch entsteht ein so ungeheurer Widerstand, den man nur theoretisch mit Zahlen wiedergeben, im Verstande gar nicht fassen kann.

Das war auch Georg bekannt, und auf dieses physikalische Gesetz, dem der Sand gehorcht, setzte er seine Hoffnung.

Diesmal sollte er denn auch nicht betrogen werden.

Die Räder hatten im Sande zu würgen; aber mit unverminderter Schnelligkeit ging das Automobil vorwärts, auf den ungeheuren Sandberg zu, und jetzt hatte es ihn erreicht.

Georg hatte sich beizeiten von der obern auf die hintere Plattform zurückgezogen, und da plötzlich verminderte sich die Schnelligkeit, ohne dass ein Ruck zu verspüren gewesen, ganz bedeutend, das Automobil schien zu stehen — nein, ein klein wenig bewegte es sich doch noch vorwärts — jetzt sah Georg auch neben sich in der Höhe weißen Sand auftauchen, sprang schnell ab und... da sah er den hintern Teil des Automobils in dem Sandhaufen verschwinden! Es rieselte von oben herab, dann war die kegelförmige Form des Sandhügels wiederhergestellt.

Etwas wie Lachlust wandelte Georg an. Ging denn Maximus gleich durch den ganzen Sandhügel hindurch? Dann hätte er schnell nach der andern Seite laufen müssen, um ihn dort wieder in Empfang zu nehmen. Aber das konnte er nicht glauben, er verließ sich auf jenes physikalische Gesetz.

Er begann zu graben, mit den Händen den Sand beiseite zu schaufeln, Richtig, da tauchten die hintern schwarzen Panzerplatten schon wieder auf! Doch er konnte sie fast nur fühlen, kaum sehen, der Sand rieselte zu schnell von oben wieder herab.

Georg hatte aber auch schon genug gesehen und gefühlt. Die Räder drehten sich noch, die Maschine arbeitete stetig, doch das Automobil konnte nicht weiter. Es verbrauchte seine Kraft, wie in weiche Watte gebettet, die jedoch zugleich auch eine ungeheure Widerstandskraft besaß, das Automobil trotz aller Weichheit in eine eiserne Umklammerung genommen hatte.

Doch Georg beabsichtigte gar nicht, das Automobil wieder freizulegen, auch nicht die hintere Wand. So lag es ja gerade gut, unsichtbar für andere Augen. Und den Mechanismus, der die Tür öffnete, fand er ja doch nicht.

Welche Zeit war es nach dem Stande der Sonne?

4 Uhr! 6 mal 40 macht 240. Diese 240 Kilometer wollte er in zwei Tagen zurücklegen, freilich in einem noch etwas geschwindern Tempo als nur im Eilmarsch. Und wann hatte er das letzte Wasser gesehen? Vor einer halben Stunde auf dem Felsplateau, eine umfangreiche Wasserpfütze. Zu diesen zwanzig Kilometern brauchte er nur anderthalb Stunden.

Also nachgesehen, ob er noch die Luftpistole in der Brusttasche hatte, dass er sonst nichts beim Laufen verlieren konnte, den Gürtel etwas enger geschnallt, die Ellenbogen in die Seiten gestemmt und...


Lampenputzer ist mein Vater
in Berlin am Stadttheater.


Jeder, der deutscher Soldat gewesen ist, kennt dieses schöne Liedchen. Es ist der Text zum Laufschritt. Und jeder Unteroffizier hätte an dem federnden Laufschritt, den dieser Mann hier anschlug und beibehielt, seine helle Freude gehabt.

Nach einer Stunde hatte die Elastizität und Schnelligkeit seines Laufes noch nicht das Geringste eingebüßt. Eine Milz schien dieser Mann, der nach dem Wunsche seines Vaters Philologie hatte studieren sollen, überhaupt nicht zu besitzen, dafür eine um so größere Lunge.

Und wieder eine halbe Stunde später hatte er richtig die Wasserlache erreicht. Eigentlich soll man sich, wenn man erhitzt ist, erst etwas abkühlen, ehe man trinkt, oder vorher etwas trockenes Brot essen — soll auch gut sein. Aber es gibt Gelegenheiten, wo man solche Vorsichtsmaßregeln außer Acht lässt.

Georg warf sich hin und trank wie ein Kamel. Wenigstens wie ein junges Kamel. Und dann machte er wieder Lampenputzer, noch zwei Stunden lang. Dann legte er sich zum Schlafen nieder, wohl nicht aus Müdigkeit, sondern weil es unterdessen finster geworden war, und er befand sich noch immer auf dem Steinplateau, während der letzten Viertelstunde hatte er schon immer den Kopf ganz tief gehalten, um hier und da an einem niedergedrückten Gräschen zu erkennen, wo Maximus gelaufen war, denn andere Spuren waren hier nicht zu sehen.

Nach sechs Stunden graute der Morgen, noch weit entfernt vom Sonnenaufgang, und schon sehen wir Georg wieder in vollem Dauerlauf. Seinen Gürtel hatte er ganz bedeutend enger geschnallt als anfangs.

Endlich kam der Graswuchs wieder, da der erste Präriefluss. Georg schoss, noch im Laufen, mit der Luftpistole zwei auffliegende Wasserhühner, rupfte sie oberflächlich, schnell trockenes Gras zusammengehäuft, mittelst Stahl und Feuerstein in Flammen gesetzt, die Hühner etwas angebraten, mehr tatarisch als englisch. Während die Hühner noch in dem Feuer lagen, pumpte sich Georg wieder den Magen voll Wasser, dann die Hühner aus dem Feuer genommen und... weitergerannt! Der blutige Braten ward während des Dauerlaufes verspeist.

Höher stieg die Sonne; mit versengender Glut brannte sie herab, aber dieser Mann war unempfindlich gegen ihre Strahlen, wusste auch nichts von Erschöpfung. Durch nichts ließ er sich aufhalten, auch nicht mehr durch Erlegen einer Jagdbeute, selbst das Trinken besorgte er jetzt während des Durchschwimmens der Flüsse, in deren kühles Wasser er sich stets mit Wollust stürzte.

Gegen zwei Uhr erreichte er wieder den Saum des Waldes. Hier stellten sich ihm große Schwierigkeiten in den Weg. Wohl hatte Maximus eine Schneise gezogen, aber keine gangbare. Kreuz und quer lagen dünne und dicke Baumstämme, mit spitzen Splittern untermischt.

Dennoch nahm Georg diesen Weg, nicht seitwärts durch den Wald, wo er die Passage wahrscheinlich noch unwegsamer gefunden hätte. So voltigierte er über die Stämme hinweg, und dabei rechnete sein Hirn unausgesetzt, wie weit seine Gefährten schon sein könnten, falls sie der Spur des Automobils gefolgt waren.

Nein, wenn sie sofort aufgebrochen waren und in der Stunde auch acht Kilometer marschierten, so konnten sie doch noch nicht hier sein. Trotzdem — er wollte lieber direkt auf der Fährte bleiben, weil doch auch jene annahmen, dass er diese verfolgen würde, eben um ganz gewiss mit ihnen wieder zusammenzutreffen.

Nach drei Stunden hatte er den Wald passiert, es ging wieder in die blumige Prärie hinaus.

Plötzlich wurzelte sein Fuß. Er hatte Fährten entdeckt.

»Da sind sie! Das ist Leonors Hackenstiefel, das sind der Arbeiter derbe Arbeitsschuhe, das sind Adams Babuschen, dieser nackte Fuß gehört Deacon an, der sich ja im Automobil ausgezogen hatte — und da, das sind indianische Mokassins, da sind Pferdehufe... s i e s i n d i n d i e H ä n d e v o n I n d i a n e r n g e f a l l e n ! «

Es hatten die Augen dieses Mannes dazu gehört, um dies alles in dem Grase auf den ersten Blick zu erkennen — und da darf man glauben, dass dieser Mann auch imstande war, sich weiter nachzuschleichen.

Und Georg betrat den Kriegspfad.

*

Kapitel 11
Gefangen

»Na, nu loofen Se doch bloß nich so fix, Miss Leonor, da gann ja geen Färd mitgomm — un ich in mein Babuschen!« Meister Adam hatte auch allen Grund zum Räsonieren. Seit zwei Stunden schon marschierte das hochgeschürzte Mädchen mit wahren Grenadierschritten dem seltsamen Zuge voran, den der nur mit einem roten Taschentuche bekleidete Deacon beschloss, während sich die Monteure in ihren blauen, ölgetränkten Anzügen und der grüne Heinrich, nach wie vor im grünbewimpelten Zylinder prangend, in der Mitte hielten. Noch keine Sekunde hatte Leonor sich oder den anderen Rast gegönnt; mit zusammengepressten Lippen, die Augen auf den Boden geheftet, verfolgte sie unentwegt die Räderspur im Grase, ohne ein Wort zu sprechen. Die beiden Arbeiter marschierten hinter ihr mit stoischem Gleichmut, Deacon schnitt nur fortwährend Gesichter, immer kläglichere, und nur Adam konnte den Mund nicht halten, ohne dass allerdings seine weisen Reden von Leonor gewürdigt wurden.

»Wir rasten nicht eher, als bis wir Wasser gefunden haben«, antwortete sie ihm jetzt zum ersten Male, aber ohne ihren weitausgreifenden Schritt zu mäßigen.

»Miss Morris!«, ließ sich da Deacons jammernde Stimme vernehmen.

»Was gibt es?«, fragte sie, auch nicht den Kopf wendend.

»Ich — kann nicht mehr.«

»Sie können nicht mehr marschieren?«

»Nein.«

»Weshalb nicht? Wir sind doch kaum erst zwei Stunden unterwegs.«

»Nicht, dass mich die Kraft verließe, aber... meine von den spitzen Grashalmen zerstochnen Fußsohlen tragen mich nicht mehr.«

»Ja, geehrter Herr, da kann ich Ihnen nicht helfen, ich kann Ihnen doch nicht meine Stiefel abtreten.«

»Nein, diese zierlichen Stiefelchen würden mir wohl auch nicht passen«, lächelte der unglückliche Deacon mit seiner letzten Kavalierskraft, »aber wenn mir Ihr Herr Ingenieur vielleicht seine Filzschuhe geben...«

Erschrocken brach er ab. Denn mit dem Sprunge eines Laubfrosches war das grüne Männchen gegen ihn angehopst.

»Was, meine Babuschen woll'n Sie hamm?!«, schrie er Deacon mit seiner hohen Stimme an.

»Nur für eine ganz kurze Zeit, nur dass ich mich einmal...«

»Mensch, Sie sin wohl verrickt? Meine Babuschen? Wissen Se denn, was das für Babuschen sin? Das is enne Erfindung von mir — enne eigne Erfindung — das is gesponnenes Glas, das sich nie ableeft, sondern unter den Fießen nur immer dicker wird...«

Adam brach ab, um einen Freudenschrei auszustoßen, wobei er sich schnell bückte und etwas aufhob.

»Was haben Sie?« fragte Leonor, immer ohne sich umzublicken.

»Hurra, was ich schon längst gesucht hawwe — ä Schticke Schnubbdabak!«

»Ein Stück Schnupftabak? Jetzt sind Sie es wohl, der den Verstand verliert?«

»Neenee, wärklich ä Schtick Schubbdabak, freilich geen Dobbelveilchen.«

Es war ein Stück trockenes Holz, welches er triumphierend zeigte, hier in der baum- und buschlosen Prärie tatsächlich eine Rarität, so selten wie ein Stein, und Adam zog ein Taschenmesser, an dem die eine Klinge eine Feile bildete, und begann innerhalb seines vom Kopf genommenen Zylinders an dem trocknen Holze zu feilen, dann den Holzstaub mit dem Reste Schnupftabak in seiner Dose vermischend.

»Wasser, dort ist Wasser!«, rief da Leonor, in die Ferne nach dem glänzenden Wasserstreifen deutend, und ihre schon etwas heisere Stimme hatte doch jauchzend geklungen.

»Ach, was brauch ich Wasser, wenn ich Schnubbdabak hawwe«, meinte Adam, mit vollen Zügen das Gemengsel aus Holzmehl und ganz wenig Schnupftabak genießend. »Echter Dobbelveichen is es freilich nich mehr, awwer... de Nase muss es gloom. Brischen gefällig, Mr. Deacon? Nich? Dann lassen Se's bleim. Awwer meine Babuschen kriegen Se ooch nich.«

Deacon dachte gar nicht mehr daran, auch nicht an die Stiefel der anderen, die Erwartung des Wassers ließ ihn alle anderen Qualen vergessen; auch er mochte schon großen Durst gelitten haben.

Die voranschreitende Leonor sank etwas ein, immer tiefer, doch sie ließ sich nicht aufhalten, und alle folgten ihr, nur dass Meister Adam erst seine grünen Babuschen und gleichfalls grünen Strümpfe auszog.

Man hatte noch eine gute Strecke zu waten, ehe wirkliches, klares Wasser kam, dann kniete Leonor einfach nieder und schlürfte in langen Zügen; alle anderen folgten ihrem Beispiele, wobei sich Deacon seine Toilette am wenigsten verdarb.

Und ebenso stracks ging es durch den eigentlichen Fluss, wobei man jedoch nicht zu schwimmen brauchte.

»Wollen wir hier nicht etwas ruhen?«, fragte Deacon kleinlaut, als sie auch die jenseitige Sumpfstrecke überwunden hatten.

»Nein, erst heute Abend«, entschied Leonor kurz.

»Aber wir müssen doch einmal essen! Wozu haben wir denn sonst die geschossenen Vögel mitgenommen?«

»Erst am Abend. Es wird nicht eher gerastet, als bis ich wegen der Dunkelheit die Spur nicht mehr erkennen kann.«

»Da is es nur ä Glück, dass mir gerade Neimond ham«, meinte Adam nur noch, »sonst gennten mir de ganze Nacht durchloofen.«

Und Leonor hielt Wort. Die Kraft und Ausdauer dieses jungen Mädchens waren erstaunlich. Doch schließlich hatte sie noch eine ganz andere Figur, als das ausgedörrte grüne Männchen, welches trotzdem in seinen Babuschen tapfer hinterher latschte, ab und zu schmunzelnd eine Prise nehmend, manchmal auch von dem Stück Holz in seinen Zylinder neuen Holzstaub feilend und diesen dann sorgsam in seine Schnupftabaksdose schüttend, wodurch die Mischung natürlich nicht besser wurde.

Deacons Lamentationen übergehen wir. Schließlich hörte er damit auch auf. Leonor hatte ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er ja jederzeit umkehren oder sich hinlegen könne; was dann aus ihm würde, sei ihr ganz gleichgültig.

Ein Glück war, dass sie ungefähr alle zwei Stunden einen anderen Fluss fanden. Als die Sonne zur Rüste ging, erreichten sie den Saum des Waldes, in dem der Kraftwagen seine Spur am allerdeutlichsten zurückgelassen hatte.

In einiger Entfernung kam ein Bach aus dem Walde, dorthin lenkte Leonor ihre Schritte.

»Dort wollen wir lagern. Es ist zwar abseits der Spur, welche Mister Hartung — wenn Gott es will — zurückverfolgen wird, aber ich vertraue seinen Fähigkeiten, dass er nach unsrer eignen Fährte sucht und unser Ablenken auch gleich merken wird.«

So wurde gute hundert Meter von jener Schneise entfernt an dem Bache Rast gemacht, schon zwischen den Bäumen. Schnell ein Feuer angezündet und die Wasservögel gerupft, deren Menge für fünf verhungerte Menschen genügte. Das Braten übernahm Tom an grünen Zweigen.

Dass unterdessen schon SiouxIndianer die Spur der Wanderer untersuchten und ihr nachschlichen, das ahnten diese nicht.

So saßen die fünf am Feuer und warteten darauf, bis das Wildbret nur einigermaßen gar sein würde, und Adam machte den nackten Deacon, der sich lang ausstreckte, mit leiser, aber warnender Stimme darauf aufmerksam, dass sein rotes Taschentuch mit der Jungfrau von Orleans keine Hose zum Zuknöpfen sei, er solle sich anständig betragen.

»... sonst missen Se noch emal in de Anschtandsschtunde un... nanu, was is denn das for ä Gerl?«

Plötzlich stand da am Feuer die rotbraune Gestalt eines hochgewachsenen Indianers im vollen Kriegsschmucke.

»Howgh!«, sagte er mit tiefem Gutturallaute, sich gleichzeitig mit untergeschlagenen Füßen niederlassend, als gehöre er mit zu dieser Gesellschaft.

Meister Adam ließ sich nicht verblüffen, wusste gleich, was er hier zu tun habe.

»Mister Howgh? Sehr angenehm! Adam Green is mei Name. Freit mich wirklich sehr, Sie gennen zu lernen. Brischen gefällig, Mister Howgh?«

Der Indianer beachtete die vorgehaltne Dose nicht, sondern griff gleich...

»Nu nee, nu nee, das is mei Schticke!«, fiel ihm Adam schnell in den Arm, als jener nämlich nach einem der mit Fleischstücken gespickten Zweige griff.

Da stutzte Adam, er sah hinter Leonor dunkle Gestalten auftauchen, die am Boden herangeschlichen sein mussten, und gleichzeitig wurden von hinten seine Arme gepackt und ihm auf dem Rücken festgeschnürt, ebenso wie allen Andern, die sich vollkommen hatten überrumpeln lassen.


Illustration

»So 'ne Gemeenheet!«

»Was soll das bedeuten?«, fuhr auch Leonor mit blassen Lippen empor.

Es muss bemerkt werden, dass sich die Zeiten seit Coopers ›Lederstrumpf‹ doch sehr geändert hatten. In ganz Nordamerika, wenigstens im nördlichen Teile — Texas und Mexiko mit den räuberischen Apachen wollen wir ausschließen — gab es keinen Indianer mehr, der gewagt hätte, einen Reisenden zu überfallen, ihn etwa gar an den Marterpfahl zu stellen oder eine weiße Squaw mit Gewalt in seinen Wigwam zu führen. Dazu waren die roten Söhne des großen Geistes schon viel zu klug. Sie wussten, dass sie als freie Jäger nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit geduldet wurden und dass sie gegen die ›langen Messer‹, gegen die Säbel der Grenzdragoner, nichts ausrichten konnten. Tat es ein Indianer, ein ganzer Stamm dennoch, dann hörten sie auf, Indianer zu sein, dann wurden sie einfach Wegelagerer, nur dass sie noch eine dunkle Haut hatten, sonst aber mit allen weißen Banditen auf einer Stufe standen, deren Gemeinschaft die echten Rothäute ängstlich mieden.

»Die Blassgesichter sind auf dem Jagdgebiete des blauen Bibers«, entgegnete der mit Häuptlingsschmuck ausgezeichnete Indianer.

»Und nur deswegen wagt ihr, uns so zu überfallen?«

»Die Blassgesichter haben mit ihrer Lokomotive den Wald des blauen Bibers verwüstet!«

Aha, da hatte der schlaue Indianer schon einen Grund gefunden, um gegen die harmlosen Reisenden so vorzugehen. Denn tatsächlich sind das ganze NebraskaTerritorium und noch viele andere Gebiete Privateigentum von Indianerstämmen, in Washington auf die Namen ihrer Häuptlinge registriert. Da darf sich niemand nach Belieben ansiedeln oder Holz fällen, es darf an Wild nicht einmal mehr erlegt werden, als man zur täglichen Nahrung braucht. Selbst größere Jagdexpeditionen bedürfen erst der Erlaubnis des betreffenden Häuptlings, durch Geschenke zu erkaufen.

Dies alles wusste Leonor.

»Wir werden euch den Schaden ersetzen.«

»Was kannst du dem blauen Biber geben?«

»Was verlangst du?«

»Der blaue Biber wird es entscheiden.«

»Du bist nicht selbst der blaue Biber?«

»Der blaue Biber jagt auf den Gründen der Krähenfüße, an seiner Stelle sitzt der große Fuchs am Feuer.«

»Und wann kehrt der blaue Biber zurück?«

»Wenn der neue Mond wechselt.«

»Was? Erst in vierzehn Tagen, und so lange willst du uns gefangen halten?«

»Was kannst du dem großen Fuchs geben, wenn er dich frei lässt, dass du den Schaden auch ersetzt?«

O, dieser Indianer führte nicht umsonst den Namen des großen Fuchses, der wusste schon etwas von Garantie, Bürgschaft und dergleichen.

Leonor sah sich in einer schlimmen Lage. Diese modernen Rothäute hätten auch schon den Wert von Papiergeld zu schätzen gewusst, und jetzt konnte selbst Deacon nicht mehr helfend einspringen.

»Sieh her, Häuptling. Wir haben eine Fahrt auf einem Wagen gemacht, welchen du Lokomotive nennst, obgleich er nicht auf Schienen fährt...«

»Der große Fuchs kennt die Lokomotiven, welche nicht auf eisernen Bändern zu laufen brauchen.«

»Als wir ihn heute früh alle zusammen einmal verlassen hatten, ist er allein in Gang gekommen, ist uns entflohen, jetzt sind wir aus seiner Spur.«

»Howgh.«

»So lass uns die Spur zusammen weiter verfolgen, wir werden die Lokomotive finden, dann bezahle ich dir, was du forderst.«

»Dollars.«

Leonor bejahte ohne Zögern. Wenn sie nur erst ihr Automobil wiederhatte, dann wollte sie mit den Rothäuten schon fertig werden.

Aber ebenso schlau war auch dieser Indianer, der trotz aller sonstigen Echtheit doch bares Geld Decken, Waffen und dergleichen vorzog.

»Und wenn die Blassgesichter ihre Lokomotive wiederhaben, so flieht diese abermals davon, so schnell, dass unsere Pferde sie nicht einholen können.«

»Das könnt ihr doch verhindern, ihr gebt uns nicht eher frei, lasst uns nicht eher den Wagen besteigen, als bis wir eure Forderungen erfüllt haben.«

Der Häuptling erhob sich.

»Der blaue Biber wird entscheiden, der große Fuchs kann es nicht.«

Und schon wurden die Gefangenen von hinten emporgezogen, während sich andere Indianer sofort über die gebratenen Fleischstücke machten, sie im Nu verschlangen.

»So gebt uns wenigstens frei, ihr dürft uns nicht als Gefangene behandeln!«, rief Leonor.

»Wir dürfen es.«

»Ihr dürft es nicht!«

»Wenn ihr bezahlt.«

»Wir müssen wenigstens essen, wir hungern seit heute früh.«

»Die Blassgesichter sollen sich an unseren Feuern dick essen.«

Man brach sofort auf, nachdem man den Gefangenen die Waffen abgenommen hatte. Diese bestanden aus zwei Luftbüchsen, von denen die eine, welche Georg hatte fallen lassen, Charles getragen hatte, während Leonor außerdem noch eine Luftpistole im Futteral am Gürtel hängen hatte. Diese drei Schusswaffen betrachtete der Häuptling mit sehr verächtlichen Blicken. Dann wurden auch die Taschen der Männer untersucht, ihnen aber nichts abgenommen, weil man eben nicht den vermuteten Revolver fand, nicht einmal die Taschenmesser, welche die Indianer trotz deren Größe für Kinderspielereien ansahen, eines Kriegers nicht würdig.

»Womit haben die Blassgesichter diese Vögel erlegt?«

»Mit dieser Büchse«, musste Leonor wohl zugeben.

»Wo sind die Patronen?«

»Wir haben alle Patronen verschossen«, gab jetzt Leonor klug zur Antwort.

Noch einmal wendete der Häuptling die kleine, zierliche Büchse verächtlich hin und her und gab sie dann einem anderen zu tragen.

Ein Wink, und es wurde abmarschiert, je ein Gefangener zwischen zwei Indianern. Dann wurden auch Pferde nachgeführt, welche man hier im Walde nicht erst benutzte.

»So ne Gemeenheet«, fing Adam wieder zu schimpfen an, als er in dem schon finsteren Walde über die Wurzeln stolperte, »wo soll mer denn den Schnubbdabak hinschtecken, wenn mer de Hände uff 'n Ricken hat?«

Bald tauchte ein großer Feuerschein auf. Auf einer Lichtung des Waldes waren viele Wigwams aufgeschlagen, dazwischen brannten Feuer, an denen Weiber mit der Zubereitung der letzten Jagdbeute beschäftigt waren, zum Teil aus Hirschen und Antilopen bestehend. Bloß der Büffel fehlte, den gab es nur noch im zoologischen Garten.

Die Gefangenen wurden sofort getrennt, jeder in einen Wigwam geführt.

Wir bleiben bei Deacon, der wie alle anderen behandelt wurde.

Der Wigwam wurde durch einen Kienspan erhellt, ein finsterer Indianer erklärte Deacon durch unzweideutige Zeichen, dass jeder Fluchtversuch mit der Schärfe des Tomahawks bestraft werden würde, dann wurden ihm die Fesseln gelöst, er erhielt lederne Hosen, Hemd und Mokassins, reichlich Essen, und dann durfte er sich auf die Felle und Decken zum Schlafen niederlegen. Der Indianer wachte an seinem Lager; am Morgen erschien ein anderer, der ihn ablöste, ebenso finster und schweigsam, absolut nichts mit ihm anzufangen. Wenn Deacon ihn ansprach, zeigte er ihm nur den Tomahawk, aus dessen Griff er zugleich rauchte, und als Deacon den Automaten einmal an der nackten Schulter rütteln wollte, diese noch kaum berührt hatte, erhielt er mit dem Handrücken einen Schlag aufs Maul, dass ihm gleich die Lippen aufplatzten.

Da hatte er genug.

»Ich werde Sie verklagen«, sagte er nur noch, weiter nichts.

So verging der ganze Tag; ein neuer Abend brach an. Deacon lag auf seinen Decken, gut gefüttert, dachte aber dennoch an die Fleischtöpfe New Yorks, als der Zeltvorhang zurückgeschlagen wurde, und in den noch etwas hellen Raum trat eine verwilderte Gestalt, der man nur noch an den hellen Haaren die kaukasische Abstammung ansah.

Der wachende Indianer hatte den Eintretenden mit einem leisen Kopfnicken begrüßt, dieser blickte unverwandt auf den Daliegenden herab.

»Zum Teufel, Artur, bist du's wirklich?«

Der Angeredete starrte den Sprecher an.

»Ich weiß nicht...«

»Dick Walton.«

»Dick, ist es möglich, du hier!«

Diese Worte jauchzend, war Deacon aufgesprungen.

Ein Schulkamerad, mit dem er aber auch später noch in New York wilde Tage genug verbracht hatte. Auch so ein Goldsohn, der nur aus wahnsinniger Leidenschaft zur Jagd professioneller Jäger und Fallensteller geworden war, obgleich er es gar nicht nötig hatte, und wenn er alle halbe Jahre einmal nach New York kam, so schlug er die Zinsen seines Vermögens an einem einzigen Tage in der wahnwitzigsten Weise tot, ebenso wie es die Trapper tun, wenn sie ihre Jahresbeute abliefern, nur dass dieser hier noch vor ihm festgelegtes Vermögen besaß.

»Ich komme eben von New York — wieder toll getrieben — mir zittern noch immer alle Glieder — nur du hast gefehlt — ich suche dich, sollst doch aus Paris zurückgekommen sein — und da höre ich das mit der Automobilgeschichte — du mitgefahren — und wie ich hierher komme, erfahre ich, dass da ein paar Gefangene sind, die nur von jenem Automobil stammen können, das wohl durchgegangen ist...«

»Dick, hast du hier in diesem Stamme etwas zu sagen?!«

»Freilich, ich habe hier ja gleich drei Weiber.«

»Kannst du mich befreien?«

»Lachhaft! Und überhaupt, mit hundert Dollar ist doch der ganze Schaden gutgemacht, schon durch einen mit Silber ausgelegten Revolver.«

»Bist du noch nicht bei den Anderen gewesen?«

»Ich betrat deinen Wigwam zuerst.«

»Noch nicht mit Miss Morris gesprochen?«

»Wie gesagt, du bist der erste, den ich gesehen habe.«

»Ich muss dich sprechen — unter vier Augen.«

»Bleiben wir gleich hier, sprechen wir doch Französisch!«

Walton ließ sich neben dem wiedergefundenen Freunde nieder. Wohl zwei Stunden sprach Deacon auf ihn ein. Es handelte sich um die Erlangung des Morrisits, aber dass Deacon den Freund in nicht mehr einweihte, als jener wissen musste, darf wohl geglaubt werden.

Schon längst war es völlig finster geworden in dem Wigwam, und die beiden hatten ebenso wenig wie der danebenhockende Indianer trotz aller scharfen Sinne bemerkt, wie sich unter den Lederhäuten ein menschlicher Kopf hereingeschoben hatte.

»Hm«, brummte Walton, »das können wir ja machen. Ich selbst schere mich verteufelt wenig um diese Erfindung, mag die Welt fernerhin Kohlen feuern oder Morrisit — aber ich will dir gern behilflich sein. Gut, verfolgen wir morgen die Spur des durchgegangenen Automobils. Da fällt mir noch etwas anderes ein. Hast du nicht sonst schon Versuche gemacht, in den Besitz dieses Geheimnisses zu kommen?«

»Das ist nicht so leicht...«

»Miss Morris wird doch steckbrieflich verfolgt.«

»Ja, weil sie einen Menschen überfahren hat.«

»Hast du das nicht erst arrangiert?«

Hier hatten sich die beiden Richtigen gefunden, die konnten ruhig über alles sprechen.

»Ich?«, stellte sich Deacon trotzdem erstaunt.

»Ich dachte nur so. Das wäre dir nämlich nicht geglückt.«

»Was nicht geglückt?«

»Na, stelle dich mal nicht so! Hinter Iowa wurde die Leiche eines Mannes aufgefunden, furchtbar verstümmelt, und es traten zwei Zeugen auf, welche behaupteten, sie hätten gesehen, wie jenes Automobil der Miss Morris den Mann überfahren habe. Der Tote konnte nicht rekognosziert werden — anfangs nicht — bis die Polizei an einer Tätowierung auf dem Rücken erkannte, dass es ein schon längst gesuchter Verbrecher sei, der sich in letzter Zeit in dieser Gegend herumgetrieben hatte, ein vielfacher Raubmörder. Wenn also Miss Morris den totgefahren, da hätte sie der Menschheit nur einen großen Dienst erwiesen. Weiter aber trat ein Zeuge auf, welcher gesehen haben wollte, dass dieser Mann als Leiche erst nach Passieren jenes Automobils auf die Straße gelegt worden sei, und als dann die drei anderen Zeugen, welche das Gegenteil behaupteten, vernommen werden sollten, waren sie plötzlich verschwunden... Was hast du denn, Artur?«

Dessen Zähneknirschen war nämlich hörbar gewesen.

»Siehst du, alter Junge!«, fuhr der andere gemütlich fort. »Na, für mich ist das alles never mind.«

»So wird Miss Morris gar nicht mehr steckbrieflich verfolgt?«

»Das wohl noch, aber nicht mehr als Totschlägerin, oder sie soll doch bloß noch deswegen vernommen werden, und dann wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Sie soll ja auch sonst noch genug Schaden angerichtet haben.«

»Ich muss Miss Morris zunächst sprechen«, sagte Deacon. »Dick, verschaffe mir Zutritt zu ihrem Wigwam!«

*

Kapitel 12
Der sprechende Finger

Leonor war also nicht anders behandelt worden als Deacon. Auch sie durfte den Wigwam nicht verlassen, war immer unter Bewachung, und als Leonor erkannte, dass der Wächter nicht mit sich sprechen ließ, hatte sie sich gar keine Mühe weiter gegeben.

Qualvoll langsam verstrich ihr die Zeit. Mit eigenen Fluchtplänen beschäftigte sie sich wenig, sie hoffte auf Georg, mit einer Zuversicht, über welche sie selbst sich gar keine Rechenschaft abgeben konnte.

Da, am anderen Abend, als es schon dunkel geworden war, trat mit einem brennenden Kienspan ein in Leder gehüllter Mann zu ihr ein, in dem sie zu ihrem grenzenlosen Erstaunen Deacon erkannte.

»Wie, Mr. Deacon, Sie frei?!«

»Sprechen Sie Französisch?«, fragte jener hastig.

»Ja.«

»Ihnen droht eine furchtbare Gefahr. Ich selbst habe mich auf freien Fuß zu setzen verstanden, kann Ihnen aber nicht so ohne weiteres helfen, Sie wenigstens nicht von hier befreien. Hier ist aus New York ein Mann eingetroffen, bei diesem Indianerstamme bekannt, der weiß um das Morrisit und um alles. Und das Automobil ist bereits gefunden worden, es ist gar nicht weit von hier in einem Sumpfe stecken geblieben.«

Leonors Herzschlag setzte plötzlich aus.

Sie saß dicht an der ledernen Zeltwand, und da fühlte sie, wie sich auf ihren Rücken fest eine Fingerspitze presste, es konnte gar nichts Anderes sein als ein Finger, und dieser begann in kurzen Zwischenräumen ihr ins Fleisch zu stechen. Jeder, der etwas vom Telegrafieren verstand, musste gleich die Punkte und Striche erkennen, die Telegrafensprache, und das so gemorste Wort lautete: Lüge.

»Georg Hartung, er ist es!«, durchzuckte es Leonors Kopf. Denn im Augenblick entsann sie sich, wie sie ihm erzählt, dass sie eine derartige Zeichensprache mit ihrem Vater benutzt hatte.

Also eine Lüge war, was Deacon ihr da erzählte! Ja, das glaubte sie. Aber sie hütete sich natürlich, ihm das ins Gesicht zu sagen.

»Nicht möglich!«

»Wie ich sage.«

»Nun gut, mögen die Indianer es gefunden haben. Was wollen die damit anfangen?«

»Aber es ist ein Europäer, wohl ein Ingenieur — seinen Namen konnte ich noch nicht erfahren — der dem Automobil eben wegen dieses Morrisits gefolgt ist — der wird das geschlossene Fahrzeug schon aufbringen.«

»Mag er. Sobald er den Knallgasapparat öffnet, ist er des Todes und das Morrisit verschwunden.«

»Sie haben noch eine andere Probe davon.«

»Wird unter ebenso sicherem Verschlusse aufgehoben.«

»Nun gut. Aber Ihnen droht noch eine andere Gefahr.«

»Welche?«

»Es ist jetzt bewiesen worden, dass Sie damals tatsächlich einen Mann überfahren haben.«

Da begann wieder der Finger zu tippen, und mit dem sogenannten Morsen kann man sich gar schnell verständigen.

»Lüge, schon bewiesene Lüge«, telegrafierte also der Finger.

»Schon bewiesen?«, fragte Leonor in doppeltem Sinn.

»Ja, an der Beweisnahme ist nicht mehr zu zweifeln. Und das Schlimmste ist, dass es ein hochangesehener Bürger ist.«

»Alles Lüge«, machte sich wieder der unsichtbare Finger bemerkbar.

»Davon weiß auch nun dieser Ingenieur, wohl ein Beamter, der hier eingetroffen ist, er wird Sie als Mörderin ausliefern.«

»Schrecklich!«, hauchte Leonor mit guter Absicht.

»Es gibt nur eine Rettung für Sie.«

»Welche?«

»Ich muss Sie befreien.«

»Wenn Sie es können!«

»Es gibt nur einen Weg. Der Ingenieur bricht erst morgen dorthin auf, wo das Automobil stecken geblieben ist, ich werde mich ihm anschließen, das wird mir möglich sein — und dann muss ich Ihnen mit dem Automobil zu Hilfe eilen.«

»Ja, das ginge!«, rief Leonor, jetzt wieder auf das Sprechen des Fingers wartend, der noch fest an ihrem Rücken lag.

»Da muss ich aber hineingelangen können.«

»Natürlich!«

»So erklären Sie mir den Mechanismus, wie man die Tür öffnet.«

»Erlauben Sie erst eine Frage: Ist nichts von dem Verbleib Mr. Hartungs bekannt?«

»Doch. Man hat ihn gefunden — als Leiche — mit gebrochenem Genick — er ist während der rasenden Fahrt abgesprungen.«

»Lüge«, fing da der klopfende Finger wieder zu sprechen an, »ich selbst bin Georg Hartung.«

Diese Erklärung des Fingers wäre natürlich gar nicht nötig gewesen.

»Ja, soll ich Ihnen das Geheimnis der Tür anvertrauen?«

Diese Frage war an zwei Personen zugleich gerichtet, und gleichzeitig wurde sie auch beantwortet.

»Weshalb nicht? Ich stehe doch ganz auf Ihrer Seite, mir als dem Vertreter meines Vaters ist doch am allermeisten daran gelegen, dass das Geheimnis des Morrisits nicht in andere Hände fällt.«

So sagte Deacon mit vernehmlicher Sprache, und der Finger in stummer: »Gehen Sie auf nichts ein, das Automobil ist geborgen, ich befreie Sie rechtzeitig. Hartung.«

»Nein, ich gehe nicht darauf ein«, wiederholte Leonor.

»Was wollen Sie nicht?«

»Kein Geheimnis preisgeben, nicht einmal das, wie man die Tür öffnet. Das Geheimnis des Morrisits ist gesichert, das genügt für mich.«

»Sie werden als Mörderin ausgeliefert.«

»Mir gleichgültig. Habe ich wirklich Strafe verdient, so will ich sie auch abbüßen.«

»Sie sprechen jetzt ganz anders als früher.«

»Ich habe auch tatsächlich meine Gesinnung geändert.«

»Ist das ihr letztes Wort?«

»Ja.«

»Wir sprechen uns morgen wieder. Nur noch eins. Ihnen zur Überlegung. Sie haben das andere Stückchen Morrisit nicht bei sich?«

»Ich werde mich hüten!«

»Aber jener Ingenieur vermutet es an Ihrem Leibe. Morgen werden Sie daraufhin am ganzen Körper untersucht, von Indianerhänden. Also das überlegen Sie sich. Gute Nacht!«

»Schuft!«, klang es dem Hinausgehenden nach. Oder da die beiden Französisch gesprochen hatten, war es ein ›Canaille!‹ gewesen.

Dann wartete Leonor darauf, dass der Finger, der noch immer auf ihrem Rücken lag, wieder zu sprechen anfinge, und überlegte dabei, ob sie den brennenden Span, den Deacon in einen Spalt der Zeltstange gesteckt und wieder mitzunehmen vergessen hatte, nicht lieber auslöschen solle. Sie war ja nicht allein, in dem Wigwam, auf der anderen Seite hockte ihr indianischer Wächter, der freilich nicht ahnte, was hinter ihrem Rücken vorging.

Da fing der Finger schon wieder zu klopfen an.

»Maximus in Sandberg festgerannt, ganz nahe, ganz versteckt, kann Tür nicht öffnen. Mechanismus erklären.«

Das konnte sofort geschehen. Leonor hatte Notizbuch und Bleistift bei sich, und sie hatte sich heute schon verschiedene Notizen gemacht — sie führte ein Tagebuch — ohne dass sich der Wächter darum gekümmert hätte.

So zog sie das Büchelchen hervor, zeichnete die Anordnung der Nieten auf, die drehbaren, auf die es ankam, durch Kreuze markierend, dann waren zur Erklärung nur noch wenige Worte nötig.

Sie riss das Blatt heraus, blickte zu dem Indianer. Die Gelegenheit war günstig. Er stopfte sich gerade eine neue Pfeife, und in diesem Moment verlosch auch der Span. Schnell das Zettelchen zusammengefaltet und es der Hand gegeben, die unter der Zeltwand hervorlangte, diese Hand noch einmal gedrückt, und sie zog sich zurück.

*

Kapitel 13
Befreiung und Abrechnung

Ein Dutzend Reiter, von denen nur zwei Blassgesichter waren, die anderen Indianer, verfolgten die Spur des Automobils. Sie befanden sich schon auf dem Steinplateau, auf dem aber doch hin und wieder ein Grashälmchen gedieh, das von den Rädern geknickt worden war und sich nicht wieder aufrichten konnte, und das genügte für die Falkenaugen der Rothäute. Das Automobil hatte ja auch einen schnurgeraden Weg genommen.

Deacon hatte nur deshalb noch zehn Indianer mitgehen heißen, weil er ja nicht wusste, in welcher Verfassung man das durchgegangene Automobil finden würde. Vielleicht musste es, unversehrt oder zerschmettert, voraussichtlich aus dem Loch, aus einer Schlucht herausbefördert werden. Man kam durch das Gebiet anderer Indianerstämme, auch mit Georg Hartung war zu rechnen — kurz, Deacon hatte doch lieber eine bewaffnete Macht hinter sich haben wollen.

Sonst war er seiner Sache sicher. Gefunden musste das Automobil unbedingt werden, wenn auch erst an der kanadischen Grenze. War es zerschmettert, desto besser. Deshalb konnte der Knallgasapparat nicht explodiert sein, das Automobil musste ja fortwährend gewaltige Püffe aushalten. Und sollte Deacon wirklich die Tür nicht öffnen können, so musste in die Panzerplatten mit Pulver ein Loch gesprengt werden. Oder es wurden eben Pferde vorgespannt. Jedenfalls wollte Deacon das Automobil schon zu einer Stadt bringen, oder doch den Knallgasapparat, und ein Sachverständiger würde die Flasche schon zu öffnen verstehen, ohne den Explosivstoff zu verletzen. Mit der Knallgasflamme musste man doch ein Loch in die Glasflasche brennen können, falls man ein Zertrümmern vermeiden wollte — und dann befanden sich die vierhundert Gramm Morrisit in Deacons Händen!

Auch sonst hatte Deacon schon einen Erfolg aufzuweisen. Über seiner Schulter hingen gleich alle beide Luftbüchsen, am Gürtel die eine Luftpistole. Durch Vermittlung seines Freundes hatte er sie von dem Häuptling, der die zierlichen Dingerchen verachtete oder aber vielleicht auch sich vor ihnen fürchtete, ohne Weiteres ausgehändigt bekommen. Walton selbst hatte für diese Art Waffen nicht das geringste Interesse gezeigt. Das Kaliber war ihm zu klein, er war an seine alte Donnerbüchse gewöhnt — Deacon hatte ihm die Konstruktion gar nicht erst zu erklären brauchen.

Doch die eigentliche Beschaffenheit dieser Waffe kannte Deacon ja selbst nicht. Und er hätte so gern einmal in den Mechanismus geblickt, wozu er ja nur die Schraube zu lösen brauchte. Aber die böse Explosion! Nun, diesem Geheimnis würde schon ein geschickter Mechaniker auf ungefährliche Weise zu Leibe zu rücken wissen, und ein englischer Waffenfabrikant hatte dem Erfinder ja 5000 Pfund Sterling geboten, da war also auch schon ein netter Verdienst da.

Schließlich sei noch bemerkt, dass Deacon recht wohl wusste, wie Georg schon den Rückweg angetreten hatte. Das sagte ihm doch die Fährte der Mokassins, welche er wenigstens durch die Augen der Indianer sah. Aber wo sie geendet, das wusste er nicht. Man hatte die hinterlassene Spur erst am Ende des Waldes aufgenommen, erst auf der Prärie hatten die Indianer über den hinterlassenen Eindruck eines Mokassins berichtet, und Deacon hatte keine Lust gehabt, deswegen noch einmal umzukehren.

Also Georg Hartung hatte bereits den Rückweg angetreten! Dass er das Automobil verlassen, als dieses zum Stillstand gekommen, war deshalb natürlich noch nicht gesagt. Er konnte ja unterwegs abgesprungen sein, besonders in einem der Flüsse musste das ganz leicht gewesen sein.

Deacon kümmerte sich wenig darum, so gründlich er diesen Menschen auch von allem Anfange an gehasst hatte, gleich ahnend, dass Hartung sich mit Leonor gegen ihn verbündet hatte. Die Hauptsache war, dass Georg den Rückweg noch nicht wieder angetreten hatte. Denn seine abermalige Spur, mit dem Wege der Reiter gleichlaufend, fehlte, und sonst hätte er doch sicher wiederum die Spur des Automobils verfolgt.

Die Nacht wurde auf dem Felsplateau an jener Wasserlache verbracht. Am anderen Morgen erreichte man bald den sandigen Teil des Plateaus, und in der Ferne tauchten schon die Sandhügel auf. Noch immer herrschte völlige Windstille, so war die Spur in dem Sande auch noch zu erkennen.

Nach einigen Stunden näherte man sich dem großen Sandhügel.

»Ich glaube gar, das Automobil ist in den Sandhaufen hineingerannt«, meinte Walton.

Ja, Deacon wurde von einer freudigen Ahnung beschlichen. Die Räderspuren liefen direkt auf den Sandberg zu. Und auch Deacon kannte die physikalische Eigenschaft des losen Sandes gegen Schlag und Stoß.

Richtig, die Spur des Automobils ging in den Sandberg hinein, und die von zwei Mokassins kam wieder heraus. Allerdings ganz dicht am Hügel war das nicht mehr zu erkennen, da war eben der Sand nachgerieselt, hatte alles wieder zugedeckt.

»Der Wagen ist auf der anderen Seite wieder herausgefahren!«, sagte Walton.

»O nein«, entgegnete Deacon, »ich kenne den Widerstand des Sandes. Er kann gar nicht so tief... da, da ist er ja schon!«, setzte er jubelnd hinzu.

Er hatte seinen Arm nur bis an den Ellbogen in den Sand hineingesteckt und fühlte bereits die festen, nietenbedeckten Eisenplatten.

Deacon hielt sich nicht damit auf, den die Tür öffnenden Mechanismus suchen zu wollen. Das wäre schon deshalb fast unmöglich gewesen, weil der Sand beständig nachrieselte.

Jeder Indianer hatte einen Lasso bei sich, dessen hatte sich Deacon schon vorher vergewissert, sonst hätte er anderes Material mitgenommen. Diese ledernen Bänder, die noch etwas ganz anderes aushielten als entsprechend starke Stricke, wurden an den Trittbrettern und an anderen Vorsprüngen befestigt, welche man unter dem Sande fühlte, die zwölf Pferde wurden vorgespannt, und wenn ihnen auch sonst das Ziehen unbekannt war — die Fäuste der tyrannischen Indianer hatten ihnen das bald beigebracht, sie zogen an, und bald kam Maximus zum Vorschein, immer weiter, bis er völlig im Freien stand.

»Na, da hätten wir ihn ja«, schmunzelte Deacon, auf das hintere Trittbrett steigend, um doch einmal nach dem Mechanismus zu suchen.

»Meinen verbindlichsten Dank«, sagte da vor ihm eine Stimme; die Tür hatte plötzlich nachgegeben, sie ging also auch nach innen auf, Deacon sah sich vor Georg stehen, und ehe er entsetzt zurückprallen konnte, war er schon von eisernen Fäusten gepackt, wurde hereingezogen, die Tür schmetterte wieder zu, und dann machte Georg seinen Zimmerkollegen, der in seinen Händen wie ein Kind war, vollends unschädlich, band ihn an Händen und Füßen.


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»Auch gleich die beiden Gewehre und die Pistole mitgebracht? Das ist brav von Ihnen!«

Dann begab sich Georg in den Chauffeurraum. Es sei bemerkt, dass er nicht etwa der Pferde bedurft hätte, um wieder aus dem Sandhaufen herauszukommen. Er hatte den Fährtesuchern nur eine kleine Überraschung bereiten wollen, und hauptsächlich war es ihm darauf angekommen, Deacon in das Automobil hereinzubugsieren, ohne sich Kugeln aussetzen zu müssen.

Denn hatte der auf Umwegen zurückgekehrte Georg — er hatte seinen Weg um den Sandhügel herum oder vielmehr über ihn hinweg genommen — schon große Mühe gehabt, die Tür unter dem Sande aufzubekommen, so noch mehr, sie dann wieder zu schließen, da der Sand immer eindrang. Schließlich war es ihm doch geglückt. Nun aber hatte er darauf gewartet, dass das Automobil in eine Lage kam, dass er die Tür schnell öffnen und schließen konnte, und es war denn auch alles so gekommen, wie Georg vorausgesehen oder bestimmt gewusst hatte. Er hatte ja in jener Nacht den Plan Deacons belauscht.

Nun, die Überraschung der Draußenstehenden war denn auch eine ungeheure. Es waren Sioux, die ohne Pferd nicht existieren können, und so suchten sie erst diese in Sicherheit zu bringen, schnitten die Lassos einfach durch und schwangen sich auf die Rücken der Tiere, erst jetzt sich wieder als Menschen fühlend.

Da aber setzte sich Maximus auch schon in Bewegung, ging mit der Hinterseite vorwärts, beschrieb einen Bogen, und jetzt mit der Nase voraus, dem Süden zu.

Walton hatte zwei Kugeln gegen die Panzerplatten gefeuert, welche nicht einmal einen Eindruck hinterließen, dann forderte er seine roten Begleiter zum Angriffe auf — mehr beobachtete Georg nicht, er gab volle Fahrt, mehr noch als 40 Kilometer, und bald waren die Reiter hinter ihm verschwunden. Dass diese jetzt alle Schnelligkeit der Pferde daransetzten, um womöglich noch vor dem Automobil das Lager zu erreichen, war selbstverständlich. Sie mussten aber schnell genug einsehen, dass an so etwas nicht zu denken war.

*

Leonor hatte vergebens die ganze Nacht durchwacht, immer auf die Ankunft des Automobils oder ihre sonstige Befreiung hoffend.

Georg hatte ihr doch gesagt, dass das Automobil ganz nahe im Sande festgerannt sei. Aber was heißt das, ganz nahe. Zumal wenn es sich eben um solch ein schnelles Automobil handelt?

Und auch Deacon hatte ihr beim Verlassen etwas gesagt, was ihr ständig durch den Kopf ging, sie noch immer abwechselnd vor Angst erbleichen und erröten ließ.

Am Morgen sollte sie untersucht werden, ob sie jenes andere Stück Morrisit bei sich trage.

Wehe, wehe, wenn ihr das passierte! Lieber den Tod!

Ach, hätte sie doch gleich die scharfe Bestimmung gegeben, dass wenigstens immer ein Mann in dem Automobil verbleiben müsse! Aber was half dieser Wunsch jetzt?

Unter solchen Gedanken verging die ganze Nacht. Der Morgen brach an. Deacon kam nicht wieder, und auch kein Anderer erschien, um jene Prozedur mit ihr vorzunehmen, wozu sie schon ihr Taschenmesser bereit hielt, um sich die Pulsader zu öffnen oder auch mit der kleinen Klinge den Weg zum eigenen Herzen zu suchen.

Sie erhielt Essen, die Wächter lösten sich ab — es änderte sich nichts. Auch von dem Abrücken Deacons und seiner Begleiter hatte sie gar nichts bemerkt.

Der Tag verging, und Georg wollte nicht als Retter kommen.

So brach ein neuer Abend an. Und endlich sollte auch die Erlösung nahen.

Die ewig heißhungrigen Indianer bereiteten noch an den Lagerfeuern die Jagdbeute, welche sie im Laufe des Tages gemacht hatten, als sie in der Ferne ein Geräusch vernahmen, schnell näherkommend, ein Krachen und Knattern, bis man ganz deutlich erkennen konnte, dass es von stürzenden Baumstämmen herrührte.

Die höchste Tugend der nordamerikanischen Indianer ist völlige Empfindungslosigkeit gegen alle äußeren Eindrücke. Aber das war ein Geräusch, welches auch den in dieser Tugend Geübtesten erschreckt aufhorchen ließ.

Dieses Geräusch kannten sie! Der Hurrikan! Und wehe, wen dieser strichweise gehende Wirbelsturm im Walde überrascht! Er wird von den stürzenden Bäumen zerschmettert oder doch festgeklemmt, muss bei gebrochenen Gliedmaßen verhungern!

Wohl geht auch dem Hurrikan immer eine Windstille voraus, wie eine solche schon seit einigen Tagen herrschte, aber das war doch eine ganz andere gewesen, so etwas meldet sich vorher in der Atmosphäre an...

Die Indianer konnten nicht lange Betrachtungen anstellen.

Da kam es schon herangebraust, die stärksten Bäume vor sich wie Rohrhalme abbrechend, kein Sturmwind, sondern ein Ungetüm, ein feuerspeiendes, wenigstens ging ein mächtiger, sich immer verbreiternder Feuerschein von ihm aus...

Mehr beobachteten die Indianer nicht. Ja, sie hatten wohl schon Automobile gesehen, aber so etwas denn doch noch nicht... Hals über Kopf stoben sie nach allen Seiten davon, nur nicht nach der, von welcher das Ungetüm her kam.

Auch Leonors Wächter hatte gelauscht, war hinausgestürzt. Gleich darauf ihm nach Leonor.

»Das ist Maximus! Das ist Hartung!!!«

Ja, da stand schon Maximus mitten im Lager zwischen den Feuern, da trat auch Georg zur Tür heraus, da erschienen auch drei Männer.

»Na, heernse Sie, das hat awwer lange gedauert, bis Se gomm'!«

Und Adam war der erste, der in den Wagen sprang, nach seinem Zentner Schnupftabak hin, um seine Nase zu atzen.

Leonor stellte nur noch die Frage, ob sie nicht erst nach den drei Luftwaffen suchen wollten — sie erfuhr, dass sich Deacon als Gefangener im Wagen befand und diese Waffen bei sich gehabt hätte — dann rollte Maximus schon wieder davon, nur noch eine kurze Strecke durch den Wald brechen müssend. Von den Rothäuten bekam man nichts mehr zu sehen.

Dann berichtete Georg, noch als Chauffeur am Rade stehend.

Er hatte sich ins Lager geschlichen, von Wigwam zu Wigwam, während alles noch wachte, die Feuer brannten. Allerdings hatte er dabei Glück gehabt. Die beiden Wigwams, auf die es ihm hauptsächlich angekommen war, hatten gerade günstig gestanden — aber wenn auch, hätte er diese seine Schleichtour, schriftlich erzählt, kein Leser hätte ihm geglaubt, am allerwenigsten der, der selbst schon Erfahrungen mit Indianern gemacht.

Nun, Leonor musste ihm wohl glauben. Sie hatte von der Wahrheit einen handgreiflichen Beweis im vollsten Sinne des Wortes bekommen.

Erleichternd musste die Botschaft auf sie wirken, dass sie tatsächlich keinen Menschen überfahren hatten, dass dies auch schon so gut wie erwiesen sei. Und dann vernahm sie, was Georg sonst noch von Deacon erlauscht hatte.

Sein schurkischer Charakter war zutage gekommen. Etwas Neues war es ja eigentlich nicht. Jetzt aber konnte man gegen ihn vorgehen.

»Was wollen wir nun mit dem Bösewicht beginnen?«, fragte Georg.

»Ihn absetzen, so leid es mir eigentlich auch tut«, entgegnete Leonor finster.

Das geschah aber nicht sofort. Nach dreistündiger Fahrt hatte man die Straße am Nebraska wieder erreicht, wieder zwei Stunden später näherte man sich dem Fort Kearny.

Der Kraftwagen hielt. Zum ersten Male trat Leonor vor den in seiner Kammer untergebrachten Deacon hin. Sofort wollte dieser seine Unschuld beteuern, er habe das Automobil doch nur holen wollen, um die Anderen zu befreien, und die letzten Worte, die er zu Leonor gesagt, machten ihm wenig Kopfschmerzen, er hatte für alles eine Ausrede — Leonor machte kurzen Prozess mit ihm.

Deacons Fesseln wurden gelöst, er ward mit seinen Kleidern und Koffern an die frische Luft gesetzt.

»Das ist Fort Kearny, Sie sind in Sicherheit. Dass Sie ein Schuft sind, habe ich schon immer gewusst, sofort, als ich Sie gesehen. Das Morrisit werde ich nach zwei Jahren dennoch Ihrem Vater zum Kaufe anbieten. Fort!«

Und das Automobil rollte wieder davon, unbelästigt an dem im Finstern liegenden Fort vorbei. Deacon stand mit seinen Sachen auf der Straße. Einen fürchterlichen Fluch ausstoßend, schüttelte er dem Automobil die Faust nach.

»Und ich ringe dir dein Geheimnis doch noch ab, nun erst recht, und diese Schmach soll gerächt werden, so wahr ich Artur Deacon heiße!!«

*

Kapitel 14
Im Felsengebirge

Wieder drei Tage später sahen die Automobilfahrer die mit ewigem Schnee bedeckten Abhänge der Sierra Nevada, des eigentlichen amerikanischen Felsengebirges, vor sich aufsteigen.

Sie hatten manches Hindernis überwunden, bei welchem jedes andere Automobil schwer zu kämpfen gehabt, aber für dieses hier war alles eine Kleinigkeit gewesen.

Auch einige Ortschaften hatten sie passiert, waren aber nie wieder aufgehalten worden. Einmal hatte Leonor einen Gendarmerieoffizier befragt.

Ja, der ihr nachgeschickte Steckbrief war bereits ungültig gemacht worden, die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen sie wegen Totschlags — wie es nun einmal heißt, auch wenn es sich um ein Überfahren handelt — eingestellt. Allerdings hatte sie sich nun noch wegen des angerichteten Schadens und hauptsächlich wegen Widerstandes gegen die Polizeigewalt zu verantworten, aber das ist immer Sache des betreffenden Staates, in dem dieses Vergehen verübt worden ist.

So konnte Leonor beruhigt weiterfahren.

Am Nachmittage befand sich Maximus schon auf der anderen Seite des Felsengebirges. Auf ziemlich guter Straße ging es unter Adams führender Hand in das herrliche Kalifornien hinab.

Von dieser Herrlichkeit war freilich zunächst noch nichts zu merken. Gerade jetzt sah es ganz schauerlich hier aus.

Es war ein furchtbarer Engpass, den sie passierten, kaum vier Meter breit; an beiden Seiten stiegen die jähen Felswände empor.

»Hier können doch kaum zwei gewöhnliche Wagen einander ausweichen«, meinte Leonor, »und wenn uns hier ein anderes Gefährt entgegenkommt, so müssen wir zurück bis nach...«

Da bremste Adam mit Macht. Das Automobil war um eine Ecke gebogen, und plötzlich war der Engpass, der sich hier nur wenig senkte, durch eine hohe Steinmasse versperrt.

»Ein Felsensturz!«

So sah es aus. Größere und kleinere Steine waren übereinandergetürmt.

»Das sieht aber recht regelmäßig aus, das steht eher aus, als ob...«

Da donnerte und prasselte es auch hinter ihnen. In einiger Entfernung türmte sich eine unregelmäßige Mauer auf, deren Steine von oben herabgesaust kamen.

»Wir werden mit Absicht eingeschlossen!!«

Ja, darüber war kein Zweifel. Den einen Steinhaufen hatte man schon vorher hier aufgerichtet, oben die anderen Steine bereitgehalten, um ein zweites Hindernis in dem Engpass zu schaffen.

Da man nicht mehr an Naturgewalt glauben konnte, so mussten es Wegelagerer sein, welche auf diese Weise ein Automobil oder ein sonstiges Gefährt oder überhaupt Reisende, von denen sich Beute erwarten ließ, einschließen wollten, und die List war ihnen gelungen.

Das Automobil war ziemlich dicht vor dem ersten Steinhaufen stehen geblieben.

»Da gann ich nich drieber hubben,« sagte Adam, den mindestens vier Meter hohen, unregelmäßigen Wall musternd, und ließ gleichzeitig die Panzerplatten hochgehen.

»Und auch nicht hinaufklettern?«, fragte Georg hastig.

»Nee, heernse, das is von unserm Maximus doch 'n bisschen gar zu viel verlangt, und da misste ich ooch errscht wissen, wie's derhinter aussieht, ehe ich das riskiere.«

Im Nu hatte Georg die vordere Tür aufgerissen.

»Um Gott, Georg, wenn man auf Sie schießt!«

Aber schon war er wie eine Gämse den Steinhaufen hinaufgesprungen, stand oben.

Es war eben ein kegelförmiger Steinhaufen, dahinter der Weg frei, niemand zu sehen.

Georg kehrte zurück, ohne dass ein Schuss gefallen wäre.

Leonor empfing ihn mit hochrotem Gesicht. Sie war sich bewusst, ihn mit Vornamen gerufen zu haben, und auch Georg schien sich dessen zu erinnern. Doch schnell hatte er seine Kaltblütigkeit wieder.

Er sagte, was er gesehen — eben nichts.

»Wenn wir nicht hinüber können, müssen wir die Steine abtragen.«

»Das werden die Wegelagerer wohl schwerlich dulden, wir werden doch sicher von oben beachtet, und wenn wir den Weg freilegen wollten, würden wir beschossen werden.«

»Ja, aber wie sonst aus dieser Mausefalle herauskommen?«

Leonor stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf.

»Also doch einmal gefangen! Nun, warten wir ab, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.«

Sie sollten nicht lange warten.

»Meine Herrschaften«, erklang eine sonore Stimme, »ich bitte höflichst um Entschuldigung, dass ich Sie hier einmal aufhalte, und noch mehr bitte ich, nicht etwa auf mich zu schießen, da wir der Blutrache huldigen, im anderen Falle aber perfekte Gentlemen sind.«

Über dem vorderen Steinhaufen war ein Kopf aufgetaucht, die Gestalt eines Mannes folgte nach. Es war ein blutjunger, bildhübscher Kerl mit hohen Stiefeln und rotem Minerhemd, der gemächlich den Steinhaufen an der anderen Seite herabstieg, lachend die blendenden Zähne zeigend. Im Gürtel staken Bowiemesser und zwei Revolver.

»Nanu, was ist denn das für ein kurioses Automobil?«, fuhr er lachend fort, als er dicht vor dem Fahrzeug stand. »Das kann sich wohl wie eine Schildkröte in die Schale zurückziehen? Vorhin habe ich doch von oben Glasfenster gesehen. Klopfet an, so wird euch aufgetan — also bitte, meine Herrschaften, erschüttern Sie nicht meinen festen Bibelglauben.«

»Na, mit dem lässt sich noch sprechen«, musste auch Leonor lächeln.

Sie öffnete die vordere Tür. Unbefangen trat der freundliche und bibelfeste Bandit ein.

»Ah, eine Dame!«, sagte er, vor Leonor den breitrandigen Sombrero ziehend. »Ich hoffe, Mylady, Sie sind nicht gar zu sehr erschrocken, als vorhin hinter ihnen die Steine prasselten.«

Leonor war nicht geneigt, auf diesen Ton einzugehen.

»Machen wir es kurz. Was wollen Sie?«

»Erlauben Sie zunächst, dass ich mich vorstelle — CaliforniaFred.«

Der junge Strauchdieb hatte es in einem Tone gesagt, als ob er sicher erwarte, dass die anderen jetzt auf den Rücken fallen würden, entweder vor Staunen oder vor Schreck.

Aber niemand der vier kannte diesen Namen. Es mochte ja sein, dass CaliforniaFred tatsächlich eine ›Berühmtheit‹ war, aber Amerika ist groß, und derartige ›Berühmtheiten‹ wechseln gar zu oft ab. Die Kugel eines Soldaten oder eines Reisenden, der sich seiner Haut wehrt, bringt einen derartigen Stern zu schnell zum Verlöschen. Nur Adam wusste gleich, was er zu antworten habe. Er lüftete seinen grün umbänderten Zylinder.

»Freit mich, ehrt mich sehr, Sie gennen zu lernen — Adam Green is mei Name.«

Fragend blickte der junge Bandit die Dame an, welche ihren Namen nicht nennen wollte.

»Und darf ich erfahren, wie die schönste Dame heißt, der ich je im Leben begegnet bin?«

»Leonor Morris«, musste die so Angeredete denn doch wieder lächeln.

Schließlich stellte sich auch Georg vor. Die beiden anderen in Monteurkleidung beachtete der Bandit gar nicht, er war eben ein Gentleman, wenn er auch selbst eine wenig reinliche Arbeitskleidung trug. Außerdem bekam er nur den einen zu sehen. Tom O'Foy hatte gerade den Mittagstisch anrichten wollen, und dieses Zwischenspiel störte den braven Irländer durchaus nicht, er entnahm soeben dem elektrischen Ofen einen delikaten Hirschrücken, den Georg heute früh der Speisekammer einverleibt hatte.

»Sollte ich mich irren«, fuhr der Bandit mit ausgesuchter Höflichkeit fort, »dass Miss Morris die Besitzerin dieses Automobils...«

CaliforniaFred brach ab und zog wie ein Jagdhund die Luft durch die Nase. »Das riecht hier delikat, gerade wie nach Hirschbraten.«

»Ist es auch«, lachte Leonor.

»O, Madam, wenn ich eine Bitte aussprechen dürfte — wir logieren hier in einem gar elenden Hotel, seit acht Tagen setzt man uns nichts Anderes als getrocknetes Fleisch vor...«

»Bitte, ich lade Sie ein, an unserem Mittagessen teilzunehmen.«

»Mit tausend Dank angenommen, ich werde mich revanchieren.«

Und ohne Weiteres ließ sich der galante Bandit an dem Tische nieder, langte gleich wacker, doch mit vollendetem Anstande zu.

Aber schon im Anfange sah er sich suchend um.

»Ohne unbescheiden sein zu wollen — ich bin sehr durstig.«

»Tom, die Wasserflasche!«, kommandierte Leonor.

»Wasser? O, das gibt es auch hier in Hülle und Fülle. Ich bin zum Diner eigentlich einen Schluck Wein gewohnt.«

»Wir sind alle Temperenzler.«

»Ich nicht«, bemerkte Georg trocken.

»Nicht?«, lachte der Bandit mit seinen blendenden Zähnen. »Dann passen wir beide ja zusammen. Nun, aus dieser Kalamität wollen wir uns sofort geholfen haben.«

Er begab sich hinaus vor den Wagen.

»Oberkellner«, rief er mit schallender Stimme zu den Felswänden hinauf, »eine Flasche Heidsieck Monopol!«

Es dauerte gar nicht lange, als faktisch an einem Seile eine Flasche Champagner herabgelassen wurde. Die Räuber mochten sie einem wohlverproviantierten Reisenden abgenommen haben.

»Danke! Ach, Herr Oberkellner, Sie können gleich noch eine andere kaltstellen!«

Er kehrte zurück, ließ den Pfropfen knallen, versuchte vergebens, auch Leonor ein Glas aufzunötigen, stieß mit Georg an.

»Auf die schönste aller Schönen!«, trank er dann dem Mädchen zu.

»Nu, was woll'n Se denn nu eegentlich?«, fing dann Adam an, der diesmal mit an der Tafel teilnahm, die ganze Umgebung seines Tellers und sogar seinen Braten mit Schnupftabak bestreuend, der ihm zum Teil aus der Nase fiel.

»Ja, kommen wir zur Sache. Madam, ich bin Geschäftsmann und — Geschäft ist Geschäft. Was für ein Geschäft ich betreibe? Das der Wohltätigkeit. Sie glauben, ich scherze? Durchaus nicht. Bei mir ist es zu einer wahren Manie geworden, anderen Menschen behilflich zu sein. So sehe ich Sie hier in einer schlimmen Lage. Böse Menschen haben Sie hinten und vorn mit Steinen eingesperrt. Vielleicht auch war es ein Naturereignis. Denn Sie trauen mir doch nicht etwa zu, dass ich diese Steine heruntergeworfen habe? Werde ich! Ich will Sie also wieder befreien. Das kann ich nicht allein, brauche es auch nicht, dazu habe ich meine Freunde. Diese werden die Steine wieder wegräumen. Aber bei meinen Freunden ist Zeit Geld, und außerdem sind es keine gewöhnlichen Arbeiter, sondern es sind geniale Männer, Künstler, welche für die Stunde... ein ganz gehöriges Honorar verlangen. Sagen wir... pro Stunde 10 000 Dollar. Und fünfundzwanzig sind wir gerade. Also, bitte, 250 000 Dollar.«

So, nun war es heraus.

»Aber ich habe kein Geld.«

»Gehört dieses Automobil Ihnen?«

»Das allerdings, aber...«

»O, Madam, wer solch ein Automobil besitzt, der hat auch ein Scheckbuch in der Tasche, mindestens auf jeder Bank Kredit.«

»Sie irren, ich bin...«

Ein Schuss fiel, der Bandit sprang hinaus.

»He, Bill, was gibt's?«

»Nichts, Captain, hier kommt nur die Flasche.«

Sie wurde am Stricke herabgelassen. CaliforniaFred nahm sie in Empfang. Versetzen wir uns schnell in das Innere des Automobils.

Kaum war der Bandit hinaus, als Adam aufsprang und hinauseilte. Er kam sofort zurück, ein Fläschchen in der Hand.

»'s is nischt weiter, der kriegt enne neie Bulle, und das hier, das kriegt er von mir.«

So sprechend, hatte er ein gut Teil der klaren Flüssigkeit aus dem Fläschchen in das noch ziemlich volle Glas des Banditen gegossen.

»Um Gottes willen, Vorsicht«, warnte Georg, »wenn er es schmeckt...«

»Vollständig geschmacklos und... still, er kommt wieder.«

Die Unterhaltung wurde fortgesetzt. Der Bandit wollte nicht glauben, was Leonor ihm da erzählte, und er trat immer mehr als echter Straßenräuber auf, forschte nach Preziosen und dergleichen.

Dabei aber wurden auch seine Augen immer gläserner, seine Zunge immer schwerer, ohne dass ihm das selbst auffiel, und... zugleich blickten diese gläsernen Augen immer begehrlicher nach dem schönen Mädchen.

»So, so, wirklich gar nichts zu haben? Dann müssen Sie hier liegen bleiben.«

»Wie lange?«

»Nur diese Nacht.«

»Und dann geben Sie uns frei?«

»Ja, aber nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Wenn Sie«, lächelte der Bandit mit einer Verbeugung, »diese Nacht mir durch Ihre Gesellschaft verschönen, und ist es auch nur ein hartes Lager, das Sie mit mir teilen müssen...«

Es knallte, und der schöne CaliforniaFred lag am Boden. Georg hatte ihm ins Gesicht geschlagen. Mit einem Wutschrei sprang er auf, riss den Revolver aus dem Gürtel. Georg war bereit, ihn unschädlich zu machen, noch schneller aber war Meister Adam.

Er hatte schon etwas in der Hand bereitgehalten, warf dem Aufspringenden ein gelbes Pulver ins Gesicht, und sofort sank dieser wieder zu Boden, um regungslos liegen zu bleiben.

»Sehn Se, so wärd's gemacht — das war ooch Schnubbdabak — awwer keen Dobbelveilchen — das is'se Luderzeig.«

»Ja, was aber nun?«, fragte Georg mit einiger Bestürzung.

»Nu, Sie hamm de Subbe eingebrockt, ich habbe se gesalzen, un nu missen mir se ähm ausleffeln. Un zwar machen mir das folgendermaßen: Miss Leonor, gehn Se doch mal naus, nur ä Oogenblickchen.«

Leonor folgte dieser Aufforderung sofort, als ob sie schon wisse, was ihr Ingenieur vorhabe, und kaum hatte sie das Speisezimmer verlassen, als sich Adam sofort zu entkleiden begann.

»Un Sie genn einstweilen diesem Lumich das Gelumpe ausziehn.«

»Wozu? Was haben Sie vor?«

»Das wärn Se gleich sehn. Machen Se nur fix!«

Gut, Georg gehorchte, und jetzt schlüpfte Adam in Hose, Hemd und Stiefel des Räubers, stülpte den Sombrero auf, wandte sich dem Spiegel zu, machte sich an seinem Gesicht zu schaffen, richtete sich auf, und als er sich umdrehte... Georg konnte nur staunen.

Es wäre zu viel behauptet, wollte man etwa sagen, Adam hätte den Banditen täuschend ähnlich nachzuahmen verstanden. Dazu war es ein ganz anderes Gesicht und eine ganz andere Figur — und dennoch, dieses Männchen musste unbedingt ein geborener und geschulter Schauspieler sein, der ganz besonders in Charaktermasken Bedeutendes leistete. Wäre der Bandit auf der Bühne ausgetreten und Adam hätte seine Rolle übernommen, dann wäre auch das Publikum getäuscht worden; denn das Männchen trat mit einem Male ganz anders auf, hatte eine ganz andere Stimme.

»Well, Miss Morris, Ihr Scheck ist gut, meinen verbindlichsten Dank — die Herrschaften sind frei — aber ich muss Sie bitten, da meine Leute anderweitig beschäftigt sind, das Hindernis selbst aus dem Wege zu räumen. Es ist ja auch nur nötig, die schräge Fläche zu verringern, dann wird Ihr Automobil schon hinaufklettern können. Also ans Werk!«

Nach diesen mit ganz anderer Stimme und Haltung gesprochenen Worten ging der falsche Räuberhauptmann schnell hinaus, erstieg den Steinhaufen, blickte den Pass entlang, blickte hinauf.

»He, Bill!«

»Was ist, Captain?«, erklang es zurück.

»Bleibt oben! Die brauchen nur einige Steine herabzurollen, dann können sie schon hinüber.«

»Habt Ihr's bekommen, Captain?«

»Ich habe«, entgegnete Adam, einen schon bereitgehaltenen weißen Zettel schwenkend, den vorgeblichen Scheck. »So gut wie Gold. Haltet da oben nur scharf Lugaus!«

»Ay ay, Captain!«

»Vorwärts!«, drängte da Leonor. »Es ist keine Sekunde zu verlieren!«

Ihre Ermunterung war auch sehr nötig; denn Georg wollte noch kaum an die Möglichkeit glauben, diese Kühnheit kam ihm fast ungeheuerlich vor. Ja, wenn die List von einem anderen ausgegangen wäre, aber Adam, dieses kleine, unscheinbare Männchen mit seinem gemütlichen Dialekt — sich jetzt für den RäuberHauptmann ausgebend — und nun diese Plötzlichkeit, mit der er das alles arrangiert und ausgeführt hatte...

Doch Georg raffte sich empor, er folgte dem Beispiele der anderen, welche, von Leonor mit drei Worten instruiert, schon draußen waren, den Steinhaufen erklommen und von oben Steine herabzuwälzen begannen.

Georg gesellte sich zu ihnen; sogar Leonor legte mit Hand an, dann ließ sich selbst der Herr Räuberhauptmann dazu herbei, einige Steine herabzuwälzen.

Unter diesen Anstrengungen verringerte sich die Steilheit der schiefen Fläche in kurzer Zeit, schon nach zehn Minuten sah der Steinkegel ganz anders aus, wenigstens auf dieser Seite, welche von dem Automobil erklettert werden musste. Die andere konnte so bleiben, wie sie war, da setzte das Panzerautomobil einfach im Sprunge herab.

»So, das genügt, da kann Maximus schon hinauf«, sagte der falsche Bandit. »Schnell in den Wagen zurück!«

Sie begaben sich hinein. Adam stellte sich an den Apparat, Maximus setzte sich in Bewegung, und es ging. Polternd kraxelte er mit hundert eingeschalteten Pferdekräften den Steinhaufen hinauf, erreichte die höchste Höhe, dann ein Sprung — donnernd schlugen die massiven Räder auf — und unbeschädigt konnte das Automobil seinen Weg durch den Engpass fortsetzen.

»Sähn Se, so wärd's befummelt«, fing da Adam wieder in seinem Waliser Dialekte an. »mir wärn uns doch nich von so 'n Lumich lange aufhalten lassen.«

»Mensch, Mann!«, rief Georg da in hellem Staunen. »Ich muss Sie tausendmal um Verzeihung bitten — ja, ich gestehe ganz offen: Ich habe Sie bisher oftmals für einen Hanswurst gehalten — und nun zeigen Sie sich als ein Held — befreien uns im Handumdrehen aus einer Lage, aus der ich mir gar nicht zu helfen gewusst hätte!«

Auch Leonor gegenüber musste Georg sein grenzenloses Erstaunen aussprechen.

»Er ist früher tatsächlich Schauspieler gewesen«, entgegnete diese, »und kein schlechter, er hätte es zu etwas bringen können. Aber größer noch war sein mathematisches Talent. Er hatte zuletzt nur noch Interesse für Zahlen. So verließ er die Bühne und bildete sich als Autodidakt zum Ingenieur aus, bis er zu meinem Vater kam.«

Adam zog das Räuberkostüm wieder aus. Der noch immer bewusstlose Bandit wurde nebst seinen Sachen ausgesetzt. Dieses Abenteuer hatte man wieder hinter sich.

*

Kapitel 15
Durch Kanada — Eingefroren

San Francisco wurde gar nicht berührt. Schon vorher geht die Straße nach Norden ab, noch vor gar nicht so langer Zeit von vielen Tausenden von Abenteurern benutzt, welche, zu arm, um die Passage bezahlen zu können, zu Fuß nach dem neuentdeckten Goldlande Alaska wandern wollten. Was aus 95 Prozent dieser Goldsucher geworden war, sollten die Weltreisenden bald mit eigenen Augen erkennen.

Vorläufig war diese Straße noch gut, sogar eine ausgezeichnete Chaussee. Hier gleicht ja Kalifornien einem Paradiese, alles steht unter höchster Kultur, eben deshalb fehlen größere Städte gänzlich, nur riesige Plantagen, dann kleinere Ortschaften, von wo aus der Landbau gemeinschaftlich betrieben wird.

Es war Mitte April, und das Automobil rollte durch eine in höchster Blüte stehende Sommerlandschaft dahin, wie man sie in solch einer grünen, saftstrotzenden Frische sonst nirgends auf der Erde zu sehen bekommt. Erst im Staate Oregon wurde die Vegetation etwas dürftiger, und das um so mehr, je mehr die rechts liegende Sierra Nevada in Hügeln auslief, und nach Passieren des ColumbiaStromes begriff man, warum die Indianer das nördlicher liegende Land Kanada genannt haben.

Ka — na — da. Das heißt nämlich: hier ist nichts.

Doch vom eigentlichen Kanada war man noch weit entfernt, wenigstens der Karte nach. Dann bietet Kanada ja im Sommer durchaus kein trostloses Bild. Die Tundren, wie die Prärien mit spärlichem Graswuchs hier heißen, schmücken sich ebenfalls mit frischem Grün und sogar mit einem herrlichen Blumenflor. Aber das ganze Land hat seinen Namen Kanada hier auf dieser westlichen Seite bekommen, und der gewaltige Unterschied ist es, wenn man aus dem blühenden Kalifornien herauskommt, wenn man die Sierra Nevada hinter sich hat, der auf Auge und Gemüt so wirkt. Denn mit den kalifornischen Obst- und Blumengärten lassen sich selbst die südlichen Tundren nun freilich nicht vergleichen.

Die Straße verlief sich nach und nach in der weglosen Steppe, aber schon ward die Richtung durch Skelette gekennzeichnet, meist Pferden und Maultieren angehörend, aber schon gesellten sich auch Menschenknochen hinzu, die meist sogar einen noch recht frischen Eindruck machten.

Sie hatten den unglücklichen Goldsuchern angehört, welche zu spät im Sommer nach Alaska aufgebrochen, vom Winter überrascht worden waren. Und was hatten diese Knochen erzählen können! Nicht nur von Hunger und Kälte, sondern auch von Mord und Totschlag um das letzte Stück Brot, um einen Schluck Branntwein.

Bei Baker Hill wurde die kanadische Grenze passiert. In dem elenden Neste, aus Blockhäusern bestehend, fand Zollrevision statt.

Hierzu noch eine andere Bemerkung, die man wohl schwerlich schon in Reiseromanen und Jugendschriften zu lesen bekommen hat:

Von einem Aussterben der nordamerikanischen Indianer in absehbarer Zeit zu sprechen ist ein Unsinn. Gegenwärtig werden in Kanada und im nördlichen Teile der Vereinigten Staaten noch mehr als 80 000 Indianer gezählt, davon leben 15 000 Männer, also wohl so ziemlich alle, ausschließlich von der Jagd. Ohne die Tätigkeit dieser Rothäute müsste mancher Millionär und sonstiger arme reiche Mann in Europa frieren. Tausende von Kürschnern würden brotlos, denn Asien kann den Bedarf Europas an Pelzen bei weitem nicht decken. In London werden alle halben Jahre rund 10 000 nordamerikanische Bärenfelle verauktioniert. Der Katalog, den man sich schicken lassen kann, höchst interessant, gibt darüber Auskunft. Da erkennt man erst, was der Pelzhandel eigentlich zu bedeuten hat, und diese Bären werden doch nicht etwa gezüchtet und geschlachtet, sondern sie müssen von Jägern erlegt werden, und mehr als achtzig Prozent von diesen haben eine rote Haut.

Was verdient denn nun so ein Indianer bei seiner Jägerei? Da muss man einmal so einen Angestellten von der Pelzkompanie sprechen hören, da wird man staunen! Im Durchschnitt 500 Dollar, 2000 Mark pro Jahr, die nach der Auszahlung prompt durch die Gurgel gejagt werden. Das ist aber der Durchschnitt. Es gibt natürlich welche, die viel weniger verdienen. Dann gibt es aber berühmte Jäger, die sich jährlich auf 10 000 Dollar stehen! Und das sind wirkliche Berühmtheiten! Die verschiedenen Pelzgesellschaften buhlen um die Gunst solch eines Indianers, dass er allein ihr seine Jagdbeute abliefert, wie bei uns etwa ein Heldentenor umschwärmt wird. Sie schenken ihm mit Gold und Elfenbein ausgelegte Gewehre, sie schenken ihm alles, was sein Indianerherz nur begehrt. Denn er allein kennt ein Gebiet, wo es noch Silberfüchse gibt. Und weiß man denn, was so ein Silberfuchs wert ist? Dort drüben noch wird sein rohes Fell schon mit 20 000 Mark bezahlt!


Illustration

Das Fortbestehen oder der Untergang dieser nordamerikanischen Indianer aber ist für England und die Vereinigten Staaten auch eine Zollfrage. Das englische Kanada erhebt Eingangszoll nur auf Tabak und Spirituosen, die Vereinigten Staaten verzollen alles nur Mögliche. Und wie will man denn diese Grenze von 400 deutschen Meilen Länge, in diesen Tundren und Urwäldern, gegen Schmuggel schützen? Diese nordamerikanischen Indianer sind zugleich Zollwächter. Von allen Schmuggelwaren, die sie abfangen, bekommen sie einen Anteil und außerdem noch eine Prämie, und deshalb sind die beiden Regierungen eifrigst bemüht, die verschiedenen Indianerstämme diesseits und jenseits der Grenze in steter Todfeindschaft zu halten. Würden diese Indianer aussterben oder könnten sie sich einigen, dann müsste das englische Kanada mit den Vereinigten Staaten einen ganz anderen Zollvertrag eingehen, einen Zollbund, und infolgedessen auch England selbst mit Kanada, und was für eine Umwälzung das in der ganzen Politik geben würde, das können wir jetzt gar nicht erfassen. Das allererste wäre der Abfall Kanadas von England.

*

Die Zolluntersuchung hatte nichts auf sich gehabt.

Immer schneller ließ man den Sommer hinter sich, immer mehr machte die Gegend den Eindruck, als wäre man noch mitten im Winter, nur dass eine warme Zeit einmal allen Schnee entfernt hatte, wie es bei uns im flachen Deutschland oft vorkommt. Von den Wolken wusste man nie, ob sie Regen oder Schnee spenden würden, und gewöhnlich wurde eisiger Hagel daraus.

Georg verschaffte Leonor Gelegenheit, einen Moschusochsen zu erlegen, dessen Fleisch zu dieser Jahreszeit noch nicht den widerlichen Geschmack angenommen hatte, sogar ausgezeichnet war, und er lieferte für die Räucherkammer fast zehn Zentner, sodass man der theoretischen Berechnung nach mit diesem Proviant bis nach China hätte auskommen müssen.

Nach einer zum Teil am Steuerapparat durchwachten Nacht legte sich Leonor am Morgen schlafen. Die Sonne lachte einmal, die flachen Tundren in einem ganz anderen, freundlichen Lichte erscheinen lassend. Jetzt merkte man doch, dass auch hier der Sommer einzog, es kamen mit einem Male herrliche Blumen zum Vorschein, die man vor einer Stunde noch gar nicht gesehen hatte.

Es war gegen Mittag, als Leonor durch ein Klopfen an ihre Tür geweckt wurde.

»Ach, entschuldgen Se giedigst, wenn ich Sie im besten Schnarchen schteere, awwer de Sache wärd gladrig — gucken Se nur mal zum Fenster naus.«

Leonor tat so — rieb sich die Augen — glaubte zu träumen.

Hallo! Alles weiß, der Schnee lag schon einen halben Meter hoch, und es schneite noch immer.

Adam erklärte in seiner Weise, dass es sechs Stunden ununterbrochen geschneit habe, aber ganz anders als jetzt, die Luft sei undurchsichtig gewesen, jetzt habe es wieder etwas nachgelassen. Dort jedoch käme schon wieder solch eine ›gladrige‹ Wolke heraufgezogen.

Und so geschah es. Dazu gesellte sich ein Sturm — ein Schneesturm, wie Leonor ihn noch nicht erlebt hatte, obgleich hierin auch die Ostküste Amerikas schon etwas bieten kann.

Zu sehen war überhaupt nichts mehr. Dabei war es gar nicht so sehr kalt, aber das war nur umso schlimmer für Maximus. Gleichgültig, ob die Räder verbreitert wurden, dass das ganze Automobil wie auf einer einzigen Walze ruhte — der Schnee sackte sich fest, bis zu 150 Pferdekräfte ließ man sich entwickeln — das Automobil kam nicht mehr vorwärts, und endlich ließ man es freiwillig stehen bleiben. Man hätte heißes Wasser genug erzeugen können, aber das wäre im Kampfe gegen dieses Element nur ein lächerlicher Versuch gewesen.

Es schneite und schneite, bis man nicht mehr sehen konnte, ob es noch schneite. Maximus war eingeschneit.

»Wenn wir hier eingeschneit blieben!«, flüsterte Leonor.

»Nee, ach nee«, tröstete Adam, »im Juli taut's ganz beschtimmt wieder uff, un mir ham ja noch zehn Zentner. Fleesch un ich enn ganzen Zentner Schnubbdabak.«

Georg wusste einen besseren Trost. Er selbst hatte es so eingerichtet, dass er diese Tour im Juni und Juli gemacht, infolgedessen er dann wieder im Oktober in Sibirien unter der frühen Winterkälte zu leiden gehabt hatte. Allerdings habe das Automobil die Reise etwas zu früh angetreten, oder es sei eben gar zu schnell gefahren, man müsse noch immer hier mit Wintertemperatur rechnen, aber lange könne diese unfreiwillige Gefangenschaft nicht anhalten, die Jahreszeit sei doch schon zu sehr vorgeschritten.

»Es ist besser, wir werden hier einige Zeit festgehalten, als dass wir zu zeitig noch höher nach Norden hinaufkommen, wo jetzt noch vollständiger Winter herrscht.«

Man musste sich für diesen einrichten, ohne zu wissen, auf wie lange. Wärmere Kleidung war vorhanden, allerdings keine Pelzsachen für einen richtigen kalten Winter; mit einem solchen hatte Leonor oder ihr Vater gar nicht gerechnet, in der Voraussetzung, dass sich Maximus durch seine Schnelligkeit ganz unabhängig von Temperaturen machen konnte.

Geheizt konnte durch den elektrischen Kochofen werden, wenn dieser offen blieb. Dann war es im Inneren des Automobils bald ganz behaglich warm, obgleich das Thermometer nur fünf Grad Celsius anzeigte. Das ist eine Erscheinung, die man in den nördlichen Gegenden immer findet. In den Schneehütten der Eskimos ist gewöhnlich nur ein Grad über Null, und alle Reisenden versichern, dass sie dennoch in diesen Schneelöchern nie gefroren hätten.

Ab und zu versuchte man, das Automobil doch noch in Bewegung zu setzen — ganz vergeblich. Nicht einmal 300 Pferdekräfte zogen mehr an.

Schneite es denn noch immer? Bei dem Beginn des Schneesturmes hatte man die Panzerplatten in die Höhe gezogen, und vor den runden Gucklöchern lag dichter Schnee.

Man wollte die Panzerplatten herablassen — der Mechanismus versagte. Ebenso wenig ließ sich eine der Türen, obgleich sie alle auch nach innen aufgingen, öffnen. Große wollene Tücher wurden in dem elektrischen Ofen heiß bis zum Versengen gemacht und an die Panzerplatten, wo sich eine Tür befand, gehalten, man erhitzte die Fugen und das Schloss sogar mit der Stichflamme — alles vergeblich. Keine Tür konnte geöffnet werden.

Nicht etwa, dass draußen eine so furchtbare Kälte geherrscht hätte. Null Grad genügte schon vollkommen, um alle diese Bemühungen des Auftauens erfolglos zu machen. Wohl schmolz der Schnee, aber nur, um sich sofort in Eis zu verwandeln. Freilich kam dazu, dass die auf besondere Weise verstählten Aluminiumplatten außerordentlich schlechte Wärmeleiter waren, und dann die ganze Konstruktion dieser Türen! Um sie, wenn sie eingefroren waren, auftauen zu können, mussten sie an den verschiedensten Stellen gleichzeitig erwärmt werden, das war nicht gut möglich, und wenn also der eine Riegel auftaute, war der andere schon wieder festgefroren. Der Erbauer dieses Automobils hatte wohl an die verschiedensten Hindernisse gedacht, aber nicht daran, dass er mit dem Wagen auch einmal einfrieren könne.

Und die jetzigen Insassen des Automobils hatten sich wohl gleich mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass Maximus einige Zeit von einer dichten Schneedecke gefangengehalten wurde. Stunden oder selbst Tage, aber nicht, dass sie selbst das Automobil gar nicht verlassen konnten. Sie hatten doch geglaubt, sich mit leichter Mühe durch die Schneeschicht schaufeln zu können. Und nun vermochten sie keine Tür zu öffnen.

»Das is ganadscher Schnee, das is ä ganz anderes Luderzeig als bei uns daheeme«, sagte Adam Green, bedächtig eine Prise nehmend, zeigte dann aber seine physikalischen Kenntnisse. Er erklärte sachgemäß, warum der auftauende Schnee immer gleich wieder frieren müsse, warf mit Wärmekalorien und Ausdehnungskoeffizienten um sich, seine Theorie durch endlos lange Zahlen und Kubikwurzeln und andere Rechnungsarten der höheren Mathematik erläuternd, bis selbst die in diesem Fache sattelfeste Leonor ihn bat, doch endlich damit aufzuhören, dies alles brachte ja keine Tür auf.

Nur die kleinen, kaum fünf Zentimeter im Durchmesser haltenden Guckfensterchen, mit starkem Glase versehene Schießscharten, konnten mit Hilfe von warmen Tüchern aufgetaut und geöffnet werden, und wäre auch das nicht gelungen, so wären alle in kurzer Zeit des Todes gewesen.

»Die Luft wird doch recht schwer atembar«, meinte Georg zuerst.

»Empfinden Sie es schon? Nun, an Sauerstoff brauchen wir ja keinen Mangel zu leiden. Wir können ihn in unseren Apparaten entwickeln, aber ehe wir das tun, wollen wir erst etwas Anderes versuchen.«

Das Ende einer drei Meter langen Eisenstange wurde in dem elektrischen Ofen bis zur Weißglut erhitzt. Der Wind war zuletzt von Westen gekommen, und so stieß man die glühende Stange auf der Ostseite durch eines der Fensterchen, und dann folgte alsbald ein ebenso langes, am Ende ebenfalls glühendes Gasrohr nach.

Da gewahrte man in neuem Schrecken, dass das Rohr die Schneeschicht noch nicht einmal durchdrang. Sie war noch stärker als drei Meter, und das auf der vor dem Winde geschützten Seite! Was für Schneemassen musste also der Himmel herabgeschüttet haben!

Doch es war nur ein Schreck über die Gewalt der Elemente. Ein Luftloch konnte man sich schon noch schaffen. Für Reparaturen war ja hier alles vorhanden, Gasrohre für zwanzig Meter, und dieses hier brauchte nur um einen Meter verlängert zu werden, dann erreichte das andere Ende das Freie.

Unterdessen waren doch zehn Minuten vergangen, und jetzt traten auch für die anderen Atembeschwerden ein, welche nicht so, wie Georg, an frische Luft gewöhnt waren. Der vorhandene Sauerstoff wurde von den menschlichen Lungen in Kohlensäure verwandelt, nur der indifferente Stickstoff blieb unverändert zurück.

Also schnell das Innenende der Gasröhre durch einen Gummischlauch mit dem Knallgasapparat verbunden, und zwar mit dem Hahn, wo aus dem sich zersetzenden Wasser das Wasserstoffgas sich entwickelte; so wurde dieses giftige Gas ins Freie gejagt, während der frei werdende Sauerstoff direkt in den Innenraum des Automobils gelangte. Adam regulierte nach einem besonderen Messinstrument die Zufuhr. Nur zuerst gab er einen kleinen Überschuss, dann regelte er nach einer komplizierten Berechnung, die er aber im Nu im Kopfe machte, die Menge des Sauerstoffes so, dass es nicht mehr und nicht weniger gab, als die Lungen fünf erwachsener Menschen zum normalen Atmen bedurften.

»Wenn's zu viel is, dann wern Se mir zu animiert, un wenn Se fiehln, dass Se erschticken, dann sagen Se's mir.«

»Aber was wird aus der überschüssigen Kohlensäure?«, fragte Georg besorgt.

»Ich bin schon dabei, die zu beseitigen«, entgegnete Leonor, von den Arbeitern flache Blechkästen aus einem im Vorratsraume stehenden Fasse mit einem weißen Pulver füllen lassend, gebranntem Kalk, und diese Kästen dann einfach hier und da auf den Fußboden niedersetzend.

Dieser gebrannte Kalk saugt gierig den ausgeatmeten Wasserdampf wie auch die Kohlensäure auf, welche sich, da sie schwerer als die atmosphärische Luft ist, zu Boden senkt. Das wusste auch Georg, aber er hatte noch andere Bedenken.

»Wenn sich der gebrannte Kalk aber nun vollgesaugt, sich gänzlich in kohlensauren Kalk verwandelt hat?«

»Das dauert sehr lange, und wir haben noch genug davon.«

»Ja, wenn wir aber nun doch so lange hier gefangengehalten werden, bis der ganze Vorrat erschöpft ist?«

»Dann wird der kohlensaure Kalk in dem elektrischen Ofen einfach abermals ausgeglüht, die freiwerdende Kohlensäure wird durch ein zweites Rohr ins Freie gejagt.«

Das hätte sich Georg eigentlich selber erklären können, und doch musste er staunen.

»Ihr Herr Vater hat wirklich an alles gedacht! Selbst, dass sein Maximus einmal in solch einem Schneehaufen stecken bleiben kann!«

»Das wohl nicht, sonst hätte er sicher auch darauf Bedacht genommen, dass man die Türen auftauen kann. Aber er hatte ursprünglich geplant, das Automobil auch als Unterwasserboot verwenden zu können.«

»Wie? Selbst unter Wasser kann es fahren? In die Meerestiefe hinabsteigen?!«, rief Georg erstaunt.

»Nein, das kann es freilich nicht! Es ist auf die Oberfläche des Wassers beschränkt. Dazu wären doch noch andere Vorrichtungen nötig, welche das Automobil an Land sehr unbehilflich gemacht hätten. Doch es ist ja überhaupt alles vorhanden, um Sauerstoff zu erzeugen, er ist neben dem Wasserstoff doch unsere Betriebskraft. Gebrannten Kalk nahm ich schon wegen einer eventuellen Desinfektion mit, und unsere Küche, in der ich jede Hitze erzeugen kann, können wir doch auch als Kalkofen verwenden.«

*

Kapitel 16
Im schwimmenden Eisberge

Vierundzwanzig Stunden waren vergangen, und noch nichts hatte sich geändert. Aber die Gefangenen sahen sich nicht besorgt an. Einmal musste diese Schneehülle doch wieder wegtauen.

Ab und zu ließ Adam ein größeres Quantum Sauerstoff zuströmen, stellte den Apparat ab, entfernte den Gummischlauch und schob durch das Gasrohr an einer dünneren Stahlstange ein Thermometer hinaus, ließ es einige Minuten draußen und zog es schnell wieder herein. Im Durchschnitt war es gerade Gefrierpunkt, am Tage wärmer, einmal zeigte das Thermometer sogar acht Grad an, draußen schien wahrscheinlich die Sonne; in der Nacht sank es bis auf drei Grad unter Null.

Ob es noch schneite, wusste man nicht. Das Rohr war zu eng und zu lang, als dass man etwas deutlich hätte sehen können. Nur einen hellen Punkt, nichts weiter, und Schneeflocken hätten nicht ungeschmolzen mit hereingebracht werden können.

Da, am zweiten Tage, zeigte der Gasmesser plötzlich an, dass der Wasserstoff nicht mehr entweichen wollte. Das Rohr hatte sich verstopft, und durch was Anderes sollte das geschehen sein als durch Schnee? Es schneite eben noch immer.

Das war bald wieder gutgemacht, das Rohr wurde eben verlängert, und der schädliche Wasserstoff fand wieder freien Abzug.

»Wenn die Schneeschicht nun so dick wird, dass die Rohre nicht mehr reichen?«, stellte Georg doch einmal die besorgte Frage.

»Na, zwanzig Meter Dicke wird die Schneewand wohl schwerlich erreichen.«

»Und wenn nun Menschen kämen, und es fiele ihnen ein, das Rohr draußen zu verstopfen?«

»Aus welchem Grunde sollten sie denn das tun?«

»Um uns dem Erstickungstode auszuliefern.«

»Ich verstehe Sie nicht«, meinte Leonor kopfschüttelnd. »Wer sollte denn auf solch einen Gedanken kommen?«

»Mr. Deacon.«

»Deacon? Ich verstehe Sie immer weniger. Wie sollte der denn hierher kommen?«

»Ich meine nur so — wenn es irgendeinem einfiele, das Rohr draußen zu verstopfen, was dann?«

»Mister Hartung, ich erkenne Sie gar nicht mehr! Quälen Sie sich doch nicht mit solch schwarzen Gedanken! Wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot!«

Georg quälte sich auch durchaus nicht mit schwarzen Gedanken, wie seine muntere Laune bald zeigte. Er hatte nur einmal so eine Frage aufgeworfen.

Da plötzlich nahm Leonor eine Stellung ein, welche allen auffiel. Sie schien zu lauschen.

»Hören Sie etwas, Miss Morris?«

»Nein, nicht hören, aber... merken die Herren nichts?«

Niemand fiel etwas auf.

»Ich habe das Gefühl, als ob sich das Automobil bewege.«

Man achtete darauf, aber keiner konnte dem Mädchen beistimmen, und es war auch schwer erklärlich, wie Leonor denn fühlen wollte, dass sich das Automobil wirklich bewegte. Das sah sie selbst ein. Aber nach etwa zwei Stunden fing sie wieder davon an.

»Ich habe das ganz sichere Gefühl, als ob sich das Fahrzeug ganz, ganz langsam bewege.«

»Fühlen Sie denn eine Erschütterung?«

»Nein, das nicht, aber — aber — ich habe so ein Gefühl...«

»Und sie hat recht, das Automobil hat sich von Osten nach Westen gedreht!«, rief da Adam. »Vorhin, vielleicht noch vor drei Stunden, als ich zufällig auf den Kompass blickte, zeigte die Magnetnadel hierher, und jetzt weist sie auf diesen Hebelgriff. Ja, das Automobil hat sich unterdessen um acht Grad gedreht!«

Und dabei blieb es nicht. Man konnte an der Magnetnadel beobachten, dass sich das Automobil immer weiter mit dem Vorderteil nach Westen drehte, freilich ganz, ganz langsam. Die sich in dem geschlossenen Raume scheinbar drehende Magnetnadel bewegte sich noch viel, viel langsamer als der kleine Zeiger der Uhr.

Aber das Automobil drehte sich wirklich, und Leonor hatte es bemerkt. Es war die alte Tatsache, dass Frauen für gewisse Einflüsse eine äußerst feine Empfindung haben, fast an das Übersinnliche grenzend, was man beim männlichen Geschlecht viel seltener findet.

Wie war möglich, dass sich das Automobil bewegen konnte? Der aufgehäufte Schneeberg musste sich draußen schon vereist haben, ebenso auch die Bodenfläche. Sie war etwas geneigt. Die Verbindung zwischen dem Boden und dem Eisberg hatte sich gelöst, er war etwas ins Rutschen gekommen, das ganze Automobil natürlich mitnehmend, auf diese Weise kam die Drehung zustande.

Doch solche Erwägungen hatten gar keinen Zweck. Das hätte man nur von draußen richtig beurteilen können.

Lieber unterhielt man sich über die interessante Tatsache, dass wir Kulturmenschen gewisse Sinne verloren haben, welche nur noch auf tiefer Stufe stehende Wilde besitzen — nicht Spürsinn und Ähnliches, das lässt sich durch Übung schließlich erlernen, sondern das Fehlen von wirklichen Sinnen, die eine Wahrnehmung ermöglichen.

Man führe jemanden in einen geschlossenen Raum — durch Verbinden der Augen und Umdrehen im Kreise kann das noch verstärkt werden — und nun soll er die Himmelsrichtungen angeben. Das kann er nicht. Wohl aber vermag dies der Sohn eines Naturvolkes, und das umso mehr, auf einer je tieferen menschlichen Stufe er steht, wie zum Beispiel der Australneger. Man schaffe ihn mit verbundenen Augen in einen fensterlosen Raum, drehe ihn im Kreise herum, er wird immer mit Sicherheit angeben können, wo Sonnenaufgang und wo Sonnenuntergang ist. Der englische Professor Harvey hat deshalb eine Weltreise gemacht und hat gefunden, dass auch alle von der Jagd lebenden Indianerstämme diesen Orientierungssinn besitzen, dass er aber bald verloren geht, wenn sie sich mit Ackerbau beschäftigen, dass dieser Sinn also am stärksten entwickelt ist, je tiefer der Mensch steht, dem Tiere am nächsten, wie der Australneger — und dann wieder hat er die überraschende Entdeckung gemacht, dass dieser Sinn auch bei Frauen sehr häufig entwickelt ist, bei diesen aber im Gegensatz zum männlichen Geschlecht umso mehr, je höher sie geistig stehen. Es ist dies eine Tatsache, aus der man noch gar keine logischen Folgerungen zu ziehen weiß.

So hatte man sich unterhalten.

»Und ich fühle ganz deutlich«, sagte Leonor, »dass wir uns nicht nur drehen, sondern auch seitlich fortbewegen.«

»Un ich fiehle noch was andersch ganz deitlich«, ließ sich da Mister Adam vernehmen. »Gomm Se mal hierher, meine Herrschaften!«

Alle begaben sich zum Chauffeurraum, in dem Adam stand, immer in der Kniebeuge gehend und sich wieder streckend, und...«

»Wir schwimmen!!«

»Jawohl, mir sin im Wasser«, bestätigte Adam mit seinem gewöhnlichen Grinsen.

Das Automobil senkte sich unter den Bewegungen der hin- und hergehenden Menschen, schaukelte, jetzt drehte es sich, wie die Magnetnadel anzeigte, auch noch viel mehr.

»In welchem Wasser können wir denn sein?«, fragte Leonor.

»Wir haben uns zuletzt in der dichten Nähe des Yukon befunden«, entgegnete Georg.

Die Landkarte wurde befragt. Der Yukonstrom entspringt in den nördlichen Ausläufern der Felsengebirge, fließt direkt nach Norden und macht in dem Gebiete Kanadas, welches früher Russland gehörte und daher einfach RussischAmerika genannt ward, einen scharfen Winkel nach Westen, ergießt sich nach einem weiteren Laufe von 700 englischen Meilen in das Beringmeer, 200 Meilen unterhalb der Beringstraße.

»War denn der Yukon eisfrei?«

»Sicher. Wir haben doch überhaupt gar nichts mehr von Schnee und Eis bemerkt, auch hier war ja schon der Frühling eingezogen; nur der Schneesturm hat alles wieder geändert.«

»Sie glauben, dass wir uns in diesem Strome befinden?«

»Ich bin fest überzeugt. Und sollten wir in ein anderes Flüsschen geglitten sein, so mündet das doch in den Yukon.«

»Hineingeglitten?«

»Es kann ja gar nicht anders sein. Wir sind sehr nahe an dem Ufer gewesen, und dass dieses aus weiter Ferne sanft nach dem Wasser abfällt, weiß ich von früher. Auf der gefrorenen Schneedecke wird sich Glatteis gebildet haben. Infolge der Wärme, welche unser Automobil ausstrahlt, hat sich der Schneeberg abgelöst, er ist die schräge Fläche hinabgeglitten, ins Wasser hinein.«

»Eine nette Geschichte!«, sagte Leonor ärgerlich.

»Wieso?«, lächelte Georg. »Auf diese Weise kommen wir wenigstens vorwärts, weichen nicht ab von unserer geplanten Richtung.«

»Ist der Yukon überall schiffbar?«

»Vollständig. Doch kommen hier nur große Holzstöße in Betracht.«

Leonor betrachtete prüfend die Karte.

»Was haben denn hier gleich hinter dem Knie die Punkte zu bedeuten?«

»Hm. Bis dahin dürfte unser gefangenes Automobil und jetziges Motorboot, das sich nicht selbstständig bewegen kann, allerdings nicht getrieben werden.«

»Weshalb nicht?«

»Dort kommen erst Katarakte und dann ein grandioser Wasserfall, dem Niagara nicht viel nachstehend. So an die dreißig Meter stürzt sich der mächtige Strom hinab. Doch es sind ja noch gute dreihundert Meilen, ehe wir dahin kommen, mit der Strömung des Flusses, wären wir schon im Hochsommer, der hier sehr heiß werden kann.«

»Nach was für Meilen rechnen Sie denn eigentlich?«, ließ sich da wieder Adam vernehmen.

»Nach englischen.«

»Und wie schnell fließt dieser Strom?«

»Das kann ich nicht genau angeben...«

»Macht er wohl in der Sekunde einen Meter?«

»O ja, so schnell fließt er gewiss.«

»Na da! Dann kämen wir nicht erst im Hochsommer an den Wasserfall, sondern hätten ihn schon in fünf Tagen erreicht.«

Nur eine kleine Berechnung, und beschämt musste Georg gestehen, wie sich der Mensch bei Zahlengrößen, die er nicht prüfend erwägt, irren kann. Und dann erschrak auch er etwas.

»Was, in fünf Tagen schon dort?!«, rief Leonor ebenso erschrocken.

Doch schnell hatte sie sich wieder gefasst.

»Ach, Torheit — fünf Tage sind eine lange Zeit — und es ist doch ganz selbstverständlich, dass wir bis dahin wieder aus dem Schneeberg heraus sein müssen, wenn nicht durch die Kraft der Sonne, dann durch unsere eigene.«

Einige Rucke verrieten, dass das eingefrorene Automobil wirklich ins Treiben gekommen war; es war an Hindernisse gestoßen. Versuche, die Maschine gehen zu lassen, erwiesen sich noch immer als erfolglos, ebenso das Öffnen der Türen.

So musste man sich in die Gefangenschaft fügen; eine neue Nacht brach an.

Die Uhr zeigte auf früh sechs, als etwas eintrat, was man nicht erwartet hätte.

Die elektrischen Lampen brannten selbstverständlich, gleichzeitig aber drang auch durch die kleinen Fensterchen Tageslicht ein, immer helleres.

Es zeigte sich, dass sich der ursprüngliche Schnee in Eis verwandelt hatte, und zwar in kristallklares, völlig durchsichtig. Auf der rechten Seite war diese Eisschicht über einen Meter dick, auf der anderen, die bei dem Schneesturm vom Winde abgewendet gestanden, nur wenig dünner.

Adam fing gleich mit einer Theorie an, wie sich der Schnee um das Automobil herum gerade in solch kristallklares Eis verwandelt haben könne, doch die anderen achteten nicht sonderlich auf seine Erklärungen, lieber betrachteten sie, was ihnen die Guckfensterchen durch die Eisschicht hindurch offenbarten.

Das Automobil trieb zurzeit mitten in dem wohl kilometerbreiten Strome, würde aber wohl auch besonders bei Biegungen mehr nach den Seiten hingetrieben werden. Das geschwollene Wasser erreichte fast die flachen Ufer, und so weit das Auge auch blickte, es gewahrte nichts als eine spiegelglatte, wässerige Eisfläche, und gerade am Uferabsatz konnte man sehen, dass diese fast einen halben Meter dick war, ein Zeichen, wie kolossal es geschneit haben musste, dass das Eis solch eine Höhe erreichen konnte, wenn darunter auch noch etwas lockerer Schnee sein mochte.

Also erst starker Schneefall, dann war die obere Decke gefroren, wieder aufgetaut, abermals gefroren — so war die Eisfläche zustande gekommen, und durch die Wärme des Automobils war um dieses herum kristallklares Eis bis auf den Kern entstanden.

Die Sonne schien, und offenbar taute es stark. Nun hat aber auftauendes Eis bekanntlich eine ganz besondere Wirkung, gerade unter den Strahlen der Sonne. Das auf dem Eise stehende Wasser verdunstet stark, dadurch entsteht wiederum Kälte, und so ist das Wegtauen im Grunde genommen nur ganz spärlich, besonders wenn es sich um sehr große Eismassen oder gar Eisflächen handelt. Dies alles erläuterte Adam durch endlose Zahlen und verlangte auch noch, dass man diese im Kopfe nachrechnen solle.

»Na, nähme Se doch ä Schticke Babier, wenn Se's nich gloom!«

»Ja ja, mein lieber Green, wir glauben es schon — aber können Sie nicht ausrechnen, wann wir aus diesem niedlichen Eisberge herausschmelzen werden?«

»Nee, das gann ich nich, das gann nur mit der hyberbolschen Differentialrechnung ausgerechnet werden, un die gibt's vorleifig noch nich, die muss errscht entdeckt wärn.«

Der Strom selbst war völlig eisfrei. Das gebrochene Eis war schon vor längeren Wochen hinabgetrieben. Nur dass sich an ruhigen Stellen breiiges Schneewasser gebildet hatte.

Dann erblickten die Insassen des Maximus große Herden von Pelzhirschen, Wapitis, Rentieren und Moschusochsen, welche sich in offenbarer Ratlosigkeit hin und her bewegten. Sie hatten sich zur Wanderung vom Süden nach dem Norden zu Herden zusammengetan, durch diesen plötzlich wieder einsetzenden Winter waren sie ganz kopfscheu geworden. Auch mussten sie wegen der harten Eiskruste bald Hunger leiden.

Zahlreiche Raubtiere beschlichen das in seiner Ratlosigkeit leicht zu überwältigende Wild, die Insassen des Automobils hatten die seltene Gelegenheit, gleichzeitig einen Eisbären und einen Grizzly zu sehen.

Nur Menschen erblickten sie nicht, Pelzjäger, die mit ihren Äxten die Eisumhüllung hätten lösen können. Wohl floss das Wasser reichlich an der Eisumhüllung herab, aber kaum versteckte sich die Sonne hinter Wolken, als es auch schon wieder zu frieren begann, und dann kam auch neues Schneegestöber, welches das Kristalleis wieder undurchsichtig machte.

»O weh, das kann ja noch gut werden!«, wurde geseufzt.

Und wieder waren zwei Tage und zwei Nächte vergangen, als die Eiskruste abermals durchsichtig wurde. Sie war noch bedeutend stärker geworden, und jetzt befanden sie sich in einem Urwald, dessen Bäume den prächtigsten Raufrost zeigten — aber wenig prächtig für die Gefangenen anzusehen, denn solange diese Reifbildung anhielt, brauchten sie keine Hoffnung zu haben, aus dem Eisberge herauszuschmelzen.

»Wie weit sind wir noch entfernt von jenem Wasserfall, Mr. Hartung?«

»Das weiß ich nicht, ich kenne diese Gegend nicht, meine Straße war viel weiter westlich.«

»Noch zwei Tage davon entfernt, nicht wahr?«

»Weniger wohl schwerlich.«

»Und wenn wir bis dahin nun nicht herausgeschmolzen sind?«, fragte Leonor einmal etwas kleinlaut.

»Nu, da rutschen mir ähm den Wasserfall mit nunter«, meinte Adam, seine Nase fütternd, »und wenn's uns unten nich gefällt, klettern mir'n ähm widder ruff.«

Einmal, als der Eisberg dicht am Uferrande hintrieb, verfing er sich in den Zweigen eines Baumes. Die Hoffnung war eine kurze, dass hier eine Station würde, wo man wärmere Zeit abwarten könne. Der Eisberg drehte sich, kam frei und trieb zurück nach der Mitte des immer schneller fließenden Stromes.

Und wieder vergingen zwei Tage, ohne dass sich etwas geändert hätte. Nur die Ufer waren wieder baumlos geworden, sogar schnee- und eisfrei, aber die Kruste um das Automobil herum wollte sich nicht einmal verringern. Hier in dieser Gegend hatte es wahrscheinlich überhaupt nicht geschneit.

»Still — hören Sie nichts?«, flüsterte da Leonor mit blassen Lippen.

Ja, auch die anderen vernahmen es jetzt — das donnernde Geräusch, welches selbst die dicke Eiskruste durchdrang.

»Der Wasserfall — nun sei Gott uns gnädig!!«

Das Automobil drehte sich, und da sahen sie auch, wie dort in weiter Ferne der Strom plötzlich aufzuhören schien, der weiße Nebel kündete den Wassersturz an.

»Menschen! Dort sind Menschen!!«, jubelte da Leonor auf.

Es waren Pelzjäger, welche am Ufer mit ihren leichten Rindenbooten beschäftigt waren. Sie hatten den schwimmenden Eisberg natürlich schon viel früher erblickt, mussten auch in demselben den seltsamen Kern gewahren, und eben deswegen wussten sie wohl gar nicht, was sie davon denken sollten. Denn wenn diese Pelzjäger, Blassgesichter wie Rothäute, auch schon ein Automobil gesehen hatten, so konnten sie diesen großen, dunklen Kern doch gar nicht für ein solches halten, eher für einen riesigen, mandelförmigen Stein oder für einen Holzblock, der so, in Eis eingeschlossen, den Strom hinabtrieb.

»Wir müssen uns auf irgendeine Weise bemerkbar machen!«

Noch ehe dies jedoch geschah, siegte bei den Pelzjägern die Neugier über die Furcht vor etwas Unerklärlichem, sie bestiegen ihre Boote, ruderten auf den rätselhaften Eisberg zu, wobei ersichtlich wurde, wie schwach die Strömung gerade hier in der Nähe des Wasserfalles war, eine Erscheinung, die man immer machen kann, ebenfalls von einem physikalischen oder mechanischen Gesetze abhängig.

Äxte hatten die Jäger im Gürtel, auch Seile oder Lassos würden sie haben — schon sahen sich die Gefangenen gerettet.

Die Pelzjäger waren bis dicht an den Eisblock herangekommen. Sie sprachen miteinander, doch kein Laut durchdrang die dicke Eiskruste.

»Sie wollen uns nicht aufhalten!«

So sah es auch aus. Die Pelzjäger schienen nicht zu wissen, was sie mit dem seltsamen Dinge anfangen sollten. Jetzt mochte auch etwas Furcht vor dem Unbekannten hinzukommen. Gerade die mit kaukasischen Zügen drängten die indianischen Kameraden zur Rückkehr nach dem Ufer.

»Wir müssen uns bemerkbar machen.«

»Ich will mal duden«, meinte Adam, schon den Schlauch der Lufttrompete zur Hand nehmend, und Maximus konnte ganz andere Töne von sich geben, als damals bei der Abfahrt, wie solche Warnungssignale auch für gewöhnlich gebraucht wurden, wobei der Ton im Verhältnis zu dem Ungetüm fast kindlich klang. Maximus konnte aber auch, wenn es nötig war, trompeten, dass die Trommelfelle zu platzen drohten.

»Nein, lieber nicht«, wehrte Leonor ab, »der Ton könnte sie erschrecken, wir wollen es erst mit der menschlichen Stimme versuchen.«

Der Knallgasapparat ward abgestellt, an das Rohr, welches gerade nach der Stelle hinauslief, wo sich die Pelzjäger befanden, ein Sprachrohr angesetzt.

»Freunde«, rief Leonor mit allem Aufgebot ihrer Lungenkraft, »hier sind Menschen drin... haltet ein, flieht nicht, sonst sind wir verloren!!« setzte sie noch lauter hinzu; allein es war vergeblich.

Beim Klange der ersten Worte nur ein Lauschen, dann hatten die Pelzjäger die Ruder ergriffen und strebten aus Leibeskräften wieder dem Ufer zu. Die menschliche Stimme hatte sie erschreckt.

»Ich hätte doch lieber duden sollen«, meinte Adam.

»Dann hätten sie sich noch mehr entsetzt«, entgegnete Georg.

»Na ja, dann wäre das ähm noch mehr Schbaß gewesen.«

»Um Gottes willen!«, rief Leonor. »Wenn uns diese Jäger nicht hören und uns nicht mit Seilen festhalten, sind wir verloren!«

Ja, sie hatte recht — aber vergebens wurde geschrien, dann doch noch das Nebelhorn verwendet — die Pelzjäger kehrten nicht zurück, blieben am Ufer und starrten zu dem unheimlichen Eisberge mit seinem rätselhaften Kern, der sogar sprechen und dann auch heulen konnte — und dann musste, wollte man nicht ersticken, wieder der Knallgasapparat in Tätigkeit treten, der giftige Wasserstoff zu diesem Rohre hinausgejagt werden.

Und immer lauter wurde das Donnern. Jetzt sah man den aufsteigenden Wasserdampf, sah schon den Anfang des Wasserfalles, und immer schneller begann der Eisberg sich um sich selbst zu drehen. Nun wurde auch die Strömung immer heftiger.


Illustration

Es war nichts mehr vorzubereiten. Man hatte nicht einmal mehr Zeit zu einem Gebet.

»Gott befohlen!«, sagte Leonor ergebungsvoll mit gefalteten Händen. »Ich glaube an ein ewiges Leben.«

»Nahm Se de Hände auseinander, und halten Se sich fest; denn ich gloobe eher, dass mir glicklich...«

Adam kam nicht weiter.

Georg blickte in einen Abgrund hinab, sah unten einen weißen Gischt... mehr nicht — er verlor den Boden unter den Füßen. Plötzlich war das Unterste zu oberst gekehrt. Er erhielt einen Schlag gegen den Kopf — das Bewusstsein verließ ihn.

Als er wieder zu sich kam, saß er ganz gemütlich mit gespreizten Beinen im Chauffeurraum, Charley lag auf dem Rücken, Tom auf dem Bauche, beide rafften sich auf, während Leonor schon am Steuerapparat stand, die Hand an den Hebeln.

»Gott war uns gnädig — wir sind — ha — ha — hazziehhh!«

»Was?«, staunte Georg. »Wir sind wirklich den Wasser — ha — ha — ha — hatschiehh!«

»Gesund... hazzieh, hatschieh, ha — ha — hatschiehh!!«, stimmten jetzt die beiden Techniker bei.

Ja, es war alles gut gegangen. Maximus hatte in der Eisumpackung den fürchterlichen Sturz überstanden, ohne dabei das Geringste gebrochen zu haben, und wenn auch nicht gerade für solch einen Sturz, so hatte der Erbauer für heftige Erschütterungen alles vorgesehen gehabt, alles, selbst der kleinste Gegenstand hier drin, musste niet- und nagelfest aufbewahrt werden, und auch die Menschen waren ohne Verletzungen davongekommen.

Nur eins war infolge des Anpralls in die Brüche gegangen. Adams Zentnersack mit Schnupftabak war geplatzt. Durch die letzte Bewegung hatte sich der ganze Schnupftabak nach hinten in eine Ecke geschoben, und aus diesem Haufen echten ›Dobbelveilchen‹ krabbelte soeben der bisher unsichtbar gewesene Adam hervor, der ›Dobbelveilchen‹ hatte ihn vollständig zugedeckt gehabt, und diese Ansammlung an einem gewissen Punkte hinderte nicht, dass auch die ganze Luft mit Schnupftabak angefüllt war. Daher das allgemeine Niesen, von dem nur Adam verschont blieb, obgleich er doch gerade die Nase am allermeisten vollbekommen hatte.

Es sei gleich hier erwähnt, dass die Nieserei noch lange währte, und immer, wenn das Automobil einmal heftig erschüttert wurde, dass Staub aufwirbelte, ging die Nieserei von neuem los, und Meister Adam benutzte seine Freizeit von jetzt an nur dazu, um mit einem Handbesen unter allen Möbeln und anderen Gegenständen seinen ›Dobbelveilchen‹ hervorzukehren, und als es mit dem Handbesen nicht mehr ging, kratzte er Tag und Nacht mit einer Federspule herum.

Die Hauptsache aber war, dass bei dem Sturze auch der umhüllende Eisberg geborsten war. Er war wie eine Nuss aufgeknackt, und als edler Kern war Maximus zum Vorschein gekommen.

Und alles funktionierte noch. Hinten die Schraube heraus! Der tüchtig geschüttelte Maximus bekam die Strudel hinter sich, und bald kletterte er an einer flachen Stelle das Ufer hinauf, um seinen Weg zu Lande fortzusetzen.

»Ein gnädiger Gott«, sagte Leonor mit gefalteten Händen, »war mit uns und — ha — ha — hazzieh!«

»Amen — ha — ha — ha — hatschiehhh!!«, erklang es dreistimmig.

»Proscht!«, ergänzte Adam, seine Nase fütternd. »Awwer eegentlich dürften Sie von mein Dabak nich so kostenlos schnubben, das is echter Dobbelveilchen!«

*

Kapitel 17
Die Jagd auf Kulans

Zwischen Eisschollen schwimmend, aber ohne weitere Gefahr, durchquerte Maximus als Motorboot die Beringstraße. Als er das Festland von Asien erkletterte, machte man gleich Bekanntschaft mit fischenden Tschuktschen, welche als die asiatischen Eskimos bezeichnet werden können, während die weiter westlich wohnenden Tungusen durch ihre rötliche Haut, durch das schwarze Haar und durch ihren ganzen Wuchs und ihr Aussehen sehr an die nordamerikanischen Indianer erinnern. Es ist überhaupt eine Rasse, die Beringstraße hat die Völkerschaften nicht trennen können, selbst die Dialekte ähneln einander.

Die Tschuktschen, welche schon ihre Sommerzelte aufgeschlagen hatten, darunter allerdings manchmal noch tüchtig froren, wären geneigt gewesen, die in dem Wasserwagen aus dem Meere emporsteigenden Fremdlinge als Götter zu empfangen, wenn sie an so etwas wie Götter geglaubt hätten. Aber so weit hatten sie sich noch gar nicht aufgeschwungen. Ein schrecklich dummes Volk! So begnügten sie sich, als sie merkten, dass sie von den Wassermenschen in dem großen Räderschlitten nichts zu fürchten hatten, damit, das Maul aufzusperren und es offen zu lassen. Und dann legten sie sich auf das Betteln, was sie sehr gut verstanden. Viel konnte man ihnen ja nicht geben, etwas Zucker und dergleichen, und für ein Pfund geräuchertes Fleisch waren sie bereit, einen Zentner getrocknete Fische zu geben.

Lange hielt man sich bei ihnen nicht auf, hatte auch nicht gewagt, in eins der vor Schmutz starrenden Zelte zu kriechen.

»Heern Se, mei Liewer mit'n Gewehr iewer.« redete Adam, ehe er in das zur Abfahrt bereite Automobil wieder einstieg, einen der Fischer an, der mit einer Harpune über der Schulter dastand. »Gennen Sie mir nich sagen, wo hier der nächste Weg nach Galgutta is? Nee? Das dud mir leid, sehre leid. Brischen gefällig? Ooch nich? Na, da adje, uff Wiedersehn, Sie genn mich ooch mal besuchen.«

Das Automobil rollte davon, Tag und Nacht, durch ebene Steppen, durch Hügelgelände und über schneebedeckte Berge hinweg, welche man ohne Georgs Führung nicht hätte nehmen können. Denn wer wusste hier einen fahrbaren Pass? Nicht einmal diese ansässigen Tschuktschen. Nur die Führer der Karawanen, welche auch diese weltverlassenen Völkerschaften alljährlich aufsuchen, um mit ihnen Tauschhandel zu treiben.

All diese Wege hatte sich Georg erst mühsam zusammensuchen müssen, da waren gar viele Fragen an Ortskundige nötig gewesen, während das Automobil jetzt ungehindert Tag und Nacht dahinrasen konnte.

»In dieser Nacht wollen wir lieber nicht fahren«, sagte Georg bei Anbruch des zweiten Abends, den man auf asiatischem Boden verbrachte.

»Weshalb nicht?«

»Wir sind nicht mehr weit von einer breiten Bodenspalte entfernt, und ich bin meiner Sache doch nicht so sicher, dass ich sie in finsterer Nacht zu bestimmen wage. Das Blendlicht gibt einen zu ungenügenden Schein. Außerdem geht es gerade dort jäh hinab. Die Spalte ist überbrückt, selbst für Pferde und Kamele, aber unseren Maximus würde das leichte Gestell doch nicht tragen.«

So stoppte Maximus während der Nacht, und Leonor konnte unter Georgs Führung einen Bären erlegen, dessen Fleisch aus der überfüllten Räucherkammer einiges von dem des Moschusochsen verdrängte.

Und am anderen Morgen sollte man erkennen, wie ohne Georgs Führung die Automobilfahrt an diesem Tage ein Ende mit Schrecken genommen hätte.

Es ging in einer schmalen Schlucht ziemlich steil bergan, der Weg war noch mit Schnee und Eis bedeckt.

Da bremste Georg, der am Steuerapparat stand, bis das Automobil stand.

»Hier wenige Meter vor uns muss es sein.«

Leonor verließ mit ihm den Wagen. Weder von einer Spalte noch von einer hölzernen Brücke war etwas zu sehen, und doch versicherte Georg, dass sie dicht vor beiden ständen, und einiges Nachgraben im Schnee bestätigte auch seine Aussagen.

Die Spalte, ein jäh sich öffnender Abgrund, war ungefähr zehn Meter breit und acht Meter lang — das umgekehrte Verhältnis der Dimensionen kam daher, weil die Spalte breiter als die Schlucht war.

In der Mitte führte ein aus Planken und Baumstämmen rohgezimmerter Steg hinüber, ohne Geländer, ohne besondere Erhebung, und an beiden Seiten gähnte für gewöhnlich der Abgrund.

Dass diese Brücke wie der ganze Weg mit Schnee bedeckt war, war selbstverständlich. Nun aber war Schneewasser darüber gerieselt, war gefroren, das hatte sich öfter wiederholt, und so war schließlich die ganze Schlucht von einer natürlichen Eisdecke überspannt worden, aber so dünn, dass sie kaum einen Menschen getragen hätte, und nichts verriet die Lage der Brücke.

Diese selbst war wohl stark genug, ein Pferd und selbst ein beladenes Kamel zu tragen, aber unter dem schweren Automobil wäre sie sofort zusammengebrochen. Ohne Georgs Führung also hätte Maximus hier überhaupt gar kein Hindernis gesehen — es hätte die Eisdecke wie die Brücke durchbrochen, wäre hinab in die Tiefe gestürzt.

Georg bezeichnete genau die Stellen, wo die Brücke anfing und auf der anderen Seite aufhörte, und begab sich mit Leonor zurück in das Automobil. Jetzt übernahm Adam die Führung, der das Springenlassen des Wagens am besten weghatte. Das Automobil nahm noch einmal einen Anlauf. In rasender Fahrt sauste es heran, jetzt vorn das Sprungbrett herab und gleichzeitig hinten die Feder, volle Kraft von mehr als 150 Pferdestärken gegeben, und in elegantem Sprunge schnellte Maximus zwölf Meter weit durch die Luft, hinter der Schlucht sofort wieder in ein normales Tempo fallend.

Wieder ging es durch ebene Steppe, die aber immer grüner und bunter wurde, wie auch die Wärme fast merkbar zunahm.

Die verschiedensten Wildarten tauchten auf, ab und zu auch Reiter, welche vor dem rasenden Ungetüm immer schleunigst zu verschwinden suchten.

Georg bat, den Wagen einmal halten zu lassen. Es geschah.

»War das nicht eine Landstraße, die wir soeben passierten?«, fragte Leonor, als Georg das Automobil auch noch etwas zurückgehen ließ.

»Haben Sie es unterscheiden können? Wir fliegen ja gar zu schnell. Ja, es ist eine Straße — die Straße der Tränen, wie der russische Volksmund sie genannt hat, auf der die nach Sibirien Verbannten wandeln müssen.«

Das Automobil hielt wieder. Quer vor ihnen nach Osten und Westen zog sich ein Strich hin, der sich durch spärlichen Graswuchs doch etwas aus der Steppe hervorhob, links und rechts konnte man in weiter Ferne auch je einen Meilenstein erblicken, und zum Überfluss lag dort noch das Gerippe eines Pferdes — in einiger Entfernung neben einem schwarzen Fleck, einer ehemaligen Feuerstelle, gleich zwei menschliche Skelette.

Sinnend blickte Leonor auf den Strich herab. Es hatten gar viele wunde Füße dazu gehört, um das Gras so niederzutreten, dass es sich auch im keimenden Frühling nicht wieder aufrichten konnte. Wenn diese Skelette, diese niedergetretenen Grashalme hätten erzählen können!

»Aber wir sind doch ziemlich nahe der Küste des großen Ozeans«, meinte sie dann. »Gibt es denn auch noch hier Strafkolonien für die Verbannten?«

»Nein, eigentlich nicht. Das ist die Hauptstraße, von der sich die Nebenstraßen links und rechts nach den nördlicher und südlicher gelegenen Strafstationen abzweigen. Und doch muss diese Hauptstraße bis an die Küste führen, und noch immer wird sie allmonatlich einmal von Sträflingskarawanen unter Kosakenbedeckung begangen — sie führt bis nach Sachalin, oder doch bis an den Hafen, von dem aus die Sträflinge dann nach der Insel Sachalin verfrachtet werden.«

»Sachalin!«, wiederholte Leonor flüsternd. »Ich habe davon gehört — die Insel, von der es keine Rückkehr gibt.«

»Das gilt so ziemlich von allen sibirischen Strafkolonien. Von Sachalin allerdings umso mehr, als dorthin nur lebenslänglich Verbannte kommen.«

»Schrecklich, schrecklich!«, flüsterte Leonor. »Ich habe gelesen, welches furchtbare Schicksal dort der Ärmsten wartet.«

Dann warf sie mit einer schnellen Bewegung den Kopf zurück.

»Mr. Hartung — eine Frage!«

»Bitte!«

»Wären Sie bereit, etwas — etwas — gegen das Gesetz eines Landes zu tun, wenn ein guter Zweck damit verbunden ist?«

»Sie meinen wohl, solch einen Trupp von Verbannten zu befreien?«, lächelte Georg.

»Sie haben meine Gedanken erraten!«

»Das war ja nicht schwer. O ja, warum nicht? Dabei wäre auch gar kein so großes Risiko, hätte wenigstens für uns selbst gar keine üblen Folgen. Russland verfolgt ja überhaupt nicht, was aus seinen geheiligten Grenzen einmal heraus ist, und die nach Sibirien Verbannten genießen doch die Sympathie der ganzen übrigen Welt. Außerdem gehören die Kosaken, welche Verbannte bis hierher geleiten, selbst zum Abschaum der Menschheit, werden von ihren eigenen Kameraden verachtet, die denselben Dienst versehen, aber mehr an den Grenzen der Kultur, denn die Sotnien, die hier Dienste tun müssen, sind selbst Strafkompanien, und so würde kein Hahn danach krähen, wenn wir hier aus unserem Panzerturm die begleitenden Kosaken zusammenkartätschten, um die von ihnen Transportierten zu befreien.«

»Gut, so warten wir hier, bis ein Trupp Verbannter kommt!«, rief Leonor mit leuchtenden Augen. »Wir haben ja überflüssig viel Zeit, wir brauchen doch auch kein Blut dabei zu vergießen.«

»Fräulein, da müssten wir wohl lange Zeit warten«, entgegnete Georg, »da dürften Sie doch die Geduld verlieren. Vor Ende Februar können die Transporte aus Russland nicht aufbrechen, sonst würde alles auch unter den wärmsten Pelzen im Schlitten erfrieren, und wenn dann plötzlich der Schnee schmilzt, müssen die Schlitten verlassen werden, dann fängt die langsame Fußwanderung an — vor Juni, Juli sind hier gar keine wandernden Verbannten zu erwarten. Und dann noch etwas anderes: Wer sagt Ihnen denn, dass nicht sämtliche Gefangene, welche Sie hier vorbeiziehen sehen würden, eine lebenslängliche Verbannung nach dem trostlosen Sachalin wirklich verdient haben? Dass es Menschen sind, welche zu befreien erst recht ein Verbrechen ist? Wenn Sie sie fragen, werden sie alle natürlich ihre Unschuld beteuern, aber kann nicht gerade das am unschuldigsten aussehende Weib die schändlichste Giftmörderin sein? Wie wollen Sie das so schnell unterscheiden? Und können Sie nicht dadurch einen Kosakenhauptmann aus achtbarer Familie, der ganz unschuldig zu solch einer Strafkompanie gekommen ist, durch die Befreiung der ihm anvertrauten wirklichen Verbrecher erst recht ins Unglück stürzen?«

Groß sah Leonor den ruhigen Sprecher an. Dann presste sie die Lippen zusammen und blickte finster zur Seite.

»Sie haben recht, furchtbar recht«, sagte sie hierauf. »Weiter!«

Und weiter jagte das Automobil über die in frischem Grün prangende Steppe dahin.

»Sehen Sie dort die sich bewegenden Punkte?«, rief einige Stunden später Georg mit ausgestreckter Hand.

Ja, die dunklen, in der Steppe sich bewegenden Punkte sah Leonor, mehr aber auch nicht, und das Fernrohr konnte bei rascher Fahrt nicht benutzt werden.

»Es sind Kulans«, erklärte Georg, »die asiatischen Zebras, wilde Pferde, von denen Gelehrte den Stammbaum unseres nützlichsten Haustieres ableiten wollen.«

»Ja, ich habe schon von diesen wilden Steppenpferden gehört, und zwar echte Wildlinge, nicht nur so verwildert wie die Mustangs der amerikanischen Prärien und Pampas. Aber nicht wahr, sie lassen sich auch zähmen? Kirgisen und Kalmücken benutzen sie zum Reiten?«

»Nein, die lassen sich eben nicht zähmen. Nur wie ein Märchen wird in den asiatischen Steppen von Mund zu Mund erzählt, dass hier und da ein gezähmter, zugerittener Kulan gesehen worden wäre, der und jener berühmte Khan hätte einen Kulan geritten. Glaubwürdige Steppenbewohner lächeln über solch eine Fabel. Zebras sind schon eingefahren und zugeritten worden, aber noch kein Kulan. Jungeingefangene zeigen sich zuerst zutraulich, nehmen willig das Euter einer Pferdestute, aber sobald sie Sattel und Halfter bekommen sollen, ist es vorbei, sie beißen und bocken, und da hilft keine Reitkunst eines Kalmücken oder eines amerikanischen Cowboys, welche man tatsächlich zu diesem Zwecke herbeigerufen hat, und dann wälzen sie sich dermaßen, überschlagen sich, dass sie dabei regelmäßig das Kreuz brechen. Außerdem verträgt der Kulan überhaupt keine Gefangenschaft, geht darin schnell zugrunde — an Heimweh nach der freien Steppe.«

»Aber gejagt wird er?«

»Ja. Er ist sogar die wertvollste Jagdbeute aller Steppenbewohner, nicht nur wegen des schmackhaften Fleisches und des Felles, sondern auch eben deswegen, weil seine Jagd so außerordentlich schwierig ist. Kein Pferd holt ihn ein, kein Hund kann ihn zutreiben, und den anschleichenden Jäger wittert der Kulan aus unglaublicher Entfernung. Die Jagd ist nur im Gebirge möglich, wohin sich der Kulan im heißen Sommer zu begeben liebt, wo er sich in eine Gämse verwandelt. An einen passenden Ort wird eine Pferdestute gebracht. Denn der männliche Kulan hat es — ich spreche als Jäger, Miss — auf zahme Pferdestuten abgesehen, obgleich auch von Mischlingen noch gar nichts bekannt ist. Entlaufene Pferdestuten reiht der Hengst jedenfalls seiner Herde ein. Also als Lockmittel dient eine zahme Pferdestute. Aber die muss dazu erst mühsam dressiert werden, unter Tausenden findet sich eine, die man dazu verwenden kann. Denn sie darf nicht angepflockt werden, das merkt der Kulan sofort, dann nähert er sich ihr nicht, und die Stute wiederum fürchtet den Kulan wie ein Raubtier, und doch muss sie liebegirrend wiehern. Hat man solch eine Stute, dann kommt der Kulan heran, aber der Jäger hat nun noch immer die schwierige Aufgabe zu lösen, sich unbemerkt gegen den Wind heranzuschleichen, was eben nur im versteckreichen Gebirge möglich ist. Wer einen Kulan erlegt hat, der ist der Held der Steppe.«

»Ja, sollten wir die Kulans dort, so schnell sie auch sein mögen, in der ebenen Steppe nicht mit unserem Automobil einholen können?«

»Gerade wollte ich Ihnen diesen Vorschlag machen, Fräulein.«

Gedacht, getan! Die Tiere waren seitlich voraus, die Richtung brauchte nur wenig geändert zu werden, und mit hundert Pferdekräften raste Maximus mit ebenso vielen Kilometern Geschwindigkeit durch die Steppe.

Sogar Adam ward von der allgemeinen Aufregung angesteckt, nur war es weniger Jagdfieber.

»Ginder, macht den Gochtobb fert'g, heite ahmd gibbt's Gulasch von Gulans!«

Wie ein Schattenbild sich überschnell vergrößert, wenn man die Laterna magica näher gegen die Leinwand rückt, so schnell vergrößerten sich auch die Kulans. Es war eine Herde von einundzwanzig Tieren. Noch grasten sie, sie hatten das in weiter Ferne fahrende Automobil gar nicht beachtet, das war Sache des Leithengstes, der denn auch allein zu dem Wagen geäugt hatte — da kam das fremde Ungeheuer schon herangerast — ein gleichzeitiges Emporwerfen aller Köpfe, deutlich war der entsetzte Blick der starren Augen zu sehen — ein gellender Schrei des Leithengstes, ein Laut, der mit einem Wiehern gar keine Ähnlichkeit mehr hat — und in gestreckter Karriere, mit dem Bauche fast den Boden berührend, ging es davon, dem Leithengst nach.

Es waren prächtige Tiere, dem Zebra auffallend ähnlich, nur einfarbig, von einem gelben Grau. Wären sie ganz grau, könnte man sie auch mit einem Esel verwechseln, das heißt, mit dem afrikanischen Wildesel, der ebenfalls ein äußerst elegantes Wild ist. Ohren, Mähne und Schweif sind die eines Esels. Aber eben durchaus nicht mit der Gestalt unseres plumpen, faulen Mülleresels zu vergleichen. Vielmehr ein Bild der ungebundensten Wildheit und Kraft.

Leonor hatte nicht viel Zeit zum Beobachten. Georg benutzte die Minuten, um ihr Instruktionen zu geben, und die erste lautete:

»Schließen Sie die Augen! Öffnen Sie sie nicht eher, als bis ich es Ihnen sage! Atmen Sie ruhig und tief! Zählen Sie Ihre Atemzüge! Beobachten Sie im Geiste den Luftstrom, den Sie langsam durch Ihre Nase ausstoßen. Auf diese Beobachtung konzentrieren Sie all Ihre Gedanken! Nur so können Sie dann, wenn es darauf ankommt, eine ruhige Hand haben. Ich werde versuchen, den Leithengst abzusondern, und wenn Sie dessen Schweif, den jeder Steppenbewohner sofort als den des Leithengstes zu unterscheiden weiß, am Gürtel tragen, so wird auch der stolzeste Khan vor Ihnen demütig die Knie beugen. Wissen Sie, was der Jäger unter dem Blatt versteht, auf das man am besten feuert?«

»Ja.«

»So halten Sie aufs Blatt. Aber mit meiner Büchse! Ihre Windbüchse hat ein viel zu kleines Kaliber. Ich richte die Entfernung ein, dass Sie volles Korn geben können. Halten Sie die Augen geschlossen, und zählen Sie Ihre Atemzüge!«

Dann wandte sich Georg zu Adam, der, wie immer, wenn es darauf ankam, die Führung des Automobils übernommen hatte, schrieb diesem vor, welche Richtung er einzuschlagen habe. Und eine tolle Jagd begann. Das mit hundert Kilometern rasende Automobil war noch einmal so schnell wie die Kulans, aber die geschlossen bleibende Herde schlug wie auf Kommando scharfe Haken, welche der Kraftwagen denn doch nicht mitmachen konnte, und dennoch bewies der Maximus, was er unter der Hand dieses grünen Männchens, das sich durchaus nicht von seinem grün umbänderten Zylinder trennen konnte, wie er auch nicht einmal beim Essen seine grünen Handschuhe auszog, wenigstens nicht den linken, leisten konnte.

»Nur immer hinterher und die möglichst kürzesten Bogen machen.«

Und Adam ließ das Automobil die möglichst kürzesten Bogen machen. Aber haarsträubend war, wie sich der Wagen bei dieser furchtbaren Fahrt dabei auf die Seite legte. Die Außenräder standen manchmal hoch in der Luft, die Menschen mussten einen Winkel von fünfundvierzig Grad bilden.

Manchmal überwog selbst bei Georg die Angst vor einer Katastrophe das Jagdfieber.

»Um Gottes willen, übertreiben Sie es nicht, das ist kein Kulan wert!«

»Ich weeß, was ich gann!«, lautete dann stets Adams ruhige Antwort.

Und ruhig stand er da, die grünbehandschuhten Hände auf den Hebeln und Rädern, in dem faltigen Gesicht immer das Grinsen, und dennoch war das ganze Männchen plötzlich wie aus Erz geworden.

In solchen Augenblicken gewahrte man, dass in dieser elenden, hinfälligen, vertrockneten Schale doch ein ganz anderer Kern steckte! Eine stählerne Spitzkugel in der Umhüllung einer verschimmelten Krachmandel.

Aber die fliehende Herde konnte doch nicht eingeholt werden, nach jedem Hakenschlagen vergrößerte sich der Abstand.

»Können Sie ohne Gefahr noch mehr Geschwindigkeit entwickeln?«

»Eenunzwanzg Schtick sind's? Nu, da gäm mir finfunzwanzg Färdegräfte mehr. Die Luderbeene woll'n mir schon griechen! Ich will doch mei Gulasch hamm, mir leift doch schon's Wasser aus'n Maule.«

Und die Geschwindigkeit ward noch rasender, und Georg gewöhnte sich an die haarsträubenden Evolutionen, welche das Automobil unter Adams Hand ausführte, was er bisher ja noch gar nicht erlebt. Jetzt konnte er mit kaltem Blute die Bogen vorschreiben. Er ließ andere ausführen, die mit der Richtung der fliehenden Kulans scheinbar gar nichts zu tun hatten, aber er wusste, was er tat — und jetzt hatte er das Automobil, so, wie er es haben wollte, es fuhr seitwärts direkt in die Herde hinein — kein Tier wurde dabei überfahren, die Kulans konnten sich im wildesten Laufe mit einem Rucke zur Seite werfen — aber die Herde war gesprengt, alles floh nach den verschiedensten Richtungen davon.

»Stopp! Hier, Miss Leonor, meine Büchse — ruhig atmen! — Dort der einzelne Hengst! — gestrichenes Korn! — jetzt, jetzt!«

Ein Ruck des bremsenden Wagens, dass Leonor gegen die Wand geschleudert worden wäre, wenn der sich feststemmende Georg sie nicht mit eisernem Arm gehalten hätte, sie hatte die schwere Büchse an der Wange, den Lauf zum fensterlosen Wagen hinausgerichtet — die erst jetzt geöffneten Augen sahen nur das dahinfliehende Pferd, etwas anderes existierte nicht für sie — ein Feuerstrom, ein Knall — und im Feuer brach der Kulan zusammen.

»Bravo, bravo!«, jubelte Georg neidlos, vom Jägerenthusiasmus fortgerissen. »Das war ein Schuss, das war ein Schuss!«

Leonor eine Tür aufgerissen und hinaus, Georg, seine Doppelflinte mitnehmend, ihr nach. Auch Adam rannte mit seinen grünen Filzschuhen über die gleichfarbige Steppe. Die beiden Monteure blieben zurück. Niemals wieder durfte der Wagen von allen verlassen werden.

Unterwegs lösten sich die Bänder von Georgs einem Mokassin, er hätte ihn verloren, so bückte er sich, um ihn wieder zu befestigen.

Leonor hatte den Kulan erreicht. Das Tier war in merkwürdiger Stellung zusammengebrochen, lag mit untergeschlagenen Füßen platt auf dem Bauche, den Kopf weit vorgestreckt. Der Tod musste augenblicklich eingetreten sein.

Leonor bewunderte und bemitleidete zugleich das herrliche Tier, dessen Gliederpracht erst hier in der Nähe zu erkennen war, gerade in dieser fast natürlichen Stellung — ein Ross, das gelegen hat und aufstehen will, gerade zum Emporschnellen fertig ist.

An die Schusswunde dachte Leonor im Augenblicke nicht, sie hörte hinter sich einen schweren Atem gehen, glaubte, es sei Georg, und in diesem Moment fiel ihr etwas ein.

»Der Kulan duldet auf seinem Rücken keinen Reiter? Dann vielleicht eine Reiterin. Ich wenigstens kann mich rühmen, auf dem Rücken eines Kulans gesessen zu haben.«

Bei diesen scherzhaften Worten hob sie ihr an sich schon kurzes Sportkleid noch etwas, legte das Bein über den Rücken des Pferdes, setzte sich nach Herrenart darauf.

»Ach, wie herrlich muss es sein, auf solch einem wilden Steppenross...«

Da war auch Georg angelangt. Einen Blick auf das Tier geworfen, dessen Stellung ihm gleich auffiel, und da sah er auch schon die Schusswunde ganz oben am Nacken, aus der nur wenig Blut hervorsickerte.

»Um Gottes willen«, schrie er, »herunter, herunter! Das ist nur ein lähmender Nackenschuss...«

Auch er kam nicht weiter.

»Halt'n uff, halt'n uff!«, fing jetzt Adam zu schreien an, wie er schon einmal geschrien hatte, damals, als Maximus durchgebrannt war, und ebenso wollte er auch mit ausgestreckten Armen dem Wüstenross nachrennen.


Illustration

Denn plötzlich war der Kulan wie der Blitz aufgeschnellt, mit mächtigen Sätzen jagte er über die Steppe dahin, auf seinem Rücken die Reiterin.

»Schbringen Se ab, schbringen Se doch ab!«, heulte Adam mit überschnappender Fistelstimme.

Aber Leonor dachte an kein Abspringen, vielmehr beugte sie sich vor und legte beide Hände an die Seiten des weitvorgestreckten Halses des jagenden Tieren und der geniale Mathematiker und Physiker mochte sich schnell im Kopfe ausrechnen, was es zu bedeuten habe, von solch einem ausgreifenden Rosse herabzuspringen. Nach allen Gesetzen des Beharrungsvermögens, der Schwerkraft usw. hätte ihr das unbedingt den Hals gekostet, wie wir ja von solchen Beispielen schon früher gesprochen haben. Wie selten wagt jemand aus einem Wagen mit durchgehenden Pferden zu springen! Er ist auch nur klug, wenn er lieber abwartet, bis der Wagen an irgendeinem Widerstand zerschellt. Und das hier war kein durchgehender Droschkengaul, der so etwas galoppiert, sondern das war ein sich in einen Hasen verwandelt habendes Steppenross, das mit dem Bauche das Gras streifte.

Aber einen Fehler in seiner theoretischen Berechnung beging Adam doch.

»Schießen Se's dod«, schrie er Georg an, »schießen Se's Luder dod — aber de Leonor nich ins Been!«

Ja, Georg hatte seine Doppelbüchse bereits an die Wange gelegt. Aber er schoss nicht. Es wäre ja genau dasselbe gewesen. Wo der Kulan auch getroffen wurde, er hätte doch zusammenbrechen, straucheln können, und das hätte der abgeschleuderten Reiterin unbedingt das Genick gekostet. Der Boden war trotz des Grases steinhart, und da Adam seine Aufforderung nicht wiederholte, musste er jetzt wohl selbst einsehen, dass sie töricht gewesen war.

Dann drehten sich die beiden wie auf Kommando um und rannten zu dem Automobil zurück. Nur dieses konnte Rettung bringen.

Adam aber konnte den Mund nicht halten.

»So'n Luderbeen von Gulan«, jammerte er keuchend, während er seine Filzbabuschen schlenkerte, »geht der mit mein Gulasch ab und nimmt ooch noch de Leonor mit!«

»Kann sie reiten?«, rief der etwas vorauseilende Georg zurück.

»Na, Se hamm's doch gesähn, dass sie reiten gann. Sonst wär'sche doch runtergefall'n. Wenn ich nur geene Filzbabuschen angehabt hätte, dann hätt'ch's Luder grade noch bein Schwanze gehascht.«

*

Kapitel 18
Adam offenbart sich

Georg hatte das Automobil erreicht, sprang an den Hebelapparat, wartete nur noch auf Adam. Der fliehende Kulan war für andere Augen schon zum Punkte geworden, die Georgs konnten noch das Mädchen erkennen, und kaum hatte Adam hinter sich die Tür zugeworfen, als Georg den Antriebhebel drehte — einmal, zweimal...

»Mister Green, was ist das?«

Mit dem Sprunge eines Laubfrosches stand das grüne Männchen neben ihm, hatte die Hebel mit seinen grünen Handschuhen gepackt.

Da versteinerten seine grinsenden Züge.

»Charly, Tom, der Antrieb versagt!«

Die beiden Monteure stürzten zu Boden nieder, rissen eine Klappe auf, untersuchten die Maschinerie.

»Der zweite Haltestift ist gebrochen!«

Wieder mit dem Hopse eines Laubfrosches lag das grüne Männchen plötzlich ebenfalls neben der Öffnung platt am Boden, fingerte in dem Bauche des Automobils herum, wobei er sich nur den rechten Handschuh ausgezogen hatte.

Ein Monteur brachte einen Reservestift — er passte nicht ganz, und unvergesslich war es Georg, obgleich seine Gedanken jetzt doch ganz wo anders hätten weilen sollen, wie dann das grüne Männchen mit dem Stifte zur engen Reparaturkammer sprang, um ihn am Schraubstock zurechtzufeilen, wie er mitten im Sprunge seinen schwarzen Bratenrock, den er ebenfalls noch immer trug, auszog, wobei sich zeigte, dass er ein zwar sauberes Oberhemd trug, dessen Ärmel aber total zerfetzt waren, und weil er diese Fetzen nicht recht aufstreifeln konnte, beide Ärmel mit einem Ruck gleichzeitig abriss — und dann die große Hornbrille aufgesetzt, die er einst dem Deacon im Adamskostüm als Feigenblatt angeboten hatte — und wie das Männchen nun so am Schraubstock stand, mit den nackten, dünnen, aber recht sehnigen Armen, den grün umbänderten Zylinder im Nacken, die mächtige Hornbrille auf der Nase, wie er so eifrig feilte — ein unbeschreibliches Bild — aber auch ein ganz, ganz merkwürdiges, das heißt, bemerkenswertes — es war gleich zu sehen, dass dieses sonst so possierliche Männlein auch nicht den kleinsten Feilstrich umsonst tat — und so standen auch die beiden kräftigen Arbeiter da, ihn so ehrfürchtig beobachtend, wie der Zauberlehrling seinen Hexenmeister.

»So, eingesetzt!«

»Der Stift muss aber ganz genau...«

»Das passt, das passt!«

Das Einsetzen dieses Stiftes überließ er den beiden Monteuren, Adam stand nur zusehend daneben — aber nun wie er dastand und zusah — wiederum hatte Georg einen ganz merkwürdigen Gedanken.

Wie das dürre Männchen so sinnend dastand — plötzlich scheinbar um drei Zoll gewachsen und dennoch in sich zusammengesunken — wie die blauen Augen plötzlich strahlten — und nun dieses faltige Gesicht mit dem hervortretenden Kinn — und diese schmale, große Nase, wie er in diese eine Prise nach der anderen pfropfte — Georg glaubte jetzt plötzlich, ganz deutlich den charakteristischen Kopf von Friedrich dem Großen zu sehen!

»Fertig!«

»Na, da wolln mir mal losgondeln.«

Die Illusion mit dem alten Fritzen war geschwunden, aber der eiserne Chauffeur blieb das gebrechliche Männchen dennoch.

Unterdessen waren doch zehn Minuten vergangen, von dem Kulan war natürlich nichts mehr zu sehen. Georg musste die Spur verfolgen.

»Wieviel Färdegräfte?«, fragte Adam, als er schon fünfzig hatte.

»Hundertfünfzig bis dreihundert, wenn es geht.«

»Nee, das is zu habbg, da geht die ganze Schtebbe in de Briche.«

Georg hatte auch sein Auge überschätzt. Schon bei fünfzig Kilometern konnte er, voraus den Boden musternd, kaum noch die Spuren erkennen, bei noch größerer Schnelligkeit verschwamm alles. Fünfzig Kilometer genügten auch, da musste man den Kulan bald wieder in Sicht bekommen.

Von Adam dazu aufgefordert, erläuterte Georg die Möglichkeiten, denen Leonor ausgesetzt war.

Der Kulan hatte zufällig einen sogenannten Nackenschuss bekommen, den besonders in Amerika unter den Jägern Kunstschützen anwenden, um ein Tier, vor allem wilde Pferde, lebendig zu fangen. Die Kugel muss die Halswirbel an einer ganz bestimmten Stelle streifen. Das derart getroffene Tier bricht sofort zusammen wie tot, ist aber in Wirklichkeit nur gelähmt. Eine Art von Starrkrampf. Es ist dies geradeso, wie indische und ägyptische Gaukler einen eigentümlichen Griff in den Nacken kennen, mit dem sie Menschen und Tiere in Starrkrampf versetzen. Auch am Kopfe soll es solch eine Stelle geben, wo man durch einen Druck die Funktion des Gehirns aufheben kann.

Der deutsche Jäger nennt das ›federn‹, und er weiß auch, dass ein so getroffenes Tier schnell gefesselt werden muss, da es sich bald und ganz plötzlich wieder erholt. Die kleine Fleischwunde schadet ihm dann gar nichts.

Sonst sah es für Leonor nicht allzu schlimm aus. Hoffentlich sprang sie nicht eher ab, als bis sich der Kulan erschöpft hatte. Eine Waffe, außer ihr Taschenmesserchen, hatte sie jedenfalls nicht bei sich, würde sie hoffentlich auch nicht anwenden. Sonst hätte sie gleich direkt abspringen können.

Der Kulan beißt zwar nach dem ihm aufgebürdeten Reiter, aber im vollen Laufe kann er das nicht, und mäßigte er diesen, dann konnte sich Leonor eben auch herabgleiten lassen. Ganz sicher würde der Leithengst seine Herde aufsuchen, die sich vielleicht schon wieder gesammelt hatte, auf ihren Herrn wartend, und in dieser Herde wäre Leonor allerdings der Gefahr ausgesetzt gewesen, von den anderen Tieren grausam zerbissen zu werden. Hinwiederum würden die scheuen Stuten den Hengst mit seiner fremden Bürde gar nicht heranlassen, würden vor ihm die Flucht ergreifen.

»Der Kulan ist wohl ein sehr schnelles, aber kein ausdauerndes Tier, die Furcht muss ihn überdies noch mehr ermüden — in einer Stunde werden wir wissen, wie es mit Leonor steht, wenn wir sie nicht vorher finden oder dem Kulan abjagen.«

So vergingen wiederum zehn Minuten — für die Insassen des Automobils eine Ewigkeit. Die Spur führte direkt nach Norden. Von dem Kulan war nichts zu sehen, kein anderer, keine abgeworfene Reiterin.

Dann ließ Georg, der sich immer weit zu dem vordersten Fenster herausbeugte, halten, stieg aus, untersuchte den Boden.

Das Schlimmste war eingetroffen. Hier liefen eine Masse von Hufspuren durcheinander, und ob der Leithengst sich nun mit seiner Herde vereinigt hatte oder nicht — hier hatte die Verfolgung der Fährte ein Ende. Denn die Herde war nicht zusammengeblieben, sie hatte sich wiederum nach allen Richtungen hin zerstreut. Und welches Tier hatte nun Leonor auf dem Rücken? Hier hörte Georgs Spürsinn auf. Er war nur ein Mensch. Ja, im weichen Sande hätte er vielleicht die Spur des betreffenden Kulans immer wieder zu erkennen gewusst — vielleicht! — aber hier im Grase war solch eine Unterscheidung unmöglich.

Ratlos blickten sich die beiden an. Ja, nun war guter Rat auch wirklich teuer. Es blieb nichts Anderes übrig, als große Bogen zu fahren und nach Leonor auszuspähen, auf den Zufall zu hoffen — auf den einzigen Treffer unter hunderttausend Nieten.

Wir machen es kurz. Es war in der vierten Stunde, als diese Art Absuchens der Steppe angetreten wurde. Man erblickte nicht einmal mehr einen Kulan. Um acht brach die Nacht an. Der elektrische Scheinwerfer trat in Tätigkeit, er musste sein hellstes Licht spenden, ward nicht nur vorausgeschickt, sondern musste von dem errichteten Panzerturm aus durch schnelle Umdrehung auch einen weiten Feuerkreis beschreiben. Dazu heulte ab und zu das an sich kleine Horn wie eine Riesenposaune, und dann hielt man und lauschte in die finstere Steppe hinaus. Vergeblich! Keine menschliche Stimme antwortete!

* Georg stand am Steuerapparate, seine Gedanken wollen und können wir nicht schildern.

Da vernahm er hinter sich ein leises Weinen. Als er sich umblickte, sah er Adam in einer Ecke kauern, das grüne Taschentuch vor dem Gesicht, wie ein Kind weinend.

Siedendheiß stieg es Georg zum Herzen. Es war ja schon so von Angst und Kummer erfüllt, aber nun diesen alten Mann, dessen eisernen Kern er erkannt hatte, wie ein kleines Kind weinen zu sehen — es überwältigte ihn. Eben noch hatte Adam neben ihm gestanden, mit unbeweglichem Gesicht in die mondlose Nacht hineinspähend und lauschend — jetzt plötzlich war er zusammengebrochen.

Georg selbst bedurfte unbedingt einiger Minuten der Erholung, seine Nerven ertrugen diese Anspannung nicht mehr. Er übergab das Steuer einem der Monteure, trat zu Adam hin.

»Beruhigen Sie sich, Mr. Green, wir werden Miss Leonor wiederfinden.«

»Ja, das gennen Sie gut sagen«, schluchzte das kleine Männchen, »awwer — awwer — was gäm Sie mir fier eine Garantie dafier?«

»Das kann ich freilich nicht. Wir wollen auf Gottes Führung hoffen. Und wenn wir sie nicht wiederfinden, so war es in seinem weisen Rate beschlossen.«

»Das gennen Sie gut sagen«, schluchzte das Männlein wiederum, »für Sie war das Mädchen weiter nischt — awwer fier mich — ich — ich — wollte sie doch heiraten... äääääääähhhh.«

Im Augenblick hatte Georg alles andere vergessen. Er glaubte nicht recht gehört zu haben.

»Heiraten wollen Sie sie?«

»Jawohl, hei — hei — heiraten... ääääähhhh.«

»Die Miss Leonor Morris?«

»Nu, wen denn sonst?«

Also Georg hatte doch recht gehört, und plötzlich sah er im Geiste ganz deutlich die jugendprächtige Gestalt des schlanken Mädchens vor sich stehen, und mit fast entsetzten Augen blickte er herab auf den ausgetrockneten Zwerg, dem der Zylinder vom Kopfe gefallen war, auf den, auch nicht ein einziges Härchen mehr gedieh, und wie ein Schauder ging es durch Georgs Glieder.

Adam trocknete seine Tränen, setzte den Zylinder wieder auf, erhob sich und fütterte eiligst seine Nase. Es war eine ganz andere Stimmung über ihn gekommen, schon trat wieder das vergnügte Schmunzeln in dem faltigen Gesicht hervor.

»Sähn Se, mei Liewer — ich hawwe de Leonor doch von gleen uff uffgebäbbelt — se hatte ja de Mutter gleich im erschten Jahre verloren — un enne Amme durfte nich ins Haus gomm — fortgäm wollte sie der alte Morris ooch nich — wenn'ch Millich gehabbt hätte, hätte ich ihr de Brust gegäm — awwer ich hawwe doch geene Millich — und da hawwe ich se so mit'r Millichbulle großgebäbbelt — un nu iewerhaubt, die Freindschaft, die sich zwischen uns beeden entwickelt hat — un wie dann der alde Morris schtärm wollte, da musste ich's ihm auf dem Schtärbebette hoch un heilig zuschweern — na, un seinen Schwur muss mer doch halden.«

»Dass Sie Miss Leonor heiraten sollten?«

»Nee, das gerade nich. Awwer, dass ich fier se immer sorge un se nich aus'n Oogen lasse — na, un wenn mer fier ä Mächen wie fier sich selber sorgen un se nich aus'n Oogen lassen soll, da is es doch das allereefachste, wenn mersche glei heiratet, was?«

Die Erleichterung, die Georg schon nahen fühlte, wollte doch noch nicht recht zum Durchbruch kommen.

»Sie sind verlobt mit ihr?«

»Verlobt? Nee, ach nee — das is bei uns beeden ja ooch gar nich neetg — mir beede genn uns doch schon — ich hawwe se doch mit'r Millichbulle uffgebäbbelt un hawwe se drockengelegt un so.«

»Aber Miss Leonor ist einverstanden, dass Sie sie heiraten?«

Adam schnupfte mächtig.

»Nu — nu — eegentlich nich — wissen Se, gesagt hawwe ich ihr noch nischt davon — ich muss'r errscht meine Lieweserglärung machen.«

Jetzt kam bei Georg die Erleichterung doch zum Durchbruch.

Adam hatte in sein Taschentuch hineintrompetet, hatte seine Nase wieder versorgt, und er konnte fortfahren:

»Un warum soll se mich denn nich nähm? Ich hawwe se doch mit'r Millichbulle uffgebäbbelt. Un bin ich nich ä ganz schtattlicher Mann? Ich muss nur mal blankgewichste Stiebeln anziehn, dann soll'n Se schtaunen, wie elegant ich aussehe. Ich bin ooch gar nich so ald, wie Sie vielleicht denken. Ich bin errscht siem Jahre. Das heeßt, im Quadrat. Siem mal siem is neinunvärzg. Jawohl, ich bin errscht neinunvärzg. Das is noch geen Alter fier ä Mann, wie ich eener bin. Un ich bin aus ganz guter, achtbarer Familje. Na ja, was mei Vater gewäsen is, der is im Zuchthause geschtorm...«

»Im Zuchthause?!«, stieß Georg erschrocken hervor.

»Ja, der hatte lebenslängliches Zuchthaus gekriegt, weil er seine Frau, was meine Mutter gewäsen is, vergiftet hatte...«

»Vergiftet?!«

»Ja, mit Raddengift.«

»Sie spaßen!!«

»Nee, heern Se Sie, mit Raddengift macht mer geen Schbaß. Ja, da hamm s'n ins Zuchthaus geschberrt, nach zehn Jahren is er da drin geschtorm — un da geschteht so ä Lumich, der frieher der beste Fremd von mein' Vater gewäsen war, uff'n Schtärbebette, das er'sch selber gewäsen is, der meiner Mutter das Raddengift in den Gaffee geschittet hat — aus Eifersucht — oder aus Angst, weil er meiner Mutter een Liewesantrag gemacht hatte. Na, da war mei Vater ähm unschuldg, wie ersch ja ooch immer gesagt hatte — awwer raushol'n aus'n Zuchthause gonnt'n sie'n nich mehr, weil er schon dod war — na, da hamm s'n wenigstens aus dem Verbrechergärchhof wieder rausgebaddelt und hamm ihn ordentlich begram — un alle Gärchenglocken mussten uff Stadtungosten enne ganze Schtunde lang leiten — un der Baster hat zwee Schtunden lang in eener Dur geredet — un alle, alle hamm se geweent. Ach, ich sage Ihn, das war wörklich scheen. So'n Leichenbegängnis hawwe ich nich widder mitgemacht. Un dabei war mei Vater doch schon zehn Jahre dod.«

War es der tragische Inhalt der Erzählung, oder war es besonders die merkwürdige Vortragsweise des kleinen, alten Männchens, dass über Georgs Wangen plötzlich Tränen rollten und über seine Lippen ein schluchzender Laut kam?

»Na, ween Se nur nich«, tröstete jetzt Adam den anderen. »Awwer Ehre macht's Ihnen doch — das zeigt, dass Sie ä wärklicher Mensch sin — nich nur so eener wie de anderen, bei den'n de ganze Menschlichkeet dadrin beschteht, dass se uff zwee Beenen rumschbaziern genn — un was de Leonor anbelangt — mir wärn se schon widdergriechen, mir woll'n nur uff'n liem Gott vertraun. Glauben Sie an einen Gott?«

»Ja, ich glaube an einen Gott!«

»Haben Sie ihn schon einmal gesehen?«

Georg blickte erst das Männchen an, aber auch dieses sah mit einem Male ganz anders aus, hatte auch seinen geliebten Walisischen Dialekt aufgegeben.

»Bitte, machen Sie in dieser Beziehung keine Scherze!«

»Ich scherze nicht. Antworten Sie mir: Haben Sie Gott schon einmal gesehen?«

»Sie denken etwa an eine Vision? Nein!«

»Soll ich Ihnen Gott zeigen? Hier!«

Und Adam nahm einen Hammer und ließ ihn zu Boden fallen.

»Da — das ist Gott!«

Verständnislos blickte Georg den Sprecher an, der mit einem Male so feierlich aussah.

»Ich verstehe nicht!«

»Sie verstehen nicht? Durch dieses Geständnis sind Sie der Wahrheit schon einen großen Schritt näher gekommen. Weshalb fällt dieser Hammer, wenn ich ihn loslasse zu Boden?«

»Nach dem Gesetze der Schwerkraft.«

»Was ist das, Schwerkraft?«

»Die Anziehungskraft der Erde.«

»Weshalb zieht denn die Erde den Hammer an?«

»Nach dem Gesetze, dass überhaupt jeder größere Körper einen kleineren anzieht.«

»Und weshalb zieht denn jeder größere Körper den kleineren an?«

»Weil — weil — ja, lieber Herr, das freilich kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Nicht? Und kein anderer Mensch kann es sagen! Und wenn er sonst auch alle Weisheiten des Himmels und der Erden durchstudiert hat, soweit sie uns Menschen zugänglich sind — hier hat seine Weisheit ein Ende. Weshalb der Stein zur Erde fällt, das ist, wenn wir bis zum letzten Grunde nachforschen, für uns unfassbar. Es ist Gott. Gott ist nämlich ein persisches Wort und bedeutet unfassbar, das Unfassbare. Deshalb ist es an sich unlogisch, ein direkter Unsinn, darüber streiten zu wollen, ob es einen Gott gibt oder nicht. Das, was die Welt im Getriebe hält, ist unfassbar, unbegreiflich. Und doch, einen Menschen hat es einmal gegeben, der es begriffen hatte, warum der Stein zur Erde fallen muss — einen Menschen, der nichts von der Differentialrechnung wusste, vielleicht nicht einmal mit gemischten Brüchen rechnen konnte, und dennoch war er klüger, als alle unsere heutigen Universitätsprofessoren zusammengenommen — dieser Mensch besaß nämlich ganz besondere Augen, mit denen er erkannte, dass jedes Ding auch eine Seele, eine geistige Seite hat — dass jedes physikalische oder materielle Gesetz auch einen geistigen Kern hat — und da hat dieser Mensch ein geistiges Gesetz formuliert, nach welchem der Stein zur Erde fallen muss. Und wissen Sie, wer das gewesen ist?«

»Salomo!«

»Salomo?«, wiederholte das Männchen, ununterbrochen seine Nase fütternd. »O ja, Salomo war ein sehr kluger Kopf — o ja, ein sehr kluger Kopf — à la bonheur — auch sein Vater David — aber — aber...«

Adam griff noch einmal mit Daumen und Zeigefinger in seine Horndose, und dann die Prise so in der Luft haltend, begann er zu deklamieren:


Als sie nicht mehr recht konnten so
Von wegen hohem Alter,
Schrieb seine Sprüche Salomo
Und David seine Psalter.


Georg musste doch herzlich lachen.

»Nein«, fuhr Adam fort. »Wir nennen ihn auch den Gottessohn. Und dieses von ihm formulierte geistige Gesetz lautet: Dem, der viel hat, dem soll gegeben werden, und wer wenig hat, dem soll auch noch dieses Wenige genommen werden. — Und das ist's! Das ist das A und das O des ganzen Weltgetriebes; deshalb fällt der Stein zu Boden; deshalb wird es immer Reiche und Arme geben, deshalb wird einst auch unsere Erde in die Sonne stürzen. Und dort«, Adam streckte die Hand aus, »dort ist Leonor!«

Wie der Blitz fuhr Georg herum, er sah nichts weiter, als in weiter, weiter Ferne ein flackerndes Lichtchen.

»Das ist ein Feuer!«

»Sicher.«

»Es können Menschen dort lagern.«

»Wahrscheinlich.«

»Woher aber wollen Sie denn wissen, dass dort Leonor ist?«

»Habe ich das gesagt? Gut! Jetzt zweifle ich selbst daran. Aber in dem Augenblick, da ich jene Worte aussprach, wusste ich ganz bestimmt, dass wir dort Leonor finden werden.«

*

Kapitel 19
In Kosakenhänden

Leonor war nur darüber erschrocken gewesen, dass der totgeglaubte Kulan unter ihr plötzlich wieder Leben bekommen hatte. Und was für Leben! Dann aber war die gewandte Reiterin geneigt, diesen unfreiwilligen Ritt als ein amüsantes Abenteuer aufzufassen.

Hei, wie der Steppenhengst dahinsauste! Sie sah die kleine, blutige Wunde ganz oben am Halse, und nun konnte sie sich auch alles erklären, denn sie hatte schon von dem lähmenden Nackenschuss gehört.

Da tauchten andere Kulans auf, die Herde, die sich wieder gesammelt hatte, und jetzt ward dem Mädchen doch etwas bänglich zumute.

Die Kulans sollten ja so fürchterlich beißen, und das würden auch andere wilde Pferde tun, wenn eins von ihnen mit einem Reiter auf dem Rücken sich zu ihnen gesellte.

Ein Abspringen war unmöglich, das sah Leonor gleich ein, dazu brauchte sie keine Erfahrung zu haben. Sie mochte sich noch so vorsichtig abgleiten lassen, sie hätte sich dennoch einige Male in der Luft überschlagen, sicherlich das Genick gebrochen.

Und die Herde erwartete den Leithengst. Was da tun? Leonor hatte nicht nur ein Taschenmesserchen bei sich, sondern sie brachte aus der Tasche einen großen Nickfänger zum Vorschein, klappte ihn auf.

Aber wo den Kulan tödlich treffen? Oder ihm nur eine Wunde beibringen? Leonor sah ein, dass die leiseste Verwundung ebenfalls eine Katastrophe herbeiführen konnte. Bloß einen Satz mitten im vollsten Laufe zur Seite, worauf sich diese Kulans ja verstanden, wie Leonor vorhin beobachtet hatte, und sie konnte ebenfalls mit zerschmetterten Gliedern am Boden liegen.

Doch die Stuten erwarteten nicht die Ankunft ihres Herrn und Gebieters. Wieder stoben die Tiere nach allen Seiten auseinander. Einen Menschen auf seinem Rücken hätte er nicht mitbringen dürfen. Und der Hengst kümmerte sich nicht um seinen Harem, suchte ihn nicht um sich zu sammeln, folgte keiner einzelnen Stute — er war über die fremde Last ja selbst viel zu sehr entsetzt, floh weiter, dem Norden zu.

Leonor war wieder beruhigt. Einmal musste sich die Kraft des Kulans doch erschöpfen, einmal dieser tolle Ritt ein Ende nehmen. Dass ihr das Automobil folgte, war doch selbstverständlich. Sie blickte einmal hinter sich, sah es zwar nicht, aber mit dem Umblicken bei solch einem Reiten ist es ja auch so eine Sache. Und dann mussten Gelegenheiten kommen, wo sie doch ungefährdet abgleiten konnte. Das Automobil hatte im Laufe des Tages mehrere Steppenflüsschen passiert, zum Teil mit sehr sumpfigen Ufern — auf solch weichem Boden war ein Sprung schon ungefährlicher.

Da kam solch ein Flüsschen. Aber der Boden war bis an den Rand ganz hart, das konnte man gleich am Graswuchse erkennen. Und direkt in das Wasser springen? Das geht vom Rücken solch eines Gaules aus besser in der Theorie als in der Praxis.

Dort war das Flüsschen — da war der wie mit Flügeln versehene Kulan schon drüber, hatte es schon weit hinter sich.

Und weiter ging es in sausendem Fluge. Eine Uhr hatte Leonor nicht bei sich, und sie war sich bewusst, wie sehr man sich bei solchen Situationen in der Zeit irren kann. Nach der Sonne aber musste mindestens schon eine Stunde vergangen sein, seit sie zur unfreiwilligen Reiterin ward, und die Schnelligkeit des Tieres wollte sich noch nicht mäßigen — es übersprang noch mehrere Flüßchen, und keins wollte ein morastiges Ufer zeigen.

Und wo blieb Maximus? Beim Umblicke sah Leonor nichts von ihm, und für das Automobil war es ja ein leichtes, die Reiterin zu überholen.

Jetzt schnürte doch eine böse Ahnung die Brust des Mädchens zusammen. Sie zog wieder ihr Dolchmesser. Doch ehe sie es anwandte, um den Lauf des Rosses durch Blutverlust zu mäßigen, gewahrte sie wieder ein Flüßchen, an dessen Ufern das Gras viel üppiger wucherte, schon aus weiter Ferne zu erkennen.

Dort war sumpfiger Boden! Der Kulan erreichte ihn, der Schlamm spritzte, jetzt plötzlich verließ das Tier die Kraft — da aber wandte es auch gleich den Kopf, um die Reiterin zu beißen.

Leonor hatte es fast erwartet. Den Bissen konnte sie noch ausweichen. Jetzt warf sich der Kulan plötzlich zu Boden, um sich zu wälzen — aber unversehrt stand Leonor schon da, und kaum fühlte sich der Kulan rückenfrei, als er wieder aufsprang und davonfloh.

Hochauf atmete Leonor. Das dichte Gras verhinderte, dass ihr Fuß in den Morast einsank, nur der schmale Huf des Kulans war durchgedrungen.

Von dem Automobil war nichts zu sehen. Was aber war dort jenseits des Wassers? Die Straße! Auch an den Meilensteinen erkenntlich!

Wie? So weit zurück nach Norden hatte der unfreiwillige Ritt sie gebracht? Nun aber war Leonors Entschluss auch sofort gefasst.

Die Spur des Kulans konnte sie nicht zurückverfolgen, und nun nicht planlos in der Steppe umhergeirrt, wo es bald Nacht wurde, sondern ruhig hier auf dieser Straße gewartet.

Denn Leonor glaubte nicht, dass Georg trotz all seiner Kunst die Spur des Kulans zu verfolgen vermochte.

Da war doch noch die ganze Herde dazwischengekommen, das musste ihn irremachen. Aber sicher würde er annehmen, dass sie, zumal der Ritt nach Norden gegangen war, möglichst hier diese Straße zu gewinnen versuchen würde, wenn sie sich erst einmal von ihrem Reittiere getrennt hatte.

Diese Erwägung setzte Leonor also bei Georg voraus, unter der Annahme, dass er ebenso dachte, wie sie selbst.

Hierbei hatte sie sich auch gar nicht in ihren Gefährten getäuscht. Die beiden, Georg und Adam, hatten wirklich beraten, ob es nicht das beste sei, gleich jene Straße aufzusuchen, in der Erwartung, dass Leonor so klug sein würde, bei einer Trennung von dem Automobil diese Straße als den einzigen bekannten Treffpunkt in der Steppe aufzusuchen.

Ja, das hatten die beiden auch tun wollen. Wenn aber Leonor nun doch nicht daran dachte? Wenn sie nun planlos in der Steppe umherirrte?

So hatten sie doch lieber Bogen gefahren, aber da diese immer größer wurden, mussten sie schließlich doch einmal zu jener Straße kommen, welche sie dann mit größter Schnelligkeit nach Osten wie nach Westen abfahren konnten.

Also Leonor setzte über das Flüsschen und begab sich direkt auf die Straße, setzte sich auf einen Meilenstein. Hier wollte sie ganz ruhig warten. Dass mit dem Automobil irgend etwas nicht in Ordnung gewesen war, konnte sie sich lebhaft denken. Es würde schon hierher kommen, die Straße abfahren. Dass dieser erfahrene Jäger sie auch in dieser Steppe zu finden wusste, ihre Erwägungen wegen eines RendezvousOrtes richtig erraten würde, daran zweifelte sie nicht im mindesten, und auch Adams Geisteskraft war nicht zu verachten.

Dass allerdings die Nacht anbrechen würde, bevor das Automobil erschien, hatte sie nicht erwartet. Dieses Warten in der ziemlich kalten Nacht in durchnässter Kleidung hatte auch noch eine andere unangenehme Seite. Die Jagd auf die Kulans hatte begonnen, als Tom gerade das Diner servieren wollte, das nach englischer Sitte sehr spät eingenommen wurde und für Leonor wirklich die Hauptmahlzeit bedeutete, sie machte sich dazu stets durch längeres Fasten Appetit. Und um dieses Diner war sie nun gekommen. Der scharfe Ritt hatte ihren Appetit auch nicht gestillt. Kurz, sie wurde auf ihrem Meilenstein von einem nagenden Hunger gepeinigt, den sie vergebens ab und zu durch einen Trunk aus dem nahen Flusse zu lindern suchte. Aber den frohen Mut verlor sie deshalb nicht. Ihre Gefährten würden sie schon rechtzeitig zu finden wissen, und der Ritt auf dem toten und wieder lebendig gewordenen Steppenrosse wog diese Hungerperiode auf. Das alles hätte sie dereinst nicht in ihren Erinnerungen an diese Automobilreise vermissen mögen.

Und da in der finsteren Nacht ein Lichtchen, direkt westlich von ihr! Es flackerte unruhig, musste sich auf der Straße befinden — — ein Lagerfeuer!

Es war ganz selbstverständlich, dass Leonor gleich drauflosmarschierte. Wenn ihre Gefährten dieses Feuer gewahrten, würden sie es unbedingt aufsuchen, Furcht kannte Leonor nicht, all diese Steppenbewohner halten die Gastfreundschaft heilig, selbst wenn sie Räuber sind, und... jetzt machte sich ihr Hunger erst bemerkbar.

Fast eine Viertelstunde hatte sie zu marschieren, ehe sie die Gestalten an dem Feuer unterscheiden konnte, das neben der Straße brannte und von dem hier wachsenden Buschholze des nahen Flusses genährt wurde. Um das Feuer herum saßen vier Mann und beobachteten rauchend zwei große Fleischklumpen, die über der Glut schmorten, noch als Vögel erkenntlich, wahrscheinlich Trappen. Die Männer trugen die für alle Strapazen berechnete Kosakenuniform, auch im heißesten Sommer noch viel Pelzwerk enthaltend; neben jedem lag der Karabiner und der abgeschnallte Säbel, im Gürtel steckten außer den Dienstrevolvern noch altertümliche Pistolen, von den Vätern ererbt, außerdem hing noch die furchtbare Nagaika daran, eine Art kurzer, starrer Peitsche, aus fest zusammengeflochtenen Lederstreifen hergestellt, von der Regierung aber ›versuchsweise‹ auch aus Gummi oder Kautschuk angefertigt, und diese Gummiknüppel haben sich in den Händen der Kosaken... ›glänzend bewährt‹.

Drei der Männer waren echte Kosaken, mit rohen Gesichtern, die aber eines gutmütigen Zuges dennoch nicht entbehrten, während der vierte, durch verschiedene Abzeichen als Offizier charakterisiert, ein ganz anderes Aussehen hatte.

Das war ein blondhaariger Russe aus dem fernen Westen, das war etwas Besseres, man sah es gleich seinem Gesicht an, der hatte eine gewisse Bildung, obgleich, wie Leonors scharfe Augen leider gleich erkennen mussten, diesem intelligenten Gesicht noch viel mehr der Stempel brutaler Rohheit aufgedrückt war, als denen der stumpfnasigen und breitmäuligen Kosaken.

Wenn etwa Leonor beabsichtigt hatte, eben wegen dieses tierischen Gesichtsausdrucks unbemerkt wieder umzukehren, so wäre das schon nicht mehr möglich gewesen. Die lagernde Kosakenabteilung hatte keine Wache aufgestellt, brauchte hier wohl nichts zu fürchten — und die besten Wächter waren auch ihre Pferde, die seitwärts frei oder angepflockt weideten und durch ihre Unruhe schon das Nahen eines Menschen angezeigt hatten. Bei Wölfen oder einer anderen Gefahr hätten sie sich wieder anders benommen.

Die Kosaken standen nicht auf, blickten nur dem ankommenden Weibe entgegen, allerdings mit Zeichen großer Überraschung.

Leonor wurde mit russischen Ausrufen empfangen, die sie nicht verstand.

»Spricht einer der Herren Englisch, Französisch oder Deutsch?«

Ja, der Offizier verstand Französisch, das ja in den gebildeten Kreisen Russlands fast die alleinige Umgangssprache ist, aber die Höflichkeit der Franzosen hatte er sich dabei nicht mit angeeignet.

»Mädel, wo kommst du denn her?!«

Leonor war nicht geneigt, sich hier als ohnmächtigen Findling behandeln zu lassen.

»Mademoiselle Morris!!«, sagte sie in scharfem Tone.

Und es wirkte, der Leutnant wurde etwas verlegen, aber er stand nicht auf und stellte sich nicht vor.

»Bon soir, Messieurs«, fuhr Leonor fort.

»Bon soir, Mademoiselle. Ja aber, zum Teufel, wie kommen Sie denn hierher?«

Mit möglichst kurzen Worten erzählte Leonor, wie sie mit einem Automobil von New York aus eine Reise um die Welt angetreten habe, über die Beringstraße hinweg...

»Was? Sie sind doch nicht die Amerikanerin, die den Menschen totgefahren hat?«

Leonor war eigentlich mehr erstaunt als erschrocken.

»Woher ist Ihnen denn das schon bekannt?«

»Ich habe davon in einer Zeitung gelesen, in Jakutsk.«

»Das kann wohl nur ein telegrafischer Bericht gewesen sein.«

»Möglich. Jakutsk liegt ja an der Telegrafenlinie. Sie werden steckbrieflich verfolgt?«

»Nicht mehr. Das Verfahren gegen mich ist bereits eingestellt worden, es ist bereits erwiesen, dass ich den Menschen gar nicht überfahren habe.«

»So?«, erklang es gleichgültig zurück. »Nun, wir sind ja hier in Russland, da hätte der Steckbrief gar keine Gültigkeit. Das war in dem Zeitungsbericht nur so erwähnt. Also Sie sind mit ihrem Automobil wirklich durch die Beringstraße gekreuzt?«

»Wie ich Ihnen erzählte.«

»Und wie kommen Sie nun hierher? Wo ist Ihr Automobil?«

Leonor berichtete über die Jagd auf die Kulans, über ihren Ritt, wie sie jetzt auf der Landstraße ihre Gefährten erwarte.

»Das Automobil kann jeden Augenblick hier eintreffen«, schloss sie wohlüberlegt, »aber ich bin seit vielen Stunden ohne Nahrung, falle fast um vor Hunger — ich bitte die Herren um Gastfreundschaft.«

Unverwandt hatten die Kosaken und noch mehr der Leutnant die Augen auf die Erzählerin gerichtet, gehabt, und es waren gefährliche Blicke, mit welchen sie das schöne, schlanke Mädchen betrachteten.

»Vor sechs Stunden haben Sie das Automobil verlassen?«, examinierte der Leutnant.

»Auf so viel Stunden schätze ich die verstrichene Zeit. Aber wirklich, ich halte es nicht mehr aus vor Hunger.«

»Woher wollen Sie denn wissen, dass das Automobil jeden Augenblick hier eintreffen kann?«

»Ich habe das Licht des Scheinwerfers schon wiederholt aufblitzen sehen, das mich suchende Automobil beschreibt Bogen, der nächste muss es hier vorbeiführen.«

»Von diesem aufblitzenden Lichte hätten doch auch wir etwas bemerken...«

»Ich sehe, dass mir hier die Gastfreundschaft verweigert wird. Gute Nacht, meine Herren!«

Leonor wandte sich zum Gehen.

»Nein, nein, so ist das nicht gemeint«, wurde schnell gerufen, »unser Braten war ja noch gar nicht fertig, aber jetzt ist es so weit, setzen Sie sich nur her zu uns!«

Leonor kehrte denn auch zurück, nahm Platz, ließ sich von einem der Kosaken ein Messer geben, da sie angeblich keins hatte, sprach den gebratenen Trappen wacker zu.

Der Leser wird gemerkt haben, dass Leonor durchaus nicht immer die Wahrheit sprach, dass sie aus der Luft gegriffene Behauptungen aufstellte. Aber diese echte YankeeTochter, die sich die Welt schon angesehen, mit den verschiedensten Menschen verkehrt hatte, wusste ganz genau, was sie tat, sie kalkulierte kühl und sicher ganz richtig. Es war eine Gefahr damit verbunden, dass sie sich jetzt doch noch am Feuer niederließ, das sagten ihr diese immer lüsterner auf sie blickenden Augen. Aber was hätte es ihr genützt, wenn sie sich schnell entfernte, was ihr vorhin vielleicht möglich gewesen wäre? Hatten diese Männer Böses gegen sie im Sinne, sie hätten das Mädchen in der Steppe doch schnell gefunden, die Fliehende eingeholt, und dann wäre sie vor Hunger ganz kraftlos gewesen.

Nein, gerade so musste sie auftreten, wie sie es jetzt tat, ruhig, nicht die geringste Furcht zeigend!

Eine furchtbare Gefahr war freilich vorhanden. Während die Kosaken das Fleisch hinunterschlangen, betrachteten sie unausgesetzt das schöne Mädchen; sie unterhielten sich auf russisch, und immer frecher ward ihr Lachen, und... dazu sprachen sie auch noch fleißig der Branntweinflasche zu, welche von sich abzuwehren Leonor alle Mühe hatte. Die Soldaten wollten durchaus, dass auch sie tränke, der Leutnant gebrauchte sogar Listen, verstieg sich bis zu einem Trinkspruch auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aber Leonor tat nur mit Wasser Bescheid.

Sie war gesättigt, gab das Messer zurück, erhob sich sofort.

»Ich danke euch, ihr guten Leute. Ich muss mich jetzt an die Stelle begeben, wo meine Gefährten mich zu finden wissen, und das Automobil wird jeden Augenblick dort eintreffen. Hoffentlich sind Sie dann noch da, dass ich Ihre Gastfreundschaft vergelten kann. Gute Nacht, die Herren!«

Indem sie so sprach, lenkte sie sofort ihre Schritte vom Feuer weg in die finstere Steppe hinein.

Mochte Leonor äußerlich auch noch so ruhig sein und wirklich ein furchtloses Herz besitzen, so darf man doch glauben, dass ihre Brust von einem furchtbaren Drucke zusammengeschnürt wurde.

Jetzt, jetzt kam es darauf an! Jeder Schritt brachte sie der Entscheidung näher — einer Entscheidung, die vielleicht noch mehr betraf als nur Tod oder Leben. Und sie sollte nicht so davonkommen. Die Würfel des Schicksals fielen gegen sie.

»Halt, halt, so schnell geht das nicht!«, erklang es hinter ihr, als sie noch keine zehn Schritte gemacht hatte.

Flucht nützte nichts. Gelassen drehte sich Leonor um, die vier Kosaken waren gleichzeitig aufgesprungen und eilten ihr nach. Der Feuerschein reichte noch bis hierher — und gerade angesichts der jetzt kommenden Gefahr verließ des Mädchens Brust auch der beengende Druck. Jetzt kam es eben darauf an — Leben oder Tod und mehr noch.

»Was wünschen Sie?«

»Na, Mädel, nun stelle dich bloß nicht so, als ob du nicht wüsstest, was ich sonst noch von dir will!«, lachte der Leutnant.

»Meine Gefährten werden sofort kommen...«

»Ach, Larifari, komm her, mein schönes Püppchen...«


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Ein Griff — Leonor hatte dem Offizier den Revolver aus dem Gürtel gerissen — aber noch ehe sie ihn zum Feuern erheben konnte, wurden ihr schon von hinten die Arme umschlungen, ihr der Revolver aus der Hand gerungen.

»Schont mein Leben, mordet mich nicht, ich habe gar kein Geld bei mir!!«, schrie Leonor mit gellender Stimme.

»Was Geld«, lachte der Leutnant, »wir wollen dir etwas ganz Anderes rauben.«

Plötzlich wurde dieser unvergleichlichen Schauspielerin Blick starr.

»Ihr seid keine Räuber?«

»Wir sind vom Kosakenregiment, ausgesuchte Soldaten unseres Väterchens, des Zaren.«

»Ja, mein Herr, was wollen Sie eigentlich von mir, wenn Sie mich nicht berauben wollen?«

»Du kannst noch immer fragen, mein schönes Kind?«, lachte der Leutnant. »Hier in der sibirischen Steppe sind die Weiber verdammt dünn gesät, da muss man die Gelegenheit benutzen, wenn einem einmal so ein sauberes Mädel mit weißer Haut begegnet.«

Noch immer ruhten Leonors Augen starr auf den Zügen des Offiziers, die, als sie noch nicht so verroht waren, sicher einmal auf blanken Parketts von mancher Dame bewundert wurden.

»Sie sind Offizier, mein Herr?«

»Leutnant, und ich hatte noch vor zwei Jahren nicht nötig, mir ein Liebchen in der sibirischen Steppe zu suchen.«

Da trat in Leonors Zügen immer mehr ein Lächeln hervor.

»Ja, Herr Leutnant, warum haben Sie denn nicht gleich gesagt, was Sie von mir verlangen?«

Es war danach angetan, dass der Offizier etwas verdutzt wurde.

»Und wissen Sie, wer ich bin?«, fuhr Leonor mit einem eigentümlichen Lächeln fort.

»Na?«

»Eine unabhängige Amerikanerin, die eine Automobilfahrt um die Erde macht, um Abenteuer zu erleben — möglichst interessante. Nein, Herr Leutnant, ich gehe keinem interessanten Abenteuer aus dem Wege — aber ich muss nur wissen, dass es ein solches gibt — ich denke doch, ich bin unter Räuber gefallen, die mich berauben und totschlagen wollen, was ich nun weniger interessant finde. Aber sonst... ich denke doch, der Irrtum hat sich hiermit aufgeklärt.«

Einen starren Blick in das lächelnde Gesicht der schönen Sprecherin, und dann brach der Leutnant in ein herzliches Lachen aus.

»Recht so, recht so! Na, da kommen Sie ans Feuer zurück. Eine erzwungene Umarmung ist zwar auch etwas recht Angenehmes, aber schließlich... gut, dass es so geendet hat!«

Die freigelassene Leonor kehrte mit den Kosaken an das Feuer zurück, die Schnapsflasche kreiste noch einige Male, von Leonor standhaft verweigert, dann wollte der Leutnant den Arm um ihre Hüften legen.

»Ich glaube gar, hier vor Ihren Kosaken!«, wehrte sie energisch ab. »Nein, so weit geht meine freie Ansicht über die Liebe und dergleichen nun freilich nicht.«

Der Leutnant fügte sich. Er hatte ja auch nur einmal ihre Taille prüfen wollen. Er nahm die Pelzdecke, auf der er bisher gesessen, winkte — Leonor folgte ihm in die finstere Steppe hinein.

Die drei Kosaken blieben am Feuer hocken, schwatzten und lachten, blickten manchmal dorthin, wo die beiden in der Nacht verschwunden waren.

Eine halbe Stunde verging. Die Kosaken sprachen noch immer zusammen, aber nicht mehr lachend, sondern offenbar ärgerlich. Sie fluchten, doch nur leise, und blickten jetzt verlangend nach jener Richtung. Unter Kosaken muss alles geteilt werden. Wollte der Leutnant etwa eine Ausnahme machen? Oho, das gab's nicht!

Da wurde die Aufmerksamkeit der Kosaken durch etwas Anderes in Anspruch genommen. In der südlichen Steppe tauchte ein Lichtschein auf. Daraus wurde ein Lichtstreifen von blendender Weiße. Schnell kam er näher, hielt gerade auf dieses Feuer zu.

Auch diese Kosaken kannten schon ein Automobil mit Blendlichtern.

Schnell raste es heran. Die Ankunft durfte so nicht abgewartet werden.

»Leutnant, Leutnant, dort kommt das Automobil wirklich!«

Keine Antwort.

»Leutnant, Leutnant!!!«

Keine Antwort. Und jetzt ward der mächtige Wagen in seinem eigenen Lichtscheins sichtbar.

»Wir müssen ihn wecken, er ist eingeschlafen oder liebestoll.«

Einer der Männer sprang auf, rannte hinein in die finstere Steppe, wusste den betreffenden Ort gleich zu finden, kehrte aber sofort zurück, riss, ohne ein Wort zu verlieren, einen brennenden Zweig aus dem Feuer, mit diesem wieder in die Steppe hinein, dorthin, wo der Offizier seinen Pelz ausgebreitet hatte.

»Der Leutnant ist tot, ist ermordet!!!«, gellte da der Ruf.

Ja, da lag der Kosakenoffizier auf seinem Pelze, allein, schon starr, im Herzen eine Wunde — und in diese passte genau Leonors Dolchmesser.

*

Kapitel 20<
Adam offenbart sich noch mehr

Das Automobil hatte das Feuer erreicht, stand im Augenblick. Zur vorderen Tür sprang Georg heraus, ihm nach Adam. »Ist hier nicht eine junge Dame...«

»Hier bin ich!«, erklang da schon Leonors Stimme, sie stand bereits im Chauffeurraum. Sie musste den Wagen im Augenblick, da er hielt, von hinten betreten haben.

Mit über der Brust verschränkten Armen stand sie da, blass wie der Tod.

Doch für Georg genügte es, dass sie überhaupt wieder da war, er stieß einen Jubelruf aus, der seitens der Kosaken mit einem fürchterlichen Fluche beantwortet wurde.

»Sie hat unseren Leutnant ermordet!!!«

Georg konnte ja noch gar nichts verstehen. Doch die Bedeutung der Worte wurde ihm gewissermaßen handgreiflich klargemacht.

Es waren Kosaken, die zum Teile noch der Blutrache huldigen — es waren Soldaten, denen der Leutnant ermordet worden war, noch dazu von einem Weibe — und diese hier mit dem Automobil gehörten doch zu diesem Teufelsweibe... kurz, die Kosaken hielten sich nicht erst mit einer Vorrede auf. Der erste hatte schon seinen Säbel aufgerafft, hatte blank gezogen und führte nach dem ihm zunächst Stehenden einen furchtbaren Hieb, der des Betreffenden Kopf von links oben nach rechts unten spalten sollte.

Und dieser Kopf gehörte gerade Meister Adam Green an. Aber Meister Adam hatte keine Lust, seinen Kopf mit dem schönen Zylinder solch einer Demolierung auszusetzen. Blitzschnell bückte er sich, der Säbel sauste über ihn hinweg, der Kosak schlug noch einmal nach und... hieb Adams rechtes Bein oben am Schenkel glatt vom Rumpfe!

Georg hatte es ganz deutlich gesehen, sah noch, wie Adam zusammenbrach. Wie eine Vision hatte Georg es bemerkt. Und Visionen währen nur einen Augenblick.

Dann stieß er einen unartikulierten Schrei aus und ging selbst zum Angriffe über. Waffen hatte er nicht bei sich, aber es genügte, was ihm die Natur zu seiner Verteidigung gegeben hatte.

Noch ehe der Kosak zum dritten Male seinen Säbel schwingen konnte, fuhr Georgs Faust ihm zwischen die Augen. Ein Klang des Berstens, und der Kosak lag mit zerschmetterter Hirnschale im Steppengrase — und die beiden anderen hatten nur noch ihre Revolver aus den Gürteln reißen können, weiter kamen sie nicht — da hatte Georg sie schon mit dem Sprunge eines Panthers erreicht, hatte sie gepackt, schmetterte sie mit den Rücken zusammen, dadurch aber kamen auch ihre Hinterköpfe miteinander in Berührung, und zwar mit einer Wucht, dass der Schädel des einen sich gleich in einen Brei mit Knochensplittern verwandelte.

Sie waren abgetan, alle drei Kosaken, und der vierte war schon vorher von Leonor abgefertigt worden.

Georg wandte sich dorthin, wo der unglückliche Adam in seinem Blute liegen musste — und da glaubte er, abermals eine Vision zu haben.

Springt da das grüne Männchen ganz frisch und munter über die Steppe auf den Wagen zu, aber nur auf einem Beine, auf dem linken — das rechte Bein hat er unterm Arme, noch bekleidet mit der schwarzen Hose und dem grünen Filzschuh!


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»Nee awwer, so ne Gemeenheet, haut der mir mei Been ab — mit der scheenen Hose — na, da heert doch alles uff!«

Und der einbeinige Laubfrosch hüpfte in das Automobil zurück.

Georg glaubte noch immer zu träumen. Er fand wirklich nicht gleich die Erklärung, obgleich sie doch sehr nahe lag.

»Mr. Green hat ein Gummibein«, sagte da der eine Monteur, der ebenfalls herausgetreten war.

Nun wusste es Georg. Hiermit aber war dieser Fall auch für ihn vorläufig erledigt.

Als er sich wieder umblickte, um nach den Leichen zu sehen, stand vor ihm Leonor, noch immer bleich wie der Tod.

Die beiden blickten sich an, lange Zeit, und sie brauchten nicht zu sprechen, sie verstanden sich mit den Augen, erzählten sich mit diesen gar viel.

»Haben Sie, Mr. Hartung«, bediente sich Leonor endlich doch auch der hörbaren Sprache, »schon einmal einen Menschen getötet?«

»Fragen Sie nicht so«, entgegnete Georg finster, auf die vor ihm liegende Leiche mit dem zerschmetterten Kopfe deutend.

»Ich nicht. Es war nur ein Tier, dem ich vorhin mein Dolchmesser ins Herz stieß.«

Wieder sahen sich die beiden lange an.

»Wie kam es?«

Kurz erzählte Leonor, wie der Ritt auf dem Kulan geendet hatte, wie sie den Kosakenführer vom Feuer weggelockt, um ihn zu töten und so entfliehen zu können. Als sie dann das Automobil kommen sah, war sie zurückgelaufen, hatte es von hinten sofort beim Halten betreten.

»Ich bedauere Sie«, entgegnete Georg einfach.

»Werden wir Folgen zu fürchten haben?«

»Nein. Wegen dieser vier Kosaken wird kein Hahn krähen. Das heißt, in Russland selbst dürfen wir uns nicht zur Verantwortung ziehen lassen. Aber sonst — was einmal über die Grenzen des heiligen Russlands hinaus ist, existiert nicht mehr für dieses. Dann werden wir nicht mehr verfolgt.«

Georg traf Anordnungen, dass die Leichen von den beiden Arbeitern begraben wurden, gab die Pferde frei und ging in den Wagen zurück.

In seiner offenen Kammer saß Meister Adam, auf seinem linken Knie sein rechtes, abgetrenntes Bein, das jetzt der Hose entkleidet war, außerdem noch den oberen, von der Hüfte abgelösten Teil des künstlichen Beines in der Hand, und fuhr mit einem heißen Lötkolben an den Bruchstellen herum. Sonst waren noch eine Masse von Bändern und Schienen zu sehen, welche der Säbel durchschnitten hatte.

»Nee, so ne Gemeenheet!«, fing er wieder an, als er Georg an der Tür stehen sah. »Haut der Gerl so mir nischt dir nischt mit sein' Säbel mei Been ab! Grade, als misste das so sin! Na, 's ist noch gut abgeloofen, 's geht alles widder zusammenzugläm un zu flicken. Bloß meine Hose begommt nu enne Naht, die immer zu sähn is.«

»Haben Sie mir aber einen Schreck eingejagt, Mr. Green!«

»Nu, wieso denne?«

»Nun eben, als der Kosak Ihnen das Bein wegschlug — ich denke doch, Sie liegen, sich verblutend, am Boden — ich habe ja gar nicht gewusst, dass Sie ein künstliches Bein haben!«

»Nich? Nu freilich, ich bin doch mal ins Gedriewe gegomm. Ei, ich sage Ihnen, da bin ich awwer scheene zugerichtet worden! Se hädden mich gar nich widder ergannt. 's rechte Been ab, de linke Hand ab, 's rechte Ooge raus, 's linke Ohr futsch, alle Zähne aus'm Maule rausgehaun un nu dazu ooch noch den ganzen Schädel eingedrickt. Weeß Gott, Se hädden mich gar nich widder ergannt!«

Es darf geglaubt werden, dass Georg ein Gesicht machte, als ob er nicht recht gehört habe.

»Den — ganzen — Schädel eingedrückt?«, wiederholte er mechanisch nur die letzten Worte.

»Nu freilich — hier gucken Se mal, da sähn Se, warum ich geene Haare mehr uff'm Gobbe hawwe. Sie denken wohl, das is enne richtige Schädeldecke? Nee, das is enne ginstliche, enne Elfenbeenblatte.«

Er neigte den haarlosen Kopf vorwärts, und da allerdings sah Georg, was er bisher noch gar nicht bemerkt — eine furchtbare Narbe mit Naht, die sich rund um den Kopf zog.

»Und — und — alle Zähne dabei verloren?!«, stotterte er, noch immer ganz fassungslos und daher mit der Nachfrage vorsichtig von hinten beginnend.

Er hatte schon manchmal des alten Männchens noch guterhaltene, blendendweiße Zähne bewundert.

»Nu freilich, alles ginstlich — sähn Se dahier.«

Und Meister Adam griff sich in den Mund und zeigte triumphierend sein künstliches Gebiss, Ober- und Unterkiefer.

»Un das is gee solches Luderzeig, wie mer'sch bein Zahnärzten zu goofen kriegt«, sagte er, nachdem er das Doppelgebiss an Ort und Stelle zurückgebracht hatte. »Das hawwe ich mir selwer gemacht, das fällt nich so beim Essen un Gaun un Schbrechen egal aus'm Maule raus, das hält feste, un dadermit gann'ch jede Nuss uffgnacken. Alles meine eegne Erfindung un Arbeit.«

»Und — und — Ihr Ohr?«

»Ooch ginstlich! Das heeßt, nur's linke. Das is Hiehnerfleesch, is ganz fein drangewachsen. Nich wahr, Se genn's gar nich vom rechten unterscheiden? Nur mit Hunden därf'ch mich nich abgäm, zumal nich mit Hiehnerhunden, die widdern immer glei den Hiehnerbraten un woll'n mer'sch abbeißen.«

»Und — und Ihr Auge?«, stotterte Georg nach wie vor mit einem gelinden Entsetzen.

»Ooch ginstlich! Das heeßt, bloß's rechte. Wenn alle beede ginstlich wärn, gennt'ch ja nischt mehr sähn, das is doch ganz klar. Fein gemacht, was?«

»Es ist nicht möglich!«, staunte Georg.

Er hatte dem grünen Männchen doch oft genug in die Augen geblickt und niemals etwas davon bemerkt, das rechte glich genau dem linken, hatte denselben Blick, drehte sich genau wie das andere.

»Sie gloom's nich? Na, dahier. Un nu machen Se mir das mal mit Ihr'n Ooge nach.«

Adam hatte sein rechtes Auge aus der Höhlung herausgenommen. »Ooch meine eegne Erfindung!«, sagte er, als er es wieder einsetzte.

»Und — und — Ihre Hand?«, stotterte Georg noch immer.

»Ooch ginstlich! Das heeßt, bloß de linke.«

»Sie können aber doch die Hand und die Finger ganz gut bewegen?!«

»Na, warum denn nich? Wenn'ch den Arm schtrecke, schtrecken sich ooch de Finger, und wenn'ch den Arm beige, beigen sich ooch de Finger. Ooch meine eegne Erfindung, geradeso, wie mei falsches Gummibeen.«

Adam schraubte auch seine selbsterfundene Hand ab, zeigte den Mechanismus und schraubte sie wieder dran.

Mit einem wahren Grausen blickte Georg auf das Männlein herab, das dem lieben Gott so ins Handwerk gepfuscht hatte, das die Hälfte seines Körpers nach eigener Erfindung sich selbst gemacht hatte.

»Ja, Mensch — Mr. Green — was ist denn da eigentlich noch von Natur echt an Ihnen?!«

»Nu — nu — da is doch noch enne ganze Menge da, was'ch mir nich selwer gemacht hawwe — da is errscht mal meine Nase — un un un — 's rechte Ohr — un un un — 's linke Ooge — un un un — de rechte Hand — un un un un — 's linke Been — un un un — 's Gehärne, ei ja, 's Gehärne, das hab'ch mer ooch nich selber gemacht — na un dann — un dann... mei Bauch!«

Georg wusste nicht, ob er lachen oder schaudern sollte. Adam flickte unterdessen immer emsig an seinem Gummibeine herum.

»Sähn Se, der Schaden is bald widder guriert, un dann bassen Se uff, wie ich widder hubben un tanzen gann. Ich nähm's mit mein' neinunvärzg Jahren und mit mein' Gummibeene noch mit jedem Jinglinge uff. Ja, dass mer'sch nich vergessen. Was meen Se denn, Mr. Hartung, ob de Gelegenheet nich gerade jetzt recht ginstig wäre, dass ich Leonor meinen Heiratsantrag mache?«

Das war denn doch zu viel für den jungen Mann, er bekam gleich den Hexenschuss, knickte wirklich etwas in den Knien zusammen. Dann wollte er die Flucht ergreifen. Adams Ruf hielt ihn noch einmal zurück.

Das grüne Männchen hatte jetzt zu seiner Arbeit die große Hornbrille aufgesetzt. Hinter den Gläsern blitzten die Augen Georg an.

»Warten Se mal noch a Oogenblickchen. Na, was hamm Se denn? Warum wollten Se denn glei fortloofen? Weil'ch de Leonor heiraten will? Nee nee, Se brauchen keene Angst zu hamm. Ja, ich hawwe mal dran gedacht — ich habb'se ja ooch so sehre gerne — ich habb'se doch ooch mit'r Milchbulle großgebäbbelt, habb'se drockengelegt un so — awwer wissen Se — wenn'ch so ahmds, wenn'ch zu Bädde gehe, mei Gummibeen abschnalle und mei Ooge un meine Zähne in'n Waschbecken abscheire — i nee, 's is nischt — ich bin nischt mehr fier das junge Mächen — die will gee Gummibeen hamm — der Adam Green is zwar mal uff'n Gobb gefall'n, awwer sei richtges Gehärne sitzt noch an der richtgen Schtelle — un sei Härze ooch — — nee nee, mei liewer Hartung. Se brauchen mich nich zu fürchten, ich bin gee Nähmbuhler, mache Ihnen geene Gongurrenz... Na, was loofen Se denn schon widder fort? Na, meinetwegen, immer loofen Se, immer loofen Se — awwer ich weeß, was ich weeß.«

*

Kapitel 21
Durch die Wüste Gobi

Von der weiteren Reise durch Sibirien erwähnen wir nur, dass das Automobil einmal vier Tage halt machen musste. Der baldige Bruch einer Achse stand zu befürchten. Doch nach Angabe Georgs konnte noch eine waldige Wasserstelle erreicht werden, schon im gebirgigen Transbaikalien gelegen, nahe den Grenzen der Mongolei.

Hier an dem kleinen Wasserfalle, der über moosige Felsblöcke rauschte, entwickelte sich unter schattigen Eichen alsbald ein Idyll, wie Leonor es während ihrer Weltreise gar nicht zu finden erwartet hatte.

Ein riesiger Feuersteinblock, den Leonor als Sehenswürdigkeit mitzunehmen beschloss, diente als Amboss, auf dem die Bruchstelle der Achse, in einem mächtigen Holzfeuer glühend gemacht, wieder verschweißt wurde. Munter ließen die Schmiede im Dreitakt ihre Hämmer erklingen, und dem Mädchen war es nur recht, dass die Monteure immer wieder andere Teile reparaturbedürftig fanden, sodass die Arbeit vier Tage in Anspruch nahm.

Leonor träumte unter den Bäumen; sie lachte über sich selbst, dass sie zu dichten anfing, auch ging sie mit Georg viel auf die sehr ergiebige Jagd, konnte sogar einen stattlichen Bären erlegen.

Auf Georgs Veranlassung hin sollten sie dann im Automobil zwei neue Reisegesellschafter bekommen. In der Umgebung des Wasserfalls gewahrte man manchmal reizende Vögelchen, in den Bewegungen und auch in ihrer Geschwätzigkeit unseren Elstern ähnlich, aber viel farbenprächtiger und außerdem von einer rührenden Zärtlichkeit unter sich. Stundenlang konnte Leonor dem Liebesspiele der einzelnen Pärchen zusehen, wie keins der Vögelchen allein fraß, sondern eins immer das andere fütterte.

Ihren zoologischen Namen kannte auch Georg nicht, wusste aber, dass sie von den Chinesen Golgos genannt wurden und ihnen als Symbol der ehelichen Liebe und Treue gelten. Diese ist bei den Golgos noch stärker entwickelt als bei den bekannten Wellensittichen, die nicht allein leben können, von denen der einzelne im Bauer verhungert, wenn ihm der Gefährte, die Gefährtin genommen ist, die tagelang das Schiff verfolgen, auf dem der gefangene Freund entführt wird.

Georg flocht geschickt aus Zweigen einen Bauer, machte ein Türchen, das sich nur nach innen leicht öffnete, hatte bald eins dieser Vögelchen gefangen, setzte es in den Bauer, und es dauerte gar nicht lange, so schlüpfte das zugehörige Weibchen von selbst in die Gefangenschaft, um dem piepsenden Gatten ein Würmchen zu bringen.

»Wenn es so einzurichten ginge, dass immer nur ein Vogel den Käfig verlassen kann, der andere die Tür dann versperrt findet, während der erste sie wieder öffnen kann, dann könnte man die Vögel in Gefangenschaft halten und ihnen dennoch völlige Freiheit gewähren.«

Dieses mechanische Problem zu lösen, war für Leonor eine Kleinigkeit. Es war eine ebenso einfache wie sinnreiche Vorrichtung, nach der das Türchen, gerade nur einen Vogel durchlassend, sich jederzeit nach innen, aber nur ein einziges Mal nach außen öffnete. Um die Sperrvorrichtung zu lösen, musste das Türchen erst wieder einmal nach innen bewegt werden. Es konnte also immer nur ein einziger Gefangener heraus, und er musste erst wieder zurückkehren, ehe sich das Schlupfloch wieder nach außen öffnen ließ.

Das gefangene Pärchen hatte die Bedeutung der zurückgehenden Klappe sehr bald erfasst. Zuerst wollten sie alle beide hinaus. Das gab es aber nicht. Und es dauerte gar nicht lange, als das befreite Vögelchen, das Männchen, mit einem Schmetterling im Schnabel zurückkehrte; erst ein ängstliches Äugen, dann schlüpfte es plötzlich durch die Klappe. Nun war diese zu einem zweiten Ausfluge frei, und hier hieß es ebenfalls, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Bald aber gewahrten die Beobachter, wie getreulich sich das Pärchen in die erlaubte Benutzung der Freiheit teilte.

Der noch verbesserte Käfig ward im Speisezimmer aufgehängt, eins nach dem anderen der Vögelchen ging im Freien auf die Suche nach Insekten, immer dem zurückgelassenen Gefährten etwas mitbringend. Dann, als sich das Automobil in Fahrt befand, gelang es ab und zu einem trotz aller Vorsicht doch noch, das Freie zu gewinnen, einholen konnte das Vögelchen den sausenden Wagen nicht, dann war die Sorge um den Vermissten stets groß; man fuhr deswegen sogar weite Strecken zurück, aber es war gar nicht nötig, man brauchte nur kurze Zeit zu halten, stets kehrte der Flüchtling zum Wagen und zu seinem Gefährten in den Käfig zurück, und bald hatten die Tierchen heraus, dass diese Ausflüge nicht mehr angingen, sie verließen das Innere des Automobils überhaupt nicht mehr, alle Fenster konnten offen stehen, und Insekten waren ihnen nur ein Leckerbissen, sonst gediehen sie auch ganz gut bei Hirse, Reis und Brotkrumen.

Die menschlichen Insassen des Automobils freuten sich herzlich über diese neuen, gefiederten Gesellschafter, die immer zutraulicher wurden, mit ihnen gleich vom Teller aßen, ohne zu ahnen, wie bald sie alle durch diese Vögelchen vom sicheren Tode errettet werden sollten.

Noch einen Gebirgszug überwunden, und vor ihnen dehnte sich in endloser Weite die Wüste Gobi aus, von den Chinesen Schamo genannt, nach der Sahara die größte der Erde, ein Gebiet von 42 000 deutschen Quadratmeilen umfassend, aber ganz anders als jene und überhaupt als die afrikanischen Wüsten beschaffen.

Die afrikanischen, arabischen und kleinasiatischen Wüsten sind starre Sandmeere, nichts als gelber Kieselsand, nur selten einmal einen dornigen Busch aufkommen lassend, hier und da mit einer durch eine Wasserquelle oder einen Brunnen bedingten Oase, welche an sich zwar sehr arm an Pflanzenarten sind, auch die genügsamen Palmen nicht ihre ganze Höhe erreichen lassen, aber infolge des Unterschieds mit der sandigen Einöde doch einen paradiesischen Eindruck machen.

Ganz anders die Wüste Gobi. Sie hat gar nicht den echten Wüstencharakter. Wohl ziehen sich breite, vegetationslose Sandstreifen durch sie hin, aber im Grunde genommen ist sie viel mehr Steppe; überall finden die Schafherden der Nomaden Nahrung, viele Flüsschen durchziehen die Steppe, die Brunnen sind zahllos.

Und dennoch ist die Durchquerung dieser mongolischen Steppenwüste für die Karawanen noch viel, viel gefährlicher als die der Sahara!

Die afrikanischen Wüsten haben ihre festen Oasen mit unversiegbaren Wasserquellen, und über diese hinweg ziehen seit uralten Zeiten die Karawanenstraßen, durch gebleichte Knochen markiert, die kein Samum mehr gänzlich verwehen kann.

Ganz anders in der Steppenwüste Gobi! Hier gibt es keine einzige Oase. Die Brunnen sind einfache Wasserlöcher, auch an den Ufern der Flüsse will keine andere Vegetation entstehen. Das macht, weil die Brunnen und die Quellen oftmals versiegen, für Jahre, aus unbekannter Ursache, bis sie plötzlich wieder Wasser haben. Hier liegt ein Naturrätsel vor, das noch nicht aufgeklärt ist. Es mögen sechs Brunnen in einer schnurgeraden Linie liegen, und plötzlich haben drei davon kein Wasser mehr, während die übrigen, immer einer um den anderen, noch wohlgefüllt sind. Und dann wechselt das wieder. Aber zu berechnen geht das gar nicht, ist von keiner Jahreszeit abhängig, das verändert sich im Jahre mehrmals.

So kommt es, dass jede Karawane, die doch ganz auf die Wasserquellen angewiesen ist, sich einen neuen Weg suchen muss. Dazu dienen die sogenannten Schimalkis, führende Wassersucher, Steppenbewohner, die noch mehr als alle ihre Stammesgenossen die wunderbare Fähigkeit besitzen, auf die weiteste Entfernung hin Wasser zu wittern, oder aber, wenn man nicht an übernatürliche Fähigkeiten glauben will, aus Erfahrung und aus für andere Augen unsichtbaren Anzeichen wissen, in welcher Richtung noch wasserhaltige Brunnen und Flüsse anzutreffen sind. Denn es genügt nicht, dass sie einen neuen Weg abgeritten und überall gefüllte Brunnen gefunden haben — hinter ihnen können diese Brunnen vielleicht alle schon wieder ausgetrocknet sein. Deshalb kann auch keine Karawane den Spuren einer anderen folgen. Heute muss die erste einen reißenden Fluss passieren, morgen findet die zweite in dem Flussbette keinen Tropfen Wasser mehr.

So muss jede Karawane, die eine gewisse Größe nicht überschreiten darf, ihren eigenen Schimalki haben, und dessen Amt ist ein so wichtiges, dass er von der chinesischen Regierung durch ein Patent mit des Kaisers eigenem Siegel als Karawanenführer bestätigt wird, seine Dienste werden mit Gold bezahlt — und dennoch wird er von den anderen Nomaden, zu denen er einst gehört hat, verachtet, da er als Schimalki in die niedrige Kaste der Gaukler übergetreten ist; er gilt als Hexenmeister, zwar gesucht und bewundert, aber auch gefürchtet und verachtet. — —

So erzählte Georg, während das Automobil an dem noch wasserreichen Gebirgszuge entlang fuhr, auf Kiachta zu.

Die Wüste Gobi war die einzige Strecke auf der ganzen Weltreise, wo er nicht als Führer dienen konnte, hier hatte er selbst einen gebraucht, d. h., er hatte sich einer Karawane angeschlossen, und zweiundsiebzig Tage hatte diese gebraucht, um von Kiachta nach Lantscheu zu gelangen, in der Luftlinie nur zweihundert geografische Meilen, und sie war gar schnell gewandert, die Karawane. Aber immer war es im Zickzack gegangen, von Brunnen zu Brunnen, und wie der Schimalki immer Wasser gefunden hatte, darüber zerbrach sich Georg noch heute den Kopf, wie er selbst sagte.

»Zerbrechen Se sich liewer Ihren Gobb nich«, warnte Adam wohlmeinend, »'s geht nich immer so gut mit enner Elfenbeenblatte wie bei mir.«

»Wir müssen erst nach Kiachta?«, fragte Leonor.

»Unbedingt, nur dort bekommen wir einen Schimalki.«

»Was erhält ein solcher Mann für seine Dienste?«

»Unter hundert Pfund Sterling nach englischem Gelde tut er es nicht, und er will Gold sehen, das er dann in der Wüste vergräbt.«

»Ja, wie sollen wir ihn dann aber engagieren, bei unserer Geldebbe?«

»Bei uns ist das etwas anderes. Ich sprach von Karawanen. Unser Automobil ist doch nicht das erste, welches die Wüste Gobi durchquert, diese Weltreisen per Automobil werden immer mehr Mode, und die Kraftwagen gehören Leute, bei denen das Geld keine Rolle spielt, die also noch ganz anders bezahlen, wenn sie nur einen guten Führer bekommen. Bei uns ist nun allerdings das Gegenteil der Fall. Hinwiederum ist es für jeden Schimalki eine Empfehlung, schon einmal ein Automobil geführt zu haben, das erstemal wird er es ohne Bezahlung übernehmen — und sonst können wir ihn auch in anderer Weise belohnen, wir sind noch immer außerhalb der Grenzen aller Kultur — dort die kleine Spieluhr, schon ein Taschenkompass hat für solch einen Wüstengaukler einen enormen Wert.«

»Kiachta ist russisch?«

»Ja, liegt aber ganz dicht an der chinesischen Grenze, und nach übereinstimmendem Beschlüsse der beiden Regierungen darf nur über diese Stadt der Grenzhandel betrieben werden.«

»Nimmt es nicht China mit dem Passwesen ebenso streng wie Russland?«

»Eigentlich ja, aber wir sind doch durch Sibirien ohne Pass gekommen, wir werden uns schon durchschlagen, zumal wenn man sich in solch einen Schildkrötenpanzer zurückziehen kann.«

Sie sollten gar nicht nach Kiachta brauchen, es nur von Weitem zu sehen bekommen.

Auf dem immer besser werdenden Wege wurden einzelne Ochsenkarren und beladene Kamele überholt, welche sich in Kiachta zu einer Karawane vereinigen wollten. Diese asiatischen Kamele hier waren zweihöckerige Trampeltiere, während die afrikanischen, mit nur einem Höcker, Dromedare heißen. Dass man die beiden Arten mit dem Gesamtnamen Kamel zusammenfasst, ist ganz richtig. Außer durch die Höcker unterscheiden sie sich fast durch gar nichts. Es gibt große und kleine, schlanke und dicke Dromedare, und dasselbe gilt von den Trampeltieren, und im Preise unterscheiden sich die Exemplare jeder Spezies wie bei den Pferden der ausgehungerte Droschkengaul vom englischen Derbysieger. Das Kamel in seiner verschiedenen Gestalt ist wie der Hund ein menschliches Kunstprodukt. Das Kamel ist wohl das einzige Tier, das in wilder Freiheit nicht vorkommt. Tungusen behaupten, in Tibet gebe es wilde Kamele, aber die Tungusen sind gerade die richtigen, denen man glauben darf. Das Kamel, das wir kennen, kann ohne menschliche Hilfe gar kein Junges zur Welt bringen. Dromedar und Trampeltier vermischen sich ohne weiteres, und bald wird daraus ein einhöckeriges, bald ein zweihöckeriges Kamel, was niemand vorher bestimmen kann. Seinen dichteren Pelz, der es auch für kälteres Klima verwendbar macht, bekommt das Trampeltier erst in eben diesen kälteren Gegenden.

Kiachta tauchte auf, mit einigen stattlichen Steingebäuden, sonst rings umgeben von einem hölzernen Hüttenmeer, gewöhnlich von 5000 Seelen bevölkert, manchmal aber auch von 50 000 Menschen belebt, unter denen jedoch noch vor kurzer Zeit kein einziges Weib geduldet wurde.

Da trat in die Mitte der Straße ein bezopfter Mann im Schafpelz und mit spitzem Strohhut, breitete, beide Arme aus und rief dem schon bremsenden Automobil chinesische Worte entgegen, von denen die anderen nur das schon bekannte Wort Schimalki verstanden, bis er auch noch in gebrochenem Englisch hinzusetzte:

»Ich will führen durch Gobi Automobil!«

Der Wagen hielt, durch das Fenster hindurch zeigte der Mongole sein Patent, auf den Namen Waulitsan ausgestellt, und zur Überraschung unserer Reisenden brachte der Mann noch zwei andere Papiere zum Vorschein, nach denen er schon das Automobil eines englischen Lords und dann auch noch das eines Franzosen durch die Wüste Gobi geleitet hatte, zwei bekannte Weltreisende, die diesem Schimalki das beste Zeugnis ausgestellt hatten.

Das kam ja alles wie gerufen! Und die Sache wurde immer einfacher. Waulitsan hatte bei der letzten Durchquerung der Wüste sein Pferd verloren, und da kann solch ein Führer nicht das erste beste brauchen, das müssen ganz besondere Pferde sein, die auch so wunderbare Eigenschaften haben wie die Wassersucher selbst. Waulitsan hatte deshalb einen weiten Marsch nach einem Dorfe gemacht, wo solch eine edle Pferdefamilie gezüchtet wurde; der Preis war ihm aber viel zu teuer gewesen, jetzt wollte er nach Maimatschin, auf der anderen Seite der Wüste gelegen, wo er von seinem Bruder ein derartiges Ross ganz billig erhielt. Aber wie dorthin gelangen? Ohne geeignetes Ross konnte er nicht als Schimalki fungieren. Er hätte sich einer Karawane anschließen müssen. Da kam auch ihm dieses Automobil, das doch sicher durch die Wüste wollte, wie gerufen.

»Ja, das wollen wir allerdings, und ich hoffe nur, dass du dann billig bist.«

Der Lord hatte ihm für die nur acht Tage währende Fahrt fünfundsiebzig, der Franzose sogar hundert Goldstücke gegeben.

»Wir haben aber überhaupt gar kein Geld, wir erfüllen ein Gelübde. Gibst du dich nicht mit etwas Anderem zufrieden?«

Der Führer wollte Objekte sehen. Bald aber verzichtete er überhaupt auf Honorar, er war schon zufrieden, selbst ohne Kosten und so schnell wie möglich nach Maimatschin zu kommen, und die Fremden versicherten ja, dass dieses besondere Automobil nur die Hälfte der Zeit brauche wie jene beiden anderen.

Der Mann hatte sein Bündel und seine vorn trichterförmige Donnerbüchse nebenan im Graben liegen, wo er gerastet hatte, er holte beides herbei, stieg in den Wagen, gab die Richtung an, und Maximus schwenkte sofort in die Steppe hinein.

»Heern Se, Mister Hartung«, fing da Adam an, »wie breit is denn diese Wieste?«

»Nur wenig über zweihundert geografische Meilen, achthundert englische.«

»Un ham mir denn da besondere Hindernisse?«

»Durchaus nicht!«

»Un dazu brauchen mir nur drei Dage?«

»Wenn wir wollen, sogar nur vierundzwanzig Stunden, wir können doch auch bei Nacht fahren.«

»Ja, heern Se, wozu brauchen mir denn da eegentlich eenen Führer, der Wasser suchen muss?«

Leonor blickte den Frager starr an, dann schlug sie sich vor die Stirn und brach in ein herzliches Lachen aus.

»Mister Green hat recht, was brauchen wir denn eigentlich solch einen Karawanenführer, das ist ja zu dumm von uns, an so was nicht zu denken...«

»O nein, ich habe wohl daran gedacht«, verteidigte Georg bei aller Bescheidenheit seinen eigenen Geist. »Ich glaubte. Sie interessierten sich dafür, unter der Führung solch eines Schimalkis zu fahren, zu sehen, wie er das Wasser zu finden weiß. Wir müssen uns bloß dem Gedanken hingeben, als seien wir selbst wasserbedürftige Karawanenreisende.«

Georg hatte Recht. Er hatte nur gemeint, dass er auf dieser Strecke nicht Reisenden zu Fuß oder zu Pferde hätte als Führer dienen können, weil immer wieder ein neuer Weg gesucht werden muss. Für dieses Automobil hatten 200 Meilen ja gar nichts zu sagen. Sonst aber stimmte ihm Leonor bei. Man wollte sich der Führung solch eines mongolischen Hexenmeisters überlassen. Und gesetzt nun den Fall, mitten in dieser Wüste brach etwas an der Maschinerie und die Reparatur erforderte lange Zeit? Überall hätte Georg die Durstigen nach Wasser führen können, aber nicht in dieser Wüste! So war es schon sicherer, man nahm solch einen Schimalki mit.

Maximus sauste mit seiner gewöhnlichen Geschwindigkeit von 40 Kilometern über die mit Salzkräutern bestandene Steppe dahin. Leonor betrachtete den Mongolen, mit dem sich Georg auf Chinesisch unterhielt.

»Der Mann gefällt mir gar nicht, er macht einen ganz unsympathischen Eindruck«, meinte sie dann zu ihrem Gefährten.

»Haben Sie schon einmal einen Mongolen gesehen, der einen sympathischen Eindruck macht?«, lächelte Georg.

»Ist es ein Chinese?«

»Ja, insofern, als er innerhalb der chinesischen Grenzen geboren ist. Sonst ist das ein weiter Begriff. Er ist ein Oeloed, entstammt einem Nomadenvolke, das mit seinen Schafherden rastlos durch diese Steppe zieht, ständig auf der Suche nach Wasser, ständig in Gefahr, seine Herden verhungern zu sehen, und diese dürftige Heimat dennoch ebenso liebend wie der Eskimo seine Eiswüsten, sie für das Paradies der Erde haltend, in der Fremde, wo die Natur ihm alles schenkt, vor namenloser Sehnsucht sich verzehrend.«

Eine Karawane wurde überholt, aus Hunderten von Ochsenkarren und Kamelen bestehend, die verschiedensten Erzeugnisse Russlands nach China bringend, hauptsächlich Baumwollenzeuge, Leder und Pelzwerk. Auf der Rückreise dagegen überführen die Karawanen nach Russland der Hauptsache nach Tee, und zwar eine ganz besondere Art von Tee, der glücklicherweise zu uns nach Europa gar nicht kommt, den sogenannten Ziegeltee.

Es ist die geringste Teesorte, die mit Schaf- und Ochsenblut angerührt und in ziegelsteinähnliche Formen gepresst wird. Von den ansässigen Chinesen selbst verschmäht, sind diese Teeziegel für die Völker der Mongolei, Mandschurei und von ganz Sibirien seit undenklichen Zeiten das tägliche Brot, welches in Stücke geklopft und mit Milch und Hammelfett gekocht wird. Muss deliziös schmecken! Diese Teeziegel sind ein so wichtiger Handelsartikel, dass sie sogar als Münze gelten, es wird mit den Ziegeln wie mit Geld bezahlt. Die chinesischen Truppen der Mongolei und Mandschurei erhalten sie denn auch direkt als Sold.

Am bemerkenswertesten war der erste Wagen, von zwei prächtigen, schneeweißen Ochsen gezogen. Dieser, ein zweirädriger Karren wie alle anderen, war unbefrachtet, in ihm stand aufrecht nur eine buntbemalte Götzenfigur, welche einen beweglichen Arm ausstreckte, dessen Hand aus Magneteisen bestand und immer nach Süden zeigte. Denn der Chinese, der alles umgedreht machen muss, wie er zur Verneinung mit dem Kopfe nickt und zur Bejahung ihn schüttelt, verwendet den negativen Magnetismus, lässt seine Magnetnadel, die er schon vor uns Europäern besaß, nach Süden zeigen.

Übrigens charakterisiert den Chinesen, als Diplomaten wie als Handelsmann wie überhaupt als Menschen, nichts so gut, wie diese Kopfbewegung, wenn wir das von unserer Seite aus betrachten. Er sagt Ja und schüttelt dazu den Kopf, und wenn er Nein sagt, nickt er. Wir Europäer wissen niemals, wie es mit einem Chinesen zu halten ist, er sucht jeden über's Ohr zu hauen.

Die magnetische Hand soll nicht eigentlich die Richtung angeben. Dazu hat man den Schimalki, und fehlt dieser, dann nützt auch dieser Wegweiser nichts, um Wasser zu finden. Die buddhistische Figur ist nur der Schutzgott der Karawane, als Attribut hat man ihm die magnetische Hand gegeben, darin ein Wunder erblickend, und das ganz mit Recht, denn auch wir wissen ja noch gar nicht, was Elektrizität und Magnetismus eigentlich sind — und wir können ihre geheimnisvollen Kräfte nur schon etwas benutzen, weiter nichts.

Nach einer Stunde hatte Maximus eine Strecke zurückgelegt, zu welcher die Karawane sieben gebrauchen würde, das Automobil erreichte den ersten Brunnen, bis zum Rande mit wohlschmeckendem Wasser gefüllt.

Von einem Wege bis hierher war nichts zu bemerken gewesen, nicht die geringste Spur hatten Georgs Falkenaugen erblickt, und der Schimalki hatte immer eine schnurgerade Richtung innegehalten.

Gefragt, wie er sich in der pfadlosen Steppe, die nicht das geringste Merkmal enthielt, so genau orientieren könne, so direkt auf diesen Brunnen zu stoßen vermöge, hüllte sich der Hexenmeister in Geheimniskrämerei, sprach von Göttern und Geistern. Doch er zeigte ja hier an diesem Brunnen, wie er es ›machte‹, um nun den nächsten Brunnen zu finden.

Er verließ den Wagen, verrichtete unter Gliederverrenkungen ein Gebet, legte seinem Bündel entnommene Stäbchen von verschiedener Farbe kreuz und quer, legte sich wohl gewissermaßen die Karten, dann entnahm er einem Beutelchen getrocknete Kräuter, zündete diese an, wieder Gliederverrenkungen, noch einmal die Stäbchen hin und her gelegt — so, nun wusste er, wo er den nächsten Brunnen finden würde.

Karten und Götter und Geister aber hatten ihn betrogen, er hatte sich vergebens mit den Füßen auf dem Rücken gekratzt. Wohl erreichte er nach einer halben Stunde in schnurgerader Richtung abermals ein Brunnenloch, aber dieses enthielt keinen Tropfen Wasser!

Interessant war jedoch, dass Spuren anzeigten, wie erst vor ganz kurzer Zeit, vielleicht erst gestern, hier eine große Karawane sich mit Wasser versehen hatte, und dass sie den Brunnen so gründlich ausgetrunken hatte, das war doch nicht anzunehmen. Der Brunnen war eben plötzlich versiegt.

Der Hexenmeister ließ sich durch diesen Fehlschlag auch gar nicht irremachen.

»Dreimal drei ist neun und mit dem heiligen Schitus dazu ist es sieben«, sagte er unverfroren, gab eine neue Richtung an und... schon nach fünf Minuten erreichte das Automobil einen anderen Brunnen, der kristallklares Wasser enthielt!

Der heilige Schitus hatte Recht gehabt. Aber für die Europäer war es ein unerklärliches Rätsel, sie hätten vielleicht besser getan, wie die Mongolen an Zauberei zu glauben, anstatt sich den Kopf zu zerbrechen, weil das doch nicht immer so gut abgeht wie bei Mr. Adam Green.

Im Laufe des Tages und der ganzen Nacht durchquerte Maximus geschwollene und wasserleere Flüsse; mir verbreiterten Rädern nahm er verschiedene echte Wüstenstreifen, und mit Leonors Einwilligung ließ Georg den Schimalki das Experiment des Wassersuchens noch oftmals wiederholen, auch bei Nacht, wodurch eine Zickzacklinie entstand. Aber am nächsten Abend würde man doch noch die Grenze der Steppe erreichen können.

Am anderen Nachmittage um vier Uhr sollte wie gewöhnlich die gemeinsame Hauptmahlzeit eingenommen werden, an der nur Adam wegen seiner Schnupftabaknase nicht teilnahm, er bediente unterdessen das Steuer.

Gestern hatte der Schimalki von allem seine Ration erhalten, heute verweigerte er sie. Es war ein Fasttag des Buddhisten. Aber hungern wollte er deshalb nicht, er ließ sich Reis geben, den er nur selbst koscher kochen musste. Dies tat er in dem elektrischen Ofen, dessen Konstruktion ihn gar nicht sehr verwirrte, kochte zu gleicher Zeit, da Tom das Essen zubereitete, nur ängstlich darauf achtend, dass dieser seinen Topf nicht berührte.

Der Tisch war gedeckt, Tom servierte Fisch und Braten, denen nicht anzumerken war, dass sie getrocknet und geräuchert gewesen waren, danach gab es einen kalten Reispudding.

Diesen zerschnitt Leonor noch in Scheiben, als eines der Vögelchen auf den Tisch gehüpft kam, auf den Schüsselrand hinauf, es pickte unter Leonors Messer an dem Reis herum.

Plötzlich zappelte das Tierchen mit den Flügeln, sperrte den Schnabel auf, fiel auf den Rücken, zuckte noch etwas mit den Beinen, dann war es tot.

Alle hatten es gesehen. Es hatte keine halbe Minute gedauert.

»Das sieht ja aus, als ob der Pudding vergiftet wäre!«, rief Georg.

Mit kreideweißem Gesicht zuckte der brave Tom empor, gleichzeitig aber auch nach dem Schimalki deutend, der sich gerade an dem Ofen mit seinem Reis zu schaffen machte.

»Dann ist's der gewesen! Er hat vorhin den Deckel von meinem Reistopf gehoben, und als er sich beobachtet sah, machte er so eine komische Nase. Mir fiel's gleich auf, aber wer denkt daran, dass der Gift hineintut!«

Georg hatte es gehört — und mehr noch hatte er gesehen.

Noch ehe der Vogel umgefallen war, noch ehe Georg jene Worte gerufen, hatte der am Ofen beschäftigte Schimalki nach dem Tische geblickt, und es war so ein scheuer, lauernder Blick aus den geschlitzten Mongolenaugen gewesen, der Georg gleich aufgefallen war, aber auch er konnte sich ja gar nichts dabei denken — bis er von dem Gifte gesprochen, wonach der Schimalki schnell seinen Kopf zurückgedreht hatte, und doch glaubte Georg noch das Erschrecken bemerkt zu haben.


Illustration

Jetzt war er seiner Sache sicher, mit einem Sprunge hatte er den tödlich erschrockenen Mann vorn am Schaffell gepackt.

»Du hast unseren Reis vergiftet, gestehe!«

»Nix Gift, nix Englisch verstehen«, stotterte der quittengelb gewordene Mongole mit entsetzten Augen.

Mit einem Ruck hatte Georg ihn an den Tisch gebracht, hielt ihm ein Stück des Reispuddings vor den Mund.

»Iss!«

»Ich darf nicht.«

»Iss, sage ich dir!«

»Ich muss fasten!«

Da machte der Schimalki eine verdächtige Bewegung, er hatte etwas in der Hand, wollte es zum Fenster hinauswerfen — Georg hatte es gemerkt, ergriff noch rechtzeitig die geschlossene Faust, brach die Finger auf — sie hatten ein hölzernes Büchschen umschlossen.

Georg ließ den Mongolen von den beiden Arbeitern festhalten und öffnete die Holzbüchse. Sie enthielt ein weißes Pulver, oder vielmehr feine, lange Kristalle, wie weiße Hasenhaare, aber kristallinisch funkelnd, und dieses Aussehen genügte für Georg.

»Laola!«, rief er. »Der Extrakt der fürchterlichen Pflanze, mit denen die Chinesen im Kriege die Brunnen vergiften! Hund, weshalb wolltest du uns morden?«

Da fiel ihm das Aussehen des Mongolen auf, dessen Augen immer weiter hervortraten, er rang nach Luft, röchelte, und auch die Ursache dieser Erscheinung kannte Georg.

»Er hat seine Zunge verschluckt!«

Er wollte die fest zusammengepressten Zähne des Mannes aufbrechen, kam aber zu spät. Nach einer Minute war der Schimalki eine Leiche. Er hatte nach chinesischer Selbstmordweise, die aber auch viele Negerstämme kennen, seine Zunge in den Hals hinabgeschluckt.

Erschrocken sahen sich unsere Freunde an.

»Das Laola wirkt erst, wenn es durch die Verdauung ins Blut kommt, dann aber sofort tödlich«, erklärte Georg. »Wir hätten zwei Stunden gar nichts davon gemerkt. Auch Mr. Green hätte noch nachträglich von dem Pudding gegessen — wir wären sämtlich des Todes gewesen. Dieser Golgo hat uns gerettet. Solch ein Vögelchen ist doch ganz anders beschaffen als ein Mensch, ein verschlucktes Reiskörnchen genügte, um es sofort zu töten.«

»Aber warum wollte er uns vergiften?«, fragte Leonor mit entsetzten Augen.

»Um uns zu berauben.«

Starr blickte das Mädchen Georg an.

»Mir kommt die Sache nicht so einfach vor.«

»Was denken Sie?«

»Wie der Mann uns auf der Straße nach Kiachta erwartete, wie er sich herandrängte, wie das alles gerade so passte — es fiel mir sofort auf.«

»Sie haben recht, mir auch. Aber ich habe nie davon gesprochen, den Mann nur immer beobachtet.«

»Könnte Mr. Deacon hier schon unseren Weg kreuzen?«

Georg zuckte etwas zusammen, beherrschte sich schnell wieder.

»O ja, warum nicht? Zeit genug hätte er gehabt, um von San Francisco nach China zu kommen und von der Küste bis nach Kiachta oder tiefer in die Wüste hinein.«

»Ob er seine Hand im Spiele haben könnte?«

»Ja, Miss, wie soll ich das wissen? Aber einen Vorschlag will ich machen.«

»Nun?«

»Tun wir, als hätte der Giftmörder seinen Zweck erreicht. Wir sind alle tot. Auch der Mörder hat dabei seinen Tod gefunden. Wenn wir annehmen, dass es nicht auf irgendein beliebiges Automobil abgesehen gewesen ist, sondern gerade auf unseren Maximus, so musste der Betreffende, der diesen Schimalki geworben, doch auch wissen, dass dieser Mongole nicht imstande ist, unser Automobil zu steuern. Vielleicht zum Halten hätte er es bringen können. Also halten wir, setzen wir vierundzwanzig Stunden daran, um zu erfahren, was daraus wird.«

»Sie meinen, dass jemand die Spur des Automobils verfolgt?«

»Ich glaube eher, dass man ihm aus Süden entgegenkommen wird. Sonst hätte der Giftmörder seinen Plan wohl schon eher ausgeführt. Ich vermute, dass er einen Rendezvousplatz in der Wüste ausgemacht hat oder doch eine bestimmte Linie einhalten wollte, wahrscheinlich sogar zu einer bestimmten Zeit? Denn er hat an dem Brunnen die Weiterfahrt durch seinen Hokuspokus manchmal so übermäßig verzögert.«

Leonor ging auf den Vorschlag ein, war bereit, noch mehr als vierundzwanzig Stunden dazu herzugeben. Sie hatten ja nichts zu versäumen.

Erst aber wollte man noch den Steppenfluss erreichen, von dem Waulitsan zuletzt gesprochen hatte, und es war sehr leicht möglich, wenn der ganzen Kalkulation überhaupt etwas Wahres zugrunde lag, dass er gerade diesen Steppenfluss im Auge gehabt, denn es war ein ganz besonderer, war einer von den wenigen, welche nie versiegten.

Zunächst musste die Leiche, die doch nicht in dem Automobil bleiben konnte, begraben werden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das war gerade jetzt möglich, weil das Automobil eine sandige Stelle mit zu Walzen verbreiterten Rädern nahm.

Unter Anleitung Georgs gruben die beiden Arbeiter ein möglichst tiefes Loch, die Leiche wurde hineingelegt, mit frisch gebranntem Kalk bedeckt, das Loch wieder zugeschaufelt. Das in eine Straßenwalze verwandelte Automobil brauchte nur noch einmal darüber zu fahren, und keine Spur war mehr davon zu bemerken. Auch dass die Leiche von Hunden oder Pferden gewittert werden könnte, brauchte man nicht zu fürchten. Schon der trockene Sand hat eine desinfizierende und mumifizierende Wirkung, die durch den gebrannten Kalk noch verstärkt wurde.

»Wird der andere Golgo nun wirklich sterben, weil er keine Nahrung mehr nimmt?«, fragte Leonor.

Georg konnte es mit Bestimmtheit versichern. Das im Käfig zurückgebliebene Weibchen zeigte schon jetzt große Unruhe wegen des langen Fernbleibens des Gefährten.

»So töten Sie es sofort, es soll denselben Tod finden wie das Männchen, geben Sie ihm von dem vergifteten Reis.«

Stutzend blickte Georg zur Sprecherin. Aber er irrte, wenn er meinte, dieser Wunsch des Mädchens entspränge mehr einem praktischen Verstande als dem gefühlvollen Herzen eines echten Weibes. Die Tränen, in die Leonor plötzlich ausbrach, sodass sie schnell aus diesem Zimmer flüchtete, um sich lange in ihrer Kabine eingeschlossen zu halten, erzählten ihm das Gegenteil.

So kam Georg der Aufforderung nach, das Vögelchen nahm den angebotenen Reis noch einmal aus seiner Hand; in derselben Minute war es ebenfalls verendet. Georg stopfte die beiden Tierchen dann aus und setzte sie in natürlicher Stellung wieder in den Käfig, der in Leonors Schlafkammer den Ehrenplatz erhielt.

*

Kapitel 22
Mit Pferdevorspann

Adam meldete, dass der Fluss in Sicht sei. Er wurde erreicht, durchschwommen, und am anderen Ufer blieb das Automobil stehen. Hier wollte man abwarten, ob sich noch andere Menschen um dieses Gefährt, dessen Besatzung hatte ermordet werden sollen, kümmern würden oder nicht, und Leonor hatte schon Andeutungen gemacht, dass sie dafür eine ganze Woche zu opfern bereit sei.

Der Schimalki hatte also gesagt, dass dieses Flüsschen ständig Wasser enthalte, nie versiege. Es war gegen sechs Meter breit, nur flach, das kristallklare Wasser erreichte fast den Uferrand.

Hätte die Gobi hier ihren eigentlichen Steppencharakter gehabt, so hätte sich die Vegetation hier besser entwickelt, Nomaden wären mit ihren Herden an den Ufern dieses Flüsschens ständig auf und ab gewandert. Aber während der letzten halben Stunde hatte das Automobil ein richtiges Wüstengebiet passiert, nur nicht mit feinem Sande, sondern mit faustgroßen Kieselsteinen bedeckt, zu deren Überwindung nicht die Walzenräder nötig gewesen waren, wenn die normalen Radreifen auch tiefe Furchen hinterlassen hatten, und dieses ungeheure Kieselfeld begrenzte auch den Fluss, an dessen Ufern somit kein Hälmchen gedieh, und da es von Osten nach Westen floss, kam es für die ausschließlich nach Norden oder Süden gehenden Karawanen nur als einmalige Wasserstation in Betracht.

Die Panzerplatten wurden hochgezogen — so, nun wollte man warten, was da kommen mochte. Die ausgekuppelte Maschine speiste die Akkumulatoren mit Elektrizität, das Wasser wurde aus dem Flusse ergänzt, wozu man durch die hintere Tür einen Schlauch auswarf — verlassen durfte das Automobil niemand mit einem Fuße, um keine Spur zu erzeugen.

Die Nacht brach an, sie verging — ein zweiter Tag, eine zweite Nacht — kein Mensch war in der gelben Steinwüste aufgetaucht.

Und Leonor hüllte sich in Schweigen.

Endlich brach Georg dieses doch einmal.

»Wenn der Schimalki nun aus eigener Initiative gehandelt hat und uns nur berauben wollte?«

»Nun, was dann?«

»Dann genn mir hier bis an unser seliges Ende warten«, ergänzte Adam die Ansicht Georgs.

»Nein, ich bin anderer Meinung. Wie weit sind wir hier noch von der Grenze der Kultur entfernt?«

»Waulitsan sagte, dass die Karawanen von diesem perennierenden Flüsschen aus noch sechs Tage bis nach Lantscheu brauchten.«

Auf der Karte, die sie besaßen, waren mehrere Flüsse angegeben, welche die Gobi durchzogen, aber welcher davon dieser hier war, das wussten sie nicht.

»Das bedeutet für uns doch nur zehn Stunden.«

»Höchstens. Die Karawanen müssen ja immer im Zickzack wandern, um Wasser aufzusuchen, woran wir nicht gebunden sind.«

»Wie viel Proviant haben wir noch?«

Er reichte noch für zwanzig Tage.

»So bin ich entschlossen, hier bis zu zwanzig Tagen auszuharren.«

Leonor sprach's — und hüllte sich wieder in Schweigen.

Woran sie dachte, war ja ganz klar. An Deacon. Dass von diesem der Giftmörder geworben worden war. Oder jedenfalls wollte sie sich Gewissheit verschaffen, ob noch andere dahinter steckten, für die dieser Schimalki nur gearbeitet hatte.

Wenn nun eine Verabredung vorlag, so war es ja für solche Nomaden eine Kleinigkeit, das führerlose stehen gebliebene Automobil in der Wüste trotz deren Endlosigkeit aufzufinden.

Der Auftraggeber hatte etwa zu dem Schimalki, der sich den Automobilfahrern als Führer hatte aufdrängen müssen, gesagt:

»Du richtest es so ein, dass du den Europäern das Gift beibringst, kurz bevor sie diesen Fluss passieren, oder vielmehr, dass der Tod bei ihnen eintritt, kurz nachdem sie diesen Fluss hinter sich haben. Dann können wir die Spuren des Automobils immer finden und sie verfolgen.«

Ja, so war es möglich. Aber wenn nun auch diese Helfershelfer von Norden kamen, wie lange sollte es denn dauern, bis sie hierher gelangten, selbst wenn sie auf schnellen Pferden folgten?

Doch es war nur Georg, der solchen grübelnden Gedanken nachhing. Die beiden Arbeiter hatten wohl gar keine eigene Meinung, dem Meister Adam war überhaupt alles ›ganz Wurscht‹, und Leonor sprach über alles andere, nur nicht hierüber.

Die Hauptsache aber war, dass sie mit ihrer Mutmaßung, die schon mehr eine Ahnung zu nennen war, wirklich recht behalten sollte!

Der dritte Tag war noch nicht lange angebrochen, Leonor ging wie gewöhnlich unausgesetzt von einem der Gucklöcher zum anderen, um die Wüste abzuspähen, als sie einen leisen Schrei ausstieß.

»Da kommen sie schon!«

Ja, dort, wo sich im Osten der Fluss als ein Silberstreifen am Horizonte verlor, waren zwei Reiter aufgetaucht, als winzige Figuren, durch die hinter ihnen stehende Morgensonne aber deutlich erkennbar. Man sah sogar, wie sie jetzt die Hand ausstreckten, auf das Automobil deutend, und dann winkten sie zurück, beide Hände trichterförmig vor dem Mund, und bald erschienen andere Reiter, immer mehr, bis man achtzehn Stück zählen konnte, die in Galopp das Flüsschen entlang ritten.

»Auf das Automobil haben sie es abgesehen, das stimmt«, sagte Georg; »aber ob sie es hier erwartet haben, das ist doch sehr die Frage.«

»Mir sagt eine innere Stimme, dass wir die Richtigen vor uns haben«, entgegnete Leonor, »und wir werden es ja sofort erfahren, indem wir ihre Unterhaltung belauschen. Sie sprechen doch perfekt Chinesisch, Mr. Hartung?«

»Ja, aber es kommt darauf an, ob sich auch jene Leute der chinesischen Sprache bedienen werden. Im chinesischen Reiche gibt es noch viele andere Sprachen, die mit dem Chinesischen gar keine Ähnlichkeit haben.«

Weitere Vorbereitungen brauchten die Insassen des Automobils nicht zu treffen. Dass darin kein Lärm gemacht und nur im leisesten Flüstertöne gesprochen werden durfte, war ganz selbstverständlich. Die Insassen mussten eben dem Gifte des Schimalkis zum Opfer gefallen sein, und wo dieser geblieben war, darüber mochten sich jene Leute selbst einigen, vorausgesetzt, dass es auch wirklich die Helfershelfer des Giftmörders waren.

Das Automobil war vollständig geschlossen, die Panzerplatten durch kein Hilfsmittel zu demolieren, was man bei diesen Wüstenreitern erwarten durfte. Nur die kleinen, mit äußerst starkem Glase versehenen Gucklöcher konnten offen bleiben, das heißt, sie brauchten nicht noch mit den innen angebrachten Metallplatten verschlossen zu werden. Ein Außenstehender konnte durch sie hindurch nicht etwa ins Innere des Automobils spähen. Es ist ja bekannt, dass man schon durch eine gewöhnliche Fensterscheibe sehr schwer in das Innere eines Zimmers blicken kann, da muss man schon das Auge ganz dicht an die Scheibe bringen, und das wird umso schwerer, je stärker die Glasscheibe ist. Hier konnte jemand getrost das Auge dicht an eins der Gucklöcher legen, er sah absolut nichts, nicht einmal das innen angelegte Auge, welches draußen alles überblickte. Natürlich durfte innen kein Licht brennen, man musste sich mit dem spärlichen Lichte begnügen, welches eben diese kleinen Guckfensterchen spendeten. Auch keine Tür durfte geöffnet werden, sodass die Gucklöcher Gegenlicht bekamen. Oder wollte man dies tun, so musste erst das gegenüberliegende Fensterchen mit der Platte verschlossen werden, was also ganz unbemerkt geschehen konnte.

Wie vorzüglich diese Panzerplatten den Schall leiteten, während sie andererseits so schlechte Wärmeleiter waren, davon hatte sich Georg schon oft überzeugt. Fast das geringste Geräusch konnte man durch sie hindurch vernehmen, und umso vorsichtiger mussten natürlich die Insassen sein, die ja für tot zu gelten hatten.

Die achtzehn Reiter hatten das Automobil erreicht, Mongolen, Steppenbewohner, ebenso gekleidet wie der Schimalki, auf kleinen, mageren Pferden sitzend, die aber an Schnelligkeit und Ausdauer Außerordentliches leisten und dabei genügsam wie die Kamele sind. Außer einem Wasserschlauche und Proviantsacke hatte jeder hinter sich noch ein großes Bündel von steinhart gepresstem Heu.

Nur der eine Reiter unterschied sich von den anderen, weniger durch seine Kleidung als durch seine Gesichtszüge.

»Artur Deacon, er ist es!«, hatte Leonor hervorgestoßen, als sie dies noch ohne Vorsicht durfte.

Schnell aber sah sie ihren Irrtum ein. Der Mann glich nur insofern Mr. Deacon, als auch dieser wie der Mann hier südländische, etwa italienische Gesichtszüge hatte, wozu noch der schwarze Schnurrbart kam. Ein Mongole war dieser, der den Führer spielte, keinesfalls. Beim Näherkommen zeigte er auch einen Unterschied in seiner besseren Kleidung.

Ja, sie hatten das Automobil hier erwartet oder doch hier zu finden gehofft, das war ihnen gleich anzumerken, aber sie waren auch erstaunt, dass es wirklich hier stand.

»Was für ein tüchtiger Kerl ist dieser Waulitsan!!«, rief der Italiener, wie wir ihn wegen seines Aussehens vorläufig nennen wollen, in lobender Bewunderung, sich des Chinesischen bedienend. »Bis genau auf die verabredete Stelle hat er es dirigiert, obgleich wir doch erst von hier aus die Spur verfolgen wollten!«

In flüsterndem Tone übersetzte Georg dem Mädchen diese chinesischen Worte wie auch fernerhin alles, was von Bedeutung war. Dabei hatten sie die Augen an den Gucklöchern.

Der Italiener war abgesprungen, ging um das Automobil herum.

»Ja, wo ist denn hier die Tür?«

Einige der Mongolen halfen mit suchen, klopften überall, fanden sie nicht.

»Dass Waulitsans Anschlag geglückt ist, dass sich die fünf Passagiere als Leichen darin befinden, daran ist ja kein Zweifel, aber wo ist Waulitsan selbst?«

Man riet hin und her und kam zu dem Ergebnisse, dass sich Waulitsan entweder selbst als Leiche im Innern befand, indem die Reisenden, ihre Vergiftung fühlend, ihn getötet hatten, oder dass er das Automobil schon vorher verlassen, eben weil er für sein Leben gefürchtet hatte. Dann würde er noch nachkommen, wenn er nicht in der Wüste sein Ende gefunden hatte.

»Aber wir müssen doch hier eindringen können!«

Man suchte nochmals nach einem Eingänge, auch von oben, in jede wirkliche oder vermeintliche Fuge ward das Messer gesteckt — alles vergeblich. Ebenso wenig nützte es etwas, das Auge dicht an eins der Gucklöcher zu pressen, man glaubte sogar, diese seien inwendig durch Platten verschlossen, obgleich dies doch gar nicht der Fall war.

»Dass sich dieses Automobil ganz verschließen lässt, weiß ich, aber infam ist es, dass das gerade der Fall war, als die fünf Menschen starben. Und doch! Sollten es nicht Glasfenster sein, die von außen nur undurchsichtig erscheinen?«

Also dieses physikalische Gesetz schien auch der Italiener zu kennen, und nun besaß er leider auch das Mittel, um eine Prüfung anzustellen — er brachte aus seiner Tasche eine Lampe zum Vorschein, die sich beim Anzünden als eine Blendlaterne erwies.

Rechtzeitig hatte Georg gewarnt, rechtzeitig waren alle Klappen geschlossen worden, vor allen Dingen erst die, gegen welche der Italiener die Blendlaterne richtete, und nun freilich sah er hinter dem Fensterchen nichts Anderes als eben eine undurchsichtige Klappe, und so auch bei allen anderen.

»Verdammt! Hatten die auch alle die Schießscharten verschlossen. Doch es ist ja ganz gleichgültig, ob sich die Leichen darin befinden oder nicht, Hauptsache ist, dass ich das Automobil habe, drin habe ich ja überhaupt gar nichts zu suchen, und auch auf Waulitsan brauche ich nicht zu warten, und ist er draußen und am Leben, mag er unsere Spur verfolgen. Vorwärts, vorgespannt!«

Die Guckfensterchen wurden vorsichtig wieder geöffnet. Der Italiener hatte seine Laterne schon wieder eingesteckt, und man sah, wie die abgesessenen Mongolen an Vorsprüngen, welche das Automobil vorn doch hin und wieder zeigte, lange Lederriemen befestigten und ihre Pferde vorspannten. Sie saßen selbst wieder auf. Die Pferde, für die Begleitung der Karawanen überhaupt schon zum Ziehen abgerichtet, zogen an, mit Leichtigkeit das ja nicht allzu schwere Automobil in Fahrt bringend.

Es waren sechzehn Pferde, welche unter ihren Reitern dazu verwendet wurden, der eine, der den Führer machte, war offenbar ein Schimalki, der Italiener ritt nebenher.

Die lebendigen Toten im Automobil hatten schon ziemlich viel erfahren. Diese Mongolen waren vollständig vorbereitet gewesen, das gefundene Automobil mit ihren Pferden weiterzuziehen. Und dem Italiener kam es gar nicht so darauf an, ins Innere des Automobils zu gelangen, es genügte ihm, es gefunden zu haben und es weiterbefördern zu können. Also war er auch nicht der eigentliche Urheber dieses geplanten Giftmordes, auch er handelte erst im Auftrage eines Anderen, dem er gegen eine Belohnung dieses Automobil abliefern sollte.

Wer war nun dieser eigentliche Urheber? Das musste abgewartet werden, das konnte man nur dadurch erfahren, dass man sich geduldig fortziehen ließ. Den Namen des Mannes bekam man nicht zu hören, und ebenso wenig wurde leider über das Ziel gesprochen. Schweigend zog die Karawane über den Kieselgrund, und bei diesem Schweigen sollte es auch bleiben.

Nach zwei Stunden wurden die Pferde mit dem mitgenommenen Heu gefüttert und aus den Wasserschläuchen getränkt; wieder drei Stunden später wich der Kieselboden der Steppe; bald kam man an einen Brunnen, wo nochmals kurze Rast gemacht wurde, und dann wurde eine ganz andere Richtung als bisher eingeschlagen, die der Schimalki angab. Es mussten eben immer Brunnen oder Wasserquellen aufgesucht werden, und das ging so im Zickzack bis zum Abend, wo an einem Brunnen während der Nacht Rast gehalten wurde. Die Pferde fanden genug Futter, die Reiter begnügten sich mit einer Handvoll getrockneten Fleisches und einem Stück Kamelkäse, und so konnte das, was sie im Schnappsack bei sich führten, für zwei Wochen ausreichen.

»Wir können uns auf eine lange Reise mit Pferdevorspann gefasst machen«, meinte Georg.

»Weshalb nicht?«, meinte Leonor. »Wir haben ja Zeit genug, und ich muss unbedingt erfahren, wem unser Automobil schließlich ausgeliefert wird.«

Und sie währte noch sechs Tage, diese Pferdefuhre durch die mongolische Wüste! Immer im Zickzack von einem Brunnen zum anderen.

Den Insassen des Automobils, die sich wirklich als eingesargte Tote betrachten konnten, wurde die Fahrt höllisch langweilig. Dabei aber wuchs ihre Spannung, wie und wo diese Reise noch enden würde, immer mehr.

Zunächst müssen wir erwähnen, dass sie bei diesem vollständigen Abschluss nicht etwa Luftmangel litten. Für solche Situationen hatte der Erbauer des Automobils gesorgt. Der Wagen besaß auf der unteren Seite Luftlöcher, aus denen die ausgeatmete Kohlensäure von ganz allein wich, sich der nötige Sauerstoff auch von allein ergänzte; denn es ist das Bestreben der Atmosphäre, das normale Mischungsverhältnis zwischen Sauerstoff und Stickstoff immer zu regeln, sodass z. B. durch die Ziegelsteinmauer, welche nicht etwa absolut luftdicht ist, in den geschlossenen Raum, in dem durch Lebewesen Sauerstoff verbraucht wird, von der draußen befindlichen Luft viel mehr Sauerstoff als Stickstoff dringt. Wäre das nicht der Fall, so könnten wir überhaupt in keinem geschlossenen Zimmer auch nur eine Stunde aushalten.

Außerdem konnte die Zufuhr von frischer Luft noch verstärkt werden, indem man eine Röhre saugen ließ, wozu allerdings eine kleine Hilfsmaschine gehen musste, die aber so geräuschlos arbeitete, dass die draußen gar nichts davon merkten. Ja, die ganze Maschinerie wurde einmal in Gang gebracht, man ließ den Wagen wirklich laufen, ohne dass die Mongolen etwas davon gewahr wurden.

Ab und zu wurden schmale Sandstreifen passiert, in denen die Pferde furchtbar zu würgen hatten, und ihnen so behilflich zu sein, dass man die Räder verbreiterte, das ging natürlich nicht. Wohl aber riskierte Leonor nach einer Rücksprache mit Adam, die Maschine in Gang zu setzen und die Räder sich etwas drehen zu lassen, was den Pferden schon eine große Hilfe war, und die Mongolen merkten nichts von dieser heimlichen Kraft, welche das Automobil selbst spendete, ebenso wenig, wenn das Automobil, als die Gegend zuletzt hügelig wurde, beim Überwinden der Abhänge durch seine sich umdrehenden Räder etwas nachhalf.

Auf diese Weise kam man viel schneller vorwärts, vermied vor allen Dingen große Umwege, die die Pferdetreiber sonst sicherlich gemacht hätten, um Strecken zu vermeiden, von denen sie schon wussten, dass ihre Tiere sie mit der schweren Last nicht überwinden konnten.

*

Kapitel 23
Im feurigen Ofen

Am sechsten Tage zeigte sich endlich eine Karawane, dann tauchten auch einzelne Reiter auf, sogar Fußgänger, alles verriet, dass man sich einem Flecken näherte, und da erkannte Georg an dem Aussehen der hügeligen Gegend, dass man nur Lantscheu vor sich haben könne, welches damals auch das Endziel der Karawane, der er sich angeschlossen, gewesen war, sodass er von hier aus wieder als Führer dienen konnte.

Noch um einen Hügel herum, und vor ihnen lag tatsächlich Lantscheu, die ansehnliche Karawanenstadt, mit Kiachta korrespondierend, auf dem Karawanenwege aus dem waldreichen Transbaikalien besonders viel Bauholz empfangend, was trotz des weiten Wüstenweges eben billiger zu haben ist als aus der waldarmen Umgegend.

Die sechzehn Zugpferde keuchten auf der sandigen Landstraße, schnell war das Automobil von Hunderten, dann von Tausenden von Chinesen umringt, und es machte fast den Eindruck, als ob diese Leute noch gar kein Automobil gesehen hätten, und ein solches, das einem riesenhaften, geschlossenen Sarge glich, konnten sie auch wirklich noch nicht gesehen haben. Sie zeigten vor dem Ungetüm ebenso viel Staunen wie Furcht.

Der Italiener kümmerte sich nicht um die Menschenmassen, beantwortete keine Frage, er gab die Richtung an, und zwar war das Ziel ein noch außerhalb der Stadt stehendes Haus, schon halb europäisch, von vielen Schuppen und Holzniederlagen umgrenzt.

Noch vor der Einfahrt kam dem Zuge ein kleiner, kugelrunder Chinese, reich gekleidet, entgegengelaufen. Mit stürmischer Freude, einem zeremoniellen Chinesen gar nicht entsprechend, begrüßte er den Italiener, redete ihn auf Englisch an, gratulierte ihm zu seinem Erfolge.

Doch was die beiden dann sprachen, konnte nicht gehört werden, es geschah zu weit abseits. Nur einige Worte konnten dann, als sie wieder näher kamen, noch aufgefangen werden.

»Also halbpart, was?«, sagte der Chinese.

»Selbstverständlich, das haben wir doch schriftlich ausgemacht«, entgegnete der Italiener.

»Ja, aber wie viel haben Sie für Ihre Dienste bekommen?«

»Tausend Dollar, nicht mehr und nicht weniger.«

»Ich glaub's nicht, Sie bekommen mehr dafür.«

»Sie aber haben fünfhundert Dollar zu bekommen, das ist schriftlich ausgemacht. Und was haben Sie denn dafür überhaupt geleistet? Sie geben nichts weiter als Ihren Schuppen her!«

»Und meinen Ruf, den ich dabei aufs Spiel setze?«

»A bah, Ihren Ruf! Der kann nicht schlechter werden! Wo ist denn nun Mister Ogly?«

»Er will in einer Stunde zurück sein. Na, der wird sich nicht schlecht freuen, dass das so geglückt ist. Ich möchte nur wissen, was der dafür bekommt.«

»Was geht's uns an? Nun sagen Sie erst, wo die Karre hin soll.«

»Hier herein, und das schnell! Meine Landsleute sehen das Ding recht scheel an.«

Ein Scheunentor wurde geöffnet, das Automobil, nachdem die Pferde abgespannt worden waren, durch Menschenkraft hineingeschoben.

Solange die Tür offen blieb, konnten die Insassen noch alles unterscheiden. Von außen gesehen war es ein äußerst weitläufiger Schuppen gewesen. Hier drin zeigte sich nur ein kleiner Raum, in den das Automobil gerade hineinging. Es war eben ein Holzschuppen, das heißt, zur Aufnahme von Brettern bestimmt, mit solchen auch ganz ausgefüllt bis auf jenen kleinen Raum in der Mitte, von welchem aus man die Bretter auch von innen herausholen konnte.

Die Tür wurde wieder geschlossen, es herrschte vollkommene Finsternis.

»Also ein Mister Ogly ist der eigentliche Urheber«, meinte Georg.

»Das ist noch nicht gesagt«, entgegnete Leonor, »er kann immer noch ein bezahltes Subjekt von Mister Deacon sein.«

»Sie haben recht, aber Sie dürfen sich auch nicht gar zu sehr auf Artur Deacon versteifen. Unsere Automobilfahrt muss jetzt schon in der ganzen Welt bekannt sein, so weit das Telegrafenkabel reicht, selbst Zeitungen können schon briefliche Berichte gebracht haben, also muss man auch wissen, was für eine Bewandtnis es mit der Kraft hat, die wir benutzen, und um in Besitz dieses wunderbaren Morrisits zu gelangen, dürften noch viele Andere zu Verbrechern werden können...«

»Schtille, schtille, 's gommt eener mit änn Lichte!«, ließ sich da Adam warnend vernehmen.

Auch die anderen hatten schon den Lichtschein bemerkt, der durch die runden Fensterchen ins Innere des Automobils drang.

Es war ein noch junger, europäisch gekleideter Mann, offenbar ein Engländer — oder Amerikaner — der mit einer Laterne eingetreten war, hinter sich die Tür wieder verschließend.

Er hob die Laterne, betrachtete das Automobil von allen Seiten, atmete hoch und tief, und immer mehr trat auf dem glattrasierten Gesicht ein triumphierendes Lächeln hervor.

»Es ist geglückt! Die 20 000 Dollar sind verdient! Zwar bin ich dabei zum Mörder geworden, aber... mit 20 000 Dollar lässt sich heute schon etwas anfangen. Nur muss ich das Automobil erst noch nach Peking transportieren. Hat keine Schwierigkeiten! Doch sollte sich denn wirklich keine Tür finden lassen?«

Er setzte die Lampe nieder und begann hinten an dem Automobil herumzufingern, wo er ganz richtig die Haupttür vermutete.

Da legte sich an Georgs Ohr Leonors Mund.

»Ich habe keine Lust«, hauchte sie, »mich so auch noch bis nach Peking transportieren zu lassen. Können Sie den Mann nicht hereinbekommen?«

Nichts leichter als das. Der Mann fingerte immer noch an der hinteren Platte herum, und da stieß er einen Jubelruf aus, die Panzerplatte hatte plötzlich unter seinen Händen nachgegeben... aber er konnte den Jubelruf nicht vollenden, dieser hätte sich auch in einen Schrei des Entsetzens verwandelt, wenn er dazu nur fähig gewesen wäre — mit sicherem Griffe hatte Georg ihn bei der Kehle gepackt und ihn ins Innere des Automobils gerissen, schon war die Tür wieder zu.

Alle Gucklöcher waren mit Klappen verschlossen. Das elektrische Licht konnte angestellt werden.

»Nur einen anderen Laut, als den einer ruhigen Antwort, und Sie sind des Todes! Wem sollten Sie in Peking dieses Automobil gegen eine Belohnung von 20 000 Dollar ausliefern?«

Der Mann war vor Entsetzen vollkommen gebrochen. Er hatte gewusst, dass sich drin die ehemaligen Passagiere als Leichen befanden, und nun waren diese plötzlich wieder lebendig geworden!

Und nachdem er sich überzeugt hatte, dass es ganz natürliche Menschen waren, war er geständig. Er besaß eben nicht die nötige Energie, die auch der Verbrecher haben muss, will er in seinem Fache etwas Tüchtiges leisten.

Ja, Leonor hatte richtig geahnt, Artur Deacon war der Hauptmacher.

Kiachta liegt an dem Telegrafengürtel, welcher die ganze Erde umspannt. Und so hatte auch schon in der englischen wie in der russischen Zeitung, die in Kiachta erscheint, etwas von dem wunderbaren Automobil und von dem noch wunderbareren Morrisit gestanden, das innerhalb zweier Jahre alle Kohle und alles Petroleum überflüssig machen sollte.

Nun hatte jene Aktiengesellschaft, deren Direktor P. L. Deacon war, wie wir wissen, auch starke Verbindungen mit Russland, mit Kiachta, hatte dort eine große Agentur, deren Leiter hier Mr. Ogly war, der immer zwischen Kiachta und Lantscheu hin und her ging.

Vor etwa einem Monat hatte Artur Deacon telegrafisch angefragt, ob sich Mr. Ogly in Kiachta befände.

Ja, der war zurzeit dort.

Und nun kam die chiffrierte Depesche, die etwa folgenden Inhalt hatte:

»Sie werden schon von dem merkwürdigen Automobil gehört haben, das von New York aus unter der Führung von Miss Leonor Morris eine Reise um die Erde macht.« — (Dass Mr. Ogly das wusste, musste er erst dem Mr. Deacon bestätigen, der in San Francisco am Telegrafenapparat stand.) — »Dieses Automobil nimmt seinen Weg durch Sibirien über Kiachta. Wenn Ihnen gelingt, sich dieses Automobils zu bemächtigen, sodass Sie es mir in Peking ausliefern, wohin ich mich mit dem nächsten Schiffe begebe, erhalten Sie 25 000 Dollar. Sind Sie damit zufrieden?«

Unverzüglich hatte Mr. Ogly ein kräftiges Ja über den Stillen Ozean nach San Francisco telegrafiert. Das Geschäft war abgeschlossen gewesen.

Der junge Mann machte in seiner Beichte eine Pause, hatte sie auch sehr nötig, der Angstschweiß tropfte ihm von der Stirn.

»Hat Ihnen Artur Deacon den direkten Auftrag gegeben, dass Sie die Insassen des Automobils durch Gift oder auf andere Weise töten sollten?«, fragte Leonor.

Nein, das hatte er nicht. Ogly solle sich des Automobils nur bemächtigen und es dem Deacon in Peking in unbeschädigtem Zustande ausliefern. Die Idee, deshalb die Passagiere zu ermorden, war Oglys eigenem Kopfe entsprungen. Er hatte einen Schimalki gekannt, der schon mehrere Automobile geführt, der, wie er wusste, schon verschiedene Verbrechen auf dem Gewissen hatte, der war schnell gewonnen gewesen, für 1000 Dollar war er bereit, die fünf Menschen durch Laola zu beseitigen. Es wurde alles Weitere ausgemacht. Es waren noch andere Helfershelfer dazu nötig — im Ganzen würde Ogly, wie der geniale junge Mann sich gleich ausgerechnet hatte, 5000 Dollar Auslagen haben, die er also gleich von seiner eigenen Prämie abgezogen hatte.

»Wir können«, wandte sich Leonor an Georg, »Mr. Artur Deacon doch eigentlich nicht des Verbrechens zeihen, dass er uns hat vergiften oder sonst wie töten lassen wollen.«

»Na, nu heern Se awwer uff, Miss Leonor«, ließ sich da Adam vernehmen. »Nu, wie sollte sich denn der junge Mann hier eegentlich des Automobils bemächtigen, wenn er uns nich errscht beiseite schaffte?«

Adam hatte recht, Leonors Entschuldigung für Deacon war ganz unangebracht, sie sah es selbst ein, aber dieses Suchen nach einer Entschuldigung sprach doch für ihren edlen Charakter.

»Was wollen wir nun mit diesem Manne beginnen?«, fragte Leonor, als jener nichts mehr zu gestehen hatte.

Leonor wandte sich schon, um den Raum, in dem das Verhör stattgefunden hatte, zu verlassen.

»Machen Sie mit ihm, was Sie wollen. Doch nicht etwa, dass ich ihn mitnehmen will. Ich verzichte auf solche Gesellschaft, habe schon einmal davon genug gehabt.«

»Aber nach Peking begeben Sie sich nun doch.«

»Um Deacon dort zur Rechenschaft zu ziehen? Ich denke nicht daran. Ich habe erfahren, wem wir das zu verdanken haben — genug.«

»So wollen Sie die Fahrt fortsetzen?«

»Ja, auf Ihrem Wege.«

»Sofort?«

»Wir können sofort aufbrechen. Das Automobil wird wieder lebendig.«

»Und dieser Mann, muss ich nochmals fragen?«

»Wird hinausgesetzt!«

»Dieser Schuft soll so ohne jede Strafe wegkommen? Da begehen wir ja selbst ein Verbrechen!«

»Wenn Sie so denken — kann ich nur wiederholen — machen Sie es, wie Sie wollen.«

»Nu freilich«, ließ sich da Adam wieder vernehmen, »mir gäm dem Manne, was er verdient hat — enne tichtge Bortzjon uff'n Hintern.«

»Gut, strafen Sie ihn, nur seien Sie nicht unmenschlich«, sagte Leonor noch, während sie schon verschwand.

»Nee, nee!«, rief Adam ihr nach. »Da genn Se ganz ruhig sin, das is ganz menschlich, da is gar nischt Iebernatierliches dabei. Also, mei liewer Freind un Giftgonditer«, wandte er sich an Ogly, »wie viel sollten Sie kriegen, wenn Sie das Automobil glicklich nach Peking brachten?«

Ganz gebrochen saß der Mann aus dem Stuhle. Erst jetzt mochte ihm ganz zum Bewusstsein kommen, was er da gebeichtet hatte, was für Folgen das haben musste. Die freundlichen Worte des grünen Männchens, der das in so gemütlichem, singendem Tone hervorbrachte, schien ihn wieder etwas aufzurichten.

»Fünfundzwanzigtausend Dollar.«

»Finfunzwanzigtausend Dollar. Na, die will ich Ihnen nich vorenthalten — die soll'n Se kriegen — bar ausgezahlt uff'n Bobo. Hier, sin Se so freindlich — legen Se sich mal hier iewer'n Schtuhl.«

Und das grüne Männchen rückte einen Schemel zurecht, wischte ihn auch noch erst mit seinem Jackenärmel ab.

Der junge Mann schien nicht recht zu verstehen.

»Mr. Hartung, woll'n Se gietigst dem Herrn ä bisschen behilflich sin? So — so isses gut — so isses scheen — nu glemm Se mal sein Gobb zwischen Ihre Beene — so — so isses scheen — un du, Tom, du hältst'n de Fieße, dass er nich zu sehre schtrampelt.«

»Haben Sie eine geeignete Peitsche?«

»Enne Beitsche? Nee, ach nee, mit enner Beitsche isses nischt, mit der gann ma hier ooch nich geniegend aushol'n. Charly, gomm mal her.«

Der Monteur war schon da, der jede mit dem Schlüssel angezogene Schraubenmutter mit den Fingern noch einen Schlag nachdrehen konnte, und danach waren auch seine Hände beschaffen. Jeder Bär musste ihn um solch eine Pfote beneiden.

»Also bassen Se uff, mei liewer Mister Ogly, dieser Herr hier zahlt Ihnen die finfunzwanzigtausend Dollar aus, in Tausenddollarnoten — zähl'n Se mit, ob's ooch schtimmt — un wenn er sich mal verzählt, enne Zahl iewerhubbt — sagen Se's ganz ungeniert. Also los: eetausend Dollar — zweetausend Dollar...«

Und so zählte Adam weiter. Und dazu knallte es, und zwar noch ganz anders, als wenn ein Altenburger Bauer beim Skatspiel seine Trümpfe auf den Tisch haut. Und Mr. Ogly heulte dazu in allen Tonarten.

»Achtzehntausend Dollar...«

»Oah oaaaaahhhh — halt halt halt halt halt...«

»Neinzehntausend Dollar... na, was denn? Schtimmt's nich? hamm Se een zu wenig begomm? Zwanzigtausend Dollar...«

»Halten Sie ein!«, ließ sich da Georg vernehmen, er hätte wohl gern leise gesprochen, musste aber das Brüllen des Delinquenten überschreien: »Hören Sie auf mit Schreien! Was ist das?«

Aber der auf dem Bock Liegende schrie nur noch toller, und Adam vernahm es auch so, was Georg meinte.

Schon seit einiger Zeit hatten sich Stimmen bemerkbar gemacht, wohl nicht im Schuppen selbst, sondern noch draußen, sie nahmen an Stärke zu, es war, als ob sich eine brüllende Menschenmenge heranwälze, und jetzt entstand auch ein eigentümliches Poltern und Donnern.

Adam ließ sich jedoch als Zahlmeister nicht irremachen.

»Eenunzwanzigtausend Dollar... na, was denn?«

»Das ist chinesischer Pöbel, und das klingt fast, als ob sie mit Pfosten gegen die Scheunentür rammten!«

»Zweeunzwanzigtausend Dollar... nu, warum sollen se denn nich?«

»Man hat etwas gegen uns oder vielmehr gegen das Automobil vor!«

»Dreiunzwanzigtausend Dollar... nu, warum soll'n se denn nich?«

»Mir kommt es fast vor, als ob sie vor der Scheunentür Holz aufhäuften!«

»Vierunzwanzigtausend Dollar... nu, warum soll'n se denn nich, wenn's'n Schbaß macht?«

»Wir werden eingeschlossen! Unterbrechen Sie einmal die Prozedur!«

»Nu warten Se doch, ich bin doch gleich fertg — ich bleiwe doch geen Menschen was schuldg. Finfunzwanzigtausend Dollar. So, fertg! Schtimmts? De Quittung genn Se mir dann gäm.«

Adam überließ den Brüllenden den beiden Arbeitern und wandte sich Georg zu, und auch Leonor gesellte sich bei. Sie hatte schon mit Ungeduld das Ende der Züchtigung erwartet, obgleich diese in Wirklichkeit viel kürzer war, als sich hier erzählen lässt.

»Was ist das?!«

Es blieb bei dem Menschengeheul und Poltern gegen die Tür, doch dieses Poltern schien sich wiederum zu entfernen.

Sie verließen das Automobil, wollten die Tür öffnen — das nach außen gehende Tor fand ein Hindernis.

»Wir werden eingeschlossen, man verbarrikadiert den Ausgang!«

»Das gilt wohl nicht uns Menschen, sondern dem Automobil, der hier fremden Erscheinung«, meinte Georg. »Mir fiel gleich bei der Herfahrt das Gebaren der chinesischen Bevölkerung auf, sie betrachteten den ihnen unbekannten Wagen so misstrauisch von der Seite. Nun allerdings mag noch hinzugekommen sein, dass man das Brüllen des Geschlagenen gehört hat, vielleicht hat man uns schon vorher sprechen hören, uns sogar beobachtet, wir sind ja zuletzt ganz sorglos gewesen.«

Ja, Georg mochte recht haben, aber... diese Erklärung änderte nichts an der Sachlage.

»Wir müssen durchbrechen.«

In den Wagen zurück und gegen das Scheunentor gefahren. Dieses wankte und wich nicht. Mehrmals Anlauf genommen, immer mehr Pferdekräfte gegeben — vergebens.

Die ganze Kraft konnte man nicht entwickeln. Das von Arbeitern hereingeschobene Automobil kehrte doch der Tür die hintere Seite zu, und so solid die Panzerplatten auch sein mochten, es war doch Werk von Menschenhand.

Nur mit dem Rammer konnte man die ganze Kraft entwickeln, dazu musste der ganze Wagen erst herumgedreht werden, und möglich war das. Der von den aufgestapelten Brettern freigelassene Innenraum des Holzschuppens war ein wenig breiter als das Automobil lang war, wobei man von der vordersten Kuppe des Rammers nicht einfach bis hinten, sondern bis an eine der Ecken der Hinterseite messen musste — aber auch nur ein ganz klein wenig breiter, kaum zwei Zentimeter.

Zu dieser Messung hatte Adam das Automobil verlassen und das Messband benutzt, hatte, um eine größere Breite zu finden, eine besondere Stelle aussuchen müssen, denn es handelte sich um Wände, welche aus aufgeschichteten Brettern bestanden.

»Wenn es gar nicht gehen sollte, schrauben wir den Rammer ab«, tröstete Adam. »Was geht schneller, das Abschrauben des Rammers oder das Umlenken?«

»Das Umlenken.«

»Können Sie bei dieser Breite umlenken, oder können Sie es nicht?«

»Ich kann es!«

»Dann vorwärts, ehe der Holzstoß vor dem Tore gar zu, stark wird!«

Adam dirigierte das Automobil vor- und rückwärts, es immer nach der Seite schiebend. Das ging wohl anfangs schnell, ward aber immer langsamer, je weniger Bewegungsfreiheit der Wagen bekam, was man sich wohl leicht vorstellen kann.

Damit Adam alles überblicken konnte, waren die Panzerplatten herabgelassen und alle Fenster geöffnet worden, die sonst leicht auch zerbrechen konnten; mit elektrischem Lichte wurde nicht gespart.

Während Georg und Leonor beobachteten, wie Adam das Automobil so hin und her dirigierte, wirklich in bewunderungswürdiger Weise, tauschten sie auch ihre Ansichten über das, was die draußen eigentlich bezweckten.

Es war ja einfach genug. Georg hatte es schon gesagt. Für diese Chinesen war das fremde Fahrzeug, ob sie nun Menschen darin wussten oder nicht, eben der Teufel, den sie hier in diesem Holzschuppen einsargen wollten, dass er nicht wieder herauskonnte.

»Gottverbibbg!«, sagte da Adam.

Das Automobil stand jetzt ganz quer und hatte sich trotz aller Berechnung festgefahren, hatte sich zwischen den Bretterstößen festgeklemmt, wollte weder vor- noch rückwärts, wie Adam auch ruckte.

Doch hierauf schien Leonor zunächst gar nicht zu achten, sie sog die Luft durch die Nase.

»Mr. Hartung — merken Sie nichts?«, flüsterte sie mit bleichen Lippen.

»Bei Gott, es riecht recht — recht — brenzlig!«

»Ja, das ist hier eine brenzlige Geschichte«, meinte Adam, aber etwas anderes meinend.

Seine Schnupftabaksnase war für Gerüche nicht so empfänglich.

»Es wird mir auch plötzlich recht warm?«

»Das ist direkte Rauchbildung!«

»Die Chinesen haben den Holzschuppen angezündet!!!«

Und hier das Automobil festgeklemmt, unfähig, sich zu bewegen! Und die Wärme nahm schnell zu, schon merkte man den Mangel an Sauerstoff.

»Mr. Green, wenn Sie das Automobil nicht bald freibekommen, sind wir des Todes!«

Er tat sein Möglichstes, wandte alle Kniffe an, um den Wagen herumzubekommen. Seine Berechnung hatte wohl gestimmt, ein klein wenig Spielraum hatte das Automobil wohl noch, sonst hätte es nicht einmal mehr so rucken können, aber die zwei Zentimeter reichten eben nicht, um es seitwärts ausfahren, zu lassen, oder es drehte sich doch unsäglich langsam.

»Ersparen wir Zeit, wenn der Rammer noch abgeschraubt wird?«

»Das ist jetzt zu spät. Sie wissen doch, dass dazu der Rammer gute zehn Zentimeter vorgeschoben werden muss, was nicht mehr möglich ist. Es wird auch so gehen.«

Adam ließ das Automobil weiter vor- und rückwärts rücken. Ja, es drehte sich, aber kaum bemerkbar.

Und immer und immer heißer ward es in dem Schuppen. Bald war die Luft wirklich nicht mehr atembar, schon allein wegen des sich entwickelnden Rauches. Die Panzerplatten wurden geschlossen, der Knallgasapparat musste Sauerstoff liefern.

»Adam, Adam, wir verbrennen!!!«, rief Leonor in ausbrechender Verzweiflung.

Ja, solch ein Gefühl hatte man schon. Nur der triefende Schweiß hinderte noch, dass die Haut aufplatzte, und hier boten die schlecht leitenden Panzerplatten keinen Schutz mehr, es hat alles seine Grenzen, man konnte sie schon nicht mehr anfassen. Eine Schachtel schwedische Streichhölzer, die dicht an der Wand lag, explodierte.

»Frei!«, sagte Adam und ließ das Automobil zurückgehen, bis es mit der hinteren Seite anstieß.

Zu sehen war nichts mehr. Auch der elektrische Scheinwerfer konnte den Rauch nicht mehr durchdringen. Aber Adam konnte die Richtung nach dem Kompass bestimmen. Er drehte den Hebel schnell bis zu fünfzig Pferdekräften an, das Automobil stürmte vorwärts, alle klammerten sich an, ein schmetternder Krach — aber weiter ging es nicht. Maximus hatte den vor der Tür aufgestapelten Holzstoß nicht durchbrechen können, war stecken geblieben.

Wieder zurück, schnell hintereinander fünfzig, fünfundsiebzig, hundert, hundertundfünfzig Pferdekräfte gegeben — furchtbar war der Stoß, aber er genügte nicht, um das Hindernis beiseite zu räumen.

»Wir sind des Todes!«, ächzte Leonor, Kopf und Arme schlaff sinken lassend, sich an eine der Querwände lehnend, die so etwas allein noch erlaubten.

Jetzt hatte die Luft wohl genügend Sauerstoff, war aber vor Hitze nicht mehr atembar. Auf den Thermometer blickte niemand — es genügte, zu wissen, dass man in der nächsten Minute verbrannt sein würde.

»Miss Leonor Morris!«

Es war Adams Stimme gewesen, aber ganz anders als sonst klingend. Das dürre Männchen, das vor dem Mädchen stand, machte plötzlich einen Eindruck, als sei es aus Erz gegossen, hatte sogar ein ganz anderes Gesicht bekommen.

»Mr. Green!«, stöhnte Leonor.

»Es gibt nur noch ein Mittel, um uns zu retten.«

»Retten Sie uns!«

»Ich lasse in einem Moment alle dreihundert Pferdekräfte wirken.«

»Werden wir dann durchbrechen?«

»Ich weiß es nicht. Nur eins weiß ich mit Gewissheit: entweder wir brechen durch — oder das Automobil zerschellt in Atome — und wir mit ihm.«

»Tun Sie es!«

»Wissen Sie, was es bedeutet, wenn ich beide Hebel voll und ganz anstelle?«

»Ich ersticke, ich verbrenne, ich atme siedendes Blei!«, stöhnte Leonor.

»Stricke her!!!«

Adam ließ sich von den Arbeitern und Georg nach seiner Anweisung vorn am Apparat festbinden, sodass er nicht nach rückwärts geschleudert werden konnte. Dann mussten sich alle anderen auf den Boden legen, und zwar immer mit dem Rücken gegen eine der Querwände. Obgleich der Boden hohl war, da sich darunter die Maschine befand, hauchte auch dieser Doppelboden eine unerträgliche Hitze aus.

»Fertig?«

Die Antwort kam nicht von Menschenstimmen. Eine Art von Explosion erfolgte, nur ohne Knall — eine Feuererscheinung, ein Feuermeer hüllte das Automobil plötzlich ein — die Flammen waren durchgeschlagen.

Mit einem Ruck warf Adam zwei Hebel gleichzeitig herum.

Wie es eigentlich geschehen war, davon konnte nachträglich niemand erzählen. Georg vernahm ein ohrenbetäubendes Surren, das alle Nerven des Körpers in Schwingungen brachte, gleichzeitig ward er von einer unsichtbaren, aber furchtbaren, unwiderstehlichen Kraft gegen die Wand gepresst. Er glaubte, sein Brustkasten würde eingedrückt — dann ein schmetternder Krach, noch einer, wieder solch ein unerträgliches, zitterndes Surren... dann stand das Automobil.

Leonor war zuerst aufgesprungen, stürzte in den Chauffeurraum, ließ mit einem Hebeldruck die Panzerplatten herab, riss die Fenster auf und atmete mit tiefen Zügen die frische Luft ein, die im Gegensatz zu der innen befindlichen Atmosphäre eiskalt erschien.

Da stieß sie einen gellenden Schrei aus. der die anderen herbeistürzen ließ.

»Adam, mein Adam!«, jammerte sie, sich über den am Boden Liegenden werfend.


Illustration

Die Stricke hatten den am Apparat Stehenden nicht halten können, sie waren gerissen — und da lag Adam, der Oberkörper ganz mit Blut bedeckt, das ihm aus Mund, Nase, Ohren und selbst aus den Augen quoll.

Doch kaum war ihm das Blut aus dem Gesicht gewischt, als er sich schon mit der Behändigkeit eines Jünglings erhob.

»Ei Gottverbibbg, das hat doch was zu bedeiten, so mit dreihundert Färdegräften...«

Sein Blick war auf Leonor gefallen, und auch er atmete ja die scheinbar eiskalte Luft ein.

»Heernse, Miss Leonor, dass Se sich nich ergälten, binden Se wenigstens was um den Hals!«

Heiß stieg es plötzlich Georg zum Herzen empor — er hätte das kleine, dürre Männchen in seine Arme schließen mögen.

Die Sorge über den Blutenden verdrängte alles andere. Doch diese Sorge war ganz unnötig. Mit Adam stand es gar nicht so schlimm, wie es zuerst aussah. Nachdem er sich das Blut abgewischt hätte, hörte das Bluten sofort auf, er war zu neuen Heldentaten bereit, fütterte schon wieder seine Nase mit Doppelveilchen.

Wohl mochte im Innern ein Äderchen geplatzt sein — wahrscheinlich im Halse, er hatte noch einige Zeit Schlingbeschwerden — und das sich im Innern ergießende Blut war, dem Gesetze des Beharrungsvermögens folgend, aus allen Öffnungen des Kopfes herausgeschleudert worden, selbst durch die Trommelfelle hindurch war es gepresst worden, aber ohne diese weiter zu verletzen, eine Erscheinung, welche starkem Drucke ausgesetzte Menschen schon oft gezeigt haben.

Sonst hatte es für Adam absolut keinen Nachteil gehabt, auch die Schlingbeschwerden hörten bald auf. Das alte, dürre Männchen musste eine eiserne Natur haben. Nun ja, die Hälfte seines Körpers war ja auch künstlich, die hatte er sich nach eigner Erfindung selber angefertigt, aus Stahl, Holz und Gummi. Am bewundernswürdigsten aber war, wie Adam, durch das Beharrungsvermögen mit furchtbarer Kraft zurückgeschleudert, sodass selbst die dicken Stricke gerissen waren, im nächsten Augenblick doch wieder auf den Apparat zugestürzt war, die Hebel zurückwerfend und dann auch noch die Bremse einschaltend. Erst dann war er zusammengebrochen, für einen Augenblick besinnungslos.

»Nee, ach nee, mir fehlt gar nischt.«

»Ha — hä — hazziehh — hatschiehhhh!«, bestätigten die Umstehenden.

»Proscht, dass Se noch hundert Jahre lang so gesund läm, wie ich jetzt bin«, wünschte Adam. »Awwer eegentlich dürften Se mein Dobbelveilchen nich so gostenlos schnubben. Also das Luderzeug treibt sich immer noch in den Winkeln herum, da muss ich dann doch gleich mal mit'n Bäsen fägn.«

Durch die Erschütterung war nämlich wieder einmal der Schnupftabak aufgewirbelt worden, den Adam nicht gänzlich wieder in den Sack gebracht hatte.

Erst nachdem alle überzeugt waren, dass das grüne Männchen wirklich wieder ganz lebensfrisch war, und nachdem sie sich ausgeniest hatten, hielten sie Umschau, wo sie sich eigentlich befanden, und da mussten sie allerdings staunen.

Das Automobil befand sich in einem Hause, in einem chinesischen Zimmer, oder vielmehr in deren zwei. Denn es stand gerade in einer soliden Ziegelsteinwand, die es durchbrochen hatte. In dem vorderen Zimmer lagen und saßen eine ganze Menge Weiber, meist in recht dekolletierter Toilette, zum Teil mit Kindern beschäftigt, aber mitten in der Bewegung erstarrt — ein chinesischer Harem — und nebenan das kleinere Zimmer, in welches Maximus sein Hinterteil hineinsteckte, diente für intimere Zwecke, Maximus steckte ganz mit Recht sein Hinterteil hinein — für menschliche Zwecke, für welche wir gebildeten Kaukasier in jedem Hause eine kleine Kammer haben, meist sehr eng, dass man sich kaum umdrehen kann.

Diese Kammer hier, für den betreffenden Zweck bestimmt, war sehr, sehr geräumig, es war ein ganzes Zimmer, in dem aber jener Apparat mit oder ohne Wasser fehlte. Das wurde hier einfacher gemacht. Auf einem wohlbekannten Gefäß, welches der Töpfer auf der Drehscheibe formt, das manchmal von Malern auch noch mit Blumen geschmückt wird, saß eine dicke Chinesin, ganz dicht neben dem Automobil. Sie hätte nur die verkrüppelten Füße noch etwas vorzustrecken brauchen, dann wären ihr die Räder über die Hühneraugen gegangen. Regungslos saß sie da, so wenig wie die anderen einer Bewegung fähig, eben vor Schreck über dieses Erscheinen des durch die Wand in den Harem kommenden Automobils gelähmt.

Mit Gentlemanblick hatte Adam die Situation sofort erfasst, bog sich zum Fenster heraus.

»Ach, entschulden Se gietigst, wenn mir Se geschtert hamm. Mir ham uns in der Dier geirrt. Awwer bleim Se nur ruhig sitzen, mir ham nischt gesehn. Brischen gefällig? Echter Dobbelveilchen. Nich? Heernse, das is Se awwer gut, wenn mer dabei mal recht kräftg niesen gann. Na, da adje, besuchen Se mich ämal.«

Den Frauen war zum Bewusstsein gekommen, was eigentlich geschehen war, oder erst jetzt erkannten sie die Gefahr, in der sie geschwebt hatten und noch schwebten — kreischend flohen sie davon. Und Leonor betrachtete das Ganze nicht mit so humoristischen Augen wie Adam.

»Vorwärts, dass wir hinauskommen!«

Ja, aber wo hinaus? Diese Räume mussten zu ebener Erde liegen, dass man so stracks hineingefahren war. Hinten sah man ein Loch in der Mauer, welche das Automobil durchbrochen hatte, so wie diese hier, und weiter hinten war noch solch ein Loch in der Wand — wer wusste, durch wie viele Zimmer das Automobil mit seiner Geschwindigkeit von dreihundert Kilometern in der Stunde gesaust war, ehe es hier zum Stillstand gekommen, was für Schaden es angerichtet hatte!

Adam, der sich wieder an den Apparat, gestellt hatte, machte kurzen Prozess.

»Vorwärts? Nicht rückwärts? Ich halte es auch für das Beste. Wir benutzen die Löcher, welche der Zimmermann gelassen hat.«

Maximus setzte sich langsam in Bewegung, der Tür zu, durch welche jene Weiber mit ihren Kindern geflohen waren.

Ja, eine Tür war allerdings vorhanden, sie stand sogar offen — aber, nur schade, dass sie für dieses Automobil zu schmal war.

Doch Adam ließ sich durch solch eine Kleinigkeit nicht beirren, das Automobil steckte seinen Rammer durch die offene Tür hindurch, und dann... wurden ganz einfach, indem Adam noch einige Pferdekräfte zugab und gleich wieder ausschaltete, links und rechts die Türpfosten mitgenommen, auch noch ein gutes Teil der Mauerwand ausgebrochen.

Jetzt war man im dritten Zimmer des solid gebauten Hauses, das offenbar einem reichen Chinesen gehörte, wahrscheinlich im Salon.

»Vorwärts! Nun müssen wir überall durchbrechen!«

Und Maximus durchbrach noch eine Tür, rollte durch einen geräumigen Schlafsaal, noch durch eine Tür nebst Mauerwerk — das war ein Vorsaal, und da führte vor ihnen eine breite, steinerne Treppe hinab!

»Da geht's in den Geller, ich gloowe, mir hubben liewer durchs Fenster.«

Aber Adam scherzte nur. Das konnte unmöglich eine Kellertreppe sein, sie musste vielmehr ins Freie führen. Offenbar lag das Haus an einem Abhang, von hinten hatte man direkt in die untersten Wohnräume fahren können, auf der anderen Seite war eine Treppe erbaut.

Also der riesenhafte Wagen polterte unverzagt mit angezogener Bremse die steinernen Stufen hinab, nahm freilich einige Kandelaber und Vasen mit, und während dieser Treppenfahrt kam Leonor einmal die ganze Komik zum Bewusstsein, wie man so mit dem Automobil in einem Wohnhause herumfuhr. Sie brach in ein schallendes Gelächter aus.

Doch gleich wurde sie wieder ernst, sehr ernst.

»Ob wir Menschen überfahren haben?«

Ja, wer sollte das sagen? Gesehen hatten sie nichts davon. Sie hatten ja überhaupt sehr wenig zu sehen bekommen. Hier in diesem Harem schien alles gut abgelaufen zu sein. Bei dem Durchbruch durch den flammenden Holzstoß, der doch sicher von einer Menschenmenge belagert gewesen, würde es freilich einige zermalmte Körper gegeben haben.

Man sollte von alledem nichts erfahren, jetzt nicht und niemals, und sie hatten ja in der Notwehr für ihr eigenes Leben gekämpft.

Die Treppe endete wieder in einem Vorsaal, dort hinten die große Tür sah gerade wie ein Haustor aus.

»Sollen wir sie erst öffnen?«, fragte Georg.

»Ach was, nun ist alles egal — durch!«

Und Maximus öffnete sich die Tür selbst, polterte wieder einige Stufen hinab, befand sich in einem Garten. Er wurde durchquert, immer über Rasen und Blumenbeete hinweg. Dort war abermals ein großes Tor. Auch dieses brauchte nicht erst geöffnet zu werden. Der aus dem Feuer kommende Maximus war nun einmal beim Durchbrechen — also auch dieses Tor ging in Trümmer und... das Automobil plumpste ins Wasser!

Das Tor hatte einen Anlegeplatz für Gondeln verschlossen, unten war es direkt ins Wasser gegangen.

Gondeln aber hatten nicht hier gelegen, alles war gut abgelaufen.

»Ham Se's zischen hörn?«, fragte Adam.

Das war wohl etwas übertrieben. Doch so heiß, dass man die Außenwände nicht berühren konnte, waren die Panzerplatten wirklich noch gewesen. Dies alles hatte sich ja weit schneller abgespielt, als es sich hier erzählen ließ.

Das Automobil schwamm in einem Gewässer, dem man den künstlichen Kanal gleich ansah, die Ufer zum Teil mit Häusern oder Hütten besetzt.

»Stimmt«, rief Georg, sich umblickend, »das ist der Kanal, der nach Süden führt, dessen Ufer auch ich entlanggewandert bin. Vorwärts, wir sind auf dem richtigen Wege! Hier hinab!«

Das Automobil, das sich in seiner Konstruktion glänzend bewährt hatte, indem bei der fürchterlichen Fahrt auch nicht das geringste gebrochen war, setzte als Motorboot seine Reise fort, hinter sich den kolossalen Feuerherd lassend, in dem der Teufel hatte verbrannt werden sollen.

*

Kapitel 24
Eine Betrachtung über das Reisen
und wie Adam Luftschiffer wird

Das in der Welt Herumreisen ist langweilig, furchtbar langweilig! Und am allerlangweiligsten ist es, wenn man viel oder doch das nötige Geld hat.

Wer es nicht glaubt, der betrachte sich doch solch einen modernen ewigen Juden, der immer unterwegs ist! Es braucht nicht gerade ein Engländer mit karierten Pumphosen zu sein, alle zivilisierten Nationen stellen ja jetzt solche ewige Juden. Diese gelangweilten Gesichter! Gähnend durchwandern sie die Kunstmuseen, gähnend besichtigen sie sich die Kirchen und Paläste, gähnend fahren sie durch das indische Wunderland.

Bei den Reisegesellschaften, welche sich der Führung von Cook und Sohn oder dergleichen Firmen anvertrauen, sieht man diese gelangweilten Gesichter gleich en gros, und das steigert sich bis zur Verzweiflung.

»Jotte ooch«, hört man dann wohl so einen dicken Berliner stöhnen, der in einem Arm seinen roten Baedeker hat, im anderen Arme seine ebenso dicke Ehehälfte nach sich schleift, »Jotte ooch, sin wir denn noch nich bald rum um de Erde? Ach, wär'n ma man lieba zu Hause jebliem — dann säß ick jetzt wenigstens bei Aujust'n un hätte ne anständige Weiße!«

Ja, es ist so! Man muss so etwas nur einmal gesehen, solche Leutchen beobachtet haben!

Ferienreisen, Studienreisen und alle anderen, die zur Erholung dienen, einen bestimmten Zweck haben, das ist natürlich etwas ganz anderes!

Freut sich denn nicht jeder mitfühlende Mensch, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, über die glückstrahlenden Gesichter der männlichen und weiblichen Arbeitssklaven, zu denen auch Schulkinder zu rechnen sind, wenn es in die Sommerferien geht? Ja, das ist eine echte Freude, echtes Glück, das mit keinem Stachel verbunden ist.

Aber so in der Welt herumreisen, nur um immer mehr zu sehen, immer mehr zu sehen... geht mir doch weg!

Es gibt ein tiefsinniges, herrliches Buch, das einst so viel gelesen wurde wie die Bibel. Heute wird es gar nicht mehr beachtet, unsere Zeit ist nicht mehr danach. Es wird nicht mehr verstanden. Nicht, weil die Menschen geistloser geworden wären — im Gegenteil — man könnte schon eher sagen oberflächlich — aber es passt überhaupt nicht mehr für unsere modernen Verhältnisse und Ansichten.

In diesem Buche steht über dieses Reisen, über diese Sucht, immer etwas Neues zu sehen, ein gar gewichtiges Wort.

»Was magst du«, sagt Thomas a Kempis in seiner ›Nachfolge Christi‹, welches Buch nach der Bibel und nach Defoes ›Robinson‹ die meisten Auflagen erlebt hat, »was magst du anderswo sehen, das du daheim nicht siehest? Siehe vor dir Himmel und Erde und alle Elemente, aus denen sind alle Dinge gemacht. Was magst du immer sehen unter der Sonne, das da lang bestehen möge? Du denkest vielleicht dich zu ersättigen, wenn du viel sehen magst. Aber sähest du alle Dinge auf Erden, so ist's doch nichts anderes denn ein vergebliches und vergängliches Gesicht.«

Versteht man, was der alte Mystiker hiermit meint? Denn das ist nicht nur so, dass man sich von aller Welt abwenden und sich in sein Kämmerlein einschließen soll. Da kann man auch noch etwas zwischen den Zeilen lesen.

»Was magst du anderswo sehen, das du daheim nicht siehest?«

Der bekannte Romanschreiber und Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker wurde noch bei Lebzeiten von bösen Zungen beschuldigt, dass er das alles gar nicht selbst erlebt habe, er sei überhaupt gar nicht in jenen fremden Ländern gewesen, in der Zeit, wo er verreist sein wollte, habe er seine Reiseschilderungen in der Hinterstube bei einem Bäckermeister in Halle geschrieben.

Das ist Verleumdung gewesen. Gerstäcker hat wirklich die Welt bereist, ist in Amerika Trapper gewesen usw. Aber die Verleumder wussten gar nicht, was für ein großes Kompliment sie mit dieser Behauptung ihm als Schriftsteller machten! Denn dann wäre Friedrich Gerstäcker ein dichterisches Genie gewesen, wie es kein zweites gibt oder gegeben hat!

Ja, wir haben einige Schriftsteller — aber es sind gar wenige, die deutschen lassen sich an den Fingern einer Hand herzählen — welche Reiseerzählungen und Romane schreiben, die in allen Ländern, in den fernsten Weltteilen spielen, und sie sind nie dort gewesen, und dennoch sind ihre Schilderungen genau der Wahrheit gemäß.

Das ist eine wunderbare Gabe, ist Genie. Denn das, worauf es ankommt, was so verblüffend wirkt, wenn man weiß, dass der Verfasser gar nicht in dem betreffenden Lande gewesen ist, das lässt sich nicht aus Büchern lernen, da nützen keine Atlanten und Nachschlagewerke, das kann man auch keinem Anderen nacherzählen. Es ist der Charakter des Volkes, der ganzen Gegend, schon mehr der Geist, den das Buch ausatmen muss, will man überzeugt sein, dass der Verfasser wirklich dort gewesen ist.

Doch um wieder auf jene ewigen Juden und Herdenreisenden zurückzukommen!

Ja, ab und zu sieht man dennoch einen dieser rastlosen Weltreisenden, der kein so gelangweiltes Gesicht hat, der alles mit sinnigem Behagen betrachtet und genießt. Das sind Männer mit Geist, denen eine gütige Natur außerdem noch einen zufriedenen Charakter geschenkt hat.

Auch zwischen den Gesellschaftsreisenden unter Cooks oder anderer Flagge kann man manchmal solch heitere Gesichter erblicken, die sich über alles freuen, ob's nun eine Palme oder ein weißer Elefant oder ein Grashälmchen im dürren Boden ist.

Doch man sieht diese fröhlichen Gesichter selten allein. Fast immer gehören sie einem Pärchen an, einem Männlein und einem Weiblein, und zusammen müssen sie sein, sonst hat die Freude auch wieder ein Ende, und bei der Table d'hôte müssen sie sich heimlich unter dem Tische die Hände drücken können, auf dem Dampfer sowohl wie im Hôtel du Nil, und je heimlicher man sein muss, desto schöner ist es, und am allerschönsten ist, wenn ein Tunnel kommt und das Licht noch nicht angebrannt ist und kein infamer Mitreisender sich gerade eine Zigarre anbrennt — junge Ehepaare, die ihre Flitterwochen auf diese nicht mehr ungewöhnliche Weise verbringen — und dann solche, die erst junge Ehepaare werden wollen, die unter Cooks Fittichen bis nach Ägypten und noch weiter, um die ganze Erde reisen mussten, um hier von Amors Pfeil getroffen zu werden.

Um dieses Glück zu finden, dazu wäre natürlich keine Reise um die Erde nötig gewesen. Und doch, das sind die einzigen Menschen, die von dieser ganzen Reiserei einen wirklichen Genuss haben. Es ist die verklärende und auf dieser Stufe veredelnde Liebe, die ihnen alles in außergewöhnlichem, rosigem Lichte erscheinen lässt.

Es liegt einfach im Menschen selber! Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. (Wer nun freilich unter ›Glück‹ einen vollen Geldsack versteht, der neigt noch sehr nach den Buschmännern hin, deren Glück am größten ist, wenn der Wanst am vollsten.)

Der Engländer weiß in seiner Sprache das, worauf es hierbei ankommt, sehr gut auszudrücken. Wir sagen, wenn wir einem Menschen gute Reise wünschen: Amüsieren Sie sich. — Der Engländer dagegen sagt: Enjoy yourself. Erfreuen Sie sich selbst.

Das ist es! In dem ›sich selbst‹ liegt der ganze Witz.

*

Was bekamen unsere Automobilfahrer von da an, wo sie Mr. Ogly an Land gesetzt hatten, bis dahin, wo sie nach acht Tagen den Kanal verließen, während welcher Zeit sie so ziemlich ganz China von Norden nach Süden durchquert hatten, zu sehen? Immer dasselbe: links und rechts Felder, auf dem Wasser Fischer.

Nein, das war keine Abwechslung. Was macht es aus, ob der Mensch einen roten oder einen blauen Rock trägt? Ob sie mit Ochsen pflügen oder den Pflug selbst ziehen?

Man durchfuhr ganz langsam eine große chinesische Stadt, die vielleicht noch kein Europäer betreten hatte, man speiste bei einem Mandarinen mit Holzstäbchen, vierzig Gänge hintereinander, man besuchte ein chinesisches Teehaus, einen Tempel, eine Pagode — — aber da war nichts, was man nicht schon kannte, weil man alles schon ganz naturgetreu in den Büchern gelesen hatte.

China ist eben China. Zopf hier, Zopf dort! Charakteristische Unterschiede in den einzelnen Gegenden sind im Laufe der Jahrtausende ganz verwischt worden. Das hat sich sogar den Pflanzen aufgeprägt, welche der Chinese durch endlose Geduld jedem Klima anzupassen verstanden hat.

Abenteuer wurden nicht bestanden. Mehrmals wollte man das fremde Fahrzeug, das auf dem Wasser ohne Panzerverkleidung, ganz unschuldig aussah, aufhalten. Aber wer konnte das? Adam bot dem Beamten eine Prise und fuhr weiter, und wenn geschossen wurde, sogar aus Kanonen, so zog man die Panzerplatten hoch, was nicht einmal nötig gewesen wäre, denn kein Schuss traf, wenigstens keine Kanonenkugel.

Einmal in der Nacht geriet Maximus auf Schlamm. Er musste ja überhaupt häufig mehr auf Rädern laufen, als dass er richtig schwamm, denn die Kanäle waren alle sehr flach, sie dienen ja mehr als Landstraßen, die Boote werden von Menschen gezogen, die sich nicht am Ufer bewegen, sondern im Wasser waten.

In jener Nacht aber geriet das Automobil in wirklichen Schlamm, in dem auch die verbreiterten Räder nichts nützten. Vielleicht hatte man den Kanal nur deshalb abgelassen, um dieses Teufelsfahrzeug aufs Trockene zu setzen.

Doch was machte es? Maximus kletterte einfach zum Ufer hinauf, kam dann allerdings wieder ins Wasser, nämlich in künstlich überschwemmte Reisfelder.

Gern hätte Leonor die Wasserstraßen verlassen, wenn sie nur auf dem Trockenen schneller fortgekommen wäre. Aber viel trockenes Land gab es zu dieser Jahreszeit gar nicht, da alle Reisfelder unter Wasser gesetzt wurden.

Auch hier musste man mit Walzenrädern fahren, wodurch man den chinesischen Bauern vielleicht nur einen Dienst erwies, da doch auch die Reissaat, solange sie unter Wasser steht, eingewalzt oder doch mit Brettern in den Schlamm eingedrückt wird — vielleicht aber auch nicht, das schwere Automobil wirkte als Straßenwalze doch etwas intensiver, und dann gab es noch andere Felder, auf denen schon die Frucht stand, bis dicht ans Ufer reichend, und Leonor wollte mit Absicht nichts zerstören. Konnte es nicht gerade das einzige Feldchen eines armen Bauern sein, der dann ihretwegen ein ganzes Jahr lang hungern musste?

So wurden immer die Kanäle benutzt, welche ganz China kreuz und quer durchziehen, nur hin und wieder ein kurzer Flusslauf. Bloß die Gebirge wurden auf guten Straßen überwunden, und es war schrecklich langweilig — oder es wäre doch schrecklich langweilig gewesen, wenn die Insassen des Automobils eben nicht sich selbst zu erfreuen gewusst hätten.

Da war zunächst Georg, welcher ununterbrochen erzählen konnte. Seine damalige Wanderung an diesen Kanalufern entlang, das war nun freilich etwas Anderes gewesen! Ja, da hatte er Abenteuer erlebt! Wäre der ›weiße Teufel‹, der sich in das Reich der Mitte gewagt, irgendwo einmal gefasst worden, man hätte ihn sofort totgeschlagen! Die ganze Wanderung durch China war eine beständige Flucht gewesen. Ein Glück nur für ihn, dass es dort keine Eisenbahnen und keinen Telegrafen gibt. Und von anderen Menschen einholen ließ sich Georg nicht. Und wurden ihm Reiter nachgeschickt — na, dann hatte er eben ein Baumwollfeld durchkreuzt, bis er an einen anderen Kanal gekommen war, sich immer von dem wilden Geflügel nährend, welches überall die sumpfigen Ufer bevölkert, dann aber auch manches Haushuhn mitgehen heißend und deshalb immer wieder verfolgt werdend.

»Dort in jenem Landhause, das gleich so einen europäischen Eindruck macht, wohnt ein Engländer, Mr. Hawskin, der nur deshalb hier geduldet wird, weil er der ganzen Umgegend die Landesprodukte zu weit höherem Preise abkauft, als man von den chinesischen Exporteuren bekommt. Bei dem hoffte ich mich einmal erholen zu können. Aber als er die Tür meines Zimmers verschloss, roch ich gleich Lunte, und ich brach noch rechtzeitig aus, ehe mich dieser Gentleman den chinesischen Polizisten ausliefern konnte, und dann war dieser englische Christ auch noch so liebenswürdig, den Chinesen, die sonst wenig von Hunden wissen wollen, seine vier Bluthunde zu leihen, um auf mich Jagd zu machen. Sehen Sie, dort, wo das Schilf zurücktritt — an dieser Stelle ersäufte ich den vierten Köter, nachdem ich die drei anderen schon niedergeschossen hatte, und dann gab's noch eine wilde Jagd dort durch jene Teeanpflanzung.«

So konnte Georg ununterbrochen erzählen, und niemand wurde müde, ihm zuzuhören.

Diesem christlichen Gentleman jetzt einmal eine Visite abzustatten, in etwas anderer Gestalt, daran dachte man nicht. Wollte man Georgs Erinnerungen derartig rückwärts verfolgen, da wäre man niemals fertig geworden.

»Lassen wir ihn, er wird seiner Strafe nicht entgehen.«

Ab und zu trug auch Adam zur allgemeinen Unterhaltung bei.

Eines Nachts, als er sich zum Schlafe in seine Kammer zurückgezogen hatte, hörte Leonor einen polternden Fall.

»Sie sind wohl heute Nacht aus dem Bett gefallen?«, fragte sie am anderen Morgen.

»Nur aus'n Bädde? Nee, noch aus was ganz andersch bin ich geschtärzt — aus'n Himmel! Ach, hawe ich een guriosen Draum gehabt. Heern Se nur. Mir dreimte, mei Gobb wäre aus Gummi, und da ging ich dorthin an den Knallgasapparat, nahm den Schlauch in den Mund un ließ Wasserstoff einschtreem, als misste das so sin, un mei Gobb schwoll immer mehr un mehr an, bis ä richt'ger Luftballon draus geworden war, un so ging ich in de Hehe, in de Luft. Un hinten hatt'ch enne Schraube, enne große Fliegelschraube, un vorne uff der Brust hatt'ch enne Gurbel, wie bei so'n Leiergasten, un wenn'ch nu vorne leierte, da drehte sich hinten die Schraube. Un so gonnt'ch nu in der Luft herumgondeln. Ich war selber ä lenkbarer Luftballon. Das war awwer scheene.«

Alle mussten aus vollem Halse lachen.

»Na, warten Se nur, ich bin ja noch gar nich fertg. Je heher ich nämlich gam, desto mehr schwoll mei Gobb an, immer mehr un immer dicker. Un mit eenmale blatzt das Luder! Un ich so finfdausend Meter aus'n Wolken heruntergeschtärzt! Sehn Se, da war'ch aus'n Bädde gefalln. Das war nu weniger scheene.«

*

Kapitel 25
Durch Birma

Den letzten Tag im chinesischen Reiche verbrachte Maximus auf einer guten Landstraße, dann noch ein Gebirge überwunden, auf dessen Kamm er sich von einer chinesischfranzösischen Zollstation nicht aufhalten ließ, und unsere Weltreisenden hielten ihren Einzug in FranzösischBirma.

Birma, unter einem eingeborenen Könige stehend, Frankreich nur tributpflichtig, ist eins der reichsten Länder der Erde. In seiner Vegetation mit den gesegneten Gegenden Vorderindiens wetteifernd, außer Gewürzen aller Art auch noch den hier heimischen Teakbaum hervorbringend, dessen eisenfestem Holz zuliebe England schleunigst das Küstengebiet Aracan annektiert hat, besitzt Birma untaxierbare Schätze an Metallen und Edelsteinen.

Ehe in Brasilien und dann in Südafrika Diamanten gefunden wurden, hat ausschließlich Birma die ganze Welt mit Diamanten versorgt, die bis zu 400 Karat schwer waren. Heute kann es so wenig wie Brasilien mit Südafrika konkurrieren. Die Nachfrage nach den glitzernden Steinchen ist gar zu groß, und was noch in Birma gefunden wird, bleibt auch in Indien, wo es doch ebenfalls Liebhaber gibt, oder es geht nach China.

Aber an anderen Edelsteinen ist Birma noch immer unerreicht. Fast alle Saphire und Rubine, bei schöner Farbe bekanntlich noch weit höher im Preise stehend als gleichgroße Diamanten, kommen aus Birma, ebenso die prachtvollen, purpurroten Amethyste bis zur Größe eines Taubeneis, und die meisten und kostbarsten dieser kostbaren Steine wandern wiederum nach China.

Ob es in China Leute gibt, die so etwas kaufen können?

Man wolle doch nicht gar zu verächtlich von China denken? Wir blamieren uns dabei nur, haben uns schon oft genug blamiert. Als damals, erst vor wenigen Jahren, die vereinigten Kriegstruppen der verschiedenen Nationen nach Peking zogen, um die belagerten Gesandtschaften zu retten und zu rächen, sprachen unsere Zeitungen von nichts Anderem als von dem ›Riesen auf tönernen Füßen‹, sprachen von nichts Anderem als von einer Aufteilung Chinas unter die Großmächte. Die deutschen Zeitungen sorgten sich schon, dass Deutschland bei dieser Verteilung zu kurz kommen könne.

Und jetzt? Wo ist denn diese Aufteilung geblieben? Was ist denn aus all diesen hochfliegenden Plänen, geworden? Da haben wir uns furchtbar blamiert, da haben wir das große Maul gehabt. Jeden erkannten Irrtum muss man auch eingestehen, sonst ist man ein Lump oder mindestens ein Schwächling, und erst nach Eingestehung des Irrtums ist man wieder gerechtfertigt, denn Irren ist nun einmal menschlich. Allerdings muss man dann auch gelernt haben, nicht so schnell wieder so einen Irrtum zu begehen.

Und wer als den höchsten Machtfaktor das Geld ansieht, der hat am wenigsten Grund, über China verächtlich zu denken. In China gibt es genug Millionäre und selbst Milliardäre, jedenfalls mehr als in Europa, und weiß man denn nicht, was für einen fabelhaften Luxus die reichen Chinesen treiben? Bei einer Festmahlzeit besteht der eine Gang von einigen Dutzend anderen nur aus den Zungen der teuersten Fische — nur die Zunge wird vielen tausend Fischen entnommen, die Fische selbst bekommen die Armen — das ist ein kostspieliger Luxus, den sich bei uns wohl niemand zu leisten wagt. Ebenso kommen die teuersten sibirischen Pelze nicht mehr nach Europa, weil sie in China besser bezahlt werden, und dasselbe gilt von den Edelsteinen, besonders weil sich die höheren Beamten untereinander durch große, farbige Edelsteine, meist am Hute getragen, auszeichnen.

Die Gebiete, wo in Birma diese Edelsteine gefunden werden, soll noch kein Europäer betreten haben. Es ist ein Regal des Königs, wird als Geheimnis gewahrt. Die Hauptsache aber ist wohl, dass diese Edelsteine in sumpfigen Gegenden gefunden werden. Man holt sie direkt aus dem sumpfigen Schlamm des Dschungels hervor, wobei eine Unmenge von Arbeitern draufgehen, denn selbst der dickfelligste Chinese soll es dort nur drei Tage aushalten, dann stirbt er am Sumpffieber.

Unangebracht aber ist es, wegen dieser Edelsteine und anderen Naturschätze Birma ein reiches Land zu nennen. Auch Brasilien hat es ja mit all seinen Diamanten zu nichts bringen können. Mexiko ist trotz all seiner Silberminen total verschuldet. Der reelle Wohlstand eines Landes oder vielmehr eines Volkes wird eben nach ganz anderen Faktoren berechnet. Was nützt es dem Volke, wenn einige Gesellschaften den ganzen Verdienst einheimsen? Die Schweiz hat nur ihre Viehherden und ihre Industrie, in der doch fast nur ausländisches Material verarbeitet wird, und die Schweiz ist unter Verwaltung der Eidgenossenschaft das einzige Land in Europa, das nicht nur keine Schulden, sondern auch noch bares Geld im Staatssäckel hat.

Aus dem sorgfältigst angebauten Lande waren unsere Weltreisenden gekommen. Bis dicht an das Angoegebirge, einen südlichen Ausläufer des Himalajas, hatte sich dieses erstreckt. Keinen unnützen Baum hatte die chinesische Kultur geduldet — in zwei Stunden war dieses Gebirge überwunden — und da plötzlich kam sich Leonor, auf die es wohl den größten Eindruck machte, wie in ein Märchenland versetzt vor.

Wirklich, ein größerer Unterschied in der Landschaft lässt sich kaum denken. Hüben wie drüben flaches Tiefland. Aber drüben lauter Felder, durch zahllose Kanäle künstlich bewässert, eigentlich gar nicht erkennen lassend, dass man sich schon nahe der heißen Zone befand — und hier plötzlich ein tropischer Urwald, von dem man meinen möchte, dass noch keines Menschen Fuß ihn betreten hätte.

Der Gebirgspass aber verwandelt sich in eine Landstraße, die diesen Urwald durchzieht, auch von Kriegsheeren schon oft benutzt, von dem mongolischen Welteroberer Tamerlan bis zur Neuzeit von englischer Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Auf dieser Karawanenstraße pilgern noch heute die chinesischen Kaufleute bis nach Persien und noch weiter.

In ganz langsamem Tempo, kaum schneller als ein Fußgänger, rollte das Automobil diese Straße entlang. Leonor hatte es gewünscht. Sie glaubte zu träumen. Es war der erste tropische Urwald, den sie zu sehen bekam, und nun ein solcher von Indiens Pracht! Riesenbäume, Schlingpflanzen und duftende Vanillebüsche — Affen und Papageien — alles war vorhanden. Denn der Mensch braucht nun einmal ein Bild, um jedem Worte Leben zu verleihen, sonst ist dieses Wort eben tot.

»Da, ein Elefant!«, rief Leonor.

Er war etwa dreihundert Meter vor ihnen aus dem Walde auf die Straße getreten, eins der stattlichsten Exemplare. Er schwenkte den Rüssel, bis er ihn in eleganter Krümmung hoch stehen ließ, und so blickte er zu dem ankommenden Automobil, welches von Leonor alsbald gebremst wurde.

Sie glaubte bestimmt, dass es ein gezähmter Arbeitselefant sei, wollte Georg kein Gehör schenken, dass es hier noch wilde Elefanten genug gebe.

Da schwenkte der Dickhäuter, der über ein paar mächtige Stoßzähne verfügte, seinen Rüssel wie einen Feldherrnstab, verschwand jenseits im Walde, gleich darauf überschritt ein zweiter Elefant ohne Stoßzähne den Weg, ein dritter, ein vierter... mehr als vierzig wurden gezählt, darunter auch solche mit Stoßzähnen, deren Besitzer aber immer viel kleiner als der Führer waren, und einige Kälber.

Mit vollkommener Geräuschlosigkeit war die große Herde im Walde verschwunden, und trotz dessen scheinbarer Undurchdringlichkeit hörte man doch keinen einzigen Zweig knacken. Das Ganze hatte etwas Schattenhaftes an sich gehabt.

»Glauben Sie nun, dass es wilde Elefanten waren?«

»Ja, wie ist denn das nur möglich, hier so dicht an der Grenze der höchsten Kultur!«

Es ist eben so. Hier in Hinterindien gibt es noch Elefanten genug. Aber sie sind kaum zu erlegen.

Oder eben deswegen finden sie sich hier noch massenhaft. Der Elefant ist eben ein Waldtier, seine Hauptnahrung bilden ja Baumzweige, und trotz seiner Plumpheit, die aber nur scheinbar ist, schlängelt er sich geräuschlos durch Dickichte, die kein Pferd passieren kann, und in den Dschungeln ist er erst recht gesichert, es ist ja sein liebstes Vergnügen, sich bis an den Kopf und noch tiefer in den Schlamm zu wühlen, nur den Rüssel zum Atmen hervorstreckend. Und lange Erfahrung mit dem Menschen hat ihn gewitzigt gemacht.

»Ich kann ihnen eine Jagd auf Elefanten verschaffen, nur müssen wir da...«


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»Aber wozu denn immer alles gleich totschießen?«, wehrte Leonor ab.

Sie hatte sich auf Jagdabenteuer gefreut, hatte sich aber nicht als passionierte Jägerin erwiesen, was ihr nur zur Ehre gereichte. Es mag eine ritterliche Passion sein — ja, aber ritterlich und barbarisch sind sehr verwandte Begriffe. Und nun gar über unsere noch heute als Vergnügen geltenden Treibjagden wird einst die Nachwelt ihr Urteil aussprechen.

»Heernse, mei Guter«, fing da Adam zu singen an, »was ist denn das eejentlich, Rhododendron?«

»Rhododendron?«, wiederholte Georg sinnend. »Ich kenne dieses Wort gar nicht.«

»Un Sie wollen durch ganz Indjen geloofen sin und wissen nich emal, was Rhododendron is? Na, nu heern Se awwer uff!«

»Ach, warten Sie. Das ist wohl so ein vorsündflutlicher Elefant...«

»Ä vorsindflutlicher Elefant?! Na, nu heern Se awwer errscht recht uff! Gann mer denn etwa ennen vorsindflutlichen Elefanten in de Nase schtecken?!«

»In die Nase stecken? Was meinen Sie damit?«

»Nu, das is doch Schnubbdabak, der hier in Indjen uff enn Boome wächst.«

»Schnupftabak, der auf einem Baume wächst? Sie wollen mich wohl veralbern?«

Aber Adam hatte recht, hatte sich nur in seiner Weise ausgedrückt. Im Speisezimmer stand auch ein kleines Konversationslexikon, da hatte Adam nachgeschlagen, nicht unter Indien, sondern er hatte über sein Lieblingsthema nachgelesen, über den Schnupftabak, den er freilich erst unter dem Artikel ›Tabak‹ erläutert fand, und da stand wirklich, dass in Indien als Ersatz des Schnupftabaks die Blätter des Rhododendronbaumes dienten, getrocknet und gepulvert.

Durch den Gleichklang mit Mastodon und ähnlichen Worten war Georg auf vorsündflutliche Tiere gekommen.

»Da müssen Sie unter Rhododendron nachschlagen.«

»Habe ich schon, aber da steht nischt drin.«

Es war so. In dem kleinen, nur mangelhaften Nachschlagewerk fehlte das Rhododendron überhaupt. Tabak ist etwas Wichtigeres.

»Da kann vielleicht ich aushelfen«, lächelte Leonor. »Ich weiß es zufällig. Es ist der indische Rosenbaum, wegen seiner großen, roten Blüten so genannt. Ob man die Blätter schnupfen kann, weiß ich nicht, wohl aber, dass sie essbar sind. In unserem Pensionsgarten zu Zürich stand einer, der trug allerdings nie Blüten.«

»Awwer doch Blätter.«

»Ja, Blätter hatte er.«

»Hamm Se die geschnubbt?«

»Nein, auch nicht gegessen.«

»Na, da sin Se so gut, un bassen Se uff, wenn mir an so'n Rhododendron vorbeigomm.«

Seitdem hatte Adam, solange er in Indien weilte, für nichts weiter Interesse als für Schnupftabak aus Rhododendronblättern. Alles Andere, was er zu sehen bekam, ließ ihn ganz kalt. Darin war er ein prosaischer Mensch.

Das ganz langsam fahrende Automobil wurde von einem indischen Postläufer überholt. Der braunschwarze Kuli war nackt bis auf Schurz und Turban, hatte am Gürtel nur noch verschiedene Gegenstände hängen, und über der Schulter balancierte er ein langes Bambusrohr, an dessen Enden je ein ziemlich gewichtiger Beutel, mit Briefen gefüllt, hing. Sehr hübsch sah es aus, wie beim Laufen, immer in einem schlanken Hundetrab, die lange Bambusstange hin und her schwankte, wodurch der elastische Lauf des athletisch gebauten Mannes noch mehr Federkraft bekam.

Er ließ sich aufhalten, hatte darauf wohl nur gewartet. Georg verstand genug Hindustanisch, um sich mit ihm unterhalten zu können, auch sprach der Kuli Chinesisch.

Auf dieser Straße geht zwischen Kalkutta und China noch eine Hauptpost, ein mit Pferden bespannter Wagen, der auch Pakete und Wertsendungen befördert, von französischen Soldaten begleitet. Nun müssen aber doch auch die seitwärts der Straße liegenden Dörfer bedient werden; auch dort wohnen Europäer, und auf den kaum sichtbaren Wegen, die sich durch Urwald und Dschungeln schlängeln, kann kein Wagen verkehren, nicht einmal ein Reiter kommt durch.

Da hat sich allein der eingeborene Postläufer bewährt. Solch ein Kuli rennt für einen ganz geringen Lohn täglich zwölf Stunden lang, immer in raschem Hundetrab, watet durch Sümpfe und schwimmt durch Ströme, ständig der Gefahr ausgesetzt, von zwei- und vierbeinigen Räubern überfallen zu werden. Geld und andere Wertsachen expediert er allerdings nicht, die müssen von den brieflich benachrichtigten Empfängern von den Poststationen selbst abgeholt werden, doch eben weil das schon in den Briefen steht, die dieser Mann im Beutel hat, wird er von Wegelagerern überfallen, die sich orientieren wollen, wer demnächst Geld von der Post abholen will.

Trotzdem ist dieser Postläufer gänzlich waffenlos. Infolge frommer Überzeugung verlässt er sich nur auf seinen Gott, nicht auf seine eigene Kraft. Am nützlichsten freilich sind ihm sein angeborener und durch Erfahrung verschärfter Instinkt und die Schnelligkeit seiner Beine. Zweibeinige Räuber hat er auch wirklich nicht viel zu fürchten, mehr die vierbeinigen. Besonders die Panther.

»Das is Luderzeig«, sagte Adam, als Georg davon erzählte.

Zwischen Tsendat und Pugan ist die Post einmal drei Wochen lang ausgeblieben, und als man nachforschte, fand man die Überreste von fünf Postläufern, von ein und demselben Panther auf ein und derselben Stelle überfallen.

Vor diesen Raubtieren glaubt sich der Kuli am besten durch Talismane zu schützen, meist buddhistische Sprüche, von heiligen Männern auf Papierstreifen geschrieben, die er in seinem Turban trägt. Wirksamer aber ist wohl wiederum sein Instinkt und scharfer Sinn, und solche Fälle, wie der eben angeführte, sind auch seltene Ausnahmen. So ein Postläufer versieht seinen Dienst jahrelang und weiß immer allen Gefahren zu entgehen. Sein schließliches Ende allerdings nimmt er wohl immer zwischen den Klauen eines Panthers oder Tigers oder im Rachen eines Krokodils.

Alles, was man ihm anbieten konnte, schlug der Kuli ab. Er bat nur um einen Trunk Wasser, hielt dazu ein merkwürdiges Horn hin, welches er an einem Riemen um die Schulter trug, gab es nicht aus der Hand, ließ es sich aus einer Flasche füllen.

Leonor wollte ihm noch ein Brauselimonadepulver hineintun. Mit einer hastigen Bewegung hielt Georg sie davon zurück.

»Um Gottes willen, in welchen Verdacht würden wir bei dem Manne kommen!«

Er ließ die Erklärung folgen. Es war das Horn eines Rhinozeros, welches Horn als Trinkgefäß von jeher in dem Rufe gestanden hat, dass es eine Flüssigkeit, wenn sie vergiftet ist, aufbrausen lässt. Dieser Glaube ist heute noch im ganzen Orient allgemein. Jeder, der es sich leisten kann, führt ein solches Rhinozeroshorn bei sich, und wenn sich zwei Reisende auf der Wanderung begegnen, einer bietet dem anderen einen Trunk an, so schüttet ihn dieser erst ganz ungeniert in sein eigenes Horn — »Willst du mich nicht etwa vergiften, alter Junge?« — Dieser Glaube war aber auch einmal bei uns verbreitet, zu einer Zeit, als allerdings auch bei uns viel mit Gift gearbeitet wurde, zumal an Fürstenhöfen. Auch deutsche Fürsten haben sich solche Rhinozeroshörner gegenseitig zum Geschenk gemacht, bedienten sich ihrer. Es ist merkwürdig, wie solch ein Glaube sich verbreiten und wie zäh man an ihm hängen kann.

»Brischen gefällig?«, schmunzelte Adam, jenem seine Horndose hinhaltend. »Echter Dobbelveilchen!«

Jawohl, Schnupftabak war dem Kuli recht wohl bekannt. Er stopfte sich seine Nasenlöcher tüchtig und mit sichtbarem Behagen voll.

»Heern Se, mei Liewer mit'r Bambusstange iewer — hamm Se nich ä Brischen Rhododendronschnubbtabak?«

Georg machte dem Manne begreiflich, was von ihm begehrt wurde. Nein, der Kuli wusste nicht, was Rhododendron sei, hatte noch nichts von solchem einheimischen Schnupftabak gehört.

»Ä, dann is das ja ooch gar gee echter Indjer, der hat sich nur so angebinselt oder hat sich so lange nich gewaschen.«

*

Kapitel 26
Auf der Straße nach Benares

Am letzten Abend, den man noch auf birmanischem Boden verbrachte, lenkte Georg das Automobil abseits vom Wege, bezeichnete eine sumpfige Gegend als eine Salzlecke, wo in der Nacht besonders viele Antilopen zusammenkämen, und man erlegte denn auch nicht nur so viele dieser Tiere, dass die Räucherkammer ihr Fleisch kaum aufnehmen konnte, sondern auch noch zwei Königstiger, ohne dass die Jäger das Automobil hätten verlassen müssen.

Die beiden Tiger, Männchen und Weibchen, von denen das Letztere auf Georgs Schussrechnung kam, wurden von diesem sofort im Scheine des elektrischen Lichtes abgehäutet, die prachtvollen Felle ausgepflöckt.

»Sie wollen dieses Fell doch gewiss als Jagdtrophäe mitnehmen.«

»Sicherlich!«

»Sie erlauben aber, dass ich das Fell des von mir geschossenen Tigers veräußere?«

»Wozu veräußern?«

»Um zu einigem Gelde zu kommen.«

»Wozu brauchen wir denn Geld?«, lachte Leonor. »Sind wir nicht bisher überall ohne Geld durch die Welt gekommen?«

»In Indien ist das doch etwas Anderes. Man kann es als kultivierter bezeichnen denn Nordamerika, auch als China, mag dieses noch so sorgsam bebaut sein. In Ostindien kommt vor allen Dingen in Betracht, dass es viele Sehenswürdigkeiten gibt, welche ohne Geld nicht zu besichtigen sind. Überall strecken sich einem Hände entgegen...«

»Was für Sehenswürdigkeiten sind das?«, fiel Leonor dem Sprecher ins Wort.

»Nun, die uralten Tempel, die prächtigen Paläste der indischen Großen mit ihren Wasserkünsten, Volksfeste, die jeden Tag stattfinden...«

»Haben Sie denn während ihrer Durchquerung des Landes alle diese Sehenswürdigkeiten besichtigt?«

»Allerdings, ich habe mir keine Gelegenheit entgehen lassen.«

»Und wie haben Sie es denn da mit den Eintrittgebühren und Trinkgeldern gehalten?«

»O, bei mir war das ja etwas ganz anderes! Ich mischte mich unter das Volk, das da freien Eintritt hat, in den Hafenstädten unter europäische Matrosen. Aber wenn eine Herrschaft mit solch einem Automobil kommt...«

»Ich verstehe Sie. Ich offenbare Ihnen indes hiermit gleich meinen festen Entschluss, auch fernerhin dieses mein Automobil mit keinem Schritte mehr zu verlassen.«

»Weshalb denn nicht?«, fragte Georg verwundert.

»Weil... ich denke doch, ich hätte hierzu allen Grund. Damals, als ich unter die Kosaken geriet, ist es noch einmal gnädig mit mir abgegangen. Doch ich möchte mich solchen Möglichkeiten nicht noch einmal aussetzen.«

»Sie haben aber auch im Hause des Mandarins gespeist.«

»Ja, und gerade bei jener Gelegenheit entstand in mir der Vorsatz. Ich dachte gerade damals daran, wie ich in den vorderindischen Städten, wo es doch von Engländern wimmelt, oftmals Einladungen zu Gesellschaften bekommen könnte — oder meinen Sie nicht, dass dies der Fall sein wird?«

»O ja, da können Sie Recht haben! Das Unternehmen der Miss Leonor Morris und ihre sensationelle Erfindung dürfte auch hier schon zur Genüge bekannt sein, man wird Sie oft genug aufzuhalten versuchen.«

»Nun sehen Sie. Und ich werde auch die höflichste Einladung einfach dadurch zurückweisen, dass ich sage, mich binde ein Schwur, dieses Automobil, solange es sich auf der Weltreise befindet, nicht auch nur mit einem Fuße zu verlassen. Da... muss ich diesen Schwur freilich ernst nehmen, selbst wenn er ursprünglich gar nicht so gemeint war. Dann darf ich auch nicht, wenn ich mich unbeobachtet glaube, im Freien herumspazieren.«

Georg wurde nachdenklich. Es war eine Tatsache, dass Leonor seit damals, wo sie im Herzen Chinas bei einem Mandarin zu Gaste gewesen, das Automobil mit keinem Schritte verlassen hatte, so oft Georg sie auch bei irgendeiner Gelegenheit dazu aufgefordert hatte. Erst jetzt fiel ihm das auf, nun bekam er auch gleich den Grund dafür zu erfahren.

»Wenn Sie sich selbst daraufhin Ihr Wort gegeben haben, so kann ich allerdings nicht mehr dagegen sprechen«, sagte er. »Aber schade ist es doch, es wird Ihnen dadurch wirklich viel Sehenswertes entgehen...«

»Nein, mein Herr. Ich bin auf das Besichtigen dieser Sehenswürdigkeiten gar nicht so sehr erpicht. Es kommt vielleicht noch einmal die Zeit, dass ich eine Weltreise mit anderen Mitteln machen werde. Jetzt handelt es sich für mich aber darum, der Menschheit zu beweisen, was die Erfindung meines Vaters leisten kann, mein Automobil also glücklich um die Erde zu bringen, und... ich bin gewarnt genug. Sie wissen, was ich meine. Wenn wir an solchen Sehenswürdigkeiten vorbeikommen, die von außen verschlossen sind, so haben Sie wohl die Güte, mir immer davon zu erzählen, was Sie darin geschaut haben, so wie Sie bisher immer erzählt haben, und ich gebe Ihnen die Versicherung, Mr. Hartung, dass mich Ihre lebensvollen Erzählungen immer mehr interessiert haben, als wenn ich das Betreffende mit eigenen Augen geschaut hätte. Sie haben eine wunderbare Gabe, so etwas zu schildern. Jedes Wort geht dabei zum Herzen.«

Dankend verbeugte sich Georg, und es blieb nicht dabei, sie gab ihm auch noch die Hand, mit einem Drucke, der gleichfalls vom Herzen kam und zum Herzen ging.

Auf der Grenze von Birma war in einem Dorfe, das aber auch recht stattliche europäische Villen aufwies, Zollrevision seitens der englischen Behörde.

Georg hatte hierauf rechtzeitig aufmerksam gemacht und meinte, man könne ja die Zollstation umgehen, aber der Umweg würde durch Gebirge und Sümpfe führen, da könne er nicht garantieren.

»Was wird denn von England mit Zolleingang belegt?«

»Wie immer nur Spirituosen und Tabak. Es ist wegen Mr. Adams Schnupftabak, und wenn von dem auch schon ein Viertelzentner in seine unersättliche Nase gewandert sein mag, so würden die übrigbleibenden fünfundsiebzig Pfund doch ziemlich noch zwölf Pfund Sterling kosten.«

»Mein Gott, so verstecken wir den Schnupftabak eben wiederum, wie wir es schon an der kanadischen Grenze getan haben!«

Schon damals war dieses Manöver ausgeführt worden, und schon damals hatte Georg hierzu seine Zustimmung nur zögernd gegeben, während das Mädchen bei solch einer Zollhinterziehung gar nichts fand, sich darüber hinterher nur amüsierte.

Deshalb aber darf Leonors Charakter nicht schlecht gedacht werden. Dass Zollhinterziehung kein wirklicher, echter Diebstahl ist, wofür die Landesgesetze sie ausgeben wollen, das liegt in der Volksseele so tief eingegraben, dass jeder gerecht und vernünftig denkende Mensch dieser Annahme beistimmen muss, selbst wenn er die Gründe hierzu nicht so ganz definieren kann. Steuerhinterziehung, ja, das ist schon eher Diebstahl, aber nicht Zollhinterziehung. Wer ein Kistchen Zigarren oder ein Pfund Tee über die Grenze pascht, ist noch lange kein Dieb. Das beweist schon das schadenfrohe Lächeln des Grenzaufsehers und mehr noch das ärgerliche des Erwischten, der im anderen Falle vielleicht keine Stecknadel entwenden kann. Und was für das Kleine, muss auch für das Große gelten. Und das ist auch in Wirklichkeit so. Nicht umsonst ist der professionelle Schmuggler in den Augen des breiten Volkes ein Held, und nicht nur das, sondern der Grenzbeamte betrachtet solch einen professionellen Pascher als offenen Feind, mit dem er offen zu kämpfen hat, also ganz anders als der Kriminalbeamte den Dieb. Dasselbe ist ja auch mit dem Wilddiebe der Fall. Er hat immer die Sympathien für sich, vorausgesetzt, dass er ein Wildschütz, kein niederträchtiger Fallensteller und Schlingenleger ist. Das unbestimmte Bewusstsein, dass Jagd und Fischfang frei sein müssen, lässt sich aus der Volksseele nie und nimmer ausrotten. Die verbietenden Gesetze existieren ja auch nur noch im feudalen Europa, zum Teil nicht einmal mehr in England. Doch das ist ein kitzliges Thema.

Kurz, obgleich Georg schon auf einer Stufe stand, um das hier wirklich vorliegende Unrecht einzusehen, was den anderen eben ganz abging, war er doch behilflich, den Sack Schnupftabak im Maschinenraum zu verstauen.

Es war wohl ganz unnötig gewesen. Der junge Beamte, der das Automobil anhielt, vergaß vor Entzücken gänzlich, nach etwas Verzollbarem zu fragen, und wer so eine diamantenbesetzte Uhr sein eigen nannte, der hätte gegebenenfalls auch den Zoll aus seiner Tasche bezahlt. Der junge englische Aristokrat bereitete sich hier an der indischen Grenze für den ferneren Staatsdienst in der Heimat vor, und nachdem er den Zettel abgegeben, der das durch Indien fahrende Automobil aller weiteren Untersuchungen enthob, war er überglücklich, als sich Miss Leonor Morris und ihre Mitreisenden in sein Autografenalbum einschrieben. Da musste noch Meister Adam solch eine Tollpatscherei begehen, die glücklicherweise noch gut ablief.

»Brischen gefällig?«, fragte er, als sich das Automobil schon in Bewegung setzen wollte. »Echter Dobbelveilchen. Na, nähm Se nur, ich hawwe ja noch ennen ganzen Zentner... auuuuuu... derheeme.«

Das Automobil war schon wieder in voller Fahrt.

»Na, was treten Se mich denn so uff mei Been?!«, fuhr Adam dann Georg wütend an. »Un grade uff mei linkes! Ich hawwe ja geen eenzges ganzes Hiehnerooge mehr druff! Ich weeß schon, was Se wolln — awwer hawwe ich denn nich gleich gesagt, dass ich den Zentner Schnubbdabak derheeme hawwe? Fier so dumm brauchen Se mich doch nich zu halten! Un ä andermal, wenn Se nich genug Platz hamm, um anderschwo rumzudrampeln, da suchen Se sich gefälligst mei rechtes Been aus, da genn Se druff rumdrampeln so viel wie Se wolln!«

»Na, Mr. Green«, lachte Georg, »diesmal haben Sie den Beweis geliefert, dass alle Integral- und Differentialrechnung nicht vor Torheit schützt!«

»Ä, Sie — Sie — was wissen denn Sie davon — Sie junger Mensch — hamm ja noch nich emmal enne Glatze!«

Die nächste größere Stadt, nachdem man den mächtigen Brahmaputra auf einer Brücke überfahren hatte, deren Endstationen nur unbedeutende Dörfchen bildeten, war Dacca.

Hier zeigte sich, dass von der Zollstation, die telegrafisch angeschlossen gewesen, die baldige Ankunft des Automobils bereits gemeldet worden war; denn die europäischen Herren und Damen, die vor dem Anfang der Stadt Spalier bildeten, konnten es nur auf dieses Automobil abgesehen haben, das war ganz offenbar, das lag gewissermaßen in der Luft — man sah schon, wie der eine Herr an seiner Weste zupfte, um sich zur Ansprache zu rüsten.

Es waren eben Engländer, die solchen Weltreisenden unbedingt einen Empfang bereiten mussten, und solch ein Automobil brachte doch auch einmal Abwechslung in das ewige Einerlei.

Leonor aber ließ sich nicht aufhalten. Hier hatte sie es auch noch einfach. Das Automobil nur langsam gehen lassend, aber ohne es anzuhalten, brauchte sie nur einige Worte von einer Wette fallen zu lassen, und alles trat zurück.

Wenn es sich um eine Wette handelt, dann freilich muss bei dem Engländer alles Andere zurückstehen.

In der nächsten Ortschaft hinter Dacca bat Georg, eine Minute vor einem Bachchal zu halten. So heißen im ganzen Orient die Läden, in denen alles zu haben ist, was man zu des Lebens Notdurft gebraucht.

Hier verkaufte Georg sein Tigerfell für zehn Rupien*), brachte dafür zwei dickbauchige Flaschen mit heraus.

»Was haben Sie da eingekauft?«

»Zwei Flaschen Rum.«

»Rum? Wozu den?«, fragte Leonor, als ausgesprochene Temperenzlerin, oder, wie man in England und Amerika sagt, als ausgesprochene Teetotaliterin gleich ein ganz besonderes Gesicht machend.

»Ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, dass ich nicht bereits früher für ein alkoholisches Getränk gesorgt habe.«

»Ja, aber wozu nur in aller Welt?«, stellte sich Leonor noch immer verwundert, obgleich sie selbst davon wusste, was ihr Georg jetzt erklärte.

Es ist eine anerkannte Tatsache, dass Alkohol das einzig sicher wirkende Mittel gegen Schlangengift ist. Nach dem Naturforscher Alfred Brehm, dem man unbedingt Glauben schenken darf, gibt es wohl in Indien einzelne Personen oder ganze Familien, die ein Geheimmittel besitzen, das selbst den Biss der furchtbaren Kobra, der Brillenschlange, unschädlich macht, aber diese Leute betrachten das eben als ein gewinnbringendes Geheimnis, das sie nicht veräußern. Der Gebissene muss zu ihnen kommen, und so ist ihr Wirkungskreis, der sonst zum größten Segen der ganzen Menschheit werden könnte, nur ein beschränkter. Alle anderen angepriesenen Mittel, gewisse Pflanzen, die sogenannten Schlangensteine usw., haben sich bisher als trügerisch und bei dem Bisse der Kobra ganz erfolglos gezeigt. Wer von einer Brillenschlange gebissen wird, die ihr Gift genügend lange in den Drüsen aufbewahrt hat, ist unrettbar dem Tode verfallen, und auch der Biss unserer Kreuzotter ist bei heißer Temperatur nicht so ungefährlich, wie man es manchmal hinzustellen versucht, dass etwa schon ein Aussaugen, Ausschneiden und Ausbrennen der Wunde genügt. Oft genug ist selbst vom Biss einer Kreuzotter langjähriges oder sogar lebenslängliches Siechtum mit Krampfanfällen die Folge.

Einzig bewährt hat sich nur der Alkohol, innerlich eingegeben. Also Schnaps eingetrichtert, solange der Gebissene schlucken mag oder kann. Alkohol und Schlangengift vertragen sich eben nicht miteinander, es entsteht daraus eine neutrale, unschädliche Verbindung. Das zeigt heute der Chemiker im Probiergläschen, und noch merkwürdiger ist, dass der Gebissene von dem Alkohol gar nicht betrunken wird, und wenn man ihm auch einen ganzen Liter des stärksten Rums einfiltriert. Nun ist die Kobra allerdings ein ganz anderes Vieh als eine Kreuzotter. Aber selbst von der Brillenschlange Gebissene sind durch Alkohol gerettet, wenigstens dem Leben

*) 1 Rupie = 1,92 M. erhalten worden. Siechtum mit Lähmungserscheinungen indessen bleiben nach dem Bisse der Kobra wohl immer zurück.

Dies alles war Leonor schon bekannt gewesen, aber sie machte noch immer, wie sie nach den beiden Flaschen blickte, ein Gesicht, als sei sie entschlossen, sich lieber von sämtlichen Giftschlangen Indiens und der übrigen Welt beißen zu lassen, ehe sie einen Tropfen solchen Höllenzeuges über ihre Lippen bringen würde.

Sie konnte sich auch noch nicht zur Ruhe geben, darin war sie ganz ein Mädchen.

»Wir haben doch gar keine Schlangen zu fürchten. Herein kann keine, die Luftlöcher am Boden des Fahrzeuges sind mit Drahtnetzen bedeckt, und es hat ja gar niemand nötig, das Automobil zu verlassen.«

So sprach Leonor. Da war es der Himmel selbst, der sie eines Anderen belehren wollte.

In diesem Augenblick bremste der den Apparat bedienende Adam und erklärte, der Wagen gehorche nicht mehr richtig dem Steuer, wolle immer nach rechts laufen.

Eine schnelle Untersuchung ergab, dass im inneren Mechanismus alles in Ordnung war, und nachdem Leonor selbst den Wagen einige Male vor- und rückwärts hatte gehen lassen, stimmte sie der Ansicht der Monteure bei, dass sich eins der vorderen Räder gelockert haben müsse, ein Schaden, der nur von draußen beseitigt werden konnte.

Also Adam und die beiden Monteure verließen das Automobil, machten sich draußen an den Rädern zu schaffen, und Leonor wusste recht wohl, was sie soeben erst gesagt und welche Zurechtweisung sie sofort dafür bekommen hatte. Ganz verwirrt beugte sie sich zum Fenster hinaus. Georg bemerkte ihre Verlegenheit recht gut, sagte aber natürlich deswegen nichts.

Da stieß Leonor einen gellenden Schrei aus, dessen Ursache auch Georg erkannt hatte.

Adam hatte eben erst den Schraubenschlüssel angesetzt, als plötzlich aus dem nahen Gebüsch ein grüner Blitz herausgeschossen kam, und an Adams Unterschenkel hing eine grüne, meterlange Schlange, die sich dort festgebissen hatte.

Adam musste allein schon den heftigen Stoß verspürt haben, mit einem Blick hatte er sich orientiert, packte mit blitzschnellem Griff die Schlange am Schwanze, riss sie los, wirbelte sie durch die Luft, und mit zerschmettertem Kopfe lag das Reptil regungslos am Boden.

Alles dies war das Werk einer Sekunde gewesen, und im nächsten Augenblick erklang auch schon Leonors verzweifelte Stimme.

»Georg, Georg, er ist gebissen worden...«

»Mr. Hartung, schnell de Bulle her!«, fing auch gleichzeitig Adam zu brüllen an. »Machen Se mir enn Grog, schnell enn Grog — awwer nich so viel Zucker nein!«

Da plötzlich verwandelte sich Leonors Gesicht, und mit einem Male klang ihre Stimme auch ganz anders.

»Ach, Mr. Green, das war ja Ihr rechtes Bein, in das sich die Schlange verbissen hatte.«


Illustration

»Nee, 's war mei linkes, mei richtges — schnell enn Grog, oder ich schtärbe — mir wärd schon ganz grien un gelb vor den Oogen — awwer nich so viel Zucker nein, wenn'ch bitten darf.«

»Nein, Mr. Green, es war Ihr rechtes, Ihr künstliches Bein, ich weiß es doch ganz bestimmt.«

Da brach Georg, der unterdessen herausgesprungen war und die Schlange aufgehoben hatte, in ein herzliches Lachen aus. Er wusste doch gleich, was hier vorlag — Adam hatte schon bei verschiedenen Gelegenheiten verraten, dass er nur ganz gezwungen Temperenzler war, so z. B. damals im Felsengebirge, als der Räuberhauptmann den Champagner spendierte, und auch bei dem Gastmahl des Mandarins war Meister Adam oftmals hinausgegangen, um einen hinter die Binde zu gießen, weil seine Herrin bei Tisch den ausgetragenen Reisschnaps verschmähte.

»Sie gennen doch recht haben«, musste Adam jetzt kleinlaut zugeben, nachdem er seine beiden Beine besehen und befühlt hatte, »'s is wärklich mei Gummibeen gewesen. Na, dann hat's ja nischt zu sagen. Hm, hm...«

Er setzte noch etwas hinzu, was fast wie ›schade‹ klang.

»Und außerdem«, fügte Georg noch hinzu, der die Schlange untersucht hatte, »ist es gar keine Giftschlange. Es ist die grüne Stoßschlange, welche den Indern als Symbol der Dummheit gilt, weil sie in blinder Wut auf viel größere Tiere stößt, die sie gar nicht bezwingen kann, von denen sie einfach abgeschüttelt wird.«

»Ooch das noch!«, seufzte Adam.

Und als die Reparatur beendet war und er in den Wagen zurückstieg, sagte er kopfschüttelnd und etwas schwermütig:

»Nee, so'n Luder von ner Schlange! Errscht beißt se mich in mei Gummibeen, un dann is se iewerhaupt gar nich giftg!«

Adam war eben um seinen erhofften Grog gekommen.

Leonor aber zeigte wiederum einmal ihren eigentlichen Charakter, als sie Georgs Hand ergriff.

»Ich habe eine Lektion bekommen. Sie ist noch glücklich abgelaufen. Ich bitte Sie um Verzeihung.«

*

Noch an demselben Tage wurde Kalkutta erreicht, ein Zentralpunkt des angloindischen Handels.

Seitdem die Weltreisenden die Route New York — San Francisco hinter sich hatten, bekamen sie wieder die erste Stadt mit europäischem Gepräge zu sehen.

Auch hier wurde das telegrafisch gemeldete Automobil schon erwartet, noch ganz anders als in Dacca, und besonders ein weißbärtiger Herr war entschlossen, sich lieber überfahren zu lassen, als vor dem herankommenden Kraftwagen zu weichen.

»Miss Morris! Wenn Sie wegen einer Wette nicht halten können, so nehmen Sie mich mit bis nach Nakha oder Radswan, von wo ich mit der Eisenbahn zurückfahren kann — aber sprechen muss ich Sie unbedingt!«

Man ließ ihn einsteigen, er stellte sich als Direktor der Vereinigten angloindischen Bergwerksgesellschaften vor. Er habe von dem Morrisit gehört, sei von der Tatsache dieser Erfindung überzeugt — er sei ermächtigt, dafür zwanzig Millionen Pfund Sterling zu bieten, also ebenso viel wie Miss Morris von dem Direktor der amerikanischen Kohlen- und Petroleumgesellschaften gefordert habe, und zwar seien seine Bedingungen viel günstiger, die Hälfte dieser Summe würde ihr an jenem Orte, wo das Morrisit präpariert wurde, sofort ausgezahlt, eine Million Pfund Sterling ständen ihr augenblicklich zur Verfügung, usw. usw.

Leonor befand sich in einer schwierigen Lage. Vielleicht hatte sie schon manchmal eingesehen, dass sie seinerzeit zu voreilig gehandelt hatte. Sie hätte gleich die Konkurrenz herausfordern müssen, besonders die englische. Das hier war ein ganz anderes Angebot, da wäre sie keinen solchen Verfolgungen durch nichtswürdige Menschen ausgesetzt gewesen. Aber nun war es zu spät, Leonor wusste, was sie sich selbst schuldig war.

»Ich kann nicht, kann beim besten Willen nicht. Ich habe diese Erfindung meines Vaters zuerst dem Mr. P. L. Deacon angeboten — ich muss mein Wort halten. Fragen Sie nach zwei Jahren wieder nach — erst wenn jene amerikanische Gesellschaft nicht auf meinen Vorschlag eingeht, kann ich mit Ihnen weiter darüber verhandeln.«

Vergebens bot der alte Herr seine ganze Überredungskunst auf, machte immer ungeheurere Angebote — Leonor blieb standhaft, und auf der nächsten Eisenbahnstation verließ der englische Direktor das Automobil, ohne etwas anderes als eine schwache Hoffnung mitzunehmen, dass Miss Morris sich nach zwei Jahren nicht mit jener amerikanischen Kompanie einigen könne.

*

Bombay — Benares — Kalkutta. Für unsere Weltreisenden die umgekehrte Richtung.

Das ist die Tour quer durch Vorderindien, wozu heute der Personenzug ohne Wagenwechsel zwei Tage und drei Nächte braucht.

Die Eisenbahn folgt nur zum kleinen Teile der alten Karawanenstraße, gewöhnlich hat sie sich ihren eigenen Weg gesucht, allerdings immer so ziemlich mit jener parallel laufend, wobei natürlich Entfernungen von vielen, vielen Meilen keine Rolle spielen.

Diese uralte, ganz Indien durchziehende Landstraße, die von den alten indischen Kriegshelden mit ihren Scharen benutzt wurde, dann von den erobernd eindringenden Mohammedanern, dann von den Engländern, aber auch von anderen europäischen Kriegsheeren, dazwischen immer von zahllosen Handelskarawanen — vor wie vielen Jahrtausenden und von wem mag sie wohl angelegt worden sein?

Wir wissen es nicht. Da sich hierin selbst die indischen Schriften widersprechen, sich gleich um einige Jahrtausende herumstreiten, so können da auch unsere Gelehrten nichts mehr erforschen.

Sie ist vorhanden! Aber was dazu gehört hat, um so etwas zu schaffen, das kann man sich auch bei der lebhaftesten Einbildungskraft gar nicht mehr vorstellen.

In Hindustan musste durch einen Urwald auf eine Länge von mehr als sechzig geografischen Meilen eine breite Schneise gehauen werden — und was für riesige Stämme es da zu beseitigen galt! — und nicht nur, dass sie zu fällen waren, sondern auch die Wurzeln mussten herausgegraben und die Löcher wieder zugefüllt werden — und nun diese Gebirge, die zu bewältigen waren, diese Tunnel, diese künstlich mit dem Meißel eingehauenen Pässe! — und nun vor allen Dingen diese endlosen Sümpfe, die für die Strecke der Landstraße trocken gelegt oder mit Steinen ausgefüllt werden mussten!... ach, wie kläglich stehen wir dagegen da mit unserem Suezkanal und mit dem schmalen Isthmus von Panama, mit dessen Durchstechung wir gar nicht fertig werden wollen!

Nein, wie solch ein Riesenwerk mit so primitiven Hilfsmitteln geschaffen worden ist, das können wir heutzutage gar nicht mehr begreifen. Aber wie diese Heerstraße instand gehalten und sogar immer verbessert wurde und noch wird, das kann man noch heute beobachten.

Seit Erbauung der Eisenbahn wird diese Straße ja nur noch ganz spärlich benutzt. Auch größere Handelskarawanen kommen kaum noch in Betracht, nur noch kleinere, die dann nach dem Inneren abzweigen. Jagdexpeditionen begegnet man häufig. Vor allen Dingen aber einzelnen Pilgern, das heißt, Wallfahrern und ganzen Karawanen von solchen, die heilige Orte aufsuchen wollen.

Nun gilt für jeden Wanderer, der diese Straße benutzt, wie auch andere, ein Gebot, das von der Religion vorgeschrieben ist.

Jeder Wanderer, ob Wallfahrer oder Handelsmann oder sonst etwas, hat einen besonderen Ledersack bei sich zu tragen, Piskawan genannt. Kommt der Wanderer durch einen Gebirgspass, so trifft er an einer gewissen Stelle einen Brahmanen, der hier als Einsiedler haust, zugleich gewissermaßen Chausseewärter ist, aber aus Religion. Dieser hält den Wanderer an, hier oder dort etwas vom Felsen zu meißeln und mit den Steinbrocken seinen Piskawan zu füllen, den er nun so lange mitzuschleppen hat, bis er wieder zu solch einem heiligen Chausseewärter kommt, der etwa mitten in einem Sumpfe haust und den Pilger anhält, seinen Sack an einer gewissen Stelle zu entleeren. Dann aber muss der Pilger vielleicht wieder seinen Piskawan mit Schlamm füllen und diesen mit fortnehmen, an anderer Stelle hat er etwas Gebüsch auszuroden, und so geht das fort und fort, und dies alles gilt als heilige Handlung — es ist ein Tribut, den man den Göttern entrichtet.

Durch derartige ameisenartige Arbeit wird diese Straße in Stand gehalten und sogar immer verbessert. Jede Ameise muss ein Körnchen schleppen. Es ist auch wirklich nicht viel, was so ein Mann zu tragen hat. Vielleicht nur fünf Pfund. Reiter, Wagen und besonders Reitelefanten werden allerdings ganz anders belastet. Dann gibt es auch noch eine Menge anderer Vorschriften. Wer zum Beispiel auf dem durch den Wald behauenen Wege ein aufkeimendes Bäumchen bemerkt, eine von der Seite hervortreibende Wurzel, ein Erdloch, das mit einigen Steinen auszufüllen ist. Und er beseitigt dieses winzige Hindernis nicht, das aber nach hundert Jahren eine Riesengröße erreicht haben würde, der hätte seine Seligkeit verwirkt.

*

Fürwahr, Leonor hatte nicht nötig, ihr Automobil zu verlassen, um Tempel und Paläste besuchen zu können. Schon auf dieser Landstraße bekam sie mehr von indischem Leben zu sehen, als sonst Reisenden, die die Eisenbahn benutzen, geboten wird, und auf diesem Wege kam sie ja auch durch viele Dörfer und Städte, die noch gar keinen Überzug von europäischem Firnis zeigen.

Georg war auch ein ausgezeichneter Führer. Er hatte bei aller Schnelligkeit damals diesen Weg doch nicht nur als Kilometerfresser gemacht. Oft genug lenkte er das Automobil von der Landstraße ab, um interessante, hauptsächlich heilige Stellen aufzusuchen. Leonor bekam wirklich viel mehr zu sehen als andere, moderne Globetrotter — auch eine der indischen Jagdexpeditionen, denen sie häufig begegneten oder die sie überholten, ausgerüstet mit Elefanten, Geparden, Falken und allem, was zum Jagdapparate eines indischen Fürsten gehörte, begleitete Georg im Automobil. So ward Leonor Zeuge einer Jagd mit Elefanten, Geparden und Falken, was so mancher Europäer nicht zu sehen bekommt, auch wenn er sich jahrelang in Indien aufhält.

Jeder andere Zuschauer wäre fortgewiesen worden, aber Maximus ließ sich nicht beirren, er ging einfach mit, und in dem geschlossenen Panzerautomobil konnte man den neugierigen Reisenden ja nichts anhaben, sie befanden sich in einer unüberwindlichen Festung.

Am meisten aber interessierte sich Leonor für die Fakire, deren Leben und Treiben als bettelnde Wallfahrer sie in den Dörfern und Städten wie auf der Landstraße beobachten konnte.

Es sind indische Asketen, Büßer, die nach brahmanischer Lehre das ganze Leben nur dazu benutzen, um es durch Selbstkasteiung langsam zu verlieren, um dadurch gleichzeitig der nochmaligen Wiedergeburt zu entgehen, oder doch um die zahllosen Wiedergeburten möglichst zu verringern, bis sie eingehen in Nirwana, in das Reich des seligen Unbewusstseins.

Man sieht da kuriose Käuze bis zu jenen wahnsinnigen Fanatikern, die die abscheulichsten Körperverstümmelungen begangen haben und noch fortwährend begehen.

Da legt Einer in einem ekstatischen Augenblicke, da ihn die Gottheit überkommt, das Gelübde ab, seine Hände zu Fäusten zu schließen und sie niemals wieder zu öffnen. Infolgedessen wachsen ihm mit der Zeit die Fingernägel durchs Fleisch, bis sie auf dem Handrücken wieder herauskommen. Originell ist das nicht, vielmehr eine sehr häufige Art der Askese.

Ein Anderer legt einen Arm über den Kopf und schwört, ihn nie wieder herunterzunehmen. So stirbt der Arm ab. die Gelenke verkalken, der ausgedörrte Arm liegt als totes Glied über dem Kopfe.

Ein dritter verzichtet auf den Gebrauch der Füße, rollt sich nur noch auf der Erde herum, macht auf diese Art die weitesten Reisen zu heiligen Tempeln.

Im Gegensatz dazu gelobt ein vierter, sich niemals wieder zu legen oder zu setzen, und interessant ist dieses Experiment insofern, als es zeigt, wie es der Mensch tatsächlich so weit bringen kann, im Stehen zu schlafen, sogar ohne sich anzulehnen.

Dann kommen die blutigen Kasteiungen hinzu. Vom Geißeln sind die indischen Asketen keine besonderen Freunde. Das ist ihnen zu einfach. Schon eher befestigen sie an den empfindlichsten Teilen des Körpers Stachelbänder, die ihnen bei der geringsten Bewegung die furchtbarsten Schmerzen bereiten. Auf welche Weise sie das machen, kann man gar nicht beschreiben, es verstößt gegen den Anstand, aber wer es gesehen hat, der weiß nicht, ob er sich über solche Martern entsetzen oder diese Raffiniertheit bewundern soll.

Wieder Andere ziehen nur des Nachts Stachelbetten vor, und es ist nicht etwa eine Nachsicht gegen sich, sondern eine schlau erdachte Verstärkung der Qual, wenn sie ihre Wunden ab und zu ausheilen lassen.

Das geht so fort bis zur völligen Selbstvernichtung. Aber das darf man nicht missverstehen. Ein Selbstmord nützt da gar nichts. Das ist doch auch keine Kunst, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen oder sich auf irgendeine andere Art vom Leben zum Tode zu befördern. Das hebt nicht eine einzige Wiedergeburt auf.

Wohl sieht man die Fakire, besonders bei religiösen Festen, wo große Volksmengen zusammengekommen sind, Selbstmord begehen, gewöhnlich auf die schauderhafteste Weise, z. B. dass sie sich Haken ins Fleisch einschlagen und so sich über Feuern langsam rösten lassen, aber das hat nicht mehr Wert, als wenn sich Fanatiker, von plötzlicher Begeisterung ergriffen — es brauchen gar keine Fakire zu sein — im Ganges von Krokodilen fressen oder sich zu Hunderten von dem heiligen Wagen des Dschaggernaut zermalmen lassen.

Allerdings sind auch das Helden der Religion, die von den Brahmanen heiliggesprochen werden, aber nur deshalb, weil sie dem breiten Volke das Beispiel geben, wie dieses Leben zu verachten ist. Bedeutend näher an Nirwana kommen sie durch solch einen plötzlichen Selbstmord nicht.

Es muss eine langsame Vernichtung des Lebens sein. So ist als direkter Selbstmord nur das Verhungern und das Ersticken durch Anhalten des Atems zulässig. Ein Erdrosseln ist natürlich wieder etwas ganz anderes — zählt gar nicht mit. Und die Seligkeit des Verhungerns wird umso größer, je mehr man den Tod hinauszieht, dass man also dem Körper doch immer wieder etwas Nahrung zuführt, bis... es eben nicht mehr geht, bis das Leben erlischt.

Unsinn, nicht wahr? Nun, jeder Glaube macht selig. Ein ernst veranlagter Mensch wird darüber nicht spotten. Hierüber kann man auch noch anders urteilen. Wer sich dafür interessiert, lese Schopenhauer. Wir haben in unserem Christentum früher doch auch solche Asketen gehabt, und das waren nicht die schlechtesten Menschen, auch nicht die dümmsten. Und wenn unsere Sonne, die doch ebenfalls durch das Weltall saust, mit ihrem ganzen System, zu dem auch unsere Erde gehört, wieder in jene Himmelsregion kommt, und derselbe Weltgeist wie vor einigen Jahrhunderten haucht uns an, dann werden auch bei uns wieder solche Asketen erstehen, die sich in Höhlen verkriechen und auf Stachelbetten schlafen. Oder glaubt jemand, dies sei ganz und gar ausgeschlossen? Wenn heute eine Pariser Schauspielerin auf die Idee kommt, als Kopfbedeckung einen alten Blechtopf zu tragen, als besondere Zierde darauf eine tote Ratte — und wenn es dem König von England einfällt, sein eines Hosenbein rot, das andere grün zu tragen, und statt eines Kragens ein ganzes Visier, auch noch die Nase verdeckend, dann... man weiß nicht recht... auf Brants Narrenschiff haben noch gar viele Passagiere Platz.

*

Kapitel 27
Adam, der Stylite

»Haben Sie, Miss Morris, einmal von Simeon, dem Styliten, gehört?«

»Ich glaube — aber so genau ist es mir doch nicht bekannt.« »Er lebte um 400 nach Christi. Ein Hirt, wurde er in seiner Einsamkeit vom damals umgehenden religiösen Eifer erfasst. Zunächst baute er um sich einen Haufen Steine auf, in den er sich mit Ketten einschloss. Das hat ihm nicht lange behagt, oder er beschloss aus einem sonstigen Grunde, gerade die gegenteilige Askese zu wählen. Er wollte dem Himmel so nahe wie möglich sein. So errichtete er auf einem Berge — es war in Syrien, wohl bei Susa — eine Säule von sechs Metern Höhe, oben nur einen Meter im Durchmesser, und auf dieser lebte er, sich von den Almosen der Vorbeiwanderenden nährend, und bald fehlte es ja auch nicht an Pilgern, die den Säulenheiligen sehen wollten.

Auch diese Säule genügte ihm bald nicht mehr, er baute sie immer weiter aus, und zuletzt hatte sie eine Höhe von sechsunddreißig Ellen, oben zwei Ellen breit, sodass er sich wenigstens zum Schlafen hinlegen konnte, und auf dieser Säule hat er noch vierzig ganze Jahre gelebt, ist dort oben auch gestorben.«

»Ja awwer«, fing zunächst Adam an, »wie is er denn da manchmal heruntergegomm?«

»Er blieb immer oben. Da gab es keine Stufen und keine Strickleiter. Die Almosen zog er in einem Körbchen herauf.«

»Er gonnte iewerhaupt gar nich runter? Nu, da hätt'ch bloß sehn meegen, wie da außen die Seile aussahen — fui Schbinne.«

»Ah so, den Säulenheiligen meinen Sie, der dann so viele Nachahmer fand?«, lenkte Leonor schnell ab. »Ja, von diesem habe ich schon gehört. Aber wie kommt es, dass Sie sogar solche genaue Zahlenangaben machen können?«

»Ich bin nicht etwa in derartigen Geschichten bewandert. Ich habe mich nur einmal für jenen Simeon interessiert, eben bei meiner letzten Durchquerung Indiens. Es mag ja sein, dass der göttliche Schafhirt auf diese geniale Idee, auf einer Säule zu stehen, durch seine eigene Geisteskraft gekommen ist, aber das beweist dann eben nur, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt und dass große Erfindungen manchmal gleichzeitig an den verschiedensten Punkten der Erde unabhängig voneinander gemacht werden. Denn solche Säulenheilige hat es hier in Indien schon vor Jahrtausenden gegeben, gibt es noch heute. Nur sollten sie eher Gerüstheilige genannt werden: gewöhnlich sind es Bambusgerüste, die sie sich gezimmert haben. Meist schlagen sie diese bei Wallfahrtsorten auf oder doch an den Wegen dahin, denn sie sind eben ganz von den Vorbeipilgernden abhängig. Wenn Sie nun von der Landstraße abbiegen wollen — wir kommen gleich an einen Nebenweg, der zu einem vielbesuchten Tempel und Kloster führt, und in der Mitte dieses Weges, für unser Automobil nur eine halbe Stunde abseits, erhebt sich an einem kleinen See solch ein Gerüst, auf welchem ein Fakir schon seit bald dreißig Jahren lebt und dort oben seinen seligen Tod erwartet, und zwar ist dieses Gerüst nicht nur sechsunddreißig Ellen, sondern reichlich fünfunddreißig Meter hoch, wie ich nach einer trigonometrischen Messung damals ausgerechnet habe. Wollen wir diesem Heiligen einen Besuch abstatten?«

Selbstverständlich war Leonor sofort bereit.

Bald lenkte Georg in einen schmalen Waldweg ein, und es war noch keine halbe Stunde vergangen, als linkerhand die Bäume zurücktraten, dafür schimmerte ein Wasserspiegel, und dicht an ihm erhob sich das eiffelturmähnliche Gerüst aus Bambus.

Mit dem Eiffelturm ließ es sich nun freilich nicht vergleichen, und dennoch, fünfunddreißig Meter haben etwas zu bedeuten, es sieht in Wirklichkeit ganz anders aus, als man es sich beim Klange dieser Zahlen vorstellt. Es ist reichlich die Höhe eines sechsstöckigen Hauses, und dieses Gerüst war zudem scheinbar ganz lose aus dünnen Bambusstäben zusammengesetzt, die oben nur noch wie Spinnweben aussahen.

»Herrjeeses, herrjeeses, dort ohm möchte'ch ooch läm!«, musste Adam erst seinen Gefühlen Luft machen.

Auch Leonors Staunen war grenzenlos. Man musste nur daran denken, dass in dieser schwindelnden Höhe auf einer Plattform, die man von unten auf nur einen Quadratfuß schätzte, ein Mensch hauste!

»Da hängt ja eine Strickleiter herab!«

Jetzt war es Georg, der sich über diese Entdeckung wunderte. Er hatte das Automobil verlassen, prüfte die Strickleiter: dünn, aber aus feinster Seide bestehend, daher eine außerordentliche Tragkraft habend.

»Hm, merkwürdig! Da weiß ich nicht, was ich denken soll.«

»Nu, der da ohm hat ähm enn kleenen Schbaziergang gemacht.«

»Nein, das ist ausgeschlossen — und doch — hier ist etwas nicht mehr in Ordnung!«

»Ist denn der Fakir noch oben?«, fragte Leonor.

Georg blickte hinauf, schüttelte den Kopf.

»Das weiß ich ebenso wenig wie Sie. Aber mir ist schon unterwegs etwas aufgefallen, ich habe nur nicht darüber gesprochen. Es ist ja wahr, die Vegetation wuchert hier ungeheuer. Wenn auf solch einem Wege, auf dem das Gras nie auszurotten ist, heute eine Armee spaziert, so hat sich morgen das Gras schon wieder in alter Pracht aufgerichtet, aber... die Augen solch eines alten Pfadfinders, wie ich einer bin, sehen doch etwas schärfer... mir ist es gleich so vorgekommen, als wenn dieser Weg schon seit Langem von keinem einzigen Menschen mehr begangen wäre. Und dieser Einsiedler dort oben in den Lüften ist doch auf täglich einen Passanten angewiesen, der ihm eine milde Gabe in Gestalt von Nahrungsmitteln in sein herab gelassenes Körbchen legt, sonst muss er ja verhungern.«

»Deshalb eben, weil aus irgendeinem Grunde keine Pilger mehr vorüberziehen, hat er seinen erhabenen Posten verlassen.«

»Das... sieht solch einem echten Säulenheiligen gar nicht ähnlich. Wohl baut er sich sein Gerüst auf, wo er regen Verkehr weiß, weil ihm direkter Selbstmord nicht erlaubt ist, aber wenn er Gelegenheit zum Selbstmorde durch Verhungern hat... ich glaube kaum, dass er sich dieser angenehmen Gelegenheit entzieht, sein Büßerleben auf solche Weise abzukürzen.«

»Aber wer mag da die Leiter herabgelassen haben?«

»Ja, das möchte ich Sie fragen. Oder lieber nach dem Weshalb. Es ist schon möglich, dass der Fakir dort oben eine besessen hat, denn es ist kaum glaublich, dass ein anderer das Gerüst erst von unten an den Bambusstangen hinaufgeklettert ist.«

Weshalb dies kaum glaublich war, muss erst noch erwähnt werden. Als ob man eben solch eine Möglichkeit ausschließen wollte, waren die einzelnen Bambusstangen über und über mit spitzen Nägeln bedeckt, sowohl ganz unten wie auch ganz oben, wie man durch das Fernglas noch erkennen konnte.

»Nein, ich bezweifle, dass der Säulenheilige sich noch oben befindet, oder er lebt nicht mehr, sonst hätte er doch schon sein Körbchen herabgelassen«, meinte Georg, nachdem er nochmals die ganze Umgebung gemustert und nach oben geblickt hatte.

»Na, da wolln mir doch mal ruffklettern«, schlug Adam vor. »Ei ja, da ohm muss ich ieberhaupt mal nuff, wie das is, wenn man uff so'n Geriste schteht!«

Und schon begann Adam, der gleichfalls das Automobil verlassen hatte, die Festigkeit der Strickleiter zu prüfen.

»Mr. Green, sehen Sie sich vor!!«, warnten Leonor und Georg gleichzeitig.

»Nu, warum denn? Sie meinen, sie trägt mich nich? Die trägt noch was ganz andersch. Oder Sie meinen wegen mein Gummibeen? Nu, bassen Se mal uff, wie ich da nuffdanze, ich mit mein neinunvärzg Jahren — wie ä Jingling. Nee, das muss'ch mir wirklich mal ansehn, wie das is, wenn man so da ohm schteht, das lass'ch mir nich entgehn.«

Es war eigentlich merkwürdig, dass Leonor und Georg diesem Vorhaben Adams so wenig Widerstand entgegensetzten, aber es hatte einen guten Grund.

Georg hatte selbst die Absicht gehabt, das Gerüst zu erklimmen, und offenbar auch Leonor. Warnten sie nun einen anderen vor dieser Klettertour, dem sie sonst die Fähigkeit dazu zutrauten, so konnten sie sie dann nicht selbst ausführen, oder es wäre eine Art von Beleidigung gewesen.

Sorge stellte sich allerdings noch ein, als sie das alte, dürre Männchen seine Vorbereitungen treffen sahen, aber es war doch kein direktes Abreden.

»Um Gottes willen, Green, wenn die Strickleiter reißt!«, sagte Leonor.

»Nu, was is denn da weiter dabei? Dann brauche ich nich errscht wieder herunterzuklettern, dann gomme ich von ganz alleene wieder.«

»Ja, und dann haben Sie das Genick gebrochen.«

»Ach nee, ach nee — wissen Se, das mach'ch nich. Da bass ich schon uff, dass'ch uff mei Gummibeen falle — awwer Se missen nur uffbassen, dass Se mich glei festhalten, sonst hubb'ch doch immer widder in de Hehe. Na, da adje, uff Wiedersehn — das heeßt, das heeßt — wenn's mir dorte ohm gefällt, bleib'ch glei ganz ohm.«

Und Meister Adam Green erklomm die ersten Sprossen der Strickleiter, und zwar mit ziemlicher Gewandtheit, mindestens merkte man ihm durchaus nicht an, dass er ein falsches Bein hatte.

»Mr. Green, Mr. Green!«, rief da Tom O'Foy, den wir auch einmal zu Worte kommen lassen wollen.

Er sprach überhaupt wenig, und das war sehr gut, denn wenn auch Tom O'Foy sonst ein braver Mensch war, ein tüchtiger Schlosser und Monteur, ein ausgezeichneter Koch... wenn wir noch kein Pulver hätten, dann müssten wir heute noch immer mit dem Flitzebogen schießen, wenigstens wenn es nach Mr. Tom O'Foy gegangen wäre, denn der hätte das Pulver keinesfalls erfunden.

Der Gerufene hielt auf der zehnten Stufe inne und blickte mit zurückgewandtem Kopfe nach unten.

»Na, was gibt's denn noch?«

»Wollen Sie nicht Ihren Schnupftabak mitnehmen?«, fragte Tom.

»Ich hawwe ähm errscht meine Dose gefillt.«

»Ja, aber wenn Sie ganz da oben bleiben wollen?«

Adam neigte erst nachsinnend das Denkerhaupt hin und her, ehe er Antwort gab.

»Na, da gomm ich errscht noch mal runter. Awwer Se genn einstweilen meinen Rägenschärm zusammenwickeln.«

Sprach's und setzte seinen Ausstieg gen Himmel fort.

Den anderen kam der Inhalt dieses Zwiegesprächs erst hinterher richtig zum Bewusstsein; desto herzlicher lachten sie dann.

Doch ihr Lachen verstummte schnell. Erst jetzt, da man einen Menschen hinaufklettern sah, erkannte man, was diese Höhe von fünfunddreißig Metern zu bedeuten hatte! Und wie hatte man nur gar nicht daran denken können, dass der Fakir sein Bambusgerüst vielleicht wegen Baufälligkeit verlassen hatte?

Aber nun kamen solche Erwägungen zu spät. Adam hatte die Hälfte des Weges schon überschritten, und nach wie vor stieg er bedächtig und doch ziemlich schnell empor.

Jetzt hatte er die Plattform erreicht, blickte wenigstens mit dem Kopfe darüber hinweg, blieb stehen, sah unter sich.

»Heern Se mich schbrechen?«, schrie er hinab.

»Ja, ja!«, wurde ihm zugerufen.

»Hier ohm liegt ä Gerl uffn Bauche und grinst mich an.«

Was die unten von dieser Bemerkung dachten, wollen wir jetzt übergehen, wir bleiben bei Adam.

Er hatte nicht etwa einen Witz gemacht. Er sprach die Wahrheit.

Auf der Plattform, aus gespaltenem Bambusrohr bestehend, kaum zwei Meter im Durchmesser haltend, lag wirklich langausgestreckt die nackte, braunschwarze Gestalt eines Mannes, und zwar so, dass der Kopf, der auf den gekreuzten Armen ruhte, gerade, dorthin blickte, wo die Strickleiter hing, und es war ein grinsender Totenschädel, welcher direkt in das Gesicht des Auftauchenden sah.

Diese Beschreibung genügt noch nicht. Es kommt später noch mehr hinzu. Jedenfalls aber war es ein Anblick, dass vielleicht ein anderer Mensch, der nicht gerade stählerne Nerven besaß, vor Schreck die Leiter losgelassen hätte und hinabgestürzt wäre.

Dieses grüne Männchen besaß wohl solch stählerne Nerven, und außerdem bestand es ja zur Hälfte aus Gummi und Holz.

Adam ließ wirklich die Leiter los, aber nur mit einer Hand, mit dieser griff er in die Tasche, zog seine Schnupftabaksdose hervor, ließ den Federdeckel aufspringen.

»Brischen gefällig? Echter Dobbelveilchen. Nich? Ach so, Sie sin wohl dod? Na, da entschuldgen Se nur gietigst, wenn ich Sie geschteert hawe.«

Er steckte die Dose wieder ein und kletterte vollends auf die Plattform, seinen Weg dabei über die Leiche nehmen müssend.

Denn eine Leiche war es, zur Mumie ausgetrocknet. Viel Fleisch mochte der Fakir, der schon dreißig Jahre hier oben gehaust, überhaupt nicht mehr auf den Knochen gehabt haben. Er hatte sich schon bei Lebzeiten zur Mumie vorbereitet, und die in Indien sowieso spärlichen Aasgeier wissen in diesem gesegneten Lande leckerere Nahrung zu finden als halbe Skelette.

Adam sah sich mit einer Gemütsruhe um, als stände er auf einem Tanzboden. Da lag zunächst der splitterfasernackte Mann.

»Ich gloowe, der hat nich emal ä Daschenduch in der Hosendasche«, meinte Adam im Selbstgespräche, weil er gerade sein eigenes, noch immer von grüner Farbe, benutzte, um erst seine Nase und dann seine Brille zu putzen.

Dann lag da noch ein aus Bambusspänen geflochtenes Körbchen, ferner eine Kürbisflasche, beide an einer langen Schnur befestigt.

»Weiter nischt? Nu, das is nich gerade enne reichhaltge Wohnungseinrichtung.«

Nach Besichtigung der ›Wohnung‹ musterte Adam die Umgebung, die Aussicht. O, diese war herrlich! Nach Osten zu ein unübersehbarer Wald, von hier oben aus aber nun wie ein in grünen Wellen erstarrtes Meer anzusehen, auf dem die prachtvollsten Blumen schwammen, die Blüten der Schlingpflanzen. Der Wald begann ganz nahe, und Adam berechnete schon, dass, wenn dieser Bambusbau von einem Weststurm umgeknickt würde...

»Dann schtärz'ch gerade dort zwischen de Beeme.«

Und nach der anderen Seite hin wäre es hinab ins Wasser gegangen. Der Holzturm stand ganz dicht am Ufer, sodass der Fakir mit der Kürbisflasche, die unten mit Blei beschwert war, Wasser schöpfen konnte.

»Nee, da schtärz'ch liewer zwischen de Beeme«, meinte Adam, eifrigst seine Nase fütternd, während er dicht am Rande der Plattform stand und schwindelfrei in die Tiefe hinab auf den Wasserspiegel blickte. »Denn errschtens is driem nach den Beemen nich so weit, un zweetens, weil'ch iewerhaupt nich schwimm gann.«

Auf der anderen Seite ward der kleine See von hochgrasiger Steppe begrenzt, im Hintergrunds ein Gebirge, das sich nach Norden herumzog, und dort in einer Einsattelung ein altertümliches Bauwerk.

Das war jedenfalls das Tempelkloster, von dem Georg Hartung gesprochen hatte, nach dem die Wallfahrten wahrscheinlich eingestellt worden waren, was wiederum den Hungertod dieses Säulenheiligen zur Folge gehabt hatte.

Um das Rätsel der Strickleiter kümmerte sich Adam vorläufig nicht, er gab sich noch dem Gesamteindrucke hin, immer noch das nachholend, was er während der langen Klettertour versäumt hatte, nämlich den Gebrauch seiner Dose.

»Hm. Wärklich scheen, sehr scheen! O ja, hier ohm möchte'ch schon mal meine Sommerferjen verbringen. Geschteert wärd mer hier ohm wenigstens nich. Awwer — awwer awwer awwer«, prüfend sah er sich noch einmal auf der schmalen Plattform um, »awwer ich werde mir hier ohm noch — noch noch noch — ä Bianino zulegen. Na, und zum Zeitvertreib vielleicht noch ä Gegelschubb.«

Dann trat er an den Rand der Südseite, blickte hinab, beugte sich auch noch vor, nahm die Hornbrille ab, blickte ohne sie hinab, setzte sie wieder auf, beugte sich noch weiter vor...

»Nu, bin ich denn farmblind oder... teischt mich de Berschbektiefe? Wo is denn unser Automobil hin?«

Ja, er wusste doch ganz genau, wo es gestanden hatte, dort an dem entlaubten Ahornbaume — aber da stand es nicht mehr — auch nirgends anderswo — Adam konnte es wenigstens nicht erblicken, wie er auch von allen Seiten hinabspähte.

»Ich gloowe, der Gerl hier hat mich befakiert.«

Da, wie er den Kopf hochrichtete, sah er in weiter, weiter nördlicher Ferne etwas dahinsausen — das Automobil. Doch er hatte es eben nur erblicken können, gleich war es wieder zwischen Bäumen und Hügeln verschwunden, kam auch nicht wieder zum Vorschein.

Und Adams scharfes Auge hatte auch noch etwas Anderes erkannt.

»Das waren geene värzg Gilometer, das gönnen eher hundertvärzg gewesen sin! Da is was bassiert!«

Adam hatte recht, wie wir später erfahren werden. Er hätte die rasende Schnelligkeit des Automobils auch gar nicht zu erkennen brauchen, um zu demselben Schlüsse zu gelangen, dass da irgend was ›bassiert‹ war.

Die Insassen des Automobils hätten doch niemals einstweilen eine kleine Spazierfahrt in die Umgegend angetreten, während sie ihren Gefährten dort oben in der schwindelnden Höhe wussten, mindestens hätten sie ihn doch erst verständigen können. Die Mittel, sich ihm bemerkbar zu machen, hatten sie ja.

»Ja, warum hamm Se nich errscht gedudt? Da muss was bassiert sin.«

Weiter hielt sich Adam nicht mit Grübeleien auf, sondern er schickte sich an, schnellstens wieder hinabzuklettern, um zur Stelle zu sein, wenn das Automobil wieder zurückkam.

Ehe sich Adam zur Kletterreise umdrehte, blickte er noch einmal hinab und... wieder schien er sich nicht sattblicken zu können, oder er musste sich eben des Längeren überzeugen, ob er auch richtig sähe.

Da kam nämlich die Strickleiter ein Mensch heraufgeklettert, war schon zur Hälfte hinauf.

»Nee, das is gee Mensch, das is ä Affe!«

Adam hatte ganz recht, das war gar kein Mensch, sondern ein großer Affe, der schnell die Strickleiter heraufgeklettert kam, und zwar trug er im Maule etwas — wohl eine große Frucht.

Adam war niedergekniet, um besser beobachten zu können. Es war und blieb eine Tatsache.

»Nu, was will denn der Affe hier ohm? Was will denn der von mir?«

Das Männchen war scharfsinnig genug, um gleich auf einen richtigen Gedanken zu kommen, oder doch auf einen, der etwas für sich hatte.

Die Affen werden von den Hindus überhaupt heilig gehalten. Konnte dieser Fakir hier oben sich nicht einen gezähmten Affen gehalten haben, der ihn, wenn einmal längere Zeit keine Pilger vorüberkamen, mit Nahrung, mit Früchten versorgte? Eben deswegen war der Säulenheilige auch im Besitze einer Strickleiter gewesen.

Und wenn der Affe, ein riesiges Tier, hier oben nun einen anderen Menschen fand?

»Ei Gottverbibbg, nu, was mach'ch denn nur?«

Schon war Adam auf den Knien zurückgerutscht, so blieb er in der Mitte der Plattform liegen, suchte in seinen Taschen herum, offenbar nach einer Waffe, fand keine, nicht einmal ein Taschenmesser — dafür zog er seine Schnupftabaksdose, öffnete sie, griff hinein, aber gleich mit der ganzen Faust, und diese Faust mit Schnupftabak hielt er wie zum Wurfe erhoben, während er mit der anderen Hand die geöffnete Dose vor sich hinhielt.

In dieser Stellung lag er auf den Knien. Er sprach es nicht selbst aus, aber eben infolge dieser Stellung hörte man ihn ganz deutlich sagen:

»Tu mir nischt, ich tu dir ooch nischt. Tust de mir nischt, dann kriegst de ä Brischen. Awwer tust de mir was, dann kriegst de enne Brise echten Dobbelveilchen in de Visage, dass de de Oogen ni widder uffkriegen sollst!«

In dieser sprechenden Stellung also kniete das grüne Männchen da. Und jetzt erschien der Kopf des Affen über der Plattform, richtig einen großen Pisang im Maul tragend. Und Adam reckte die einladende Schnupftabaksdose mit einem freundlichen Blinzeln seines lebendigen Auges noch weiter vor, während die schnupftabakbewehrte Faust mit einem starren Blicke seines gläsernen Auges noch etwas weiter zurückging — Freund oder Feind, Farbe bekannt!! — aber es sollte nicht zu einer genaueren Unterscheidung kommen.


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Der Affe stutzte beim Anblicke des fremden Mannes, der mit seinem Zylinder und sonstigem Äußeren ihm erst recht eine fremde Erscheinung sein musste, dann drückte seine bewegliche Physiognomie offenbares Entsetzen aus — und plötzlich war er wieder verschwunden, dafür aber durchschnitt ein fürchterliches Gebrüll, das sich zu entfernen schien, die Luft.

Adam war schnell nach vorn gekrochen, blickte hinab.

»Jetzt hat mir das Luder meine Schtrickledder mit nuntergonommen!«

So war es. Die Strickleiter war nur an zwei oben eingeschlagenen Kupferstiften befestigt gewesen, recht sorglos, und durch die Bewegung des Affen hatte sie sich abgelöst, oder das Tier hatte sie eben sonst wie losgerissen, sie war schon hinuntergeklatscht.

Dass ein Affe zum Sturz kommt, solange er noch irgend etwas packen kann, ist wohl ausgeschlossen. Aber die Bambusstangen, die der Affe fasste, bedeuteten für ihn glühendes Eisen, weil doch überall spitze Nägel hervorragten. Deshalb das jämmerliche Gebrüll, und dennoch musste er die Stangen zum Abstieg benutzen; auf einer Stelle zu beharren, hatte wenig Zweck, und so sprang er in mächtigen Sätzen von Stange zu Stange hinab, immer furchtbar vor Schmerz brüllend, bis er den Boden erreichte und im Walde verschwand, den ganzen Weg mit einer Blutspur bezeichnend.

Die Hauptsache aber war, dass jetzt Adam keine Leiter mehr zum Abstieg hatte, und da half alles nichts. Dass er hastig eine Prise nach der anderen nahm, das brachte ihm keinen rettenden Gedanken.

»Nu da«, konnte er nur immer wieder sagen, »nu da, nu da!«

Warten, bis das Automobil zurückkam. Was war da passiert? Weswegen war es so schnell auf und davon gefahren? Es hatte gar keinen Zweck, darüber nachzugrübeln. Warten, bis es zurückkam!

Und wie dann die Strickleiter wieder heraufbringen? Auf den ersten Blick auch fast unmöglich.

Doch das sind Probleme, die für einen Ingenieur keine Schwierigkeiten haben dürfen.

Nur eine Frage: wie wird denn zum Beispiel ein Strom überbrückt, der sonst gänzlich unpassierbar ist, wie etwa der Niagarafall? Wie stellt man da die erste Verbindung von einem bis zum anderen Ufer her, sodass nach und nach eine Hängebrücke konstruiert werden kann? Einfach mittels eines Drachens. Hat der Drachen einmal das jenseitige Ufer erreicht, so ist durch die Drachenschnur die Verbindung schon hergestellt, man kann diesen dünnen Bindfaden schon als die verkörperte Idee der ganzen Kettenbrücke betrachten. Denn an diesem dünnen Bindfaden wird ein Draht nachgezogen, dieser bugsiert einen stärkeren hinüber, dann kommen schon Taue, dann Ketten — bis zuletzt der Strom von einer ganzen Hängebrücke überspannt wird, deren Gewicht von Tausenden von Zentnern ursprünglich nur an dem dünnen Bindfaden hinübergezogen worden ist.

Noch einmal prüfte Adam, ob die beiden oben befindlichen Leinen ihm zum Abstieg dienen könnten, erkannte ihre Unzweckmäßigkeit hierzu, dann ergab er sich in sein Schicksal. Warten, nichts als warten!

Die Zeit verging. Das Automobil kam nicht zurück. Im Walde Affen und Papageien, auf der anderen Seite des Sees einige grasende Antilopen, sonst nichts.

Aber der Himmel veränderte sich. Am westlichen Horizonte tauchten recht böse Wolken auf.

»'s gann Rägen gähm. Un ich hier ohm in Filzbabuschen! Un nich ämal ä Rägenschärm! Ei du griene Neine!«

Adam vertrieb sich die Zeit mit Schnupfen, mochte ja auch einem wissenschaftlichen Problem nachhängen. Dann nahm er die Kürbisflasche, wickelte die Schnur ab, die Flasche erreichte das Wasser. Nachdem Adam die Schnur mehrmals auf und nieder hatte gehen lassen, um den Flaschenhals unter Wasser zu bringen, zog er sie wieder herauf — leer!

Noch einmal hinunter, noch tüchtiger geschwenkt — wieder leer! Und das ging noch zweimal so fort — Adam brachte kein Wasser hinein.

Er blickte zu dem toten Fakir.

»Härn Se Sie, wie hamm Se das denn eegentlich gemacht, dass da Wasser neingommt?«

Die Mumie grinste.

Ja, das war ebenfalls ein Problem, das erst gelöst werden musste, und wollte Adam, der von der höhersteigenden Sonne geschmort wurde und schon seit längerer Zeit Durst litt, diesen löschen, so musste er dieses Problem lösen.

Also immer noch einmal hinab mit der Kürbisflasche, noch mehr geruckt und hin und her gezogen, und schließlich hatte er den richtigen Kniff weg, er brachte die Flasche gefüllt herauf, trank mit gierigen Zügen.

Während des Trinkens veränderten sich seine faltigen Gesichtszüge ganz auffallend, und nachdem er die Flasche abgesetzt hatte, klopfte er nachdrücklich mit dem Fingerknöchel gegen seine Stirn.

»Immer älter, und immer dümmer, immer dümmer, Adam!«

Nach dieser Selbsterkenntnis, welche bekanntlich der Anfang aller Weisheit ist, ging er daran, einen der Nägel herauszuziehen, welche die gespaltenen Bambusstäbe zur Diele vereinigten. Es war eine mühsame Arbeit, den verrosteten Nagel herauszubekommen, wiederum murrte Adam über sich, dass ihm alten Mann noch passieren könne, sein Taschenmesser manchmal außerhalb des Futterals zu haben, nach dem dieses Instrument seinen Namen bekommen hat. Endlich gelang es ihm doch, und dann, als er den ziemlich langen Nagel zu einem Haken bog, entwickelte das alte Männchen eine ganz bedeutende Kraft, die ja allerdings auch schon diese zwar knochendürren, aber doch äußerst sehnigen Arme verrieten.

Den krummen Nagel befestigte er sehr geschickt unten an dem Bastkörbchen, ließ dieses hinab, es erreichte den Boden, und so begann er mit dem Angelhaken nach der Strickleiter zu fischen.

Die Idee, wenn sie auch etwas spät kam, war gut — nur schade, dass das Resultat als Hauptsache sich nicht verwirklichte. Der Haken wollte nicht fassen. Stundenlang mühte sich Adam, auf dem Bauche liegend, ab, zog wie ein richtiger Angler ab und zu die Schnur ein, sich überzeugend, dass sich der Haken noch daran befand, ließ die Leine wieder hinab, zog das Körbchen hin und her, ruckte, ließ es tanzen wie ein Puppenspieler seine Marionette — alles war vergeblich, der Fisch wollte nicht anbeißen. Ganz deutlich sah er die Strickleiter unten liegen, aber aus irgendeinem Grunde wollte der Haken sie eben nicht fassen.

Endlich gab er seine Bemühungen auf. Ob verzweifelt oder nicht, war ihm nicht anzumerken. Aufstehend, dehnte er die lahmgelegenen Glieder, soweit diese natürliche Sehnen hatten und sich daher dehnen ließen; dabei blickte er sich nach allen Seiten um.

»Schöne Aussicht von hier ohm, o ja, hier ohm möcht''ch schon für immer wohnen, wenn'ch nur...«

Er verstummte, sein Blick war auf den zu seinen Füßen liegenden Fakir gefallen. Plötzlich lag dessen Kopf seitwärts vom Rumpfe. Die Halswirbel mochten nicht mehr intakt gewesen sein. Das ausgetrocknete Fleisch hatte auch nicht mehr viel Bindekraft. Solche Mumien sind ja überhaupt zerbrechliche Objekte. Bei seinem Arbeiten musste Adam mit den Füßen den Kopf abgebrochen und beiseite geschoben haben.

Er hob ihn auf, ohne jede Scheu, betrachtete den fast kugelrunden Schädel von allen Seiten, kollerte ihn auch in den Händen so hin und her.

»Die Gegelgugel hätt'ch, nu fehlt bloß noch der Gegelschubb. Un liewer wär mirsch, wenn das ä Schweinsgobb wäre, ä gebackner, gefillt brauchte er gar nich zu sin. Ei ei ei ei ei, was soll aus mir hier ohm werden, wenn nich bald Wallfahrer gomm, die mir mei Gärbchen filln?«

Zunächst ließ er auf der anderen Seite noch einmal die Kürbisflasche hinab, und diesmal gelang es ihm schnell, mit ihr Wasser schöpfen. Er hatte erst einige Schlucke getan, als er schnell absetzte und sich mit den Fingern in den Mund griff, daraus etwas zum Vorschein brachte.

»Ä gleener Frosch! Ä Hecht in Butter wär mir liewer gewesen. Hm, soll ich? Ä, der gleene Habben nutzt mir ooch nischt. Un verhungern gann ich iewerhaubt nich, ich schnabuliere eefach den doden Fakir uff. Na, da hubbe hin!«

Er setzte das Fröschlein an den Boden, es besann sich nicht lange, machte einige Sprünge, war von der Plattform verschwunden.

»Hat's der gut! Der is schon unten un bricht sich geene Gnochen. Das gann'ch nich nachmachen, 's wär schade um mei Gummibeen.«

Hierauf machte er sich wieder an die Angelei mit dem Korbe nach der Strickleiter. Das war also nur eine Erholungspause gewesen. Es war ja auch seine einzige Hoffnung, die Strickleiter auf diese Weise wieder heraufzubekommen, wenn er nicht ganz untätig auf die Rückkehr des Automobils warten wollte.

Was für Gedanken er sich über dessen Entfernung und Nichtwiederkommen machte, wissen wir nicht. Da war eben ›was bassiert‹.

Es wollte ihm aber noch immer nicht gelingen, der Strickleiter habhaft zu werden. Einmal hing sie schon am Nagel, fiel aber wieder zurück, der Nagel hatte ihr Gewicht nicht getragen, war aus dem Korb gerissen, und Adam musste einen neuen Nagel aus der Plattform lösen.

Es war ganz erstaunlich, wie ruhig dies das grüne Männlein tat, anstatt sich jammernd zu Boden zu werfen.

Da, wie er abermals angelnd auf dem Bauche lag, kam in seinen Gesichtskreis von Süden her ein Mann. Adam hatte ihn also nicht von fernher kommen sehen, er hatte ja immer nur die Strickleiter und seinen Angelapparat im Auge.

Der Mann war plötzlich da, ein halbnackter Kuli, auf dem Rücken den üblichen Proviantsack.

Was für einen Eindruck dieser Mensch auf Adam machte, lässt sich denken. Der rettende Engel!

»Sie, heernse, hängen Se mal die Schtrickledder an den Korb!!!«

So brüllte er hinab, bediente sich auch eines besseren Englisch, aber das war auch die einzige Sprache, die er beherrschte.

Und der Kuli verstand kein Englisch, konnte sich weder das Vorhandensein der seidenen Strickleiter noch das Brüllen des vermeintlichen Säulenheiligen dort oben erklären — jedenfalls war es ein fremder Wanderer, der eben nicht anders wusste, als dass auf diesem Gerüst ein heiliger Fakir lebe, dem er seinen Tribut zu entrichten habe.

So nahm er unbekümmert um Adams Schreien seinen Schnappsack vom Rücken, schnürte ihn auf, griff hinein, legte etwas in das Körbchen und trollte sich weiter, im frohen Bewusstsein, eine gute Tat verrichtet zu haben, und das war ja auch wirklich der Fall.

Da alles Brüllen nichts half, beruhigte sich Adam, zog das Körbchen herauf.

Ein großes Stück hartes Brot, eine Art Schiffszwieback, ein nicht minder großes Stück Rohrzucker, getrocknete Datteln — der unfreiwillige Säulenheilige brauchte sein künstliches Gebiss noch nicht an dem ausgetrockneten Fleische seines Vorgängers zu probieren, und zwar ging Adam mit solchem Appetit an den Inhalt des Körbchens, dass man erkennen konnte, wie er tatsächlich schon grimmigen Hunger gehabt haben musste.

An die Zukunft dachte er nicht, keinen Brocken ließ er übrig, dann aber war er auch gesättigt und sollte keine Zeit mehr haben, seine Kraft in fruchtlosen Angelversuchen zu erschöpfen.

Die Sonne hatte sich dem Horizonte genähert, und schon vor ihrem Untergange wurde es Nacht, dermaßen hatte sich der Himmel unterdessen mit pechschwarzen Wolken umzogen, und es begann zu regnen, wie es nur in den Tropen regnen kann.

Der Ausdruck ›Bindfaden und Stricke‹, die es regnen soll, reicht da noch nicht hin. Da hätte auch Adams solider Schirm gar nichts genützt. In jenen Breiten sieht man überhaupt wenig Regenschirme, sie haben gar keinen Zweck. Sie werden sofort kurz und klein gehauen. Gerade hier in Indien hört man den Engländer oft scherzhaft fragen, wenn jemand aus solch einem Regenguss kommt: »Nun, ich dächte, Sie wären recht klein geworden?« Nämlich von dem Regen zusammengedrückt. Es kommt auch häufig genug vor, dass solch ein Regenguss Menschen wirklich totschlägt, und zwar nicht etwa Hagel, sondern richtiger Regen, der taubeneiergroße und noch größere Tropfen liefern würde, wenn diese nicht zusammenhingen. Es sind eben ganze Wasserstrahle, welche aus einer Höhe von Tausenden von Metern herabsausen.

Adam hatte sich schnell genug auf den Bauch gelegt, kniete noch einmal empor, um schleunigst seinen schwarzen Gehrock auszuziehen, hielt sich zuvor noch einmal mit schmerzhaft verzogenem Gesicht seine Ohren, dann legte er sich wieder hin, zog sich den Rock über den Kopf.

»Ja, hier ohm möchte'ch wärklich mal meine Sommerferjen verbringen!«, stöhnte er noch einmal mit Galgenhumor.

Er bekam in der Tat einen kleinen Geschmack davon, was es heißt, hier in Indien so ein luftiger Säulenheiliger zu sein.

Der furchtbare Regenguss ließ bald nach, bis er gänzlich aufhörte, dafür setzte ein immer heftiger werdender Sturm ein und zugleich ein Gewitter, dessen unaufhörlich zuckende Blitze die Nacht immer mehr in Tag verwandelten.

Adam hatte den Überrock vom Kopfe weggezogen, musste sich schnell darauflegen, sonst wäre er ihm aus den Händen gerissen worden, und nun konnte er als Säulenheiliger beobachten, was in solcher Höhe ein indisches Gewitter und mehr noch ein Sturm zu bedeuten habe.

Er musste sich ganz breitbeinig hinlegen, auch die Arme ausstrecken, sich in den Bambushölzern festkrallen, sonst wäre er von dem sich wie eine Gerte hin und her biegenden Gerüste heruntergeblasen worden, wie es mit dem toten Fakir bereits geschehen war, ein Beweis, dass dieser erst vor dem letzten Sturme gestorben war, und wir wollen nur sagen, dass jetzt auch Adam von seinem trockenen Humor verlassen worden war. Wenn nicht den Untergang der Welt, so erwartete er doch seinen eigenen. Jeden Augenblick war er darauf gefasst, dass das fünfunddreißig Meter hohe Gerüst zusammenbrechen oder vielmehr nach einer Seite hin umknicken würde, und ob nun nach der Wasser- oder nach der Waldseite hin, das war dem unfreiwilligen Säulenheiligen jetzt ganz gleichgültig.


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Eine Komik zeigte er höchstens noch darin, wie er immer ängstlich darauf bedacht war, dass ihm der Sturm nicht auch seinen Zylinder entführe, und da er sich mit den Händen festkrallen musste, hatte er ihn an der Krempe zwischen die Zähne genommen.

So lag er da, mit dem Kopfe auf der Ostseite etwas über den Rand schauend, wie er nun einmal von Anfang an gelegen hatte. Die unaufhörlichen Blitze, nur dass sich schwächere mit grelleren ablösten, zeigten ihm unten den Boden. Ein gar so außergewöhnlicher Sturm mochte es ja gar nicht sein, dort unten war es vielleicht noch erträglich, aber hier oben, hier oben auf diesem fünfunddreißig Meter hohen Bambusgerüste, wie das schwankte!!

»Herr Göttchen, Herr Göttchen, wie sich hier ohm ä lebendger Mensch nur wohlfieln gann!«, winselte Adam, und seine Sprechweise enthielt eine ganz unfreiwillige Komik.

Da — unten zwei Reiter!

In gestrecktem Galopp kamen sie von Norden her.

In einer Aufeinanderfolge von einem Dutzend furchtbarer Blitze erkannte Adam ganz deutlich, dass der eine ein indisches Kostüm trug, der andere wie ein Europäer gekleidet war. Weiter ging die Unterscheidung freilich nicht.

Und der eine Reiter der mit dem Schlapphut und den hohen Stiefeln, hatte vor sich im Sattel ein großes Bündel, um das er beide Arme gelegt hatte, deren Hände die Zügel hielten.

Das hatte Adam im Lichte der vereinigten Blitze deutlich unterscheiden können. Im Lichte der folgenden, viel schwächeren konnte er nur erkennen, dass sie jetzt den Lauf ihrer Rosse mäßigten.

Eine Hoffnung, sich verständlich machen zu können, durfte Adam nicht haben. Auch die weniger leuchtenden Blitze erzeugten heftigen Donner, der unaufhörlich rollte, jede menschliche Stimme übertönend.

Da wieder solch eine Häufung von Blitzen, fast der ganze Himmel schien für eine Minute in Flammen zu stehen.

Die beiden Reiter hielten gerade unten am Fuße des Gerüstes, sie hatten ihre Pferde dicht zusammengedrängt. Der mit dem Schlapphute übergab dem mit dem Turban sein Bündel. Dieses musste ziemlich schwer sein, es konnte eine menschliche...

Da ein Windstoß, das umhüllende Tuch flatterte davon, wurde nur noch an einem Zipfel zurückgehalten — und Adam sah eine Frauengestalt in einem ihm wohlbekannten Kleide, sah ein bleiches Gesicht, das gerade in den feurigen Himmel hineinblickte...

Da erlosch dieser, die schwächeren Blitze zeigten nur undeutlich, wie die Reiter im Galopp ihren Weg fortsetzten.

Und Adam hatte genug gesehen.

»Leonor!!«

Da setzte der Sturm, der sich abschwächen zu wollen schien, noch einmal mit seiner ganzen Kraft ein. Er spielte seinen letzten Trumpf aus — noch einmal bog sich das leichte Bambusgerüst wie eine Gerte nach Osten hinüber, und diesmal wollte es sich durch die Kraft der Elastizität nicht gleich wieder aufrichten, um zu neuen Schwankungen auszuholen — es bog sich noch etwas weiter über — noch weiter — immer noch weiter...

Ein Knack, ein leichtes Prasseln... das fünfunddreißig Meter hohe Gerüst war umgebrochen, in weitem Bogen sauste Adam durch die Luft.

*

Kapitel 28
Tempelkloster

Wir kehren zu der Minute zurück, da Adam das Plateau erreicht hatte und fragend hinabrief, ob man ihn noch verstehen könne, dann die Mitteilung machend, dass da oben ein ›Gerl‹ läge und ihn angrinse.

Ein Schrei hatte ihm geantwortet, der aber von Adam nicht vernommen worden war, ihm auch nicht gegolten hatte.

Leonor hatte ihn ausgestoßen.

»Georg!!«

Georg sah es sofort, worauf des Mädchens entsetzte Augen gerichtet waren — die Schlange, welche sich dort neben der leeren Proviantkiste auf dem Schwanze zur halben Höhe aufgerichtet hatte, den Hals tellerartig aufgeblasen oder doch verbreitert — eine Brillenschlange, die sich soeben zum Sprunge anschickte, und der züngelnde Kopf mit den starren Augen war gerade nach Leonor gerichtet — — mit der einen Hand packte Georg eine Eisenstange, mit dem anderen Arm riss er das Mädchen zur Seite... zu spät!

Die Kobra war bereits, gesprungen. Wohl lag sie jetzt mit zerschmettertem Rückgrat am Boden, aber ihr Kopf hatte bereits des Mädchens rechte Hand berührt gehabt.

»Um Gott, Sie sind doch nicht gebissen worden?!«

Schon das Aussehen und Gebaren Leonors musste ihm das Gegenteil sagen. Todesblass war sie in seinem Arm zurückgesunken, und das war nicht allein der Schreck, sondern das waren schon die Folgen des Giftes. Dann färbte sich das Gesicht etwas bläulich, und zum Überflusse sah Georg auch noch aus ihrem Handballen ein Tröpflein Blut hervorsickern.

Sie zu Boden gleiten lassend, stürzte er davon, kam mit einer Flasche Rum zurück, schlug dieser den Hals ab und flößte dem Mädchen von dem scharfen Getränk ein, durch Zuhalten der Nase zum Schlucken zwingend.

Auch Tom und Charles waren herbeigekommen. Die tote Schlange sagte ihnen alles.

»Einen Löffel, ein Glas her — hier, Charly, zwinge sie, zu trinken, sie muss, sie muss, oder in fünf Minuten ist sie eine Leiche!!«

Er saugte ihr die Wunde aus, tat sonst, was er konnte.

Dann sprang er — und seit dem Bisse war noch keine Minute vergangen — an den Apparat, warf den Hebel herum — das Automobil sauste davon, immer schneller und schneller.

Den beiden Monteuren, die sowieso den Kopf verloren hatten, ward ganz unheimlich bei der immer rasender werdenden Fahrt.

»Wohin, Mr. Hartung?«

»Ein Glück, es ist ein großes Glück!«, stieß der furchtbar erregte Georg hervor. »Jenes brahmanische Kloster besitzt solch ein untrügliches Mittel gegen den Biss der Kobra — so habe ich wenigstens gehört — o Gott, o Gott, wenn es nicht der Fall wäre!!«

»Mr. Hartung, denken wir auch an uns, wir verunglücken!!«

Georg hatte auf 150 Kilometer Geschwindigkeit eingestellt, und der Weg war steinig und auch sonst gefährlich, wurde zwischen Hügeln und Bäumen immer enger.

Georg sammelte sich, stellte die Schnelligkeit auf 50 Kilometer ein, übergab das Steuer dem einen Monteur, beschäftigte sich wieder mit Leonor.

Sie war ganz blau geworden, schon starr, der Unterkiefer klappte immer herunter.

»Rum einflößen, immer Rum einflößen, es ist vorläufig die einzige Rettung!!«

So nahm sich Georg nicht einmal Zeit, sie bequemer zu betten. Die Hälfte der dickbauchigen Flasche war ihr schon einfiltriert worden.

»Es hilft, es hilft!!«, jubelte Georg, »Die blauen Flecke verziehen sich wieder! O, wenn man mich damals über das Kloster wahr berichtet hätte!!«

Also dem Rum allein vertraute er nicht. Er hoffte noch auf ein Wundermittel, das auch alle böse Folgen beseitigte. Denn dass sonst so ein Biss der Kobra mindestens lebenslängliches Siechtum nach sich zieht, ist schon gesagt worden.

»Da ist ein Haus«, meldete der Chauffeur.

Es war das brahmanische Kloster, ein weitläufiger Bau, ein ganzer Komplex von Bauten, von einer hohen Mauer umringt. Sonst wollen wir es so wenig beschreiben, wie jetzt Georg Interesse dafür hatte.

Er sprang heraus, ließ an dem Tore donnernd den mächtigen Klopfer erschallen — nur einen Moment des Lauschens, dann donnerte er weiter.

Doch gleich ward eine in Kopfhöhe angebrachte Klappe geöffnet.

»Was störst du unseren Frieden, Faringi?«, fragte das daran sich zeigende Gesicht eines Inders.

»Eine Dame ist von einer Kobra gebissen worden.«

Der Inder wusste, worum es sich handelte, er bediente sich derselben Kürze.

»Wann?«

»Vor zwanzig Minuten.«

»Sie lebt noch?«

»Sonst würde ich sie nicht herbringen.«

»Es sind uns schon Tote gebracht worden, verweste Leichname. Bring sie herein!«

Ein Jubelruf entschlüpfte Georgs Lippen, als er in das Automobil zurücksprang. So einfach hatte er sich die Sache gar nicht vorgestellt, und schon gingen die Torflügel zurück.

»Kann dieser Wagen hereinfahren?«

»Warum nicht?«

Das Automobil fuhr in den Hof. Georg trug die bewusstlose Leonor in seinen starken Armen heraus, und es war nicht anders, als ob man sie schon erwartet habe, oder man war eben auf solche Fälle stets gefasst, immer darauf eingerichtet.

Da kamen schon zwei Kulis mit einer Tragbahre anmarschiert, da stand schon ein alter, würdevoller Mann, durch die weiße Binde um die Stirn als Oberbrahmane gekennzeichnet.

Ohne einen Blick für das Automobil zu haben, beschäftigte er sich nur mit der Bewusstlosen, bewegte ihre Arme und Finger, schob ihr die Augenlider zurück.

»Vor zwanzig Minuten ist sie gebissen worden?«

»Ja. Ungefähr.«

»Hast du etwas dagegen getan?«

»Ihr eine halbe Flasche Rum eingeflößt.«

»Gut! Tragt sie fort!«

Georg legte Leonor auf die Tragbahre, die muskulösen Kulis hoben diese auf, setzten sich in Gang.

»Wird sie gerettet werden?«

»Wie Brahma will.«

Der Oberbrahmane folgte der Bahre, Georg schloss sich natürlich ebenfalls an. Die Träger verschwanden hinter einer Tür. Hier wandte sich der Brahmane gegen Georg.

»Warte hier!«

»Ich gehe mit.«

»Kein Fremder darf diesen Tempel betreten!«

Georg blickte in das bärtige Gesicht des Alten so edel, so rein, so klar, schon bei Lebzeiten bereit von allen irdischen Fesseln — wenn dieses Gesicht log, dann ist es eine Lüge, dass wir alle Wärme und unser ganzes Leben der Sonne verdanken — blieb zurück.

»Wird sie gerettet werden?«, fragte er nur nochmals, und der Klang seiner Stimme sagte noch mehr.

»Ich sage es dir, sobald ich es dir sagen kann. Bete unterdessen zu dem, den du Gott und den wir Brahma nennen.«

»Und wann kann ich diesen Bescheid erwarten?«, drängte Georg immer noch.

»In einer Viertelstunde.«

Die Tür schloss sich hinter dem Brahmanen.

Es war die längste Viertelstunde, die Georg je durchgemacht hatte. Rastlos wanderte er auf und ab. Um die Zeit abzukürzen, wollte er Umschau halten, tat es auch — sah aber nichts. Seine geistigen Augen sahen nur das bewusstlose Mädchen.

Da trat der Oberbrahmane wieder aus jener Tür, kam Georg entgegen. Dieser Priester nahm einen fürstlichen Rang ein, und die klugen Engländer tragen den religiösen Sitten des indischen Volkes, an dem sie so viel Geld verdienen, Rechnung. Vor diesem weißen Stirnband wird die Wache zum Präsentieren herausgerufen, noch heute, bei Hoffestlichkeiten rangiert der Brahmane vor europäischen Fürsten; wie nach einheimischen, so kann auch nach englischen Gesetzen kein Brahmane abgeurteilt werden, und wenn er einen vorsätzlichen Mord begangen hätte, der brahmanische Priester ist unverantwortlich für alles — wer einen Brahmanen nur mit einem Grashalm schlägt, der ist des Todes, sagt das indische Gesetz der Veden — und trotzdem gebärdete sich dieser Oberbrahmane, Herr eines reichen Klosters und wahrscheinlich fabelhafter Tempelschätze, einfacher als ein christlicher Prior oder Abt, er hatte keinen Zwischenträger nötig, der den Fremden zur Audienz befahl, er kam selbst, dienend und dennoch von unnahbarer Majestät.

»Sie schläft.«

»Sie ist gerettet?!«

»Das weiß nur Brahma.«

»Aber wann erfahre ich denn, ob sie gerettet ist?«

»Wenn sie erwacht.«

Georg hatte noch etwas anderes herausgehört, er erschrak.

»Wird sie denn auch erwachen?«

»Das weiß nur Brahma.«

»Sprich, ich beschwöre dich!«

»Wenn sie erwacht, ist sie gerettet. Oder sie schlummert nach Sansara hinüber.«

»In den Tod!«

»Du sagst es. Dann will Brahma nicht, dass ihr das Mittel etwas hilft.«

Ein furchtbar niederschmetternder Bescheid! Es blieb nur die Hoffnung.

»Und wenn sie erwacht — der Schlangenbiss wird keine nachteiligen Folgen haben?«

»Nein. Sie wird gesünder erwachen, als sie zuvor gewesen ist.«

»Und wann ist ihr Erwachen zu erwarten?«

»In einer Stunde — vielleicht auch erst in zehn Tagen. Ich weiß es nicht. Nur das kann ich sagen, dass niemand länger als zehn Tage und zehn Nächte geschlafen hat, um dann noch aufzuwachen. Er erwachte erst in Sansara.«

»Es gibt gar kein Anzeichen, woraus man bestimmen kann, in welcher Zeit sie ungefähr erwachen wird?«

»Gar keins.«

»Auch nicht, ob sie überhaupt gesund erwachen wird?«

»Nein. Du musst dich gedulden, Freund.«

Wiederum eine trostlose Aussicht! Nicht zu wissen, ob die Entscheidung in einer Stunde oder in zehn Tagen eintritt!

Und mit einem Male wurde Georg von einer namenlosen Sehnsucht erfasst.

»Darf ich sie wenigstens sehen?«

»Nein.«

»Ich flehe dich darum an!«

»Jenen Tempelraum darf kein Fremder betreten.«

»Mache eine Ausnahme, ich weiß, wie duldsam deine Religion auch gegen Andersgläubige ist.«

»Wir haben alle denselben Glauben, nur Maja blendet uns. Ist es dein Weib?«

»Nein.«

»Aber du liebst sie?«

Georg wusste sofort, worauf es hierbei ankam, und nur kurz war sein Kampf, ob er sein tiefstes Geheimnis preisgeben solle.

»Ja.«

»Ich weiß es, ich sehe es dir an. Und die Liebe heiligt. Folge mir!«

Sie durchschritten einen ganz einfachen Gang. Beim Öffnen einer Tür schlug Georg ein bitterlicher, betäubender Geruch entgegen. Zuerst sah er nichts als einen Qualm, bis sich sein Auge daran gewöhnt hatte, dass es den Qualm durchdringen konnte, und da sah er im Scheine einer roten Ampel als erstes auf einem Postament die lebensgroße Figur einer brahmanischen Göttin stehen, in ihren vier ausgestreckten Händen je eine Schlange haltend, die sie mit mildlächelndem Gesicht zu erwürgen schien — Sagla, die Schutzgöttin gegen wilde Tiere, speziell gegen Schlangenbiss.

Hierbei muss etwas bemerkt werden.

Die brahmanische Religion hat eine Unzahl von Göttern, Halbgöttern, Dämonen usw. So wird z. B. in jedem Konversationslexikon berichtet. Das ist ja auch richtig, im Grunde genommen aber doch ganz falsch. Der Brahmanismus kennt eigentlich nur Brahma, die alles umfassende und durchdringende Weltseele, für den Menschen unfassbar, deshalb auch gar nicht verehrt werdend. Brahma selbst wird nicht angebetet, hat keinen besonderen Tempel. Außer Brahma gibt es überhaupt nichts. Aber die Phantasie der Inder muss alles in Symbole kleiden. Das erhaltende Prinzip heißt Vischnu, das zerstörende Shiva. Doch was ist das, ein erhaltendes und zerstörendes Prinzip? Die Brahmanen mögen diese geistigen Prinzipien verstehen, aber das Volk kann das nicht, und so hat man ihm Götter gegeben, oder es hat sich diese selbst gemacht. Die Brahmanen lassen es bei diesem unschädlichen Glauben. Ein Götzendienst ist es aber nicht.

Wir haben ja bei uns ein ganz ähnliches Beispiel. Etwa das Glück. Um diesen allgemeinen Begriff ›Glück‹ zu personifizieren oder ihn uns deutlicher vor Augen zu führen, haben wir die Fortuna mit verbundenen Augen auf der rollenden Kugel. Wir beten aber doch die Figur nicht an, sondern wir wünschen uns das Glück vom Himmel herab.

So hat die brahmanische Religion jeden Begriff personifiziert, nicht nur Glaube, Liebe und Hoffnung, und so sind die zahllosen Götter, Devas und Dämonen entstanden. Der Inder kann ohne diese persönlichen Vorstellungen nicht auskommen. Der Buddhismus hat versucht, sie abzuschaffen, hat aber deswegen in Indien Fiasko gemacht, musste nach China und Tibet auswandern, wo sein geistiger Kern aber erst recht nicht verstanden wird, aus ihm ein nun erst recht götzendienerisches Bonzentum geworden ist.

Mit den Götterfiguren wird jedoch freilich viel Luxus getrieben. Es werden ihnen Gaben dargebracht, ganze Städte, die etwa vermeintlich durch das Gebet von einer Epidemie befreit worden sind, stiften eigene Figuren, die Tempeln und Klöstern vermacht werden. Solchen Luxus bekam Georg hier zu sehen. Die Figur war ganz aus Gold und Elfenbein, mit Edelsteinen übersät, und gleiche Pracht schimmerte ihm durch den Rauch von allen Seiten entgegen.

Zu den Füßen der Göttin stand ein sargähnlicher Kasten mit durchlöcherten Wänden. Aus diesen Löchern schien der bitterlich riechende Rauch zu kommen. Der Brahmane schlug den ebenfalls durchlöcherten Deckel zurück und... da lag Leonor, auf Kissen gebettet, ganz normal aussehend, und dass sie atmete, war sofort ersichtlich.


Illustration

»Darf ich hier warten, bis sie erwacht?«

»Du würdest einschlafen und ersticken.«

»Weshalb erstickt denn diese Schläferin nicht?«

»Das Räucherwerk wirkt gegen das Schlangengift. Beide vertragen sich nicht zusammen.«

Dann wirkte es also ebenso wie der Alkohol. Georg hatte es schon geahnt.

»Ich habe den Deckel schon zu lange offen gehalten, sie muss immer direkt dem Dampfe ausgesetzt sein.«

Er schloss den Kasten wieder.

»Wenn sie nun erwacht?«

»So ist sie eben bei Besinnung. Sie wird den Deckel von selbst öffnen, wird heraussteigen und die Tür sehen.«

»Wie? So ist gar kein Wächter in diesem Raume?!«

»Es würde kein Mensch darin aushalten, er müsste sich denn selbst erst mit Schlangengift infizieren.«

Wirklich! Georg empfand schon eine große Schläfrigkeit.

»Ist denn kein Fenster angebracht, dass man sie von außen beobachten kann?«

»Nein.«

»Es blickt auch niemand nach ihr?«

»Doch, ab und zu.«

»Wenn sie nun aber versäumt, den Deckel zu öffnen?«

»Dann hat sie zwar die Folgen des Schlangengiftes überwunden, dieses wirkt aber doch noch lange insofern nach, als sie nicht gleich wieder einschlafen kann, davon nicht gleich wieder betäubt wird. Traue unserer vieltausendjährigen Erfahrung.«

Georg wusste es wohl, und es ward auch die höchste Zeit, dass er wieder hinaus an die frische Luft kam, die Schläfrigkeit wollte ihn überwältigen.

Ein anderer Klosterbewohner wollte ihm und seinen Gefährten in einem besonders stehenden Gebäude, der Karawanserei, aber in einzelne Gemächer eingeteilt, Räume anweisen. Georg lehnte dankbar ab. Die Gastfreundschaft nahm er an, doch für ihn genüge das Automobil, und hoffentlich brauche er auch keine Nacht hier zu verbringen.

Fürchterlich langsam verstrich dem rastlos hin und her Wanderenden die Zeit. Jene Tür war verschlossen, ein nochmaliges Sehen der Schlafenden ward ihm versagt. Es hatte ja auch keinen Zweck, er musste warten — eine Stunde, immer noch eine Stunde — vielleicht auch zehn Tage — und dieses Unbestimmte war eben das Entsetzliche dabei!

Natürlich dachte Georg auch an Adam.

Sollte er mit dem Automobil zurückfahren?

Aber wenn Leonor inzwischen zu sich kam? Und sie dem Leben erhalten zu sehen, das war für ihn doch die Hauptsache. Wenn jedoch die Strickleiter gerissen, Adam sonst verunglückt war? Georg wollte es nicht hoffen. Und Adam musste der Spur, die das Automobil auf dem grasigen Wege zurückgelassen, doch folgen können. Oder sollte er einen Monteur zurückschicken? Doch die waren in der Wildnis unbeholfen wie Kinder, und von dem Automobil trennen wollte er sich auch nicht.

Kurz und gut, Georg konnte zu keinem Entschlusse kommen, er fasste wohl einen Plan, führte ihn dann aber nicht aus, ohne zu ahnen, wie diese Unentschlossenheit, die sonst gar nicht dem Charakter dieses energischen Mannes entsprach, zu seinem und Leonors Glück sein sollte.

So verging der ganze Tag. Das Unwetter zog herauf. Die ersten Regentropfen brachten Georg einmal zur Besinnung.

»Mein Gott, mein Gott, auch Adam noch nicht hier! — Ich wollte ihm doch entgegenfahren oder gehen — aber jetzt muss ich — ja, wenn, jetzt aber mm Leonor... was soll ich nur tun... was ist nur mit mir?!«

Georg fühlte also selbst seine Unentschlossenheit und konnte sich noch immer nicht zu einem Entschlusse aufraffen.

Da erscholl der eiserne Klopfer.

Na, endlich, da kam Adam! Diese Sorge war er nun doch wenigstens los!

Nein, es war eben nicht Adam, sondern es waren sechs Reiter, vier vornehme Inder und zwei Europäer, offenbar Engländer, fremde Reisende, die in dem Kloster um Schutz vor dem aufziehenden Unwetter und auch gleich um Unterkunft für die Nacht baten.

Sie wurden eingelassen. Die Klosterbewohner hatten sich bisher wohl um die Insassen des Automobils gekümmert, hatten ihnen Speise geboten und sie nach ihren sonstigen Wünschen gefragt, aber dem Automobil selbst, für diese Einsiedler hier doch jedenfalls eine ganz fremde Erscheinung, hatten sie kaum einen Blick geschenkt. Das war ein Werk von Menschenhand, darüber mussten sie erhaben sein, das existierte nicht für sie. Die neuen Ankömmlinge hingegen gehörten noch der Welt an, auch die Inder, allem Anscheine nach vornehme Hindus, und wenn sie auch einige Zurückhaltung zeigten, so stießen sie beim Anblicke des Automobils in diesem Klosterhofe doch Rufe des Staunens aus, und noch überraschter waren die beiden Engländer.

»Ist das nicht das Automobil der Miss Leonor Morris?!«

Georg musste wohl bejahen.

»Dann sind Sie selbst der Begleiter und Führer dieser kühnen Amerikanerin, sind Mister Georg Hartung!«

Die Zeitungen hatten schon gar viel erzählt, und es brauchten nicht mehr nur telegrafische Berichte zu sein, auch Briefe konnten unterdessen schon Indien erreicht haben.

Die beiden Engländer stellten sich und ihre indischen Begleiter vor. Ihre Namen tun nichts zur Sache, und ehe sie von sich selbst sprachen, hatten sie doch noch andere Fragen zu stellen.

»Und wo ist denn Miss Morris, dass wir die Ehre und das Vergnügen haben, diese heldenmütige Dame kennen zu lernen?«

Georg erzählte, wie sie von einer Kobra gebissen worden war. Er konnte es ja nicht verheimlichen, hatte keinen Grund dazu. Nur über Adam sprach er nicht, wie dieser zurückgelassen worden war, weil er gerade jenes Bambusgerüst bestiegen hatte. Georg dachte einfach im Augenblick gar nicht daran, so ausführlich erzählte er ja auch nicht, und wenn die sechs Herren schon von dem grünen Männchen gehört hatten, so vermissten sie es doch nicht. Der Unfall der Miss Morris hatte sie mächtig erregt, oder mindestens mussten sie doch solch eine Teilnahme heucheln.

Ja, dass dieses Kloster solch ein absolut sicheres Mittel gegen den Schlangenbiss besaß, war auch ihnen schon bekannt, sie wussten sogar, dass dabei eine Räucherung angewandt wurde.

»Dann wird sie gerettet, dann wird sie gerettet! Welch ein Glück, dass der Unfall gerade in der Nähe dieses Klosters passierte, dass Sie darum wussten, wie hier Hilfe zu suchen war, und dass Sie selbst gleich Spirituosen einflößten! Denn noch nicht einmal das ist allen bekannt.«

So und anders wurde gesprochen; auch die Inder mit hochklingenden Titeln beteiligten sich an der allgemeinen Unterhaltung, nur eben etwas zurückhaltender.

Dann war begreiflich, dass die beiden Engländer die Frage stellten, ob man denn nicht einmal das Automobil besichtigen dürfe, und man hatte doch auch schon von der geheimnisvollen Triebkraft gehört, von dem Morrisit, welches bestimmt sei, alle Kohle und alles Petroleum zu verdrängen, nur einigen kleinen Konsortien zum Nachteil, sonst der allgemeinen Menschheit zum größten Segen.

Georg war gewiss kein solch schwächlicher Charakter, der zu allem Ja sagen muss. Er sah keinen Grund, den Herren ihre Bitte abzuschlagen, Leonor verweigerte doch auch niemand die Besichtigung, wenn um solche bei passender Gelegenheit gebeten wurde. So hatte sie auf der kanadischen Grenze wie auf der von Birma die Zollbeamten stets durch das Automobil geführt, ihnen alles gezeigt, hatte ausführlich die Eigenschaften des Morrisits erklärt.

So tat also auch Georg. Die Männer sprachen ihr Staunen über die ganze Einrichtung offen aus, hörten interessiert Georgs Erklärungen über das Morrisit zu.

»Wunderbar, wunderbar!!«

Dann zogen sie sich in die Karawanserei zurück, wo ihnen ihre Mahlzeit bereits aufgetragen war.

Der furchtbare Regenguss ging vorüber, dafür setzten Sturm und Gewitter in finsterer Nacht ein.

Georg hatte oft genug an Adam gedacht, aber... noch immer war er zu keinem Entschlusse gekommen. Der Unfall, der seiner Geliebten, wie wir gleich sagen wollen, zugestoßen war, hatte ihn ganz aus dem Konzept gebracht. In solch finsterer Nacht konnte er auch keinen seiner Begleiter zu Fuß hinausschicken. Es handelte sich um einen Weg von fast drei Stunden, und er selbst vermochte den Ort nicht zu verlassen, wo er Leonor um Leben und Tod ringend wusste.

So verging abermals eine Stunde in rastloser Unentschlossenheit.

Da traten die fremden Gäste aus der Karawanserei und riefen nach ihren Pferden. Georg bemerkte, fast nur zufällig, dass es bloß fünf waren. Er sollte alsbald eine Erklärung bekommen. Der eine Engländer gab sie ihm, während die Pferde gesattelt wurden.

Die sechs waren auf einer Reise nach Norden, um dort einen gemeinschaftlichen Besitz zu inspizieren. Es handelte sich um ein geschäftliches Unternehmen, an dem auch indische Kaufleute mit großem Kapital beteiligt waren.

Nun war der eine dieser Inder vorhin nach dem Essen schwer erkrankt. Er hatte erst vor Kurzem eine Darmentzündung durchgemacht, es war ein Rückfall, und das Beste sei, wenn man ihn sofort nach dem Hause seines Freundes brächte, der ihn schon früher deswegen behandelt hatte, und der kaum zwei Stunden von hier entfernt in Parnak wohne. Die anderen Herren wollten ihn gleich alle zusammen begleiten, bei Nacht reise es sich ja viel besser als am heißen Tage, das Gewitter und das bisschen Sturm habe nichts zu sagen, das würde auch gleich nachlassen.

Georg hatte für alles dies ja gar kein besonderes Interesse, musste nur der Höflichkeit halber sein Bedauern aussprechen.

»Ich würde Ihnen gern zur Beförderung des Kranken das Automobil zur Verfügung stellen...«

»O nein — nein nein nein — wir danken Ihnen sehr, aber Sie sind doch jetzt ganz mit Miss Morris beschäftigt, und da diese jede Minute zu neuem Leben erwachen kann... nein nein nein — und mein Pferd ist ein Passgänger, der Erkrankte wird während des Rittes nicht die geringsten Schmerzen empfinden... wir danken Ihnen sehr.«

So hatte sich das zu Georgs Zufriedenheit schnell erledigt. Die Herren stiegen in den Sattel, der eine Inder, ein herkulischer Mann, trug zuletzt aus der Karawanserei den erkrankten Freund heraus, in eine Decke gewickelt, der andere Engländer nahm ihn vor sich in den Sattel, noch ein Abschiedswort, und die fünf Reiter ritten mit einem ledigen Pferde zum Tore hinaus.

Es vergingen abermals vier Stunden. Der Sturm ließ nach, aber das Gewitter hielt an und ebenso Georgs verzweifelte Stimmung. An ein Schlafen war nicht zu denken. Er erwartete in jeder Minute, dass man ihm die Nachricht brächte, Leonor sei erwacht, habe den Sarg und den Raum verlassen, und erwartete ebenso in jeder Minute, dass sich Adam einstellen würde.

Und da endlich, kurz vor Mitternacht, donnerte abermals der eiserne Klopfer gegen das Tor.

»Das ist Adam!!«

Es konnte ja ebenso gut ein anderer Fremder oder ein zurückkehrender Klosterbewohner sein. Aber man hat eben manchmal solche Ahnungen, die freilich auch sehr oft täuschen können.

Georg war dabei, als der wachehabende Klosterbruder das Tor öffnete, wozu ein Schlüssel notwendig war, und... es war tatsächlich Adam, in sehr derangierter Verfassung, besonders der schöne Zylinder, den er täglich dreimal blank wichste, derb eingedrückt, das ganze Männchen wie aus dem Wasser gezogen, keuchend wie ein abgejagter Hund.

»Wo ist Leonor?«

»Sie wurde von einer Brillenschlange gebissen, die sich in das Automobil geschlichen hatte, ich brachte sie schnell hierher, wo...«

»Wo ist Leonor?!«, stieß Adam nochmals keuchend hervor.

»Sie befindet sich in Behandlung, sie schläft.«

»Wo, wo?«

»Dort in einem Tempelraume.«

»Hier soll sie sein?!«

»Gewiss, dort drin liegt sie — «

»Sie haben sie gesehen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor... heute Vormittag, kurz nachdem sie in Schlaf versetzt worden war.«

»Und wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Dann habe ich sie gar nicht wieder zu sehen bekommen.«

»Ich aber habe sie vor drei Stunden gesehen, in den Armen eines Reiters, der sie vor sich im Sattel hatte!«

Und Adam berichtete, sein eigenes Abenteuer vorläufig natürlich ganz aus dem Spiele lassend.

War Georg schon während Adams Fragen immer stutziger geworden, so erstarrte er jetzt.

»Das ist nicht möglich! Sie haben sich geirrt!«

»Es war Leonor, ich erkannte sie schon am Kleide, konnte sogar ganz deutlich ihr Gesicht sehen. Es war Leonor!«

Georg hielt sich nicht länger mit Zweifeln auf, er wandte sich an den Türschließer.

»Führt mich zu der Dame, ich muss sie sehen.«

Der Inder wollte nichts tun können, Georg glaubte ihm, aber er sorgte dafür, dass das ganze Kloster in Aufruhr kam, bis auch der Oberbrahmane erschien.

»Dieser Mann hier behauptet, dass er die Dame, die jetzt zu Füßen der Göttin in dem Räucherkasten liegen soll, vor drei Stunden bei dem Bambusgerüst des Fakirs gesehen habe. Ein Reiter habe sie vor sich im Sattel gehabt!«

»Deine Freundin liegt schlafend vor Saglas Füßen«, entgegnete der Brahmane ruhig.

»Dieser Mann hier hat sie im Sattel eines Reiters gesehen!«

»Er hat sich geirrt!«

»Zeige mir die Kranke!«

»Sie darf jetzt nicht gestört werden, man darf den Deckel nicht...«

»Ich will sie sehen, ich muss sie sehen!!!«

»Es kann ihr Tod sein!«

»Gleichgültig, ich muss mich überzeugen, ob sie noch in dem Kasten liegt oder nicht!«

Georgs ungestümem Drängen musste der Brahmane bald nachgeben, so fest er auch überzeugt war, dass hier ein Irrtum vorliege.

Sie begaben sich in jenen Raum, wobei sie mehrere Wachen zu passieren hatten, die Georg schon wiederholt den Eintritt verwehrt hatten.

In dem Raume hatte sich nichts geändert. Georg drang durch den betäubenden Qualm, schlug trotz der nochmaligen Warnung des Brahmanen den Deckel des Kastens zurück und... auch der sonst über alles erhabene Priester stieß einen Ruf der Bestürzung aus.

Der Kasten enthielt noch die Kissen, aber Leonor lag nicht mehr auf ihnen. Georg hielt sich nicht bei der Untersuchung auf, die der Brahmane sofort mit allen wachgerufenen Klosterbewohnern anstellte. Was kümmerte es ihn, dass die Wächter versicherten und schworen, an ihnen sei keiner der Fremden mit der Dame im Arm vorbeigekommen? — Leonor war eben auf irgendeine Weise dennoch von jenen entführt worden, das war die Hauptsache.

Im Übrigen fand Georg sofort eine Erklärung.

Jene Fremden hatten nach Besichtigung des Automobils den Plan gefasst, sich durch List oder Gewalt des Geheimnisses zu bemächtigen, das in der Welt eine Revolution hervorbringen, für dessen Preisgabe Leonor nach zwei Jahren hundert Millionen Dollar erhalten sollte.

Das ist eine Summe, die manchen Menschen, der sonst noch keinen Diebstahl begangen hat, zum Spitzbuben machen kann. Denn das ist nun einmal so. Bei Kleinigkeiten ehrlich zu sein ist gar nicht schwer, aber wenn in den Geldschrank einmal eine außerordentlich große Summe kommt, dann geht der Kassierer, auf dessen Ehrlichkeit der Prinzipal seit vielen Jahren geschworen hat, eben doch durch die Lappen. Es ist niederträchtig, dass hier jeder Hund den Herrn der Schöpfung beschämt, aber es ist nun einmal so.

Dass da mit Gewalt nichts auszurichten war, hatten jene Männer wohl schnell eingesehen. Georg hatte ihnen beim Erklären des Knallgasapparates auch von der explosiven Sicherheitsvorrichtung erzählt.

So wurde ein anderer Plan ausgeheckt. Es war eigentlich ein Fehler von Leonor gewesen, dass sie schon damals zu Deacon gesagt hatte, wie das Morrisit eine ganz einfache Zusammensetzung sei, so einfach, dass jeder es nachmachen könne, der ein Stück davon in Händen habe und es von irgendeinem Chemiker untersuchen lasse, und gerade diese Einfachheit schütze nach menschlicher Berechnung vor einer Entdeckung des Geheimnisses.

Wenn man nun nicht in den Besitz eines Stückes Morrisit gelangen konnte, so musste man die Besitzerin dieses Geheimnisses in seine Gewalt bekommen. Dazu war hier Gelegenheit geboten.

Es war den Männern gelungen, einen oder einige Klosterbewohner zu bestechen, oder sie hatten ganz allein operiert — gleichgültig, sie hatten die schlafende Leonor aus dem Kasten geholt und waren mit ihr auf und davon gegangen.

Nachdem sie das Mädchen in die Karawanserei geschmuggelt hatten, was in der finsteren Nacht keine Schwierigkeiten gehabt hatte, handelte es sich nur noch darum, es auch aus dem Klosterhofe unbemerkt herauszubringen; es über die Mauer zu schaffen, hätte seine Schwierigkeiten gehabt, das hätte leicht noch rechtzeitig entdeckt werden können. So stellte sich der eine Engländer krank. Er war es, der in einer günstigen Minute über die Mauer verschwand. An seine Stelle trat Leonor. Das schlafende Mädchen ward in eine Decke gewickelt und von einem der Reiter vor sich aufs Pferd genommen. Draußen gesellte sich der andere wieder zu seinen Gefährten, konnte sein Pferd besteigen.

Dass dem so war, erkannte Georg aus den Spuren. Denn so eilig er es auch mit der Verfolgung der Schurken hatte, so wollte er sich doch erst vergewissern, wie sie die Entführung bewerkstelligt hatten, bis auf den Raub aus dem Kasten, was ihn weiter nichts anging.

Aber auch gleich ahnend, dass einer schon vorher über die Mauer gegangen war, machte er zuerst draußen eine Runde um diese, mit einer Lampe den nassen Grasboden ableuchtend, und sein Jägerauge fand denn auch richtig die Fährte, die ein Männerfuß erzeugt hatte. Er verfolgte sie, kam schon nach hundert Schritten dahin, wo sich der Betreffende mit den anderen Reitern wieder vereinigt und sein Pferd bestiegen hatte. Dann waren vier Reiter nach Norden gegangen, zwei von ihnen hatten sich südwärts gewandt.

Georg erkannte das Walten des Schicksals! Wenn noch nicht so ganz jetzt, so doch dann, als ihm Adam das Nähere über sein Abenteuer als unfreiwilliger Säulenheiliger erzählte.

Wenn Adam nicht gezwungen worden wäre, dort oben liegen zu bleiben, dann hätte Georg hier bis zu zehn Tagen gewartet, immer in der festen Überzeugung, dass Leonor schlafend in dem Kasten liege, und dann wäre es natürlich nichts mehr mit einer Verfolgung gewesen.

Dazu gehörte aber auch noch, dass Adam überhaupt erst auf den Gedanken kam, das Bambusgerüst zu erklettern, dass die finstere Nacht durch Blitze erhellt wurde, und vieles andere mehr.

Sonst sei nur noch bemerkt, dass Adam von dem umknickenden Gerüst herab zwischen die Baumwipfel geschleudert worden war. Er war in den Zweigen hängen geblieben, der Sturz hatte ihm nichts geschadet, er hatte sich an den Schlingpflanzen herablassen können.

Er war der Spur des Automobils gefolgt. Die Blitze hatten ihm dazu geleuchtet. Es gab hier überhaupt nur einen einzigen Weg, und nach Norden hatte er das Automobil ja fliehen sehen.

Als er im Scheine der Blitze das Kloster bemerkt hatte, ahnte er schon, dass sich das Automobil hier befand, oder mindestens hätte er doch sowieso hier vorgefragt. Aber er hatte es wirklich hier vorgefunden, konnte Georg Bericht erstatten.

Der junge Mann rannte in das Kloster zurück. Der Oberpriester hatte ihn schon erwartet Er rang noch nach Fassung.

»Du hattest recht! Ein dienender Bruder hat gestanden, das Gold der Fremden hat ihn geblendet. Mit Hilfe zweier anderer...«

Georg hörte ihn nicht an, sprang in das Automobil, setzte es in Bewegung.

Was kümmerte es ihn, wie die Entführung zustande gebracht worden war? Die Entführer einholen, das war die Hauptsache!

Eher hätte er fragen sollen, was die Folgen seien, wenn die Schlafende vor der Zeit aus dem heilsamen Kasten genommen worden war. Aber auch daran hatte er nicht gedacht, wurde deshalb später noch von schweren Befürchtungen geplagt.

Mit zu Boden gerichtetem Blendstrahl sauste das Automobil den Weg nach Süden zurück. Adam erzählte sein Erlebnis ausführlicher, und erst jetzt also erkannte Georg voll und ganz das wunderbare Walten des Schicksals, das sich von allem Anfang an, was ja nicht immer der Fall ist, auf Seite der gerechten Sache gestellt hatte. Denn wenn auch oft das Böse über das Gute triumphiert, so weiß doch jeder tiefer denkende Mensch, dass dies nur scheinbar ist, zuletzt muss doch stets das Gute den Sieg behalten, das Böse ist ihm nur dienstbar. Allerdings will alles seine Weile haben, und dann geht darüber auch so mancher redliche Mensch tatsächlich im Unglück zugrunde, aber selbst das ist gerecht, wenn wir blinden Menschlein dies auch nicht zu erkennen vermögen. Wer jedoch von einer Unsterblichkeit der Seele überzeugt ist, und nicht nur das, sondern nach indischer oder moderntheosophischer Lehre auch an eine Wiedergeburt des Menschen glaubt, dem sind auch solche scheinbare Ungerechtigkeiten kein Rätsel mehr.

Da wird ein unbescholtener Mensch eines Verbrechens bezichtigt, alles ist gegen ihn — er wird zu Zuchthaus verurteilt. Ob seine Unschuld noch zutage kommt oder nicht, ist ziemlich gleichgültig, ebenso, ob er im Zuchthause stirbt oder ob es ihm nach seiner Entlassung gelingt, wieder zu Ehren zu kommen, vielleicht in einem fremden Lande. Der Mann ist tatsächlich unschuldig gewesen, ist sich auch nicht bewusst, etwas begangen zu haben, wofür er von Gott oder vom Himmel solch eine Strafe verdient hätte.

Ist das nicht entsetzlich? Nein, für den, für welchen sich einmal der Schleier, der das Weltgetriebe verhüllt, etwas gelüftet hat, ist keine Ungerechtigkeit dabei. Es gibt keine. Es gibt nur Gerechtigkeit, und sie ist ebenso herrlich wie furchtbar.

»Und ich sage euch: Es wird keiner herauskommen, als bis er den letzten Heller seiner Schuld bezahlt hat!!«

Man blicke doch nur um sich. Da ist etwa ein Mensch, der das niederträchtigste Lästermaul hat. Er kann mit keinem anderen zusammenkommen, den er nicht hinterm Rücken schlecht machen muss. Dieser Lump gehörte eigentlich ins Zuchthaus, müsste täglich noch extra eine Tracht Prügel bekommen — er hätte tatsächlich auch schon oft genug Strafe verdient, denn er hat mit seinen heimtückischen Reden schon Unglück genug angerichtet, hat Unfrieden ausgesät, hat ganze Familien mit seiner bösen Zunge ruiniert. Es ist nur ein Zufall, dass dieser Kerl nie verklagt wird. Oder kommt er vor den Richter, so ist alles für ihn, er wird freigesprochen. Und auch sonst geht es dem Manne gut in der Welt, er ist gesund, alles glückt ihm, er hat keine Sorgen, keinen Kummer. Und das wahrhaft Humoristische dabei ist, dass dieser Mensch von seiner Schuld gar nichts weiß. Er selbst hält sich aufrichtig für einen tadellosen Ehrenmann. »Ich soll jemanden hinterm Rücken schlecht machen? Ich? Ich?? Nichts liegt mir ferner als so etwas.« So spricht er allen Ernstes aus innerster Überzeugung und stirbt in hohem Alter eines seligen, schmerzlosen Todes, umstanden von weinenden Kindern und Kindeskindern.

Wo bleibt da die göttliche Gerechtigkeit?

Nun, lasst es gut sein. Auch dieser Mann kommt nicht eher heraus, nämlich aus diesem Erdenleben, als bis er den letzten Heller seiner Schuld bezahlt hat. Es rächt sich alles schon auf Erden. Nur das ›schon‹ muss man weglassen, dann ist dieser Spruch voll und ganz gültig. Wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Erdenleben, es wird alles belohnt, und es wird auch alles bestraft, und da wird auch nicht der geringste Gedanke unberücksichtigt gelassen.

*

Georg wäre gern niedergekniet, um der Vorsehung zu danken, wenn er nicht all seine Aufmerksamkeit der Spur hätte zuwenden müssen, die der elektrische Scheinwerfer beleuchtete. Doch zu einem inbrünstigen Gebet muss man ja nicht unbedingt niederknien oder die Hände falten.

Ein Glück war auch, dass die Entführung erst nach dem Regengusse erfolgt war. Denn dieser hätte jede Spur verwischt. So aber waren die Pferdehufe in dem niedergedrückten Grase recht deutlich zu erblicken. Georg konnte eine Geschwindigkeit von fünfzig Kilometern und an günstigen Stellen noch mehr geben, Besorgnisse quälten ihn freilich genug.

»Hat denn Leonor noch geschlafen, oder war sie schon wach?«

Das freilich hatte Adam im Scheine der Blitze von dieser Höhe aus nicht beurteilen können.

Noch vor der Landstraße zweigte ein Weg rechts ab, der dann wieder mehr nach Norden ging, und ihn hatten die beiden Reiter benutzt. Das Schlimmste wäre gewesen, wenn sie sich getrennt hätten; aber das sollte nicht geschehen. Dagegen trat bald ein anderes Hindernis ein, wenigstens für das Automobil.

Die Gegend ward immer hügeliger, es wurde ein Gebirge daraus, ein Engpass kam, und da beleuchtete die letzte Hälfte des Mondes, der jetzt hinter den Wolken hervorgetreten war, eine in den Stein gehauene Treppe, deren Ende gar nicht abzusehen war, und die überhaupt für das Automobil ein unersteigliches Hindernis bot.

Nur Georg ließ sich nicht aufhalten.

»Sie warten hier, Mr. Green. Wie lange, das ist Ihre Sache. Entweder ich bringe Leonor zurück oder... ich selbst werde nicht wiederkommen. Good bye!«

Georg steckte nur eine der Luftpistole zu sich, sonst vertraute er lieber seinem Feuergewehr, und er erstieg die Treppe.

*

Kapitel 29
Einer, der mit Mr. Deacon nichts zu tun hat

Mit einem tiefen Seufzer schlug Leonor die Augen auf, schloss sie noch einmal, und dann blickte sie sich erstaunt um. Sie befand sich offenbar in einer Höhle. Dort vorn schimmerte das helle Tageslicht. Sie selbst lag im düsteren Hintergrunde auf einer Decke.

»Wo bin ich? Wie komme ich denn hierher? Wo ist Georg?«

»Gestatten Sie, dass ich mich einstweilen als Ihren Begleiter und Beschützer aufdränge. Austin ist mein Name.«

Mehr erstaunt denn erschrocken betrachtete Leonor den fremden Mann, der sich von der dunklen Wand losgelöst hatte und vor sie hingetreten war.

»Wer sind Sie?«

»Ich habe mich bereits vorgestellt. Miss Morris — Austin ist mein Name. Wie befinden Sie sich?«

»Wie komme ich hierher? Ich wurde doch... von einer Brillenschlange gebissen?«

»Und ich hoffe, dass Ihnen die Kur in dem brahmanischen Tempel gut getan hat, auch wenn sie unterbrochen wurde.«

»Eine Kur in einem brahmanischen Tempel?«, konnte Leonor nur staunen.

»Sie wurden von einer Brillenschlange gebissen. Das war gestern Vormittag. Mr. Hartung, der mir alles berichtete, hat Ihnen Rum eingeflößt. Ein ganz vorzügliches Mittel gegen jeden Giftschlangenbiss. Aber noch besser war, dass er wusste, dass er sich dicht in der Nähe eines brahmanischen Klosters befand, in dem man seit alters ein untrügliches Mittel gegen den Schlangenbiss kennt, selbst gegen den der Kobra. So jagte er mit dem Automobil dorthin, keine halbe Stunde weit, Sie wurden sofort in Behandlung genommen, kamen in einen Räucherkasten, wo Sie einige Stunden oder einige Tage schlafen sollten, um das Schlangengift aus dem Blute zu bekommen, so, wie man einen Rausch ausschläft. Am Abend wurde ich, der ich mich mit einigen Begleitern auf einer Reise befand, gezwungen, in diesem Kloster vor einem Unwetter Schutz zu suchen. In dem Klosterhofe stand das Automobil, über welches ich in den Zeitungen schon genug gelesen habe. Mr. Hartung war so freundlich, mir auch die innere Einrichtung zu zeigen, mir etwas von dem Morrisit zu erzählen. Gehört hatte ich, wie gesagt, ja schon genug davon. Das Morrisit, hm — ist es wahr, dass Sie diese Erfindung Ihres Herrn Vaters dem bekannten P. L. Deacon in New York für hundert Millionen Dollar angeboten haben?«

Immer mehr war Leonor, die sich halb aufgerichtet, erstarrt, was sich besonders in ihren weit geöffneten Augen ausdrückte, doch dann wurde sie mit einem Male ganz ruhig. So wenigstens bejahte sie die an sie gerichtete Frage. Sie wollte eben erst noch mehr hören.

»Und Sie werden diese Summe auch erhalten?«

»Ich hoffe doch.«

»Erst in zwei Jahren?«

»Ja.«

»Bis dahin sind die hundert Millionen Gramm Morrisit fertig, die Ihr Herr Vater irgendwo präpariert?«

»Sie sind ganz richtig orientiert.«

»Wollen Sie mir da nicht verraten, wo diese...? Doch lassen wir das zunächst. Miss Morris, ich bin ein reicher Mann. Aber hundert Millionen Dollar habe ich doch nicht. Nicht den hundertsten Teil davon nenne ich mein Eigen. Und sehen Sie, der Mensch ist nie zufrieden — und hundert Millionen Dollar sind doch eine erkleckliche Summe, damit kann man bei weiser Benutzung die ganze Erde beherrschen oder sie doch so nach und nach erobern... kurz und gut, ich war und bin entschlossen, mir diese hundert Millionen Dollar zu verdienen.«

»Sie haben mich während meiner Bewusstlosigkeit wohl entführt?«, fragte Leonor nach wie vor ganz ruhig.

»Erraten! Schwer ist das ja auch nicht. Ja, ich möchte in den Besitz dieses Geheimnisses kommen. Mit dem Automobil selbst war es ja nichts. Diese verfluchte Explosionsgeschichte, die uns da Mr. Hartung erzählte! Hatte überhaupt schon genug davon gehört. Ich wollte mich lieber direkt an Sie halten. So bestach ich einige dieser frommen Klosterbrüder, Gold hat eben einen noch viel lieblicheren Klang als alle Lehren der brahmanischen oder sonst einer Religion — sie verschafften mir Zutritt in den Tempelraum, wo Sie in einem Räucherkasten schliefen, wir holten Sie heraus, wickelten Sie in eine Decke, setzten uns wieder auf die Pferde und ritten auf und davon.«

Noch immer blieb Leonor ganz ruhig. Erst musste sie alles wissen.

»Und das gelang ihnen so ganz unbemerkt?«

»Es geschah in finsterer Nacht, und wir wendeten eine hübsche List an. Einer von meinen Begleitern musste sich krank stellen, in Wirklichkeit aber verschwand er heimlich über die Klostermauer, statt seiner wurden Sie in die Decke geschlagen, ich nahm Sie vor mir in den Sattel — so ließ man uns ganz unbehelligt ziehen.«

»Niemand hat etwas davon gemerkt?«

»Nein.«

»Wo befanden sich meine Leute und das Auto?«

»Im Klosterhof.«

»Und die haben von meiner Entführung nichts gemerkt?«

»Die haben noch jetzt keine Ahnung davon.«

»Mein Verschwinden muss aber doch sehr bald bemerkt werden.«

»Nein. Ich kenne die Praxis, wie dort das Schlangengift ausgetrieben wird. Das wirksame Mittel ist ganz reell, aber es wird damit auch viel religiöser Hokuspokus getrieben. Der Betäubte muss zu Füßen der Göttin Sagla in einem geschlossenen Holzkasten liegen, der von keiner Hand geöffnet werden darf, der zu Heilende muss den Deckel selbst öffnen. Nun weiß aber niemand, wie lange er schlafen wird. Es kann zehn Tage und zehn Nächte dauern. Erwacht er auch dann nicht, so muss man annehmen, dass die Kur nicht geglückt, dass er unterdessen gestorben ist. Also wird man auch erst nach zehn Tagen wieder nach Ihnen schauen.«

»Und erst dann wird man mein Verschwinden bemerken?«

»So ist es.«

»Ja, und weshalb nun haben Sie mich eigentlich entführt?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, und das ist doch auch klar genug.«

»Um in den Besitz des Morrisits zu gelangen.«

»Natürlich! Wie man dieses herstellt! Das wissen Sie doch!«

»Jawohl, ich kenne seine Zusammensetzung, weiß, wie man es präpariert.«

»Wollen Sie mir dieses Ihr Geheimnis nun verraten?«

»Gestatten Sie mir erst eine andere Frage.«

»Bitte.«

»Kennen Sie einen Herrn namens Artur Deacon!«

»Der mit Ihnen die Weltreise angetreten hat? Ja. Wo ist der eigentlich geblieben?«

»Handeln Sie im Auftrage oder in Gemeinschaft mit diesem Manne?«

»Nein, persönlich ist er mir ganz unbekannt. Aber ich glaube schon, dass der dieses Rezept auch billiger erlangen möchte als für hundert Millionen Dollar. Nein, ich handle ganz aus eigenem Antriebe.«

»Sie sprachen doch von Begleitern.«

»Ja, ich habe solche, und mit diesen habe ich allerdings zu teilen. Aber der Löwenanteil wird mir zufallen.«

»Nun also, was wollen Sie von mir?«

»Geben Sie mir das Rezept zur Herstellung des Morrisits!«

»Nein!«

»Sie wollen nicht?«

»Nein!«

»Ich werde Sie dazu zwingen.«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

»Ich habe meinen Plan.«

»Darf ich den nicht erfahren?«

»Weiß sonst noch jemand, wie man dieses Morrisit herstellt?«

»Außer mir kein einziger Mensch.«

»Auch nicht Mr. Hartung?«

»Nicht einmal Mr. Green.«

Von diesem schien der Mädchenräuber nichts zu wissen, hatte ihn auch gestern nicht in dem Automobil vermisst, und Georg hatte eben gar nicht über den abwesenden Adam gesprochen.

»Aha! Das ist ja vortrefflich, dass ich das gleich erfahre!«, frohlockte Austin. »Nun gut, so bleiben Sie in meiner Gefangenschaft.«

»Was für einen Zweck soll das haben?«, fragte Leonor gleichmütig.

»Ich werde Sie sehr gut behandeln, aber vielleicht dürfte Ihnen schließlich die Zeit lang werden, dass Sie für Ihre Freiheit doch lieber das Rezept preisgeben.«

»Da werden Sie lange warten können.«

»O, es gibt auch noch andere Mittel, um zum Ziele zu gelangen.«

»Und das wäre?«

»Dieser Mr. Hartung liebt Sie doch, wie Sie ihn lieben.«

Erst einen Moment der Erstarrung, dann zuckte Leonor wie von einer Natter gestochen empor.

»Was sagen Sie da?!«

»O, Miss, stellen Sie sich doch nicht so. Ich war auch einmal jung und habe in so etwas genug Erfahrung. Zwei junge Leutchen sind doch nicht umsonst immer so zusammen, zumal auf einen so engen Raum beschränkt, und ganz besonders noch, wenn der Mann den Führer spielt, zu dem ein Weib vertrauensselig emporblickt...«

»Und daraus wollen Sie schließen, dass wir einander lieben? Hahahaha, machen Sie sich doch nicht lächerlich!«

»O nein, ich habe auch direkte Beweise.«

»Was für Beweise?«

»Ich habe diesen Mr. Hartung doch beobachtet, wie er sich auf dem Klosterhof benahm, während er auf Ihr Erwachen wartete, welches über Ihr Leben oder über Ihren Tod entschied, mit welch furchtbarer Ungeduld er da wartete, diese Fragen, die er fortwährend an die Klosterbewohner stellte... das sagte mir genug.«

»Mir nicht. Dass er besorgt um mich war, glaube ich schon, aber auch weiter nichts.«

»Nun, Sie selbst haben doch gestanden, dass Sie ihn lieben.«

»Ich?!«

»Ja, vorhin im Schlafe, im Traume. Sie haben fortwährend von Ihrem Georg geschwärmt.«

Jetzt blieb Leonor die Antwort schuldig, presste die Lippen zusammen.

»Sie bleiben also in der Gefangenschaft«, fuhr Austin in aller Gemütsruhe fort; »ich kenne ein Versteck, wo Sie gut aufgehoben sind, und wo kein Mensch Sie finden kann. Dieser Mr. Hartung wird doch natürlich seine Geliebte suchen, und sollten darüber auch Jahre vergehen, ich werde mich mit ihm in Verbindung zu setzen wissen, und da will ich doch sehen, ob er mir den Knallgasapparat mit dem Morrisit nicht ausliefert, um dafür seine Heißgeliebte wiederzubekommen, allenfalls sogar mit Ihrer Einwilligung, wenn Sie nicht vorziehen, mir das Rezept schon vorher zu verraten. O, ich weiß schon, was die Sehnsucht der Liebe zu bedeuten hat.«

Starr blickte Leonor, welche noch halb aufgerichtet auf der Decke saß, auf den spöttischen Sprecher, langsam tastete ihre Hand an den Gürtel, dann nestelte sie an ihrem Busen.

»Sie suchen wohl Ihre Waffen? Die habe ich Ihnen allerdings abgenommen. Bei so einer Amerikanerin, die eine Reise um die Welt macht, muss man doch vorsichtig sein.«

»Und mein... und mein...«, brachte Leonor mühsam hervor, noch immer an ihrem Busen tastend.

»Sie meinen Ihr Dolchmesser? Das habe ich auch zu finden gewusst.«

»Sie haben gewagt...«

»O, seien Sie ganz ohne Sorge, es geschah mit zartester Rücksicht, ich bin ein verheirateter Mann, ich bin tatsächlich ein Gentleman...«

Mit dem Sprunge einer Pantherin war Leonor plötzlich aufgeschnellt, aber den eigentlichen Angriff führte sie nicht aus, rechtzeitig hatte Austin einen Revolver auf sie angeschlagen, und der Anblick der Waffe schüchterte sie doch ein.

Aber sollte dies wirklich der Fall sein? Nein, ihre Aufgabe jeden Widerstandes wurde durch etwas anderes verschuldet. Doch Austin konnte nicht hinter sich sehen, und er musste wohl annehmen, dass nur sein Revolver so wirkte, dass sie plötzlich wieder die Arme sinken ließ und hilflos dastand.

»Denken Sie nicht an so etwas, Miss. Ich würde Sie unschädlich machen und Sie dann binden müssen. Wollen Sie vernünftig sein?«

»Ich muss wohl«, murmelte, sie gedrückt, aber dabei schnell ihre Augen senkend, um durch deren Aufblitzen nicht zu verraten, was sie hinter dem Rücken des Mannes geschaut hatte — schon ihre Rettung!

»Wollen Sie jetzt frühstücken?«

»Wenn ich bitten darf.«

»Wie befinden Sie sich eigentlich?«

»Mir ist ganz wohl.«

»Keine Schwäche mehr in den Gliedern?«

»Nicht die geringste.«

»Nun, das zeigte mir ja vorhin auch Ihr Sprung, und das freut mich. So haben wir Sie also nicht zu zeitig der Räucherkammer entnommen. Nehmen Sie jetzt fürlieb mit dem, was wir Ihnen bieten können. Heute Abend schon befinden Sie sich in einem komfortablen Hause. Sidi Agudhno!«

Nach diesem Rufe harrte er offenbar einer Antwort, die aber nicht kam.

»Sidi Agudhno!!!«

Niemand antwortete.

»Wo steckt denn der? Nun, er wird etwas die Umgegend abpatrouillieren. Setzen Sie sich wieder, Miss, bitte — so ist es recht — ich will nur einmal nach meinem Begleiter sehen.«

Den Revolver ließ er wohl sinken, aber rückwärts gehend schritt er dem Ausgange der Höhle zu, so wenig traute er dieser Amerikanerin.

So erreichte er den Ausgang, noch einen Schritt zurück, da wurzelte sein Fuß, mit maßloser Bestürzung sah er seinen indischen Gefährten neben der Höhle liegen, gebunden und geknebelt — und ehe er selbst nur einen Laut ausstoßen oder eine Bewegung machen konnte, legte sich ihm von hinten um den Oberkörper eine Lederschlinge, die seine Arme fest an den Leib schnürte. Mit unwiderstehlicher Kraft ward er zu Boden gedrückt, die Hände wurden ihm vollends gebunden.


Illustration

»So«, sagte Georg, als er sich wieder aufrichtete, »geknebelt brauchst du ja nicht zu werden, du magst immerhin schreien.«

Den Revolver hatte er ihm gleich aus der Hand gewunden, jetzt kehrte er sich der Höhle zu, aus der ihm aber Leonor schon entgegengeeilt kam. Sie hatte Georgs Gestalt bereits vorhin im kritischen Moment am Eingange der Höhle gesehen, und das eben hatte ihre Absicht, sich auf den Mann zu stürzen, geändert.

»Georg — Mr. Hartung — das war Hilfe zur rechten Zeit — aber ich wusste ja, dass Sie mich nicht verlassen würden!«

So jubelte Leonor, gleichzeitig aber auch von der größten Verlegenheit befallen werdend, und daran war nicht nur schuld, dass sie sich sofort bewusst wurde, ihn wiederum mit seinem Vornamen angeredet zu haben.

»Wie befinden Sie sich?«, war natürlich Georgs erste Frage.

Sie konnte ihn darüber beruhigen. Sie fühlte sich genau so wohl, wie vor dem Schlangenbiss. Nur von großem Hunger wurde sie geplagt, was ja aber gleichfalls ein Zeichen ihrer völligen Genesung war.

Georg berichtete gleich, wenn auch vorläufig in möglichster Kürze. Wir brauchen nur noch das Letzte zu erfahren.

Die ganze Nacht war er, vom Mondschein begünstigt, den beiden Reitern gefolgt. Sie konnten ja nur einen Engpass benutzt haben, der keine Seitenschluchten besaß, aber er musste immer auf seiner Hut sein, besonders beim Passieren von Ecken, dass er nicht erblickt wurde.

Beim Grauen des Morgens hatte er sie endlich eingeholt. Schon das Wiehern eines Pferdes hatte ihm ihre Nähe verraten. In Deckung heranschleichend, erblickte er zunächst nur einen Inder, der vor dem Eingang einer Höhle auf und ab ging, als Wächter.

Das Terrain war hier gerade günstig, es ließ ein weiteres Anschleichen zu, wenigstens für einen so erfahrenen Jäger, der sich darin in allen Wildnissen der Erde eingeübt hatte.

Georg trug unter seiner Weste ein Lasso um den Leib gewickelt. Er hatte es nicht nötig, mit den Händen konnte er den Wachtposten ergreifen, und er verstand es eben, einen Menschen zu überwältigen, ohne dass dieser noch einen Laut von sich geben konnte.

So war es gekommen, sonst hatte Georg nichts weiter zu berichten.

»Mussten Sie aber nicht auch mit dem Anderen rechnen?«

»Ich wusste ihn in der Höhle, hörte ihn mit Ihnen sprechen.«

»Sie haben gehört, was er mir alles sagte?«

»Nein, das nicht, ich hörte nur seine Stimme, verstehen konnte ich seine Worte nicht.«

Leonor blickte Georg fest an — er war so rot geworden wie sie — er sprach die Unwahrheit — da aber machte ihm Leonor auch weiter keine Mitteilungen, und Georg fragte auch nicht... ein sehr schlimmes Zeichen, nämlich ein Zugeständnis, dass er vorhin die Unwahrheit gesprochen.

»Was fangen wir nun mit diesen beiden Schurken an?«, fragte Georg dann.

»Lassen wir sie laufen. Nicht etwa aus Edelmut, sondern... aus Verachtung. Nicht einmal ihre Waffen wollen wir ihnen abnehmen. Man kann doch nicht jede Mücke töten oder jeder Wespe den Stachel ausziehen.«

Georg war einverstanden. Der Proviantvorrat der beiden blieb unberührt, Georg hatte eigenen bei sich, von dem stärkte sich Leonor; ein naher Quell spendete frisches Wasser. Dann wurden dem Engländer Leonors Luftpistole und Dolch abgenommen. Georg band beide noch einmal, nämlich so, dass sie sich gegenseitig befreien konnten, was aber doch ziemliche Zeit in Anspruch nehmen würde, sonst ließ er ihnen selbst ihre Waffen. Er dachte auch an die beiden Pferde, schlang ihre Zügel an einer anderen Stelle um einen Felsblock, wo sie wieder einiges Futter fanden, tränkte sie noch einmal, und dann traten die beiden den Rückweg an, ohne sich noch einmal um die beiden gekümmert zu haben. Völlige Verachtung war hier das allerbeste.

Nach einem Abstieg von vier Stunden hatten sie das Automobil wieder erreicht. Leonor wurde von Adam und den beiden Monteuren mit Freudentränen und Handküssen begrüßt.

*

Kapitel 30
Erdbeeren und Erdbeben

Acht Tage später ließ Leonor von Tom zum Nachtisch die letzte Blechdose öffnen, welche eingemachte Ä pfel enthielt. Wie gewöhnlich bediente Adam, während die anderen gemeinschaftlich aßen, den Steuerapparat, erhielt erst dann seinen aufgewärmten Anteil vorgesetzt.

Er hatte seine beiden Teller geleert, blickte tiefsinnig auf die Kompottschüssel. »Nun, was haben Sie denn?«, fragte Leonor. »Wollen Sie nicht Ihre Äpfel essen? Es ist die letzte Büchse.«

Adam machte mit beiden Händen eine abwehrende Bewegung, wie ein alter polnischer Jude, der mit dem gebotenen Preis nicht einverstanden ist.

»Gott der Gerechte soll mich bewahren, dass ich hier ennen Abbel esse!«

»Was fällt Ihnen denn plötzlich ein?«, lachte Leonor. »Sie haben doch sonst nie einen Apfel verschmäht.«

»Ja, awwer nur hier nich. Nee, hier eß'ch geen Abbel. Jeder Bissen würde mir im Halse stecken bleiben.«

»Aber warum denn nur?«, lachte Leonor noch immer.

»Nu, weil mir im Baradiese sin. Oder doch in der Gegend, wo ausgerechnet frieher 's Baradies gewäsen is. Un Se genn doch die Geschichte mit'm Adam un mit'r Eva — weswegen die aus'm Baradiese rausgeschmissen wurden, dass unsereener nu egal arbeeten muss, wo mir'sch doch eegentlich so hibsch ham gennten... nee, hier eß'ch geen Abbel. Gäm Se sich geene Miehe, wenn'ch ooch Adam heeße. Awwer ä reenes Hämde wärd'ch mir nacher zur Feier des Tages anziehn.«

Ja, sie befanden sich schon zwischen Tigris und Euphrat, wo nach irgendeiner Berechnung das Paradies gelegen haben soll. Dann muss man aber statt des Apfels eine andere Frucht wählen; Äpfel gibt es hier nicht, und sie konnten auch niemals hier gedeihen, dazu ist es schon viel zu heiß.

Die letzte Strecke durch Indien war ohne Anfechtung zurückgelegt worden, desgleichen war man wohlbehalten über den Indus, das Helagebirge, durch Beludschistan und Persien gelangt. Diese Strecke von dreihundert geografischen Meilen hatte für Maximus ja gar nichts zu bedeuten gehabt. In der Hälfte dieser Zeit hätte er sie machen können, nur mit der gewöhnlichen Geschwindigkeit von vierzig bis fünfzig Kilometern in der Stunde, wenn seine Führer nur gewollt hätten.

Leonor hatte sich Zeit genommen. Sie hatte alles mit Interesse besichtigt, was von dem Automobil aus zu sehen war. Viel war das nicht gewesen. Wüste, immer Wüste, und nur dazwischen oasenartige Gegenden, die verschiedenen Völkerschaften, das Treiben in den Dörfern, das war das Interessanteste dabei, und noch interessanter wurde alles durch Georgs Erzählungen aus seinem früheren Wanderleben.

An Jagdwild, das dann die Räucherkammer füllte, hatte es nie gemangelt. Das Automobil legte ja in vierundzwanzig Stunden mit aller Bequemlichkeit hundert deutsche Meilen zurück, da konnte man sich schon die Jagdgründe aussuchen, da hatte Georg bei seiner Fußwanderung ganz anders auf der Pirsch liegen müssen.

Diese Art von Ernährung war aber doch sehr eintönig. Immer Wild und nichts als Wild, ob nun Hühner oder Gänse oder Antilopen oder Hasen. (In Kleinasien gibt es nämlich sehr viele Hasen, auch noch in Afrika, bis in den Sudan hinab, allerdings etwas anders aussehend als die unsrigen, aber wohl nur infolge der dünneren Behaarung, sonst genau so schmeckend.) Immer derselbe Wildgeschmack, und durch das Räuchern wurde er nicht besser.

Im ganzen Automobil war kein roter Cent mehr vorhanden. Wohl konnte man durch den Verkauf der Felle und des überflüssigen Fleisches zu Gelde kommen, aber das hatte einen bösen Haken. Diese persischen und arabischen Juden wollten nichts dafür geben, ihre Waren jedoch mit Gold aufgewogen haben. Ganz besonders, weil man Automobilisten vor sich hatte. Selbst im weltverlassensten Dörfchen war man hier schon von der Kultur beleckt. Übrigens machten sich diese Leute hier ja gar nichts aus den Fellen und dem Fleische. Gewöhnlich wollten sie es nicht einmal geschenkt haben, weil es nicht koscher geschlachtet oder sonst behandelt war, worin auch der Mohammedaner penibel ist.

Und es handelte sich nicht nur darum, das ewige Wildbret einmal durch anderes Fleisch zu ersetzen, sondern auch der andere Proviant, den man mitgenommen, ging zur Neige. Brot wurde schon als Leckerbissen behandelt, Zucker gab es überhaupt nicht mehr. Und im letzten Bachchal hatte der Grieche für ein einziges Pfund Zucker fünf Piaster oder eine Mark verlangt, mit einem Dutzend Antilopenfellen war er noch nicht einmal zufrieden gewesen, und die sämtlichen Bachchale und alle Dörfer, die man passierte, schienen sich in dieser Hinsicht per drahtlose Telegrafie verschworen zu haben. Selbst in den großen Städten war es nicht anders. Da hörte plötzlich jede Konkurrenz im Angebot auf.

»Ja, meine Herrschaften, wenn Sie kein Geld haben, dann dürfen Sie auch nicht in solch einem Automobil in der Welt herumkutschieren.«

Das wurde nicht direkt gesagt, aber man las es förmlich aus jedem Blicke heraus.

Alle diese Leute hatten eben schon Bekanntschaft mit Automobilen gemacht, und sie konnten gar nicht begreifen, wie solche Reisende kein Geld bei sich hatten. Auch einen Scheck oder Wechsel hätten sie angenommen. Gerade in diesen Gegenden zirkulieren sehr viele solche Papiere. Selbst mitten in Afrika wechselt jeder arabische Kaufmann, jeder Sklavenhändler einen Scheck oder Wechsel ein. Das ist fast wunderbar, was man in dieser Hinsicht erlebt oder zu sehen bekommt. So ein Araber, den man womöglich für einen ›Wilden‹ hält, weiß ganz genau, ob das Papier gut ist oder nicht, gibt dafür anstandslos bares Geld — natürlich zieht er ansehnliche Prozente ab. Aber dazu gehören eben erst Kreditbriefe, und die besaß Leonor nicht.

Jetzt war die letzte Konservendose geöffnet, die eingemachte Früchte enthalten hatte. Man sollte doch meinen, in Indien hätten sich die Weltreisenden genügend mit Früchten versehen können, die Büchsen waren danach eingerichtet, dass sie immer wieder verwendet werden konnten, und Tom verstand das Einkochen, Leonor hatte Chemie studiert, Adam konnte ja beim Einmachen mit trigonometrischen Formeln nachhelfen.

In den Tropen sieht es aber ganz anders aus, als man es sich vorstellt, und gerade wir für alles Exotische schwärmenden Deutschen machen uns besonders von den Früchten, die es da geben soll, ein ganz falsches Bild, was noch durch eine gewisse Literatur unterstützt wird.

Schon in Italien und Spanien sieht es da faul aus. Was ist denn die Orange, die Apfelsine? Überall dasselbe, ohne jeden Geschmacksunterschied. Wenn man in Italien eine gute Frucht vorgesetzt bekommt, dann ist die per Extrapost aus Tirol oder aus Deutschland bezogen. Und je weiter man nach Süden kommt, desto geschmackloser wird die einheimische Frucht. Der Granatapfel ist doch nur ein Hohn auf unseren. Mit dem sogenannten Johannisbrot werden nur die Pferde gefüttert. Brotfrucht, Banane usw., alles nur ein süßer Brei. Oder gehen wir nach Südamerika. Da ist die Ananas. Eine herrliche Frucht, nicht wahr? Jawohl, kommt nur hin! Die muss dort unreif gegessen werden, schmeckt so wie Gurke oder saurer Kürbis mit Zucker, am anderen Tage, sobald sie reif ist, ist sie schon verholzt. Alle die Ananasfrüchte, die als westindische verkauft werden, sind bei uns oder besonders in England in Treibhäusern gezüchtet. An köstlichen Früchten kann sich kein Land der Erde mit dem gemäßigten Mitteleuropa vergleichen, gar nicht daran zu denken, denn das hat eben gar nichts mit der Sonnenwärme zu tun, sondern hängt nur von fleißiger Kultur ab. Man soll nur solch einen Brasilianer hören, wie der in seiner Heimat, wo ihm allerdings Früchte aller Art in den Mund wachsen — aber nun eben was für welche! — wie der von unseren deutschen Äpfeln schwärmt.

Hier in Kleinasien sah es schon etwas besser aus. Es war gerade die Zeit der Reife der Weintrauben und Pfirsiche, und das waren nun allerdings riesige, prachtvolle Exemplare. Aber im Geschmack nicht zu vergleichen mit den in unseren nördlichen Gegenden wachsenden, wo Weintraube und Pfirsiche nach jedem Sonnenstrahl haschen müssen, um überhaupt gedeihen zu können.

Wir wollen hier nicht von dem veredelnden Einfluss des Kampfes um das Dasein sprechen, von dem Körperbau und geistige Fähigkeiten des Menschen ebenso abhängig sind, wie die uns erfreuenden Eigenschaften der Tiere und der Pflanzen, aber etwas Anderes möchte hier einmal erwähnt sein, etwas, was leider noch nicht einmal Kunstgärtnern genügend bekannt ist.

Wenn es auf den Geschmack, überhaupt auf die Qualität ankommen soll, so hat es gar keinen Zweck, eine Frucht durch Kultur großzuziehen. Die faustgroßen Erdbeeren sind durch langjährige Kultur aus unseren gewöhnlichen, kleinen Walderdbeeren hervorgegangen. Soll solch eine Walderdbeere im Durchschnitt ein Gramm wiegen, und an Äther, der ihr das eigentümliche, herrliche Aroma verleiht, hat sie, was man ja durch chemische Analyse bestimmen kann, ein Milligramm. Das ist also 1000 : 1. Dieses Verhältnis bleibt aber bei der künstlichen Vergrößerung der Frucht nicht bestehen, vielmehr ist nur das Gewicht oder die Quantität des Äthers konstant. Wird also aus solch einer kleinen Walderdbeere mit der Zeit eine faustgroße Frucht von fünfzig Gramm Schwere gezogen, so hat diese doch immer nur ein Milligramm Aromaäther in sich. Das ist der Grund, warum alle Früchte an Qualität verlieren, je mehr sie an Quantität zunehmen. Dieses Aroma kann man demnach als Geist oder Seele der Frucht bezeichnen, und diesen Geist kann man vorläufig noch nicht künstlich einspritzen und wird es auch nie können, so wenig wie ein gelehriges Pudelchen dadurch klüger wird, dass man aus ihm durch Zucht einen mächtigen Köter macht. Sind wir erst einmal so weit, dann werden auch alle Millionärssöhne die ersten in der Klasse sein. Vorläufig kann man sich für alles Geld der Welt noch kein Quäntchen Witz kaufen.

*

Stehlen hätte man genug können, aber dafür war Leonor nicht. Gleich einen ganzen Obstgarten über den Haufen fahren, ja, das war etwas anderes, da hatte man sich auf der Flucht befunden, war gewissermaßen im Kriege gewesen.

Außerdem waren Früchte, nach welchen besonders Leonor mit einem Male solch ungeheuren Appetit hatte, ja nur Nebensache. Es ging eben auch aller andere Proviant zur Neige, wenn er nicht schon ganz ausgegangen war. Mit dem Mehl zum Brotbacken musste also schon gegeizt werden, Zucker gab es überhaupt nicht mehr, zum Kaffee musste man die Bohnen abzählen, sogar das Salz wurde knapp.

Man kam ja ab und zu zu einigem Gelde, eben durch Verkauf von Fellen und dergleichen, dafür wurde Proviant angeschafft, aber das langte doch nur immer für die Hand in den Mund. Und nun kam bald Arabien, wo gar nichts zu haben war, und dann Afrika, wo man erst recht für viele Wochen verproviantiert sein musste.

»Mir hamm ähm die Automobilreise zu schbät angetreten«, erklärte Adam, »mir hätten sechsdausend Jahre frieher abfahrn solln — da war hier noch das richtge Baradies, wo man de Zuckerdieten un de Wärschte von den Beim abschneiden konnte.«

»Mr. Hartung, haben Sie auf Ihrer Wanderung nicht einmal ein Goldfeld entdeckt?«, scherzte Leonor.

Zunächst kam wieder einmal ein Sandfeld, ein Wüstenstrich, der auf der Karte mit mehr als vierzig englischen Meilen Breite angegeben war. Man hatte ja eine recht liebliche Gegend hinter sich, aber vom Paradiese macht man sich doch eine ganz andere Vorstellung, und solche breite Sandstriche gehören eigentlich auch nicht hinein.

Es war kurz vor Anbruch der Dunkelheit, als der Saum dieser Wüste erreicht wurde. Das Automobil hätte sie ja in zwei Stunden durchqueren können, aber Leonor beschloss, nur noch eine Stunde zu fahren und dann in der Mitte der Wüste die Nacht zu verbringen.

Verschiedene Gründe bewogen sie hierzu. Einmal liebte sie überhaupt die nächtliche Wüsteneinsamkeit, welche man in ruhendem Zustande doch ganz anders genießen kann, als auf einem dahinsausenden Gefährt. Dann ging die Reise überhaupt viel zu rasch, sie würden zur Umquerung der Erde, obgleich man die weitesten Umwege machte, kein Jahr brauchen, und was sollte man dann mit dem anderen Jahre anfangen, welches noch vorlag, ehe man das ›ausgereifte‹ Morrisit — wie sich Leonor oft ausdrückte — zum Verkauf anbieten konnte? Schließlich verzögerte man auf Georgs Rat die Fahrt auch deshalb, weil man sonst Südafrika während der ungünstigsten Jahreszeit erreichen würde.

Also noch eine Stunde, dann wurde gehalten. Mit gelöschten Lichtern sollte das Automobil, selbst schlafend, die Nacht hier verbringen.

Es war eine herrliche Nacht, warm, windstill, mondlos, nur am Himmel funkelten die ewigen Sterne. Solche Nächte kann man ja überall finden, aber was solch eine Nacht nun in der einsamen Wüste zu bedeuten hat, das vermag keine Feder zu schildern, das kann man nur erleben. Da wird man plötzlich ein ganz anderer Mensch, da kommen Gedanken, die man sonst nie gehabt hat — da fühlt man die Nähe Gottes. Ja, da hat man wirklich göttliche Offenbarungen.

Wohl nicht umsonst haben sich Moses, Christus, Mohammed und alle Propheten, ehe sie mit ihrer hohen Mission vor die Öffentlichkeit traten, zuvor immer erst eine Zeit lang in die Wüste zurückgezogen. Es gibt doch auch gerade in jenen Gegenden einsame Bergschluchten genug, dort hätten sie es viel bequemer gehabt, hätten vor allen Dingen keinen Wassermangel gelitten — nein, es war immer die Wüste, in der sie sich auf ihren Prophetenberuf vorbereiteten.

Leonor gab sich ganz diesem undefinierbaren Genusse hin. Nur das Vorhandensein des Automobils und die Anwesenheit von anderen Menschen störte sie noch etwas. Doch davon konnte sie sich ja durch eine kurze Wanderung befreien.

Wenn sie gesagt hatte, sie wolle das Automobil mit keinem Schritte mehr verlassen, so ist das ja nicht so ganz wörtlich zu nehmen. Sie wollte nur keiner Einladung mehr folgen, das Automobil nicht deshalb verlassen, um etwas zu besichtigen, überhaupt nicht mehr mit fremden Menschen in Berührung kommen. Sie hatte ja schon üble Erfahrung genug gemacht, selbst mit schädlichen Tieren. Aber hier war das doch etwas ganz Anderes.

Also sie verließ das Automobil, wanderte ein Stück in die Wüste hinein. Jetzt war sie wirklich allein. Sie durfte nur nicht nach der Richtung blicken, wo sie das Automobil sah.

Und Leonor warf sich in den Sand, blickte zu den funkelnden Sternen empor und lauschte der Sprache der Einsamkeit und träumte — träumte, sie sei auf der ausgestorbenen Erde der einzige Mensch — träumte vielleicht auch noch etwas Anderes, denn es ist nicht gut, dass der Mensch so ganz allein sei, sie schuf zu der Eva auch noch einen Adam, der freilich ganz anders aussah als Adam Green.

So vergingen die Stunden. Doch Leonor hatte hierfür kein Maß mehr. Zeit und Ewigkeit waren für sie eins geworden.

Da — was war das?! Erschrocken schnellte Leonor aus ihren Träumereien empor. Ein unterirdisches Murren, ein Rollen, und jetzt ein heftiger Ruck, dem wieder ein Rollen und Murren folgte.

Und das beschränkte sich nicht nur auf das Gehör, und auf das Gefühl, jetzt wurde es sogar sichtbar. Plötzlich glaubte sich Leonor auf der bewegten See zu befinden — wirklich, die gelbliche Wüste schlug förmliche Wellen, wenn auch nur zeitweise.

»Ein Erdbeben!!«

Entsetzt floh Leonor davon, dem Automobil zu, und beim Laufen empfand sie erst recht die zeitweisen Wellenbewegungen des Bodens, von Rucken unterbrochen und von einem unterirdischen Murren, begleitet, das sich bis zu einem Donnern steigern konnte.

Im Automobil hatte man sie schon erwartet. Nur die beiden Monteure waren sehr erschrocken. Adam beobachtete das Barometer und hantierte mit anderen Instrumenten, Georg kam ihr ein Stück entgegen.

»Ein Erdbeben«, sagte er gleichmütig, »wie es wohl selten von gleicher Stärke vorgekommen ist.«

Das wollte nun wieder Leonor kaum glauben. Sie hatte wohl schon einmal in ihrem Leben einige Erdstöße verspürt, aber noch kein eigentliches Erdbeben durchgemacht, und ein solches hatte sie sich doch viel fürchterlicher vorgestellt.

Georg konnte sie eines anderen belehren. Wenn der Boden in solch wellenförmige Bewegung kam, dann war es ein ganz gewaltiges Erdbeben. Hier hatte man nur keine Folgen vor Augen, hier fehlte die Zerstörung. Der Sandboden konnte auch nicht bersten.

»Aber wehe, was für Verheerungen das hier in den Städten und Dörfern anrichten mag!«, setzte Georg mit einiger Erschütterung hinzu.

»Die arabischen Einwohner hier haben ja nur niedrige Häuser, da kann doch nicht viel Unglück geschehen, und auch diese stehen doch auf sandigem Boden.«

»Nein, alle diese Städte und selbst die Dörfer sind eben auf solidem Felsboden angelegt worden, der nur mit etwas Flugsand bedeckt ist, solchen hat man sich bei der Ansiedlung gleich ausgesucht, auf einer viele Meter hohen Schicht Sand könnte sich ja nicht einmal eine Lehmhütte halten. Und dann gibt es doch noch Moscheen und andere steinerne Gebäude.«

Georg konnte noch mehr erzählen, wenn er es auch nicht selbst erlebt hatte. Diese kleinasiatische Gegend, welche doch eigentlich so gar nicht wie ein vulkanischer Herd aussieht, wird ja dennoch so oft von Erdbeben heimgesucht.

Vor etwa fünfzehn Jahren hatte hier das letzte Erdbeben stattgefunden, war selbst solchen, die damals Kinder gewesen, noch in schrecklicher Erinnerung. Alles war in Trümmer gelegt worden, und nicht nur das, sondern aus den entstandenen Bodenrissen waren giftige Gase gequollen oder doch erstickende Kohlensäure, und wer nicht rechtzeitig gegen den Wind hatte fliehen können, der war des Todes gewesen. Ein Drittel der ganzen Bevölkerung war damals getötet worden.

Schaudernd lauschte Leonor diesen Berichten, welche durch das Rollen der Erdoberfläche und durch das unterirdische Donnern beglaubigt wurden.

Dabei war der Kontrast so wunderbar, weil der Himmel so sternenklar, die laue Nacht so windstill, so friedlich war.

Doch nur eine halbe Stunde währte diese Erregung der Erde — für ein Erdbeben freilich lange genug — dann legten sich mit einem letzten Murren die aufgeregten Geister der Unterwelt wieder zur Ruhe nieder.

*

Kapitel 31
In der verlassenen Stadt

Der Morgen graute noch, als das Automobil die erste menschliche Niederlassung erreichte, gleich eine ansehnliche Stadt — d. h., bis vor wenigen Stunden eine solche gewesen.

Es war Arbak, etwa fünftausend Einwohner zählend, Sitz vieler Behörden, wichtig als Ausgangspunkt der Karawanen, welche nach Arabien gehen, um die Wüstenstämme mit allem zu versehen, was sie brauchen und nicht selbst erzeugen können, und auch in Arabien gibt es ja blühende Oasen und Städte genug, mit denen sich ein Handel lohnt, der zum größten Teil noch nicht mit Schiffen längs der Küste betrieben werden kann.

Unsere Freunde hatten bisher noch keinen einzigen Menschen erblickt, und sie sollten sobald auch keinen zu sehen bekommen, wenigstens keinen lebendigen.

Das Erdbeben hatte seine Arbeit verrichtet. Das erkannte man schon von Weitem an dem Fehlen der jede arabische und türkische Stadt charakterisierenden Minaretts. Auch sonst glich alles einem einzigen Trümmerhaufen.

Da aber die mohammedanischen Häuser immer nur einstöckig sind und die sämtlichen Straßen dieser Stadt wegen der durchziehenden Karawanen ziemlich breit angelegt waren, so fand das Automobil nirgends die Passage versperrt. Kein Mensch war zu erblicken, weder tot noch lebendig. Die Einwohner mochten wiederum solche giftige Gase erwartet haben, waren nach jener Richtung geflohen, wo sie diese am wenigsten vermuteten, hatten noch nicht wieder zurückzukehren gewagt.

Dass aber diesmal keine giftigen Gase aufgetreten waren, das verrieten einige umherirrende Tiere, hauptsächlich Rinder, Schafe und Ziegen, hin und wieder auch ein Kamel, wie solche sich auch noch in verschütteten Ställen befanden, sich durch ihr Brüllen verratend.

»Sollen wir sie nicht befreien?«, fragte Leonor mitleidvoll.

»Das wäre wohl für uns fünf Menschen eine Herkulesarbeit. Das werden doch wohl auch die Einwohner besorgen, die sicher im Laufe des Tages zurückkehren werden, nachdem sie sich überzeugt haben, dass keine Gefahr mehr vorhanden ist.«

Hin und wieder lagen Gegenstände auf der Straße, zumal Kleidungsstücke, welche man bei der allgemeinen Panik zusammengerafft und unterwegs verloren hatte.

»Dort ist ein großes Bachchal«, sagte Georg, auf ein noch ziemlich gut erhaltenes Gebäude deutend, in dessen offenem Laden die hauptsächlichsten Gegenstände ausgestellt waren, die der Mensch zu seines Leibes Notdurft braucht. Leonor ließ das Automobil halten. Das Wort ›Bachchal‹ erweckte in ihr schon seit längerer Zeit eine heimliche Sehnsucht.

»Nu, da gennten mir uns ja gleich verbroviantieren«, sprach Adam denn auch gleich ihre Gedanken aus.

»Ob wir es wagen dürfen?«, fragte sie zögernd.

»Nu, wer soll uns denn das verbieten?«

»Es ist Unrecht...«

»Nu, mir woll'n doch bezahlen, mir fragen, was das Zeig gostet, und wenn freilich niemand drin ist im Laden...«

»Hören Sie auf mit Ihren Witzen! Mr. Hartung, was meinen Sie?«

»Ich trage kein Bedenken, dass wir diese Gelegenheit benutzen, uns mit allem zu versehen, wessen wir bedürfen«, entgegnete Georg. »Es werden sich bald genug Räuber einstellen, Beduinen, Kurden und selbst Arnauten, türkische Soldaten, die ohne jedes Gewissen alles plündern. Das ist freilich kein Grund für uns, ihnen da zuvorzukommen. Aber wir können ja nur diesem einen Bachchal alles entnehmen, was wir brauchen, dort steht der Name des Besitzers, Papa Demetri. Wir wiegen und schreiben alles auf, was wir entnehmen, so können Sie es ihm ja später bezahlen, wenn Sie zu Gelde gekommen sind. Dann wird Ihnen dieser Grieche zu größtem Danke verpflichtet sein, denn was wir jetzt nehmen, das kann später nicht mehr gestohlen werden, und eine allgemeine Plünderung findet ganz sicher noch statt, auch seitens der zurückkehrenden Bewohner, falls nicht schon vorher Gesindel aus der Wüste Kehraus gemacht hat.«

Georgs Worte hatten Leonors Bedenken behoben. Das Bachchal wurde geplündert. Denn ein Plündern war es, trotz aller guten Vorsätze, die man auch auszuführen willens war. Und mit solch einer Lust, die sich bis zu einer Art Rausch steigerte, gingen auch die Männer ans Werk, Adam und Georg nicht ausgeschlossen, und dann beteiligte sich sogar Leonor daran; nicht nur, dass sie die Sachen bestimmte, welche ins Automobil zu tragen waren, sondern sie legte zuletzt selbst mit Hand an, wobei sie es besonders auf konservierte Früchte und andere Delikatessen abgesehen hatte, welche dem Geschmacke eines Weibes entsprechen, und dabei glühten ihre Wangen, und das war nicht nur eine Folge des Schleppens und Hin- und Herlaufens.

Denn mit dem Plündern ist es eine ganz eigentümliche Sache. Mit dem Verbieten des Plünderns, als gegen das internationale Völkerrecht verstoßend, hat für den Soldaten der Hauptreiz des Krieges aufgehört. Man stelle sich nur vor, wenn es früher hieß: ›Die Stadt, die ihr im Sturm erobert, ist der Plünderung preisgegeben!‹

Die Lust am Plündern ist eine dem menschlichen Herzen tiefeingegrabene Sucht, wofür er gar nicht so sehr verantwortlich gemacht werden kann. Ein auf der Straße fahrender Wagen verliert hin und wieder ein großes Stück Kohle, im Sommer Eis, da sieht man aus allen Haustüren Frauen mit Eimern gelaufen kommen, die Kohle oder das Eis aufsammelnd. Dem Gesetze nach machen sie sich des direkten Diebstahls schuldig, denn das fällt nicht einmal unter den Begriff des Findens; sie haben die Kohle liegen zu lassen oder sie müssen das aufgehobene Eis auf dem Polizeifundbüro abliefern. Da sie es für sich verwenden, ist es Diebstahl. So sagt das Gesetz. Aber im Grunde genommen ist es kein Diebstahl. Im Grunde genommen mögen diese Frauen ganz ehrenwerte Personen sein, eines Diebstahls gar nicht fähig. Das Bewusstsein ihrer Handlungsweise geht ihnen ab. Sie erliegen der Leidenschaft des Plünderns.

Geht so etwas ins Große, dann wirkt das ansteckend. Es soll auf der Straße ein ganzer Zuckersack platzen. Die eine Frau fängt an, einzuschaufeln, es kommen immer mehr, auch Männer, bis zuletzt um den geplatzten Zuckersack eine wüste Prügelei beginnt, und da wird nicht einmal mehr das Erscheinen des Besitzers respektiert, da hilft nur noch das Einschreiten der Polizeigewalt, und zwar mit wirklicher Gewalt. Die Plünderer sind von einem förmlichen Rausche erfasst.

So etwas darf man aber nie ohne Weiteres verurteilen — das kann jeder Hansnarr — man muss alles mit ruhiger Vernunft beurteilen, der wahren Veranlassung auf den Grund zu kommen suchen; das Aburteilen soll man denen überlassen, deren Amt das ist. Man soll sich lieber mit den bekannten Worten des Zöllners an die Brust schlagen. Dann darf man auch hoffen, dass man selbst einmal einen gnädigen Richter finden wird, hier und dort.

Der Schreiber dieses kannte einen ehrsamen Fleischermeister, der sicher keine Stecknadel entwenden konnte, keines Betruges fähig war. Er hatte den siebziger Krieg mitgemacht, und wenn er davon erzählte, so zeigte er seinen Vertrauten gewiss auch ein Schlachtmesser mit schön eingelegtem Griff, so mit heimlicher Innigkeit berichtend, wie er dieses Messer aus einem verlassenen Fleischerladen in einem französischen Dorfe habe mitgehen heißen, diese Angst, die er ausgestanden habe, man könne ihn dabei erwischen, wie er das große Messer während des ganzen Feldzuges im Stiefelschaft mit herumschleppte, usw. Und wie dieser Mann das nun erzählte, wie er dabei das Messer zärtlich betrachtete... merkwürdig, wirklich ganz merkwürdig!

Ja, mit dem Verbieten des Plünderns hat der Krieg für den Soldaten den Hauptreiz verloren. Das ist ehrlicher gesprochen, als wenn man sagt, die Haupttriebfeder des Soldaten für sein Handeln, wenn er in den Krieg, in den Kampf geht, sei die Vaterlandsliebe. Den Teufel auch!! Das kann man Kindern und kindlichen Menschen vorschwatzen, aber doch keinem vernünftigen, selbstdenkenden Manne! Eine Art von Besoffenheit ist es, aber keine Vaterlandsliebe! Wohl tritt sie mit auf, besonders im Anfange, wenn der Krieg proklamiert wird, dann aber artet das schnell in eine Art von Rausch aus, welcher ansteckt, und den wir mit den höherentwickelten Tieren teilen, und die Tapferkeit des Soldaten, mit der er todesverachtend in die Schlacht stürmt, ist nichts anderes als die blinde Wut des wilden Stieres, mit der er gegen den Tiger und Löwen vorgeht. —

So wurde das Bachchal geplündert.

»Schnubbtabak, Schnubbtabak!!«, jubelte Adam auf.

»Aber was ich hier erst bringe!«, triumphierte Leonor, im Schweiße ihres Angesichts eine große Kiste zum Automobil schleppend.

Georg begegnete ihr, blickte sie an, sah ihre geröteten Wangen und ihre strahlenden Augen, er schien zu stutzen oder sogar zu erschrecken — und plötzlich machte Georg nicht mehr mit.

Die Besinnung war ihm gekommen. Ja, auch er war, ursprünglich nur an eine Verproviantierung denkend, dem merkwürdigen Rausche erlegen, aber der Anblick der noch mehr berauschten Leonor hatte ihn ernüchtert. Er schämte sich seiner selbst.

Doch er sagte nichts. Georg war ein anderer Mensch. Es gibt eine Bildung, die nichts mit Gelehrsamkeit oder anderem Vielwissen zu tun hat. So verstand er auch andere Menschen in gerechter Weise zu beurteilen.

Er wollte die angebrachten Vorräte besichtigen und auf die Waage legen, aber die Fässer und Kisten und Säcke hatten sich in dem Automobil schon dermaßen aufgehäuft, dass da gar nicht mehr durchzukommen war, das musste während der Fahrt, während des Verbrauchs geschehen, oder noch besser war es, wenn man seinerzeit dem Eigentümer eine reiche Pauschalsumme zahlte.

Er wanderte durch die anderen Straßen. Überall dasselbe: alles in Schutt und Trümmer liegend, aber keine Leiche. Sonst ist nichts zu berichten.

So erging sich Georg wohl eine halbe Stunde lang in der weitläufig gebauten Stadt. Wenn die anderen fortfahren wollten, würden sie seine Abwesenheit schon bemerken, so berauscht konnten sie doch nicht sein, und das Hornsignal musste sein Ohr erreichen. Aber Georg glaubte gar nicht, dass Leonor so schnell aufbrechen würde.

Während seines Spazierganges hatte er erst ein recht finsteres Gesicht aufgesetzt gehabt, das aber mit der Zeit immer mehr einen traurigen Ausdruck annahm.

»Ach, wir Menschen, wir Menschen, die wir nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen worden sein sollen!«, seufzte er einmal.

Auf dem Rückwege ging er wieder durch andere Straßen. Auch hier lag ab und zu ein auf der Flucht verlorener Gegenstand.

Achtlos wollte Georg einen kleinen Lederbeutel zur Seite stoßen. Das ging nicht so leicht, er war recht schwer, und es klirrte mit hellem Klange.

Georg hob ihn auf. Ganz beträchtlich schwer! Der Lederbeutel war verschnürt und versiegelt und trug auch außen noch einen Stempel. Georg machte ihn auf, zählte die Goldstücke auf der Stelle — 500 englische Pfundstücke, 10 000 Mark.

Georg schüttete das Gold in den Beutel zurück, nahm ihn mit.

Da, in einer anderen Straße, schon wieder nahe jenem Bachchal, sah er es sich in einem Schutthaufen, der die Tür eines sonst noch ziemlich gut erhaltenen Hauses verbarrikadierte, bewegen. Ein Mann kletterte heraus. Kein Fremder, sondern es war Charly.

»Sehen Sie, Mister Hartung, was ich hier in diesem Hause gefunden habe!«, rief er ihm freudestrahlend entgegen.

Er griff in die Hosentaschen, brachte beide Hände gefüllt mit Gold- und Silberstücken zum Vorschein, und so schienen auch all seine anderen Taschen mit Geld vollgepropft zu sein.

Georgs männliches Gesicht färbte sich plötzlich dunkelrot.

»Wirf das Geld weg!«, herrschte er jenen an.

Dessen Stutzen war begreiflich, und schon trat, in seinem Gesicht auch noch ein anderer, ein trotziger Zug hervor.

»Warum denn?«

»Weil dieses Geld nicht dein ist.«

»Ach was, es wird doch...«

»Du hast es gestohlen!«

»Das wird doch sowieso noch von Räubern gestohlen!«

»So! Also das ist deine Ansicht! Und hast du dich schon orientiert, wem dieses Haus gehört? Nein, sicher nicht. Und überhaupt — wirf das Geld weg, sage ich dir!«

»Nein!«

»Ich befehle es dir!!«

Jetzt gesellte sich zu dem Trotze auch noch ein wilder Blick, und sonst war dieser Monteur mit den Bärenpfoten doch eigentlich der allertreuherzigste Bursche.

»Sie haben mir überhaupt gar nichts zu befehlen!«, stieß er mit jenem wilden Blicke hervor.

»Nicht? Das werde ich dir gleich zeigen! Weißt du, wer stets in der Welt zu befehlen hat?«

»Sie nicht!«

»Immer der Stärkere! Wirf das Geld weg, sage ich dir nochmals, oder...«

»Oho! Kommen Sie mal her!«

Jawohl, Georg war bereits unterwegs.

Dieser Monteur war ein kurzer, aber stämmiger Bursche, schon seinen Schultern sah man die ihm innewohnende, herkulische Kraft an, umsonst hatte der doch auch nicht solche Bärentatzen.

Und er verstand was vom Boxen, hatte sich schon in Positur gesetzt, aber das half ihm alles nichts, dieser deutsche Hüne war ihm in jeder Weise über, spielte mit ihm wie ein Kind, vertobakte ihn mörderlich.

»Nun, habe ich dir zu befehlen oder nicht? Wirf das Geld weg!«

Ja, es ist eine eigentümliche Sache um die Macht des Stärkeren. Sie hat von jeher die Hauptrolle in der Weltgeschichte gespielt, und wer es nicht glauben will, dem wird es einmal handgreiflich beigebracht.


Illustration

Mr. Charly stand auf, spuckte Blut aus, wischte sich das Blut aus dem Gesicht, leerte seine Taschen, warf das Gold gleich auf die Straße und trottete gehorsam hinter seinem Herrn und Meister her.

Sie erreichten das Automobil.

»Sehen Sie, Mister Hartung, was ich hier in diesem Hause gefunden habe!«

Genau mit denselben Worten, die vorher Charly gehabt, eilte auch Leonor ihm entgegen, ebenso freudestrahlend. Sie kam aus dem jenseitigen Hause, und in ihrer Hand hielt sie ein schönes Türkisenhalsband.

Aber ihr befahl Georg nicht, die Beute fortzuwerfen, er forderte sie nicht zum Zweikampfe heraus, um sie niederzuboxen und mit Fußtritten zu traktieren, er schlug nur die Arme über der Brust zusammen und blickte sie schweigend an lange Zeit — und ebenso blickte Leonor ihn an, lange Zeit — nur, dass Georg ganz blass geworden war, während sich Leonors Antlitz immer dunkler färbte — und mit einem Male schleuderte sie den Türkisenschmuck zu jenem Hause zurück, ohne sich darum zu kümmern, wohin er fiel.

Sie hatten eine lange Unterredung gehabt, nur mit den Augen, und sie hatten sich doch so gut verstanden. Und auch dann sprach Leonor nichts.

Mit einem Ruck wandte sie sich dem Automobil zu, bestieg es, machte sich an dem Steuerapparat zu schaffen, ihre Aufforderung wurde verstanden — fort ging es, und Leonor schien es außerordentlich eilig zu haben, sie war nicht recht bei Besinnung, fuhr eine Hausruine noch mehr in Trümmer, bis sie dann die Lippen zusammenpresste, worauf es wieder ging.

»Ich habe hier einen Beutel mit fünfhundert Pfund Sterling gefunden«, sagte Georg zu ihr.

Leonor antwortete nicht.

»Es ist das Siegel und der Stempel der türkischen Zollbehörde darauf, also wir wissen, wem wir dieses Geld zu ersetzen haben, und uns ist damit sehr geholfen.«

Leonor warf nur einen Blick auf den Beutel.

»Er lag auf der Straße, Plünderer hätten ihn doch gefunden; so wird uns die türkische Behörde noch zu großem Danke verpflichtet sein.«

»Es ist gut.«

Und hiermit war die Sache erledigt. Leonor suchte durch Georgs Verhalten nicht ihre eigene Handlung zu beschönigen. Dazu war sie viel zu klug und viel zu ehrlich. Deshalb braucht auch wohl der Leser keine weitere Erklärung.

Dasselbe galt für Charly. Auch er erwachte schnell genug aus seinem Rausche, und dann schämte er sich noch viel deutlicher als Leonor.

Sonst sagte auch er nichts weiter, auch er verstand den Unterschied.

Wenn zwei dasselbe tun, so braucht es doch nicht dasselbe zu sein. Es kommt ganz auf die Gesinnung an.

*

Innerhalb vierundzwanzig Stunden wurde der nördliche Zipfel Arabiens durchquert. Leonor hatte keine Lust mehr, sich dem Genusse einer Wüstennacht hinzugeben. Unentwegt stand sie mit fest zusammengepressten Lippen an dem Steuerapparat, ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Bissen über ihre Lippen zu bringen, bis sie vor Müdigkeit umfiel. Als sie dann erwachte war es nicht viel anders.

Erst angesichts des Suez-Kanals, also angesichts Afrikas, löste sich wieder ihre Zunge.

»Wir haben wirklich nur der Not gehorcht, und ich weiß ja, wem ich dies alles zu bezahlen habe, und das wird mein erstes sein, sobald ich zu Gelde gelange.«

Nach diesen zu Georg, gesprochenen Worten schien die Erlösung über sie zu kommen, wenigstens aß sie nun wieder, und zwar waren auf dem Tische meist solche Sachen, welche aus dem Bachchal stammten, und sie aß mit Appetit.

Dann ereignete sich ein Zwischenfall, der ihr vollends die gute Laune wiedergab.

Wenn man die Landkarte betrachtet, so sieht man, dass Afrika noch ein Stück nach Arabien hinübergreift. So ein dreieckiges Zipfelchen jenseits des Suezkanals gehört noch zu Ägypten, und dieses will man auch noch zu Afrika rechnen.

Das ist also nur eine politische Grenze, die man zwischen Asien und Afrika gemacht hat. Geografisch ist selbstverständlich die Grenze zwischen Asien und Afrika die Landenge von Suez, jetzt sogar eine Wasserscheide, die es übrigens auch schon früher einmal von Natur gewesen ist.

Also, der Suez-Kanal trennt Asien von Afrika, daran kann keine Politik etwas ändern.

Mit walzenförmigen Rädern, denn an beiden Ufern ist nichts als Sandwüste, näherte sich Maximus dem Kanal.

Adam wusste, was für ein Ereignis bevorstand, der Übergang aus Asien nach Afrika, aber Mister Adam hatte für die ganze Reise überhaupt sehr wenig Interesse. Er war so ziemlich über alles erhaben.

Gegenwärtig war er mit seinem rechten Beine beschäftigt. Es war da etwas nicht in Ordnung gewesen, er hatte es losgemacht und aus der Hose gezogen, hämmerte und leimte daran herum. Dies geschah hinten auf dem Korridor, dessen nach außen führende Tür offen stand, weil man wegen des wehenden Flugsandes die Fenster geschlossen hielt. Durch die hintere Tür konnte selbst bei schneller Fahrt kein Sand eindringen, wohl aber noch etwas frische Luft.

»Aufgepasst, jetzt geht's ins Wasser!!«, rief da Leonor.

Da freilich musste Adam dabei sein — nicht deshalb, weil es der Suez-Kanal war, sondern weil überhaupt ein besonderes Manöver ausgeführt wurde, und das grüne Männchen war doch der kundigste Chauffeur, und die einfache Beschaffenheit des Suez-Kanals kannte er nicht, dachte vielleicht an ein hohes, steiles Felsenufer, zu dessen Überwindung Maximus möglicherweise seiner eisernen Gummihand bedürfen konnte.

Also er ließ sein Bein, um das er den lieben Gott betrogen hatte, einfach fallen und hopste auf dem anderen wie ein Starmatz nach vorn in den Chauffeurraum.

Jetzt sah er den Kanal vor sich — da, Herrgott, wie konnte ihm so etwas passieren! — Er hatte doch hinten die Tür ausgelassen, und jetzt ging das Automobil ins Wasser!

Adam hatte jedoch nicht nötig, auf seinem einen Beine zurückzuhopsen, und es hatte auch noch Zeit. Gerade trat Tom hinten aus seiner Kammer.

»Tom, die Tür zu, die Tür zu, es geht ins Wasser!!«

Der Monteur sprang hin, warf die Tür zu, und die Sache war erledigt. Eine kleine Warnung hatte Adam aber doch bekommen.

Im Übrigen war die Sache so ungefährlich, dass Leonor nicht einmal für nötig hielt, die Fenster zu schließen. Das Automobil lief die sandige Böschung hinab, dann kommt ein terrassenförmiger Absatz, der nur bei Flut unter Wasser steht. Maximus durchschwamm den nur schmalen Wasserarm, in dem sich zwei größere Schiffe nicht einmal ausweichen können, dazu sind besondere Stationen mit Ausbuchtungen vorhanden, es kletterte auf der anderen Seite empor und...

»So, meine Herrschaften, jetzt sin mir in Afrika«, erklärte Adam.

Er hopste zurück, um aus sich wieder einen zweibeinigen Menschen zu machen.

Aber vergebens blickte er sich suchend um.

»He, Tom, wo is denn mei Been?«

»Welches Bein, Mr Green?«, fragte der Monteur dienstbeflissen.

»Nu, mei rechtes, mei ginstliches, das andere gann ich doch nich abschnallen.« Weder Tom noch Charly wollten etwas davon wissen. Nun war die Sache aber auch sehr bald erklärt. Das Gummibein hatte vor der Tür gelegen, bei deren Zuschlägen hatte Tom das Bein mit hinausgeworfen, ohne es gemerkt zu haben.

Na, das war nicht gar so schlimm, Adam machte nicht erst Vorwürfe.

»Heernse, Miss Leonor, mir missen noch mal nach Asien niewer, ich hawwe mei rechtes Been driem gelassen!«

Gut, das Automobil drehte um, schwamm nochmals durch den Suezkanal, und richtig, da sah man schon von Weitem Adams rechtes Bein liegen.

Die Wirkung dieser kleinen Episode wollen wir nicht zu schildern versuchen. Jedenfalls war durch die Erschütterung des Zwerchfelles die gute Laune Leonors wiederhergestellt.

*

Kapitel 32
Ein kurzes, aber inhaltsreiches Kapitel

In einem Zimmer des Hotels du Nil zu Kairo finden wir einen Mann wieder, den wir schon längere Zeit aus den Augen gelassen haben — Mr. Artur Deacon. Schon seit Stunden hatte er ungeduldig gewartet.

Ein Kellner erschien.

»Mr. Peacock«, redete er den Gast mit dem Namen an, unter welchem Deacon hier abgestiegen war, ein Herr wünscht Sie zu...«

»Herein, herein!«

Ein alter Herr trat ein, mit einem Fuchsgesicht, das auch ganz seinem Namen entsprach, welcher Renard lautete, auf deutsch Fuchs.

»Endlich!«

»Ja, endlich haben wir Sie zu fassen bekommen.«

»Weshalb haben Sie mir nicht geschrieben?«

»Weil ein Mensch genau so schnell reist wie ein Brief und noch schneller, und auch chiffrierte Telegramme können uns gefährlich werden.«

»Bah!«

»Ihr Plan, den Sie in der Wüste Gobi gegen das Automobil ausführen wollten, ist gescheitert.«

»Das weiß ich doch am allerbesten«, knurrte Deacon grimmig, »habe vergebens in Peking gewartet. Dann bekam ich's zu hören.«

»Das Automobil hat bereits Arbak passiert, zur Zeit durch ein Erdbeben in Trümmer gelegt.«

»Weiß ich ebenfalls schon, steht ja in allen Zeitungen.«

»Was beabsichtigen Sie jetzt gegen das Automobil zu tun?«

»Sagen Sie mir das lieber. Mein Vater hat mich ja angewiesen, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, ich soll von Ihnen Instruktion bekommen.«

Artur Deacon war also nicht mehr der Hauptmacher. Oder vielmehr: Bisher war er der Einzige gewesen, der gegen das Automobil operiert hatte, um des Morrisits habhaft zu werden. Jetzt hatte er einen Vorgesetzten bekommen, eine ganze Gruppe von Menschen hatte die Sache in die Hand genommen. Das hier war ein Aufsichtsrat jener Aktiengesellschaft, die durch Kohlen und Petroleum die ganze Welt von sich abhängig gemacht hatte.

»Nun gut! So erfahren Sie, was wir Ihnen weder schriftlich noch telegrafisch mitteilen wollten. Der Direktor, Ihr Herr Papa, hat damals viel zu voreilig gehandelt. Aber er ist zu entschuldigen, konnte ja fast gar nicht anders, denn dieses Teufelsweib drehte ihm ja sofort den Rücken und raste auch gleich mit dem Automobil davon. Dass es Ihnen noch gelang, sich als Reisebegleiter aufzudrängen, ist aller Ehren wert, und obgleich Sie gar nichts erreicht haben, taten Sie doch, was in Ihren Kräften stand, das erkennen wir an, und ich bin beauftragt, Ihnen den Dank und das fernere Vertrauen des Komitees auszusprechen.«

Bei diesen Worten hatte sich der alte Herr verbeugt. Mr. Artur Deacon dankte ebenso, ganz rot vor Freude. Es waren zwei nette Kumpane, die hier zusammengekommen waren!

»Unterdessen«, fuhr Renard fort, »haben wir aber einen anderen Entschluss gefasst und reiflich erwogen, so sehr wir auch von der Zeit gedrängt wurden. Was wollte Direktor Deacon eigentlich, womit waren Sie beauftragt? Des Morrisits, des Rezeptes habhaft zu werden, das jener Teufelskerl in die Welt gesetzt hat. Es wurde uns für hundert Millionen Dollar angeboten. Wir könnten diese Summe doch sofort bezahlen. Was sind denn hundert Millionen für uns? Dann würde Miss Morris uns doch den Ort sofort sagen, wo das Morrisit präpariert wird. Ja, wiederhole ich, was haben für unsere Gesellschaft denn hundert Millionen zu bedeuten! Eine Lappalie. Aber das ist es eben. Sollen wir nun auch an dem Kram die dreifache Summe verdienen — was ist das für uns — und das ist doch nur ein einmaliger Verdienst — und dann sind wir fertig, dann können wir alle unsere Aktien nur gleich ins Feuer werfen.

»Nein! Damit kann uns durchaus nicht gedient sein. Außerdem haben wir doch immer zu fürchten, dass ein anderer uns zuvorkommt, dass dieser uns das Geheimnis wegschnappt. Und was soll dann mit uns geschehen? Es ist auch tatsächlich schon von anderer Seite ein Anschlag auf das Automobil und auf seine Passagiere gemacht worden, um in den Besitz des Morrisits zu kommen...«

»Faktisch?!«, stieß Artur erschrocken hervor.

»In Indien. Seitens eines Engländers namens Austin. Wir haben es erfahren. Ich erzähle es Ihnen dann ausführlich. Es ist doch auch einfach genug, dass wir Rivalen zu fürchten haben. Wer das Morrisit in Händen hat, der kann es auch gleich nachmachen. Das ist eben das Furchtbare für uns. Wir stehen immer dicht vor dem Ruin. Kurz und gut, jetzt handelt es sich nicht mehr darum, das Morrisit und das ganze Geheimnis zu erbeuten, sondern, das ganze Morrisit und die Personen, die das Geheimnis besitzen, müssen ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden, müssen spurlos daraus verschwinden. Verstehen Sie?«

O ja, Master Artur verstand recht gut. »Dann geht uns aber der Verdienst von einigen hundert Millionen verloren«, warf er nur noch ein.

»Ach was, dann verstehen Sie eben nicht! Dafür gehen doch unsere Dividenden weiter.«

»Ich verstehe, ich verstehe!«

»Gut! Dass das Automobil bei seiner Durchquerung Afrikas viel von anderer Seite belästigt wird, glaube ich nicht. Erst Kapland käme wieder in Betracht. Wir selbst behalten auch schon das wilde Afrika im Auge. Arrangements dazu habe ich bereits getroffen. Also, verstehen Sie, das Automobil muss mit seinen Passagieren spurlos verschwinden.

»Sollte es aber dennoch wieder glücklich durchkommen, weil mit diesem Weibe der Teufel im Bunde zu sein scheint, so haben Sie unterdessen Ihre Vorbereitungen in Südamerika getroffen. Sie haben sich doch jenes Buch von Georg Hartung verschafft?«

»Selbstverständlich.«

»Dann wissen Sie ja den Weg, den das Automobil nehmen wird. Leonor Morris hat noch immer die Route eingehalten, die damals jener Landstreicher genommen hat, sie wird sie wohl weiter verfolgen. Also Sie treffen unterdessen schon in Südamerika Ihre Vorbereitungen. Welche, brauche ich wohl nicht zu sagen...«

»Das Automobil muss eben verschwinden«, lächelte Deacon verständnisvoll.

»Nichts weiter. Sägen Sie Brücken an, legen Sie an geeigneten Stellen Dynamitminen — es ist alles erlaubt, um diese Höllenmaschine aus der Welt zu schaffen, und um das zu erreichen, sind wir bereit, jene hundert Millionen Dollar auszugeben, die wir ursprünglich für das Morrisit zahlen wollten.«

Der alte Herr hatte durchaus nicht im Tone eines Bösewichts auf der Bühne gesprochen, sondern ganz geschäftsmäßig, und so wurde es auch von Artur Deacon angenommen.

Erst jetzt nahm das Fuchsgesicht einen scheinheiligen Ausdruck an.

»Wir sind doch nicht etwa Mörder«, fuhr der alte Herr mit salbungsvollem Tone fort. »Nein, das sind wir der ganzen Menschheit... oder doch ungezählten Tausenden von fleißigen Arbeitern schuldig. Denken Sie doch nur, was soll denn aus den Hunderttausenden von Kohlenbergleuten und allen denen, die bei den Petroleumquellen beschäftigt sind, werden, wenn es jetzt plötzlich keine Kohle und kein Petroleum mehr zu geben braucht! Und was dann nun noch sonst alles drum und dran hängt! Die zahllosen Heizer, die zahllosen Menschen, die in der Lampenfabrikation engagiert sind, die Kohlenkastenindustrie, die Laternenanstecker und Lampenputzer — ach Gott, ach Gott, wenn man das alles bedenkt — das sind ja Millionen und Abermillionen — und die sollen nun alle plötzlich brotlos werden — alles wird Hungers sterben — denken Sie nur an die kleinen unschuldigen Kinderchen... nein, nein, wir müssen diese höllische Erfindung unbedingt dorthin schicken, wohin sie gehört, das sind wir dem Wohle der ganzen Menschheit schuldig, Amen!«

*

Kapitel 33
Ohne Wasser und ohne Elektrizität

Wir geben hier keine Schilderungen von Ägypten und den anderen Teilen Afrikas, die das Automobil passierte. Das kann man in Spezialbüchern nachlesen, oder es müsste daraus hier abgeschrieben werden.

Wir berichten nur, was unser Automobil anbetrifft, und dann noch einiges, was man eben nicht in anderen Büchern findet.

Schon am dritten Tage, seitdem sie den Suez-Kanal durchquert hatten, befanden sich unsere Weltreisenden in Nubien, und dabei war Leonor noch nicht einmal des Nachts gefahren. Aber Maximus machte ja täglich in aller Bequemlichkeit seine hundert deutschen Meilen. Für dieses Automobil gab es ja gar kein Hindernis. Ein anderes wäre wohl kaum nur so weit gekommen. Wo hätte es Benzin, Petroleum oder Spiritus hernehmen sollen? Maximus dagegen brauchte nur Wasser, welches es hier in Hülle und Fülle gab, und auch ohne Ersatz konnte er ja mit Hilfe der Akkumulatoren acht Tage und acht Nächte aushalten oder mit dieser Kraftmenge etwas mehr als tausend geografische Meilen zurücklegen. Solch eine Strecke, wo kein Wasser zu finden ist, gibt es auf der Erde natürlich gar nicht.

Man verfolgte immer Karawanenstraßen, die ganz Afrika kreuz und quer durchziehen, selbst auf solchen größeren Karten angegeben, die sonst nicht daran denken, einem Wanderer den Weg zu zeigen. Wohl führten sie manchmal über Gebirge und durch Sümpfe, die für ein anderes Automobil unpassierbar gewesen wären, da sie aber für Pferde und Kamele gangbar waren, so wurden sie auch von Maximus ohne Mühe genommen. Die Hauptsache war, dass keine Engpässe vorhanden waren, die für das Automobil zu schmal waren, ferner keine zu schmalen Brücken oder gar zu breiten Abgründe, die Maximus nicht hätte überspringen können.

Aber Georg führte denselben Weg, den er genommen hatte, und er hatte ja schon gesagt, dass es da für Maximus keine derartigen Hindernisse gebe.

Im wildreichen Nubien, dem Paradiese des Jägers, wurde ein Elefant erlegt, mit der pneumatischen Revolverkanone aus dem Panzerturm geschossen. Hier nun etwas über Elefanten, was man sonst nicht so leicht in ›anderen Büchern‹ finden dürfte. Es gilt den allgemeinen Glauben zu widerlegen, dass der afrikanische Elefant im Aussterben begriffen, schon sehr selten geworden sei.

Dem Schreiber dieses liegt ein Börsenbericht über den Weltmarkt dreier Jahre vor.

Nun höre man und staune:

Nach Antwerpen, dem Zentralpunkt des Elfenbeinhandels, kamen im Jahre 1907 41 246 Stück Elefantenzähne! Im Jahre 1905 wurden allerdings gegen 2000 Zähne mehr eingeliefert, aber daraus zu schließen, dass schon nach zwei Jahren 1000 Elefanten weniger erlegt worden wären, ist falsch, denn im Jahre 1906 ging diese Zahl noch weiter herunter, wiederum gegen 1000, sodass also das Jahr 1907 viel ertragreicher gewesen ist als 1906.

Von diesen 41 246 Zähnen stammten nur 13 aus Indien, meist aus Siam, und von den anderen kommen 37 566 allein auf das Kongogebiet!

Nun sehe man sich auf der Karte das Kongogebiet an, in dem in einem einzigen Jahre 18 783 Elefanten erlegt worden sind!

Und nun wolle man nicht mehr sagen, dass die Elefanten im Aussterben begriffen seien. Ja, sie mögen an Zahl nicht mehr so zunehmen, wie sie abgeschossen werden, aber... wir erleben es nicht mehr, das letzte Exemplar im Zoologischen Garten zu sehen, auch unsere Kinder nicht. Und vielleicht hat es nicht einmal mit dem Wenigerwerden seine Richtigkeit. Was wissen wir denn, was im Innern Afrikas noch steckt! Das sieht alles ganz anders aus, als man es uns Bierphilistern weismachen will. Das ist genau so ein Humbug, wie wenn die Gelehrten berechnen, wann sich die Kohlenlager der Erde erschöpft haben. Und wenn es ein zehnfacher Professor ist, so ein Mann hat ja keine blasse Ahnung von dem Reichtum der Erde.

Was zum Beispiel den Tierreichtum anbetrifft, so muss man sich einmal aus Leipzig und London den Messkatalog der Fell- und Pelzauktionen schicken lassen, wenn da immer steht: 20 000 braune Bären, 3000 Eisbären, 2000 Löwen, 8000 Leoparden, 100 000 Kängurus — — alles in einem Jahre geschossen, die Messen sind sogar halbjährlich — — da bekommt man erst einen richtigen Begriff von der Erde!

Nun kommen als Lieferanten der Zähne aber doch nur Männchen in Betracht! Und die Elefanten leben in Herden, und der Leithengst duldet keinen Rivalen, und der Ausgestoßene, Fihl genannt, geht in seiner blinden Wut gewöhnlich bald zugrunde, und seine Zähne zu finden, das dürfte doch nicht so leicht sein. Es handelt sich also meist um erlegte Leithengste. Dann geht doch nicht alles aus Afrika kommende Elfenbein über Antwerpen, die Hauptmasse stammt ja auch nur aus BelgischKongo.

Also wer einen Elefanten haschen will, der gehe nur ruhig mit dem Salzfass nach Afrika, er wird schon noch einen finden, braucht sich gar nicht zu beeilen.

Für den, den es interessiert, sei noch erwähnt, dass ein Elefantenstoßzahn im Durchschnitt 8 Kilogramm wiegt. Das Kilogramm des besten Elfenbeins, aus dem sich Billardbälle drehen lassen, kostete im Jahre 1907 43 Francs, das mindestwertige 19 Francs.

DeutschKamerun hatte 426 Zähne geliefert. Dann kamen nach Antwerpen noch 50 Kilogramm fossiles Elfenbein aus Sibirien, von Mammuts herstammend, aus Afrika noch 476 Kilogramm Flusspferdzähne, noch besser als das Elfenbein des Elefanten.

*

Das ausgezeichnet schmeckende Fleisch des Elefanten verdrängte einen Teil des indischen Wildbrets aus der Räucherkammer. Rüssel und Fuß wurden sofort am Feuer gebraten, und besonders schwärmte Adam seitdem für Elefantenklein und Elefantenhaxen. An frischem Fleische sollte überhaupt während der ganzen Fahrt durch Afrika niemals Mangel eintreten, und zwar gab es hier ganz anderes Wild als anderwärts, das gar keinen Wildgeschmack hatte. So ist das Fleisch der Giraffe noch zarter als das eines gemästeten Ochsen, wovon alle Afrikareisenden zu erzählen wissen.

Am vierten Tage befand man sich schon in Kordofan. Obgleich dieses noch immer zu Ägypten gehört, wurde die Karte, die letzte und beste Ausgabe, hier doch bereits sehr undeutlich, zeigte viele punktierte Striche.

Viel Wald und dann endlose Prärien, reich bewässert, belebt von Tieren aller Art. Gerade durch das schnelle Auto bekam man ja diesen Wildreichtum vor Augen.

»Was gibt es denn da?!«, wurde gerufen, um auch die, die mit etwas Anderem beschäftigt waren, darauf aufmerksam zu machen, dass etwas Besonderes käme.

Von Osten nach Westen wollte es vorüberziehen, eine Jagd, rennende Männer, Neger, in Gruppen und weit auseinandergezogen, wie es die Schnelligkeit der Füße ergab, und erst im Hintergrunde ein paar Reiter, bei denen es noch einiger Zeit bedurfte, ehe sie die Fußläufer einholten, denn diese boten alle ihre Kraft auf.

Was sie verfolgten, war noch nicht erkenntlich. Georg wollte schon von einer Antilopenjagd berichten, wie es nämlich in Afrika tatsächlich so schnelle Läufer gibt, dass sie zu Fuß hinter der fliehenden Antilope her rennen und diese, wenn sie ihr Heil in Zickzackbewegungen sucht, auch wirklich einholen und mit dem Speere niederstoßen. Besonders Kaffern leisten im Rennen schier Unglaubliches, man muss es gesehen haben.

Allein ein fliehendes Wild war nicht zu sehen, und bald sollte auch der richtige Zweck dieses Wettlaufes klar werden.

Ja, eine Jagd war es, nur nicht hinter einem vierbeinigen Wild.

Jetzt änderte der erste Neger, der vor dem zweiten einen großen Vorsprung hatte, seine ursprüngliche Richtung, er hielt auf das näherkommende Automobil zu, aber eben, als er die Straße erreichte, freilich ein nur ganz schwach markierter Streifen in der Steppe, brach er zusammen, vor Erschöpfung oder war gestürzt.

Schnell hatten die Neger ihn erreicht, warfen sich auf ihn, schlugen auf ihn ein — da aber war auch Maximus schon zur Stelle.

»Massa, Massa, mich retten, mich retten, Uboschinto nix Sklave sein!!«, jammerte der Gestürzte, sich eines gebrochenen Englischs bedienend, nachdem er schon vorher in einer fremden Sprache etwas geschrien hatte.

Was hier vorlag, war sofort klar. Ein entflohener Sklave, der verfolgt worden war. Die, die ihn hier eingeholt hatten, standen ganz scheu da, außerdem unmäßig keuchend und schwitzend, die weiter Zurückgebliebenen kamen nicht näher, drehten gleich wieder um, um das Weitere von dem Busche aus zu beobachten, aus dem sie vorhin gekommen waren, ebenso machten sich die Reiter gleich wieder unsichtbar.

Die Dazwischenkunft des Automobils hatte alles geändert. Dass Sklavenjagd und Sklavenhandel verboten sind und seitens der zivilisierten Mächte mit dem Tode bestraft werden, das weiß jetzt wohl schon jeder Neger selbst im Innersten Afrikas, wenn er nur überhaupt schon etwas von Europa und Amerika gehört hat.

Der Sklavenhandel selbst ist freilich dadurch noch längst nicht abgeschafft. Gegen dieses Automobil war nichts auszurichten, es brauchte gar nicht seine Waffen und seine Panzerung zu zeigen. Größte Verlegenheit seitens der verfolgenden Neger, ein hastiges Geplapper, und dann machten auch sie schleunigst, dass sie wieder fortkamen, um nicht erst Erklärungen abgeben zu müssen.

Nur der Verfolgte, der sich Uboschinto genannt hatte, war zurückgeblieben, befand sich bereits im Automobil. Er erzählte in seinem gebrochenen Englisch, obgleich er zu Georg auch Arabisch hätte sprechen können.

Schon zum zweiten Male befand er sich auf dem Sklaventransport. Er stammte von der Westküste des AlbertNjansaSees. Bis vor zehn Jahren hatte er dort als biederer Sohn der Natur gelebt, die göttliche Faulheit nur selten einmal durch ein bisschen Jagd, Fischfang und Gemüsebau unterbrechend. Araber hatten eine Sklavenjagd veranstaltet, auch Uboschinto war in ihre Hände gefallen, war zur Küste gekommen, an einen Araber verkauft worden.

Dann hatte ihn ein Engländer erstanden, in dessen Hause er einige Jahre als Diener gewesen, in einem Hafenstädtchen der Ostküste.

»O, ein serr, serr guter Mann, Massa Lewis.«

Aber das Heimweh hatte ihn geplagt. Und eines Tages hatte er Gabel, Seife und alle anderen Kulturerrungenschaften im Stiche gelassen, um wieder am Ufer des großen Sees faulenzen zu können.

Und so hatte er abermals idyllisch zwischen seinen Stammesgenossen gelebt, zwar ohne Seife, aber doch als freier Mann, der die Arbeit verachtet.

Da, vor einem Vierteljahre, waren abermals Sklavenjäger gekommen. Und nun marschierte Uboschinto zum zweiten Male als Sklave diesen Weg. Gestern Abend war er ausgekniffen, vorhin hatten die Häscher ihn eingeholt.

Der Mann verstand zu erzählen. Besonders in der Schilderung seines Heimwehs war er groß. Nun kam auch noch das gebrochene, stammelnde Englisch hinzu. Es klang so kindlich: Leonor vergoss eine heimliche Träne der Rührung. Georg machte ein ganz anderes Gesicht, sagte aber nichts weiter, ließ den Neger radebrechen.

»Es war eine ganze Sklavenkarawane?«

Jawohl, an die zweihundert Männer und Weiber und Kinder, aber schon weit, weit fort.

Ganz erregt wandte sich Leonor Georg zu.

»Mr. Hartung, sollen wir?!«

Aber finster schüttelte Georg den Kopf. Dann fand auch er Worte. Was sollte man denn mit den befreiten Sklaven anfangen? Man konnte doch nicht alle zweihundert mit ins Automobil nehmen und sie in ihre Heimat zurückbringen. Und sonst würden sie bald genug anderen Sklavenhändlern in die Hände fallen.

Nein, nein — — wohl einmal bei Gelegenheit einen Sklaven befreien, aber sonst... Georg hatte überhaupt eine besondere Ansicht über die ganze Sklaverei. Er gehörte zu denen, die die Aufhebung der Sklaverei durchaus nicht als einen Segen ansehen, und die schlechtesten Köpfe sind das nicht, brauchen auch nicht etwa gefühllose Herzen zu haben. Die Aufhebung der Sklaverei hat das Elend der Menschheit jedenfalls nur noch vergrößert.

Doch das ist ein kitzliges Thema, das wir hier lieber nicht berühren wollen. Aber das sei gesagt, auch mit der schönsten Wortdrechselei kommt man nicht darüber hinweg, dass gerade in den höchstentwickelten Kulturstaaten Pferde und Hunde, weil sie ein direktes Kapital repräsentieren, schonender und — menschlicher, wäre beinahe gesagt worden — würdiger behandelt werden als die meisten Menschen. Wer das nicht einsieht, der ist blind, oder er will nicht sehen, und das ist dann eine Sünde wider den heiligen Geist, von der es heißt, dass sie die einzige Sünde ist, die nie verziehen werden kann.

Uboschinto hatte es mit der Befreiung seiner Leidensgefährten auch gar nicht so eilig. Er selbst wollte gar nichts davon wissen, dass die Behandlung während des Transportes eine gar so grausame sei. Und dann kam man doch in die schöne Sklaverei, wo man sich jeden Tag satt essen konnte. Bei ihm war es nur das Heimweh, das schreckliche Heimweh!

So gab Leonor schnell genug ihren Vorsatz auf, die Sklavenkarawane zu verfolgen. Sie hatte eine kleine Lektion empfangen, wenn es ihr auch nicht recht zum Bewusstsein kam. Jedenfalls aber wurde nun auch Uboschinto mitgenommen, um in seine Heimat zurückgebracht zu werden. Der Weg führte sowieso an dem Westufer des AlbertNjansaSees vorüber, in zwei Tagen konnte man ihn erreicht haben.

Diese zwei Tage vergingen, ohne dass man etwas Bedeutungsvolles erlebte. Das Automobil fuhr ja zu rasch, und das Gefühl stumpft sich zu schnell ab. Um noch davon zu sprechen, hätte es schon zu irgendeinem Knalleffekt kommen müssen.

Aus Kordofan kam man in den westlichen Zipfel des englischen Besitzes, dann in den östlichen Teil des belgischen Kongostaates.

Ha, wer diese Gegenden dereinst dem schwachen Belgien abnehmen wird!! Dieser Wasserreichtum hier an Strömen, Flüssen und Bächen, Quellen und Seen, niemals versagend, dabei aber auch keine Überschwemmungen verursachend! Und alles noch vollkommene Wildnis! Was kann eine tatkräftige Nation aus diesen Gegenden machen! Das wird einmal ein neues Indien. Vorläufig ist es aber wegen des internationalen Friedens ein ›Rührmichnichtan‹.

Dann jedoch, nach einem Übergang, kam wieder ein riesiges Steppengebiet, etwa 1600 geografische Quadratmeilen umfassend, in dem man in dürrer Zeit keinen Tropfen Wasser findet. Hier hatte Georg seine schlimmste Zeit durchgemacht, obgleich es damals gerade Regenzeit gewesen war. Nur hier hatte es nicht regnen wollen, oder jeder Regentropfen verschwand spurlos im Boden.

Trotzdem ist dieses Gebiet, wieder England gehörend, äußerst reich an Wild, nur nicht an solchem, das des Wassers überhaupt nicht entbehren kann, wie zum Beispiel der Elefant. Sonst aber wimmelt es hier besonders von Antilopen, denen der jede Nacht reichlich fallende Tau genügt, sodass diese wasserlose Steppe auch in der trockensten Zeit ein saftiggrünes Aussehen hat. Für Rinder aber würde dieser Tau nicht genügen, kaum für die schon verwöhnten Schafe, und in dieser so saftig aussehenden Steppe ist bereits manche Karawane verschmachtet, wie die zahllosen Knochen verrieten, die den Weg markierten.

»Dort ein Strauß!!«

Es war eine ganze Herde, und diese Gelegenheit ließ man sich nicht entgehen. Die Jagd begann. Maximus raste mit einer Geschwindigkeit von 75 Kilometern dahin.

Plötzlich verlangsamte sich die Fahrt sichtlich.

»Warum stoppen Sie?«, fragte Georg.

Leonor, die am Steuer stand, machte ein verdutztes Gesicht, das gleich verriet, dass dies nicht nach ihrem Willen ging.

»Ja, was ist denn das?«

Sie blickte nach dem Knallgasapparat, und da war des Rätsels Lösung gleich gegeben.

Der Apparat hatte einen selbsttätigen Wasserzufluss, und dieser funktionierte nicht mehr. Das hatte man nicht bemerkt, und so war das Morrisit, welches sich etwa zehn Zentimeter über dem Boden der Flasche befand, außerhalb des Wassers gekommen.

»Green, schnell! Was ist da los? Warum läuft das Wasser nicht mehr?«

Adam drehte an dem Hahn Herum, schüttelte den Kopf.

»Ich weeß nich, warum das Wasser nich loofen will.«

Da ertönte ein Schrei; Charly hatte ihn ausgestoßen.

Schon das machte stutzig, dass man die Hintere Tür offen sah, und da stand Charly und deutete auf einen Hahn, an einem Rohre angebracht, das nach außen führte, um beim Reinigen des Reservoirs das Wasser abzulassen, und dieser Hahn stand offen!

»Wer hat den Hahn geöffnet?«

Diese Frage war unnötig gewesen. Die offene Tür... alle wurden sofort von derselben Ahnung erfasst.

»Wo ist der Neger?«

Ja, Mister Uboschinto war eben nicht mehr anwesend. Während sich alles im Chauffeurraum befand und nach vorn blickte, hatte er die Gelegenheit benutzt, um den Wasserhahn aufzudrehen, und dann, hatte er durch die Hintertür einen Sprung ins Freie, gemacht. Ob er bei dieser rasenden Fahrt seinen Hals gebrochen oder nicht, das zu erörtern, hatte jetzt gar keinen Zweck. Erschrocken blickten sich alle an. Das Automobil, dem die Puste ausgegangen war, stand schon längst.

»Das ist nur Uboschinto gewesen!«, brach Leonor zuerst das Schweigen.

»Sicher!«

»Er hat uns gerade in dieser wasserarmen Steppe hilflos machen wollen.«

»Nicht nur wasserarm, sondern gänzlich wasserlos«, korrigierte Georg.

»Das hat er nicht aus eigener Initiative getan.«

»Schwerlich.«

»Das ist eigentlich Deacons Werk.«

»Vielleicht.«

»Oder ein Anderer hat ihn dazu geworben.«

»Auch möglich.«

»Also selbst bis in diese Wildnis, bis ins Innere Afrikas geht die gegen mich gerichtete Verschwörung!«

»Warum nicht? Als wir den Neger aufnahmen, waren wir ja noch gar nicht so weit von den Grenzen der Kultur entfernt, und die hatten doch Zeit, ihre Vorbereitungen zu treffen.«

»Die ganze Verfolgung des entflohenen Sklaven war nur eine Komödie!«

»Das ist wohl anzunehmen. Deshalb wollte der biedere Nigger ja auch nicht, dass wir uns mit der Verfolgung der Sklavenkarawane aufhielten. Es war jedenfalls gar keine vorhanden.«

»Unerhört!«

Mehr sagte Leonor vorläufig nicht; zunächst trat sie, die Lippen zusammengepresst, an den Steuerapparat.

»Nun, verloren sind wir ja deshalb nicht. Der Neger hat nichts von unserer elektrischen Hilfskraft gewusst, mit der wir noch 8000 Kilometer machen können. Also weiter! Durst zu leiden brauchen wir deshalb auch nicht, in vier Stunden sind wir am NjansaSee.«

Sie drehte einen anderen Hebel herum, der das Automobil durch Elektrizität in Bewegung setzte. Aber Maximus rührte sich nicht.

Jetzt erst verlor das Mädchen Farbe und Fassung.

»Adam, Adam, was ist das?!«, stieß sie mit schreckensbleichen Lippen hervor. Adam untersuchte bereits den Elektrometer, öffnete gleich die Klappe, die die Akkumulatoren bedeckte.

»Tja, da is awwer ooch nischt mehr drin.«

Erst jetzt wurde Leonor von einem richtigen Schreck befallen, und es half gar nichts, dass sie selbst nachsah.

In den Akkumulatoren, die voll geladen gewesen waren, befand sich keine Spur von Elektrizität mehr.

Es war eine Vorrichtung vorhanden, durch die man die Elektrizität in die Erde leiten konnte, eine halbe Stunde genügte, um die Akkumulatoren völlig zu entleeren, und zwar geschah dies ohne Funkenerscheinung. Der furchtbare Strom floss ganz geräuschlos in die Erde, es war gar nichts davon zu bemerken — auch so eine Erfindung des alten Morris, die er sich hätte patentieren lassen können.

Natürlich war der Hebel, der diese Vorrichtung funktionieren ließ, genügend geschützt, dass nicht jemand sie aus Versehen in Betrieb setzen konnte. Es war dazu ein Schränkchen zu öffnen — aber verschlossen war dieses nie gewesen.

Also auch der elektrischen Kraft hatte dieser schwarze Halunke das Automobil beraubt!!

Unsere Freunde hielten sich jetzt nicht damit auf, zu ergründen, wie der Neger zu solchen Kenntnissen kam — sie wussten ja alles, was wir jetzt in Kürze noch über Uboschinto nachholen wollen.

Er hatte sich nur zwei Tage im Automobil befunden. Man hatte ihm Kleidung gegeben. Direkte Arbeit war für ihn nicht vorhanden gewesen, er hatte sich aber nützlich zu machen gesucht, hatte Tom das Abwaschen der Geschirre abgenommen und dergleichen.

Für die Einrichtung des Automobils interessierte er sich höchlichst. Auch sein englischer Herr hatte eins gehabt. Uboschinto war sogar zum Chauffeur ausgebildet worden.

»Aber das war ein ganz, ganz anderes Automobil gewesen. Wo ist denn hier der Apparat, wo das Benzin vergast wird? Wo ist denn das hier, wo ist jenes?«

So hatte der Neger staunend fortwährend gefragt, sich dabei recht dumm stellend, und Tom hatte ihm in seiner Gutmütigkeit alles oder doch vieles erklärt und gezeigt, und niemand hatte dabei Verdacht geschöpft.

Nun sah man die Folgen.

»'s war immer so'n Schtänkerfritze«, sagte nur Adam, sonst wurde darüber gar nicht gesprochen, nicht einmal Adam bekam Vorwürfe, dass ihm diese ›Schtänkerei‹ aufgefallen sei, und dass er davon nichts gesagt habe.

Man beschäftigte sich nur mit dem Resultat: in einer wasserlosen Gegend vollkommen mattgesetzt!

Mit einem förmlichen Ruck richtete sich Leonor auf und war plötzlich ganz kaltblütig.

»Vortrefflich! Jetzt ist Gelegenheit, zu beweisen, ob wir etwas können oder nicht, und wissen wir uns nicht aus dieser Verlegenheit zu helfen, dann sind wir auch wert, hier entweder zu verschmachten oder das Automobil in Stich zu lassen. Wo befinden wir uns?«

Adam war schon dabei, mit dem Sextanten die Sonne aufzunehmen, und zur Berechnung der geografischen Lage brauchte dieses grüne Männchen keine Logarithmentafeln, er hatte die dazu nötigen Zahlen trotz deren Länge im Kopfe, benutzte auch gar kein Papier.

Er gab den Punkt, auf dem sie sich gegenwärtig befanden, nach den Breiten- und Längengraden in Minuten und Sekunden an; hierauf wurde die Karte befragt. Nach dieser befanden sie sich von dem AlbertNjansaSee in kürzester Linie sechsundzwanzig Meilen entfernt, während sie den letzten Fluss, den sie passierten, schon dreißig Meilen hinter sich hatten.

Es mochte ja sein, dass es noch nähere Wasserstationen gab, aber davon wussten sie nichts, sie hatten sich an den See als das nächste Ziel zu halten, wo sie wieder zu Wasser kommen konnten. Das war auch Georgs Ansicht von vornherein gewesen.

»Gut. Uns über diese Entfernung zu vergewissern, das müsste unser Nächstes sein. Zu dieser Strecke von rund hundert englischen Meilen brauchen wir vierzig Liter Wasser, wobei es gleichgültig ist, wie schnell wir fahren. In dem Reservoir, das zugleich unser Trinkwasser enthielt, befindet sich kein Tropfen mehr. Dafür hat mein Vater gesorgt, dass, wenn der Hahn einmal geöffnet wird, das Wasser auch gründlich abläuft, da brauchen wir nicht erst nachzusehen. In dem Knallgasapparat befinden sich noch etwa fünf Liter, die wir noch verwerten können...«

»Lässt sich denn das Morrisit tiefer eintauchen?«, musste Georg, der den Apparat gerade gemustert hatte, die Sprecherin einmal unterbrechen.

»Nein, tiefer verstellen lässt sich der Stift allerdings nicht, aber... Mr. Hartung, verzeihen Sie, wenn ich einmal die Lehrerin spiele, ich möchte wirklich einmal Ihre Verstandskraft in Bezug auf technische Probleme prüfen. Wie mache ich das wohl, um dieses Wasser dennoch auszunutzen, also es möglichst bis zum letzten Tropfen in Berührung mit dem zu zersetzenden Morrisit zu bringen? Wissen Sie es?«

»O ja, das ist ja ganz einfach, man brauchte nur...«

»Halt, halt, halt... wenn Sie es wissen, ist es gut. Mr. Green weiß es ebenfalls, das ist selbstverständlich, sonst würde ich ihn hier gleich absetzen. Aber ihr, Tom, Charly — wie kann ich dieses im Apparat rückständige Wasser doch noch ausnutzen?«

Die beiden Monteure guckten den Apparat an und kratzten sich hinter den Ohren und meinten dann etwas von Schütteln und Umkippen der ganzen Flasche.

»Ei, seid ihr Geisteshelden!«, spottete Leonor. »Nun, Mr. Hartung, zeigen Sie Ihre Weisheit. Vielleicht denken auch Sie nur an ein Umkippen.«

»O nein! Man braucht in die Flasche ja nur etwas zu schütten, was das Wasser in die Höhe drängt, Schrot oder Sand oder...«

»Selbstverständlich, so ist es.«

»Ja, können Sie die Glasflasche aber auch auseinander nehmen?«

»Sie meinen, ohne dass dabei eine Explosion erfolgt, die mich und alles in Stücke reißt?«, lachte Leonor, die plötzlich in heiterster Laune zu sein schien. »Na, das wäre doch schlimm, wenn ich das nicht könnte, wenn auch für mich diese Flasche ein unantastbarer Gegenstand wäre!«

»So, dann ist es ja gut. Dann haben wir aber erst fünf Liter Wasser, mit denen wir ungefähr achtzehn Meilen zurücklegen können. Woher nehmen wir nun die anderen fünfunddreißig Liter?«

»Das möchte ich eben von Ihnen wissen.«

»Ich wisste schon was«, ließ sich zunächst Adam vernehmen.

»Nun?«

»Mir fahrn mit den finf Litern Wasser zurück und suchen den schwarzen Gerl zu haschen, ich gann iewerhaupt nich glaum, dass der weit gegomm is, der muss doch gleich das Genick gebrochen ham, un wenn er noch nich ganz dod is, dann machen mir ihn noch dod, un dann schlachten mir'n, lassen ihn zur Ader, zappen sei Blut ab.«

»Wie, dessen wären Sie fähig?!«, fragte Leonor vorwurfsvoll, vielleicht schon den Gedanken verurteilend, dass ein Mensch überhaupt auf so etwas kommen konnte.

»Na, verdient hätt'rsch, un das wäre ganz gerecht, wenn mir jetzt sein Blut benitzen, lebendig sollte er dabei bleim.«

»Ist das Tatsache, man könnte wirklich auch Blut benutzen?«, fragte Georg erstaunt.

»Warum nicht? Ich habe Ihnen die Eigenschaften des Morrisits doch zur Genüge erklärt. Es zersetzt alles Wasser, mit dem es in Berührung kommt, genau wie jeder elektrische Strom, wirkt aber doch wieder anders, indem es nichts als Wasser in die Grundelemente zerlegt. Absoluter Alkohol würde nicht zersetzt, gegen diesen verhält sich Morrisit ganz neutral. Anders bei Spiritus, der doch immer etwas Wasser enthält. Aus diesem würde das Morrisit alles Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegen, bis nur noch absoluter Alkohol übrig bliebe.«

»Ja, dann ist es ja ganz einfach!«

»Nun?«

»Wir haben uns doch schon genug über die Oxtailsuppe geärgert...«

»Sehr richtig! Daran habe auch ich sofort gedacht. Wir sind also noch längst nicht verloren, vierzig Liter Wasser werden aus dem wässerigen Zeuge wohl herausspringen, dann kommt die Tomatenbrühe daran, und meinetwegen können auch die eingemachten Preiselbeeren draufgehen, die schon einen Stich haben und überhaupt nicht nach meinem Geschmacke sind.«

Wir wollen nicht wissen, ob auch Adam und die beiden Arbeiter von allein auf diesen Gedanken gekommen wären, den Inhalt der vielen Präservedosen, die man in Arbak dem Bachchal entnommen, als treibende Kraft zu benutzen, soweit er ein wässeriger war. Corned Beef konnte man ja da schlecht gebrauchen, man hätte gerade die wenigen Tropfen Feuchtigkeit auspressen müssen, da kamen schon eher Erbsen, Schnittbohnen und dergleichen präservierte Sachen in Betracht.

Jedenfalls ward diese Idee mit Jubel ausgenommen. Den Knallgasapparat mit Ochsenschwanzsuppe füttern! Es war sogar eine Art von Rache dabei. Mit der Ochsenschwanzsuppe, von der man eine große Kiste mit vierundzwanzig Literdosen dem Bachchal entnommen hatte, war man nämlich reingefallen. Eine wässerige Brühe und ein Knochen drin, das sollte Oxtailsuppe sein! Desgleichen taugte die Tomatenbrühe nichts. Man war nur noch nicht dazugekommen, das Zeug über Bord zu werfen.

Man ging sofort ans Werk. Und nicht etwa, dass man zunächst die noch vorhandenen fünf Liter Wasser ausnutzte, indem man den Boden durch Sand oder sonst etwas erhöhte. Das wäre ein Schildbürgerstreich gewesen. Das konnte man zuletzt tun, aber nicht zuerst. Leonor hatte vorhin nur theoretisch gesprochen.

Die Dosen wurden geöffnet, die Suppe wurde durch ein Sieb geschlagen und filtriert, dann kam sie in ein Gefäß, von wo sie zu dem Knallgas abfloss, und alsbald setzte sich Maximus wieder in Bewegung, entwickelte seine gewöhnliche Geschwindigkeit, und die treibende Kraft war Ochsenschwanzsuppe.

»Sollten wir hier nicht das Resultat abwarten, weshalb man uns diesen Streich gespielt hat, wer dann noch kommen wird?«, hatte Georg einmal gefragt.

Doch finster hatte Leonor den Kopf geschüttelt. Es war eine feindliche Macht, mit der sie kämpfen musste — aber sonst wollte sie sich nicht um sie kümmern.

Die Ochsenschwanzsuppe war erschöpft, jetzt kam die Tomatenbrühe daran, von der nur zwölf Literbüchsen vorhanden waren, und waren die verbraucht, so hatte man noch immer nicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt.

Dann musste man eben zu den anderen Konserven greifen, die mehr oder weniger Flüssigkeit abgaben. Aber es war doch eigentlich schade, diese Nahrungsmittel, die in das ewige Einerlei des Fleisches Abwechslung brachten, auf diese Art vergeuden zu müssen!

»Du bist wohl verrickt!«, schnauzte Adam den einen Monteur, Charly, an. »So was von Verschwendung is mir ja noch gar nich vorgegomm!«

»Was gibt es denn?«, fragte Leonor. »Wieso soll denn Charly ein Verschwender sein?«

»Denken Se sich, schbuckt der Gerl aus'n Fenster. Der soll doch hibsch dort in den Gnallgasabbarat schbucken, da gomm mir schon wieder ne halbe Meile weiter.«

In diesem Augenblick sprang Georg zurück, riss seine Büchse von der Wand, schoss, und im Feuer brach ein Gnu zusammen, das vor dem Automobil aufgesprungen war, eine der größten Antilopen Afrikas, von der Größe eines jungen Rindes.

»Wenn das Gnu nicht gerade bleichsüchtig ist. dürften wir genug Flüssigkeit erhalten, um den See erreichen zu können.«

Das verendete Tier ward an der Seite des Automobils in die Höhe gewunden, mit dem Kopfe nach unten, so zapfte man ihm das Blut ab, mehrere Eimer voll. Es wurde gleich mit der Tomatensauce vermischt und durch fortwährendes Umrühren flüssig gehalten, bis es in den Knallgasapparat kam. Die Gasentwicklung ging ganz in der gleichen Weise vor sich, als wenn es reines Wasser gewesen wäre. Was sich nicht zersetzte, schlug als ein Pulver zu Boden nieder, von dem nach einiger Zeit die Flasche einmal gereinigt werden musste, sollten sich die Röhren nicht verstopfen.


Illustration

»Mister Hartung, sehen Sie her, wie ich die Explosionsgefahr beseitige!«

Georg wollte sich entfernen, um dieses Geheimnis nicht zu erfahren, machte aber Leonor dadurch nur böse.

»Dann setzen Sie geradezu voraus, dass ich Ihnen misstraue!«

So blieb Georg und sah zu, wie das Mädchen die Flasche auseinander nahm. Es war dazu nur ein einziger besonderer Handgriff nötig, durch den eine Explosion vermieden wurde; dieser Handgriff aber konnte von keinem Uneingeweihten nachgemacht werden.

Dann wurde die Fahrt fortgesetzt, und als sich das letzte Blut in der Flasche befand, sah man in der Ferne den Spiegel des Sees schimmern. Als aber dieses letzte Blut ausgebeutet war, befand man sich noch immer einige hundert Meter vom Ufer entfernt.

Man wollte nicht mehr die Feuchtigkeit von Nahrungsmitteln benutzen. Adam machte Georg einen Vorschlag, wie man sich noch andere Kraft verschaffen könnte, aber ganz heimlich, mit leiser Stimme, Leonor hätte es nicht hören dürfen.

Die wenigen hundert Meter hatten ja nichts zu bedeuten. Ein einziger Eimer Wasser genügte. Georg erbot sich, ihn zu holen.

»Wenn Ihnen aber etwas passiert!«, sagte Leonor ängstlich.

»Was soll mir denn passieren?«, lächelte Georg.

»Feindselige Neger — wilde Tiere!«

»Nun, ich denke doch, mit so etwas bin ich während jener sieben Jahre vertraut geworden!«

»Und doch — dann will ich Sie wenigstens begleiten!«

Sie beharrte dabei, sie selbst ging mit, es so auslegend, als würde sie von dem Verlangen getrieben, die erste sein zu wollen, die ihre Hand in die Fluten dieses fast noch ganz unbekannten Sees tauchte.

Unterwegs sprachen die beiden kein Wort; so schweigend kehrten sie auch wieder zurück.

Dann befand sich Maximus an dem flachen Ufer, ein Schlauch ward ausgelegt, die Maschine begann zu pumpen.

Zwei Tage blieben sie hier liegen, denn diese Zeit war nötig, um die Akkumulatoren durch die Dynamomaschine wieder voll Elektrizität zu laden.

Abenteuer erlebten sie während dieser Zeit nicht, die Eingeborenen hielten sich ängstlich von dem eisernen Ungetüm entfernt, und wir schildern auch nicht die Einzelheiten der weiteren Fahrt durch Afrika. Wenn die Insassen des Maximus nicht wollten, so brauchten sie nichts zu erleben. Sie befanden sich in dem Automobil wie in einer fahrenden, uneinnehmbaren Burg.

Wieder neun Tage später erreichten sie die Grenze des Kaplandes. am anderen Tage schon mussten sie sich in einer kultivierten Gegend befinden.

Ein Zufall war es gewesen, dass sie die Richtung etwas geändert hatten, zuletzt von Georgs ehemaliger Route etwas abgekommen waren. Doch das hatte nichts mehr zu sagen, so strebten sie nach Kapstadt auf anderen Wegen.

Oder ob das nicht ganz so absichtslos geschehen war? Gesprochen hatten sie allerdings kein Wort darüber, diese Änderung der Richtung war scheinbar zufällig geschehen.

Wie dem aber auch sei — wie vielen Gefahren sie dadurch aus dem Wege gingen, was für furchtbare Fallen man ihnen gestellt hatte, um sie samt dem Automobil spurlos verschwinden zu lassen, das ahnten sie sicher nicht.

Aber ihrem Schicksale sollten sie dennoch nicht entgehen. Auch in Südamerika wartete man ihrer schon mit Dynamit und anderen schönen Sachen, und schließlich waren sie immer noch in Afrika, hatten Kapstadt noch nicht erreicht.

*

Kapitel 34
Ein Bombenattentat

Hier kommen wir wieder auf meinen alten Weg«, sagte Georg. Sie befanden sich schon seit einiger Zeit in den Drakensteenen, Drachensteinen, einem Gebirge, das sich zwanzig Meilen hinter Kapstadt von Süden nach Norden hinzieht.

Ein Felsgrat bildete die Landstraße. Rechts die hohe Felswand, links ging es hinab in die Tiefe, aber nicht etwa so ein Wildschützensteig, sondern breit genug, dass sich drei Wagen gleichzeitig ausweichen konnten.

Doch seitdem die Eisenbahn über das Gebirge geht, wird diese Landstraße gar nicht mehr benutzt, nicht einmal Herden werden darauf getrieben, weil es ihnen hier an Wasser und Futter fehlt, und was die Tiere an Fleischgewicht verlieren würden, wiegt die Ersparnis an Transportkosten nicht auf.

Ja, sie wird doch noch benutzt — von Automobilen und Radfahrern, von denen unsere Freunde schon einigen begegnet waren oder sie überholt hatten.

Es ist überhaupt merkwürdig. Da denkt man nun, die Eisenbahnen machen unsere alten, biederen Landstraßen immer mehr überflüssig, sie seien nur noch für Bauern da, um ihren Mist hinauszuschaffen — da wird das Fahrrad erfunden, dann kommt das Automobil, und mit einem Male stehen die alten Landstraßen wieder in hohen Ehren, und nicht nur das, sondern diese Sportvereine, an deren Spitze bedeutende Männer stehen, sodass diese Vereine fast eine politische Macht bedeuten, veranlassen die Regierungen, ganz neue Landstraßen anzulegen, oder sie sind kapitalkräftig genug, um auf eigene Kosten neue Landstraßen bauen zu lassen.

Es ist doch immer die alte Geschichte. Die Erde ist rund, alles ist rund — wenn's keine Ecken hat — aber jedenfalls dreht sich doch alles im Kreise, die ganze Weltgeschichte wiederholt sich von Zeit zu Zeit! Ben Akiba hat eben recht, es gibt nichts Neues unter der Sonne, und das Alte wird immer wieder hervorgekramt, und zwar ganz unbewusst.

Auch das Fußwandern wird wieder Mode. Oder richtiger gesagt, die stolze Verschmähung der Eisenbahn und jeglicher anderen Fahrgelegenheit.

Marschiert da einer von Dresden nach Leipzig in so und so viel Stunden, dann auch wieder zurück. »Wer macht mir das nach?« O, genug! Am nächsten Sonntag marschieren sie zu Hunderten ab. Eisenbahn wird überhaupt nicht mehr gebraucht, kein Fahrrad, gar nichts mehr. Nur noch per pedes apostolorum. Nächstens werden wir wieder auf allen vieren laufen, oder es gibt einen Verein, von dessen Mitgliedern dies verlangt wird, nur mit einer Badehose bekleidet, und wenn ein Salatfeld kommt, dann wird geweidet.

Doch Scherz beiseite! Das ist alles ganz schön und gut, hat alles eine gewisse Berechtigung, verfolgt einen gewissen nützlichen Zweck. Aber nur nicht immer gleich das Heil der Menschheit daraus herleiten wollen! Dann verfällt es dem Fluche der Lächerlichkeit. Wer sein körperliches und geistiges Wohl darin findet, nackt auf einem Apfelbaume zu wohnen, der soll es tun. Wenn der Mann sich dabei glücklich fühlt, dann ist es ja gut. Aber er soll nur nicht verlangen, dass alle Menschen nackt auf Äpfelbäumen wohnen.

Das ist der Fluch, dem immer die Vegetarier, die Kaltwasseramphibien, die Mond- und Sonnenbrüder und die anderen Heiligen der letzten Tage verfallen. Machen sie aus ihrer Lebensweise eine Philosophie für den eigenen Bedarf, dann sind sie Weise, aber wollen sie daraus eine die ganze Menschheit beglückende Religion machen, dann sind sie Narren, und ein Narr macht bekanntlich hundert andere.

*

Es ging in ganz langsamem Tempo um eine scharfe Ecke, dann war wieder freier Weg.

Da, als wieder normale Geschwindigkeit eingestellt war, die sich aber erst entwickeln musste, sahen Georg, Adam und Leonor, die alle drei im Chauffeurraum standen, vor ihren Augen etwas Schwarzes herabgesaust kommen, wie ein Vogel, oder richtiger, wie ein Stein, wenn der Gegenstand am Boden lag, so musste das Automobil darüber hinwegfahren — und im nächsten Augenblick ein furchtbarer Krach, das Automobil wurde förmlich vorwärts geschleudert.

»Das war eine Bombe!!!«, erklang es gleichzeitig aus drei Kehlen.

Ganz unbewusst hatte Leonor, obgleich nicht gerade vorteilhaft für ihre Sicherheit, gebremst. Georg war nach hinten geeilt, war hinausgesprungen, hatte etwas vom Boden aufgehoben, auch einmal nach oben spähend, riss auch seine Luftpistole aus der Tasche, schoss aber nicht.

Als er zurückkehrte, in voller Flucht, hatte Leonor, ihren Fehler einsehend, den Wagen schon wieder in schnelle Fahrt gesetzt.

Georg zeigte ihr, was er vorhin aufgehoben hatte.

»Das ist ein Stück von einer Granate oder Bombe.«

»Selbstverständlich war es eine Bombe«, entgegnete Leonor gleichmütig.

»Sie hat uns gegolten.«

»Wem denn sonst?«

»Ich sah oben über der Felswand einen menschlichen Kopf, aber er war verschwunden, ehe ich schießen konnte.«

»Was hätte es auch genützt, wenn Sie den Attentäter getötet hätten?«

Leonor hatte schon durch diese Antworten angedeutet, dass sie darüber gar nicht mehr zu sprechen wünsche. Und so stand sie noch eine Stunde am Apparat, ganz ruhig, nur dem Wege ihre Aufmerksamkeit widmend, aber bleich wie der Tod, bis sie das Gebirge hinter sich hatte.

Vor ihnen eröffnete sich eine Ebene mit sorgsam angebauten Feldern, dort ein Städtchen, dem man gerade einen Eisenbahnzug zustreben sah.

Noch eine kurze Strecke, dann ließ Leonor das Automobil halten.

»So!«

Es war ihr gleich anzusehen, dass jetzt etwas Besonderes kommen musste, dann hatte es auch in dem Wörtchen ›so‹ gelegen.

»Charly, Tom, kommt mal her!«

Die Arbeiter gesellten sich zu den anderen in dem Chauffeurraum.

»Es gilt auch für Sie, Mr. Green, was ich jetzt sprechen werde. Ihr wisst doch, was vorhin geschehen ist.«

Natürlich wussten sie es.

»Nur durch einen Zufall sind wir dem Schicksale entgangen, dass wir jetzt mit dem ganzen Automobil zerschmettert in der Tiefe liegen. Ohne Zweifel hat man noch für andere Überraschungen solcher Art gesorgt, hier in dem schon kultivierten Kapland arrangiert, denen wir nur dadurch ausgewichen sind, dass wir einen anderen Weg eingeschlagen haben. Denn die, die es auf uns oder speziell auf mich abgesehen haben, wissen, dass ich denselben Weg nehmen will, den einst Mr. Hartung gewandert ist. Nun sind wir wieder auf diesem Wege, deshalb können wir uns, selbst bis auf der kurzen Strecke nach Kapstadt, noch auf mehr solche Überraschungen gefasst machen...«

»So nehmen wir eben nicht mehr meinen alten Weg«, fiel ihr Georg ins Wort, »wir haben das gar nicht nötig, oder um solche vorbereitete Bombenattentate zu vermeiden, brauchen wir uns ja nur etwas neben diesem Wege zu halten.«

»Bitte, Mr. Hartung, lassen Sie mich aussprechen«, sagte Leonor mit einiger Entschiedenheit, wenn auch immer noch freundlich. »Es ist mein fester Entschluss, diesen Weg nun auch weiter einzuhalten. Nennen Sie es eine Caprice von mir. Aber es hat einen tieferen Grund. Nun seid ihr alle, Sie, Mr. Green, und ihr, Charly und Tom, stündlich, oder sogar in jedem Moment in Gefahr, euer Leben zu verlieren, zerrissen zu werden, in einen Abgrund zu stürzen. So stelle ich euch jetzt frei, mich zu verlassen. Hier ist eine Eisenbahnstation, ihr fahrt nach Kapstadt, von dort in eure Heimat, ich werde euch genügend mit Geld versehen — also verlasst mich, ohne weitere Umstände.«

Es waren unbeschreibliche Gesichter, die gemacht wurden. Adam bohrte zunächst in seinem natürlichen, wie in seinem künstlichen Ohre herum.

»Und Sie?«, fragte Charly, der erste, der eines Wortes fähig war.

»Ich führe meine Tour um die Erde aus. Zur Bedienung des Automobils ist ja nur eine Person nötig, und wenn ich schlafen muss, so halte ich und schließe die Panzerplatten, bin sicher wie in einer Burg, soweit Mauern mit aufgezogener Zugbrücke heutzutage noch Schutz gewähren können.«

Georg hatte schon den Mund geöffnet, schloss ihn aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben.

»Ich glauwe, ich hawwe heite was in den Ohren«, meinte dafür Adam, immer noch in seinen Horchorganen herumbohrend.

»Es ist mein Ernst — verlassen Sie mich, ich verabschiede Sie, alle drei. Wenn ich kann, werde ich Sie später für Ihre treuen Dienste belohnen.«

Die verdutzten Gesichter der beiden Arbeiter hatten sich in traurige verwandelt.

»Ja«, sagten die beiden wie aus einem Munde, »wohin sollen wir denn gehen?«, Es lag im Ausdrucke, im Tone, der sich nicht wiedergeben lässt. Und Leonor hatte es herausgehört.

»Ä, das is ja nur Schbaß«, sagte Adam.

»Eigentlich nicht, aber, aber...«, Leonor musste mit ihrer Stimme ringen, »gezwungen sollt ihr natürlich nicht werden, ich muss euch auf die Gefahr aufmerksam machen, die eurer jeden Moment wartet...«

»Leonor, martern Sie doch die armen Menschen nicht so!«, bat da Georg mit leiser Stimme.

Es war vorbei, mit ihren Leuten sprach Leonor darüber gar nicht mehr, obgleich sie weder eine Zu- noch eine Absage bekommen hatte, dafür wandte sie sich jetzt mit einer lebhaften Bewegung nach Georg um.

»Sie aber muss ich direkt bitten, mich zu verlassen!«

Es sah bald aus, als wolle Georg ihr ins Gesicht lachen.

»Ä, Sie machen ja nur Schbaß«, ahmte er dann Adams Redeweise nach.

»Es ist mein heiliger Ernst.«

»Wieso?«

»Ich mag Sie nicht auf meinem Gewissen haben!«

»Bitte, das lassen Sie ganz ruhig meine Sache sein.«

»Nein, es ist auch noch etwas anderes dabei, ich — Sie — ich — ich...«

Sie kam nicht weiter, sie drehte sich schnell um und ging davon, schloss sich in ihre Kammer ein. Und dabei war sie zuletzt abwechselnd erbleicht und errötet. Ihr Versuch, so etwa als Räuberhauptmann aufzutreten, der seiner Bande den Abschied gibt, weil er nicht andere ins Unglück stürzen will, war glänzend missglückt. Oder aber, es war eben so gekommen, wie es kommen musste — niemand wollte gehen — nur dass hierbei der theatralische Effekt gefehlt hatte.

Georg setzte das Automobil wieder in Bewegung.

»Nee, diese Weibsen, diese Weibsen«, meinte Adam einmal.

Er wollte noch weiter darüber sprechen, was für eine Zumutung Leonor da an ihn und an die anderen gestellt habe, aber Georg bat ihn, gar kein Wort mehr darüber zu verlieren.

Nach kurzer Zeit kam Leonor wieder in den Chauffeurraum. Man sah ihr gleich an, was für Mühe sie sich gegeben hatte, um die Spuren zu verwischen, dass sie geweint habe.

»Sprechen wir nicht mehr darüber, nicht wahr?«, begann Georg.

»Nein.«

»Ich meine, über solche Sachen, die den braven Männern das Herz brechen könnten.«

»Nein.«

»Aber über etwas anderes möchte ich doch noch sprechen.«

»Worüber?«

»Über das Bombenattentat.«

»Warum nicht?«

»Wäre es geglückt, so wären wir in Stücke zersplittert oder doch mindestens samt dem Automobil in den Abgrund geschleudert worden.«

»Sicher.«

»Was für einen Zweck aber hätte das dann für jene, die das Morrisit haben wollen? Sieht das nicht fast aus, als wolle man jetzt in anderer Weise als bisher gegen uns vorgehen?«

»Ja, es handelt sich nicht mehr darum, in den Besitz des Geheimnisses zu kommen, sondern es gänzlich aus der Welt zu schaffen, auf dass die Dividenden jener Gesellschaft, die mit Kohle und Petroleum die ganze Welt beherrscht, ruhig weitergehen.«

Leonor sprach noch mehr, und es war nicht anders, als ob sie damals das Gespräch im Hotel du Nil belauscht habe. Georg konnte ihren Ansichten nur beistimmen, und es war ja schließlich auch nicht schwer zu erraten; das Bombenattentat hatte deutlich genug geredet.

»Und nun setze ich dennoch diesen mir einmal vorgezeichneten Weg fort, nun gerade zum Trotz. Ja, in so etwas kann ich halsstarrig sein!«

»Das ist ein edler Trotz!«

»Ja, sonst wäre es eine Feigheit, die ich mir nie verzeihen könnte. Aber andere Menschen möchte ich deswegen nicht leiden lassen.«

»Das, dächte ich, hätten wir doch ein für allemal erledigt. Auf etwas anderes möchte ich Sie jedoch aufmerksam machen.«

»Nun?«

»Es gibt Pflichten, die in keinem Katechismus vorgeschrieben sind. Gesetzt den Fall, den Gott verhüte, dass Sie, dass wir alle diesen Bösewichtern zum Opfer fallen, dass das ganze Automobil mit einem Schlage vernichtet würde, so würde die Menschheit des Segens verlustig gehen, den Ihr Herr Vater doch offenbar...«

»Ich weiß, was Sie meinen. Nein, dafür ist gesorgt, Als ich damals dem Mr. Deacon die Erfindung zum Kaufe anbot — als sein Sohn zugegen war — wie die beiden sich benahmen — was für lauernde Blicke die wechselten — — ich ahnte sofort etwas, und die Ahnung wurde mir zur Gewissheit, als sich Artur Deacon mir als Reisebegleiter aufdrängte. Da habe ich vorher mein Testament gemacht — oder doch bei einem Notar einen versiegelten Brief deponiert, zu öffnen drei Jahre nach meinem Tode — die drei Jahre war ich denen schuldig, denen ich die Erfindung angeboten habe, falls sie dennoch ihren Verpflichtungen nachkommen — und dieser Brief enthält das Rezept, wie man das Morrisit herstellt. Nein, dafür habe ich gesorgt.«

»Ah, dann ist es ja gut!«

»Und dennoch muss ich noch einmal davon beginnen: Stündlich lauert der Tod in allen Gestalten auf uns, noch haben Sie Zeit...«

»O, Leonor... Miss Morris...«

Es kam nicht weiter, als bis zu einem Händedruck, aber dieser sagte genug. Dann sprachen sie ganz geschäftlich noch weiter, was für Sicherheitsmaßregeln sie in Zukunft ergreifen wollten, wie das nächste Kapitel zeigen wird.

*

Kapitel 35
Die Höllenuhr

In Kapstadt war die Ankunft des Automobils, das als das letzte Weltwunder galt, von den Vorstädten, die es passiert, bereits telegrafisch gemeldet worden. Ganz Kapstadt war auf den Beinen, und das im wörtlichsten Sinne; nur kleine Kinder und Greise und Krüppel, die sich noch nicht oder nicht mehr auf den Beinen halten können, sind auszunehmen. Sämtliche Läden hatten als aussichtslos, während dieser Zeit Kunden zu sehen, geschlossen, desgleichen Fabriken und Kontore, um den eigenmächtig sich entfernenden Arbeitern und Angestellten nicht kündigen zu müssen, was zu einem Generalstreik hätte führen können. Aus der näheren Umgebung war noch schnell alle Schutzmannschaft und Gendarmerie zusammengezogen worden, um die Volksmassen im Zaume zu halten, die sich in den Straßen drängten, noch nicht wissend, in welcher sie für das durchkommende Automobil Spalier bilden sollten.

Und da kam es! Sein Aussehen kannte man ja schon aus illustrierten Zeitungen, dafür hatten doch gleich im Anfang amerikanische Blätter gesorgt, die es im Vorbeifahren immer fotografiert hatten.

Ja, es sah merkwürdig genug aus, aber eigentlich war die Enttäuschung doch eine große. Die Panzerplatten waren geschlossen, sie wollten sich nicht öffnen, man donnerte vergebens mit der Faust dagegen, und durch die kleinen Guckfenster konnte man nicht blicken, schon deshalb nicht, weil jegliche Möglichkeit fehlte, sich auf das Automobil zu schwingen.

Aus den Fenstern wurden auf den sargähnlichen Kasten Blumen und ganze Kränze geworfen, eine von der amerikanischen Bevölkerung schnell zusammengetrommelte Musikkapelle intonierte den ›Yankee Doodle‹ und ›Heil dir, Columbia‹, es wurde »hip hip hip orrreeehhh for Miss Leonor Morris!« gebrüllt, einige Rowdies schossen ihre Revolver in die Luft ab oder ihrem Nachbar in den Bauch, wofür sie arretiert werden sollten, was sie sich nicht gefallen ließen, wodurch es zum Straßenkampf kam — es gab Blut und Leichen... das war ja alles recht schön, aber so ein Empfang, wie man ihn sich vorgestellt hatte, war es doch nicht.

Das Händeschütteln fehlte, die Speechs fehlten, alles andere fehlte, was zu solch einem Empfang nach englischer Sitte gehört, und England ist für die ganze Welt tonangebend.

In langsamer, halbstündiger Fahrt durchquerte das Automobil, immer eifrig tutend, die ganze Stadt, ohne dass man ein Gesicht der Insassen zu sehen bekommen hätte. Und Maximus ließ sich durch nichts aufhalten, so wenig wie die Sonne — in ptolemäischem Sinne gemeint.

Nur die, die am Hafen Posto gefasst hatten oder unfreiwillig bis dorthin zurückgedrängt worden waren, bekamen noch etwas Besonderes zu sehen, was sie für ihr langes Warten entschädigte.

Jeder Hafen hat heutzutage außer einer breiten Freitreppe auch eine Wasserrampe, eine schiefe Fläche, die direkt ins Meer führt. Es sind dies praktische Vorrichtungen zum Aus- und Einladen bei besonderen Umständen, so wie heute große Kessel und Röhren bei kürzeren Seetransporten ja nicht mehr verladen, sondern vom Dampfer ins Schlepptau genommen werden, wobei es das Schwierigste ist, die Gegenstände erst ins Wasser zu bringen.

Dieser Rampe steuerte das Automobil zu und... rollte hinab ins Wasser!

Ja, da hatte man doch etwas für sein langes Warten zu sehen bekommen! Und das Automobil fuhr auch noch weiter, nicht nur durch den Schwung, hinten entstand ein Strudel — es hatte sich in ein Motorboot verwandelt.

»Es fährt sofort nach Südamerika hinüber, nach Buenos Aires — durch eigene Kraft — wunderbar, wunderbar!!«

Denn dass das Automobil dieselbe Route verfolgte, welche der jetzt als Führer dienende Georg Hartung zu Fuß zurückgelegt hatte, das war nun schon allgemein bekannt. Jenes Buch wurde jetzt überaus stark begehrt, der New Yorker Verleger mochte sich nicht schlecht in den Haaren raufen, die ganze Auflage damals eingestampft zu haben. Na, da wurde eben eine andere gemacht, und auch Georg konnte dann auf klingenden Lohn hoffen.

Durch eigene Kraft nach Südamerika hinüberfahren wollte und konnte Maximus aber denn doch nicht. Das wäre eine kipplige Geschichte geworden. Es hat alles seine Grenzen.

Und schon hörte die Schraube wieder auf zu arbeiten, noch einen Schlag rückwärts, und in ziemlich freiem Hafenwasser lag Maximus still.

»So«, sagte Leonor, »hier im Wasser sind wir sicher vor einem Bombenattentat, und dass man unter uns keine unterseeische Mine anbringt, dafür wollen wir schon aufpassen.«

»Sie sind jetzt ja außerordentlich um Ihr Leben besorgt!«

Lächelnd hatte es Georg gesagt, und scherzhaft wurde es auch nur aufgefasst.

»Ergeben Sie sich nur in den Gedanken, den ich Ihnen ausführlich offenbart habe: Wir repräsentieren jetzt in Kompanie eine Schildkröte, die einmal Kopf und Beine in ihren Panzer zurückgezogen und dann die Fähigkeit verloren hat, ihre Gliedmaßen wieder herauszubringen. Halt, da ist ja gleich jemand, der uns Auskunft geben kann.«

Sie öffnete eins der kleinen, runden Fensterchen.

»Herr Kapitän oder Herr Zollinspektor — wenn ich einen Augenblick bitten darf!!«

Es war ein kleiner Zolldampfer, der ziemlich nahe vorbeifuhr. Er hatte mit diesem Automobil oder Motorboot nichts zu tun, da hätte er erst eine Instruktion bekommen müssen — aber man wusste doch schon, was für ein Fahrzeug es war, und so war der Dampfer nahe herangekommen und fuhr ganz langsam, um das Weltwunder näher betrachten zu können.

Eiligst kam er nun heran.

»Bitte sehr. Miss Leonor Morris? Gott grüße Sie! Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Nur eine Frage! Wann geht nach Buenos Aires der nächste Dampfer, der uns, das ganze Automobil, mitnehmen könnte?«

Jawohl, das passte vortrefflich. Der ›Kolumbus‹, heute Abend um sechs, dort lag er mitten im Hafen, schon vollkommen befrachtet, nahm aber auch Passagiere mit, und die waren nun einmal erst heute Abend bestellt.

»Wird uns denn der ›Kolumbus‹ auch noch mitnehmen?«

»Weshalb nicht? Und wenn es sonst nicht wäre — wer würde mit Ihnen und Ihrem Automobil nicht eine Ausnahme machen? Sie sind also nicht imstande, allein über den Ozean zu fahren?«

Leonor wusste geschickt allen weiteren Fragen aus dem Wege zu gehen, dankte und schloss wieder das Fensterchen. Die Schraube begann abermals zu arbeiten, der ›Kolumbus‹, ein stattlicher Dampfer, war das Ziel.

An Deck hörte alles auf zu arbeiten, um zu staunen. Auch hier war schon bekannt geworden, dass das Wunderautomobil in Kapstadt eingetroffen sei.

Leonor bediente sich eines der oberen Fensterchen, um sich verständlich zu machen.

»Ich möchte den Herrn Kapitän sprechen.«

»Dort kommt Kapitän Arlen gerade von Land zurück!«

Das Boot war bereits längsseit des schwimmenden Automobils, Leonor setzte sich mit dem Kapitän, einem sehr höflichen Manne, nicht nur diesem Weltwunder gegenüber, in Verbindung, immer durch ein Fensterchen.

Jawohl, Kapitän Arlen war sofort bereit, das Automobil mitzunehmen.

»Aber es muss an Deck bleiben.«

»Steht es da auch sicher?«

»Felsenfest. Solange die Planken meines Schiffes zusammenhalten. Da haben Sie nur keine Bange, das Festlaschen verstehen wir schon.«

»Und was kostet das?«

»Das muss ich mir erst berechnen.«

»Wir beköstigen uns selbst.«

»Das machte im Passagierpreis keinen Unterschied.«

»Nein, wir wollen das Automobil gar nicht verlassen.«

»Wie, gar nicht verlassen?«

»Nein, wir sind und bleiben hier drin wie in einer Kiste, sie behandeln uns einfach als Frachtgut, das Automobil ist nur die Emballage. Wir werden es während der ganzen Reise mit keinem Fuße verlassen.«

»Aber warum denn nicht?«

»Es handelt sich um eine Wette.«

»Ah so, eine Wette!«, sagte sofort der Engländer verständnisvoll. »Das ist etwas anderes. Ich hoffe nur, deshalb dennoch manchmal mit Ihnen plaudern zu dürfen.«

»O, das kann geschehen. Also wie viel wird das kosten? Nur so ungefähr?«

Der Kapitän überflog das Automobil mit einem Blick.

»Hundertfünfzig Pfund Sterling.«

Leonor und auch Georg hatten eine ganz andere Summe zu hören erwartet. Dabei würde ihnen der Kapitän wohl schwerlich aus Gefälligkeit einen besonders niedrigen Preis genannt haben. Solch ein Kapitän kann ja über alles, was nicht direkt in seinen Vorschriften steht, ganz nach eigenem Ermessen entscheiden, aber das Interesse der Reederei muss er doch immer wahren, darf keine Ausnahme aus Gefälligkeit machen, nicht etwa Passagiere als seine Gäste mitnehmen. Tut er das, was ja oft genug geschieht, so hat er eben hierzu die Erlaubnis — ein Privileg, das sich wohl kein Kapitän nehmen lässt.

Die Größe des Frachtgegenstandes hatte der erfahrene Mann sicher richtig taxiert. Denn bei Schiffsfrachten kommt es nur auf den Raum, nicht auf das Gewicht an.

»Da sind auch wir mit inbegriffen?«, fragte Leonor noch.

»Jawohl, wenn Sie die Kiste nicht verlassen wollen, dann gehen auch Sie als Fracht!«, lachte der Kapitän.

»Ich habe vier Begleiter.«

»Die wollen ebenfalls in dem Automobil bleiben und sich selbst beköstigen?«

»Wir alle.«

»Dann bleibt es bei den hundertfünfzig Pfund.«

»Und Ein- und Ausladen?«

»Ist alles inbegriffen.«

Die Überbordnahme fand sofort statt. Matrosen schlangen um das Automobil Taue und Ketten, die Winde hob den mächtigen Kasten spielend empor, er ward hinter dem Schornstein am Mittelmast mit Tauen und Ketten festgelascht.

Leonor sprach zu Georg nochmals darüber, wie sie sich die Sache gar nicht so billig vorgestellt habe.

»Wenn wir aber nun damals in Arbak nicht zu den fünfhundert Pfund gekommen wären?«, setzte sie selbst dann noch hinzu.

»Dann hätten wir uns schon auf andere Weise zu helfen gewusst«, lautete Georgs Antwort.

Die Panzerplatten blieben geschlossen. Georg meinte einmal, man könne sie doch herablassen, aber Leonor wollte davon nichts wissen.

Der Tag verging wie alle anderen. Durch die Guckfensterchen gab es sogar mehr zu sehen als oftmals während der Reise, wo ungeheure Strecken durchquert werden mussten, welche an Szenerie nicht die geringste Abwechslung boten.

Ab und zu brachte ein Boot noch Passagiere, abends um sechs Uhr gaben Flaggen und Dampfpfeife das letzte Zeichen, eine halbe Stunde später verließ der ›Kolumbus‹ den Hafen.

*

Vierzehn Tage würde die Überfahrt währen, und hiervon waren drei vergangen. Langeweile konnte nicht aufkommen. Sie befanden sich eben in ihrem freiwillig gewählten Heim, und es war ja nicht viel anders, als ob sie sich selbst fortbewegt hätten, nur dass hier kein Chauffeur am Steuerapparat zu stehen brauchte.

Adam nahm mit den beiden Monteuren die ganze Maschinerie auseinander, alles wurde gereinigt und geschmiert. Wenn Leonor nicht teilnahm, wusste sie sich anders zu beschäftigen. Georg entlieh sich aus der Schiffsbibliothek Bücher und las viel, mehr noch aber wanderte er rastlos auf dem Korridor hin und her, manchmal Arme und Brustkasten dehnend.

.Zuerst war das Automobil ja immer von neugierigen Passagieren umlagert, aber weil sie keinen Blick ins Innere bekamen, keines Wortes gewürdigt wurden, ließ das doch bald nach.

Ab und zu kam auch der Kapitän, mit dem ließ sich Leonor dann in eine Unterhaltung ein, aber immer nur durch ein Fensterchen.

Da, am dritten Tage, kam abermals der Kapitän, klopfte in ganz anderer Weise gegen die Panzerplatten. Als Leonor hinaussah, merkte sie gleich, dass unter den Passagieren, die sich an Deck befanden, eine große Aufregung herrschte.

»Miss Morris, ich muss Sie sprechen, unter vier Augen, und wenn ich das Automobil nicht betreten darf, so muss ich Sie bitten, mir in meine Kajüte zu folgen.«

Leonor ließ ihn eintreten. Der Kapitän kämpfte seine Aufregung nieder.

»Nicht wahr, Sie haben Feinde, welche sich dieser Erfindung mit Gewalt bemächtigen oder Sie und das Automobil lieber gleich ganz vernichten wollen?«

»Woher wissen Sie...«

»Bitte, antworten Sie mir!«

»Ja.«

»In der Wüste Gobi hat man Sie und Ihre Begleiter vergiften wollen?«

»Auch das ist schon in die Öffentlichkeit gedrungen?«

»Ja, es hat in den Zeitungen gestanden. Und kurz vor Kapstadt hat man auf das Automobil ein Bombenattentat versucht?«

»Selbst das ist schon...?«

»Ich habe in der letzten Stunde vor der Abfahrt, als ich mich noch einmal an Land begeben hatte, etwas davon munkeln hören, hatte keine Zeit mehr, mir darüber Näheres erzählen zu lassen, und die Passagiere, die sich schon etwas früher an Bord begeben mussten, scheinen nichts mehr von diesem Gerücht erfahren zu haben, sonst würde man doch darüber sprechen. Ich selbst habe Sie deshalb nicht gefragt, das kann in Ihnen doch nur unangenehme Erinnerungen wecken, ich bin da ein eigentümlicher Charakter. Aber jetzt muss ich darüber sprechen. Man hat also ein Bombenattentat auf das Automobil versucht?«

»Ja. Die Bombe wurde von einer Felswand herab vor das Automobil geworfen, wir fuhren darüber hinweg, sie explodierte erst in einiger Entfernung hinter uns. So sind wir dem Tode entgangen.«

»Wissen Sie, wer der Urheber dieses Attentates ist?«

»Ich glaube es zu wissen, darf es aber nicht sagen, denn ich könnte mich doch irren. Wir haben vielleicht mehrere Gegner, die alle uns mit dem Tode bedrohen, die aber ganz unabhängig voneinander operieren.«

»Ich verstehe. Haben Sie vorhin einen Knall gehört?«

»Nein.«

Der Kapitän erzählte.

Im Zwischendeck war vorhin ein Knall erfolgt, und als man nachsah, war der Koffer eines Passagiers auseinandergeplatzt, es kam noch Rauch heraus.

Der schnell herbeigerufene Kapitän hatte sofort den Koffer mit Beschlag belegt, den Besitzer ebenfalls. In der Kajüte wurde der Koffer von dem Schiffsingenieur mit allen Vorsichtsmaßregeln untersucht. Und was enthielt er? Er war nur mit Heu ausgefüllt, das etwas in Brand geraten, und in diesem Heu gebettet eine große Blechbüchse, gefüllt mit drei Kilo Dynamit, zehnmal genügend, um das ganze Schiff auseinander zu hauen, oben eine Uhr angebracht, für die Zeit eingestellt, da der Knall geschehen war, nachdem sich also der ›Kolumbus‹ drei Tage auf See befand. Der Zünder hatte denn auch gewirkt, aber es war ein namenloses Glück, dass sich die Patrone etwas verschoben hatte. Der Feuerstrahl war nur in die Heuverpackung, nicht in das Dynamit gegangen.

Der ins Gebet genommene Passagier, ein Arbeiter, der im Zwischendeck fuhr, war ob dieser Höllenmaschine nicht minder entsetzt. Er schwor bei allem, was ihm heilig sei, nichts davon gewusst zu haben. Es war gar nicht sein Koffer. Kurz ehe er sich eingeschifft, hatte auf der Straße ein Unbekannter ihn angeredet, hatte ihn gebeten, diesen Koffer als Handgepäck mitzunehmen und ihn in Buenos Aires an eine bestimmte Adresse abzuliefern, hatte ihm dafür zehn Schilling gegeben. Der Mann war darauf eingegangen. Das darf nicht geschehen, es ist strafbar, man darf auf Schiffen nichts zur Beförderung mitnehmen, was einem anderen gehört, was man nicht in seine eigene Tasche stecken kann. Bekannter ist dies als Postvorschrift bei Briefen. Es wird viel dagegen gesündigt.

»Ich halte den Mann in meiner Kajüte fest, ich muss ihn überhaupt in Haft nehmen, das ist meine Pflicht, die anderen Passagiere und auch die Matrosen haben nur den Knall gehört und den geplatzten Koffer gesehen; ich habe verbreiten lassen, dass sich in dem Koffer ein Revolver entladen habe; würde bekannt werden, dass es sich um eine Höllenmaschine handelt, so würde unter den Passagieren eine Panik ausbrechen. Ihrer Forderung, das Automobil von Bord zu schaffen, gleich ins Meer zu werfen, könnte ich kaum widerstehen. Denn die Vermutung liegt gar zu nahe, dass man es nur auf Sie abgesehen gehabt hat. Sind Sie nicht auch dieser Meinung?«

Leonor war schon längst auf einen Sessel gesunken, mit gefalteten Händen saß sie da, blass wie eine Leiche, konnte nur ein ›Ja‹ hauchen.

»Denn«, fuhr der Kapitän fort, »ich wüsste sonst absolut keinen Grund, weshalb man mein Schiff vernichten sollte. Es gäbe nur Geschädigte, niemand hätte Vorteil davon. Nun, ein gnädiger Gott hat uns vor der furchtbaren Katastrophe behütet. Dass man noch andere Vorkehrungen getroffen hat, um wegen des Automobils das ganze Schiff zu vernichten, halte ich für ausgeschlossen, und... ich bin ein Mann, ein gottesfürchtiger Mann. Ich musste Ihnen dies selbstverständlich mitteilen, sonst aber bleibt alles beim Alten. Nur sorgen Sie selbst dafür, dass davon nichts bekannt wird, sonst könnte ich für nichts garantieren.«

Der Kapitän war wieder gegangen.

Noch immer saß Leonor regungslos da, bis sie merkte, dass Georg neben ihr stand.

»Haben Sie es gehört, Mister Hartung?«, flüsterte sie.

»Alles!«

»Eine Höllenmaschine!«

»Gott war uns gnädig!«

»Gibt es denn solche Ungeheuer auf der Erde?«

»Wir haben doch ähnliche Beweise schon bekommen.«

»Aber ein ganzes Schiff mit so vielen Menschen deshalb in die Luft sprengen zu wollen!«

Georg zuckte nur die Achseln, wanderte dann wieder im Korridor auf und ab.

*

Kapitel 36
Ein Konflikt, kein Bruch,
und wie Adam die Wahrheit sagt

Es war am siebenten Tage der Fahrt. Leonor hatte nur immer auf einen Knall, auf eine Explosion gewartet, Tag und Nacht, bis sich nach einem tiefen Schlafe ihre Nervosität wieder gelegt hatte.

Georg war unterdessen immer im Korridor auf und ab gewandelt, zuletzt auch während der ganzen Nacht.

Da blieb er vor Leonor mit einem Ruck stehen.

»Miss Morris, das halte ich nicht mehr aus!«

»Was nicht?«

»Dieses Gefangensein hier in dem Käfig!«

»Es sind ja nur noch sieben Tage!«

»Ja, aber diese sieben Tage halte ich es nicht mehr aus. Ich verwelke, ich fühle es förmlich, wenn man es mir auch noch nicht ansehen mag!«

»Uns fehlt aber doch gar nichts!«

»Na, ich danke. Frische Luft!«

»Wir können ja alle Fensterchen öffnen, können Sauerstoff entwickeln.«

»Nein, die Atmosphäre, die dort aus der Glaspulle herauskommt, ist nichts für mich!«

»Sie haben aber doch noch viel längere Zeit in dem Wagen ausgehalten!«

»Ja, wenn ich musste! Mit dem ›Muss‹ ist es eben eine eigentümliche Sache. Aber ich habe mir doch sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, mir Bewegung im Freien zu verschaffen.«

Dem war wirklich immer so gewesen. Wenn das Automobil einmal einen steilen Berg langsam empor gefahren war, war Georg sicher nebenhergelaufen, und auch sonst hatte er sich bei jeder Gelegenheit im Freien aufgehalten, etwas, was weder Leonor noch die Anderen getan hatten.

»Es ist ja überhaupt lächerlich«, fuhr Georg fort.

»Was finden Sie lächerlich?«, fuhr Leonor empor, was aber von Georg nicht so gemerkt wurde.

»Dass wir uns hier so wie eine Schnecke in ihrem Gehäuse verkriechen. Sie sagten doch selbst, und ich weiß es von allein, dass Sie keine Feigheit kennen.«

»Was finden Sie lächerlich?«, unterbrach ihn Leonor mit derselben Frage.

Georg merkte in seiner Biederkeit noch immer nichts.

»Das habe ich schon gesagt. Wir haben nicht nötig, uns so zu verstecken. Wir befinden uns auf dem Meere, wir könnten uns auf dem Verdeck ergehen und die köstliche Seeluft einatmen...«

»So gehen Sie doch hinaus und atmen Seeluft, so viel Sie wollen!«

»Ja, ich möchte Sie bitten, mir das zu gestatten...«

»Ich habe Ihnen darin gar nichts zu erlauben und zu verbieten!«, rief Leonor, die aus irgendeinem Grunde immer gereizter wurde.

»Dann werde ich es auch tun. Aber ich möchte Sie bitten, doch ebenfalls diese Gefangenschaft aufzugeben, es ist wirklich lächerlich...«

»Das ist nun zum dritten Male, dass Sie dieses Wort gebrauchen!«, fuhr da Leonor mit rotem Kopfe empor. »Also lächerlich finden Sie es, wenn ich meinem Worte, das ich mir selbst gegeben habe, treu bleibe? Da hört doch wirklich alles auf!!«

Da endlich merkte Georg, was für eine Unvorsichtigkeit er begangen hatte.

»O, das war doch nicht so gemeint! Ich bitte um Entschuldigung. Aber ebenso beharre ich bei meiner Ansicht, dass...«

»... es dennoch lächerlich ist! Ja, ja, ich weiß schon. Nun gut, so gehen Sie doch! Ich halte Sie ja gar nicht. Ich habe überhaupt schon längst gemerkt, wie Ihnen diese ganze Automobilfahrt über ist. Immer gehen Sie!«

Georg zwang sich, ruhig zu bleiben.

»Ich werde mich mit Ihrer Erlaubnis allerdings hin und wieder etwas an Deck ergehen...«

»Nein nein, Sie brauchen gar nicht wiederzukommen!«

Da freilich verfärbte sich Georg.

»Wie? Sie geben mir den Laufpass?!«

»Jawohl, Sie sind entlassen. Da Sie es doch durchaus wünschen.«

»Das wünsche ich durchaus nicht...«

»Na, dann bleiben Sie!«

»Und das sagen Sie mir auf diese Weise?!«

»Wie soll ich es denn sonst sagen?«

Prüfend betrachtete Georg das Mädchen.

»Leonor, Sie sind krank, Sie sind furchtbar nervös, wenn man Ihnen das auch sonst nicht...«

»Ich krank? Nervös? Hahahaha! Was fällt Ihnen denn aber überhaupt ein, mich Leonor zu nennen? Ich bin für Sie Miss Morris, verstanden?«

Jetzt war es nur Traurigkeit, mit der Georg das Mädchen anblickte, das gar nicht wiederzuerkennen war.

»Es ist doch wohl besser, wenn ich jetzt gehe.«

»Ja, ja, gehen Sie nur. Sie sind entlassen, da Sie es ja doch nicht anders haben wollen. Es ist doch Ihr sehnlichster Wunsch, von hier fortzukommen, gestehen Sie es nur.«

Noch ein starrer Blick, dann machte Georg eine leichte Verbeugung und hinter sich die nach draußen führende Tür zu.

Aber noch starrer war der Blick, mit dem jetzt Leonor nach dieser Tür blickte. Und dann legte sie langsam beide Hände an die Schläfen.

»Herrgott, was ist denn mit mir los? Was habe ich getan?«, flüsterte sie. »Ich habe ihn fortgeschickt! Bin ich denn nur plötzlich wahnsinnig geworden?«

Da tauchte Adam auf, und im Nu hatte sich Leonor beherrscht, war plötzlich eine ganz Andere geworden.

»Mr. Green, kommen Sie mal her!«, sagte sie ganz gleichmütig.

»Hier bin ich schon. Wohin ist denn Mr. Hartung gegangen?«

»Hinaus!«

»Das macht er recht.«

»Für immer!«

»Was?«

»Er wird nie wiederkommen!«

»Was?!«

»Ich habe ihn soeben entlassen!«

Adam bohrte wieder in seinen Ohren herum.

»Sie machen doch nur Schbaß.«

»Nein nein, wir haben unseren Kontrakt gelöst. Mr. Hartung hat uns verlassen.«

»Nu, warum denn nur?«

»Es gefällt ihm nicht mehr hier.«

Leonor erzählte den Vorfall ausführlicher, allerdings der Wahrheit gemäß, aber die Hauptschuld dem Anderen gebend. Es war dies nicht ganz gerecht, doch für einen Menschen verzeihlich. Sie übertrieb es auch nicht, und sie selbst hielt sich tatsächlich für weniger schuldig.

Jetzt aber, nachdem er es erfahren, fasste Adam den Fall ganz kaltblütig auf.

»Ach so, wenn's weiter nischt ist. Der gommt schon wieder.«

»Mr. Hartung? Da kennen Sie den aber schlecht!«

»Hat er denn seine Bichse mitgenomm?«

»Sein Gewehr? Nein. Dort hängt es ja noch.«

»Na, da gommt er auch wieder.«

»Ja, vielleicht um sein Gewehr zu holen. Oder Sie können es ihm auch nachtragen.«

»Ich?«

»Oder ein Arbeiter.«

»Awwer wozu denn? Der gommt schon von ganz alleene wieder.«

»Er ist entlassen, sage ich Ihnen!«

»Ham Se ihn denn da ooch schon ausbezahlt? Der muss nu doch schon enne ganze Menge zu kriegen ham.«

»Wahrhaftig, daran habe ich gar nicht gedacht! Er soll alles Geld bekommen, was ich noch habe, alles, und das sofort...«

Leonor war aufgesprungen.

»Ä, lassen Se doch«, hielt aber Adam sie zurück, »oder gehn Se hin zu'n un sagen: na, wir wolln nur wieder gut zusamm sein, gomm her, mei Jeorg, gib mir ä Gisschen... na, was ham Se denn?«

Mit einem Schrei war Leonor zurückgeprallt.

»Jetzt hat der auch noch den Verstand verloren!!«

»Als wie ich? Nee, ach nee — was unter meiner Elfenbeenblatte is, das gann nich mehr aus'n Lote gomm. Awwer andere sind verrickt geworden, das schtimmt. Mr. Hartung, weil er so'ne gefangene Lebensweise nich vertragen gann, un Sie, weil Mr. Hartung Ihnen noch geine Lieweserglärung gemacht hat...«

»Mensch, Mensch, was fällt Ihnen denn nur ein!!«

»Ä, machen Se mir altem Manne doch nischt weiß. Ich weeß, was'ch weeß. Nu freilich, Sie sin doch ganz vernarrt in den jungen Mann — sin Se nur ruhig, Sie sin doch in ihn verliebt bis an de Halsbinde un noch weiter — Sie lauern doch bloß dadruff, dass er Ihnen enne Lieweserklärung macht — oder noch besser, dass er Sie glei beim Schlaffittchen nimmt un Sie abgnutscht — un weil er nu gar nich dermit anfangen will, da ham Se de Geduld verlorn — da wolln Se ihn nu so'n bisschen reizen, wie's de Weibsen nu ähm so machen... na, was ham Se denn?«

Leonor stöhnte und ächzte. Sie konnte nichts weiter tun. Fortschicken, hinausjagen konnte sie diesen grünen Mann nicht. Es gibt im menschlichen Leben Verhältnisse, die sich nicht mehr lösen lassen. Man kann keinen treuen Hund fortjagen. Selbst wenn man ihn in einen Sack bindet und so fortschafft, findet er den Weg doch immer wieder zurück. Man kann ihn nur verkaufen. Aber das geht heutzutage beim Menschen nicht mehr. Und es gibt überhaupt menschliche Freundschaftsverhältnisse, die durch keine Beleidigung, durch gar nichts wieder gelöst werden können.

So konnte Leonor nur ohnmächtig stöhnen und ächzen.

»Ich, ich...«

»Jawohl, Sie. Also ham Se nur ä bisschen Geduld, Ihr Jeorg gommt schon wieder, un dann fang Se's ä bisschen gescheiter an, der junge Mann is noch ä bisschen schichtern, Sie müssen'n bisschen entgegengomm, missen'n mal so unter'n Dische ä bisschen uff de Hiehneroogen träten...«

»Nie, nie...«

»Nu, da träten Se'n wo andersch hin, nur nich glei in den Bauch...«

»Ich hasse ihn, ja, jetzt hasse ich diesen Menschen!!«

»Jawohl, ich weeß schon, das sagen de Weibsen alle, wenn se een nich glei griechen genn...«

Leonor hielt es für das Beste, davonzuflüchten und sich in ihrer Kammer einzuschließen. Mit diesem kleinen Männchen, das sie nicht davonjagen konnte, wurde sie doch nicht fertig.

Als sie wieder zum Vorschein kam, erst am anderen Tage, zeigte sie sich von der heitersten Seite, die Verstellung gelang ihr ziemlich gut, und Adam hütete sich, noch einmal von der Streitsache anzufangen. Dazu war er doch zu klug und zu rücksichtsvoll.

Der Kapitän klopfte an, Leonor ging ans Guckloch.

»Ihr Führer, der Mr. Hartung, hat sich gestern als Kohlenzieher gemeldet.«

»Als Kohlenzieher?«, fragte Leonor erschrocken.

»Ja, er bot sich dazu an, und es kam mir sehr zu passe, mir sind zwei Kohlenzieher erkrankt, ich habe keinen Ersatz für sie. Seit gestern Abend arbeitet Mr. Hartung in den Bunkern, und nicht nur für zwei Mann, sondern gleich für drei.«

»Aber das hat er ja gar nicht nötig! Ich bin ihm ja noch viel Geld schuldig, ich will für ihn die Passage bezahlen...«

»Ich weiß schon. Es hat einen kleinen Konflikt gegeben. Ich bot ihm freie Passage, Gastfreundschaft an, aber Mr. Hartung schlug sie dankend aus, er wollte durchaus in die Bunker, und da unten arbeitet er nun wie ein Wilder, und zwar ist es echte Arbeitsfreudigkeit, er fühlt sich wirklich wohl dabei.«

»Nu freilich«, mischte sich jetzt auch Adam ein. »Das is es ja ähm, was'n gefehlt hat. Der muss sich mal die Knochen ordentlich ausarbeiten, dann wird'r wieder verninftg, das is nich so ä faules Luder wie mir anderen. Un wenn er wiedergommt, dann missen Sie awer ooch wieder verninftg sin.«

»Nie, nie!!«, war Leonors letztes Wort.

»Na, dann bleim Se ähm verrickt. Awwer ich weeß, was'ch weeß. De Weibsen ham sich seit der Zeit, wo ich jung war, noch geene Schbur verändert.«

*

Kapitel 37
Zum Mörder geworden

Es war die letzte Nacht, die man auf See verbrachte, oder vielmehr befand man sich schon im Rio de la Plata, bekam aber von der Küste noch nichts zu sehen, nur hin und wieder ein Leuchtfeuer.

Da, als Leonor am anderen Morgen erwachte, sah sie vor sich schon den Hafen von Buenos Aires. An die Panzerplatten wurde ganz energisch gepocht. Als sich Leonor der betreffenden Richtung zuwandte, erblickte sie draußen einige Herren.

»Miss Leonor Morris?«

»Ist mein Name. Was wünschen Sie?«

»Im Namen des Königs, Sie sind verhaftet!«

Gleichzeitig hatte der Sprecher einen Zettel aus der Brusttasche gezogen und hielt ihn in einiger Entfernung vor das Guckfensterchen.

Leonor blieb ganz ruhig. Solch eine Verhaftung konnte sie nicht mehr aufregen. Aber sie vermochte die Schrift nicht zu lesen.

»Und Ihre Begleiter sind ebenfalls verhaftet«, setzte der Herr noch hinzu.

»Im Namen welches Königs?«

»Im Namen des Königs von England.«

»Ah so. Sie sind englischer Kriminalbeamter?«

»Ja.«

»Weshalb soll ich denn verhaftet werden?«

»Dies Ihnen zu sagen, habe ich nicht nötig. Ich weiß es überhaupt selbst nicht. Ich habe nur meinen Auftrag auszuführen.«

»Was habe ich denn mit England zu tun?«

»Ihre Verhaftung ist eine internationale Vereinbarung geworden. Überall, wohin Sie auch kommen, werden Sie verhaftet und in das nächste Gefängnis abgeliefert.«

»Ja, ich kann doch aber immer nur von einem Kriminalbeamten des betreffenden Landes verhaftet werden.«

»Allerdings.«

»Nun, und ich befinde mich doch hier in der Republik Argentinien.«

»Nein, Sie befinden sich noch auf einem englischen Schiffe, über dem die englische Flagge weht.«

»Ah so, jetzt verstehe ich, wie Sie als Engländer mich hier verhaften können! Sie bringen mich an Land?«

»Ja, das ganze Automobil, und niemand darf es verlassen.«

»Und dann liefern Sie mich an Argentinien aus?«

»So ist es. An Land wird das Automobil sofort von argentinischen Kriminalbeamten in Empfang genommen.«

Jetzt musste sich auch einmal Adam bemerkbar machen. Er steckte durch das nächste Fensterchen seinen Arm, hielt jenem die Schnupftabakdose hin.

»Brischen gefällig?«, schmunzelte er. »Echter Dobbelveilchen.«

Schnell wollte der Beamte die Hand ergreifen, aber noch schneller hatte Adam sie wieder zurückgezogen.

»Nee, nu nee, nich glei de ganze Dose!«

Da kam der Kapitän herbeigestürzt.

»Miss Morris — ich komme soeben von Land — ich höre. Sie sollen verhaftet werden!«

»Die Verhaftungsformel ist gegen mich bereits ausgesprochen worden.«

»Weswegen denn?«

»Ich weiß es nicht, und dieser Herr wohl ebenfalls nicht.«

»Und Mr. Hartung ist auch schon verhaftet!«

»Was?!«, rief Leonor, erst jetzt erbleichend.

»Gewiss«, bestätigte der Beamte, »Ihr Begleiter, Georg Hartung, ist bereits verhaftet.«

»Ich hatte keine Ahnung«, ergänzte der Kapitän, »da sehe ich Mr. Hartung zwischen zwei Polizisten — gefesselt...«

»Gefesselt?! Hier an Bord?!«

»Nein, wie er in eine Droschke steigen muss.«

»In eine Droschke?! Hier an Bord?!«

»Nein, er ist schon an Land!«

»Der sitzt bereits im Tribunal«, bestätigte der Beamte. »Also, Miss Morris, versuchen Sie keinen Widerstand...«

Da stieß Leonor einen Schrei aus, der gar nicht mehr menschlich klang, stand mit einem Satze vor dem Steuerapparat, warf einen Hebel herum, wieder zurück, und wie sie den Hebel hin und her drehte, so begann auch Maximus hin und her zu rucken in seinen Fesseln — und da sprang ein Tau — jetzt ein zweites mit einem Donnerknall — und jetzt brachen die sämtlichen Ketten gleichzeitig wie Glas...

Das Automobil hatte sich seiner Fesseln entledigt. Leonor hatte dazu die elektrische Triebkraft auf 150 Pferdestärken eingestellt. Und mit dieser Kraft, in Geschwindigkeit umgesetzt, sauste Maximus über das Deck dahin, gegen die Bordwand los.

Offenbar hatte Leonor über die Bordwand springen wollen. Denn wozu hätte sie das Automobil sonst freigemacht? Aber zu diesem Sprunge sollte es nicht kommen. Die Strecke, die Zeit war zu kurz, um noch den Springapparat in Tätigkeit zu setzen.

Und so schmetterte das Automobil gegen die Bordwand, oder es war eigentlich gar kein Schmettern, es schoss mit seinem Rammer wie eine Kanonenkugel durch die hölzerne Bordwand. Statt eines Krachens hörte man nur einen markerschütternden Schrei, und dann befand sich Maximus im Wasser, aber auch nicht so ohne weiteres, sondern es hatte erst noch einen kleinen Dampfer durchschlagen, der dort unten gelegen hatte.


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Das Automobil, noch im Schwunge befindlich, schusselte ohne Zuhilfenahme der Schraube über das Wasser hin. Hinter ihm Schreien, Stöhnen und Gurgeln, im Wasser plätschernde Menschen, einige Trümmer — sonst Entsetzen allüberall.

»Was ist das gewesen?!«

»Wir sind direkt auf ein Fahrzeug gestürzt, haben alles zerschmettert«, flüsterte Adam, und sein sonst immer schmunzelndes Gesicht war jetzt ein anderes geworden.

Sie blickten zurück, auch Leonor.

Es waren um den ›Kolumbus‹ herum noch mehr Boote vorhanden gewesen, diese eilten jetzt zu Hilfe, man sah, dass nicht nur lebendige Menschen aus den Fluten gezogen wurden, sondern auch tote, zum Teil schrecklich verstümmelte.

»Jetzt sind wir Mörder geworden!«, flüsterte Adam nach wie vor.

Durch Leonors ganzen Körper ging es wie ein Ruck.

»Man hat uns dazu gemacht! Und Georg gefesselt und im Tribunal!«

»Wir haben auch schon oben einen Mann getötet, den Beamten, er wurde von dem Automobil gegen die Bordwand geschleudert und von uns zu Brei zerquetscht, ich sah es ganz deutlich!«

»Georg gefesselt und im Tribunal?«, wiederholte Leonor.

»Leonor, Leonor, jetzt sind mir zu Mördern geworden!!!«

»Wir müssen Georg befreien, solange es noch möglich ist! Helfen Sie mir — mir, der Mörderin — oder verlassen Sie mich!«

Da sagte Adam nichts mehr. Unter seiner Hand verwandelte sich das Automobil in ein Motorboot, er schloss die Fensterchen, durch die schon einiges Wasser eingedrungen war, kostete es bedächtig, fand es nicht im geringsten salzig, weil gegenwärtig Ebbe herrschte und der Paraná so in den Rio de la Plata, der eigentlich ein Meerbusen ist, frisches Wasser drängte, und er setzte die Pumpe in Betrieb, um das während der vierzehn Tage verbrauchte Trinkwasser zu ergänzen.

Nicht minder gleichgültig gegen das, was sie angerichtet und was hinter ihnen lag, verhielten sich die beiden Arbeiter. Sie hatten bereits in jenem Kloster, wo sie ihr ganzes Leben einsam mit dem alten Morris verbracht hatten, den eigenen Willen verloren, die ganze Menschheit, gegen die sie sich verpflichtet fühlten, konzentrierte sich nur noch in ihrer jungen Herrin. Gehorsam und schnell wie immer kamen sie den Kommandos nach, die ihnen Adam zurief.

Maximus strebte unter Leonors Hand dem Ufer zu, er durchschnitt als Motorboot das Wasser schneller als jeder andere kleine Dampfer, und Leonor brauchte die Richtung nicht zu ändern, um, wie ihre Absicht war, das Land noch fernab von der Stadt zu erreichen.

*

Kapitel 38
Die Diktatorin

In der Umgegend von Buenos Aires wird einiger Ackerbau betrieben, besonders Gemüsebau für den täglichen Bedarf der Stadt, aber nur dieser ganz nahe, und zwischen den Feldern findet man kein einziges Dorf. Die Bauern wohnen in der Hauptstadt und müssen jeden Morgen hinaus aufs Feld, abends wieder zurück in die Stadt.

Das macht, weil Buenos Aires und die ganze Umgebung — oder überhaupt als argentinische Provinz genommen — unter Wassermangel zu leiden hat. Es fällt Regen genug, Feuchtigkeit ist immer da, der Boden ist äußerst fruchtbar, aber es gibt keine Quellen und alle Brunnen liefern nur salziges Wasser. In der Stadt selbst gibt es einige äußerst tiefe Zisternen mit gutem Wasser, die unter enormen Kosten angelegt worden sind, was sich eine Landbevölkerung nicht leisten könnte. Sonst wird zur Zeit der Ebbe dem La Plata Wasser entnommen, welches erst mühsam filtriert werden muss.

So führt ein halbstündiger Spaziergang aus der Stadt direkt in die wilde Pampa, wie in Südamerika die Prärie genannt wird. Hier fehlen auch die Pferde- und Rinderherden, durch die Argentinien wie durch seinen Weizen- und Maisbau berühmt ist. Eher bekommt man schon, während man noch die Stadttürme im Auge hat, scheue Gazellen zu sehen, denen das feuchte Gras auch zur Stillung des Durstes genügt.

Die Kultur fängt erst wieder weiter drin im Lande an, wo es nicht an Flüssen gebricht, wo der Ansiedler im gegrabenen Brunnen trinkbares Wasser findet.

Dann gibt es ja in der weiteren Umgebung von Buenos Aires noch einige Distrikte, wo die Wasserbedingungen erfüllt sind, sie gleichen Oasen, und eine solche ist La Magdalena, südlich von Buenos Aires ziemlich dicht an der Küste gelegen, von der Stadt mit der Eisenbahn in einstündiger Fahrt zu erreichen, ein beliebter Badeort und Aufenthalt der vornehmen Argentinier während der heißen Zeit.

Auf der an dem Bahndamm sich hinziehenden Landstraße fuhr eine Equipage in der Richtung zur Stadt. Die beiden Pferde gebrauchten zu dem Wege vielleicht nur zwei Stunden. Es waren prachtvolle Rosse. Ebenso luxuriös war das Sattelzeug, das ganze Gefährt, und die Livree des Kutschers und des Dieners strotzten von Goldstickereien.

Es gibt ja in Buenos Aires reiche Leute genug, und sie wollen auch zeigen, dass sie Geld haben, zumal wenn es Spanier sind.

Und solche waren unverkennbar die drei Insassen. Eine ältere Dame, die sich mit Puder und Schminke zu verschönern suchte, eine jüngere, die solche Mittel nicht nötig hatte, und dann ein Herr, auch noch ziemlich jung, der sich wohl ebenfalls gern Brillanten in die Ohren gehängt hätte, womöglich auch noch in die Nase, wenn es nur Mode gewesen wäre. So musste er sich, um zu zeigen, dass er Geld genug habe, mit Fingerringen, Schlipsnadel und einigen Armbändern begnügen, abgesehen von Uhrkette, Manschettenknöpfen und dergleichen.

Rechts von ihnen war der Meeresstrand, vor ihnen schon der Hafen von Buenos Aires zu sehen, aber noch in weiter Entfernung, erst in einer Viertelstunde zu erreichen.

»Sieh da, Manuel!«, rief da die jüngere Dame. »Was für ein merkwürdiges Schiff ist das, das da ganz allein auf das Ufer zusteuert?«

Der rückwärts sitzende Herr musste sich umwenden.

»Bei der Madonna!«, rief er im nächsten Augenblick. »Das ist nichts Anderes als das Automobil der Miss Leonor Morris!«

Er war ganz aufgeregt, und nicht minder die beiden Damen, besonders die ältere, die trotz ihrer Körperfülle aufschnellte.

»Manuel!!«

Der junge Herr hatte sich wieder herumgedreht, die Blicke der beiden begegneten sich verständnisvoll, sie wollten etwas sagen, aber eine heimliche Bewegung nach der jüngeren Dame, und die beiden schwiegen.

Hier waltete ein geheimes Einverständnis ob, wovon die Jüngere nichts wissen durfte. Und dabei konnte es sich doch nicht darum handeln, dass sie hier etwas zu sehen bekamen, wovon jetzt alle Welt sprach.

»Ja, Lucia, das ist jenes berühmte Automobil«, sagte Manuel, sich zur Ruhe zwingend.

Der Wagen brauchte noch nicht zu halten, wenn sie das Automobil weiter beobachten wollten, es war noch weit von ihnen seitwärts.

»Es ist von Kapstadt aus über den Ozean gefahren!«, rief Lucia, die jüngere, mit flammenden Augen; sie machte noch einen naiven Eindruck, wenn sie auch sonst als Weib schon voll ausgereift war.

»O nein, dann könnte es doch noch nicht hier sein, und es ist doch auch schon telegrafisch berichtet worden, dass es von Kapstadt aus den Dampfer ›Kolumbus‹ benutzt hat.«

»Ja, aber wie kommt es da ins Wasser?«

»Es hat eben den Dampfer noch vor dem Hafen verlassen, ist vielleicht gleich über Bord gesprungen«, wurde gezwungen gelacht.

»Es soll wirklich springen können?«

»Man sagt so.«

»Aber warum landet es da hier an der einsamen Küste?«

»Weil es in der Stadt vielleicht ein Bombenatt...«

»Ja, Kind, dieses Fahrzeug ist doch ganz unabhängig von einem Hafen«, fiel die ältere Dame dem jungen Manne schnell ins Wort, ihn auch noch mit einem vorwurfsvollen Blicke strafend.

Aber Lucia hatte nun schon etwas gehört.

»In Kapstadt soll wirklich eine Bombe nach ihm geschleudert worden sein?«

»Man sagt so.«

»Es hat doch in den Zeitungen gestanden.«

»Die Zeitungen übertreiben alles, machen jedes Gerücht gleich zur Tatsache.«

»Aber warum nur?«

»Das ist nun einmal so Zeitungsmode.«

»Ich meine, warum soll man denn eine Bombe nach dem Automobil geschleudert haben?«

Kind, du stellst Fragen, die kein Mensch beantworten kann. Da da da da...«

Den Strand bildete eine sandige Fläche, bedingt durch die Ebbe und Flut des keine Vegetation duldenden Meerwassers. Wo die Flut nicht hinreichte, begann sofort die grüne Pampa.

Diesen Strand hatte das Motorboot erreicht, kletterte als Automobil hinauf, fuhr mit verbreiterten Rädern über den Sand, dann mit einfachen über die grasige Steppe, hielt auf die Landstraße zu, war aber noch immer weit vor der Equipage.

»Wunderbar! Wunderbar!«, jubelte die junge Dame. »Ein Automobil, das auch im Wasser fahren kann! So eins möchte ich haben!«

Ihre Aufregung benutzten die beiden anderen, um hinter ihrem Rücken zu flüstern.

»Ob das nicht eine Gelegenheit wäre?«

»Wir allein können doch nichts ausrichten.«

»Aber spionieren, aushorchen.«

»Aber ob sie mit sich reden lässt?«

»Es kommt auf eine Probe an. Wir stellen uns vor, das wird genügen.«

»Dann sind wir in der Höhle des Löwen«, meinte der junge Herr zaghaft.

»Bah, die haben doch keine Ahnung von unseren Plänen!«, gab die alte Dame, die ein bedeutend mutigeres Herz zu haben schien als Manuel, flüsternd zurück.

»Mama, Mama, können wir uns das Automobil, nicht einmal ansehen?«, rief da Lucia.

Das flüsternde Gespräch musste schnell beendet werden.

»Wir wollen es versuchen.«

Jetzt war das Automobil gerade seitwärts, der Kutscher musste halten, die drei Insassen winkten lebhaft.

Das Automobil kam hervorgerollt, hielt auf der Landstraße dicht vor der Equipage.

»Diese Herrschaften kommen mir ja wunderbar entgegen«, murmelte Leonor, als sie die vordere Panzerplatte herabließ, »gerade, als wüssten sie schon meine Absicht und seien damit einverstanden. Ha, was für Augen sollen sie dann machen!«

Sie öffnete auch schon das Fenster

»Verzeihen die Herrschaften, wenn ich sie aufhalte«, begann sie auf französisch, »ich bin ein Fremdling in diesem Lande...«

»Aber bitte, bitte, bitte«, wurde sie von den dreien unterbrochen, die bereits aus der Equipage gesprungen oder geklettert waren, und sofort fingen sie ein allgemeines Geschnatter an, dessen Hauptinhalt der war, dass sie Miss Leonor Morris, denn eine Andere könnte es doch nicht sein, zu ihrer Landung in Argentinien und zu ihren bisherigen Erfolgen und zu allem anderen beglückwünschten.

»Mit wem habe ich die Ehre?«, fragte Leonor, als sie einmal zu Worte kommen konnte.

Es wurde eine etwas würdevolle Haltung angenommen.

»Nicht Sie, sondern wir haben die Ehre«, entgegnete der junge Herr, »und ganz besonders habe ich die Ehre, indem ich Sie als erster Argentinier auf argentinischem Boden begrüßen darf, und nicht nur das, sondern Ihnen auch gleichzeitig die Landesmutter — ehem — wollte sagen — und doch, ich darf es sagen... Señora de Castro, die Gemahlin des Präsidenten der Republik Argentinien, welche ich meine zukünftige Schwiegermama nennen darf, indem hier Señorita Lucia ihre Tochter und meine Braut ist. Don Manuel d'Estrella.«

Über die bleichen Züge Leonors flog es wie ein Wetterleuchten, und aus ihren Augen brachen echte Blitze hervor. Sie musste dieses Feuer mit Gewalt bändigen.

»O, welche Ehre!! Und ich lasse die Herrschaften hier auf der Straße stehen! Darf ich Sie zum Nähertreten einladen? Vielleicht würden Sie gern einmal mein Automobil besichtigen.«

Jetzt fing dieses Wetterleuchten aber auch bei der anderen Partei an.

»Ah, wenn Sie uns diese Erlaubnis geben würden!«

Diesmal wurde die vorderste Tür geöffnet, welche oben anstatt der Panzerplatten bereits nur ein Glasfenster zeigte.

Die drei blickten sich neugierig und auch erstaunt in dem Chauffeurraum um, wurden aber von Leonor gleich weiter nach hinten geführt.

»So, bitte, wollen Sie hier eintreten. Das ist der interessanteste Raum des Automobils, wo Sie alle seine Geheimnisse kennen lernen.«

Es war eine nur schmale Tür, die sich vom Korridor aus geöffnet hatte, und ebenso schmal und eng war der leere Raum, den die drei betreten mussten, darin eben Platz habend.

Wir wollen gleich bemerken, dass es eine Vorratskammer war, welche während der Fahrt durch Afrika geleert worden war. Sie enthielt gar nichts mehr, auch keine leere Kiste, war vollkommen leer.

Als vor Leonor die letzte Person eingetreten war, Don Manuel, schloss sie sofort wieder die eiserne Tür, also selbst noch draußen stehend, und machte dafür, nur eine in Kopfhöhe angebrachte Klappe auf, durch welche man der Vorratskammer Gegenstände entnehmen konnte, ohne die ganze Tür öffnen zu müssen.

Die Gesichter, die sie erblickte, waren schon etwas bestürzt. Die drei konnten sich ja in dem engen Raume kaum bewegen.

»Hm, sehr interessant, wirklich, sehr interessant!«, meinte Don Manuel, sich umzusehen versuchend, was ihm freilich nicht einmal gelang.

»Finden Sie?«

»O ja. Also das ist der Raum, in dem sich alle Geheimnisse dieses wunderbaren Automobils befinden sollen?«

»Nein, in diesem noch nicht. Aber es ist tatsächlich ein sehr interessanter Raum.«

»Was für einer denn?«

»Das Krematorium.«

»Krema — Krema — Krema — was?«, stotterte Don Manuel, dem vielleicht schon eine leise Ahnung aufgehen mochte, besonders weil Leonor draußen hinter der sonst verschlossenen Tür geblieben war, mit bleichen Lippen.

»Das ist unser Krematorium«, erklärte Leonor kaltblütig. »Sie wissen doch, was ein Krematorium ist?«

»Ja, in dem man Lei — Lei — Leichen verbrennt.«

»Ganz richtig. Leichen kommen bei uns nun allerdings weniger in Betracht. Aber in dem Automobil häufen sich doch Abfälle an, und wir haben oftmals nicht die Möglichkeit, sie einfach hinauszuwerfen, oder wollen dies aus irgendeinem Grunde vermeiden. Zur Beseitigung dieser Abfälle haben wir diese Kammer, ein wirkliches Krematorium. Die Abfälle werden hineingetan, die Tür wird verschlossen, dann braucht man nur hier diesen Hebel zu drehen, und augenblicklich strahlen die Wände eine solche Hitze aus, dass im Moment alles zu Asche verbrannt ist. Also könnte man den Raum auch als wirkliches Krematorium benutzen. Oder man könnte auch lebendige Menschen darin augenblicklich in ein Häufchen Asche verwandeln. Soll ich den Hebel einmal drehen?«

Lächelnd hatte Leonor es gesagt. Aber dieses Lächeln wollte den dreien durchaus nicht gefallen, die Damen waren schon einer Ohnmacht nahe.

»Bitte, Mademoiselle, ma — ma — machen Sie keine solchen Scherze«, stotterte Don Manuel mit noch bleicheren Lippen, »mei — meine — Schwieger — mama — mama — ist — ist — so nervös.«

»Ich mache durchaus keine Scherze, das heißt der Scherz hat nun ein Ende«, fuhr da Leonor in ganz anderem Tone fort, und dementsprechend sah sie jetzt auch aus. »Die Sache ist folgende: Wir haben die Fahrt von Kapstadt bis hierher auf dem Dampfer ›Kolumbus‹ gemacht. Angesichts des Hafens sollten ich und meine Begleiter verhaftet werden. Von einem englischen Kriminalbeamten. Einer meiner Begleiter, Mr. Georg Hartung, der sich zurzeit außerhalb des Automobils befand, war schon verhaftet und in Ketten an Land gebracht, dort von argentinischen Polizisten ins Tribunal gebracht worden. Ich selbst machte mich frei, bin jetzt hier. Und nun vernehmen Sie weiter folgendes: Sie, Don d'Estrella, fahren jetzt sofort in Ihrer Equipage nach Buenos Aires und verkünden Ihrem Herrn Schwiegerpapa, oder wer sonst hierüber zu entscheiden hat, dass, wenn innerhalb zwei Stunden, von dieser Minute an gerechnet, Mr. Georg Hartung sich nicht heil und unversehrt hier in meinem Automobil befindet, ich Buenos Aires bombardieren werde! Ich schieße die ganze Stadt an allen Ecken gleichzeitig in Brand!! Die Mittel dazu besitze ich!! Mein Automobil wird immer in der Umgebung der Stadt zu sehen sein. Ihre zukünftige Frau Schwiegermama und Ihre Fräulein Braut behalte ich einstweilen als Geiseln, hier in diesem Krematorium. Also: Wenn sich Georg Hartung nicht innerhalb von zwei Stunden hier im Automobil befindet, haben diese beiden Damen ihr Leben verwirkt, und außerdem setze ich ganz Buenos Aires durch Bomben und Granaten in Flammen!! Raus!!!«

Mit diesem letzten Worte hatte Leonor die Tür aufgerissen, griff nach des Argentiniers Hand, zufällig hakten sich ihre Finger in sein goldenes Armband, an diesem riss sie ihn heraus und schlenkerte ihn förmlich gegen die Korridorwand, an der der ausgemergelte Caballeresco kleben blieb.


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»Brieschen gefällig? Echter Dobbelveilchen«, schmunzelte der danebenstehende Adam.

Aber Don Manuel kam nicht dazu, aus der vorgehaltenen Dose eine Prise zu entnehmen, das kraftvolle Mädchen hatte ihn schon wieder gepackt, schleifte ihn durch den Korridor und schlenkerte ihn auch noch nach seiner Equipage hin, dass er sich dabei wirklich im Kreise drehte.

»Fort, zur Stadt! Also Punkt elf muss Georg Hartung bei mir sein, oder ganz Buenos Aires steht an allen Ecken in Flammen!!«

Don Manuel raffte sich empor, sprang in die Equipage, diese jagte davon. Leonor kehrte in das Automobil zurück. Ihre Brust keuchte.

»Bravo, bravo!!«, empfing Adam sie jubelnd, sich auf seinem Gummibein herumklatschend. »Das ham Se wärklich großartg gemacht!!«

Leonor kümmerte sich nicht um ihn, rang nach Fassung, dann öffnete sie wieder die ganze Tür des ›Krematoriums‹!

Ein Zetergeheul begrüßte sie.

»Wir sind unschuldig, wir sind unschuldig!!«, jammerte die geschminkte Donna händeringend.

Leonor ahnte nicht, dass auch schon der argentinische Präsident mit amerikanischem Golde — oder vielleicht auch mit englischem — bestochen worden war, um sich Leonors oder vielmehr ihres Geheimnisses zu bemächtigen, oder vielleicht auch, um gleich das ganze Automobil vom Erdboden verschwinden zu lassen, und dass seine Gattin in diesen Plan eingeweiht war.

Es war auch gut, dass Leonor dies gar nicht erfuhr, oder aber, hätte sie es zufällig erfahren, so hätte sie klug daran getan, sich gar nicht weiter darum zu kümmern. Sie hätte nur in ein Wespennest gegriffen, dessen stachelbewehrte Bewohner sich niemals erschöpften. Denn wer wusste denn, wie viele Konsortien und einzelne Individuen es schon in der ganzen Welt gab, die es alle auf die Erbeutung dieses Geheimnisses abgesehen hatten! Sie wäre einfach niemals fertig geworden.

»Nein, meine Damen, Sie brauchen auch wirklich nichts zu fürchten«, sagte sie jetzt mit ziemlicher Freundlichkeit. »Ich muss Sie nur als Bürgen bei mir behalten, damit man nicht etwa auf mein Automobil schießt oder sonst ein Attentat verübt. Das allerdings würde auch Ihr Verderben sein. Von meiner Seite aus haben Sie sonst nichts zu fürchten. Kommen Sie!«

Sie führte die beiden in den Speiseraum.

»So, hier haben Sie eine ganz hübsche Bibliothek, wenn Sie Englisch lesen können — hier ist ein Damebrett, Sie können auch Puff oder Mühle spielen — hier ist eine Violine — nun vertreiben Sie sich die Zeit, und wenn Sie Appetit haben oder sonst etwas wünschen, so brauchen Sie nur hier zu drücken.«

Leonor schloss die Tür. Aber die beiden Damen spielten weder Puff noch Mühle noch Violine — sie jammerten weiter.

Besonders für die Frau Präsidentin musste ein schrecklicher Gedanke dabei sein; sie hatte sich in der eigenen Falle gefangen!

Leonor lenkte das Automobil zum Bahndamm, auf dem soeben ein Zug vorüberbrauste. Das gepanzerte Automobil wurde sofort erkannt, alle Fenster waren mit Köpfen besetzt, es wurde gejubelt und gewinkt.

»Jawohl, begrüßt mich nur! Ha, wenn ihr wüsstet, wer sich hier bei mir als Gefangener befindet — eure Landesmutter!«

Auch jenseits des Bahndammes war Prärie. Leonor fuhr in weitem Bogen um die Stadt herum, diese immer im Auge behaltend. Dass in ihr große Erregung herrschte, konnte man mit Hilfe des Fernrohres unterscheiden. Leonor kam auch so weit heran, dass sie es mit bloßen Augen sah.

Die Menschen kamen bis vor die Stadt, blickten unter lebhaften Gestikulationen zu dem gepanzerten Kraftwagen, aber weiter wagten sie sich nicht heraus, und sobald das Automobil näher kam, verschwand alles wieder in den Straßen.

»Noch eine halbe Stunde, dann mache ich Ernst.«

Da verließen vier Reiter die direkt ins Freie führende Häuserstraße, bis an ihr letztes Ende stattliche Gebäude zeigend. Sie durchritten die Gemüsegärten und Felder, kamen in die offene Prärie, strebten direkt aus das jetzt haltende Automobil zu.

»Georg ist nicht dabei«, sagte Leonor, das Fernrohr wieder zusammenschiebend. »Es sind Reisende, die zufällig hier vorbeikommen.«

Aber Adam wollte nicht an solch einen Zufall glauben.

»Nein, die wollen uns sprechen, bringen aber eben Mr. Hartung nicht mit.«

»Wehe, wenn sie ohne ihn kommen!!«, fuhr Leonor empor.

Dieses Emporfahren nützte ihr aber nichts. Und das Ziel dieser vier Reiter war wirklich das Automobil.

»Dürfen wir herankommen?«, rief der erste Reiter, als er in Hörweite war, ein noch junger Mann, aber, einen ganz anderen Eindruck machend als Don Manuel, einen viel energischeren.

»Kommen Sie getrost, aber Sie wissen wohl, dass sich die Gattin des Präsidenten und seine Tochter in meiner Gewalt befinden. Bringen Sie mir Kunde von Mr. Georg Hartung?«

»Ja.«

Leonor ward von einer gewaltigen Erregung befallen. Wenn sie ihn nicht mitbrachten, dann konnte sie nur noch an eins glauben — an seinen Tod!

»Wo ist Georg Hartung?!«

»Ich werde Ihnen darüber berichten.«

Der erste Reiter stieg ab, Leonor hieß ihn ins Innere des Automobils treten, und unverzagt folgte der junge Mann der Einladung.

»Ricolo ist mein Name, ich bin...«

»Wo ist Georg, wo ist Georg Hartung, den man ins Tribunal gebracht hat?!«, drängte Leonor, immer aufgeregter werdend.

»Wir wissen es nicht.«

»Was?!«

»Nein. Er ist heute Morgen in der achten Stunde tatsächlich von argentinischen Kriminalbeamten in Empfang genommen und ins Tribunal gebracht worden. Ich selbst hatte dazu die Anweisungen gegeben. Ich bin der Sekretär des Justizministers. Erst gestern Abend erhielt ich aus Kapstadt von der englischen Behörde die telegrafische Nachricht, dass in nächster Zeit, wahrscheinlich heute früh schon, der ›Kolumbus‹ in Buenos Aires eintreffen würde — der regelmäßig hin und her fahrende Dampfer war ja auch heute früh zu erwarten gewesen, aber kaum eher, er hat eine sehr schnelle Reise gemacht. — An Bord des ›Kolumbus‹, berichtete die sehr ausführliche Depesche weiter, befände sich das bekannte Automobil der Miss Leonor Morris. Mitfahrende englische Kriminalbeamte würden Miss Leonor Morris und ihre Begleiter verhaften, wegen Raubmordes, Straßenraubs und anderer Delikte...«

»Was, Raubmord und Straßenraub hätten wir begangen?!«, rief Leonor, fast nur erstaunt.

»Bitte, lassen Sie mich erst weiter berichten.«

»Ja, bleiben wir bei der Hauptsache. Wo ist Georg Hartung?«

»Gleichzeitig wurde die argentinische Justiz aufgefordert, die Verhafteten, wie das ganze Automobil, in Empfang zu nehmen und bis auf Weiteres in sicherem Gewahrsam zu halten. Der Depesche war die geheime Formel beigefügt, dass es sich um eine internationale Abmachung handle, und in derselben Stunde ging denn auch noch von London ein Telegramm ein, welches Argentinien aufforderte, in dieser Sache mit der englischen Justiz Hand in Hand zu arbeiten. Wir haben dafür unsere besonderen geheimen Formeln, gleich eine ganze Geheimschrift.

Heute früh nun traf der ›Kolumbus‹ ein. Unsere Kriminalbeamten waren zur Stelle. Das Deck des Schiffes, über dem die englische Flagge wehte, durften sie nicht als Beamte betreten. Da wurde schon der eine an Land gebracht, Mr. Hartung, der zuerst verhaftet worden war. Er wurde in Empfang genommen, zum Tribunal gebracht. Auf die anderen warteten wir vergebens, wie auf das ganze Automobil. Sie hatten sich der Verhaftung entzogen.

Da kam vorhin Don Manuel d'Estrella an mit jener Botschaft, deren Inhalt Sie am besten kennen. Wenn wir auch nicht gleich wussten, was da zu tun sei, so musste man vor allen Dingen doch erst einmal mit dem Gefangenen sprechen. Ich selbst begab mich zu seiner Zelle. Sie war leer...«

»Georg — der Gefangene?!«

»War und ist verschwunden.«

»Sie lügen!«, schrie Leonor auf.

»Ich spreche die Wahrheit. Warum sollte ich lügen?«

Leonor blickte den jungen Mann an — sie beherrschte sich wieder. In der Aufregung verwirren sich nur die klaren Sinne, und die brauchte sie jetzt.

»Vor allen Dingen kann ich Ihnen eine sehr fröhliche Nachricht überbringen«, nahm der Sekretär wieder das Wort.

»Ja?!«, lauschte Leonor mit schon strahlenden Augen auf.

»Sie haben bei Ihrer Flucht von Bord verschiedenen Menschen das Leben genommen oder sie schwer verwundet.«

»Nun, und?«

»Den einen, jenen englischen Beamten, der Sie verhaftete, hatte das Automobil gleich zu Brei zerquetscht...«

»Weiter, weiter!!«

»Dann schlug das Automobil ein ganzes Dampfboot in Trümmer, wenigstens ein halbes Dutzend Menschen hat dabei das Leben verloren...«

»Weiter, weiter! Kommen Sie zur Hauptsache!«, drängte Leonor.

»Zwar haben Sie sich dadurch des Mordes oder doch des Totschlags schuldig gemacht, aber es gibt Fälle, wo ein Totschlag verziehen werden, kann, weil er nämlich für die anderen Menschen von Vorteil gewesen ist.«

»Was sagen Sie da? Ich verstehe Sie nicht. Was hat das mit Georg Hartung zu tun?«

»Sehr viel. Einer der Schwerverwundeten gestand in seinen Schmerzen, dass sie gar keine englischen Kriminalbeamten seien, sondern nur bestochene Gauner, die die Rollen solcher spielen mussten, das ganze Dampfboot war mit solchen Individuen besetzt, eine weitverzweigte Verbindung, die es darauf abgesehen hat, sich des mit dem Automobil verbundenen Geheimnisses zu bemächtigen... da gab der Mann den Geist auf. Wir nahmen andere vor. Zunächst aber telegrafierte ich sofort nach Kapstadt und London. Nein, dort war gar nichts davon bekannt, dass Sie, Miss Leonor Morris, verhaftet werden sollten, die hatten uns auch keine Depeschen zugeschickt...«

»Mir ist das alles ganz gleichgültig — wo ist Georg Hartung!?«

Wirklich, was kümmerte sich Leonor jetzt um dies alles? Sie hätte noch viel mehr erfahren können, aber es war ihr ganz gleichgültig. Durch die Tötung jener Menschen hatte sie ihr Gewissen noch nicht im Geringsten belastet gefühlt, hatte gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Diese Amerikanerin war ein echtes Weib, als solches zu tadeln oder nicht — aber jedenfalls konzentrierten sich all ihre Gedanken in der einzigen Frage:

»Wo ist Georg Hartung?!!«

»Er ist aus seiner Zelle entführt worden.«

»Ach was!«, klang es spöttisch zurück. »Von wem denn?«

»Sicher von eben derselben Bande, der auch jene Gauner angehören, die sich Kriminalgewalt anmaßten, die schwierigsten Fälschungen vollbrachten. Wir sind nicht weniger bestürzt als Sie, wir haben schon ganz Buenos Aires auf den Kopf gestellt, die Stadt ist deswegen in Kriegszustand erklärt worden...«

»Ob Sie Georg Hartung gefunden haben oder nicht, das ist für mich die Hauptsache, alles andere gänzlich Nebensache!«

»Nein, bisher noch nicht. Sie haben uns eine zu kurze Frist gestellt. In anderthalb Stunden, die wir doch nur noch hatten, war da nicht viel zu machen. Vor allen Dingen musste Sorge getragen werden, dass kein Schiff und kein Boot mehr den Hafen undurchsucht verlassen kann, wir müssen besonders in allen Kellern, an denen Buenos Aires sehr reich ist, Nachforschungen halten...«

»Nun gut, ich glaube, dass Sie Ihr Bestes tun werden, dass ich wieder zu meinem Begleiter komme. So gebe ich Ihnen noch Frist bis heute Abend. Ist bis zum Sonnenuntergang Georg Hartung nicht hier, dann...«

»Was werden Sie dann tun?«, fragte der Sekretär, als Leonor stockte.

»Das weiß ich noch nicht. Ich bin gar nicht so fest überzeugt, dass die Regierung und ihre Beamten nicht selbst dahinterstecken.«

Also eine kleine Ahnung hatte Leonor doch schon.

Der andere machte eine erschrockene Bewegung.

»Dass wir selbst den ungesetzmäßig Verhafteten noch gefangen und jetzt versteckt hielten?! O, Miss, wo denken Sie hin! Und wozu denn das?«

»Lassen wir es gut sein! Also bis heute Abend zum Sonnenuntergang warte ich noch, so furchtbar schwer mir das auch fallen wird.«

»Dann darf ich wohl um die Herausgabe der beiden Damen bitten.«

»Nein!«

»Sie wollen sie noch immer als Geiseln behalten?«

»Ja.«

»Aber warum denn?«

»Um mich zu sichern.«

»Wieso sichern?«

»Dass man mein Automobil nicht bombardiert, kein Attentat dagegen plant!«

»O, Miss, was halten Sie von uns!«

»Genug, die beiden Damen bleiben in meiner Gewalt. Sie selbst halte ich keiner Schandtat für fähig. Sie haben ein zu ehrliches Gesicht, aber... die Damen bleiben bei mir.«

»Der Herr Präsident wird außer sich sein, wenn er es erfährt!«

»Ist der Präsident mit draußen unter den anderen drei Reitern?«

»Nein.«

»Wo ist er sonst?«

»In seinem Palais.«

»Weshalb ist er nicht selbst gekommen, um seine Frau und Tochter zu holen?«

»Er ist krank.«

»Sterbenskrank?«

»Er ist vor Aufregung krank geworden.«

»Ah so, erst jetzt ist er schnell erkrankt? Na, das ist ja ein netter Landesvater! Wenn der vor Schreck gleich krank wird, weil in seiner Familie eine Unregelmäßigkeit passiert, wie mag dem da erst der Schreck in alle Glieder fahren, wenn es einmal dem ganzen Volke an den Kragen gehen soll!! Und wo ist Don Manuel d'Estrella?«

»Der hat sich — hat sich — hat sich...«

»Prost«, sagte der zuhörende Adam, »Brischen gefällig? Echter Dobbelveilchen!«

»Der hat sich ebenfalls entschuldigen lassen«, vollendete der Sekretär sein ›hat sich‹, was Adam, der manchmal humoristisch veranlagt war, für ein Niesen ausgelegt hatte.

»Er ist wirklich mit der Tochter des Präsidenten verlobt?«

»Gewiss!«

»Und auch er ist vor Aufregung krank geworden, dass er einen anderen schicken muss? Ein netter Bräutigam, so einen möchte ich haben! Also bis heute Abend, und nun setze ich auch noch die Bedingung hinzu, dass der Präsident und dieser Don Manuel selbst hierher kommen, um ihre Frau und Tochter, respektive Braut, abzuholen.«

»Weshalb sollen sie selbst kommen?«

»Meine Sache! Weil ich es so haben will! Ich betrachte mich jetzt als Diktatorin von Buenos Aires, und die Macht habe ich dazu. Selbstverständlich müssen sie auch Georg Hartung mitbringen.«

»Und wenn das nicht möglich ist?«

»Dann... weiß ich eben noch nicht, was ich tue. Dann werde ich von meiner Macht Gebrauch machen.«

Das Gespräch fand auf dem Korridor statt. Der Argentinier warf einige Blicke um sich.

»Sie könnten Ihre Drohung ausführen?«

»Die ganze Stadt gleichzeitig an allen Ecken in Brand zu schießen? Kann ich!«

»Sie sprachen sogar von einem Bombardement mit Bomben und Granaten, Sie könnten die ganze Stadt in Grund und Boden schießen?«

»Kann ich auch!«

»Kaum glaublich!«

»Sie zweifeln? Wollen Sie eine Probe meiner furchtbaren Macht sehen? Ja, es ist ganz gut, wenn Sie bei Ihrer Rückkunft etwas davon erzählen können.«

Leonor drehte das Automobil so, dass man durch die offene Hintertür gerade die Stadt und die nähere Umgegend übersehen konnte.

»Was für ein großes Haus ist das mit den zwei Türmchen?«

»Das Ministerium.«

»Und das mit der runden Kuppel?«

»Das Palais des Präsidenten.«

»Gut, dass Sie mir das sagen, so weiß ich dann, wohin ich zu halten habe. Und wo ist das Pulvermagazin?«

Der Sekretär zögerte, infolge dieser Sicherheit der Sprache sichtlich bestürzt.

»Na, sagen Sie es mir nur? Ich kann mich auch selbst orientieren, ich habe den neuesten Plan von Buenos Aires wie von sämtlichen Haupt- und größeren Städten der Erde. Lassen Sie mich nicht erst nachsehen. Mitten in der Stadt wird das Pulvermagazin wohl nicht liegen. Dort vielleicht das einsame Gebäude, etwa drei Kilometer von der Stadt entfernt?«

»Ja, das ist es!«

»Jetzt will ich es nicht in die Luft sprengen, aber ich will Ihnen den Beweis geben, dass ich es kann. Was für eine einsame Hütte ist das dort?«

»Dort hat sich einmal ein Bauer festzusetzen versucht, musste es aber wegen Wassermangels wieder aufgeben.«

»Ist die Hütte bewohnt?«

»Nein, eben nicht!«

»Es hält sich auch sonst kein Mensch darin auf?«

»Schwerlich!«

»Nun passen Sie auf! Adam, schießen Sie diese Hütte mit einer Zündbombe in Brand. Oder kommen Sie gleich mit, damit Sie alles aus eigener Anschauung erzählen können.«

Adam hatte schon einen Hebel gedreht, und wer draußen stand, der sah, dass auf dem Dache des Automobils plötzlich ein Türmchen emporwuchs. Hier innen klappte aus der Wand noch eine Leiter, welche die drei erstiegen.

Das Türmchen, noch schwerer gepanzert als das übrige Automobil, enthielt rundum Reihen von Schießscharten in verschiedener Höhe, in der Mitte stand eine drehbare Revolverkanone, ähnlich denen, wie sie vor Einführung der Schnellfeuergeschütze bei der Marine die Hauptwaffe gegen die Torpedos bildeten, und doch wieder ganz anders konstruiert. Dass sie zweizöllige Kugeln oder Granaten schoss, wurde schon einmal erwähnt.

»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu jenem Häuschen?«

»Vielleicht zwei Kilometer.«

»Ich will es Ihnen sofort ganz genau sagen.«

Leonor schraubte an einem auf der kleinen Kanone befestigten Instrument, blickte durch das Rohr, las an dem Messradius.

»Genau 2474 Meter. Jetzt lade ich die Kanone zunächst mit Luft.«

Einige Drehungen an einer Kurbel, und es war geschehen. Adam hatte einige Patronen zur Hand, Leonor nahm sie.

»Das ist eine Patrone, oder eine Bombe, die nur Feuer erzeugen soll, wenn überhaupt etwas Brennbares vorhanden ist. So, jetzt stelle ich auf die betreffende Entfernung ein, ein Visieren ist gar nicht nötig, wenigstens nicht in gewöhnlicher Weise, das lese ich alles hier von diesem kleinen Instrumente ab, blicke nur noch einmal durch dieses Fernrohr, ob es auch stimmt... da geht der Brander hin!«

Allerdings ein starker Rückstoß, aber sonst nicht der geringste Knall, nur ein Sausen in der Luft, und in der nächsten Sekunde wirbelte dort aus dem Holzhäuschen eine Staubwolke empor — und wieder im nächsten Moment stand die ganze Hütte in Flammen.

Der Herr Sekretär begnügte sich, den Mund aufzusperren.

»So werde ich die ganze Stadt in Brand schießen, an welcher Stelle ich will. Und das hier ist eine Dynamitgranate, aber auch wieder von ganz besonderer Art, noch etwas ganz Anderes als nur Dynamit, so eine Erfindung meines seligen Vaters, die er der Menschheit lieber vorenthalten wollte. Jetzt schicke ich diese Granate ab, um den Feuerherd zu zerstören...«

Wieder ein Ruck, wieder ein Sausen, und dort stoben die Funken, die brennenden Balken flogen nach allen Richtungen auseinander, die eben noch brennende Hütte war vollkommen verschwunden.

»Entsetzlich!«, hauchte der Argentinier.

»Sie sagen es. Und nun erzählen Sie es. Wenn bis heute Abend Georg Hartung nicht hier ist, sprenge ich erst das Ministerium, dann das Palais, dann das Rathaus in die Luft — bereiten Sie die Bewohner vor, dass nicht so viele Menschenleben geopfert werden — diese Gebäude müssen geräumt werden — und ist dann Georg Hartung immer noch nicht da, dann erst... schieße ich mit Brandbomben, äschere die ganze Stadt ein.«

»Aber wenn wir nun den Herrn...«

»Gehen Sie! Ist Georg Hartung bis heute zum Sonnenuntergang nicht hier, mache ich innerhalb einer halben Stunde ganz Buenos Aires dem Erdboden gleich!!«

Der Sekretär schlich davon, ganz gebrochen, kam kaum auf sein Pferd. Dann ritten die vier in Galopp zurück.

Adam nahm eine Prise. Eine ganz außergewöhnlich große. Er schnaufte wie ein Nilpferd, um sie mit einem Zuge in die Nase zu bringen.

»Aaaaaahhhh«, stöhnte er dann, als er fertig war, »un die sagt nu, sie liebt'n nich! Ja, ja, ich weeß, was'ch weeß, ich hawwe nich umsonst enne Elfenbeenblatte in mein Gobbe.«

*

Kapitel 39
Die Alternative

Es war in der vierten Nachmittagsstunde, als sich von dem Stadtring eine Gestalt ablöste, durch, die Felder schritt und dann über die Prärie hinweg auf das langsam hin und her fahrende Automobil zuhielt.

Leonor schrie laut auf. Es war der Schrei, der sich schon seit fünf Stunden in ihrer Brust zusammengepresst hatte. Es waren fürchterliche Stunden gewesen!

Aber ehe sie das Automobil dem Manne entgegenjagen ließ, griff sie zum Fernrohr und... erkannte nicht Georg.

Trotzdem war es eine Erleichterung für sie, aus der Stadt endlich wieder einen Menschen kommen zu sehen, dessen Ziel offenbar das Automobil war. Sie fuhr ihm etwas entgegen.

Es war ein älterer Mann, wie ein Spießbürger gekleidet, recht blass und abgemagert und leidend aussehend, auch immer hüstelnd, jetzt beim Näherkommen hinter der vorgehaltenen Hand, schon bis auf die Knochen abgemagert.

»Bringen Sie mir endlich Nachricht über Georg Hartung?«, rief ihm Leonor entgegen.

»Madam — ö ö ö — Madam, ich habe die Schwindsucht...«

»Ob Georg Hartung nun gefunden worden ist!«

»Madam, ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich die Schwindsucht habe, und zwar nicht nur die galoppierende, sondern die — ö ö ö ö.«

»Mensch, was wollen Sie eigentlich?!«

»Ja, wir haben ihn!«

»Georg Hartung?!«

»Ja, wir haben ihn — ö ö ö ö ö.«

»Wo ist er?«

»In unserer Gefangenschaft.«

»Man will ihn mir noch vorenthalten?«

»Wir stellen gewisse Bedingungen ö ö ö ö ö — ich spucke manchmal schon Blut.«

»Kommen Sie herein!«

»Madam, ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich glaube, dass ich es schon einmal gesagt habe — ich habe die Schwindsucht, und nicht nur die galoppierende, sondern sogar schon die — ö ö ö ö.«

Leonor war hinausgekommen. Sie faltete die Hände.

»Herr, ich flehe Sie an — was ist mit Georg Hartung?«

»Lassen Sie sich erzählen. Aber bitte, kommen Sie nicht so nahe an mich heran, ich habe nämlich die Schwindsucht, und ich möchte keinen Menschen anstecken, ich halte auf ein unbeflecktes Gewissen, und die Schwindsucht ist tatsächlich höchst ansteckend, besonders wenn schon, wie bei mir, der ganze rechte Lungenflügel und vom linken die Hälfte — ö ö ö.«

»Herr...!«, flehte Leonor abermals, als sich jener ausgehustet hatte.

»Ja, ja, ich fasse mich ganz kurz. Meine Tage sind sowieso gezählt. Ich kann sogar stündlich abfahren. Ja, jede Minute, jede Sekunde kann ein Blutsturz meinem Leben ein Ende machen, ich spucke schon oft genug Blut — ö ö ö ö — sehen Sie, da schon wieder.

Ich bin von Beruf Chemiker, und zwar akademisch gebildeter, habe zwar erst eine Volksschule besucht, dann aber das Gymnasium...«

»Heernse, mei Guter«, mischte sich da Adam ein, »ich glauwe an enne Wiedergeburt, un da gennten Se uns ja Ihre ganze Lämsgeschichte, die Se in diesem Erdenwandel durchgemacht ham, das nächste Mal erzählen, wenn wir uns im nächsten Läm wiedertreffen, wenn Se se bis dahin nicht vergessen ham. Brischen gefällig?«

Jawohl, schnupfen tat der schwindsüchtige Todeskandidat und siehe da, dieser echte ›Dobbelveilchen‹ musste doch wirklich ein Zaubermittel sein, der Mann sprach jetzt mit einem Male ganz anders.

»Ich gehöre zu jener Partei, die Ihren Begleiter verhaftet und dann auch wieder aus dem Tribunal entführt hat.«

»Aah!«

»Aber versuchen Sie nichts gegen mich zu unternehmen — mir kann man nichts mehr anhaben, mir kann man durch keine Folterqualen etwas erpressen, denn ich bin sowieso ein Todeskandidat, dem jeden Augenblick ein Blutsturz ein Ende machen kann.«

Also daher dieses Pochen und Prahlen mit seiner Lungenschwindsucht! Er hatte doch nicht so ganz umsonst immer darauf aufmerksam gemacht. Man hatte als Vermittler eben einen Todeskandidaten geschickt.

»Sie wollen Bedingungen stellen?«

»Ja Es handelt sich um das Geheimnis des Morrisits...«

»Sie sollen es haben. Sie sollen es haben, nur liefern Sie mir Georg aus!«

»Aber nicht etwa um das Rezept der Herstellung.«

»Nicht?! Um was denn sonst?«

»Das ist doch ganz einfach, Madam. Ist es wahr, dass, wenn diese Substanz einmal von einem Chemiker untersucht worden ist, er selbst sie sofort herstellen kann, sogar jedes Kind?«

»Ja.«

»Dann hat das Rezept zur Herstellung an sich auch gar keinen Wert. Jeder ist imstande...«

»Halt! So einfach ist es denn doch nicht.«

»Wieso nicht?«

»Jeder Chemiker wird sofort erkennen, was für eine Substanz es ist. Eine ganz bekannte, eine auf der Erde am meisten verbreitete. Aber diese muss erst in einen besonderen Aggregatzustand überführt werden.«

Der Abgesandte machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich handle nur nach meinem Auftrage, und ich habe gegen unseren Gefangenen nicht dieses Rezept zu fordern.«

»Was sonst?«

»Ist es wahr, dass die Präparierung dieser Substanz zwei Jahre erfordert?«

»Ja.«

»Ganz genau zwei Jahre?«

»Mindestens zwei Jahre. Unter dieser Zeit ist es meinem Vater wenigstens nicht gelungen.«

»Ihr Herr Vater hat zweitausend Zentner dieser Substanz vorbereitet zur Entwicklung?«

»Ja.«

»Wann hat er diese Vorbereitungen getroffen?«

»Am ersten Februar.«

»Dieses Jahres?«

»Dieses Jahres.«

»Dann werden die zweitausend Zentner am ersten Februar über zwei Jahre fertig sein?«

»Ganz bestimmt.«

»Wo hat er nun diese Menge angesetzt?«

»Das ist natürlich mein Geheimnis.«

»Und dieses eben wollen wir wissen, um dann jedem Konkurrenten zuvorzukommen.«

»Ah so!«

»Jawohl, denn hier heißt es wohl: wer zuerst kommt, mahlt zuerst!«

»Gegen Preisgabe dieses Geheimnisses wollen Sie also den Gefangenen freigeben.«

»So ist es. Dies genügt uns aber noch nicht.«

»Was sonst noch?«

»Sehen Sie. da müssten wir doch immer noch anderthalb Jahre warten, und wer gibt uns denn die Garantie, dass die ganze Geschichte auch stimmt...«

»Ich führe Sie selbst an jenen Ort.«

»Das genügt immer noch nicht. Wer sagt uns denn, dass sich die Substanz auch wirklich so entwickelt? Ihr Herr Vater ist selbst nur in Besitz von zwei Stückchen gekommen. Seine Experimente sind jedenfalls durch seinen Tod noch vor vollkommener Beendigung unterbrochen worden...«

»Ich gebe Ihnen die Versicherung...«

»Nein, das alles genügt uns nicht. Oder wir müssten Mr. Hartung so lange gefangen halten, und damit dürften Sie so wenig einverstanden sein wie wir. Und nun sage ich es Ihnen mit einem Wort: Wir verlangen für Freigabe unseres Gefangenen Ihr ganzes Automobil mit allem, was drin ist!«

Leonor erstarrte, obgleich sie schon immer ganz ruhig dagestanden hatte, jetzt aber nahm ihre Ruhe etwas Medusenartiges an, besonders in ihren Augen lag es, und das empfand auch sofort der Mann.

»Sie können mir nichts tun — ich treibe es sowieso nicht mehr lange — ö ö ö ö ö.«

»Sie brauchen auch nichts von mir zu fürchten, Sie sprechen ja nur im Auftrage anderer«, kam es langsam über Leonors Lippen. »Mein ganzes Automobil?«

»Mit allem, was drin ist.«

»Was drin ist?«

»Ja. Wir reflektieren auch auf die Luftpistolen, auf die Luftbüchsen, auf die pneumatische Kanone und auf alles Andere, was die andere Menschheit noch nicht besitzt.«

»Mein ganzes Automobil?«, wiederholte Leonor nochmals, als könne sie es durchaus nicht fassen. »Herr, sind Sie denn...?«

»Verrückt? Nein. Ich habe nur die Lungenschwindsucht. Und die, die mich gesandt haben, sind ebenfalls nicht verrückt.«

»Ja, was wollen Sie denn mit meinem Automobil beginnen?«

»Wir wollen noch etwas ganz Anderes daraus machen als Sie. Mit diesem Automobil und mit all diesen Erfindungen sind wir die Herren der Erde — ja, wir werden die ganze Erde erobern — und zwar aus edelsten Motiven — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist unser Wahlspruch, aber in einem ganz anderen Sinne, als dieser Spruch etwa in der französischen Republik gehandhabt wird, wo er ja nur ein Hohn ist — wir aber werden ihn in Wirklichkeit umsetzen — mit diesem Automobil haben wir dann die Macht dazu.«

Der Mann hatte mit immer größerer Begeisterung gesprochen, die besonders auch aus seinen an sich strahlenden Augen, welche Schwindsüchtige stets haben, hervorbrach.

Starr blickte ihn Leonor an. Sie ahnte etwas. Vorhin hatte sie zum ersten Male der Menschheit eine Probe davon gezeigt, was für eine furchtbare Macht sie in diesem Automobil besaß, eine Macht, von der auch Georg bisher noch nichts erfahren hatte, er hatte nur an einfache Kugeln und Granaten glauben können, die das pneumatische Geschütz schösse. Bei der Jagd auf den Elefanten und bei einem anderen Schießversuch war ihm nichts Besonderes aufgefallen, Leonor hatte ihn über die Wirksamkeit dieser Revolverkanone nicht aufgeklärt — vorhin also hatte sie zum ersten Male einem Menschen gezeigt, welch furchtbare Waffe sie besaß, dass sie wirklich imstande war, von ihrer fahrenden Festung aus eine ganze Stadt in Flammen zu schießen oder dem Erdboden gleichzumachen — und sofort war in den Köpfen besonderer Menschen eine Idee entstanden.

»Heernse«, ließ sich wieder einmal Adam vernehmen, »Sie sind wohl Anarchist?«

»Ja, die Gesellschaft, der auch ich angehöre, setzt sich nur aus Anarchisten und ehemaligen Nihilisten zusammen, wir erstreben das edelste Ziel der Menschheit!«, war die stolze, mit Begeisterung gesprochene Antwort.

Er hatte es gesagt, dieser schwindsüchtige Kerl, der eher wie das Leiden Christi als wie ein Anarchist aussah.

O, es ist etwas Furchtbares mit dieser Lehre des modernen Anarchismus! Heute stehen ja alle Zeitungen voll von den Anarchisten und ihren schändlichen Taten. Jeder glaubt zu wissen, was man unter Anarchismus versteht. Wer aber hat sich wirklich die Mühe genommen, darüber sich zu orientieren, was diese Menschen eigentlich wollen, ihre Flugschriften und Bücher zu lesen, in denen sie ihre Lehre verbreiten und selbst ihre blutigen Taten verteidigen?

Man wolle sich diese Flugschriften lieber nicht besorgen! Hier wäre das Gebet angebracht: Herr, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!

Mit was für einer gewaltigen Überzeugungskraft diese anarchistischen Schriften geschrieben sind — es ist furchtbar! Dass ein unreifer Jüngling dieser Überzeugungskraft unterliegt, ist eigentlich ganz selbstverständlich, und das Allerfurchtbarste dabei ist, dass er umso leichter unterliegen wird, einen je edleren Charakter er besitzt.

Denn was in diesen anarchistischen Schriften, von den geistreichsten Köpfen verfasst, gepredigt wird, das ist edel, hochedel. Sie predigen den Altruismus im Gegensatz zum Egoismus, der heute ja auch tatsächlich die Herrschaft hat. Einer für alle und alle für einen. Vernichtung des einzelnen Individuums zum Wohle der Gesamtheit. Die blutige Propaganda der Tat ist unerlässlich erforderlich, das liegt im Plane der Natur, so ist ja auch die christliche Religion dereinst mit Feuer und Schwert verbreitet worden, bis man das eben nicht mehr nötig hatte.

Es ist ein Irrwahn, der ganze Anarchismus. Aber wo ist der Mann, der diesen Irrwahn als solchen beweisen kann? Vorläufig setzen wir nur Gewalt gegen Gewalt. Aber dass da polizeiliche Macht gar nichts ausrichten kann, das lehren doch fast tägliche Beispiele. Nur die Auswüchse des Geschwürs werden immer abgeschnitten, das Geschwür selbst wuchert stetig weiter.

Ja, es gibt schon solche Männer. Aber sie werden als solche noch gar nicht anerkannt. Ein solcher Mann ist z. B. der bekannte Graf Leo Tolstoi. Aber seine Berühmtheit hat er eigentlich einem ganz anderen Grunde zu verdanken. Weil er ein origineller, mystischer Verfechter des christlichen Glaubens ist, der nichts weiter als die strikte Befolgung der Lehren der Bergpredigt haben will. Was für eine kolossale, welthistorische Bedeutung aber dieser Graf Leo Tolstoi hat, indem er heute vielleicht der einzige ist, der dem ganzen Anarchismus die Waagschale hält, ohne den dieser heute schon die ganze Welt verseucht hätte — das werden wir oder unsere Nachkommen erst später erkennen!

Doch genug davon! Wohl dem, der hierüber nichts anderes weiß, als was ihm Zeitungen auftischen können!

Leonor beschäftigte sich jetzt nicht mit dem Anarchismus. Sie sah nur einen Mann vor sich, der ihr den Geliebten wiederbringen konnte. Aber so ohne weiteres ging sie doch nicht auf seine Forderungen ein.

»Mann, Mann.« sagte sie leise, wie erschüttert, »wisst Ihr denn eigentlich, was Ihr von mir verlangt?!«

»Wir wissen es.«

»Alles, was ich besitze.«

»Wir wollen es haben. Übrigens sollen Sie deshalb nicht mittellos werden. Ich bin beauftragt, Ihnen 25 000 Pfund Sterling in englischem Golde anzubieten, die Mr. Hartung selbst mitbringen wird — vorausgesetzt natürlich, dass Sie uns Ihr Automobil überlassen, und dass dies in einer uns genügend sichernden Weise geschieht, darüber werden Ihnen dann noch Bedingungen gestellt werden.«

»Was für Bedingungen?«

Nun, damit Sie nicht etwa Vorbereitungen treffen, dass wir, wenn das Automobil unter unserer Führung fährt, nach einer gewissen Zeit in die Luft fliegen.«

»Und wie wollen Sie das vermeiden?«

»Deshalb eben werden wir Bedingungen stellen.«

»Was für Bedingungen? muss ich nun nochmals fragen.«

»Das werden Sie erfahren, wenn der Austausch erfolgt. Aber haben Sie keine Sorge, Sie brauchen uns nicht etwa noch einige Zeit Gesellschaft zu leisten. Sie können sofort mit Ihren Begleitern, also auch mit Mr. Hartung, reisen, wohin Sie wollen.«

»Und wenn ich nun gar nicht darauf eingehe?«

»Blicken Sie dorthin!«

Leonor folgte der Richtung der ausgestreckten Hand, welche weiter hinein in die Pampa deutete.

»Sehen Sie jenes Gebüsch?«

»Ja.«

Es war eben ein kleines, niedriges Gebüsch, das dort aus wohl etwas feuchterem oder ihm sonst zusagenden Boden entstanden war.

»Dort werden Sie um Mitternacht mit Ihrem Automobil sein, womöglich ohne jedes Licht — dort wird Ihnen Mr. Hartung um Mitternacht ausgeliefert werden, wofür wir das Automobil in Empfang nehmen. Was dann sonst noch zu besprechen ist, auch wegen der Bezeichnung des Ortes, wo das Morrisit bereitet wird, das wird schnell erledigt sein. Wir haben ein ebenso einfaches wie originelles Mittel, um uns gegen jede List zu sichern.«

»Und wenn ich nun gar nicht gewillt bin, auf diesen Tausch einzugehen?«

»Dann, Miss Morris, wird von hier aus ein Bote zur Stadt zurückeilen und Ihnen Mr. Hartungs linkes Ohr bringen, zum Zeichen, dass es uns Ernst ist... unternehmen Sie nichts gegen mich, ich habe die Lungenschwindsucht... ö ö ö ö ö.«

Dieser Zusatz kam nämlich daher, weil Leonor eine schnelle Bewegung gemacht hatte, die man recht gut für eine drohende auslegen konnte. Aber sie blieb ganz ruhig, unnatürlich ruhig, hatte sich wie in Stein verwandelt.

»Und dann?«

»Wenn wir dann immer noch nicht handelseinig werden, dann geht wieder ein Bote nach der Stadt und bringt auch Hartungs anderes Ohr mit.«

»Und dann?«

»Dann wird zum Beweis, wie ernst wir es nehmen, ein Finger von ihm gebracht oder vielleicht auch gleich seine ganze Hand. Und so könnte es weiter gehen. Wir haben etwas von italienischen Banditen gelernt, nur dass wir dabei nicht von Egoismus, sondern von den reinsten Motiven getrieben werden...«

Es war ein krampfhaftes Lachen, in das Leonor ausbrach.

»Immer lachen Sie. Gehen Sie lieber gleich darauf ein, damit Sie Ihren Hartung möglichst mit vollständigem Körper zurückbekommen.«

Leonor war wiederum steinern geworden.

»Ja, Mann, wieso soll mir denn dieser Mr. Hartung so viel wert sein, dass ich deshalb mein Automobil und alles andere aufgebe?«

»Jawohl, er ist Ihnen so viel wert.«

»Woher wollen Sie das wissen? Keine Ahnung davon!«

»Na, Sie lieben ihn doch.«

»Hat er das etwa selbst gesagt?«

»Nein. Aber das ist doch ganz selbstverständlich.«

»Wieso denn nur ganz selbstverständlich?«

»Nun, Sie wären doch nicht ohne Grund nach seiner Verhaftung gleich so aufgetreten. Und überhaupt, das ist für uns ganz selbstverständlich. Wir wissen, dass er Ihr Geliebter ist, und wir setzen voraus, dass Sie alles herzugeben bereit sind, um sein Leben zu retten, um ihn vor Folterqualen zu bewahren. Jawohl, vor Folterqualen! Um unser Ziel zu erreichen, schrecken wir vor nichts zurück. Seine abgeschnittenen Ohren und seine abgehackte Hand sollen Sie schon eines Besseren belehren, wenn Sie es dann noch nicht glauben wollen. Also um Mitternacht kommen wir dorthin an den Busch. Überlassen Sie uns das Automobil und Ihre anderen Geheimnisse, so erhalten Sie Mr. Georg Hartung heil und gesund ausgeliefert, bekommen auch noch 25 000 Pfund Sterling bar ausgezahlt, von deren Zinsen Sie ja mit Ihrem Geliebten irgendwo an einem versteckten, lauschigen Fleckchen der Erde recht behaglich leben können...«

»Ja!«, stieß Leonor hauchend hervor.

»Was, ja? Soll das eine Bestätigung sein, dass Sie auf alles eingehen?«

»Ja.«

»Gut denn! So haben Sie wohl die Güte, diese Ihre Entscheidung, dass Sie auf unseren Vorschlag eingehen, durch ein Feuerzeichen zu markieren, vielleicht durch eine auch bei Tage sichtbare Rakete, die dazu auch noch gehörig knallt...«

»Wozu das? Können Sie diese Nachricht nicht Ihren Gefährten bringen?«

»Ja, das will ich wohl, aber es könnte sein, dass ich beim Betreten der Stadt weggefangen werde, weil ich doch mit Ihnen gesprochen habe, man muss mich für einen von denen halten, welche durch die Entführung des Gefangenen die ganze Stadt in solch furchtbare Verlegenheit gesetzt hat...«

»Ich verstehe, ich verstehe. Und wenn man Sie nun der Folter aussetzt, um zu erfahren, was Sie mit mir verhandelt haben?«

»Hat bei mir gar keinen Zweck. Ich halte einfach eine Minute den Atem an, dann macht ein Blutsturz meinem Leben ein Ende — ich habe mich für eine große Sache geopfert.«

»Also ein Schuss mit einem Feuersignal?«

»Wenn ich bitten darf!«

Leonor drehte sich kurz um und schritt dem Automobil zu. Besonders wegen der beiden Gefangenen hatte die Unterredung außer Hörweite des Wagens stattgefunden.

»Leonor, Miss Leonor, bedenken Sie, was Sie tun!«, rief ihr Adam zu, eilte ihr auch nach.

Leonor aber ließ sich nicht zurückhalten. Sofort krachte ein furchtbarer Kanonenschlag, gleichzeitig stieg oben aus dem Panzerturm, den das Automobil noch nicht wieder eingezogen hatte, ein blendendes Licht empor, eine brennende Magnesiumkugel platzte hoch oben in der Luft, einen Regen von roten Leuchtkugeln ausschüttend. Auch bei Tage musste dieses Zeichen weithin sichtbar gewesen sein.

Dann kehrte Leonor zurück.

»Genügt das?«

»Ja, das war deutlich genug. Dann nur noch eins — wegen der beiden Damen. Können die nichts von unserem Gespräch gehört haben?«

»Schwerlich.«

»Es ist aber doch besser, Sie behalten sie einstweilen noch in Gewahrsam.«

»Das kann ich ja tun.«

»Wenn bei Sonnenuntergang eine Deputation kommt, vielleicht, wie Sie befahlen, der Präsident und Don d'Estrella selbst, so verweigern Sie ihnen die Auslieferung der Damen lieber noch. Sie haben ja schon deshalb einen Grund dazu, weil diese den Gefangenen nicht mitbringen können. Halten Sie die Herren noch bis Mitternacht hin, bis unser eigenes Geschäft erledigt ist. Dann sind auch Sie selbst immer noch gesichert, dass man nichts gegen Ihr Automobil unternehmen kann.«

»So hätte ich auch von ganz allein gehandelt.«

»Haben wir sonst noch etwas zu besprechen?«

»Ich wüsste nichts. Bringen Sie mir heute um Mitternacht Georg Hartung!«

»Das wird geschehen, aber denken Sie nicht etwa, uns betrügen zu können!«

»Ich denke nicht daran. Bringen Sie mir Georg Hartung!«

»Und auch von uns haben Sie keinen hinterlistigen Betrug zu fürchten. Wir wollen nichts weiter haben als Ihr Automobil. Miss Morris, ich empfehle mich Ihnen — ö ö ö ö ö.«

Der Schwindsüchtige hustete hinter der vorgehaltenen Hand, mit der anderen lüftete er seinen Hut und wandte sich wieder der Stadt zu.

*

Kapitel 40
Blut und Feuer

»Leonor, Leonor!« rief Adam. »Wissen Sie denn, was Sie tun wollen?!« »Schweigen Sie! Ja, ich weiß ganz genau, was ich tue!« »Sie geben Ihre furchtbare Macht Anarchisten!«

»Schweigen Sie, sage ich nochmals! Kein Wort mehr darüber! Ich tue, was ich will, auf meine eigene Verantwortung. Sonst steht es Ihnen frei, mich zu verlassen.«

Sie bestieg das Automobil, ließ es wieder langsam hin und her gehen.

Adam sagte denn auch nichts mehr. Er sah ein, dass da gar nichts zu machen war. Es handelte sich um ein liebendes Weib, das den Geliebten aus Todesgefahr retten konnte. Und da nützt keine philosophische Beweisführung, wenn sie auch von Sokrates selbst stammte, da nützt kein Anrufen der Moral und Hinweis auf die höchsten Menschenpflichten — da nützt überhaupt gar nichts.

Und so muss es auch sein! Die Liebe ist ein göttliches Gebot, das alle anderen Gesetze, von den Menschen und von Gott selbst gegeben, ungültig macht. Wer es nicht fühlt, wer es nicht glaubt, der vergleiche nur damit den Selbsterhaltungstrieb, der ebenfalls alles andere, was sich der Mensch auch in den begeistertsten Stunden vorgenommen hat, in die Brüche gehen lässt. Es gibt auch Ausnahmen, aber das sind dann keine irdischen Menschen mehr.

Adam hatte es erfasst, und deshalb schwieg er.

Die beiden gefangenen Damen hatten unterdessen das Jammern verlernt, schienen sich in ihr Schicksal ergeben zu haben. Beide handhabten eifrig den Rosenkranz. Dass bei Sonnenuntergang wieder ein Termin war, der ihnen die Freiheit bringen konnte oder nicht, wussten sie, und dafür beteten sie.

Die Sonne näherte sich dem Horizont. Als sie diesen berührte, kamen wieder einige Reiter aus der Stadt heraus. Diesmal ritt an der Spitze ein alter Herr, und unter den anderen befand sich auch Don Manuel.

Diesmal sprach Leonor durch eine Schießscharte. Es war der Präsident. Er erzählte, was alles geschehen sei, aber der entführte Gefangene sei noch immer nicht gefunden worden, und dann stieg er ab, kniete nieder und flehte mit erhobenen Händen um Freigabe seines Weibes und seiner Tochter.


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Leonor versuchte ihn zu beruhigen, tröstete ihn, aber an dem einen hielt sie mit hartem Herzen fest:

»Nein! Ihre Gattin und Ihre Tochter bleiben noch meine Geiseln.«

»Aber warum nur?«

»Damit man nicht ein Attentat gegen mich ausführt.«

»Wir denken ja gar nicht an so etwas!«

»Desto besser für Sie. Aber ich bleibe dabei, ich behalte die Damen vorläufig noch als Gefangene.«

»Wie lange denn noch?«

»Bis heute Mitternacht. Oder etwas später. So gegen eins, wenn ich meine Rakete steigen lasse, dann kommen Sie, um Ihre Gattin und Ihre Tochter abzuholen. Wahrscheinlich werden sie Ihnen dann schon entgegenkommen.«

»Und wenn wir den Gefangenen bis dahin nicht gefunden haben?«

»Das bleibt sich gleich.«

»Ah, Sie wissen, wo er sich befindet!«

»Woraus schließen Sie das?«

»Sie sind doch vorhin von einem Manne aufgesucht worden!«

»Kennen Sie ihn?«

»Es ist ein bekannter, unter Polizeiaufsicht stehender Anarchist, der demnächst ausgewiesen werden sollte.«

»Beobachtete man seine Rückkehr?«

»Er wurde von Polizisten festgenommen, aber man konnte nichts mehr von ihm erfahren, er verschied in ihren Händen. Ein Blutsturz hatte seinem Leben ein Ende gemacht... ohne meine Schuld, ganz ohne meine Schuld.«, setzte der Präsident eiligst noch hinzu, wobei er seine Schuld nicht auf den Blutsturz, sondern auf die Verhaftung bezog.

»Es ist gut«, sagte Leonor gleichmütig.

»Dieser Mann wusste, wo sich Georg Hartung befindet?«

»Ja, und ich bekomme ihn auch ausgeliefert. Jetzt also reiten Sie schleunigst zurück und machen dem Suchen nach dem Verschwundenen ein Ende. Wird er mir nicht von jener anderen Seite ausgeliefert, so muss ich annehmen, dass Sie selbst durch unvorsichtigen Übereifer dies verhindert haben.«

»Ich denke nicht daran.«

»Desto besser für Sie.«

»Wann soll Ihnen der Gefangene ausgeliefert werden?«

»Das ist meine Sache.«

»Und wenn nun etwas dazwischenkommt?«

»Dann nehme ich eben an, dass Sie die Schuld tragen.«

»Was würden Sie in diesem Falle tun?«

»Reiten Sie lieber zurück, beeilen Sie sich!«

»Sie werden die Stadt nicht bombardieren und in Brand schießen?«

»Reiten Sie, reiten Sie!!«

»Ich bin ja ganz unschuldig, und mein Palast ist noch nicht versichert.«

Leonor wandte dem Herrn Präsidenten der Argentinischen Republik den Rücken, schloss die Schießscharte.

Als die beiden Damen den Gatten und Vater wieder zurückreiten sahen, ohne ihn auch nur gesprochen zu haben, da brach bei ihnen wieder die Verzweiflung hervor.

Leonor suchte sie zu beruhigen, gab ihnen die Versicherung, dass sie sie nach Mitternacht ganz bestimmt freilassen würde. Bei der jüngeren wirkte es, diese fing wieder mit dem Rosenkranze zu beten an, die Mutter schien aber ganz gebrochen zu sein, stierte stumpfsinnig vor sich hin.

Wir würden ihr Verhalten nicht so besonders hervorheben, wenn es nicht, wie später gezeigt wird, eine Folge gehabt hätte. In der alten Dame, die sonst von Schicksalsschlägen verschont geblieben sein mochte, ging in dieser kritischen Situation, der sie nicht gewachsen war, plötzlich eine große Charakterveränderung vor.

Sonst kümmerte sich Leonor nicht weiter um sie, sie fuhr wieder in der Prärie umher, jetzt schon in der Nacht, die sie zu ihrer Orientierung nur selten durch ein Blitzlicht erhellte.

Es mochten furchtbare Stunden sein, die sie bis Mitternacht noch vor sich hatte. Leonor steuerte das Automobil selbst, und dessen ruckweisen Bewegungen, wie es manchmal einher schlich und dann wieder mächtige Sprünge machte, mit Blitzesschnelle davonschießen wollte, verrieten, wie es im Innern des Mädchens beschaffen war.

Schon zwei Stunden vor Mitternacht hielt sie sich in der Nähe jenes Gebüsches auf, nur wenige Quadratmeter einnehmend, umfuhr es langsam oder toll im Kreise jagend.

Dann blickte sie nur noch auf die Uhr. Und dann ließ sie das Automobil stehen, der Stadt zugewendet, und spähte und lauschte hinaus in die finstere Nacht, infolge des bewölkten Himmels auch durch keinen Stern erhellt.

Es war drei Minuten nach zwölf.

»Adam, Adam, wo bleiben sie, wo bleibt Georg?!«

»Na, drei Minuten ist doch noch keine Verspätung.«

Aber es wurden zehn Minuten daraus, und in jeder Minute sprach Leonor ihre quälende Sorge aus, was alles dazwischengekommen sein könnte, ob sich Georg noch am Leben befände, und da nützten Adams Tröstungen nichts mehr.

»Schon halb eins, und noch immer kein...«

»Still!«, flüsterte da Adam mit erhobener Hand.

Ein der Stadt zugekehrtes Fenster war herabgelassen, aber Leonor vermochte nichts zu hören.

»Doch, ich vernahm Stimmen, es kommt jemand!«, behauptete Adam, immer im leisesten Tone flüsternd. Und da vernahm es auch Leonor. Männer näherten sich, die sich mit gedämpfter Stimme unterhielten, aber doch noch vernehmbar, auf spanisch, und Leonor verstand von dieser Sprache genug.

»Hier muss es sein.«

»Nein, wir sind noch weit ab.«

»Zünde nur einmal ein Streichholz an!«

»Ich habe keine.«

»Ich auch nicht.«

»Verfluchte Geschichte, stolpern wir hier so im Finstern herum!«

Dem konnte abgeholfen werden. Bemerkt sei noch, dass das Automobil kein einziges Licht zeigte. Es hatte im Finstern hier liegen sollen, aber es war ja gar kein Grund vorhanden, jetzt sich noch so verborgen zu halten.

Leonors erster Griff war nach den Hebeln, welche den elektrischen Scheinwerfer lenkten, sie dirigierte ihn dorthin, wo sie die Kommenden vermutete, sie ließ den blendenden Lichtstrahl aufblitzen, und gleichzeitig konnte sie einen Jubelruf nicht unterdrücken.

»Georg, mein Georg!!«

Aber dieses Aufblitzen hatte einen unerwarteten Erfolg.

Leonor sah, kaum noch zehn Meter von dem Automobil entfernt, vier spanisch gekleidete Männer, welche eine Bahre trugen, und kaum wurden sie von dem elektrischen Licht getroffen, als sie mit einem gellenden Schreckensschrei die Bahre fallen ließen und in voller Flucht zurückrannten.

Leonor war wahrscheinlich nicht minder entsetzt, schon beim Anblick der Bahre.

Was sollte das bedeuten? Von einer furchtbaren Ahnung erfasst, stürzte sie hinaus, ihr nach Adam.

Da stand die Bahre, noch direkt im Lichtschein, sie war auf ihre richtige Seite gefallen, darüber war ein Leinentuch gedeckt, welches durch Erhöhungen menschliche Formen verriet.

Leonor schlich näher. Und jetzt unter dem Tuche ein Wimmern! Leonor zog das Tuch zurück, erst ganz langsam; dann mit einem Ruck.

Da lag ein Mensch, ein Mann, nur im Hemd, mit Blut bedeckt, furchtbar verstümmelt. Die Ohren abgeschnitten, die Nase ab, die Augen ausgestochen, das ganze Gesicht nur eine blutige Fleischmasse...


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Leonor taumelte. Aber sie fiel nicht in Ohnmacht, sondern sie warf sich neben der Bahre auf die Knie nieder.

»Georg, Georg!!«

»Ich — bin's«, kam es mühsam röchelnd aus dem blutigen Munde hervor.

»Wer hat dir das getan?«

»Ich — ich — bin...«

»Du bist gefoltert worden?!«

»Ja — ja...«

Es war sein letztes Wort gewesen. Jene Männer hatten ihn offenbar schon für tot gehalten. Noch ein Seufzer, und er streckte sich auf eine Weise, die nur zu gut allen denen bekannt ist, die Menschen haben sterben sehen.

Die Hände gefaltet, so legte sich Leonor mit dem Oberkörper über die Leiche, und so blieb sie liegen, lange, lange Zeit, ohne dass ein Laut aus ihrer Brust kam, kein Zucken erschütterte ihren Leib.

Daneben stand Adam, wie versteinert.

»Das ist ja kaum glaubhaft!«, brachte er endlich hervor. »Wozu sollten sie ihn denn gefoltert haben, nachdem alles schon mit uns abgemacht war?!«

Leonor antwortete nicht, hatte es wohl kaum gehört. Was galt ihr auch das Warum?

Endlich erhob sie sich. Ihr schönes Antlitz war in dem elektrischen Lichte weiß wie Marmor — und auch ebenso steinern, und der Bildhauer hätte keinen Zug irgendeiner menschlichen Leidenschaft oder eines Gefühls hineingelegt.

Mit langsamem, abgemessenem Schritte begab sie sich in das Automobil und kehrte mit einer Schale Wasser und einem Schwamm zurück. Sie kauerte sich nieder, nahm den Kopf des Toten in den Schoß und begann die Leiche zu waschen.

Keine Klage, kein Laut kam dabei über ihre Lippen. Sie arbeitete geschäftsmäßig wie eine Leichenfrau. Aber das eben war es, weshalb Adam ganz scheu von der Seite auf sie blickte.

Es nützte nichts, dass man aus dem Gesicht das Blut abwusch. Es war gänzlich entstellt, deutlich konnte man sogar die Spuren von schweren Stiefelabsätzen bemerken. Alles eingedrückt und eingeschlagen. An Händen, Armen und anderen Gliedmaßen furchtbare, ganz frische Brandwunden, jeder Finger einzeln gebrochen, der Rücken ein einziger blutiger Fetzen.

Die Leiche war gewaschen. Leonor ließ sie wieder auf die Bahre gleiten, ging wie zuvor mit ruhigem Schritt in das Automobil, brachte diesmal eine Wolldecke und einen Spaten mit.

Nachdem sie die Leiche etwas in die Decke gehüllt hatte, begann sie ohne Weiteres neben der Bahre ein Loch zu graben, ohne Adam zur Hilfeleistung aufzufordern, ohne diesen überhaupt zu bemerken. Und sie tat auch alles mit so mechanischen Bewegungen.

»Leonor!«, machte sich da Adam mit weinerlicher Stimme bemerkbar.

Sie hatte es wohl gar nicht gehört, gleichmäßig warf sie die Erde aus.

»Wollen wir ihm nicht wenigstens ein, anderes Begräbnis...«

Sie schüttelte nicht den Kopf, gar nichts — tränenlos fuhr sie fort, Stich nach Stich die Erde auszuwerfen.

Da holte Adam einen anderen Spaten, grub ebenfalls mit, ohne daran gehindert zu werden oder Beifall zu finden.

Das Erdloch war groß genug, um eine Leiche aufzunehmen. Leonor sagte das, indem sie ihren Spaten fallen ließ und sich wieder mit dem Toten beschäftigte, ihn besser in die Decke einzuwickeln suchte.

Adam half ihr dabei, dann auch den schweren Körper in das Grab legen, was sie allein nicht fertig gebracht hätte.

»Leonor«, begann er dabei abermals mit weinerlicher Stimme, »wollen wir ihn nicht wenigstens in einen Sarg...«

Wiederum konnte er nicht vollenden. Ihr Schweigen redete eine zu deutliche Sprache.

Dann griff sie wieder zum Spaten, gleichmäßig fielen die Schollen auf den Toten. Auch hierbei half ihr Adam.

Es war geschehen. Über den irdischen Resten dessen, von dem Leonor noch vor Kurzem mit vermessenem Trotze gesagt, dass sie ihn hasse, wölbte sich ein nackter Erdhaufen.

»Tragen Sie Waschbecken und Spaten in das Automobil zurück!«

Es hatte ganz ruhig geklungen, nicht hart, was ihren Zügen entsprochen hätte, nur etwas müde.

»Weinen Sie, Leonor, so weinen Sie doch wenigstens!«, stöhnte Adam förmlich auf.

»Weinen? Weshalb weinen? Fahren Sie immer zu, in der Richtung zur Stadt, nicht allzu weit, lassen Sie nur eine elektrische Lampe glühen, dass ich das Automobil finde, ich komme gleich nach.«

Adam stellte keine weitere Frage, er gehorchte. Der Blendstrahl verlosch, das Automobil fuhr in die finstere Nacht hinein, dorthin, wo in der Ferne Buenos Aires wie eine festlich illuminierte Stadt, flimmerte.

Dann hielt es, Adam wartete, und bald stellte sich Leonor wieder ein. Sie hatte mit dem Erdhügel nur noch einmal allein sein wollen.

»Wohin nun, Adam?«

Ja, wohin nun?

Erst jetzt brachen bei dem alten, dürren Männchen die Tränen hervor, es weinte und schluchzte wie ein Kind. Aber Leonor wollte noch immer nicht mitmachen.

Die gefangenen Damen machten sich bemerkbar. Lucia rief jammernd nach Miss Morris.

Diese begab sich in den Speiseraum, drehte das elektrische Licht an.

Die Jüngere war ganz aufgelöst in Tränen, die Mutter war furchtbar aufgeregt, wie eine fanatische Wut sprach es aus ihren Augen.

»Ich will alles gestehen, alles, alles, ich muss, ich muss, Gott hat es mir befohlen!«, stieß sie mit kreischender Stimme hervor.

»Was haben Sie zu gestehen?«, fragte Leonor ganz ruhig.

»Mein Mann ist der schuldige Teil — verflucht, verflucht, verflucht soll er sein!!«

»Weshalb dieser furchtbare Fluch? Was haben Sie auf dem Gewissen?«, fragte Leonor ganz ruhig oder teilnahmslos.

Die alte Dame gestand alles — gestand, dass ihr Gatte, der Präsident, mit einigen anderen Bewohnern von Buenos Aires geplant habe, sich der Person von Leonor Morris und ihres Automobils zu bemächtigen, mit List oder Gewalt, auch unter Zuhilfenahme der Staatsgewalt, um sie ihres Geheimnisses zu berauben, für welches ihr von einer New Yorker Firma hundert Millionen Dollar geboten worden seien. Wenn man dabei nur den zehnten Teil verdiente, so genügte das ja schon.

Die alte Dame schilderte alles, alles ganz ausführlich, es kamen dabei ganz teuflische Pläne zum Vorschein. Wir geben sie nicht wieder, weil ja nichts aus ihnen geworden war.

Weshalb die alte Dame dies gestand? Weil sie eben die Gefangenschaft nicht vertragen konnte. Die letzten Stunden, die ganze Verzweiflung waren schuld daran. Und dann war es eben eine bigotte Spanierin, bei der die Religion zeitweilig noch eine ganz besondere Wirkung hat. Sie musste ihr Gewissen erleichtern.

Die Hauptsache aber war, dass dieses Geständnis auf Leonor nicht den geringsten Eindruck machte. Sie stellte auch nicht eine einzige Frage deswegen.

»So? Nun, das hat für mich nichts mehr zu sagen — gar nichts mehr — und Sie sind frei, ich bringe Sie zur Stadt zurück.«

So sprechend, verließ sie das Speisezimmer, lenkte das Automobil weiter in langsamer Fahrt nach der illuminierten Stadt zu.

Da, als sie erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, machten sich Menschen durch Rufe bemerkbar. Der vorausgeschickte Blendstrahl beleuchtete wieder dieselben Reiter, an ihrer Spitze abermals der Präsident.

»Bei allem, was mir heilig, Señor Hartung ist nicht aufzufinden, wie wir auch...«

»Es ist schon gut, er ist bereits da.«

»Wie, Sie haben ihn?«, stutzte der Präsident.

Sein freudiges Staunen kam erst hinterher.

»Ja — ich — habe — ihn — zurückerhalten!«, kam es langsam von des Mädchens Lippen.

»O, dann ist ja alles gut, dann ist ja alles gut! Ja, wie ist das eigentlich gewesen?«

»Mit Ihnen hat es wohl nichts zu tun gehabt.«

»Mit mir...? Wie meinen Sie das?«

»Es sind Andere gewesen, die Ihnen zuvorgekommen sind.«

»Mir — mir — zuvorgekommen?«, stotterte der Präsident.

»Ihre Frau hat mir alles gestanden.«

Das Pferd machte einen Sprung, als habe sein Reiter es herumwerfen wollen. Doch er blieb.

»Señor de Castro, Präsident der Republik Argentinien, blicken Sie dort zur Stadt zurück!«, erklang es feierlich aus dem Automobil.

Ganz mechanisch folgte er der Aufforderung, wandte sich im Sattel und sah vor sich in der finsteren Nacht die vielen Tausende von Lichterchen, sowohl Straßenlaternen als erleuchtete Fenster. Es sah so freundlich und friedlich aus, dass aber zu dieser Zeit, weit nach Mitternacht, alles noch erleuchtet war, das zeigte, welche Aufregung noch immer in der Stadt herrschte.

»Diese ganze Stadt«, kam es ebenso feierlich aus Leonors Munde, »ist wert, dass sie untergeht wie Sodom und Gomorra, dass Feuer und Schwefel auf sie nieder regnet. Mag Gott Ihnen verzeihen, ich kann es nicht. — Und nun gehen Sie!«

Auf ihren Wink hatte Adam bereits die beiden Damen herausgebracht, sie verließen das Automobil, gesellten sich zu den Reitern, eine Begrüßung fand nicht erst statt, sondern alle machten schleunigst, dass sie fortkamen. — —

Das Automobil war wieder ein Stück zurückgefahren. Über Georgs Tod wurde nicht gesprochen, jetzt nicht und niemals.

Es war ja einfach genug, wenn auch verschiedene Möglichkeiten vorliegen konnten. Entweder der Entschluss aller Anarchisten, wie wir die ganze Gesellschaft nennen wollen, hatte sich nach einer Beratung geändert, oder es waren zwei Parteien entstanden, von denen die eine vielleicht den Gefangenen der anderen wiederum entführt hatte.

Kurz, man hatte ihn eben gar nicht mehr gegen das Automobil ausliefern, sondern von Georg selbst das Geheimnis des Morrisits erfahren wollen, hatte ihn deswegen gefoltert; Georg hatte dabei seinen Tod gefunden.

Um nun dem Mädchen mitzuteilen, dass aus dem geplanten Tausche nichts mehr würde, dass sie nun nicht mehr an dem Gebüsch zu warten brauche, oder überhaupt aus teuflischem Übermute hatte man ihr den furchtbar Verstümmelten, den man jedenfalls schon für tot hielt, zugeschickt. Die Träger hatten die Bahre wohl nur schnell hinsetzen und dann die Flucht ergreifen sollen, wie denn auch alles gekommen war.

So und nicht anders war es gewesen. Die eine Partei, welche es auf das Automobil abgesehen hatte, mochte jetzt ebenfalls trostlos sein, dass alles anders gekommen war.

Leonor stand oben im Panzerturm, den Blick auf die erleuchtete Stadt gerichtet. Was in ihr vorging, kann nicht geschildert werden.

»Mag Gott Ihnen verzeihen, ich kann es nicht«, murmelte sie dieselben Worte, die sie zuletzt zu dem Präsidenten gesagt hatte, und dabei legte sie die Hand an die Drehkurbel der Revolverkanone.

»Leonor!«, sagte da leise in flehendem Tone Adams Stimme.

»Was gibt es?«

»Das werden Sie nicht tun! Dessen sind Sie nicht fähig.«

»Was nicht tun? Wessen soll ich nicht fähig sein?«

»Die Rache ist mein, spricht der Herr.«

»Ah, Sie meinen, ich könnte jetzt noch die ganze Stadt in Brand schießen?«

»Weil Sie doch von Sodom und Gomorra sprachen.«

»Ich meinte nur, diese ganze Stadt verdiente dasselbe Schicksal.«

»Und weil Sie doch sagten, dass Sie nicht verzeihen könnten.«

»Ich weiß, was ich sagte. Nein, verzeihen kann ich auch nicht. Das kann nur Gott. Ich aber bin ein Mensch. Nein, verzeihen kann ich nicht — doch Rache — das ist wieder etwas ganz anderes. Ja, ich habe die Macht in der Hand, ich brauchte hier nur diese Kurbel zu drehen, und in drei Minuten schlügen überall die Flamm...«

Das Wort erstarb ihr im Munde.

Da plötzlich schlug mitten aus der erleuchteten, sonst aber doch von Finsternis umhüllten Stadt eine Feuergarbe zum Himmel empor, und da am südlichen Rande noch eine, und jetzt eine an der nördlichen Grenze, und als die Luftwellen den Knall der Explosion in die Prärie hineintrugen, stiegen noch an vielen anderen Stellen der Stadt gleichzeitig solche Feuergarben auf.

Und es blieb nicht bei diesen raketenartigen Feuergarben. Sie hatten einen besonderen Zweck, und sie erreichten ihn. Plötzlich war ganz Buenos Aires ein einziges Feuermeer. Es herrschte kein Wind, aber eine lange Trockenheit war vorausgegangen, wie Zunder brannten die größtenteils aus Holz bestehenden Häuser.

Leonor glaubte wohl erst, nur eine Vision zu haben. Aber was sie sah, jetzt vom blutigroten Lichte erleuchtet, sprach zu deutlich. Ganz Buenos Aires brannte.

Da hob Leonor die Hand zum Schwure.

»Bei Gott dem Allmächtigen«, rief sie außer sich, »ich bin schuldlos an diesem Brande!!«

Es war fast lächerlich, dass sie sich vor Adam, der doch allein in Betracht kam, zu rechtfertigen suchte. Sie hatte ja keinen einzigen Schuss abgegeben.

»Und dennoch, das können nur Sie gewesen sein!«, rief Adam, nicht minder außer sich. »Sie haben gedroht, Sie müssen es gewesen sein!!«

Leonor verstand, was er meinte, und sie blieb ihm die Antwort schuldig.

Vor der Welt war sie zur furchtbaren Brandstifterin geworden, und wenn Gott es nicht wollte, sie selbst würde niemals ihre Unschuld beweisen können!

*

Kapitel 41
Die Preisgabe des Geheimnisses

In dem schon einmal erwähnten La Magdalena hatte Professor Lorenzo Martini sein Domizil aufgeschlagen, der berühmte Chemiker, von dessen künstlicher Darstellung der organischen Fette die ganze Welt sprach, welche Entdeckung für die Menschheit eine neue Epoche bedeutete.

Spricht der Verfasser dieses im Allgemeinen nicht günstig, sondern gewöhnlich sogar verächtlich über das ganze spanische Element, so gibt es, wie überall, so auch hier doch Ausnahmen. Wir wollen bedenken, dass Spanien einst allein die gesamte Kultur getragen hat, dass nach Salamanca und nach anderen spanischen Universitäten einst die schon anerkannten Gelehrten des übrigen Europas als Schüler gepilgert sind, um erst die richtige Weihe der Wissenschaft zu erlangen! Besonders in Chemie und Astronomie waren die Spanier tonangebend, und es wäre ja seltsam, wenn sich davon gar nichts mehr erhalten hätte.

Lorenzo Martini war eine Kapazität in der Chemie. Sein Name war von der Argentinischen Republik untrennbar. Wer weiß, wie der Bürgermeister von New York heißt? Aber dass in oder bei New York, in Orange, Edison wohnt, das weiß wohl ein jeder. Und bei Lorenzo Martini galt dies für ganz Argentinien. Vielleicht nur drei Prozent des ganzen Europas kannten den Namen des argentinischen Präsidenten, die anderen siebenundneunzig Prozent dagegen konnten sich entsinnen, das feine, aristokratische Gesicht dieses argentinischen Gelehrten schon einmal in einer illustrierten Zeitung gesehen, über seine einsame Lebensweise schon Anekdoten gelesen zu haben.

Also in La Magdalena hatte er seine Wohnung oder vielmehr sein Laboratorium. Der schon bejahrte Gelehrte, der noch so jugendlich aussah, hatte keine Zeit zum Heiraten gehabt, er sollte manchmal wochenlang nicht aus seinem Laboratoriumskittel herauskommen, und so viele dienstbare Geister auch sein großes Haus mit ihm teilten, so waren es doch nur Gehilfen bei seiner Arbeit.

Bis vor zwei Jahren war er täglich zur Hauptstadt gefahren, um an der Universität Vorlesungen zu halten. Seitdem kam er gar nicht mehr aus seinem Hause, man sah ihn höchstens einmal auf dem flachen Dache promenieren. Und seit gestern hätte er auch gar keine Vorlesungen mehr halten können, denn... Buenos Aires, die Halbmillionenstadt, war nicht mehr! Ihre letzten Brandreste mussten erst ausglühen, ehe sie wieder aufgebaut werden konnte.

Vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seitdem dieses teuflische Weib, welches solch höllische Erfindungen besaß, die Brandgranaten in die unglückliche Stadt geworfen hatte; denn wir sprechen so, wie die ganze Welt sprach.

Professor Martini befand sich in einem seiner vielen Laboratorien, filtrierte und beobachtete die erhitzte Retorte. Wie in seinem Hause, so herrschte auch in dem ganzen Städtchen die tiefste Ruhe der Nacht. In der gestrigen und heute den ganzen Tag war es hier freilich anders zugegangen. Da waren die Abgebrannten in hellen Scharen gekommen; ihr Jammern und ihre Verwünschungen, die gegen jenes Teufelsweib ausgestoßen wurden, hatten die Häuser erzittern gemacht.

So war es auch in den anderen, um Buenos Aires her liegenden Städtchen gewesen, wie in Zarate und Luxan, auch wenn sie nicht mit Eisenbahn verbunden waren. Aber das hatte sich im Laufe des Tages gelegt. Nur die sogenannten ›Besseren‹ waren untergebracht worden, die anderen waren bald von ganz allein zur Brandstätte zurückgekehrt. Unter den rauchenden Trümmern musste doch noch gar vieles liegen, und es galt zu retten, was noch zu retten war — nämlich vor plündernden Händen. Und kam man zu spät, so hielt man sich eben an dem Eigentum anderer schadlos oder tat dies auch von vornherein. Es entstand ein allgemeines Plündern, wobei noch mehr ihren Tod fanden als bei der Brandkatastrophe selbst.

Dann lagerte man im Freien, die Jahreszeit erlaubte es, und wartete auf Hilfe, die auch schnell genug von anderen Städten eintraf, und schon waren von entfernten Häfen Schiffe unterwegs, zunächst hauptsächlich Nahrungsmittel bringend. Sonst zeigte sich bald, nachdem sich der erste Jammer und die erste Wut über die Übeltäter gelegt, die faule Teilnahmslosigkeit dieser spanischen Bevölkerung. Noch war ja der Himmel blau und schien die Sonne warm, und die Verzweiflung der wenigen, die wirklich viel verloren hatten, kümmerte die große Masse des Volkes nicht.

So war die Gesamtlage. In La Magdalena herrschte also schon wieder Ruhe.

Da läutete die Hausglocke. Der in seine Arbeit vertiefte Professor achtete nicht darauf, bis einer seiner Assistenten herein gestürzt kam, ganz verstört.

»Herr Professor, das Teufelsautomobil...!«, brachte er keuchend hervor.

Ruhig bewegte der Gelehrte die Gasflamme unter der Glasretorte, um diese überall gleichmäßig zu erhitzen.

»Was für ein Teufelsautomobil?«, fragte er ebenso gelassen.

»Das jener Amerikanerin, der Leonor Morris!!«

»Nun, was ist damit?«

»Es hält unten vor unserer Haustür! Die Miss Morris will den Herrn Professor sprechen!«

Nun wusste Martini es. Aber es machte auf ihn gar keinen Eindruck, konnte ihn wenigstens nicht außer Fassung bringen, obgleich dieser Mann sonst gar nicht aussah wie so ein Geistesathlet, der für alles Andere, was nicht in seinem Berufe liegt, gänzlich abgestorben ist.

»Sie will mich sprechen?«

»Sie ist schon im Hof, vielleicht schon im Vorzimmer, sie lässt sich durchaus nicht zurückweisen, und — und wer soll denn so etwas bei der auch wagen!«

»Führen Sie sie herein!«

»Aber, Herr Professor, das ist doch unbedingt eine Anarchistin, wenn sie nun...«

»Führen Sie sie herein!«

Leonor trat ein.

Als der Gelehrte sich dem geisterhaft bleichen Mädchen allein gegenüber sah, da ward er doch von etwas gepackt.

Einen Schritt zurücktretend, streckte er wie abwehrend beide Hände gegen sie aus, von offenbarem Entsetzen erfüllt.

»Weib — Miss Morris«, flüsterte er, »Sie haben Buenos Aires, Sie haben eine blühende Stadt in Asche gelegt und viele Tausende von Existenzen ruiniert, Hunderte von Menschenleben vernichtet!!«

»Ich habe es nicht getan.«

Ganz gleichmütig, ohne jede Effekthascherei hatte Leonor es gesagt, und gerade das war so wirksam, dass der Professor gleich betroffen stutzte.

»Sie hätten es nicht getan?!«

»Nein!«

»Sie hätten gestern Nacht die Stadt nicht in Brand geschossen?«

»Nein!«

»Sie haben doch dem Präsidenten gedroht, es zu tun.«

»Ich mag gedroht haben, indem ich von Sodom und Gomorra sprach, aber das war nicht so gemeint. Ich habe niemals ernsthaft daran gedacht, solch eine Rache auszuüben.«

Groß und ernst blickte der Gelehrte das bleiche, schöne Mädchen an.

»Ich... ich möchte fast glauben, dass Sie die Wahrheit sprechen.«

»Das tue ich auch.«

»Ja, wer hat denn diesen fürchterlichen Brand verursacht?«

»Weiß ich es? Das zu ergründen, ist die Sache der Polizei.«

»Sie wird sich wenig Mühe geben. Es ist ganz selbstverständlich, dass Sie die Stadt in Brand geschossen haben, auf jene Weise, von der Sie ja mit Ihrem pneumatischen Geschütz schon eine Probe gaben. Morgen wird alle Welt schon so urteilen und Sie als das Scheusal dieses Jahrhunderts verdammen.«

»Wie man über mich spricht, ob man mich verdammt oder nicht, ist mir ganz gleichgültig. Ich selbst fühle mich unschuldig an dieser Katastrophe, ich bin es wirklich, und das genügt mir. Ich komme also nicht hierher, um mich deswegen zu rechtfertigen.«

»Weshalb wünschen Sie mich sonst zu sprechen?«

»Um Ihnen das Geheimnis des Morrisits mitzuteilen, dass Sie es nachprüfen und dann veröffentlichen, auf dass ich Ruhe habe vor weiteren Angriffen auf meine Person.«

Jetzt wurde der Gelehrte doch von einer gewaltigen Erregung ergriffen. Er rang sie nieder.

»Nun?«

»Sie wissen doch, was für eine Bewandtnis es mit dem Morrisit hat?«

»Selbstverständlich! Welcher Kulturmensch hätte heute nicht schon davon gehört! Der Ersatz für Kohle und Petroleum, die Revolution der ganzen Technik, der ganzen Menschheit, ihr zum Segen!«

»Es ist nichts weiter, als Natrium, metallisches Natrium.«

Einen Augenblick schwieg der Professor.

»Kaum glaublich!«

»Natrium in einem besonderen Aggregatzustand, erzeugt durch eine besondere Herstellungsweise.«

Leonor konnte diesen Chemiker natürlich nicht fragen, ob er wisse, was Natrium ist und wie man es herstellt.

Natrium ist das auf der Erde am weitesten verbreitete Metall, nur dass wir es nicht so kennen wie Eisen, Kupfer und die anderen Elemente, welche man für gewöhnlich als Metalle bezeichnet. Man darf sich von dieser Bezeichnung keinen beschränkten Begriff machen.

Natrium ist eine silberweiße Substanz, leichter als Wasser, also auf diesem schwimmend und es dabei zersetzend, oder sich vielmehr darin auflösend, unter Zischen und Wärmeentwicklung, wobei Wasserstoff entweicht, nicht aber etwa auch Sauerstoff, sodass das Morrisit wieder eine ganz andere Wirkung hatte.

Unser Kochsalz ist chlorsaures Natrium, unser Soda kohlensaures. Zur Herstellung des reinen Natriums wird ein Gemenge von kalzinierter, das ist wasserfreies Soda mit Steinkohlenpulver und Kreide erhitzt, reines Natrium destilliert in farblosen Dämpfen über, die sich zu jener silberweißen Substanz verdichten.

Aber reines Natrium kann an der Luft nicht bestehen. Es oxidiert sofort, verbindet sich mit dem Sauerstoffe der Luft. Aus diesem Grunde zersetzt es auch das Wasser, nur dass dabei kein Sauerstoff frei wird, sondern eine Oxigenverbindung des Natriums entsteht, Natronlauge.

Um es nun aufheben zu können, muss es gleich unter Luftabschluss kommen. Solch ein Mittel, das gar keinen Sauerstoff enthält, ist Steinöl, Petroleum. Die überdestillierenden Natriumdämpfe werden einfach unter Petroleum aufgefangen. Zuerst verdichten sie sich zu einer Flüssigkeit, welche aber, wenn das Petroleum immer kalt gehalten wird, sofort erstarrt, so lässt sich das Natrium sehr lange aufbewahren. Großen Wert hat es nicht, man braucht es fast nur im Laboratorium, im Drogengeschäft bekommt man für einen Groschen eine ganze Masse.

»Die Herstellung ist dieselbe«, erklärte Leonor. »Kalziniertes Soda wird mit Kohle reduziert, die Kreide dient nur als poröses Mittel. Aber die entweichenden Dämpfe nicht unter Steinöl, sondern unter Quecksilber aufgefangen. Ein mit Quecksilber gefüllter Zylinder ruht im Quecksilberbad, die Dämpfe treten ein, drücken das Quecksilber heraus. Die Dämpfe verdichten sich sofort zu einer Flüssigkeit, und nun ist der Unterschied der, dass dies eine Flüssigkeit bleibt. Sie erstarrt ganz, ganz langsam. Meinem Vater ist es gelungen, vor zwei Jahren eine feste Masse zu bekommen, was man ja in einem Glaszylinder beobachten kann. Ist dies aber geschehen, dann zeigt dieses so gewonnene Natrium ganz andere Eigenschaften als das uns sonst bekannte; es oxidiert nicht mehr, es zersetzt Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff. Man möchte fast annehmen, dass es ein Amalgam ist, eine Verbindung mit Quecksilber, aber mein Vater hat niemals auch nur die geringste Spur von Quecksilber darin nachweisen können. Trotzdem ist zu dem Auffangen nur Quecksilber verwendbar, bei jeder anderen Substanz entsteht das bekannte Natrium, und so ist anzunehmen, dass das Quecksilber dennoch eine wichtige Rolle bei der Wandlung spielt, wenn wir das Wie auch nicht begreifen. Das ist die ganz einfache Herstellung des Morrisits, von dem nach zwei Jahren das Gramm, mit dem man für alle Ewigkeit eine Pferdekraft entwickeln kann, keinen Zehntelpfennig kostet.« —

Der Professor konnte nur den Kopf schütteln.

»Kaum glaublich!«

»Wie? Sie können noch zweifeln?«

»Nein, das kann ich nicht. Nur die Einfachheit wirkt so verblüffend.«

Leonor zog aus ihrem Busen einen kuvertierten Brief.

»Hier habe ich es auch schriftlich niedergelegt, ganz ausführlich. Vor anderthalb Jahren hat mein Vater zweitausend Zentner Natrium auf diese Weise hergestellt, in anderthalb Jahren werden ebensoviel Zentner fertig sein. In diesem Schreiben ist auch die Stelle bezeichnet, wo man die eisernen Zylinder finden wird. Ich übergebe sie dem Gebrauch der Menschheit, ohne dafür etwas zu fordern. Nehmen Sie dieses Schreiben, und ich bitte Sie, seinen Inhalt in die breiteste Öffentlichkeit zu bringen.«

Zuletzt hatte Leonor mit etwas zitternder Stimme gesprochen, und mit sichtlicher Erregung nahm der Professor den Brief, ohne ihn vorläufig zu erbrechen, wog ihn in der Hand, und es war selbst in der Weltgeschichte, in der ganzen Kultur der Menschheit, ein gar gewichtiger Gegenstand, den er in der Hand hielt, so leicht das Schriftstück auch sein mochte.

»Ach, Miss Morris!«

»Nun?«

»Warum haben Sie das nicht eher getan?«

»Weshalb?«

»Viel, viel wäre Ihnen dadurch erspart geblieben.«

»Was wissen Sie davon?«

»Ich habe von einem Bombenattentat in Kapstadt gehört, von einer Höllenmaschine an Bord des Dampfers, den Sie zur Überfahrt benutzten.«

»Haben Sie? Das gab bei mir auch den Ausschlag. Schon an Bord dieses Schiffes war mein Entschluss gefasst, mein Geheimnis der Öffentlichkeit preiszugeben. Leider habe ich ihn etwas zu spät ausgeführt. Aber andere Menschen sollen meinetwegen nicht mehr in Lebensgefahr kommen.«

»Ist denn Ihr verschwundener Begleiter Mr. Hartung wieder aufgetaucht?«

»Ja«, entgegnete Leonor kurz, aber hierzu auch nichts weiter sagend. Was ging es andere an, welches furchtbare Leid sie betroffen hatte?

»Sie werden«, fuhr sie gleich fort, »diesen Brief in Zeitungen veröffentlichen?«

»Selbstverständlich, und es genügen einige große Zeitungen, alle anderen drucken ihn ja dann doch nach. Also, Miss Morris, Sie haben wirklich keine Brandbomben in die Stadt geschossen?«

»Bitte, hierüber brauchen Sie nichts zu bringen. Ich bin schuldlos, ich brauche keine Rechtfertigung. Mag man über mich denken, wie man will, ich gehöre von jetzt ab nicht mehr dieser Welt an.«

»Haben Sie schon die heutige Zeitung gelesen, die in La Magdalena erscheint?«

»Nein.«

»Der Präsident selbst hat über Sie das Wort ergriffen.«

»Wie soll ich denn zu einer Zeitung kommen?«

»Vielleicht interessiert es Sie aber dennoch. Hier, lesen Sie!«

Er nahm aus einer Schublade eine Zeitung, am Nachmittag in La Magdalena erschienen. Der Präsident selbst hatte den Hauptartikel geschrieben.

Bevor er auf die Brandkatastrophe zu sprechen kam, legte er ein Geständnis ab, wie er Miss Leonor Morris mit ihren Begleitern und dem ganzen Automobil beim Betreten des argentinischen Bodens habe festnehmen wollen, aber aus keinem anderen Grunde, als weil er durch Zufall von einem Komplott erfahren habe, wie man sich des Automobils habe bemächtigen wollen, natürlich um seine Geheimnisse durch Gewalt zu erfahren. Leider habe er, der Präsident, zu spät davon gehört, sodass er ganz nach eigenem Ermessen hätte handeln müssen, und dennoch sei er zu spät gekommen.

Und so ging die Rechtfertigung weiter. Der Präsident hatte eben sein Gewissen schlagen gefühlt, weil seine Frau alles verraten hatte, er beugte einer Verantwortung vor, und er hatte seine Sache äußerst geschickt gemacht.

Natürlich durchschaute Leonor alles sofort, und es machte keinen anderen Eindruck auf sie, als dass sie halb mitleidig, halb verächtlich lächelte.

Dann schilderte der Präsident weiter seine Unterredungen mit Leonor, besonders die letzte, wie sie ihm die Bombardierung der Stadt direkt zugesichert habe, und sie hatte ihr Wort gehalten — »und nun mag Gott ein gnädiger Richter sein für das tausendfältige Elend, das dieses Weib über unsere Stadt gebracht hat!«

Die anderen Artikel waren weniger edelmütig gehalten, nach spanischer Weise wurden selbst in solch einer Zeitung auf die Brand- und Mordstifterin alle Flüche des Himmels herabgewünscht.

Leonor hatte die anderen Artikel nur überflogen, gab die Zeitung zurück.

»Meinetwegen. Mir ist alles gleichgültig. Ich bedarf keiner Rechtfertigung, deshalb also, Herr Professor, wollen Sie sich nicht bemühen.«

»Es dürfte auch wenig Zweck haben.«

»Wie gesagt, es ist mir völlig gleichgültig, wie man über mich denkt. Aber etwas anderes über mich zu veröffentlichen, möchte ich Sie noch ersuchen.«

»Bitte!«

»Ich habe in dem Automobil noch einige andere Erfindungen, die mein seliger Vater gemacht hat. Von dem pneumatischen Geschütz und von den Geschossen habe ich gestern ja eine kleine Probe gegeben, als ich die Holzhütte in Brand schoss und dann spurlos verschwinden ließ. Vielleicht haben Sie auch schon von den pneumatischen Gewehren und Pistolen gehört?«

»Gewiss, und auch der Explosivstoff soll ja ein ganz neuer, von furchtbarer Wirkung sein, wie Sie selbst dem Präsidenten sagten, und wie er mit eigenen Augen gewahrte.«

»Nun, das Morrisit habe ich hiermit der Öffentlichkeit übergeben, denn das ist eine segensreiche Erfindung. Dass dadurch erst viele Bergwerksarbeiter und andere brotlos werden, hat nichts zu sagen, der einzelne muss für das Gesamtwohl leiden. Aber alle anderen Erfindungen meines Vaters, die mein Automobil birgt, werde ich nicht preisgeben, sie könnten in den Händen von unlauteren Menschen zu sehr missbraucht werden und... ich habe den Egoismus der Menschen unterdessen zur Genüge kennen gelernt. So berichten Sie denn den Zeitungen: ich habe meine Pflicht getan; niemand hat mehr einen Grund, mich zu verfolgen; ich werde den mir einmal vorgenommenen Weg um die Erde vollenden, denselben, den einst Georg Hartung genommen hat, ich selbst tue keinem Menschen etwas; aber wer mir noch feindselig in den Weg tritt, den werde ich vernichten!«

Leonor hatte zuletzt mit einer gewissen Feierlichkeit gesprochen. Der Professor senkte nur zustimmend das Haupt.

»Wissen Sie, was ein Desperado ist?«, fuhr Leonor fragend fort.

»Das weiß man wohl hier in diesen spanischen Gegenden am allerbesten.«

»Ein Verzweifelter — ein Mensch, der für vogelfrei erklärt worden ist oder sich dafür hält, der sich ständig auf der Flucht befindet, und wer in seiner Gegenwart auch nur eine verdächtige Bewegung macht, den schießt er auf der Stelle nieder.«

»Sie sagen es.«

»Und um jeden darauf aufmerksam zu machen, dass er ein Desperado ist, um jeden zu warnen, führt er an seinem Hute eine rote Kokarde oder ein rotes Band, überhaupt etwas Rotes, was deshalb sonst am Hute zu tragen streng verpönt ist.«

»Ja, eben deswegen, weil es am Hute die Farbe der Desperados ist, wie auf dem Schiffe das Zeichen der Seeräuber.«

»So werde auch ich diese Farbe führen, mein Automobil eine rote Flagge, auf dass jeder gewarnt ist. Man hat mich zur Desperado gemacht — gut, so werde ich eine sein. Stellt man mir noch fernerhin nach, so will ich auch mein Leben so teuer wie möglich verkaufen. Ich will noch nicht sterben. Sonst hätte ich schon Selbstmord begangen. Ich war bereits nahe daran. Aber ich verachte den Selbstmord. Nur wenn mein Automobil unrettbar in die Hände von mir nachstellenden Menschen fällt, die es auf meine anderen Geheimnisse abgesehen haben — nur dann würde ich es noch rechtzeitig in die Luft sprengen, es in Atome zersplittern lassen — und mich und meine Gefährten mit. So, Herr Professor, das wollen Sie berichten.«

Der Gelehrte verneigte sich zustimmend, Leonor senkte nur etwas den Kopf, und dann verließ sie ohne Gruß, wie sie gekommen war, wieder das Laboratorium.

Auf der Straße stand das Automobil mit hochgezogenen Panzerplatten, auch die Schießscharten waren geschlossen, nur vorn und hinten brannte ein intensives Licht, wenn auch gerade kein Scheinwerfer, und das Hintere ließ noch deutlich die blutigrote Flagge erkennen, welche das Automobil jetzt schmückte, allerdings ein gefährlicher Schmuck.

Die Einfahrt des Automobils in das Städtchen hatte nicht verborgen bleiben können, jetzt wusste wahrscheinlich schon die ganze Bevölkerung, dass das Teufelsfahrzeug vor dem Hause des Professors Martini hielt, dass sich seine Besitzerin zu diesem hineinbegeben hatte.

Aber keine staunende oder verwünschende Menge umstand das Automobil, niemand zeigte sich in dieser Straße, nicht in den benachbarten. Wer sich noch draußen befunden, der hatte sich in das nächste Haus geflüchtet und erzählte; und die anderen warteten mit Entsetzen, was ihnen dieses Teufelsfahrzeug nun bringen würde, es führte doch nicht umsonst die Desperadoflagge, und eifrig wurden die Rosenkränze gedreht und alle Heiligen angerufen.

So gelangte Leonor unbelästigt in ihr bewegliches Heim zurück. Da kam aus einer Seitenstraße ein altes Weib angerannt. Es war das mutigste von allen, oder ein besonderes Unglück, das sie bei dem Brande erlitten hatte, mochte ihr eine todesverachtende Wut eingeflößt haben.

Maximus setzte sich in Bewegung, aber schon war das Weib zur Stelle.

»Brandstifterin, du tausendfältige Mörderin!«, erklang es kreischend, und die knochigen Fäuste wurden geschüttelt. »Du Ausgeburt der Hölle, du Abschaum der Erde...!«

Mehr vernahm Leonor nicht, das schnelle Fahrzeug hatte sich schon zu weit entfernt, und Adam hätte der Schimpfenden gewiss gern noch ein Prieschen angeboten.

Durch dieses Weib hatte Leonor das Urteil des ganzen Volkes, der ganzen Welt, über sich vernommen; aber es machte auf sie gar keinen Eindruck.

Das Städtchen lag hinter ihnen, es ging in die Pampa hinaus.

»Wohin nun?«, fragte Adam, wie er im Laufe des Tages schon so oft gefragt hatte.

Denn den ganzen Tag lang war Leonor ziellos durch die Steppe hin und her gejagt.

»Noch einmal möchte ich an seinem Grabe beten, und dann verfolgen wir seinen Weg weiter«, lautete ihre Antwort.

*

Kapitel 42
Ein Mazeppa der Pampa

In zwei Tagen und Nächten hätte Maximus bei fünfzig Kilometern Geschwindigkeit ganz Argentinien bis hinab nach Valdivia durchqueren können. Dieses gehört zu Chile, doch Chile ist ja nur ein schmaler Küstenstrich.

Leonor nahm sich jedoch Zeit, viel mehr Zeit als früher. Georgs zweibändige Reisebeschreibung, welche sich in der Bibliothek befand, in der sie aber bisher kaum gelesen hatte, da sie ja alles noch einmal aus seinem eigenen Munde vernommen, kam jetzt fast gar nicht mehr aus ihrer Hand.

Georg hatte dieses Werk tagebuchartig geschrieben. Trotz seiner schnellen Füße war er im Gegensatz zu diesem Automobil ja nur ganz langsam vorwärts gekommen, gerade in dieser Pampa hatte er viel erlebt, hatte die betreffenden Gegenden immer genau bezeichnet, und das alles erlebte Leonor nun noch einmal mit, las die Schilderungen der überstandenen Abenteuer immer an Ort und Stelle, und deshalb, um die Szenerie stets vor Augen zu haben, fuhr sie auch nicht des Nachts.

So hatte sie am zweiten Tage erst die Hälfte dieser Strecke von zweihundert geografischen Meilen zurückgelegt.

Dabei verfolgte sie die Straße, welche man auch auf größeren Landkarten durch die Pampa führend angegeben findet, obgleich bei Herausgabe dieser Karte durchaus nicht an Automobilreisende und andere Globetrotter gedacht worden ist.

Es ist etwas ganz Merkwürdiges mit diesen Straßen. Man denke ja nicht an eine Chaussee oder auch nur an einen deutlich sichtbaren Weg. Das ist er nur im Herbst, wenn das vertrocknete Gras die Spuren der darauf Gewanderten zurücklässt. Allzu oft wird diese Straße ja nicht benutzt, nur von wenigen Reitern, von der allwöchentlich gehenden Post, von Passanten zwischen den einzelnen Ansiedlungen und Estancias, Farmen, welche längs dieser Straße liegen. Im Frühjahr, wenn nach der Regenzeit, die auch häufig Überschwemmungen mit sich bringt, das frische Gras wuchert, ist solch eine Straße nur noch für das Auge des in dieser Gegend geborenen Gauchos, des südamerikanischen Cowboys, erkennbar, fremde Reisende bedürfen seiner als Führer; doch so ein Gaucho wiederum braucht gar nicht nach Spuren zu suchen, er verfolgt diese Straße mit verbundenen Augen, ohne jemals nach links oder rechts abzuweichen.

Wie ist nun solch ein Weg, der mehr in der Luft liegt, dabei aber immer im Zickzack führt, entstanden? Da müssen wir bis zur Urzeit, wo es noch gar keine Menschen gab, zurückgreifen.

Was man von solch einem Wege verlangt, ist immer dasselbe: er muss möglichst bequem sein, indem er alle Naturhindernisse zu vermeiden sucht, Gebirge und selbst hügeliges Land; über ein Gebirge hinweg sucht er sich den niedrigsten Pass, der Überschwemmung ausgesetzte Strecken müssen vermieden werden, er umgeht Sümpfe oder passiert sie auf festen Pfaden, er sucht an einem Flusse die ungefährlichste Furt, und sonst ist frisches oder manchmal auch fauliges Trinkwasser die Hauptsache.

Nach diesen Gesichtspunkten würden die Menschen eine neue Straße anlegen. Diese muss aber doch erst ausspekuliert werden, wozu unter Umständen die Erfahrungen von vielen Generationen notwendig sind.

Aber das haben wir Menschen gar nicht nötig, diese Kalkulation haben vor uns schon die Tiere besorgt, zu einer Zeit, als Adam und Eva noch nicht lebten.

Als nach der ersten Besiedlung Nordamerikas durch Europäer einzelne kühne, jagdlustige Abenteurer in das Innere des neuen, sonst doch noch völlig unbekannten Weltteils vordrangen, wie ein Daniel Boone — von welchem historischen Jäger der Schreiber dieses dem Leser später einmal etwas erzählen möchte, weil er hierzu die besten Unterlagen besitzt, ein amerikanisches Jägerleben aus dem 18. Jahrhundert(1) — da brauchten sich diese Männer nicht erst Wege zu suchen. Sie fanden solche schon vor, förmliche Landstraßen. Aber von Indianern waren die freilich nicht angelegt. Die Indianerstämme hatten damals noch mehr als jetzt festbegrenzte Jagdgründe, die sie nie verließen, sonst kamen sie in Gegenden, die auch für die eingeborenen Jäger eine Wildnis bedeuteten, in der sie von ihrem sonstigen Instinkt verlassen wurden, in der sie sich nicht mehr zurechtfinden konnten, und verirrten sie sich in das Gebiet eines anderen Stammes, so wurden sie getötet, und die dazwischenliegenden ungeheuren Gebiete waren völlig menschenleer.

(1) Im Original steht ›16. Jahrhundert‹; Daniel Boone lebte aber von 1734— 1820.

Trotzdem führten überall Wege von Wasserstelle zu Wasserstelle, alle Hindernisse und Unbequemlichkeiten möglichst vermeidend, also breite Landstraßen, mit so hartem Boden, dass er kaum noch in der Regenzeit aufgeweicht wurde.

Das waren die Straßen, welche die ungeheuren Büffelherden auf ihren Wanderungen nahmen. Ihnen nach folgte alles andere Wild, welches nicht erst den Boden festzutreten und nach besonderen Trink- und Futterstellen zu suchen brauchte. Und durch den Urwald, der vom Bison gemieden wird, führten wieder schmalere Pfade, von Hirschen ausgetreten. Aber diesen bequemsten Weg durch den Wald auszufinden, hatten auch diese Hirsche nicht mehr nötig gehabt, das hatten bereits die vorsintflutlichen Tiere besorgt, das Mammut, das Mastodon, und wie sie alle heißen.

Einen deutlichen Beweis hierfür gibt die vierzehn geografische Meilen lange Grenzstraße zwischen Kansas und Arkansas, die auch über einen Gebirgspass führt. Auf der einen Seite endet sie an einem Flusse, auf der anderen in einem salzigen Sumpfe. Heute ist das eine gute Poststraße. Alte Leute können sich noch entsinnen, dass dieser Weg einst von zahllosem Wild begangen wurde, welches in dem Sumpf Salz lecken wollte, dann aber schnell machen musste, dass es wieder zu der nächsten und doch so weit entfernten Tränke kam. Und dieser Sumpf ist noch heute der ausgiebigste Fundort von riesigen Knochen urweltlicher Tiere, die man aber ab und zu auch noch seitwärts dieses Weges findet, besonders in den Höhlen des Gebirges, wo sie verendet sind, nicht minder in dem Bette jenes Flusses.

So also sind auch die Wege durch die südamerikanischen Pampas und Llanos entstanden, welche heute von dem handwerksmäßigen Kartografen mechanisch auf die Platte gezeichnet werden. Schon das ausgestorbene amerikanische Pferd, der Urzeit angehörend, hat sie begangen, hat sie zur verdorrenden Sommerzeit mit schnaubenden Nüstern durchflogen, um zur nächsten Wasserstelle zu gelangen, ist auf ihnen vor der nachfolgenden Überschwemmung geflohen — diesem Zeugen einer menschenlosen vorhistorischen Zeit folgten die Tiere der jetzigen Periode. Was doch einmal Erfahrung gewesen sein muss, war bei ihnen schon zum Instinkt geworden, und dieser übertrug sich auf einen ersten Menschen und auf dessen Nachkommen; die Indianer der Pampas erbten ihn, auch der verwilderte Enkel der Spanier, der Gaucho und der Vaquero, besitzt ihn noch — erst der Europäer hat ihn bei seiner hohen Kultur verloren, er muss den Instinkt des verwilderten Menschen zu Hilfe nehmen, der ihn wieder von den Tieren geerbt hat bis hinauf zu den vorsintflutlichen Geschöpfen.

*

Auf Leonors Karte war an diesem Wege hin und wieder ein Kreis eingetragen, wie man doch gewöhnlich eine Stadt bezeichnet. Aber wenn sie hinkam, so war es immer nur ein Gehöft, eine Estancia als Zentralpunkt großer Rinderherden. Und hätte sie die genaueste Spezialkarte gehabt, sie hätte nicht mehr solcher Farmen als ›Städte‹ eingetragen gefunden, als in diesem doch immerhin nur kleinen Handatlas. Solch eine Ansiedlung, auf der sich keine hundert Menschen versammelt haben, oder auch nur die armseligste Hirtenbude, hat eben in der Pampa für den Reisenden dieselbe Bedeutung, wie für uns eine große Stadt.

Leonor umfuhr diese Ansiedlungen und Gehöfte stets. Sie wollte nicht mehr mit Menschen in Berührung kommen. Wohl hatte da Georg manches erlebt und es in seinem Buche beschrieben, aber dann genügte es Leonor, solche Ortschaften von Weitem zu betrachten, wobei sie freilich manche Stunde verträumte.

Sonst ging es immer durch die endlose Pampa; zwischen den einzelnen Estancias Strecken, zu denen ein Reiter viele Tage brauchte. Der Weg war zu dieser Jahreszeit deutlich erkennbar, sonst konnten sie sich ja auch mit dem Sextanten orientieren, und auf Trinkwasser war das Automobil nicht angewiesen.

In der Nähe der Farmen riesige Rinderherden, weiter draußen in weiter Ferne oftmals wilde Pferde, Mustangs, hier Cimarrones genannt, Antilopen, Nandus, die amerikanischen Strauße, einmal ein Jaguar — alles schreckerfüllt fliehend vor dem gepanzerten Ungetüm.

Man begegnete dem Postwagen, mit acht Maultieren bespannt, überholte zwei einzelne Reiter und eine größere Karawane, das war alles, und Leonor hatte keinen Menschen angesprochen, noch weniger sich aufhalten lassen.

Dann in der Ferne einmal Indianer. Auch sie flohen davon, und Leonor eilte ihnen nicht nach, obgleich Georg in seinem Buche von diesen Pampaindianern genug erzählt, mit einem Häuptlinge der Penchuenchen besondere Freundschaft geschlossen hatte. Aber Leonor nahm nur mit, was ihr direkt am Wege lag, was ihr begegnete. Und dabei ließ sie sich in kein Gespräch ein.

Es war am frühen Nachmittage des zweiten Tages. Mitten in der hier ziemlich hügelig gewordenen Pampa. Die letzte Estancia hatte man schon zwanzig Meilen hinter sich, und so bald würde auch keine andere kommen.

Da galoppierte hinter solch einem Hügel ein reiterloses Pferd hervor. Es musste sofort auffallen, einzelne Mustangs sieht man gar nicht.

»Nee, das hat'n Reiter uff'n Buckel!«, rief da Adam.

Jetzt erkannte das auch Leonor. Auf dem Rücken des Pferdes lag langausgestreckt ein Mensch. Mehr war vorläufig nicht zu unterscheiden, es war auch keine Zeit dazu. Das Pferd, ein schönes, kraftvolles Tier, hatte über den Weg gewollt, stutzte beim Anblick des heranbrausenden Automobils, wurde verwirrt, wusste nicht, ob vorwärts oder zurück, dann warf es sich herum und verschwand in Karriere hinter dem nächsten Hügel.

Doch der kurze Anblick hatte genügt. Wie die menschliche Gestalt so langausgestreckt auf dem Rücken des Pferdes gelegen hatte, sich nicht aufrichtend — es war doch etwas ganz, ganz Merkwürdiges gewesen!

»Ein Mazeppa!!«, hatte Leonor fast sofort gerufen, und schon lenkte sie das Automobil vom Wege ab nach jenem Hügel.

»Een was?«, fragte Adam.

Leonor antwortete nicht, gab vorläufig keine Erklärung, und schnell genug war Maximus um den Hügel herum.

Da war es wieder, das Ross. Das Automobil hätte es fast überfahren. Das Pferd hatte sich hinter dem Hügel in Sicherheit gefühlt, hatte gegrast. Jetzt freilich machte es einen mächtigen Sprung, jagte in wilder Flucht davon, aber schon hatte man genug gesehen.

Es war ein bärtiger Mann, halbnackt, der liegend mit Stricken auf dem Rücken des Pferdes festgebunden war, das Gesicht nach oben, was bei dieser Sonnenglut noch eine besonders furchtbare Qual sein musste.

Jetzt hatte auch er das Automobil gesehen, man hörte sein Brüllen. Aber Leonor wusste wohl, was sie tat, dass sie zunächst bremste, und da Adam nichts sagte, musste er diesem Manöver beistimmen.

Es galt, das Pferd erst zu beruhigen; entgehen konnte es dem schnellen Automobil ja nicht — es handelte sich nur darum, wie man es fangen konnte, ohne den festgebundenen Reiter zu beschädigen.

In einiger Entfernung mäßigte das Ross denn auch seinen Lauf, noch eine Strecke Trab, dann begann es wieder zu grasen. Dem Manne waren auch die Arme gebunden, sonst hätte er sicher gewinkt.

»Ein Mazeppa!!«, wiederholte Leonor. »Ein Mazeppa der Pampa!«

»Heernse«, fing da Adam an, zu dem Zentauren blickend und dabei eifrigst schnupfend, »da habb'ch mal enne Geschichte geläsen, von den Indjanersch, bei denn war'n so Blassgesichte zu Gaste, se hatt'n ganz freindlich uffgenomm — awwer das war ä Schweinehund — — äää dräckjer Lump, wollt'ch sagen — der hatte so'ne Indianerfrau ververververver... na, Se wissen schon, was'ch meene — der hatte so'n Techtelmechtel mit'r gehabt — awwer de Frau war ooch mit schuld dran — un wie das rausgegomm is, da hamm die Indjanersch alle beeds zusamm uff ä wildes Färd gebunden un das so naus in de Brääärie gehetzt...«

»Ja, ja, das war Mazeppa!«

»Nee, nee, Mazebba hieß der nich, der hieß andersch.«

»Ich meine, das war das Los des Mazeppa. Haben Sie noch nichts von ihm gehört?«

»Ich? Nee.«

»Das war ein berühmter Kosakenhetman, im 17. Jahrhundert. Auch er hatte sich so etwas zuschulden kommen lassen, gegen die Frau eines Magnaten, und da band ihn dieser auf den Rücken eines Pferdes und jagte es in die Steppe hinaus. Dieser Stoff ist künstlerisch oft verwendet worden.«

»Ginstlerisch? Nu, da is doch gar nischt Ginstlerisches dabei. Das is doch ganz eefach enne ganz gemeene Gemeenheet. Hat er'sche denn ooch gefressen?«

»Gefressen? Wen?«

»Nu, das Weibsen.«

»Ich verstehe nicht.«

»Nu, das Weibsen, das mit'n zusammgebunden war.«

»Mazeppa war allein auf den Rücken des Pferdes gebunden, so kam er in seinem Gutshof an.«

»Achso! Nee, der Gerl bei mir war mit dem roten Weibsen zusammgebunden, un das Weibsen war iewerhaubt schon dod, un weil er nu Hunger kriegte, da musste er an der Leiche herumgnabbern. Is das etwa ginstlerisch? Na, ich danke! Ich hatte vorher grade Gardoffelsalat gegessen, der musste awwer glei widder raus.«

»Ja, wie sollen wir aber nun des Pferdes habhaft werden?«

»Nu, Salz uff'n Schwanz schtrein nitzt da nischt.«

»Mr. Green, wie können Sie bei solch einer furchtbaren Situation noch Witze machen!«

»Nenee, ich mache geene Witze, 's is mei vollgommener Ernst. Wissen Se, wie Sie damals mit dem Gulasch — Gulatsch oder wie das Luder hieß...«

»Kulan.«

»Jawohl, wie Sie damals mit dem Gulan durch de Labben ging, da fiel mir schon was ein. Was hätten mir denn machen sollen, um Sie lebendg wieder runterzubringen, ohne gebrochenen Hals? Jeorg wollte das Vieh im Vorbeifahren mit seinem Lasso fangen, awwer da wäre das Dier womeeglich doch ähmfalls geschtärzt. Wissen Se, da habb'ch so simuliert, falls Se sich widder mal uff so'n Gulan setzen wollten. Man darf so'n Färde das Salz nich uff'n Schwanz schtrein, sondern uff de Nase, in de Nase, ins Gesichte, awwer geen Salz, sondern Schnubbtabak...«

»Adam, sind Sie bei Sinnen?!«

»Lassen Se mich nur ausschbrechen, mir hamm ja Zeit. Awwer noch besser als Dobbelveilchen is das andere Luderzeig, Se wissen schon, mit dem ich ooch damals in dem Felsenbass den Reiberhaubtmann besoffen machte.«

Betroffen blickte Leonor auf.

»Sie meinen, das geht?«

»Nu, mir missen's mal brobieren.«

»Eine Idee wär's.«

»Die is von mir, von mir!«

»Sie meinen wohl...«

»Hinschießen, nadierlich — dass Se mir nich etwa zuvorgomm un sich die Idee badendieren lassen.«

»Mit der Luftbüchse?«

»Oder ooch mit'r Ganone, wie's eben glabbt.«

»Aber wenn das Pferd augenblicklich umfällt, so zerquetscht es den hilflosen Mann.«

»Nu, so oogenblicklich wärd's wohl nich glei umfalln, so nach un nach — denn was so'n richtges Färd is, das muss doch ooch enne Färdenadur hamm — oder meenen Se nich?«

Die Vorbereitungen zu diesem kuriosen Pferdefang wurden sofort getroffen. Adam fertigte aus Papierhülsen zwei Patronen, die mit jenem betäubenden Pulver gefüllt wurden. Die eine war für eine Luftbüchse bestimmt, mit der wollte Leonor schießen, während Adam die pneumatische ›Ganone‹ bediente. Es sollte gleichzeitig bei günstigster Gelegenheit geschossen werden.

Das Pferd graste unterdessen in einer Entfernung von einem halben Kilometer ruhig weiter, nur manchmal nach dem haltenden Automobil äugend. Aber schon das war ein Zeichen, dass es kein Wildling war. Sonst hätte es sich doch von allem Anfang mit dem Reiter gewälzt, diesen zerdrückend, und das hatten jene, die diesen Straf- oder Racheakt, um den es sich doch offenbar handelte, inszenierten, auch vorgesehen, sie hatten ihm wahrscheinlich sein eigenes Pferd gegeben, das ihn auf dem Rücken duldete, sich aber auch von keinem anderen Menschen fangen ließ. Und durch den bloßen Zuruf konnte er es nicht regieren.

Die Patronen waren noch nicht ganz fertig, als Adam in seiner Beschäftigung einmal stockte.

»Sie, Leonor, wenn das nu widder so enne Falle is?«

»Was für eine Falle?«

»Nu, die uns irgend so'n Schwei... so'n Halunke stellt.«

»Mir ist nichts mehr abzunehmen.«

»Nanu! Wir hamm doch noch genug. Un die hier dazu angaschiert sin, die wissen ieberhaubt noch gar nischt davon. Denken Se nur damals an den Neger von der Schklavenkarawane.«

»Das war etwas ganz anderes. Unsertwegen soll hier jemand auf das Pferd gebunden sein? Ihr Misstrauen geht zu weit. Machen Sie, dass Sie schnell fertig werden. Wie lange mag dieser Unglückliche sich schon in dieser Lage befinden! Was mag er ausgestanden haben!«

Die Patronen waren fertig, Gewehr und Geschütz wurden geladen. Näher zu kommen brauchte man nicht erst zu versuchen, die fünfhundert Meter Entfernung spielten ja weder für diese Waffen noch für Maximus eine Rolle.

»Fertig!«, kommandierte Adam, nachdem er die Entfernung bis zum Meter gemessen, im Panzerturm, welchen das Automobil jetzt immer aufgesetzt hatte.

Jetzt hob das grasende Pferd wieder einmal den Kopf, den es immer dieser Richtung zugekehrt hatte.

»Feuer!!«

Zwei gelbe Strahlen sausten durch die Luft, bald sich zu einem vereinend, und dann war der Pferdekopf in eine gelbe Staubwolke gehüllt.

Gleichzeitig setzte der eine Arbeiter das Automobil in Bewegung, und Leonor löste ihn ab.

Als der Maximus sich näherte, brach das Pferd zusammen, doch nicht seitwärts, sondern in die Knie, legte sich auf den Bauch, streckte den Kopf vor, und so blieb es bewegungslos liegen.


Illustration

Was nötig, das war natürlich alles schon besprochen worden.

Leonor war bereits draußen, ein Messer in der Hand. Der Mann war auf eine mörderliche Weise mit Riemen umschnürt. Das war es, was sie zuerst für Lumpen gehalten. Sonst war er ganz nackt.

Schnell wurden die vielen Riemen durchschnitten. Es war ein schwarzbärtiger Spanier, das Gesicht an Farbe das eines Mulatten, die Haut des Körpers mehr rot, aber nur auf der vorderen Seite, so hatte die Sonne ihn gebrannt, außerdem ganz mit Blasen bedeckt. Nur dort, wo die Haut durch die Riemen vor der Sonne geschützt gewesen, war sie ziemlich weiß.

Was er sagte, verstand man nicht. Es war nur noch ein Röcheln. Nur ein Wort war vernehmlich.

»Wasser, Wasser!!«

Adam warf ihm einen Mantel über, schleifte ihn mit Hilfe der Arbeiter, da er nicht mehr selbst gehen konnte, in das Automobil.

Nachdem der Befreite mit furchtbarer Gier einen ganzen Eimer Wasser ausgetrunken hatte, fiel er sofort in Schlaf — oder in Ohnmacht.

»Meinen Sie nun noch, dass sich jemand solchen Strapazen aussetzt, um mit uns in Verbindung zu kommen?«, fragte Leonor.

Adam zuckte skeptisch die Schultern.

»Fier hundert Millionen Dollar ist der Mensch zu vielem fähig.«

»Wir werden ihn gleich wieder absetzen.«

»Na, dann dun Se's nur, ich werde einstweilen seinem Färde 's Ottegolonjefläschchen unter de Nase halten, dass'r sich dann glei widder druffsetzen gann.«

Das Pferd war bewusstlos geworden, kam aber bald wieder zu sich. Inzwischen wurde dafür gesorgt, dass es an den Fesseln gekoppelt war, wenn es sich wieder erhob.

Noch ehe dies geschah, war schon der Mann wieder zu sich gekommen. Mit wirren Blicken schaute er um sich. Wieder Wasser, etwas zu essen, einige kräftige Schlucke aus der Rumflasche, und er war vernehmungsfähig, konnte auch auf Englisch berichten.

Diaz, wie er sich nannte, war ursprünglich Gaucho gewesen, bis er sich, wie es dort oft genug geschieht, ebenso wie in Nordamerika, durch Heirat mit einer oder gleich mehreren roten Frauen bei einem Indianerstamme ansässig gemacht hatte, bei den Arkletis, einem Stamme der Penchuenchen.

So war er selbst ein Indianer geworden, sich von diesen eigentlich nur durch seinen Vollbart unterscheidend.

Vorgestern nun hatte der Stamm eine einsame Estancia überfallen, hatte gemordet, geplündert und die weißen Weiber als Gefangene, als Beute davongeschleppt. Das erzählte der Mann ganz ruhig, auch, dass er selbst dabei mitgeholfen habe. Es war nach den Verhältnissen, die hier herrschen, auch wirklich gar nichts dabei. Wer sich einsam in der Pampa oder Prärie oder im Urwalde ansiedelt, muss eben auf so etwas immer gefasst sein.

In der letzten Nacht nun hatte Diaz — das ›bärtige Gesicht‹ — die eine weiße Gefangene, die Tochter des Estancieros, befreien, entführen wollen. Nicht etwa aus Edelmut, durchaus nicht. Wenn der Erzähler etwas verlegen wurde, so war es nur deshalb, weil er gegen seine roten Bundesgenossen einen schnöden Treubruch hatte begehen wollen. Das Mädchen hatte ihm Gold versprochen, und vielleicht hatte Diaz dieses Leben überhaupt satt, hatte mit der schönen Gefangenen, die schon der Häuptling für sich beansprucht, wahrscheinlich noch mehr vorgehabt.

Es war missglückt. Gleich nach Verlassen des Lagers waren die beiden eingeholt worden. Das Mädchen wurde zurückgebracht, über den Verräter saßen die roten Krieger zu Gericht — heute in aller Frühe war das ›bärtige Gesicht‹ auf sein Pferd gebunden worden; dieses bekam ein Stückchen glühenden Schwamm unter den Schwanz, so war es hinausgejagt worden.

Was der Gefesselte während der zehn oder zwölf Stunden gelitten hatte, konnte er gar nicht schildern, brauchte es auch nicht, das war ihm gleich anzusehen und konnte sich jeder auch von allein vorstellen.

Aufmerksam hatte Leonor zugehört, ohne den Erzähler mit einer Frage zu unterbrechen, desgleichen Adam.

»Schrecklich!«, sagte sie jetzt, als jener schwieg. »Was für eine Estancia war das, die ihr überfielt?«

»Die von Señor Rodrigo.«

»Wo liegt die?«

Ja, das ist in solch einem Gebiete nun freilich schwer zu beschreiben.

»Wo bin ich denn hier?«

»Ganz dicht auf der Straße, die von Buenos Aires nach Valdivia führt.« Der Mann hatte noch nicht einmal etwas von Valdivia gehört.

»Von Calchagada nach Ragua«, nannte Leonor die beiden nächsten Estancias, nachdem sie die Karte befragt hatte.

Ja, nun wusste der Mann gleich, wo er sich befand.

»In vier Stunden kann ein schnelles Pferd die Estancia erreichen.«

»Wie viele Gefangene habt ihr entführt?«

»Wohl ein Stücker zwanzig.«

»Nur Weiber?«

»Nur Weiber.«

»Keine Kinder?«

»Was sollen wir mit Kindern anfangen?«

»Ihr habt sie bei der Plünderung der Estancia getötet?«

»Nein, so schlimm ist Attawapo gar nicht. Nur was uns in die Quere kam.«

»Wer ist das, Attawapo?«

»Der Häuptling der Arkletis.«

»Was ist das Los dieser gefangenen Weiber?«

Leonor wusste es ja von selbst. Es war eben Kriegsbeute, sie wurden unter den Kriegern ausgelost, und diese teilten dann noch brüderlich miteinander. Wohl wurden die Gefangenen dann gegen ein Lösegeld freigegeben, aber zunächst kam doch allein das ›Weib‹ in Betracht, eine Schonung gab es da nicht.

»Wird denn da nicht sofort eine Verfolgung eingeleitet?«, fragte Leonor, immer schneller sprechend.

»Von wem denn?«, war die spöttische Gegenfrage.

Der Mann hatte recht. Diese südamerikanischen Indianer können sich noch immer als vollkommene Herren des ganzen Landes betrachten, soweit nicht in Städten und Ansiedlungen waffengeübte Europäer genug zusammen sind, um diesen eingeborenen Räubern die Spitze bieten zu können. Das elende Militär kann in den endlosen Pampas gar nichts ausrichten, so wenig wie irgendwelche europäische Macht etwas gegen die Beduinen der afrikanischen Wüsten vermag, wenn diese sich in keine offene Feldschlacht einlassen, wollen, und die einsamen Estancieros müssen sich durch Zahlung eines hohen Tributes diese Indianer als Freunde erhalten, anders ist ein friedliches Leben nicht möglich.

Jener Estanciero hatte, wie Diaz dann später noch weiter erzählte, einen Abgesandten der Arkletis in trunkenem Mute beleidigt — die Vernichtung der ganzen Estancia war die Rache des Häuptlings, und dass alle Weiber fortgeschleppt wurden, war ganz selbstverständlich.

»Wo lagert der Stamm?«

»In den Ruinen von Atzalan.«

Von diesen Ruinen hatte Leonor schon gehört. Atzalan war einst eine große Stadt gewesen, eine Kolonie der alten Peruaner, als über diese noch die Inkas geherrscht hatten.

»Wie weit ist das von hier?«

»Sechs Stunden.«

»Wiederum Wegstunden auf dem Rücken eines Pferdes?«

Ein anderes Zeitmaß kannte dieser Gaucho ja gar nicht.

»Da hat der Stamm heute Nacht gelagert. Er wird auch noch bis morgen dort bleiben.«

»Woher wollt Ihr das so bestimmt wissen?«

Es war eben das zeitweilige Lager des ganzen Stammes gewesen, bei dem also auch Weiber und Kinder waren, und auch zu solch einem Indianerlager gehört doch ziemliches Gepäck, Zelte, Viehherden und Anderes, der Abbruch solch eines Lagers ist doch immerhin ein Ereignis, das vorher besprochen sein will. Und sollte er doch schon geschehen sein, so musste man ja mit Leichtigkeit die Spuren verfolgen können.

»Wie stark ist dieser Stamm?«

»Er stellte fast zweihundert Lanzen. Ihr wollt die Gefangenen doch nicht etwa befreien?«

Selbstverständlich war dies Leonors feste Absicht, und der Gaucho brauchte sich nur etwas in dem gepanzerten Wagen umzusehen, wobei er sogar — gar nicht so dumm von ihm — mit einem Messer die Platten zu ritzen suchte und dann auch Georgs zurückgelassenes Gewehr gegen sie abfeuerte, zu seinem Staunen nicht den geringsten Abdruck einer Kugel findend, so erklärte auch er sich für überzeugt, dass man mit solch einer fahrenden Festung allerdings etwas gegen diesen ganzen Stamm ausrichten könne.

Und dieser Gaucho wurde noch ganz besonders von der Rache angetrieben. Deshalb war er auch bereit, um für die schnelle Fahrt als Führer dienen zu können, sein Pferd in Stich zu lassen.

»Na, da ham wir doch wieder so'n fremden Gerl auf'n Hals begomm«, meinte Adam, und er wollte wohl noch mehr sagen, er blickte seine Herrin dabei so fragend an.

Gewiss wusste Leonor, was er sonst noch sagen wollte, es war eine stumme Warnung, aber sie antwortete ihm nicht.

*

Kapitel 43
Endgültig in der Falle

Mit einer Geschwindigkeit von fast hundert Kilometern jagte Maximus über die freie Grasfläche dahin. Wenn ein schnelles Pferd zur Durchmessung der Strecke sechs Stunden braucht, so bedurfte dieses Automobil noch nicht einmal deren zwei, und da tauchte schon die Ruine in der Ferne auf.

Aber mit einer ganzen Stadt, die in Trümmern liegen sollte, war das nichts. Entweder hatten da frühere Besucher übertrieben, oder der größte Teil der Ruinen war im Laufe der Zeit dem Erdboden gleichgemacht worden. Was sich da noch in der grünen Steppe erhob, das glich eher den Überresten einer weitläufig gebauten Burg.

Ein Kriegsplan brauchte nicht erst verabredet zu werden. Immer darauf zu, gleich mitten hinein zwischen die Ruinen und in das Indianerlager. Das war auch die Meinung des Gauchos, der vor dem fürchterlich schnellen Kraftwagen einen immer gewaltigeren Respekt bekommen hatte.

»Können wir auch mit diesem Wagen direkt hineinfahren?«

Jawohl, das war möglich. Es führte eine breite Straße hinein.

Dann glaubte Leonor, dass die Indianer diese Ruinen doch schon verlassen haben müssten. Sonst hätte man wenigstens bereits vorgeschobene Wachen gesehen.

Dem widersprach Diaz. Wenn Pampaindianer Posten ausstellen, so müssen diese selbst unsichtbar bleiben, also durfte man sich auch nicht durch das scheinbare Ausgestorbensein der Ruinen täuschen lassen. Die Arkletis befänden sich ganz sicher noch dort.

Außerdem war gar keine große Gelegenheit zu solchen Beobachtungen. Dazu fuhr das Automobil viel zu schnell, man näherte sich zu rasch dem Ziele. Darauf machte auch der Gaucho aufmerksam, Leonor erkannte es selbst, denn die Einfahrt, auf welche Diaz jetzt wies, sah gefährlich aus. Die Häuserwände waren noch gut erhalten, standen aber so nahe zusammen, das es fast aussah, als könne das Automobil gar nicht zwischen ihnen hindurch.

»Doch, es geht gerade noch«, versicherte aber Adam.

»Dort hindurch, Diaz?«

»Dort hindurch, aber nicht so schnell!!«, warnte der Gaucho.

Das Automobil mäßigte seine Fahrt bedeutend, jetzt befand es sich zwischen den Ruinenmauern — da ein Prasseln, das Automobil senkte sich, stürzte und stand.

Im letzten Moment hatte Leonor die Bremse gegeben — zu spät, Maximus konnte überhaupt nicht weiter, durch die Gucklöcher sah man nichts weiter als schwarze Erdwände.

Furchtbar bestürzt blickten sich Adam und Leonor an.

»Verflucht, wir sind in eine Grube gestürzt!«, stieß der Gaucho nicht minder erschrocken hervor.

»Wer hat die angelegt?«

Vergebliche Frage — der Gaucho wenigstens konnte sie nicht beantworten.

Man ging von Schießscharte zu Schießscharte — überall dieselbe schwarze Erdwand, und schon konnte man beurteilen, dass das Automobil bis über den Panzerturm unter der Erde stak, und zwar in einer so engen Grube, dass es weder vor- noch rückwärts konnte. Es war völlig eingekeilt. Höchstens hätte es ohne den Rammer noch einen halben Meter Spielraum gehabt.

Zunächst lauschte man. Es herrschte völlige Ruhe.

»Die Indianer sind nicht mehr in den Ruinen. Wozu ist diese Fallgrube angelegt worden?«

»Na, natierlich unsertwegen, um unser Automobil hier zu fangen«, meinte Adam.

»Unsertwegen? Haben Sie hierfür irgendeinen Beweis?«

Nein, den konnte Adam allerdings nicht anführen. Ohne dass darüber gesprochen ward, wurde doch allgemein an ein unterirdisches Gewölbe der alten Ruinenstadt geglaubt, dessen Decke die Last des Automobils nicht getragen hatte.

Nur Adam war wiederum anderer Meinung.

»Diese Erdwände sehen aber gar nicht alt, vielmehr recht frisch aus, da erkennt man ja sogar noch die Spatenstiche.«

Leonor kletterte schnell in den Panzerturm hinauf. Es war so, wie sie geahnt, wie sie gefürchtet hatte. Auch dieser Turm befand sich noch unter der Erdoberfläche, wenigstens die Schießscharten. Um weiter zu prüfen, ließ sie noch eine der Panzerplatten herab. Nur eben die Spitze des Turmes, und somit konnte das Mädchen noch gerade ins Freie sehen.

In diesem Augenblick schnellte des Gauchos Gestalt an ihr vorüber, schwang sich an der Brüstung hinauf, ein heiseres Hohngelächter, und er war mit einem Satze zwischen den Ruinen verschwunden.

»Verrat!!«, schrie Leonor, nun sofort alles wissend, gleichzeitig nach ihrem Gürtel greifend, an dem sie früher, als sie das Automobil noch öfter verließ, immer eine der Luftpistolen hängen gehabt hatte, was jetzt aber nicht mehr der Fall war.

Adam hatte sich in dem Turme neben sie gestellt.

»Verrat!!«, wiederholte Leonor außer sich. »Dieser Mensch hat uns nur in die Falle locken wollen!!«

»Ich habb mir'sch doch gleich gedacht«, meinte Adam gleichmütig. »Ei, sin mir awwer dumme Ludersch — das heeßt, wenn ich m i r sage, dann meene ich immer bloß mich.«

Auch Leonor wollte sich hinausschwingen — da erklang ein drohender Ruf.

»Unten geblieben!! Wer aus diesem Loche klettert, ist des Todes!«

Auf der Mauer stand ein Mann, eine verwegene Abenteuerergestalt, mit hohen Schaftstiefeln und ungeheurem Sombrero, das rote Jagdhemd mit Stickereien und Fransen bedeckt, im breiten Gürtel mit silberner Schnalle sogar eine goldene Uhrkette, und in der erhobenen Faust einen jener Revolver, die man schon eher mit kleinen Handkanonen vergleichen kann.

So stand er da, eine prachtvolle Männererscheinung, die sichere Ruhe selbst, in dem bis auf einen wohlgepflegten Schnurrbart sorgfältig rasierten Gesicht sogar ein freundliches, aber auch etwas spöttisches Lächeln.

»Bitte, keine drohende Bewegung, bis wir uns auseinandergesetzt haben!«

»Der galifornische Reiwerhauptmann in argentinischer Ausgabe«, sagte Adam trocken, und er hatte recht.

»Eine Waffe, nur eine Pistole!«, flüsterte Leonor.

Die scharfen Ohren des Räubers hatten es dennoch gehört.

»Keinen Widerstand, muss ich nochmals bitten! Es hätte auch gar keinen Zweck, mich wegzuschießen — hinter mir stehen noch zwei Dutzend andere, welche Sie nicht lebendig aus dieser Falle herauslassen.«

Leonor verschränkte trotzig die Arme über der Brust.

»Was wollen Sie eigentlich von uns?«

»Ihr Automobil, Miss Leonor Morris, mit allem, was drin ist.«

»Und was geben Sie uns dafür?«

»Ihnen und Ihren Begleitern Leben und Freiheit, für jeden auch noch ein gutes Pferd, um die nächste Stadt erreichen zu können, und ferner dürfen Sie sonst noch alles mitnehmen, was ich Ihnen gestatte, vor allen Dingen Geld und Geldeswert — mit Ausnahme alles dessen, was dieses Automobil zu dem macht, was es jetzt ist.«

»Sie haben es also aus das Morrisit abgesehen?«

»Ja, und auf alle die anderen Erfindungen.«

»Zu diesem Zwecke haben Sie uns hierher gelockt?«

»So ist es.«

»Hier sind gar keine Indianer?«, fragte Leonor, schon von einer Ahnung erfüllt.

»Nein, wenigstens keine Arkletis, wie Sie wohl vermuten. Sonst habe ich unter meinen Leuten auch einige Indianer und Mestizen.«

»Die Arkletis haben unter der Führung ihres Häuptlings gar keine Estancia überfallen?«

»Ist mir nichts davon bekannt«, lächelte der Bandit unverfroren.

»Und Diaz, der Gaucho?«

»Gehört zu meinen Leuten.«

»Sie haben ihn aufs Pferd gebunden, nur um mich hierher zu locken?«

»Zu keinem weiteren Zwecke. Wir wussten, welchen Weg Sie von Buenos Aires aus nehmen würden, und da war alles schon vorbereitet. Vor allen Dingen hier die Fallgrube. Wir wählten deshalb diese Stelle hier, weil Sie da unbedingt hineinstürzen mussten. Zwischen diesen engen Mauern können Sie ja nicht ausweichen, weder mit Absicht noch durch Zufall, was in der freien Pampa sonst überall hätte geschehen können, und hätten wir die Fallgrube etwa vor oder hinter einer Brücke angelegt, so hätte schon vor Ihnen ein anderer Wagen oder ein Reiter hinein stürzen können.«

Adam gab dem ganz erstarrt dastehenden Mädchen von hinten einen Kicks.

»Habb ich's nich gesagt?«

»Und da haben Sie diesen Mann,« fuhr Leonor ganz außer sich fort, »seit heute Morgen, auf den Rücken des Pferdes gebunden, in der Pampa herumgejagt, nur damit er uns dann jenes Märchen von den gefangenen Weibern erzählte?!«

»O nein, etwas anders ist es doch gewesen. Wir haben die Vorbereitungen zu diesem Mazepparitt erst dort neben der Straße hinter den Hügeln vorgenommen. Ungefähr konnten wir ja berechnen, wann Sie vorbeikommen mussten — das heißt, bei uns Pamparäubern spielen einige Tage und selbst Wochen keine Rolle, wir haben warten gelernt.«

»Der Mann hat sich nicht schon seit heute früh auf dem Rücken des Pferdes befunden?«

»Kaum zehn Minuten. Erst als Ihr Wagen in Sicht kam, wurde er festgebunden und vorgetrieben.«

»Aber er war doch total verschmachtet!«

»Ganz und gar nicht.«

»Er konnte nicht mehr sprechen.«

»Alles Verstellung.«

»Er fiel in Ohnmacht.«

»Warum sollte er sich nicht ohnmächtig stellen können?«

»Er trank einen ganzen Eimer Wasser auf fast einen Zug aus.«

»O, solch ein Gaucho kann noch ein ganz anderes Gefäß austrinken, selbst wenn es Wasser ist«, lächelte der Bandit heiter.

»Und alles dies nur deshalb, um uns hierher zu locken?«

»Gewiss, nur deshalb. Es ist doch ganz selbstverständlich, dass eine Miss Leonor Morris nicht zwanzig gefangene weiße Frauen in den Händen von Indianern lässt.«

»Schurke!!«, rief Leonor, einmal ihre Fassung verlierend.

»Ja, ich bin ein Pamparäuber, vielleicht haben Sie auch schon von mir gehört, der PampaNed hat einen ziemlich bekannten Namen — sonst aber bin ich weniger Schurke als manch anderer, der in euren Städten den Ehrenmann spielt.«

Leonor hatte sich wieder gefasst. Erst wollte sie mehr hören.

»Und dies alles geht von Ihnen aus?«

»Wenigstens habe ich dies alles arrangiert. Dass Sie jetzt hier in diesem Mauseloche sitzen, das ist mein Werk.«

»Aber der Urheber selbst sind Sie nicht?«

»Nein, ich handle im Auftrage eines Anderen.«

»Und wer ist das?«

»Das tut ja gar nichts zur Sache.«

»Handeln Sie im Aufträge von Mr. Artur Deacon?«

»Hm — da Sie nun einmal diesen Namen nennen — ja, das ist mein Auftraggeber, wenn auch nicht der direkte. Ich habe selbst eigentlich nur zufällig gehört, dass der Hauptmacher ein Mr. Artur Deacon ist.«

Also wieder einmal machte sich dieser Bösewicht bemerkbar!

»Und womit hat er Sie nun beauftragt?«, forschte Leonor weiter.

»Ihr Automobil so festzunehmen, dass es nicht weiter kann.«

»Hier zwischen diesen Ruinen?«

»Nein, das nicht gerade. Zu einer Fallgrube wurde mir wohl gleich geraten, aber das war eigentlich ganz selbstverständlich, und die Wahl des Ortes, wo ich diese anlegte, blieb mir auch frei.«

»Wann haben Sie diesen Auftrag bekommen?«

»Vorgestern traf der Abgesandte jenes Yankees bei mir ein, wusste mich auch gleich zu finden.«

Leonor machte im Kopfe eine kurze Berechnung der Zeit. Hier stimmte etwas nicht.

»Wissen Sie schon, dass Buenos Aires durch einen Brand zerstört worden ist?«

»Buenos Aires? Ist mir nichts davon bekannt.«

Richtig, jener Abgesandte hatte dann also die Stadt schon vor dieser Katastrophe verlassen, diese ganze Geschichte war von langer Hand vorbereitet worden, wahrscheinlich schon zu der Zeit, als sich das Automobil noch auf der Seereise befunden hatte. Deacon hatte eben einen anderen, kürzeren Weg genommen, um dem schnellen Automobil zuvorzukommen.

»Dies alles hat aber keinen Zweck mehr.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich das Geheimnis des Morrisits bereits der Öffentlichkeit preisgegeben habe.«

»Haben Sie? Das geht mich ja gar nichts an. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, ich werde die mir zugesicherte Prämie zu erlangen wissen, sonst soll jener Artur Deacon den PampaNed noch kennen lernen und erfahren, dass es keinen Ort auf der Erde gibt, wo er sich vor ihm verstecken kann.«

Leonor sah ein, dass es gar keinen Zweck habe, weiter darüber zu sprechen, wie sie dem argentinischen Gelehrten schon alles mitgeteilt hatte. Das hier war ein Bandit, der bares Geld sehen wollte.

»Wie viel erhalten Sie denn für dieses Geschäft?«

»Eine Viertelmillion Pesos.«

»Das ist nicht eben viel für die Lösung einer so schwierigen Ausgabe.«

»Genug für mich und für meine Leute — und übrigens geben Sie sich keine Mühe, in dieser Hinsicht, wenn ich einmal einen Auftrag angenommen habe, bin ich ein ehrlicher Räuber, ich lasse mich nicht durch eine größere Summe bestechen.«

Da tauchte neben dem Sprecher eine andere Männergestalt auf, wirklich eine ganz andere — zwar auch so abenteuerlich gekleidet, aber sonst ein wahres JudasIschariotGesicht, wozu auch das brandrote Haar und der gleichfarbige Ziegenbart in dem sommersprossigen Gesicht gehörten.

»Na, Miss Morris, Sie werden eine Viertelmillion Dollar wohl auch nicht überbieten können, hähähä«, grinste dieses Judasgesicht.

Leonor wusste eigentlich gar nicht, woher der Abscheu kam, der plötzlich gegen diesen Menschen in ihr aufstieg. Es war ihr, als kenne sie ihn schon — obgleich dies durchaus nicht der Fall war — als hätte schon immer der ganze Hass, dessen sie fähig war, sich auf diesen rothaarigen Kerl mit dem widerlichen Grinsen konzentriert. Sie war außer sich, dass dieser höhnisch feixende Mund ihren Namen nannte, es war ihr wie eine unabwaschbare Beleidigung.

In diesem Augenblick drückte ihr Adam von hinten die Luftpistole in die Hand, die sie vorhin verlangt hatte, und Adam Green war nicht der Mann, der irgendeinen Auftrag vergaß. Auch er hatte sich die Waffe wohl erst durch einen der Arbeiter besorgt, und das Manöver konnte ganz unauffällig geschehen, da die Unterkörper der beiden noch durch die Panzerplatten verdeckt waren.

Mit aller Macht gelang es Leonor, sich noch einmal zu beherrschen. Dabei aber brach bei ihr schon ein maßloser Zorn hervor.

»Ah, Sie sind wohl der Stellvertreter von Mr. Artur Deacon?«

»Erraten, gnädige Miss, hähähä!«

»Also was für Bedingungen haben Sie mir nun zu stellen?«

»Bedingungen überhaupt gar keine. Das Automobil gehört jetzt ganz einfach mir, und Sie sind meine Gefangene, hähähähä!«

»Ich denke, wir haben freien Abzug?«

»Nein, das hat Ihnen der Gentleman hier vorhin etwas zu voreilig zugestanden. Sie sitzen in einer Mausefalle, und wie eine gefangene Maus werden Sie auch behandelt, hähähahä!«

»Wollen Sie hierauf meine Antwort haben?«

»Sie haben mir überhaupt gar keine Antwort zu geben. Wenn Mister Artur Deacon hierher kommt, und er ist gerade gut gelaunt, so wird er das gefangene Mäuschen aus der Falle nehmen — hähähä — und es zu seinem Liebchen machen...«

»Da, du Scheusal!!«

In Leonors bewaffneter Hand hatte es schon längst gezuckt. Jetzt zielte sie, ein kurzes Sausen, und mit einem Schmerzgeheul stürzte der Judas Ischariot rücklings von der Mauer.

Wahrscheinlich war es ein Glück für Leonor gewesen, dass der Andere, der gar nicht danach aussah, als wenn er oft sein Ziel verfehle, zuletzt seinen Sixshooter hatte sinken lassen. Nun schlug er den Revolver an, ein Feuerstrahl — aber noch rechtzeitig hatte sich Leonor hinter die anderen Panzerplatten geworfen, von denen ja nur die eine herabgelassen gewesen war. Gleichzeitig hatte sie Adam mit sich gerissen. Die große Bleikugel klatschte gegen die innere Panzerwand und sprang von dort wieder hinaus ins Freie, und noch ehe der Bandit den zweiten Schuss abgeben konnte, hatte Leonor schon mit einem Hebeldruck die Panzerplatte wieder hochgezogen. Jetzt brauchten nur noch die Schießscharten geschlossen zu werden, und die Panzerung der Schildkröte war eine vollkommene.

»Awwer, Miss Leonor, was machen Se denn? Glei uff den Gerl zu schießen!«, sagte Adam etwas vorwurfsvoll, und zwar schon unten im Korridor.

Wie Leonor dahinab gekommen war, wusste sie gar nicht. Sie war einige Sekunden wie besinnungslos gewesen. Erst draußen das Wutgeheul, eine knatternde Salve, und die gegen die Panzerplatten klatschenden Kugeln ließen sie wieder erwachen.

»Ich konnte nicht anders, ich konnte nicht anders — dieses Judasgesicht!«, stieß sie mit keuchender Brust hervor.

»Na, ich hätte's ooch nich andersch gemacht«, sagte da Adam in einem ganz anderen Tone als zuvor. »Ich fürchte nur, der Gerl is noch nich ganz dod, Sie hamm ihn wohl nur in de Schulter geschossen, er griff sich bloß an'n Arm, un wenn die Mauer nich sehre hoch is, hat er nich emal's Genick gebrochen.«

Das allgemeine Wutgeheul war verstummt, auch das Schießen hörte auf, dafür donnerten Fäuste oder gar Äxte gegen die oberen Panzerplatten, es hatte einen so metallenen Klang.

»Wolln mir uns das gefallen lassen, dass die unsern Maximus demolieren?«

»Nein, die Kriegserklärung ist gegeben, jetzt geht es um Tod und Leben!«

Sie bewaffneten sich mit Gewehren und Pistolen, auch die Arbeiter, stiegen wieder in den Turm hinauf, gleichzeitig wurden vier Schießscharten geöffnet, man sah durch diese Menschenkörper genug, einige Schüsse, dann die Löcher wieder geschlossen — und das Schmerzgeheul verriet die Wirkung dieser Schüsse!

Dann trat Ruhe ein, die draußen hielten offenbar Kriegsrat, und dasselbe geschah im Automobil.

Auf was die Räuber es abgesehen hatten, das war jetzt ganz gleichgültig.

»Adam, halten. Sie für möglich, dass wir aus diesem Loche durch eigene Kraft wieder herauskommen?«

Meister Adam wiegte lange seinen zur Hälfte elfenbeinernen Kopf hin und her, blickte hier und da noch einmal durch eine Schießscharte, versuchte das Automobil hin und her gehen zu lassen, brachte es dabei aber nur zu kurzen Rucken, und dann sagte er:

»Nee, heern Se, hier sin mir mal endgiltg gefangen!«

Auf Leonor schien diese bestimmte Erklärung gar keinen so großen Eindruck zu machen.

»Können wir das ganze Fahrzeug nicht auseinander nehmen und so hinausbringen?«

»Nee, heern Se, von hier unten geht das nich. Das missen Se doch selber wissen. Un die ohm schießen uns doch dabei uff de Gebbe.«

»Gut! Gut!! Nun, Mister Green, Sie kennen doch meinen Entschluss?«

»Mir hamm doch ofte genug dariewer geschbrochen.«

»Ehe ich mein Automobil — von mir selbst gar nicht zu sprechen — in die Hände anderer Menschen fallen lasse, sprenge ich es in die Luft!«

»Nu selbstverständlich.«

»Und mich natürlich mit!«

»Nu nadierlich.«

»Und Sie — Sie...«

»Nu, ich gehe nadierlich ooch mit. Da brauchen mir doch gar nich erscht noch mal dariewer zu schbrechen, das hamm mir schon alles ganz ausfiehrlich ausgemacht.«

»Und Charly und Tom...?«

»Nu, die brauchen mir doch gar nich erscht zu fragen, die hamm eefach mitzufliegen, wenn mir fliegen. Hoffentlich awwer wird das erscht iewermorgen.«

»Warum erst übermorgen?«

»Nu, weil'ch doch iewermorgen fuffzg Jahre alt wäre, mein Geburtstag möchte'ch doch wenigstens noch feiern.«

»Und ich möchte mein Leben noch so teuer wie möglich verkaufen.«

»Ich ooch, heern Se, ich ooch!«

»Ist diesen Halunken denn gar nicht von hier unten aus beizukommen?«

»Nu freilich! Wenn mir den Panzerdurm noch ä bisschen höher schraum. Ich hab's Ihnen doch schon damals gesagt, dass das geht, mir brauchen bloß die Zahnradstange einzusetzen.«

»Wahrhaftig! Das muss geschehen, sofort!«

Alle vier machten sich augenblicklich an die Arbeit. Es handelte sich nur darum, den Mechanismus, welcher den Panzerturm in die Höhe schraubte, durch eine Zahnstange, die man in Reserve hielt, zu verlängern. Das war nicht von vornherein vorgesehen gewesen, sondern nur die Möglichkeit war gegeben, und schon in einer Viertelstunde war es vollbracht.

Während dieser Zeit hatte draußen Ruhe geherrscht — eine sehr unheimlich wirkende Ruhe — aber das Geschrei erhob sich sofort wieder, als aus der Grube plötzlich der Turm um etwa einen halben Meter in die Höhe wuchs — und dieses Geschrei wiederum wirkte wie eine Erlösung, weil es verriet, wie betroffen die Gegner darüber waren.

Die Schießscharten wurden geöffnet, auch auf die Gefahr hin, dass gute Schützen ihre Kugeln ins Innere senden konnten. Aber wenn man nun einmal die Offensive ergreifen will, so muss man doch etwas mit in den Kauf nehmen. Man brauchte sich ja auch nicht direkt vor die Löcher zu stellen, und dann galt es nur, ab und zu zu beobachten und einen Schuss abzugeben.

Dazu hatte man denn auch bald genug Gelegenheit. Ein Mann sank, von Leonors Büchsenkugel getroffen, nieder, einen zweiten ließ Adam nachfolgen, dann prasselten die feindlichen Kugeln an die Panzerplatten, als aber auch die Revolverkanone gesprochen hatte, gleich eine ganze Reihe von Menschen, die sich wohl zum Sturme anschickten, vom Boden fegend, herrschte nach einem Wut- und Schmerzensgebrüll wieder Ruhe.


Illustration

Darauf sah man einen Reiter in östlicher Richtung abgehen, dann brach die Nacht an, welche nichts bringen sollte.

Und wir wollen es kurz machen: nach vier Tagen war alles noch ganz genau dasselbe. Die Feinde unternahmen nichts mehr gegen das gefangene Automobil, aber dass sie noch da waren, ließ sich doch erkennen. Ab und zu sah man auch einen Reiter davonsprengen und wieder zurückkehren, die Belagerer schienen sich verproviantieren zu müssen.

In dem Automobil litt man ja keine Not, man hatte noch genug Wasser, man konnte kochen und braten, aber... was sollte daraus werden?

»Adam, ich glaube, wir kürzen diese Zeit freiwillig ab.«

»Und ich glaube, es gibt doch noch ein Mittel, dass mir aus dieser Falle herausgomm«, meinte Adam, durch die ein wenig geöffnete Decke den Himmel musternd, der sich schwarz überzogen hatte.

»Wie, Sie haben noch Hoffnung?!«, fuhr Leonor empor.

»Ja, wenn de Rägenzeit gommt — wenn's rägent un immer rägent, bis hier unser ganzes Loch vollgerägent is — 's Wasser muss grade neinloofen, de Lage hat's dazu — dann genn mir nausschwimm.«

Gewiss, die Theorie war ganz gut, möglich war das — aber viel Hoffnung durfte man nicht darauf setzen.

Am Nachmittage sah man wieder einen Reiter von Osten her den Ruinen zujagen.

»Der hat Proviant geholt, der scheint mir enne große Blutwurscht, so ne große Zungenwurscht unterm Arme zu ham. Soll'ch'n wegblatzen?«

Das wäre wohl gar nicht so leicht gewesen. Die abgehenden und kommenden Reiter wussten, was sie von den pneumatischen Geschützen zu erwarten hatten, sie hielten sich immer in weiter Entfernung, kamen von hinten her, dass sie die Ruinen zwischen sich hatten, ritten in schnellster Karriere, und das war doch etwas anderes, als wenn man ein festes Ziel vor sich hatte, dessen Entfernung man bis zum Meter berechnen konnte. Gerade bei schnell sich bewegenden Zielen waren diese pneumatischen Schusswaffen mit ihrer feinen Einstellung nicht recht brauchbar.

Bald darauf, aber als sich schon die Sonne dem Horizonte näherte, tauchte wieder einmal PampaNed auf der nächsten Ruinenmauer auf, den Arm im Verband, in der anderen Hand ein weißes Tuch schwenkend.

»Ein Parlamentär!«

Als solcher kam er denn auch.

»Ich hoffe, dass Sie nicht auf mich schießen werden!«

»Wenn Sie friedlich sind, sind wir es auch«, entgegnete Leonor durch eine der Schießscharten des Panzerturmes.

»Wollen Sie nun endlich den Widerstand aufgeben?«

»Ich denke nicht daran.«

»Über lang oder kurz muss doch Ihr Wasservorrat und Ihr Proviant zu Ende gehen.«

»Da können Sie noch sehr lange warten.«

»Gut, wir werden warten. Nehmen Sie doch Vernunft an — wir hungern Sie einfach aus, und hier dürfen Sie keine Hilfe erwarten.«

»Wir werden uns bald allein zu helfen gewusst haben.«

»So, werden Sie? Dann muss ich allerdings zu anderen Maßregeln greifen.«

»Zu welchen?«

»Unterdessen hat sich meine Instruktion geändert. Es gilt nicht mehr, mich Ihres Automobils zu bemächtigen — was ja überhaupt schon geschehen ist — sondern es zu vernichten.«

»Von wem haben Sie diese Instruktion bekommen?«

»Das bleibt sich doch gleich.«

»Von Mr. Deacon?«

»Möglich, vielleicht auch nicht. Mir ist die Viertelmillion Pesos bereits ausgezahlt worden, aber mit dem Auftrage, Sie nun vollends zu vernichten.«

»Tun Sie es doch, wenn Sie es können!«

»Das kann ich allerdings. Vorhin habe ich eine Dynamitbombe erhalten — ich brauche sie nur in die Fallgrube zu schleudern, und Ihr ganzes Automobil ist vernichtet, verschwunden.«

Leonor zuckte zusammen. Sie sah ihr Ende kommen. Sie war ja immer darauf vorbereitet gewesen, aber... das ›Auge in Auge‹ ist eben doch etwas Besonderes.

»Tun Sie es!«, wiederholte sie trotzdem kalt.

»Ich werde es allerdings tun, ich muss es, aber ich bin doch nicht so ein Wüterich, wie Sie vielleicht annehmen. An Ihrem und Ihrer Begleiter Tode liegt mir durchaus nichts. Deshalb wiederhole ich meine erste Bedingung: ich gestatte Ihnen und Ihren Begleitern freien Abzug.«

»Der andere Mann, der mit dem Judasgesicht, sagte mir etwas ganz Anderes.«

»Er sprach ohne mein Wissen und gegen meinen Willen, Sie ließen mir keine Zeit, seine Behauptungen Lügen zu strafen.«

»Dieser Mensch wird uns dennoch niederschießen!«

»Er ist tot.«

»Tot?«

»An der Wunde gestorben, die Sie ihm beigebracht haben.«

»Desto besser.«

»Also gehen Sie auf meine Bedingungen ein?«

»Nein!«

»Nicht?!«

»Ich will Ihnen Vertrauen schenken, aber... ich gehe mit meinem Automobil zugrunde, und so denken alle meine Gefährten.«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Mein letztes!«

»Dann kann ich Ihnen nicht helfen. Dann bin ich auch nicht an Ihrem Tode schuld. Dennoch gebe ich Ihnen noch Bedenkzeit bis heute Mitternacht. Sie haben doch eine Uhr?«

»Ja.«

Der Bandit zeigte selbstgefällig seine goldene Uhr, die er sicher in keinem Laden gekauft hatte.

»Es ist genau... acht Minuten nach sechs Uhr. Stimmt das mit Ihrer Uhr überein?«

»Ganz genau. Sie haben einen ausgezeichneten Chronometer.«

»Heute Mitternacht Punkt zwölf Uhr werfe ich die Dynamitbombe.«

»Dann werfen Sie sie nur gleich jetzt.«

»Ich bin immer in der Nähe — also rufen Sie, wenn Sie Ihren Entschluss geändert haben.«

»Sprengen Sie uns nur gleich jetzt in die Luft, mein Entschluss ändert sich nicht.«

»Heute Mitternacht Punkt zwölf.«

Der Bandit verbeugte sich sogar — und verschwand von der Mauer.

»Adam!«

»Miss Leonor?«

»Machen Sie alles bereit, um das Automobil in die Luft zu sprengen.« Erstaunt blickte Adam die Sprecherin an.

»Wir wollen uns selber in de Liste schbreng?«

»Ganz gewiss.«

»Awwer warum denn? Wenn die's besorgen, dann genn mir doch unser Bulver schbarn.«

»Ich will ihnen diesen Triumph nicht lassen.«

»Nu, ich wisste nich, dass das ä besonderer Driumph wäre, weder fier die noch fier uns.«

»Tun Sie, wie ich Ihnen sage!«

»Na, da wolln mir wenigstens noch ä bisschen warten. Da ham wir doch noch finf Schtunden neinunvärzg Minuten Zeit, da genn mir doch errscht noch Ahmdbrot essen — das heeßt, heite eß mer ä bisschen schbäter, Tom hat Blumbudding gemacht, der muss noch zwee Schtunden gochen.«

»Mensch, wie kann man bei so etwas noch ans Essen denken!«

»Na, ich weeß nich recht — ich hawwe grade Hunger — un un un — das Läm is kurz, der Dod awwer vielleicht recht lang — un un un un — ich wirde doch liewer errscht den Blumbudding essen.«

Leonor sagte nichts mehr, sie ließ Tom erst den Plumpudding kochen und aß dann wirklich selbst mit Appetit.

»So«, sagte da Adam, »nu sin's immer noch drei Schtunden un zweeundreißg Minuten, die mir Zeit ham. Ich dächte, die genn mir nu ooch noch warten.«

Leonor konnte sich nicht helfen, sie musste lachen. Unterdessen mochte sich ihre Ansicht auch geändert haben.

»Adam, ist denn gar keine Hoffnung mehr vorhanden?«, flüsterte sie.

»Solange mer läbt, muss mer immer noch Hoffnung ham. Erscht wenn mer dod is, is es vorbei.«

»Dass wir noch aus dieser Mausefalle herauskommen?«

»Ach, meine liewe Leonor, wenn Sie wissten, wie ich mir schon den Gobb zerbrochen hawwe. Meine Elfenbeinblatte hat schon enn Schbrung begomm.«

»Einen Ausfall?«

»Un was wärd dann aus dem Automobil?«

»Das können wir zuletzt doch noch vernichten.«

»Un würden Se sich dann noch wohl dabei befinden?«

Adam hatte recht — es war alles nichts, alles nichts. Die sämtlichen Möglichkeiten hatte jeder schon für sich selbst erschöpft.

*

Kapitel 44
Rettung und eine Botschaft

Es war kurz vor Mitternacht. Schon seit geraumer Zeit befanden sich alle vier oben im Panzerturm, jeder eine Luftbüchse in der Hand, und spähten durch die Schießscharten.

Die Nacht war ihnen günstig zu ihrem Vorhaben, ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Der Sturm heulte, und Blitz auf Blitz erhellte die Finsternis.

Aber es konnte doch nur eine kleine Hoffnung sein, an die sie sich krampfhaft klammerten, dass sie durch Wegschießen der Feinde und vor allen Dingen desjenigen, der die Bombe auf das Automobil werfen wollte, sich Rettung bringen könnten. Die Blitze setzten ja oft genug aus, und um die Katastrophe herbeizuführen, dazu gehörte doch nur ein einziger Moment, wie leicht konnte sich da einer herbeischleichen!

Man hätte fast glauben mögen, dass die Banditen die Ruinen verlassen hatten. Aber solch eine Ruhe war ja jede Nacht gewesen, sogar tagsüber.

»Da, da!!«

Blitzschnell schob Leonor die Windbüchse durch eine Schießscharte. Sie hatte über die Mauer eine Gestalt schleichen sehen, in dem Augenblick, als unten die kleine Uhr mit silbernem Schlage die Mitternachtsstunde verkündete — aber noch ehe Leonor abdrücken konnte, sah sie im Scheine einiger greller Blitze sich eine zweite Gestalt erheben, welche sich auf jenen ersten Mann warf — ein Messer funkelte — ein gellender Todesschrei, der aber gar nicht ausklingen wollte — — denn plötzlich vermischte sich das Heulen des Sturmes mit einem ganz anderen Geheul, das aus menschlichen Kehlen kam.

Leonor — keiner — wusste, was eigentlich geschah. Alle Teufel der Hölle schienen plötzlich entfesselt zu sein, ein solcher Spektakel entstand dort draußen.

Und jetzt auch Schüsse! Und jetzt das Geheul wieder in ganz anderer Weise, in ganz anderer Tonart.

Da endlich wusste Leonor, um was es sich handelte.

»Die Banditen sind von Indianern überfallen worden, das ist der indianische Kriegsruf!«, jauchzte sie auf.

Man konnte sich nicht einmischen, man konnte nur beobachten.

Revolver krachten. Zwischen den Ruinen sah man ab und zu zwei Männer miteinander ringen, Messer blitzten, Wutgeheul und Todesschreie — hier ein phantastisch gekleideter Bandit, dort ein halbnackter Indianer, an der dunklen Haut und an den langen, im Sturme flatternden Haaren erkennbar — und dort in der Pampa unter gellendem, tremolierendem Geheul eine ganze Reiterschar von Indianern mit langen Lanzen. Jetzt stießen sie mit anderen Reitern zusammen, die nur die Revolver knallen ließen — und dann wieder alles undurchdringliche Finsternis.

Doch nur zehn Minuten — dann hörte auch dieses Spektakel auf. Wie mit einem Schlage herrschte Todesstille.

»Wer mag gesiegt haben?«, flüsterte Leonor mit klopfendem Herzen. »Und wenn es die Indianer gewesen, sind wir besser daran?«

»Da steht ä Gerl!«

Im Scheine einer Reihe greller Blitze sah man auf der Mauer vor dem Automobil die hochgewachsene Gestalt eines Indianers stehen, der auf das Erdloch herabblickte.

»Miss Leonor Morris — gut Freund hier«, erklangen mit unbeholfener Zunge die englischen Worte, als sich das Rollen des Donners etwas verzogen hatte.

Es lässt sich denken, wie betroffen Leonor beim Nennen ihres Namens empor fuhr. Hätte sie doch alles andere eher erwartet.

Im nächsten Augenblick hatte sie eine der Panzerplatten herabgelassen — da war der Indianer schon wieder von der Mauer verschwunden, dafür stand er jetzt dicht neben der Grube, befand sich mit einem Schritte in dem Panzerturm.

Es war ein noch junger Krieger, nur mit ledernen Beinkleidern angetan, der muskulöse Oberkörper nackt, am Gürtel die Bola, die Kugelschleuder, hängend. Die südamerikanischen Indianer tragen keine Skalplocke, sondern haben ihr straffes, schwarzes Haar, lang herabhängend.

Ruhig war er eingetreten, ruhig stand er da, als, sei er hier ganz selbstverständlich erwartet gewesen, das glänzende Auge auf das Mädchen geheftet.

»Uff!«

»Sie haben die Pamparäuber überfallen und vernichtet?«

»Ittiwauka war schon längst auf der Fährte des großen Schakals.«

Wieder fuhr Leonor empor.

Ittiwauka — das rennende Pferd — das war der Name des Penchuenchenhäuptlings, dessen Freundschaft Georg erworben, dem er in seiner Reisebeschreibung so viele Seiten gewidmet hatte. Von diesen Penchuenchen hatte Georg selbst den Ehrennamen ›Schnellfuß‹ erhalten.

O wunderbares Zusammentreffen!

Im Augenblick wurde Leonor nur von einem einzigen Gedanken beherrscht — den Mann vor sich zu haben, den Georg seinen Freund genannt hatte.

Doch sie konnte sich ja auch noch irren.

»Du selbst bist Ittiwauka?«

»Meine Schwester sagt es.«

»Du kanntest einen Mann, den ihr ›Schnellfuß‹ nanntet?«

»Er schickt mich.«

»Was?!«

»Schnellfuß kam und sagte: In den Ruinen von Atzalan ist meine weiße Schwester, die ich liebe, in einer Falle gefangen worden, die ihr die Schakale der Pampa gestellt haben. Komm, Ittiwauka, wir wollen sie befreien und die Schakale verjagen und töten. Und Schnellfuß führte uns.«

Immer weiter traten Leonors Augen hervor.

»Schnellfuß, Schnellfuß?!«, konnte sie vorläufig nur hervorbringen.

»Mein weißer Bruder, der noch schneller ist als das ›rennende Pferd‹.«

»Wann — wann — hast du diesen deinen Freund kennen gelernt?«

»Wohl siebenmal ist unterdessen der Sommer schon vergangen.«

»Weißt du — weißt du nicht, seinen eigentlichen Namen?«

Einen Augenblick neigte der Häuptling sinnend den Kopf, und dann brachte er mit unbeholfener Zunge den ihm fremden Namen hervor.

»Georg Hartung.«

»Georg! Und wann soll er jetzt zu dir gekommen sein?!«

»Einmal erst hat der Tag gewechselt.«

»Gestern?!«

»Du sagst es.«

»Gestern — gestern hast du Georg Hartung, den du Schnellfuß nennst, gesprochen?!«

»Er traf mich auf dem Pferdefang und erzählte mir von der weißen Frau, die einen Wagen hat, der von selbst fährt. Er führte uns hierher.«

»Hierher hätte er euch geführt?!«

»Er selbst war hier. Schnellfuß hat die Ruinen ausgekundschaftet.«

»Georg — Schnellfuß selbst war hier?!«

»Du sagst es.«

»Wo ist er denn jetzt?!«

»Er ist davongeritten, nachdem wir die weißen Schakale zertreten hatten.«

»Adam, Adam, hören Sie es?!«, rief Leonor außer sich.

»Ä, das is ja gar nich möglich, den ham mir ja schon vor acht Tagen begram. Warum denn awwer ooch nich?«, setzte Adam jedoch noch hinzu. »Der errschte dode Mensch wär's ja nich, der widder läbendg geworden is.«

»Mann, sprechen Sie — Sie hätten wirklich erst heute noch Georg gesehen??«

Schweigend griff der Häuptling zwischen Haut und Hose, brachte ein zusammengefaltetes Papier hervor, hielt es dem Mädchen hin.

Leonor nahm es, faltete es auseinander — es war ein ziemlich großes Stück Papier, ehemals weiß gewesen, aber jetzt in einer Verfassung, dass man nicht mehr gern ein Butterbrot darin eingewickelt hätte — doch was machte das? Es war beschrieben, und Leonor erkannte Georgs ihr wohlbekannte Schriftzüge. Der Brief war von heute datiert, wenn man nicht daran dachte, dass Mitternacht schon vorüber war.

Geehrte Miss Morris!

Was Sie für meine Befreiung versucht und getan haben, weiß ich. Es wäre nicht

nötig gewesen, denn es gelang mir, meiner Gefangenschaft zu entkommen — leider

zu spät, als dass ich das Schrecklichste hätte verhüten können. Denn wäre ich

früher wieder zu Ihnen gestoßen, so wäre das unglückliche Buenos Aires wohl

von der furchtbaren Katastrophe verschont geblieben, die Sie dieser Stadt bereitet

haben. Doch lassen wir das — es ist geschehen, und ich selbst fühle mich Schuld

daran. Möge Gott uns beiden ein gnädiger Richter sein.

Ich floh hinaus in die Pampa, fand einen gestürzten Reiter. Im Sterben beichte

te er mir etwas von einem Weibe, welches in die Gewalt von weißen Pamparäu

bern gefallen sei. Ich erfuhr, in welcher Lage Sie sich befanden oder in welche Sie

noch kommen sollten. Ich eilte weiter, suchte und fand meinen roten Freund,

von dem ich Ihnen schon viel erzählt hatte — Ittiwauka, der Ihnen dieses Schrei

ben hoffentlich überbringen kann.

Wir flogen zur Rettung. Nachdem ich das meine getan, schreibe ich jetzt, wäh

rend die braven Penchuenchen noch mit den Banditen kämpfen, eiligst diesen

Brief.

Es ist besser, wir sehen uns nicht mehr wieder. Leben Sie wohl! Aber noch eins möchte ich Ihnen mitteilen. Nehmen Sie meine letzte Gabe

entgegen, die ich Ihnen in treuer Dankbarkeit noch geben kann.

Sie fragten mich einst scherzhaft, ob ich nicht ein Goldfeld wüsste. Ja, ich weiß

eins. Weshalb ich erst jetzt davon spreche? Sie werden wohl gemerkt haben, dass

ich kein Mann von vielen Worten bin, und ich spreche gewöhnlich erst, wenn es

Zeit dazu ist. Und jetzt ist es Zeit dazu, denn ich habe auch etwas davon gehört,

dass Sie das Geheimnis des Morrisits preisgegeben haben. Ich bewundere Sie des

halb, und ich kann Ihnen etwas erzählen, woran Sie sich für die Ihnen nun ent

gangenen hundert Millionen Dollar vielleicht schadlos halten könnten.

Wie ich in den Besitz des Geheimnisses gekommen bin, kann ich hier nicht

schildern, und weshalb ich selbst das Goldfeld nicht ausbeuten konnte, kein an

derer Mensch es vermag, werden Sie sofort erfahren. Nur Sie in dem Automobil,

das seine eigene Atmosphäre erzeugen kann, sind imstande dazu.

Vielleicht haben Sie schon von dem Monte Cerboli in Mexiko gehört und von

dem, was mit dieser ganzen Gegend zusammenhängt. Ich gebe hier gleich die

genaue geografische Lage dieses Berges an, die Sie sich sofort besonders notieren

wollen: 32 Grad 14 Minuten 18 Sekunden n. B., 108 Grad 51 Minuten 20 Sekun

den westlich von Greenwich. Sonst aber kann Ihnen auch jeder Mexikaner von

diesem meilenweiten Gebiete erzählen, nach welchem der dortige Volksaberglaube

den Eingang zur Hölle verlegt.

Um diesen Berg herum erstreckt sich ein viele Meilen weites Gebiet, welches

wohl schwerlich je ein Mensch betreten hat. Das macht, diese ganze Gegend ist

mit Mofetten durchsetzt, Wasser- und Gasquellen, von Weitem wie isländische

Geiser aussehend, welche aber Schwefeldünste und vor allen Dingen auch Borsäu

re ausströmen, jede Existenz einer Tier- und Pflanzenwelt dort unmöglich ma

chend.

Auf der Ostseite des Monte Cerboli nun, dicht an seinem jähen Abhang, er

streckt sich ein weites Goldfeld. Das reine Gold liegt in großen Körnern rein zuta

ge. Wer dorthin gelangen kann, kann das Gold aufheben. Sie im Automobil kön

nen hingelangen. Welchen Weg Sie einzuschlagen haben, vermag ich freilich nicht

anzugeben. Der Zugang dorthin soll aber überall offen sein. Das ganze Terrain

und also auch dieses Goldfeld ist nämlich von einem darüber hinwegfliegenden

Luftballon aus erblickt worden, dessen sämtliche Teilnehmer dann verunglückt

sind, bis auf einen, der mir dieses Geheimnis mitteilte. Als ich von Ihnen enga

giert wurde, dachte ich fortwährend lebhaft daran, dass es uns möglich wäre, die

ses Goldfeld in dem luftdicht schließenden Wagen auszubeuten.

So tun Sie es, und ich weiß, dass das Gold in Ihren Händen nur zum Segen der

Menschheit dienen wird.

Ich gehe wieder meine einsamen Wegs als Globetrotter. Leben Sie wohl, hochgeehrte Miss!

Georg Hartung.

Leonor stieß einen Schrei aus. Das Letzte, das von dem Golde, hatte sie kaum gelesen. Nur der Anfang brannte ihr wie mit feurigen Buchstaben vor den Augen.

»Adam, Adam, er lebt noch!!«

»Nu, dann hamm mir damals ähm enn anderen begram, und das gann ja ooch sin, mir gönnten doch nich emal mehr sei Gesichts ergenn.«

»Er hat mich verlassen!«

»Verlassen? Warum denn?!«

»Er hat mich in Verdacht, dass ich Buenos Aires in Brand geschossen habe!!«

Leonor hatte es ausgesprochen. Sie hatte die Ursache dieser Trennung also sofort erkannt.

»Wo ist er? Wo ist er? Wann hat er Sie verlassen?«

Vor einer Viertelstunde, auf einem ausgezeichneten Pferde, nordwärts hatte er sich gewandt — mehr konnte der Häuptling nicht angeben. Wohin sich sein weißer Freund begeben habe, wusste er nicht, Georg hatte nichts gesagt. Bewaffnet war er mit zwei Revolvern gewesen, und das genügt nach Ansicht solch eines Indianers, um überall durch die Welt zu kommen.

Leonor, außer sich, verlangte ein Pferd. Aber wohin, um ihn zu finden, um ihm ihre Unschuld zu versichern? Und auch die Verfolgung seiner Fährte war nicht mehr möglich, denn jetzt begann es in Strömen zu regnen.

»Warten Se nur ä Viertelstindchen, dann genn mir aus dem Loche herausgondeln.«

So schien es fast auch werden zu wollen. Die Fallgrube war von den Banditen ohne Berechnung eines Regengusses angelegt worden, alles Regenwasser, das sich zwischen den Ruinen und in der weiteren Umgebung ansammelte, ergoss sich gerade durch diese Mauerstraße und daher auch direkt in dieses Erdloch hinab, Maximus bekam von oben ständig eine Dusche, deren Stärke sich immer vergrößerte.

Wirklich, es hatte keinen Zweck, jetzt das Automobil auseinander zu nehmen und es mit Hilfe der Indianer herauszuheben. Nach einer halben Stunde schwamm es in dem Loche, und wieder eine Stunde später konnte es durch eigene Kraft die Erdoberfläche gewinnen.

Wäre dies einige Stunden eher geschehen, so hätte man die Hilfe der Penchuenchen gar nicht gebraucht. Aber wäre das besser gewesen? Sicher nicht! Dann wäre das Automobil wer weiß wo schon gewesen — und Leonor hätte nichts von Georgs Wiederaufleben erfahren.

Wenn man es sich recht überlegte, so war hierbei auch gar kein so großes Rätsel. Wer sagte denn, dass es wirklich Georg gewesen war, den man damals begraben hatte?

Ja, der halbtote Mann hatte es selbst gesagt — auf die Frage hin, ob er Georg sei. »Ich — bin — es«, hatte er mit seiner letzten Kraft hervorgebracht, um dann zu verscheiden. Wie oft schon mögen solche letzte Geständnisse Sterbender furchtbares Unheil angerichtet haben, indem ihre Antworten, die man ihnen in den Mund legt, für bare Münze genommen wurden!

Die Penchuenchen, gegen dreißig Mann, zeigten Besorgnis, Ittiwauka teilte sie dem Mädchen offen mit.

Das konnte der Anfang der plötzlich einsetzenden Regenzeit sein, früher als sonst, und dann galt es, das Lager zu gewinnen, um dieses auf ein vor der Überschwemmung gesichertes Gebiet zu verpflanzen.

»Und was macht dann meine Schwester mit ihrem Wagen?«

Sie konnte ihn beruhigen, der Häuptling hatte den schweren Panzerwagen ja auch schon in dem Loche schwimmen sehen.

»Kannst du, Häuptling, mir nicht dazu verhelfen, dass ich meinen Freund wiederfinde?«

Nein, das konnte der Häuptling nicht. Georg hatte nichts, gar nichts über seine Pläne gesagt, und Leonor ließ die Penchuenchen ziehen, welche unter Mitnahme der Köpfe der erschlagenen Feinde noch mitten in der Nacht wieder davonritten.

*

Kapitel 45
Auf der Pampainsel

Wieder war eine Nacht angebrochen. Das Automobil war nordwärts gefahren, eine Stunde lang, und den ganzen Tag über nach allen Himmelsrichtungen.

Was sich während vierundzwanzig Stunden in eines Menschen Hirn alles abspielen kann, vermag natürlich nicht geschildert zu werden, und am allerwenigsten, wenn dieses Hirn einem Mädchen angehört, das den verlorengegangenen Geliebten sucht.

Ach, was allein hatte sie alles mit Adam gesprochen! Bis auf Zeitungsannoncen waren sie gekommen, mit einem Anklang an jenen bekannten Inhalt: Heinrich, kehre zurück, es ist alles verziehen. Aber nun hier mitten in der endlosen Pampa! Und was sie mit Adam alles besprochen, das war doch nicht einmal der zehntausendste Teil gewesen von den Gedanken, die schweigend durch ihren Kopf jagten.

Zuletzt tat Leonor das Vernünftigste, was sie tun konnte: sie betete, betete um Erhörung ihres heißesten Gebetes, das sie je zum Himmel emporgeschickt hatte. Das gewährte doch wenigstens etwas Beruhigung.

Die Regenzeit schien noch nicht einsetzen zu wollen. Allerdings sah der Himmel immer gefährlich aus; aber es hatte den ganzen Tag keinen Tropfen mehr geregnet.

Am Abend gab es eine Reparatur an der Maschinerie, die sich vielleicht die ganze Nacht hinziehen konnte.

Leonor ließ den intensiven Blendstrahl nach oben richten.

»Wenn er das ihm bekannte Licht sieht, wird er kommen?«

»Nu allemal«, sagte Adam.

Was hätte er auch sonst antworten sollen?

»Sagen Sie doch lieber nein. Sie glauben es ja selbst nicht!«

Da schwieg Adam fortan, und Leonor betete weiter.

Nachts gegen zwei Uhr war die Reparatur beendet. Adam wollte auch draußen noch einmal etwas nachsehen, öffnete die Hintertür, stieg hinaus, mit dem rechten Fuße voran, ließ den linken langsam nachfolgen und... zog beide Beine schleunigst wieder zurück.

»Wasser! Alles Wasser!! Ich hatte doch ooch gleich in mein Gummibeene so ä merkwirdig seichtes Gefiehl!«

Der Blendstrahl ward nach unten, gerichtet — jawohl, die ganze Pampa stand unter Wasser. Ganz geräuschlos musste es gekommen sein.

Und es stieg rasch. Anderswo war der wolkenbruchartige Regen niedergegangen, schon wenige Minuten später wurde das Automobil gehoben, es schwamm.

In ein Motorboot verwandelt, fuhr Maximus umher, wiederum ganz planlos. Leonor verstieg sich bis zum Aberglauben, wollte das Los entscheiden lassen, wohin sie sich zu wenden habe, um den entflohenen Geliebten zu finden, und so brach die Sonne eines neuen Tages an.

Ja, die ganze Pampa hatte sich in ein unübersehbares Meer verwandelt, aber in ein solches mit vielen Inseln. Und es gab keine einzige, welche nicht mit Tieren der verschiedensten Art bevölkert gewesen wäre, am meisten oder am auffälligsten mit Pferden und Rindern, erstere wohl alle wilde Mustangs, letztere zu einer nahen Estancia gehörend, wenn man da bei einer ›Nähe‹ auch mit vielen, vielen Meilen zu rechnen hat.

Aber keine dieser Inseln war von solchen großen Tieren dicht besetzt. Es ist, als ob die Pferde und Rinder wüssten — und ganz sicher sagt es ihnen auch der Instinkt, der aber schließlich doch wieder nur die vererbte Erfahrung der Vorfahren ist — dass sie sich nicht in zu großer Menge auf solch einem Inselhügel vor der Überschwemmung retten dürfen, weil sie sonst nicht genug Futter finden würden.

Diese Überschwemmungen währen ja immer nur wenige Tage. Sollten sich nun einmal zu viele Pferde und Rinder auf solch einem Hügel versammelt haben und das Futter wird abgeweidet, so fällt es trotz des größten Hungers keinem Tiere ein, zu suchen, schwimmend den nächsten Hügel zu erreichen, auch wenn dieser gar nicht stark besetzt wäre. Dort würde der Schwimmer keinesfalls angenommen werden, dort ginge es mit Horn und Huf sofort auf Tod und Leben, während sich die Tiere sonst auf solch einer Insel trotz des nagendsten Hungers ganz gut vertragen, alles miteinander teilen. Doch die Wahl des rettenden Landes muss schon vorher geschehen, hinterher gibt es nichts mehr, da verweigert aus Selbsterhaltungstrieb auch die Stute dem sonst so geliebten Fohlen den Zutritt.

Aber, wie gesagt, so etwas kommt eben gar nicht vor. Die Tiere wissen schon im Voraus, wenn sie vor der Überschwemmung fliehen oder diese gar erst wittern, wie viele ihrer auf solch einem Hügel sein dürfen, ohne während einiger Tage Hunger leiden zu müssen. Die Überzähligen oder später Ankommenden gehen von ganz allein wieder ab, um sich noch rechtzeitig einen weniger besetzten Hügel auszusuchen.

Und dann findet man noch auf jeder dieser Inseln alles andere Wild, welches die Pampa bevölkert, Antilopen aller Art, Pampahirsche, Nandus, Trappen und... hin und wieder auch einen Panther.

Nun sollte man meinen, dass solch ein Panther, der sonst aus reiner Mordlust in die Herden bricht, alles niederreißend, dadurch in vielen Gegenden Südamerikas die Schafzucht ganz unmöglich machend, hier einmal seinen Blutdurst nach Herzenslust befriedigen könnte.

Aber das ist durchaus nicht der Fall. Es ist, als ob zurzeit dieses Raubtier plötzlich ein ganz anderes Wesen geworden sei. Ein göttliches Gebot hat es in ein sanftes Lamm verwandelt. Oder sollte man denn glauben, dass solch ein alter Panther, der jahraus jahrein dieselbe Überschwemmung durchmacht, sich so vor dem Wasser fürchtet? Sei dem, wie es sei — auf solch einer Insel denkt das Raubtier gar nicht daran, unter den Antilopen zu würgen, und sein Hunger muss schon ein sehr großer sein, ehe es nur eine einzige niederreißt.

Von demselben Stimmungswechsel unter Raubtieren, besonders bei Überschwemmungen, wissen übrigens auch unsere einheimischen Weidmänner zu erzählen, dass sich nämlich ein Hase und ein Fuchs vor der Wassernot auf ein und denselben Baum gerettet haben, und da zeigt sich das Wunder, dass sich der sonst so dreiste Reineke vor dem Hasen fürchtet, er angelt lieber nach Fischen, frisst Beeren, ehe er dem sonst so begehrten Meister Lampe zuleibe geht.

Schlangen überdauern die Überschwemmung in Schlammlöchern, liegen in einer Art von Schlaf, wobei sie keiner Atmung bedürfen, und die Viscachos, die südamerikanischen Kaninchen und Meerschweinchen, welche die Pampa oft meilenweit unterwühlen, dass ein Pferd sie gar nicht passieren kann, weil es bei jedem Schritte einbricht, siedeln sich überhaupt nur auf Distrikten an, die vor der Überschwemmung geschützt sind.

»Und da ein Mensch!«

Leonor folgte der Richtung von Adams ausgestrecktem Arme, sah eine kleine Insel, darauf ein Dutzend Pferde, Rinder und andere Vierfüßer, aber keinen Menschen.

»Er hat Gauermätzchen gemacht.«

»Was hat er gemacht?«

»Er hat sich hinter einer liegenden Guh zusammengegauert.«

»Das ist eigentlich merkwürdig, wenn sich ein Mensch, der hier für einige Zeit Robinson spielen muss, vor einem Fahrzeuge verbirgt.«

»Er wird a schlechtes Gewissen hamm.«

»Nun, es kann ja auch ein Mann sein, der noch nie solch ein Motorboot gesehen hat, sich davor fürchtet.«

Ein in dieser Inseltierwelt sich aufhaltender Mensch war eine so seltene Erscheinung, dass Leonor es für selbstverständlich, sogar für ihre Pflicht hielt, die Sache näher zu untersuchen. Denn ein Mensch bedarf doch zu seiner Nahrung noch anderer Dinge als nur des Grases, und wenn er kein Messer hat, so müsste er geradezu, um seinen Hunger zu stillen, in einen lebendigen Ochsen hineinbeißen.

Das Automobil war noch ziemlich weit von dem Hügel entfernt. Adam hatte seine Entdeckung, die übrigens von Leonor noch immer bezweifelt wurde, durch das Fernrohr gemacht. Ganz zufällig hatte er es auf jene Insel gerichtet gehabt, in demselben Augenblick wollte er eine menschliche Gestalt haben verschwinden sehen, und da war es allerdings sehr leicht möglich, dass er sich geirrt hatte. Maximus steuerte hin, umfuhr langsam das Inselchen, angeschnaubt und angebrüllt von Pferden und Rindern.

»Ich bemerke aber nichts von einem Menschen«, meinte Leonor.

Adam auch nicht.

»Dort, dort!«, rief er mit einem Male. »Da will er sich wieder unter so'n Vieh verkriechen!«

Jetzt waren die Panzerplatten herabgelassen, man musste schon die Stimmen der Sprechenden hören, Adam zeigte auch mit ausgestreckter Hand — und da erhob sich richtig ein Mann, er hatte eben bemerkt, dass er entdeckt war, gab es nun auf, sich weiterhin zu verstecken — aber auch jetzt wollte er nichts von dem Motorboote wissen, wandte ihm den Rücken und verschränkte wie trotzig die Arme über der Brust.

Die Beobachter waren über dieses Benehmen höchlichst erstaunt.

Da flammte plötzlich über Leonors Antlitz eine Blutwelle, und dann ward sie wieder bleich wie der Tod.

»Georg!!!«

Mit einem Ruck wandte sich der Mann um — ja, es war Georg, in seiner Kleidung etwas verändert.

Eine stumme Pantomime erfolgte. Langsam näherte sich das schwimmende Automobil der Insel, stieß mit dem Vorderteile daran — und noch immer stand Leonor in dem vollständig offenen Chauffeurraume, sie hätte mit einem Schritte das Land erreichen können, aber sie tat es nicht. Weiß wie eine Marmorstatue, stand sie regungslos da, ebenso Georg, und so blickten sich die beiden unentwegt an.

Da endlich hob Georg mit einer abwehrenden Bewegung die Hand, und dumpf kam es aus seiner Brust heraus:

»Nicht, nicht, Miss Leonor — — zwischen uns beiden erhebt sich eine feurige Wand, welche durch all dieses Wasser nicht gelöscht werden kann — — Sie selbst sind schuldlos — aber ich, ich — — ich bin ein Geächteter — für Sie — für mich — es muss sein — — ich fühle auf meiner Stirn ein Brandmal, eingebrannt von den Flammen einer ganzen Stadt...«

»Georg!!«, schrie da Leonor auf. »Bei Gott dem Allmächtigen, bei allem, was mir heilig ist, bei meiner Liebe zu dir schwöre ich — ich bin schuldlos an diesem Brande von Buenos Aires, ich habe auch nicht eine einzige Brandbombe in die Stadt geworfen...«


Illustration

Der starke Mann zuckte zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen, und schon hatte er ein ganz anderes Gesicht.

»Wie, Leonor? Du hättest nicht...«

Er kam nicht weiter. Schon lag sie zu seinen Füßen... und dann lag sie an seiner Brust... und dann saß sie im Speisezimmer auf dem einzigen Sofa, welches das Automobil barg, auf seinen Knien.

Da die beiden gar nicht wussten, wie sie eigentlich in das Speisezimmer gekommen waren, brauchen auch wir es nicht zu wissen.

Es war gekommen, wie es immer geht. Und die Hauptsache dabei ist: sie herzten sich und küssten sich — und Adam schnupfte dazu mächtig, ganz ruhig daneben stehen bleibend, dermaßen war er in Gedanken versunken.

»Du böser, böser Mann, wie konntest du mir das antun, in meiner dichten Nähe zu sein und dich nicht wenigstens einmal mit mir auszusprechen!«

»Ach, Leonor, was ich durchgemacht habe!«

»Aber ich erst!«

Da erwachte Adam aus seinen Träumen.

»Na, nu hört awwer mal bald uff! Das is ähm immer un egal die verfl... Geschichte, wenn sich zweee liem un se schbrechen sich nich aus. Das is ja alles recht scheen un gut in dr Deorie. Die hunderttausend Schriftschteller, die's in der Welt gäm mag, wolln ja ooch läm, awwer in der Braxis muss mer das viel gärzer machen. Da muss mer eefach die andere Berson beim Gobbe backen un... na, Brischen gefällig? Nu erzähln Se awwer errscht mal, Mr. Hartung, eh mer in de Gärche zum Bastor fahrn.«

Georg erzählte. Wie er im Heizraum verhaftet und ins Tribunal geliefert, wie er von Beamten abgeholt wurde, die sich dann als Gauner entpuppten, die von ihm das Geheimnis des Morrisits wissen wollten, ihn dann als Tauschobjekt betrachteten; wie er ausgebrochen war, wobei er seinen Weg über einige Gaunerleben hatte nehmen müssen.

Da war Buenos Aires in Flammen aufgegangen. Von Miss Morris in Brand geschossen! Seinetwegen! Aus Rache! Die Spatzen erzählten es sich auf den Dächern.

In verzweifelter Stimmung war er in die Pampa hinausgeflohen. Zwischen ihm und der Geliebten, heimlich Geliebten, war eine Scheidewand errichtet.

In der Pampa fand er einen sterbenden Reiter, vom Pferde gestürzt — von diesem erfuhr er Leonors und des ganzen Automobils neuestes Schicksal. Mit Hilfe seines roten Freundes befreite er sie aus der Falle. Noch einen Brief zurückgelassen, dann war er weitergeflohen — wohin, das hatte er selbst nicht gewusst.

So erzählte Georg. Viel, viel ausführlicher, als wir hier wiedergeben.

»Habe ich dir in dem Briefe eigentlich mitgeteilt, dass Artur Deacon tot ist?«

»Artur Deacon tot?!«, fuhr Leonor auf, und Adam steckte eine Prise echten Doppelveilchen aus Versehen in den Mund.

»Es muss so sein. Das Versteck, in dem ich mich während des ganzen Tages und auch noch in der Nacht bis zum Ausbruch des Brandes verborgen halten musste, war ein richtiger Verbrecherkeller. Ich habe da viel erlauscht. Da kamen unter anderem vier Lazzaronis, die etwas Sonderbares berichteten. Der Hauptinhalt ist kurz folgender:

Eine Doña Rosa Soundso hatte in Buenos Aires einen Mann wiedergefunden, dem sie einst in Paris in Liebe angehört hatte. Die Lazzaronis kannten seinen Namen sehr wohl, sprachen ihn aus: Señor Artur Deacon. Das Liebesverhältnis wurde auch in Buenos Aires fortgesetzt, aber wohl nicht zur richtigen Zufriedenheit der Donna, sie mochte verschmäht worden sein, Eifersucht und dergleichen — kurz, diese vier Lazzaronis wurden dazu engagiert, bei der Rache behilflich zu sein. In einem einsamen Hause ist Artur Deacon von dem Weibe auf eine schauderhafte Weise misshandelt worden, geschlagen und gemartert, sie hat ihm die Ohren und die Nase abgeschnitten usw., wie es solch eine echte Spanierin wohl hält, wenn ihre Liebe verschmäht wird und sie dafür Rache übt. Deacon ist unter ihren Händen gestorben. Dann haben die vier Lazzaronis den Auftrag bekommen, seinen Leichnam irgendwo in der Pampa zu verscharren. Die vier rückten mit der Leiche ab, unterwegs wollen sie den heiligen Geist oder irgendeine andere gespenstische Lichterscheinung gesehen haben, sie flohen erschrocken davon, die Leiche als einen Fraß für die Schakale zurücklassend. Na, ihr könnt euch denken, was für einen Eindruck das auf mich machte, als ich in meinem Versteck so von Artur Deacons entsetzlichem Ende hörte.«

Auch auf diese Zuhörer hier machte das natürlich einen Eindruck. Leonor war zuerst keines Wortes fähig, wohl aber Adam.

»Heernse, Miss Leonor,« schrie er, »da is das geen anderer als Artur Deacon gewesen, den Se da gewaschen un gegißt un dann in de Erde gebaddelt ham!«

Jetzt wollte natürlich auch Georg mehr davon hören. Leonor konnte nicht erzählen, sie war zu furchtbar erschüttert, so besorgte es Adam, und er schloss mit den Worten:

»Nee, heernse, Georg, ich gann gar nich sagen, wie mich das freit, dass mir damals en falschen begram hamm, un dass das gerade der Lausewenzel von Deacon gewesen is.«

*

Kapitel 46
Am Eingange zur Hölle

Vierzehn Tage später, und schon befanden sich die Wiedervereinigten mitten in Mexiko. Auf der alten, noch wohlerhaltenen Inkastraße — auch so ein Bauwerk, das wir heute gar nicht mehr nachmachen können, weil uns die billigen Arbeitskräfte, die Sklaven, fehlen, und der moderne Spekulationsgeist legt nichts an, was sich nicht rentiert — hatten sie ganz Südamerika längs der Westküste durchquert, dann durch das flache Zentralamerika hinein in das gebirgige Mexiko.

Erwähnenswerte Abenteuer hatten sie auf dieser ungeheuren Tour, die aber für Maximus nur eine Spazierfahrt bedeutete, nicht erlebt, mit der Außenwelt überhaupt gar keins. Dass sie einmal ein Lama überfahren und den jammernden Besitzer durch einige Goldstücke zu einem glücklichen Manne gemacht hatten, war schon ein bedeutsames Ereignis gewesen.

Kein Hindernis hatte sich ihnen wieder in den Weg gestellt, weder ein natürliches, noch ein künstliches, niemals wieder hatte es irgendwo knallen wollen. Allerdings gebrauchte man jetzt einige Vorsicht. Brücken wurden möglichst vermieden oder, wenn sie durchaus nicht zu umgehen waren, vorher untersucht, ehe man ihnen das schwere Automobil anvertraute, und größere Städte wurden regelmäßig umfahren, auch wenn dabei die Straße verlassen werden musste und Maximus in Mais- und Baumwollenfeldern oder in Kaffeebaumkulturen starke Breschen legte.

»Wenn wir erst unser Gold haben«, sagte dann Georg bei solchen Gelegenheiten, wenn ihnen das Jammern und die Flüche der geschädigten Besitzer nachklangen, »so lassen wir in allen Zeitungen einen Aufruf ergehen, wer durch uns geschädigt ist, der soll sich melden, und alle die jetzigen Flüche werden sich in Segenswünsche für uns verwandeln.«

»Wo aber werden wir dann diese goldenen Früchte in Ruhe verzehren können, Georg?«, fragte Leonor.

Ja, sie hatte allen Grund, so zu fragen.

Ab und zu kamen sie ja doch mit einem Menschen ins Gespräch, so, wenn sie nach einem anderen Wege fragten, sie bekamen auch einmal eine Zeitung in die Hand, und da hörten und lasen sie es, und beim Passieren von Ortschaften bekamen sie es auch ganz deutlich zu sehen, wie die Einwohner entsetzt vor dem Teufelsfahrzeug flohen, ihre Häuser verrammelten, alle Heiligen um Schutz vor dieser Brandstifterin anriefen.

Und was man schon hier in diesen doch immerhin noch abgelegenen Ländern wusste, das war ja erst recht der ganzen Welt bekannt: Leonor Morris hatte aus Rache Buenos Aires in Brand geschossen, die ganze Stadt eingeäschert, hatte dadurch Hunderttausende von Existenzen ruiniert!

Darüber würde sie nie hinauskommen, deswegen würde sie nie gerechtfertigt werden können, und wenn selbst ein Engel vom Himmel herabgestiegen wäre, um ihre Unschuld zu beweisen. Es war ihr Verhängnis, als diese Brandstifterin zu gelten.

Wohl hatte sie der Menschheit eine Erfindung gegeben, welche von dieser in Bälde die Hälfte des Fluches des Paradieses, der Arbeit, abnehmen würde. Aber wurde dadurch ihre Schuld etwa kleiner? Konnte das aussöhnen?

Es gibt Dichter und auch sachgemäße Geschichtsforscher genug, welche den Kaiser Nero weißzuwaschen suchen. Er soll in seiner Jugend gar kein übler Mensch gewesen sein, soll Beweise von großer Bescheidenheit und Milde gegeben haben. Als junger Kaiser hat er bei einer Hungersnot seine Kornspeicher geöffnet und andere persönliche Opfer gebracht. Nur durch falsche Erziehung und durch Schmeichler wurde er zu dem gemacht, als den wir ihn jetzt kennen. Der Cäsarenwahnsinn, dem all seine Gräueltaten entsprangen, wurde ihm künstlich eingeimpft. Aber kann all dies etwa das Bild, das wir von Nero nun einmal haben, etwas ändern? Nein, Nero ist und bleibt der Brandstifter Roms, das größte Scheusal, das wir in der Geschichte kennen.

»Die Hauptsache ist doch, dass du selbst dich unschuldig weißt«, tröstete dann Georg, wenn Leonor einmal so klagte. »Und es gibt schon noch idyllische Fleckchen auf der Erde, ich selbst kenne solche, wo wir, vor aller Welt verborgen, unserem Glücke leben können.«

»Oder könnten wir nicht für immer in dieser fahrenden, uneinnehmbaren Burg bleiben? Jenes Gebiet, in das das Volk den Eingang zur Hölle verlegt, soll ja deiner Beschreibung nach von keinem Menschen zu betreten sein, nur wir können uns darin aufhalten. Von Zeit zu Zeit verschaffen wir uns Proviant...«

»Du vergisst wohl, dass es in zwei Jahren noch genug solche Panzerautomobile geben wird, die sich ihre eigene atembare Atmosphäre herstellen können, und die Untersuchung dieses interessanten Gebietes dürfte dann eine der ersten Aufgaben sein, wozu die Wissenschaft solch ein Automobil benutzt.«

Ja, daran hatte Leonor im Augenblick nicht gedacht. Aber dass sie überhaupt willens gewesen wäre, ihren Aufenthaltsort in solch einer verschwefelten Region aufzuschlagen, wo sie außerhalb des Automobils gar nicht atmen konnte, das zeigte doch, wie sehr ihr die Sache zu Herzen ging, wie sie sich davor fürchtete, wieder mit anderen Menschen, die sie immer verurteilen mussten, in Berührung zu kommen.

Diesem ›Eingang zur Hölle‹ näherten sie sich jetzt. Zunächst war es das Städtchen Parras, welches sie vor sich liegen hatten, auch gleich die letzte Menschenansiedlung, ehe dann das Tal, durch welches sie schon seit einiger Zeit fuhren, die Existenz von Lebewesen unmöglich machte.

Schon hier zeigte sich der Einfluss des noch immer weit entfernten Höllengebietes. Auch die immer kümmerlicher werdenden Pflanzen hatten unter dem Schwefeldunst zu leiden, welcher den ganzen Talweg erfüllte. Menschen und Tiere erst recht.

Während des ganzen Weges war das Automobil an Schwefelgruben vorbeigekommen. Parras ist die weitest vorgeschobene Stadt. Bis hierher hatte der Gelddurst die Menschen vorgetrieben, weiter ging es nicht.

Den trotz aller Sonnenglut blassen Gesichtern mit den hohlen Augen entsprach auch der Charakter dieser armen Bergwerksarbeiter. Es waren Spanier oder doch die Nachkommen solcher, aber das spanische Temperament fehlte.

In dieses so entlegene Städtchen hatte sich die Kunde von der Einäscherung Buenos Aires' durch dieses Automobil wohl noch nicht verirrt, aber das Staunen musste doch an sich schon groß sein, weil es sicher das erste Automobil war, das hierher kam.

Doch nicht das Geringste davon. Gleichgültig betrachteten die schlaffen, mageren Männer, Frauen und Kinder das seltsame Fahrzeug, das ohne Pferde des Weges einhergerollt kam, dann wandten sie sich stumpfsinnig wieder ihrer Arbeit oder dem Faulenzen zu.

Vor Parras war die ganze Maschinerie noch einmal gründlich untersucht worden, besonders alle jene Teile, zu denen man nur von außen gelangen konnte. Denn befand man sich einmal in der Höllenregion, dann durfte man nicht mehr daran denken, das Automobil noch einmal zu verlassen.

An einem Bache, der noch tadelloses Wasser enthielt — in Parras schmeckte schon alles nach Schwefel und Borsäure — waren die Tanks gefüllt worden, Proviant war noch für einige Wochen vorhanden.

Als man das letzte Haus von Parras hinter sich hatte, befand man sich also in dem Gebiet, welches, obgleich doch in einem ganz kultivierten Lande liegend, noch von keinem einzigen Menschen betreten worden sein sollte. Ein ganz eigentümliches Gefühl! Allerdings der tödliche Strich war nicht von der Natur direkt gezogen worden. Das hatten zunächst die abergläubischen Menschen getan. Zwei steinerne Kreuze auf beiden Seiten des ziemlich breiten Kesselweges bezeichneten die Linie, die ungestraft kein Mensch überschreiten durfte — nicht, weil er dann, von Borsäuredämpfen überwältigt, sofort umgesunken wäre, sondern weil ihn jenseits dieser Grenze der Teufel gleich beim Kragen genommen hätte, und die von Priestern geweihten Kreuze dienten natürlich auch dazu, um Satanas einzusperren, dass er nicht herauskonnte.

»Da hat der Deiwel sei Schnubbtuch verlorn«, sagte Adam.

Mitten auf dem Wege, schon weitab von jener Grenze, lag wirklich ein buntes Taschentuch, das einen noch ziemlich neuen Eindruck machte — ein Zeichen, dass es doch noch Menschen gab, welche diese von klugen Priestern gezogene Grenze nicht respektierten, sondern so weit wie möglich hier vorzudringen suchten. Aber ein gutkatholischer Mexikaner war der Besitzer dieses Taschentuchs dann sicher nicht gewesen.

Es sah ja hier auch noch ganz manierlich aus. Graswuchs, grüne Büsche, ab und zu auch ein Baum. Aber alles eben schon kümmerlich, die Blätter hängen lassend.

Und sehr bald wurde das auch anders. Immer spärlicher wurde die Vegetation, schließlich hörte sie ganz auf, nur manchmal noch ein abgestorbener Baum mit sämtlichen Ästen, aber ohne jedes Blatt, und dann begann es im Halse immer mehr zu kratzen, bis die Luft gänzlich unatembar wurde.

Das Automobil musste luftdicht gemacht werden. Dazu aber war nicht nötig, dass die Panzerplatten hochgezogen wurden. Auch schon die Fenster schlossen vollständig luftdicht.

Einen Kilometer weiter, noch immer in dem Engpass, noch nicht in dem eigentlichen Tale, sah man ein menschliches Skelett liegen. Also sogar bis hierher waren Wagemutige getrieben worden! War auch anderen etwas von dem Vorhandensein eines Goldfeldes bekannt? Man wusste es nicht, hatte deshalb niemand gefragt. Doch wo man einen Teufel oder eine Hölle vermutet, da muss auch immer Gold sein, so will es der Volksaberglaube, und es gibt ja stets genug Menschen, die bereit sind, das Leben und noch viel lieber die Seele zu riskieren, wenn ein großer Sack Gold winkt.

Ab und zu öffnete Georg ein kleines Fenster, um die Luft zu prüfen, was er ungestraft tun durfte. Denn wenn man borsäurehaltige Luft auch nicht atmen kann, so ist Bor doch kein direktes Gift, etwa wie Blausäure, die sofort tödlich wirkt.

Da fand er zu seinem Staunen, dass gerade hier in der Nähe dieses Skeletts die Luft vollkommen atembar war. Sie roch nicht nach Schwefel, keine Spur von Borsäure, die sich sofort durch ein Kratzen im Halse bemerkbar macht.

Aber nur ein kurzer Windstoß, und sofort war das ganze Automobil mit unatembarer Luft erfüllt, dass schleunigst der Apparat Sauerstoff spenden musste.

Die Sache war ja ganz einfach. Hier waren eben noch keine Borsäurequellen. Nur der Wind trieb die Stickgase bis hierher. Bei Windstille oder gar, wenn man den Wind hinter sich hatte, konnte man hier noch viel weiter Vordringen. Das hatten denn auch Abenteurer genug versucht, aber sie alle waren plötzlichen Windstößen mit giftigen Gasen zum Opfer gefallen, denn man fand noch eine ganze Menge von menschlichen Skeletten, selbst eine noch gar nicht so alte Leiche, und schließlich hätte doch niemand das Ziel, das eigentliche Tal, den Eingang zur Hölle, erreichen können, denn dort sah es freilich noch ganz anders aus, als hier in diesem Engpass.

Eine Biegung, und vor den Automobilisten lag das Tal, eingeschlossen von hohen Felswänden, die aber durch Schluchten unterbrochen wurden, und in der Mitte erhob sich zu ziemlicher Höhe der Monte Cerboli.

Das ganze Tal konnte man nicht überblicken, dazu war es viel zu groß, nahm etwa vier deutsche Quadratmeilen ein, davon der stattliche Zentralkegel, ein erloschener Vulkan, noch abgerechnet, aber es genügte auch schon, was man überall zu sehen bekam, wohin man auch blickte.

Eine Winterlandschaft mitten im heißesten Sommer. Nämlich alles mit einer Kruste von weißem Borax bedeckt. Am seltsamsten nahmen sich Bäume und Büsche aus, die auch bis ins kleinste Zweiglein sorgfältig überzuckert waren. Und nun zwischen diesem schneeigen Boden hier und da ein Bach mit kochendem Wasser, dessen Dampf aber nicht die Atmosphäre trübte, und ihren Ursprung nahmen diese Bäche aus Fontänen, die viele Meter hoch spritzten, nur dass man das Wasser erst beim Näherkommen erkannte; von weitem glichen diese Solfataren mehr Dampfsäulen.

»Ganz so, wie mir jener Luftballonreisende es schilderte«, erklärte Georg. »Aber überall soll es nicht so sein. Nur in dem südlichsten Teile, also hier, glaubten auch jene ein Tal mit ewigem Schnee zu sehen, an anderen Stellen soll wieder alles gelb von Schwefel sein, am Hange des Berges dagegen sich sogar grüne Vegetation zeigen.«

»Ja, auch diese Bäume und Büsche müssen hier doch einmal gewachsen sein.«

»Sicherlich. Der vulkanische Ausbruch dieser Borsäurequellen ist erst in späterer Zeit erfolgt. Freilich wohl vor Existenz des Menschen, wiederum aber erst nach der Tertiärzeit, denn das waren wohl ursprünglich Bäume, die wir auch jetzt noch kennen, während sie sonst vor allen Dingen Farnformen zeigen würden.«

»So ständen diese überzuckerten Baumreste schon seit Jahrtausenden?«

»Das ist wohl anzunehmen. Der Borax schützt das Holz vor jeder Zerstörung, und kein Regenguss mag mehr genügen, um den Überzug abzuwaschen. Sonst erneuert er sich eben schnell wieder.«

»Und dort oben auf dem Berge Vögel!«

So war es. Ganze Schwärme von Vögeln flogen ab und zu. Dieser Berg machte überhaupt einen ganz anderen Eindruck, als seine Umgebung. Er war, wenigstens von hier aus gesehen, bis unten hin dicht bewaldet.

Hierbei sei bemerkt, dass das spanische Wort Cerboli aus dem lateinischen Cerberus verstümmelt ist, und auch die ersten spanischen Gelehrten, welche diese Höllengegend erwähnen, nennen den Berg Monte Cerberi. Cerberus war nach der griechischen Mythologie der riesige, dreiköpfige Hund, der den Ein- und Ausgang der Unterwelt, der Hölle, bewachte. Dieser Höllenwächter hier sah in seinem frischen Grün recht freundlich aus.

»Ja, wie kommt es nur, dass sich der Berg mitten in dieser abgestorbenen Welt so grün erhalten kann?«, rief Leonor.

»Muss ich das dir erst erklären, einer akademischen Chemikerin?«, lächelte Georg. »Weil alle die schädlichen Gase, die sich hier entwickeln, schwerer sind als die atmosphärische Luft, sie können nicht da oben hinauf.«

»Aber er ist doch bis ganz dicht unten bewaldet!«

»Das dürfte eine Täuschung sein, in der Nähe wird es wohl anders aussehen.«

»Dann existieren vielleicht auf ihm außer den Vögeln auch noch andere Tiere, die sich dort ganz selbstständig entwickelt haben, noch nie mit Menschen in Berührung gekommen sind.«

»Das dürfte wohl der Fall sein.«

»Dann kann es dort auch nicht an Wasser fehlen. Georg, das wäre so ein einsames Paradies für uns. Wärst du damit einverstanden, hier für immer zu leben?«

»Wo ich dich habe, da ist überall das Paradies«, entgegnete Georg, ihr zärtlich die Hand drückend.

Nur Adam war damit nicht ganz einverstanden.

»Sie wollen iewerhaupt gar nich wieder von hier weggehen?«

»Nein, uns für immer hier ansiedeln.«

»Niemals nischt von draußen holen?«

»Wozu das, wenn wir uns alles erzeugen können?«

»Ja, wo kriege ich denn da meinen Schnubbtabak her?«

Adam wurde nicht darauf aufmerksam gemacht, dass er sich auch seinen eigenen Schnupftabak bauen konnte, und Leonor nicht, dass, da sie ihr Geheimnis preisgegeben, dann auch bald andere solche Automobile hierher kommen würden — Charly unterbrach das Gespräch.

»Was liegt denn da? Das glänzt doch gerade wie Gold?«

Es war ein Steinchen, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Doch wie es hereinbekommen? Die Tür öffnen und nur einen einzigen Sprung hinaus machen, das durfte man jetzt nicht mehr riskieren, schon beim Öffnen des kleinsten Guckloches bekam man gleich die Nase voll — wirklich eine Höllenatmosphäre.

Nun, auch an solche Verhältnisse hatte der Erfinder und Erbauer dieses Automobils gedacht, falls es einmal verschlossen bleiben musste, und man wollte dennoch etwas von draußen hereinholen.

Es war an einer langen Stange eine Art eiserne Hand, durch einen ebenso einfachen wie sinnreichen Mechanismus auch wie eine solche zu bewegen. Die Stange konnte irgendwo durch eine der Schießscharten gesteckt werden, sie passte luftdicht hinein, und der ergriffene Gegenstand konnte sogar bei Luftabschluss hereinbefördert werden, wozu allerdings noch ein besonderer Apparat nötig war, den man aber jetzt nicht erst anzubringen brauchte. Es handelte sich ja nur um ein momentanes Öffnen eines der Fensterchen, so tödlich würden die Gase denn doch nicht wirken.

Die Stange wurde hinausgereckt. Adam dirigierte die eiserne Hand. Gehorsam ergriff sie das blitzende Steinchen, Georg nahm es an einem anderen Fensterchen, einmal die Luft anhaltend, in Empfang. Die Greifstange blieb gleich draußen.

Es war ein Stück gediegenes Gold, ungefähr fünfzig Gramm im Werte von hundert Mark.

Jetzt aufmerksam geworden, erblickte man hier und da noch mehr solcher Goldklümpchen liegen. Doch die Menschen hier, welche sich in diesem Automobil zusammengefunden hatten, zeigten sich ausnahmsweise gar nicht so goldgierig. Wohl freuten sie sich über den Beweis, dass es hier wirklich Gold gab, doch zunächst wurde erörtert, wie es komme, dass dieses Gold nicht den weißen Boraxüberzug aufwies, der sonst doch alles anders einhüllte.

Nun, Gold ist eben das widerstandsfähigste Metall, es wird bekanntlich nur von Königswasser angegriffen, einer Mischung von Salpeter- und Salzsäure, es zeigt die geringste Affinität, Verwandtschaft oder Anziehungskraft, zu anderen Substanzen, und so hatte auch die in der Luft schwebende Borsäure keinen Einfluss auf die Goldnüsse.

Der Weg zu dem Berge ward fortgesetzt. Oft noch holte die Greifhand etwas herein, aber kein Gold, sondern besonders mittelst eines kleinen Gefäßes Proben aus den Bächen und Mofetten. Das Wasser war mit Borsäure gesättigt, enthielt aber auch noch eine ganze Menge anderer Säuren, Salze und Gase, wirkte selbst kalt wie kochende Natronlauge, löste alles Organische schnell auf, und in heißem Zustande brannte ein Tropfen in des unvorsichtig gewesenen Charlys Hand sofort ein Loch. Wer also in solch einen heißen Bach gestürzt wäre, dem hätte sich augenblicklich das Fleisch bis auf die Knochen abgelöst, und dann wäre nach und nach auch das ganze Skelett verschwunden.

An anderen Stellen führten Mofetten und Bäche auch viel Schwefel; hier hatte sich überall ein gelber Überzug gebildet.

»Ja, das ist hier wirklich eine Hölle!«, rief Leonor.

»Nein, das ist erst die Vorhalle, der Eingang zur Hölle, der dort von dem Monte Cerboli oder Cerberi bewacht wird.«

»Na, ich danke! Wie mag's da errscht aussehen, wenn wer durch den Berg gekrochen is«, sagte Adam.

»Meinst du auch, Georg, dass man in das Innere dieses Berges dringen kann?«

»Ja, Schatz, wie soll ich das wissen? Ich kenne doch nur den Bericht jenes Luftschiffers, der dies alles bloß von hoch oben überblickt hat. Und dort ist wirklich das Goldfeld!«

Die hier und da verstreuten Goldkörner hatten an Zahl zugenommen, und jetzt erglänzte vor ihnen ein breiter Streifen von unabsehbarer Ausdehnung.

Man musste ziemlich nahe herankommen, ehe man ihn erblicken konnte. Es war eine Einsenkung, in deren Mitte Wasser floss — das Ganze war ein Flussbett, wie wir es von solcher Art aber in Deutschland wenig kennen, während das in Italien, Südfrankreich und Spanien die gewöhnliche Beschaffenheit der Flüsse ist. Sie haben zwei Betten, in der trockenen Jahreszeit ein nur ganz schmales, dann kann man über das Bächlein springen, für andere Zeiten ein ganz breites, wenn auch sehr flaches, ohne dass man schon von einer Überschwemmung sprechen kann, die noch vorkommt.

Der Bach, der von dem Berge kam, was man aber von hier aus noch nicht richtig beurteilen konnte, führte Gold, der Staub und die Körner des edlen Metalls bis zur Größe einer welschen Nuss, hatten sich auch in dem breiten Bett abgelagert, Korn lag an Korn, bei Überschwemmungen waren vereinzelte Stücke auch noch weiter gerollt worden, und wenn man mit vielen Jahrtausenden rechnete, da konnte wohl so ein ganzes Goldfeld entstanden sein.

Jetzt wurden doch auch diese Menschen von einiger Aufregung ergriffen.

»Georg«, flüsterte Leonor mit glänzenden Augen, »wir sind die reichsten Menschen der Erde!«

»Ja, und das Beste dabei ist, dass man mit so vielem Golde ein ganzes Buenos Aires wieder aufbauen kann, und dann wird dir von aller Welt verziehen werden. Gold ist und bleibt doch die größte Macht auf der Erde — leider.«

»Nu, da wolln mir nur machen, dass mir'sch reinkriegen, ehe die anderen Automobilersch gomm un mit einsacken.«

Adam dirigierte bereits mit seiner Gummihand die eiserne Hand, verließ sich bald nicht mehr auf die Greiffähigkeit der einzelnen Finger, sondern befestigte einen Schwamm daran, den er mit einem Klebstoff tränkte, und das förderte ganz anders.

Als man schon ein ansehnliches Häufchen im Innern des Automobils hatte, wurde es einmal gewogen, und selbst die, welche das spezifische Gewicht des Goldes doch genau kannten, staunten, dass das bereits mehr als drei Zentner waren. Gold ist eben zwanzigmal schwerer als Wasser, und wer nicht ständig mit Gold zu tun hat, wird sich beim Abschätzen der Quantität fortwährend irren.

»Wie viel können wir denn nun hier fortbringen?«, fragte Georg. »Wie viel kann das Automobil tragen?«

»Ach, das ginge in die Hunderte von Zentnern. Wollen wir aber nicht erst weiter Umschau halten? Mich reizt die Untersuchung dieses welteinsamen Berges mehr als alles Gold.«

Georg war damit sehr einverstanden. Nur musste erst der Sauerstoffapparat angebracht werden; durch das öftere Öffnen des Fensters war die Luft im Innern des Automobils schon mit Borsäure geschwängert, die man auch gar nicht wieder zu vertreiben wusste.

Nur Adam schien vom Goldfieber befallen zu sein, er musste doch erst noch einmal schnell seinen Schwamm mit Vogelleim auswerfen.

Mit diesem letzten Fange gab er sich zufrieden, wühlte nur noch in dem Goldhaufen herum.

»Charly, Tom, gommt her, jetzt schbieln mir Schkat um de Ganzen!«

Sein Goldfieber war also doch nur eine humoristische Stimmung.

Man fuhr den Bach, dessen enges Bett erst recht von Goldkörnern glänzte, und zwar von viel größeren, aufwärts. Auch dieser Bach war borsäurehaltig, aber doch weniger und nicht so heiß, wie die bisher passierten. Mehrere Nebenbäche dagegen, die sich in diesen ergossen, ohne eine Spur von Gold zu führen, waren kochend heiß. Sie wurden, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre, in weitem Satze von Maximus übersprungen. Denn wenngleich die metallische Substanz, mit welcher die Panzerplatten wie die Räder überzogen waren — auch so eine Erfindung des alten Morris — von der Borsäure nicht angegriffen zu werden schien, so musste man doch vorsichtig sein. Auch begannen sich die Fenster langsam zu beschlagen, was aber nichts zu sagen hatte, da man nur einmal die Panzerplatten zu schließen brauchte, um jene nach Herausnahme selbst außen reinigen zu können. Das war aber vorläufig noch nicht nötig. Nur die schon ins Innere gelangte Borsäure wurde für die Lunge bald unerträglich. Diese wieder zu entfernen, das war ein Problem, welches erst gelöst sein wollte.

Das Ende oder vielmehr der Anfang des immer schwüler werdenden und auch immer weniger Gold führenden, jetzt trockenen Bettes zeigte sich, es stieß bis dicht an den ziemlich steil aufsteigenden Berg, eine ganz isolierte Felsmasse, wie man sie in Mexiko häufig findet, und da erkannte man, dass der Bach nicht, wie man doch vermutete, von oben herabkam, fließend oder in einem Wassersturz, sondern aus einer großen Höhle heraus.

»Da haben wir ihn ja, den Eingang zur Hölle!«

Natürlich drangen sie unverzagt ein, mit dem vorausgeschickten Blendstrahl.

Es sah in der gewölbeartigen Höhle auch durchaus nicht höllenartig aus, sogar recht sauber. Ihre ganze Breite wurde von dem Flussbett eingenommen, und dass hier die Goldkörner auf weißem Sandgrunde spärlich lagen, kam daher, weil hier das Wasser im tiefen, schmalen Bette ziemlich reißend floss.

Georg spähte aufmerksam zu diesem Bache hinab.

»Mir kommt es fast vor, als ob...«

Er vollendete den Satz nicht, sondern nahm ein reines Gefäß, befestigte es an der eisernen Hand, schöpfte aus dem Bache Wasser.

Als er das Gefäß zu einem Fensterchen hereinnahm, beobachtete er nicht die sonstige Vorsicht, behielt es recht lange offen.

»Schließe das Fenster«, warnte Leonor, »wir können nicht noch mehr Borsäuregas gebrauchen!«

Georg aber öffnete jetzt auch noch ein größeres Fenster, lehnte sich gemütlich hinaus.

»Ah, hier ist ja die herrlichste frische Luft!«

Die anderen überzeugten sich davon, dass es so war. Man empfand auch einen schwachen Luftstrom, der aus dem Hintergrunde der Höhle kam, hörte schon ein schwaches Geräusch wie von einem Wasserfalle herrührend, und man hatte die Lösung des Rätsels schon gefunden, noch ehe man an Ort und Stelle kam.

Im Hintergrunde der Höhle war ein Wasserfall, und das Wasser konnte nicht direkt aus dem Innern des Berges kommen, sondern von der Erdoberfläche, wo es schon mit der Luft in Berührung trat, bildete vielleicht schon dort oben einen Sturz, und infolgedessen nun riss das Wasser Luft mit sich, so viel, dass hier sogar ein ununterbrochener Luftzug herrschte. Daher war dieses Wasser auch kalt und enthielt keine Spur von Säuren.

Es war eine herrliche Entdeckung, die man gemacht hatte, und die vermutete Erklärung dieser Erscheinung sollte sich auch bald bewahrheiten.

Allerdings war es eine ganz mächtige Höhle, dreihundertneunzig Meter weit hatte man mindestens noch zu fahren, da sah man die Wasser- und Luftquelle vor sich.

Es war ein wunderbares Bild, wie aus einem Märchen, das sich ihnen zeigte. Mitten von der hohen Decke herab ergoss sich ein Wasserstrahl von wenigstens einem halben Meter Stärke in einen kleinen See, den er sich im Laufe der Jahrtausende selbst ausgehöhlt hatte, und auf dem Grunde dieses Sees gleißte alles von Gold.

Sonst war es eine geräumige Halle, und da sie von dem See nicht vollkommen ausgefüllt wurde, konnte man rings um diesen herumfahren.

So taten sie denn auch, und sie konnten sich nicht sattsehen an diesem wundersamen Naturschauspiel, wozu nun noch das elektrische Licht kam, welches besonders, wenn es auf den goldenen Seeboden hinabgerichtet wurde, die märchenhaftesten Spiegelungen hervorbrachte.

»Woher mag dieses viele Wasser nur kommen?«, warf Leonor dann die Frage auf.

Wenn das Terrain des ganzen Berges nicht genügte, so viel Regenwasser aufzufangen und dieses in einem Bassin zu sammeln, dass dieser Wasserfall ständig gespeist wurde — und man befand sich in der trockensten Jahreszeit — so wurde dieses Wasser eben von einem anderen Gebirge aus durch einen unterirdischen Kanal gedrückt, wie man ja so häufig findet, dass auf einer Gebirgsspitze ein Quell entspringt, wo ganz ausgeschlossen ist, dass es dort aufgefangenes Regenwasser sein könnte.

Jetzt wollte man sich die Oberfläche des Berges näher ansehen. Nachdem alle Fenster einmal ausgezogen waren, sodass nach Schluss das Innere des Automobils wieder reine Luft enthielt, wurde die Ausfahrt angetreten.

Eine große Enttäuschung wartete der Gesellschaft.

Wie Georg vorausgesagt hatte, sah es in der Nähe am Fuße des Berges doch ganz anders aus, als es von ferne geschienen hatte Mit nur einem kleinen Übergange von hügeligem Gelände stieg er fast steil an, dann, in einer Höhe von etwa zehn Metern, begann eine sanftere Neigung, dort wuchsen auch schon Bäume und Büsche aller in Mexiko vorkommenden Arten, so hoch ging die säurehaltige Atmosphäre eben nicht — aber obgleich man auch in einer halben Stunde den ganzen Berg umfuhr, nirgends zeigte sich eine schiefe Fläche, welche das Automobil hätte erklettern können, das war ganz ausgeschlossen, und hätte das auch ein Mensch fertig gebracht, vielleicht sogar ohne Hilfe einer Leiter, so durfte man sich ja nicht im Freien aufhalten. Hier herrschte wieder die giftige Atmosphäre.

»Ist es denn gar nicht möglich, über diese Grenze des Todes hinauszukommen?«, seufzte Leonor.

»Höchstens mit Hilfe eines Taucherapparates, den wir aber nicht haben.«

»Wenn man die Luft anhält, recht schnell klettert? Dort oben kann man ja schon wieder atmen.«

Es war eine Idee. Hier war das nicht möglich; man umfuhr daraufhin noch einmal den ganzen Berg und musste zu der Überzeugung kommen, dass es nirgends möglich sei. Überall wäre eine ganz gefährliche Klettertour nötig gewesen, die mindestens zehn Minuten gewährt hätte, und länger als eine Minute kann man doch den Atem nicht anhalten.

»Ich kehre wieder hierher zurück und werde ein Taucherkostüm mitbringen«, erklärte Leonor.

*

Kapitel 47
In einer isolierten Welt

Sie begaben sich in die Höhle zurück, um aus dem See Goldkörner zu fischen. Das einfachste war, dass man gleich hineinsprang. Das Wasser ging am Rande ja nur bis an den Leib, man brauchte beim Ergreifen der Goldkörner nicht einmal unterzutauchen, und doch tat man dies mit Absicht — es wurde eben, wozu auch Kostüme vorhanden waren, gleich einmal gebadet.

Das Wasser hatte eine warme Temperatur, sodass es unmöglich aus einem unterirdischen Bassin kommen konnte, es musste vorher längere Zeit den Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen sein.

Nur zwei beteiligten sich nicht an dem Baden und Schwimmen.

Der eine war Adam, der nicht zu bewegen war, ins Wasser zu gehen, sondern sich damit begnügte, mit einem Schöpfeimer Gold zu fischen.

»Ich weiß schon. Sie sind immer wasserscheu gewesen«, verspottete ihn die lustig plätschernde Leonor.

»Nu, wasserschei eegentlich nich — ich selber wenigstens nich«, verteidigte sich Adam, »awwer sehn Se, mei Gummibeen, das gann de Feichtigkeet nich vertragen — un dann vor allen Dingen mei Ohr, das is doch von Hiehnerfleisch — un de Hiehner sin geene Wasserveegel — un un un un — nee, ich geh nich ins Wasser, das gann ich schon mein Ohre nich andun.«

Der zweite, der sich ausschloss, war Charly. Der bereits ältere Mann war der einzige, der während der Tour um die Erde manchmal krank gewesen war, besonders Fieberanfälle gehabt hatte, die mit Chinin bekämpft worden waren, und diesmal wollten die gewöhnlichen Chinindosen nicht sogleich helfen. Es war ja nicht, dass vorher die schlechte Luft ihm geschadet hätte — oder auch das konnte es sein — kurz, er zeigte äußerst starke Fiebersymptome, es war eben bei ihm einmal zum Durchbruch gekommen.

Er wurde im Automobil gebettet, besondere Pflege brauchte er vorläufig noch nicht.

Bald hörte auch Adam auf mit seiner Fischerei, nahm eine der beiden Handlaternen, deren elektrische Akkumulatoren für Stunden Licht lieferten, und promenierte auf der Galerie herum, die sich um den See zog.

Die anderen gaben sich unterdessen weiter dem Genusse des Badens hin, besonders Georg und Leonor spielten wie die Kinder im Wasser, das Goldaufgreifen nur so nebenbei betreibend, wie man beim Waldspaziergange Erdbeeren sammelt, wenn man es nicht auf den Gewinn abgesehen hat.

Da tauchte aus der Finsternis Adam wieder auf, mit seiner Laterne wie ein — wie ein — nein, wie ein Berggeist oder Gnom sah das Männchen nicht aus, denn Berggeister und Gnomen tragen keinen solchen schwarzen Gehrockanzug und grün umbänderten Zylinder, wovon sich Adam noch immer nicht hatte trennen können, wenn auch beides schon sehr defekt geworden war; besonders der hohe Zylinder neigte sich wie eine halb zusammengeklappte Harmonika stark nach der einen Seite.


Illustration

Nachdem er den Badenden, die aber gerade einmal nach Goldkörnern griffen, sie in einen am Ufer stehenden Eimer werfend, zugesehen hatte, sagte er verächtlich:

»Ä, ihr — ihr mit eirer Gräbserei — wie lange soll denn das dauern, eh ihr eich ä gleenes Guhgietchen mit drei Gänsen goofen gennt? Hier, guckt emal, ä gleenes Riddergut.«

Indem er so sprach, nahm er die hinter dem Rücken versteckte Hand hervor und zeigte ein Stück Gold von der Größe und auch von der ungefähren Form eines Briketts.

»Mensch, Adam, wo haben Sie das gefunden?«, riefen die beiden Hauptpersonen und sprangen eiligst aus dem Wasser.

»Nenee, bleibt ihr nur hibsch drinne im Wasser! Jeder geheert dorthin, wohin er geheert.«

Er führte sie trotzdem hin. Hinten war die Galerie bedeutend breiter als am See, die Höhle ging also noch viel tiefer hinein, und da zeigte sich in der Wand eine dicke Ader von reinem Gold.

Das Automobil wurde hergeholt, das Gold eingeladen. Das ging hier freilich etwas schneller als als Auffischen der Körner.

Adam hatte wohl erst mit helfen wollen, bückte sich nach einem Stück, besann sich eines anderen, richtete sich wieder auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah zu, wie sich die anderen drei mit den schweren Goldblöcken abplagten.

Dabei aber konnte sein Mundwerk nicht stillstehen.

»Wissen Se, Mister Georg«, sagte er zu diesem, der etwas abseits von den anderen stand, »wenn mer so mit eemal reich geworden is, da is mer doch mit eemal ä ganz anderer Gerl. Wissen Se, ich wer doch noch heiraten. Meenen Se nich?«

»Nun, warum denn nicht?«

»Das sag'ch ooch. Warum denn nich? Ob mich noch eene nimmt? Na, heern Se, wenn mer so ä paar Milliönchen in der Hosentasche hat, da gann mer noch was ganz andersch aus Gummi hamm, als nur ä Been. 's is ja wahr, ich hatte's errscht uff de Leonor abgesehn — na, das is nu zu schbät — da bin ich hintennuntergerutscht — un iewerhaupt — wissen Se, de Leonor is mir noch lange nich blond genug. Ich hawwe Rot gern. Meine Frau muss mal rote Haare hamm — awwer ä ganz feines Rot — so feierrot — oder goldrot — oder oder oder — — burburrot...«

Seine Auseinandersetzung über Frauenschönheit ward nicht gewürdigt. Georg schleppte wieder einen Ledersack mit Gold ins Automobil, und Adam nahm seine Handlaterne.

»Na, da schaufeln Se nur immer tichtg Gold zusamm, dass ich bald heiraten gann«, sagte er noch, und dann wandelte er wieder in die Finsternis hinein.

Gar nicht lange währte es, da ertönte abermals seine Stimme.

»Gommt mal fix her! Hier is ä Loch!«

Man folgte seinem Rufe.

Richtig, da war ein großes Loch ganz unten in der Wand, von fast einem Meter Durchmesser, und es war deutlich erkennbar, dass hier heraus einst Wasser geflossen war, wahrscheinlich noch bevor es die Decke durchbrochen hatte, jetzt war alles ganz trocken. Der Blendstrahl der Laterne ward hineingeschickt, es ging weit nach hinten.

»Na, nu ziehn Se sich mal an«, ermunterte Adam, »Se genn doch nich so in Badegostüm da neingehn — drocken Se sich wenigstens errscht ä bisschen ab, Se gennten sich sonst den Dod holen.«

Unsicher blickte man den Sprecher an.

»Sie haben wohl schon das Loch durchkrochen?«

»Nu freilich, ich war schon ohm!«

»Wo oben?«

»Im Himmel, nich in dr Helle. Das is der Eingang zun Himmel. Wo'r zur Helle is, weeß'ch noch nich.«

»Dieser Tunnel führt doch nicht etwa...«

»Jawohl, ohm nuff uff'n Berg. Ich war schon ohm. 's is gar nich weit. Ich wollte bloß noch mein Rägenschärm holn — mein Angduga — fier alle Fälle.«

»Sie waren oben auf dem Berge?«

»Wenn ich's Ihnen sage.«

»In dieser kurzen Zeit?«

»Es sin ja bloß ä baar Schrittchen.«

»Und Sie konnten atmen?!«

»Nu, sonst wäre ich jetzt doch schon dod, erschtickt.«

Jetzt aber schnell angezogen! Unterdessen erklärte Adam sachgemäßer, dass er nach einem ganz bequemen, kurzen Aufstieg in eine Grotte gelangt sei, von der aus er Wald gesehen habe. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass er ganz reine Luft einatmete, war er sofort zurückgekehrt, um erst seine Gefährten von seiner Entdeckung zu benachrichtigen.

Hierin lag sogar eine Überwindung, die man ihm hoch anrechnen musste.

»Keine Tiere gesehen?«

»Nein. Habe gar nicht darauf geachtet. Dass es von der Grotte aus durch atembare Luft direkt in den Wald ging, das genügte mir. Ich wollte erst Sie holen.«

Man war fertig zum Aufbruche. Tom blieb beim Automobil, schon wegen Charlys, der immer stärker fieberte. Georg nahm für alle Fälle seine Donnerbüchse mit, welche er damals schmerzlich genug vermisst haben mochte, Leonor ein Luftgewehr, beide noch je eine Pistole, und Adam bewaffnete sich richtig mit seinem grünen Regenschirm.

So setzte sich der Zug ins Loch in Bewegung, Adam voran.

Es ging ein gutes Stück nach hinten. Der Tunnel, in dem man sich freilich sehr bücken musste, begann sanft zu steigen, dann stärker. Aber viele Absätze konnte man wie Stufen benutzen; ein richtiger Schacht, den man als Essenkehrer hätte erklimmen müssen, wurde nie daraus.

Dann schimmerte von oben das Tageslicht herein, noch ein kurzes Kriechen auf Händen und Füßen, und man stand in einer Grotte.

Der Boden war mit feinem, weißem Sand bestreut, man sah darin Adams unsterbliche Filzlatschen abgedrückt. Die Spur führte bis an den Ausgang, wo sofort das Gras begann, er hatte sich den nahen Wald betrachtet, alle Baum- und Buscharten Mexikos enthaltend, dann war er denselben Strich zurückmarschiert.

Das haben wir mit Georgs Augen beobachtet, und Georg besah sich den Boden auch noch näher.

»Das sieht ja fast aus, als wenn der weiße Sand geharkt worden wäre?«

»Geharkt? Ich finde das nicht.«

»Oder sonst wie plattgedrückt.«

»Ja, von wem denn? Oder sollte es hier gar Menschen geben? Nein, das ist doch wohl ausgeschlossen. Das ist ganz einfach angeschwemmter Flusssand.«

»Hm, möglich?«, brummte Georg, blickte sich noch einmal in der Grotte um, die absolut nichts Interessantes enthielt, und sagte nichts mehr.

Dafür betrachtete der geübte Fährtensucher umso genauer die grasige Umgebung vor der Grotte. Aber auch die beiden anderen waren dort schon hin und her gegangen.

»Ein Affe, ein Affe!!«

Es war einer der gewöhnlichsten Art Mexikos, mit dem Wickelschwanze. Er saß auf dem Aste eines Ahorns und fletschte erst die fremden Menschen an, ehe er kreischend die Flucht ergriff.

Also dieser Berg, den man eine Insel in einem giftigen Luftmeere nennen konnte, war von Tieren bevölkert!

Ja, es war doch ein großes Ereignis, als man den Beweis hierfür gesehen hatte. Man hatte Tiere vor sich, die noch nie einen Menschen erblickt, die sich ganz isoliert entwickelt hatten, unter Umständen auch niemals entdeckt worden wären.

»Er sah aber ganz genau so aus wie die anderen Affen Mittelamerikas«, meinte Leonor.

»Weshalb sollte er anderer Art sein?«, entgegnen Georg. »Es sind eben mexikanische Affen, trotz ihrer Abgeschlossenheit können sie sich im Laufe der Jahrtausende doch nicht anders entwickelt haben, als in jener Gegend, von der sie nur durch eine unatembare Atmosphäre geschieden sind.«

Sie drangen in den Wald ein. Hier konnte man wirklich von einem jungfräulichen Urwald sprechen, der noch von keines Menschen Fuß entweiht worden war, und die Bedeutung dieser Schritte fühlten sie alle.

Der Wald war nicht allzu schwer zu passieren. Etwa mit einem brasilianischen, überhaupt mit einem tropischen ließ er sich ja nicht vergleichen. Man befand sich im Gebirge, in ziemlicher Höhe über dem Meeresspiegel. Deshalb herrschten Nadelbäume vor, welche kein starkes Unterholz dulden, Schlingpflanzen fehlten gänzlich. Allerdings gab es gestürzte Bäume, aber sie hinderten doch nicht die Passage. Überhaupt ist es im Urwald doch etwas anders, als man es sich oft vorstellt. Die Natur sorgt schon dafür, dass unter ihrem Regiment nicht alles drunter und drüber geht. Stürzt so ein Baumriese aus Altersschwäche, dann ist sein Holz schon so mürbe, dass nach einigen Jahren gar nichts mehr davon zu sehen ist. Er verwest wie ein tierischer Leichnam, denn sonst müsste so ein Urwald, der schon viele Jahrtausende steht, ein unentwirrbares Durcheinander von Baumstämmen sein. Nein, da sorgt die weise Natur schon für Ordnung.

Dann war hier vor allen Dingen der Boden fest, grasig oder moosig, ganz anders, als in den versumpften Wäldern der Tropen.

Es ging ziemlich steil bergauf, immer zwischen moosigen Felsblöcken hindurch. Man wurde sehr an einen nordamerikanischen — oder sagen wir an einen deutschen Tannenwald erinnert, nur dass die Bäume hier fast alle sehr lange Nadeln hatten und dazwischen auch viele Laubbäume standen, welche dann einige Schlingpflanzen zeigten.

Man sah noch einige Affen, mexikanische Eichhörnchen, Spuren von Kaninchen und Vögel der verschiedensten Art, aber keine anderen, als überall in Mexiko zu finden waren. Für Vögel bot die Giftatmosphäre ja auch kein Hindernis.

Da blieb Georg stehen, kniete nieder und untersuchte den grasigen Boden.

»Was haben Sie?«

»Eine Spur, und zwar von einem — sie könnte von einem Büffel herrühren.«

Die anderen beiden sahen nur kurzes Gras und Moos, Adam aber doch bald noch viel mehr. Er war etwas vorausgegangen und war an ein Gerinnsel gekommen, das einen breiten Strich von weißem Sand gezogen hatte, und in diesem Sand waren deutlich zwei große Hufe abgedrückt.

»Ja, das gann nur ä Ochse gewesen sein.«

»Nein, das ist nicht die Spur eines Ochsen, die sieht ganz anders aus.«

»Na. dann war'sch enne Guh. Ä Ferdehuf is vorne rund, und ä Rind hat vorne zwee Spitzen, uff'n Gobbe sowohl wie an den Beenen. Wie wolln Se denn das awwer unterscheiden, ob's ä männlicher Ochse oder enne weibliche Guh is?«

»Das ist überhaupt kein Rind!«

»Na, enne menschliche Fußschbur is es doch ooch nich, die genne ich, die sieht ganz andersch aus, die hat finf Zehn — wenn geene fehlt — un hinten enne Hacke.«

»Das ist überhaupt kein Rind gewesen, kein Büffel, das ist eher eine... Hirschspur, aber von solcher Größe...? Und es ist auch nicht der Huf eines Hirsches, hier diese Anhängsel...«

»Da schteht's Luder! Sabberlot, das wird uns doch nischt dun?«

Es war ein riesenhafter Hirsch, der auf die Lichtung getreten war, noch viel größer als ein Rind, aber auch viel schlanker, jedoch wieder nicht so edel gewachsen wie ein Hirsch, mit schaufelförmigem Geweih, wie unser Damwild, seiner Mächtigkeit entsprechend, der lange Kopf plump mit eigentümlichem, pferdeähnlichem Maule — es war ein Elch!

Hier hatte man eine Probe der Isoliertheit dieses Berges vor sich, wie hier sich alles noch in ursprünglicher Beschaffenheit erhalten hatte.

Denn der Elch war einst auch in Mexiko verbreitet, während man ihn jetzt nur ganz spärlich in den Tundren Kanadas antrifft, dort ebenso auf den Aussterbeetat gesetzt wie in Europa, wo er eigentlich überhaupt nur noch in gezählten Exemplaren gehegt wird.

Ja, Adam konnte wirklich eine Befürchtung aussprechen. Es war sehr die Frage, ob ein Schuss aus Georgs Büchse trotz deren großen Kalibers dieses mächtige Tier sofort zu Boden warf, das sehr gefährlich werden konnte, wenn es von seinem ungeheuren Geweih und von seinen Trampelbeinen Gebrauch machen wollte.

Aber der Mensch ist der Herr der Schöpfung, und alle Tiere erkennen ihn als solchen an — ausgenommen dann, wenn sie schon einmal Beweise von seiner Schwachheit bekommen haben.

Ein ängstliches Schnauben, und der Elch warf sich herum und lief mit einem schrecklich unbeholfenen Galopp davon, dabei mit seinen nachschleifenden Hinterfüßen, den Schalen, welche eine Art von Anhängseln haben, ein ganz eigentümliches Geräusch machend.

Georg hatte seine Büchse hochgerissen gehabt, senkte sie wieder.

»Es war zu spät, von hinten hätte ich ihm keinen tödlichen Schuss beibringen können. Dass wir unserem Automobil ein Elchgeweih einreihen, dagegen wirst du doch wohl nichts haben, Leonor?«

»Ob es hier noch mehr geben wird?«

»Eine Elchkuh doch mindestens.«

»Nu, wo her wolln Se denn das so genau wissen?«, musste sich Adam wieder einmischen, er verlangte aber wenigstens gar keine Aufklärung.

Es ging weiter bergauf, man erblickte ein ganzes Rudel Bergantilopen, einige Hirsche und noch zwei weitere Elche, man kam an einen Bach und...

Diesmal war es Leonor, die es zuerst erblickte, und sie war so bestürzt, dass sie nur einen leisen Schrei ausstoßen und die Hand ausstrecken konnte. Hier war es ein nackter Menschenfuß, der sich wiederholt in dem Flusssand abgedrückt hatte, ein richtiger Menschenfuß mit, wie Adam ihn definierte, fünf Zehen und einer Hacke, aber einer von riesenhafter Größe!

Auch Georg war beim Anblick dieser Fährte ganz bestürzt, er vielleicht am meisten, eben weil er sich sehr viel mit der Beurteilung von solchen Spuren beschäftigt hatte.

Wer zuerst die Elle in drei Fuß eingeteilt hat, der muss einen mächtigen Latsch gehabt haben! Faktisch, jeder Mensch, der nicht nur immer nachschwatzen, sondern auch einmal selbst denken will, sollte immer ein Metermaß und eine kleine Taschenwaage bei sich haben, und in der Volksschule sollte man anstatt der gemischten Bruchrechnung, die man im praktischen Leben ja gar nicht braucht, lieber die Grundbegriffe der Stereometrie lehren, was eigentlich ›im Kubik‹ bedeutet, besonders die Mädchen, die einmal Hausfrauen werden wollen, damit sie endlich erkennen, wie töricht es ist, für zwei kleine Eier zehn Pfennig zu zahlen, anstatt für ein großes acht.

Ja, es gibt Menschen, deren Fußlänge 12 Zoll = 31,5 Zentimeter beträgt. Meistens haben sie ein desto kleineres Gehirn.

Dieser Fußabdruck hier mochte 13 Zoll lang sein, und damit konnte er nur einem Riesen Goliath angehören.

»Könnte es nicht auch die Fährte eines großen Affen sein?«, flüsterte Leonor, sich scheu umblickend.

In der Tat, etwas hatte das für sich. Affen haben im Verhältnis zum Körper sehr lange Hände und Füße — deshalb auch wieder ein kleineres Gehirn.

»Dann könnte wohl nur ein Gorilla in Betracht kommen«, meinte Georg. »Aber ich glaube, deren Füße sind wieder viel schmaler. Und ein Gorilla in Mexiko?«

»Der is eefach enner Menagerie entschbrung.«

»Machen Sie keine Witze, Adam. Es könnte sich nur um eine Affenart handeln, die früher in Mexiko einheimisch gewesen und ausgestorben ist, sich nur hier noch erhalten hat.«

»Gab es hier früher solche große Affen?«

»Ich weiß es nicht, glaube aber imstande zu sein, dieses Geheimnis auf die einfachste Weise zu lösen, indem wir es nämlich selbst aufsuchen.«

Und Georg begann die Spur zu verfolgen, und wenn für die anderen am Boden auch absolut nichts zu sehen war, für den kundigen Fährtensucher blieb sie deutlich sichtbar, nie brauchte er sich auch nur zu bücken. Er sah noch mehr.

»Hier hat er Beeren gepflückt, hier Pilze ausgerissen, hier auf diesen Erdbeerbaum ist er einmal gestiegen, um von den Früchten zu naschen, ist aber wieder heruntergesprungen, dort von jenem Ast, hier geht die Spur weiter.«

»Also ein von Vegetabilien lebendes Geschöpf«, meinte Leonor.

»Das ist nicht durchaus gesagt, er kann ja, wie alle Affen, zugleich Fleisch- oder doch Insektennahrung zu sich nehmen.«

Adam hatte zunächst etwas anderes gehört.

»Warum sagen Sie denn immer er? Es gann doch ooch enne Sie sein.«

»Ich spreche immer von einem Affen.«

»Na, ich bin nur begierig, als was fier'n Riesenaffen sich das noch entbubben wird. Ich hawwe mal ennen Gorilla gesehn, in zoologschen Garten, es sollte eens der greeßten Exemplare sein, awwer solche Fieße hatte der noch lange nich.«

Weiter ging es durch den Wald, immer im Zickzack; das Geschöpf war beständig auf seine Atzung bedacht gewesen.

»Hier an diesem Baume hat er die Rinde losgeblättert, hier sind lauter Löcher von Insektenlarven, die er offenbar hervorgezogen hat — nun besteht für mich kein Zweifel, dass er auch Regenwürmer sammelt, um sie zu fressen. Ich bemerkte schon vorhin Spuren davon, war mir aber noch nicht ganz klar.«

Adam vergaß, seine Prise in die Nase zu stecken.

»Was, Insektenlarven und sogar Rägenwärmer frisst das Luder? Na, nu heert aber doch de Weltgeschichte uff!«

»Was ist da weiter dabei? Alle Affen fressen doch Insekten und Würmer.«

»Ich hawwe aber immer an enn wilden Menschen gedacht.«

Adam sprach aus, woran auch schon die beiden Anderen gedacht hatten, ohne es noch geäußert zu haben: an einen Menschen.

»Nun, es gibt auch genug Menschen, welche an Insekten und Würmern Geschmack finden«, sagte Georg zunächst.«

»Na, nu heern Se awwer uff!«, echote Adam wiederum.

»Haben Sie denn nicht schon von Negern gehört, welche Heuschrecken und Ameisen essen?«, übernahm zunächst Leonor die Aufklärung. »Und sind wir hochgebildeten Weißen etwa besser, die wir Frösche, Muscheln und Schnecken für Leckerbissen halten?«

»Wir wollen aber hierbei die Wilden im Auge behalten«, nahm Georg wieder das Wort. »Ich denke dabei hauptsächlich an die Australneger, welche jeden Stein umwälzen und ebenfalls die Rinde von den Bäumen ziehen, um nach Insekten, Larven und Würmern zu suchen, die sie mit Wohlbehagen verzehren.«

»Na, der Gerl da gann awwer doch nich bloß von Ameisen un Rägenwärmern so groß un dick geworden sein«, sagte Adam mit ausgestreckter Hand.

Sie waren während der Unterhaltung nicht stehen geblieben, immer weiter bergauf war es gegangen, Georg hatte dabei immer sein Auge an den Boden geheftet, und Leonor hatte gerade den aufzuklärenden Adam angesehen — und es lässt sich denken, wie die beiden jetzt bei diesen seinen Worten aufblickten!

Und wahrhaftig, dort neben dem moosigen Felsblock stand ein riesenhaftes Ungeheuer, sicher kein Affe, sondern ein Mensch, und das war nicht nur ein Pelz, den er trug, sondern das waren fuchsrote Haare, mit denen sein Körper über und über bedeckt war, dennoch ein richtiger Pelz, nur eben ein natürlicher, das war sofort zu erkennen, und zwar waren es außerordentlich lange Haare.

Länger konnte man das Ungeheuer nicht betrachten, es nahm sofort Reißaus, und wie es nun mit mächtigen Sätzen rannte, das ließ vollends keinen Zweifel mehr zu, dass man es mit einem menschlichen Geschöpf zu tun hatte. Denn zwischen dem Gorilla oder dem sonst menschenähnlichsten Affen und dem Menschen ist doch ein gewaltiger Unterschied; besonders beim Gehen und Rennen können einem da gar keine Zweifel auftauchen.

So war das riesenhafte Wesen dem nächsten Felsen zugerannt, verschwand dahinter, tauchte noch einmal auf, um sich im Walde zwischen den Bäumen zu verlieren, und während des Rennens hatte man noch deutlich beobachtet, wie auch auf dem Rücken, an den Beinen die brandroten Haare so lang waren, dass sie nachflatterten.

Einen Augenblick noch standen die drei wie gebannt da. Es war ein gar zu ungewöhnlicher Anblick gewesen.

»Das war kein Affe, sondern ein Mensch, ein Mann!«, brachte Leonor zuerst hervor.

»Nee, 's war ä Weibsen.«

»Woher wollen Sie denn das wissen?«

»Nu, ich hab's doch ganz deitlich gesehn — vorne — uff d'r Brust — da da da da — na ja, ich bin doch ooch mal jung gewesen — habe doch ooch mal mit Mächens bussiert — un un un un...«

»Ja, es war ein Weib, auch ich sah es ganz deutlich«, stimmte ihm Georg bei, ohne weiter den Unterschied zwischen Mann und Weib zu definieren.

»Mein Gott, eine Frau!«, flüsterte Leonor, ganz außer sich.

»Nu, 's gann ja ooch ä Mächen gewesen sin, so genau gann mer das nich glei unterscheiden.«

Was für ein Wesen aber war das nun? Ein Mensch, eine Frau, die auf irgendeine Weise hierher gekommen und zum Tiere herabgesunken war?

Oder hatte man eins jener Geschöpfe vor sich, die nach der Darwinschen Theorie die Übergangsstufe zwischen Affen und Menschen gebildet haben und von der Erde völlig verschwunden sind?

Hierbei möchte der Schreiber einmal bemerken, dass er vor Darwin den größten Respekt bekommen hat — aber das mit dem ausgestorbenen Affenmenschen ist bei den Haaren herbeigezogen. Weil Darwin für seine Theorie, dass der Mensch von den Affen abstammt, unbedingt eine Übergangsstufe brauchte, hat er sich selbst den Affenmenschen fabriziert, ohne irgendeinen Beweis seiner einstigen Existenz zu erbringen.

Doch es hatte absolut keinen Zweck, darüber nachzugrübeln oder nur zu sprechen, was für ein Wesen das sein könnte.

Die Spur wurde weiter verfolgt, immer höher ging es hinauf, und immer steiler, immer beschwerlicher wurde der Weg, bis sie den ziemlich runden Gipfel des Berges erreicht hatten, der mit einzelnen, weit voneinander abstehenden Ahornbäumen, die in Mexiko unseren Eichen entsprechen, bestanden war, sodass man überall zwischen ihnen hindurchblicken konnte, und großartig, furchtbar war auch von hier aus der Anblick des ganzen Tales, in welchem, wenn nicht der Teufel, so doch der Tod residierte.

Die Wanderer widmeten aber jetzt dieser Aussicht wenig Aufmerksamkeit, ihre ganzen Gedanken waren ja mit dem lebenden Naturphänomen beschäftigt, und dennoch wollten sie der weiterführenden Spur nicht sofort nachfolgen, sondern erst eine Rast halten. Leonor und Adam waren durch die letzte Klettertour völlig erschöpft. Sie waren ja das Gehen gar nicht gewohnt, noch weniger das Bergsteigen.

So warfen sie sich in das Moos, vorläufig nur auf die Beruhigung ihrer Lungen wartend.

Einige Zeit war vergangen. Da stieß Georg seine Freundin vorsichtig an, bezeichnet mehr mit den Augen als mit der Hand eine Richtung.

»Ruhig, dass wir sie nicht verscheuchen!«, flüsterte er.

Ja, diese Warnung war nötig gewesen; denn sonst hätte Leonor wohl laut aufgeschrien.

Da war sie wieder, keine zehn Schritte von ihnen entfernt, aber diesmal nicht auf dem Boden stehend, sondern sie kauerte oben auf dem Aste eines Ahornbaumes, keinen Blick von dem etwas weiterab sitzenden Adam verwendend, ganz starre Aufmerksamkeit, und zwar sicherlich deshalb, weil Adam immer seinen grünen Regenschirm auf- und zuklappte, was eben ihr starres Staunen hervorrufen mochte.

Ja, es war ein Weib, die Brust so stark entwickelt, wie bei ihr alles ins Riesenhafte ging, am ganzen Körper mit brandroten Haaren bedeckt, und nicht nur spärlich, sondern ein dichter Pelz, aber diese Haare überall sehr lang. So war auch das Gesicht behaart, jedoch keinen eigentlichen Bart bildend, überall hingen eben lange, feuerrote Haare herab. Dennoch konnte man Augen, Nase und Mund deutlich unterscheiden. Dieser war allerdings sehr groß, aber sonst hatte das Gesicht durchaus nichts Wildes an sich, vielmehr etwas sehr Sanftes, was jetzt nur durch grenzenloses Staunen überwogen wurde.

Ein Affe war es nicht! Es war ein Mensch, mochte das Weib auch mit noch so vielen Haaren bedeckt sein!

Da blickte auch Adam zufällig auf, er sah das Ungetüm auf dem Baumast und war klug genug, sofort zu merken, dass diese gespannte Aufmerksamkeit ihm oder vielmehr seinem Schirm galt. So fuhr er fort, diesen auf- und zuzuklappen, um selbst ungestört beobachten zu können.

Das ging wohl zehn Minuten lang so fort. Das ist bei solchen Situationen eine gar lange Zeit, und das starre Staunen des wilden Weibes wollte nicht abnehmen.

Endlich bekam Meister Adam die Geschichte doch satt, er ließ den Schirm fallen, stand auf, schritt ganz gemächlich auf das Ungeheuer zu, mit der einen Hand seine Tabaksdose aus der Tasche ziehend, mit der anderen den Zylinder abnehmend.

»Gestatten Se gietigst — Green is mein Name, Adam Green. Brischen gefällig? Echter Dobbel...«

Weiter kam er nicht. Das weibliche Ungeheuer hatte ihn ziemlich nahe herankommen lassen, ihn immer noch starr ansehend, jetzt aber wohl mehr vor Schreck gelähmt — und plötzlich machte sie einen riesenhaften Satz nach rückwärts, hing an dem starken Aste eines wenigstens zehn Meter weiter stehenden Ahornbaumes, noch solch einen Satz, und jetzt stand sie auf dem Aste eines dritten Baumes — dann setzte sie ihre Flucht wohl zu ebener Erde fort, war im dichteren Walde verschwunden.

»Das war ja fabelhaft!«, staunte Leonor. »Diese Sprünge macht ihr kein Affe nach! Ja, was für ein Wesen ist das nur?!«

»Sie haben es verjagt!«, rief dagegen Georg. »Sie hätten ruhig sitzen bleiben sollen!«

»Etwa bis an mei Lebensende, un immer so mein Rägenschärm uff- und zumachen? Heernse, ich will noch fuffzg Jahre läm.«

»Aber doch nicht solch eine Alberei treiben.«

»Alwerei? Enne Lieweserglärung wollt'ch ihr machen, un wenn mer ä Fraunzimmer mit irgendwas festhalten gann, dann isses doch enne Lieweserglärung.«

»Ja, den Erfolg habe ich gesehen«, ging Georg schließlich doch auf den Scherz ein.

»Nu, warten Se's doch errscht ab! Das machen de Mächens alle so, errscht reißen se alle aus, wenn mer von Liewe schbricht, awwer's dauert gar nich lange, da gomm se wieder un wolln de Fortsetzung heern. Bassen Se nur uff, se gommt schon widder, oder's is äm gar gee Weibsen. Na, Mr. Georg, Sie lehrn mich doch de Weibsen nich genn, ich war doch ooch mal jung, un was'ch vor ä schtattlicher Gerl war, damals, als ich noch geen Gummibeen hatte, wie ich beim Danzen hubben gonnte, un ich gann's immer noch — nenee, die gommt schon widder.«

Adam schnupfte mächtig.

»Adam, Sie sind ein Original«, lachte Georg, und auch Leonor musste lachen. Adam hatte sich wieder seinen Schirm unter den Arm geklemmt, behaglich im Grase ausgestreckt, und er schwadronierte weiter:

»Nee, faktisch, die mecht'ch wärklich heiraten. Das is ja grade mei Ideal. Das is ja grade das, was'ch mir immer winschte. Rote Haare burburrote — un recht viel Haare, das is so mei Fall, die lieb'ch bei'n Mächens. Heernse, wenn'ch die dann so gämme — un frisiere — Zebbe flechte — der gann'ch Zebbe hinten un vorne un an ganzen Gerber machen un wenn'ch dann mit der so schbaziern gehe — un das uff'n Beem rumhubben lern'ch ooch noch — un wenn wir beede nu so zusamm in unsern Garten uff'n Beem rumhubben — immer um de Wette — das heeßt, Insekten un Rägenwärmer gomm bei mir nich uff'n Disch — na ja, Sonntags, zum Gombott...«

Georg und Leonor lachten aus vollem Halse. Nun musste man sich dabei noch das kleine, dürre Männchen vorstellen, und dazu dieses wilde Riesenweib, ganz mit Zöpfen behangen.

»Na, was lachen Se denn? Sie denken wohl, weil'ch so gleene bin? Sie denken wohl, ich fürchte mich? O, der wollte ich schon zeigen, wer der Herr in Hause is. Un wenn se noch so groß und dick wäre, die nehme ich eefach beim...«

Das Lachen der beiden anderen verstummte, beide stießen einen Schreckensschrei aus, und auch Adam konnte nicht weiter. Wenn nicht zu sehen, so bekam er es doch zu fühlen.

Von dem Aste des Baumes, unter welchem Adam lag, kam ein rotbehaarter Arm herab, eine Riesenfaust packte ihn hinten beim Rockkragen, und... Meister Adam war samt seinem Regenschirme verschwunden. Nur seine Schnupftabaksdose, die er sich für diese Expedition frisch gefüllt hatte, lag noch im Grase.


Illustration

Georg war aufgesprungen, riss sein Gewehr hoch, sprang um den Baum... da sah er das wilde Weib, wie es wiederum in mächtigen Sprüngen von Baumast zu Baumast setzte, dabei das grüne Männchen wie eine Puppe unter dem einen Arm, Adam zappelte mächtig dabei, aber nur mit den Beinen, mit den Händen hielt er krampfhaft seinen Regenschirm fest, und wenn hierbei etwas komisch war, so war es das, dass dieser Regenschirm dabei aufgegangen war, sodass es also aussah, als ob Adam ihn schirmend über den Kopf seiner Entführerin hielte. Jetzt sprang das Weib auf den Boden und rannte so weiter, Adam immer unter dem Arm, den aufgespannten Schirm über dem Kopfe, und jetzt fing Adam auch zu schreien an.

»Na, warten Se doch nur, ich will wenigstens errscht meine Schnubbdabaksdose mitnähm...«

Ob das Adam nur in einer Art von Bewusstlosigkeit gerufen hatte, weil er ja nur immer an seinen Schnupftabak dachte, darüber grübelte Georg jetzt natürlich nicht nach.

Schießen konnte er nicht, zumal sich das Weib schon zwischen den Bäumen befand. Es hätte mehr als eine Freikugel dazu gehört, um da einen glücklichen Treffer zu machen. Und Georg hatte zuletzt im Geiste kein Tier, sondern immer nur einen Menschen, und zwar einen höchst bedauernswerten vor sich gesehen.

Er setzte der Fliehenden nach. Wollte er ihr seinen kleinen Freund wieder abjagen, so musste er es zum Handgemenge kommen lassen — vorausgesetzt, dass sich unterdessen Adam nicht selbst zu helfen gewusst hatte.

Da, als Georg ebenfalls dahinjagte, das wilde Weib mit seiner Beute vorläufig noch immer im Auge habend, hörte er hinter sich einen gellenden Schrei, der sofort seinen Fuß im Boden wurzeln ließ.

Das war Leonor gewesen!

»Zu Hilfe, Georg, zu Hilfe!!!«

Im Nu stürmte er zurück, und jetzt begriff man, weshalb die Indianer der Pampas, denen Schnelligkeit alles ist, ihm den Namen Schnellfuß gegeben hatten.

Er sah Leonor mit zwei ebensolchen Ungeheuern ringen, oder der scheinbare Kampf kam wohl nur daher, weil jeder für sich versuchte, sich des Mädchens zu bemächtigen; da sahen sie den fremden Mann angestürmt kommen, das schlichtete den Streit. Der eine schwang Leonor wie ein Kind auf den Arm und floh davon, der andere ihm schon voraus.

Riesig waren die Sätze, welche das rotbehaarte Ungetüm machte, aber noch schneller war Georg.

Seine umgekehrte Büchse sauste durch die Luft, ein schmetternder Krach, das Brüllen eines zu Tode getroffenen Stieres, und mit zerschmettertem Schädel brach das Ungeheuer zusammen, während Leonor von Georg aufgefangen wurde. Der andere wilde Mensch verschwand im Walde.

Zitternd stand Leonor da.

»O Gott, o Gott!!«

Nicht minder furchtbar bestürzt war Georg — nämlich deshalb, weil er hatte erkennen müssen, dass es sich nicht nur um ein einzelnes Weib handelte, das man nur einfach für einen verwilderten Menschen halten konnte, sondern dass es hier ein ganzes Volk solcher menschenähnlichen Ungeheuer zu geben schien.

Dann untersuchte er den Toten. Es war ein Mann, sonst unterschied er sich im Aussehen auch in gar nichts von jenem Weibe, das sie schon zur Genüge hatten betrachten können. Ein Riese von mindestens sieben Fuß Länge, das sind zweihundertzwanzig Zentimeter, der Knochenbau außerordentlich stark, dazu noch sehr muskulös, mit ungeheuer breiten Schultern, und der ganze Körper ebenso pelzartig mit brandroten Haaren bedeckt, die bei dem Manne aber etwas kürzer zu sein schienen als bei dem Weibe, mit Ausnahme im Gesicht, wo sie einen langen Bart bildeten.

Sonst waren auch die Züge dieses Mannes nicht gerade abstoßend zu nennen. Nur der Mund war äußerst groß.

Ein Affe aber war es nicht, es war ein Mensch, nach der Schädelform und nach allem.

Leonor berichtete mit kurzen Worten. Kaum war Georg dem mit Adam fliehenden Weibe nachgeeilt, als dort von jenem Baume gleichzeitig zwei solcher Scheusale herabgesprungen waren. Sie hatten sich auf sie geworfen, wollten sich gleichzeitig ihrer bemächtigen, nur ein kurzer Streit deswegen, aber vielleicht nur so, weil sie sich vorher nicht verabredet hatten, wer das Mädchen auf seine Arme nehmen sollte — da war Georg schon gekommen.

»An mein Messer habe ich gar nicht gedacht, ich war zu sehr entsetzt«, keuchte das noch immer zitternde Mädchen.

»Haben sie gesprochen oder sonstige Laute von sich gegeben?«

»Nur ein Grunzen.«

»Es war keine richtige Sprache zu unterscheiden?«

»Nur ein tierisches Grunzen. Und wo ist denn nun Adam?«

Ja, wo war jetzt Adam? Seine Befreiung musste versucht werden, und Leonor konnte natürlich nicht wieder allein bleiben.

Georg verfolgte wiederum die Spur von da an, wo das Weib die Flucht am Boden fortgesetzt hatte, aber nur eine kurze Strecke, dann war sie abermals in die Bäume gegangen, und nirgends konnte Georg die Fährte wiederfinden.

Ratlos blickten die beiden einander an.

»Ach, mein armer Adam!!«, rief Leonor jammernd.

»Da hilft kein Jammern, sondern wir müssen ihn suchen, immer suchen, zunächst wenigstens die Fährte dieses Weibes, und dieses Gebiet hier ist nur ein beschränktes, dessen Grenzen nicht überschritten werden können.«

»Sie wird ihm ein Leid antun, ihn womöglich fressen!«

In diesem Augenblick stellte sich Georg vor, wenn das wilde Weib in Adams Gummibein biss — aber die Situation war jetzt nicht danach, Komik zu empfinden.

»Das steht in Gottes Hand, und wir müssen tun, was wir tun können, dann konnten wir nicht mehr tun, als wir getan haben. Aber, Leonor, du bist mir bei diesem Suchen nur hinderlich. Ich bringe dich erst zu jener Grotte zurück, nicht wahr?«

Leonor war vernünftig genug, die Richtigkeit dieses Vorschlages sofort einzusehen.

So begaben sie sich schnellsten Schrittes nach der Grotte zurück, aber die geradeste Richtung einschlagend, denn die Spur hatten sie ja immer im Zickzack und in großen Bogen verfolgt.

In der Richtung irren konnte sich der geübte Waldläufer ja nicht, nur hätte er schon vorher erwägen müssen, ob sie auf diesem noch unbekannten Wege nicht auf ein Hindernis stoßen könnten, das sie zur Umkehr zwingen würde. Doch dieser kegelförmige Berg schien ja ganz ebenmäßig von allen Seiten aufzusteigen.

Und dennoch sollte sich solch ein Hindernis einstellen, sodass sie viel klüger gehandelt hätten, wären sie der Spur zurückgefolgt.

Der Abstieg war schon fast vollendet, Georg schätzte sich nur noch zwei Minuten von der Grotte entfernt, als sie an eine Schlucht oder an eine Spalte gelangten, die ihnen bei knapp vier Meter Breite doch ein unpassierbares Hindernis entgegenstellte. Georg allein hätte den Sprung gemacht, Leonor durfte ihn nicht wagen.

Wenn man zehn Meter tief hinabblickt, so kann die Breite eine noch viel geringere sein, man wird nicht springen, oder man muss ein sehr starkes Selbstvertrauen haben.

Rechts zog sich die Spalte in unübersehbarem Bogen hin, links dagegen schien sie in einiger Entfernung plötzlich aufzuhören.

Also dorthin geeilt! Da erkannte man, dass sie hier nur einen scharfen Winkel machte, dann noch breiter wurde.

Nun musste man sie dennoch nach der anderen Richtung hin verfolgen, und gerade das war ein mühsamer, zeitraubender Kletterweg.

Kurz, es wäre doch viel besser gewesen, hätten sie den alten Weg eingeschlagen — auf diese Weise hatten sie mindestens fünfzehn Minuten länger gebraucht, ehe der direkte Weg zur Grotte frei vor ihnen lag.

»Es soll mir eine Warnung sein, nie wieder den unbekannten kürzeren Weg, der sich nicht überblicken lässt, dem bekannten weiteren vorzuziehen«, sagte Georg.

Aber es wurde ihm sofort gezeigt, dass sich der Mensch gar nicht solche Vorsätze nehmen, sondern sich in gewissen Fällen lieber einer höheren Führung anvertrauen soll.

Hätte Georg die Grotte schon vor einer Viertelstunde erreicht, so wäre er doch gleich wieder umgekehrt und... hätte vielleicht stundenlang vergeblich nach Adam gesucht!

Denn da kam er schon angesprungen — Adam — und doch nicht der ganze Adam mehr.

*

Kapitel 48
Adams Abenteuer

Es war dem grünen Männchen durchaus nicht so humoristisch zumute gewesen, dass es hatte Witze machen wollen, als es wenigstens seine Schnupftabaksdose mitnehmen wollte.

Adam wusste recht gut, während er von Baumast zu Baumast durch die Luft sauste, dass er dabei zwischen Arm und Leib dieses rothaarigen Ungeheuers festgeklemmt war. Seine Schnupftabaksdose war ihm ein so unumgänglich notwendiger Gegenstand geworden, wie etwa seine linke künstliche Hand. Ohne diese Dose fühlte er sich nicht als Mensch, und so hatten sich seine Gedanken ganz unwillkürlich mit ihr beschäftigt, die er zurückgelassen hatte.

Wenn dieses grüne Männchen auch sonst ein furchtloses Herz besitzen mochte, so war es doch mächtig erschrocken. Was da mit ihm vorgegangen, wusste Adam also sofort. Er hatte im Übermut dieses rothaarige Weib als seine zukünftige Frau bezeichnet... er hatte einfach den Teufel an die Wand gemalt, jetzt hatte dieser ihn geholt.

Zu etwas klarerer Überlegung seiner Lage kam er erst, als das Weib den Weg von Baum zu Baum aufgab, ihn auf der Erde fortsetzte, wobei es das Männchen mehr vor sich nahm, es gegen die Brust drückte.

So, da ruhte er ja nun am Busen seiner Heißgeliebten, wie er es sich gewünscht hatte. Und was für ein Busen war das!

Adam hatte nur sein Werkzeugmesser bei sich, sonst keine Waffe. Dass seine Gefährten sich für die Expedition bewaffnet hatten, hatte ihm genügt. Er war ja ein ganz besonderer Mensch, der manches verachtete, was andere für begehrenswert oder sonst für notwendig fanden, der so gern das bekannte klassische Wort im Munde führte, dass der Geist des Menschen eine furchtbarere Waffe sei, als die Pranke des Löwen... und indem er sich daran erinnerte, kehrte auch seine ganze Kaltblütigkeit zurück. Schon betrachtete er diese Entführung nur als ein interessantes Abenteuer, dessen Einzelheiten man genau beobachten müsse, wollte man später einmal darüber ausführlich berichten. Im übrigen konnte er sich ja auch auf die schnellste Hilfe seiner Gefährten verlassen, das wusste er.

Das wilde Weib setzte den Weg zu ebener Erde mit mächtigen Sprüngen fort, dabei ab und zu einen grunzenden Laut ausstoßend, der sicher Freude ausdrückte.

»Soll se sich ooch nich frein, wenn se so'n hibschen Gärl wie mich geraubt hat.«

Immer weiter ging es in den Wald hinein, schon seit längerer Zeit sprang das Weib von Stein zu Stein, die hier häufiger lagen, offenbar, um seine Spur zu verwischen, watete einen steinigen Bach aufwärts, und dann zeigte sich zwischen einigen großen Felsblöcken ein lauschiges Moosplätzchen, welches jeder Wanderer zum Ausruhen, jede Familie oder Gesellschaft zum Picknick benutzt hätte, es lud zur Rast förmlich ein, und auch dieses Weib ging nicht vorüber, der Platz schien sogar sein Ziel gewesen zu sein.

Noch einen scharfen Rundblick gehalten, ein zufriedenes Grunzen, dann kauerte die Riesenmaid sich nieder und nahm ihre Beute vor, um sie näher zu betrachten.

Dieses wilde, herkulisch gebaute Weib also maß mindestens zwei und einen viertel Meter, das spindeldürre Männchen kaum einen Meter sechzig Zentimeter — ohne Zylinder. Nun stelle man sich dieses Verhältnis vor. Dasjenige Gullivers zu den Riesen war es ja nicht, aber es war doch nicht anders, als wenn ein Kind mit der Puppe spielt, und zwar mit keiner gar so großen — nur mit einem Püppchen.

Und nicht anders behandelte das Weib auch den kleinen Mann, es betrachtete es ihn von allen Seiten, drehte ihn zwischen den riesigen Händen hin und her, ihn auch nur mit einer Hand ausgestreckt vor sich hinhaltend, ohne jede Anstrengung — kurz und gut, genau wie ein Kind seinen leichten Hampelmann, den es neu geschenkt bekommen hat, mit staunender Freude von allen Seiten betrachtet.

In diese Lage wusste sich Adam denn auch zu schicken.

»Na, wie gefall' ich d'r denn?«, schmunzelte er. »Du wunderscht dich wohl, dass'ch ooch schbrechen gann? Au, so in den Bauch zu dricken brauchst de mich awwer nich, ich schreie von ganz alleene... halt halt halt...«

Jetzt hatte sie ihn nämlich herumgedreht, das heißt, mit dem Kopfe nach unten. Glücklicherweise ließ sie ihn nicht lange in dieser Lage.

Adam hatte den Regenschirm aus der einen Hand in die andere genommen, die Folge davon war ein Schrei der Freude. Sie wollte den Schirm haben, Adam ließ ihn ihr, hätte ihn ihr auch schwerlich verweigern können, und darob wieder großes, freudiges Staunen. Vielleicht hatte sie gar geglaubt, dieser Regenschirm sei ein Körperteil des ihr unbekannten Geschöpfes, das nur einige Ähnlichkeit mit ihr selbst besaß, sonst aber gar kein richtiger ›Mensch‹ war.

Sie klemmte ihren Gefangenen zwischen die Knie und amüsierte sich damit, den Schirm auf- und zuzumachen, was sie bald heraus hatte.

Adam hatte unterdessen Zeit, sie selbst zu betrachten. Er sah nicht viel Neues, was er nicht schon zuvor gesehen hatte. Angenehm war diese dichte Nähe keinesfalls.

»Nee, nee, die heirat'ch liewer nich. Hibsch is se ja, awwer die hat zu wenig Bildung.«

Endlich hatte sie sich mit dem Schirme genug amüsiert. Jetzt nahm sie wieder ihren Gefangenen vor und begann seine Kleider einer Untersuchung zu unterziehen. Aber sie dachte nicht daran, diese ihm auszuziehen, und daraus konnte Adam mit Sicherheit schließen, dass sie die Jacke und alles andere als mit zum Körper dieses ihr fremden Menschen gehörig betrachtete, gewissermaßen als eine bewegliche oder verschiebbare Überhaut, denn sonst hätte sie ihm die Sachen ganz gewiss ausgezogen. Nicht einmal den sehr festsitzenden Zylinder nahm sie ihm ab, griff nur mit ihren plumpen Fingern daran herum und stieß grunzende Laute des Staunens aus. Und Adam hütete sich, ihr zu zeigen, dass man diese Kopfbedeckung auch abnehmen konnte.

Endlich war ihre Neu- oder Wissbegierde über diese Hautlappen befriedigt. Jetzt nahm sie ihr Püppchen wieder zwischen beide Hände, betrachtete es von neuem zärtlich, diesmal aber nur von vorn, zog es immer näher, und...

»Neneneneneee!«, kreischte Adam wie ein zimperliches Mädchen.

Aber es half ihm alles nichts, er musste sich gefallen lassen, dass sie ihre wulstigen Lippen auf die seinen drückte, immer und immer wieder.

»Nur nich gleich den Gobb abbeißen, nur nich...«

Adam erstarrte; denn jetzt öffnete sie wirklich den riesigen Mund — bei Damen muss man immer Mund sagen, auch wenn die Dame anstatt Kleider nur Haare anhat — er war wirklich groß genug, um Adams Kopf gleich darin verschwinden zu lassen, und...

Doch nein, sie steckte nur die Zunge lang heraus — und was für eine Zunge! — und leckte so über das Gesicht ihrer Puppe, leckte immer weiter.

»Na, dann geht's ja!«, seufzte Adam erleichtert mit Galgenhumor. »Ich dachte schon, sie wollte mir den Gobb abbeißen. Wenn die nur nich so'n Reibeisen statt enner Zunge im Maule hätte!«

So war sie noch im besten Lecken begriffen, als sie plötzlich mit verändertem Gesicht empor fuhr, und zwar drückten ihre gar nicht so üblen Züge dabei Zorn oder gar gleich Wut aus. Denn feinere Nuancen in der Stimmung kennen ja Tiere und tierähnliche Menschen nicht.

Adam wurde dabei zwar nicht losgelassen, aber er konnte doch hinter sich blicken, und mit ebensoviel Staunen wie Schreck machte er die Entdeckung, die Georg und Leonor nun schon längst gemacht, nämlich, dass es sich hier nicht nur um ein einzelnes Exemplar von Affenmensch handelte, sondern dass es auf dem Berge solcher noch mehr gab. Aber hier war es kein männliches, sondern ein zweites weibliches Exemplar, welches auf der Bildfläche erschien, vielleicht noch größer als dieses, noch knochiger, aber viel hagerer, und das brandrote Haar spielte an vielen Stellen schon ins Gräuliche, besonders um die Schnauze... um den Mund herum.

»Das is gewiss ihre Mutter — also meine zuginftge Schwiegermama... Herrgott, die will doch nich etwa...«

Jawohl, sie wollte, sie war schon dabei. Vorläufig hatte Adam ja noch gar kein Recht, sie seine Schwiegermama zu nennen, es war ja noch gar nicht entschieden, wem er eigentlich angehöre, denn wo die Liebe hinfällt, da fällt sie hin, und wie oft ist es nicht schon vorgekommen, dass einer die Mutter geheiratet hat, und alle Welt glaubte, er wolle die Tochter nehmen, und er hat es zuerst selber geglaubt — und die Tochter auch mit. Ja, die Mutter wollte ihn haben — ihn, der Herrlichsten von allen. Das sagten ganz bestimmt ihre Hände, die. sich verlangend nach dem Herrn der Schöpfung ausstreckten. Und es blieb nicht nur bei diesem stummen Begehren.

Mit Staunen konnte Adam notieren, ohne Notizbuch, dass diese menschenähnlichen oder übermenschlichen oder untermenschlichen Wesen auch eine Sprache besaßen, in der sie sich offenbar völlig verständigen konnten. Es waren, wie Adam dann berichtete, gurgelnde und schnalzende und zischende Laute, es klang ungefähr so, wie wenn ein Selbstmörder, ehe er ins Wasser geht, noch eine Prise nimmt, und beim letzten Gurgeln muss er noch einmal recht kräftig niesen.

Das heißt, gar so genau studierte Adam jetzt diese Sprache nicht. Es ward ihm doch etwas unheimlich zumute. Seine Dulzinea, die ihn wieder zwischen ihre Beine klemmte, machte ein gar so böses Gesicht, und seine Schwiegermama begann sogar die Zähne zu fletschen, und was für Zähne die hatte!

Und bei dem an sich noch unschuldigen Zähnefletschen blieb es nicht, sondern die Mama rückte der Tochter immer mehr auf den Pelz, immer mit ausgestreckten Händen — und mit einem Male lagen sich die beiden in den Haaren, wobei sie es sehr bequem hatten, denn sie waren nicht nur auf die Kopfhaare beschränkt, sie fanden überall welche, wohin sie auch griffen, und da nahmen sie auch die Zähne zu Hilfe, um einander das ewige Recht des Stärkeren klarzumachen.

Adam war zuletzt aus dem beinernen Schraubstocke entlassen worden, und der Herr der Schöpfung hielt es für das beste, diese Gelegenheit zu benutzen und zu verschwinden.

Aber kaum hatte Adam einen Schritt gemacht, als seine Flucht entdeckt wurde, zwei Händepaare griffen gleichzeitig nach ihm, die Tochter packte ihn schnell an der linken Hand, die Mutter erwischte nur noch seinen rechten Fuß, den er zur Flucht soeben hintennaus geschlenkert hatte, und... der Konkurrenzkampf wurde fortgesetzt, und jetzt ging es direkt um das streitige Objekt. Links zog Frau Mama an Adams rechtem Bein, rechts zog Fräulein Tochter an Adams linker Hand, so rissen sie den Unglücklichen hin und her — und da ging Meister Adam in die Brüche.

Links hatte Frau Mama seine linke Hand in den Fäusten, rechts Fräulein Tochter sein rechtes Bein, gleich am Schenkel ausgerissen.

Dieses willkürliche Ablegen von Gliedmaßen war denn doch auch für diese Naturdamen etwas zu viel. Sie brüllten — nicht vor Lachen, sondern vor Schreck. Und jetzt hielt der Herr der Schöpfung die Gelegenheit erst recht für günstig, das Weite zu suchen, wenn auch mit Hinterlassung einiger Gliedmaßen, welche ja wieder nachwachsen. So macht es doch auch die Eidechse. Wird sie von einem größeren Gegner überfallen, von diesem beim Schwanze gepackt, so überlässt sie ihm großmütig den Schwanz, ist schon zufrieden, wenn sie den übrigen Teil ihres Körpers in Sicherheit bringen kann, und wartet ruhig ab, bis der Schwanz wieder gewachsen ist.

Also Adam hüpfte davon, machte mit seinem einen Beine Sätze, um die ihn jedes Känguruh beneidet hätte, das doch zu seinem Hüpfen beide Beine gebraucht.

Die Richtung, wo die Grotte lag, wusste er ungefähr, er hüpfte frisch und munter los, bis sich ihm eine Schlucht entgegenstellte, an dieser hüpfte er entlang — und stieß mit Georg und Leonor zusammen!

»Adam!«, jauchzte Leonor auf. »Wo haben Sie denn Ihre linke Hand?!«

Merkwürdigerweise vermisste sie das Fehlen dieses Greifinstrumentes an dem Arme, unter den Adam seinen geretteten Regenschirm geklemmt hatte, zu allererst.

»Meine Hand? Die is vergäm. Se wissen doch — und hierzulande wird links getraut.«

»Wo ist denn aber Ihr Bein?!«, rief jetzt Georg.

»Das hawwe ich meiner Schwiegermama zum Uffhem gegäm.«

Und Adam erzählte, gleich hier an Ort und Stelle — erzählte in jener drastischen Weise, die wir vorhin wiederzugeben versucht haben.

Also ein ganzes Volk von solchen Urmenschen, wie man sie wohl am richtigsten bezeichnete, die es schon zu einer Art von Sprache gebracht hatten, sonst aber noch ganz Tieren glichen.

»Wir müssen natürlich den Weibern Ihre Hand und Ihr Bein wieder abnehmen«, sagte Georg.

»Ä, lassen Se's ihnen doch. Alle beede wollten mich ham — da genn se wenigstens meine linke Hand un mein rechtes Been abgnutschen.«

»Aber wie wollen Sie ohne diese künstlichen Gliedmaßen auskommen?«

Adam hatte im Automobil von jedem noch ein Stück in Reserve, und die ihm abhanden gekommenen Exemplare hätten schon längst ausrangiert werden sollen, sie machten schon zu häufig Reparaturen notwendig.

Die weitere Untersuchung dieses Naturvolkes war selbstverständlich eine beschlossene Sache für die Reisenden. Da sie nun wieder alle beisammen waren, hätten sie gar nicht erst zum Automobil zurückzukehren brauchen, es war auch noch immer zeitig am Tage.

Adam wollte nur erst seine Gliedmaßen ersetzen, und mit dem einen Beine konnte er wohl ganz gut springen, sich aber schlecht in dem niedrigen Tunnel fortbewegen. So wollten sie alle zusammen erst einmal zu dem Automobil zurückkehren.

Übrigens hatten sie nun sowieso schon die Grotte erreicht... und mit einem Rufe der Bestürzung deutete Georg in sie hinein.

*

Kapitel 49
Schreckliche Entdeckungen

»Unsere Spuren sind verwischt worden!« In ursprünglicher Glätte, so, wie sie ihn zuerst gesehen, bedeckte der weiße Sand wieder den Boden der Grotte.

»Kann nicht Wasser, welches zeitweilig den Boden überrieselt, in Betracht kommen?«, fragte Leonor, nur um erst alle Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen.

Georg war vor dem Eingange niedergekniet, um sein Auge dem Boden näher zu bringen.

»Nein, das sind Menschen gewesen, die den Sand wieder geordnet haben. Sieh hier ab und zu die erhabenen Striche. Man hat den Sand mit einem flachen Gegenstand wieder plattgedrückt.«

»Das können aber doch nur diese tierähnlichen Menschen gewesen sein.«

Wenn man nicht glauben wollte, dass auch ein wirklicher Mensch hier hauste, so musste man das wohl annehmen. Dann standen diese Geschöpfe aber doch schon auf einer höheren Stufe, als man bisher vermutet hatte.

»Aber warum nur haben die unsere Spuren verwischt?«

Das blieb eine offene Frage.

Georg hatte unterdessen die weitere Umgebung untersucht und auch wirklich im Grase Spuren von nackten Füßen gefunden, und zwar solcher von verschiedener Größe, sodass also mehrere jener Geschöpfe hier gewesen sein mussten.

»Ich möchte fast annehmen«, sagte er dann, »dass diese Grotte eine Art von Heiligtum für sie bedeutet.«

»Diese auf der tiefsten Stufe stehenden Menschen sollten eine Religion haben?!«

»Indem du sie Menschen nennst, musst du ihnen auch schon eine Religion zutrauen können. Es gibt kein Volk, das sich nicht irgendeine Religion zurechtgemacht hätte. Von den Australnegern wurde lange Zeit behauptet, sie glaubten an gar nichts, aber man hat seinen Irrtum eingesehen. Die Australneger kennen wenigstens gute Tagesgeister und böse Nachtgespenster. Kein Tier, auch nicht der klügste Hund denkt daran, seine Spur hinter sich zu verwischen. Das tun aber gerade die wildesten Völker, die im ewigen Kampfe mit aller Welt leben. Denken diese Geschöpfe hier an so etwas, sind sie auch imstande, es wirklich auszuführen, dann halte ich sie für fähig, auch schon irgendeine Art von Religion zu haben, mag diese auch noch so roh sein.«

»Ja, aber weshalb verwischen sie da unsere Spuren?«

»Es dürfte sich vielleicht nur um eine Säuberung ihres Heiligtums handeln, dieser Grotte hier.«

»Ob sie auch hinabgekrochen sind?«

»Ich möchte fast glauben, dass sie das gar nicht wagen.«

»Weshalb nicht?«

»Diese Öffnung hier mag die Grotte erst zu einem Heiligtum gemacht haben.

Doch sei das, wie es wolle — begeben wir uns hinab.«

Sie krochen durch den Tunnel, wobei dem einbeinigen Adam, der in gebückter Stellung, wenn er nicht empor schnellen konnte, ganz hilflos war, geholfen wurde.

Ohne die Handlaternen benutzt zu haben, erreichten sie die Höhle, in welcher der Wasserfall gewaltig rauschte.

Sofort fanden sie es merkwürdig, dass der elektrische Blendstrahl des Automobils fehlte — allen schnürte gleich eine bange Ahnung das Herz zusammen.

»Tom, Charly, warum habt ihr denn den Scheinwerfer abgestellt?!«

Sie erwarteten gar keine Antwort, hätten gar nicht zu rufen brauchen, denn man musste schon dicht am Ohr des anderen sprechen, wollte man wegen des Wasserfalles etwas verstehen.

Sie ließen ihre Laternen aufflammen, und wenn deren Licht nicht genügte, die ganze Höhle zu durchdringen, so konnten sie diese ja abgehen... von dem Automobil war nichts zu bemerken, und in dem langen Eingangstunnel befand es sich auch nicht, den konnte man gegen das Tageslicht ja seiner ganzen Länge nach durchblicken.

»Die haben einmal auf eigene Faust einen kleinen Ausflug gemacht«, sagte Leonor, um irgendeinen Entschuldigungsgrund für das Verschwinden des Automobils zu finden, doch ihre gepresste Stimme verriet gleich, dass sie ganz andere Befürchtungen hegte.

»Auf eigene Faust einen Ausflug gemacht? Da könnte man schon eher annehmen, die menschlichen Ungeheuer hätten sie angegriffen, sie seien vor ihnen geflohen.«

»Geflohen? Obwohl sie doch nur die Panzerplatten in die Höhe zu ziehen brauchen? Gelang ihnen das nicht mehr, dann war ja alles zu spät.«

»Allerdings. Diese Annahme über die Ursache der Entfernung ist so ausgeschlossen wie die andere.«

Da stieß Adam einen Schrei aus.

In dem umher wanderenden Blendstrahl einer Laterne, aber nur nach dem großen Automobil suchend, hatte er dicht an der Wand eine menschliche Gestalt liegen sehen, und ein Blick auf die Kleidung genügte, um zu wissen, wer das war.

»Tom! Hier liegt Tom!«

Ja, es war Tom — über und über mit Blut bedeckt, mit zerschmettertem Schädel, tot!

Der Schreck, das Entsetzen der drei lässt sich denken.

»So sind die menschlichen Ungeheuer dennoch hier eingedrungen, haben das Automobil überfallen!«, rief Leonor, nachdem sie erst ihrem grenzenlosen Jammer Ausdruck gegeben.

Georg hatte unterdessen den Toten schon sachgemäßer untersucht.

»Der Kopf ist ihm mit einem schneidenden Instrument gespalten worden, wahrscheinlich mit einer Axt, und das sieht doch gar nicht danach aus... und er lebt, er lebt noch!!«

Der vermeintliche Tote hatte die Augen aufgeschlagen, stöhnte. Georg hätte ihn überhaupt gar nicht für tot gehalten, oder er hätte soeben verschieden sein müssen, da der Körper noch warm war. Nur nach der zertrümmerten Schädeldecke, nach dem ganzen fürchterlichen Aussehen musste jeder glauben, dass man nur einen Toten vor sich haben könnte.

»Tom, Tom, wer hat dir das getan?! Wir sind es, deine Freunde. Erkennst du uns?«

Nur ein Röcheln antwortete. Es ging doch schnell mit ihm zu Ende. Es musste soeben erst geschehen sein, selbst das schon geflossene Blut war noch ganz warm.

Der Sterbende rang nach Worten, und endlich verstand man ihn auch.

»Er konnte nichts dafür — er konnte nichts dafür«, röchelte er mühsam.

»Wer — wer konnte nichts dafür?«

»Charly — Charly...«

»Charly hat dir das getan?!«

»Ja — ja — aber er konnte nichts dafür — das Fieber — er war wie — ein Rasender — er wollte — ins kalte Wasser — und er — durfte doch nicht — ich wollte — ihn halten — und er — raste — und da — hat er auf mich — geschlagen mit einer — Axt — — aber er konnte — nichts dafür — es war nur das — Fieber — er konnte nichts...«

Ein letzter Seufzer, und eine Seele verließ ihr irdisches Gefängnis, um sich in der Stille göttlicher Erkenntnis zum Aufbau eines neuen Leibes vorzubereiten.


Illustration

Es war nur ein Arbeiter gewesen, dessen äußere Erscheinung hier erloschen war. Sein Begriffsvermögen war nach menschlichem Ermessen sehr beschränkt gewesen — aber seine Seele hatte er während dieses Erdenlebens so ziemlich auf die höchste Stufe gebracht, welche wohl der Mensch erreichen kann — der Mensch, der sich vom Tiere unterscheidet.

Nicht an sich selbst, nur an seinen Mörder hatte er immer gedacht, dessen Handlung noch mit dem letzten Atemzuge zu entschuldigen suchend.

Die drei brauchten einander nichts mehr zu erklären. Es war ja alles ganz offenbar. Bei dem Fieberkranken hatte sich das Delirium eingestellt, er war an seinem Freunde, der ihn von irgendeiner Torheit abzuhalten gesucht, zum Mörder geworden, und dann war er eben mit dem Automobil davongefahren — keinesfalls etwa aus Furcht vor Strafe, sondern er befand sich in einem Zustand des Wahnsinns, wusste gar nicht, was er tat.

Jetzt erst brach Leonor an der Leiche ihres treuen Dieners zusammen, weinte, wie am Sterbebett ihres Vaters, und Adam weinte mit ihr.

Ein Ruf Georgs sollte sie aus ihrem Schmerze reißen.

»Da fährt er!!!«

In diesem Augenblick kam ihnen allen zum Bewusstsein, was es zu bedeuten hatte, dass sich der Fieberkranke, ein Wahnsinniger, mit dem Automobil von hier entfernt hatte!

Auch die aufschnellende Leonor sah es noch, das Automobil, wie es vor dem Gange des langen Tunnels, den man vollkommen durchblicken konnte, vorbeifuhr, freilich in weiter Entfernung, die man von hier aus nicht taxieren konnte.

Georg stürzte nach vorn, Leonor ihm nach, der einbeinige Adam machte Sätze wie ein Riesenkänguru.

Ja, da fuhr es, in einer Entfernung von etwa einem Kilometer, beschrieb gerade einen großen Bogen.

Als sie das Automobil verließen, waren die meisten Fenster geöffnet gewesen. Jetzt waren die Panzerplatten hochgezogen. Das hatte der Irrsinnige, der davonfahren wollte, ganz mechanisch getan, ein einziger Hebeldruck genügte, um sämtliche Panzerplatten in die Höhe zu schieben, sodass das ganze Automobil luftdicht geschlossen wurde, dann hatte er auch noch den Sauerstoffapparat anstellen müssen, sonst wäre er ja bald erstickt, so oder so.

Zu alledem hatte also die Vernunft des Fieberkranken gelangt. Aber was er sonst eigentlich wollte, das wusste nur Gott. Wie kann man denn die Gedanken eines Irrsinnigen, dem Charly in seinem Fieberdelirium glich, ergründen wollen! Jetzt fuhr der jedenfalls ganz planlos dort herum.

»Charly, Charly!«, schrie Leonor mit allem Aufgebote ihrer Lungenkraft. »Komm her, hierher!!!«

Hatte der Mann im Automobil es gehört? Es war kaum zu glauben.

Da schrien auch Georg und Adam vor Entsetzen laut auf.

Denn plötzlich war Charly hinten aus dem Wagen herausgesprungen, ganz unvernünftigerweise nach der falschen Richtung, den Rücken dem schnellen Wagen zugekehrt — sofort schlug er rücklings zu Boden, blieb liegen... und das Automobil fuhr weiter, in einem Bogen, so wie die Steuervorrichtung gerade eingestellt gewesen war.

Was das für die hier Zurückgebliebenen zu bedeuten hatte, braucht nicht näher erläutert zu werden.

Den gellendsten Schrei hatte Leonor ausgestoßen, sie stürzte vor, Georg mit einem Satze ihr nach, erreichte sie noch, riss sie zurück, wieder in den Höhlenschacht hinein.

»Um Gott, Leonor, willst auch du des Todes sein?!!«

Denn obgleich sie noch nicht im Freien standen, sondern noch immer in dem Höhlengang, der von dem von hinten kommenden Luftzug durchstrichen wurde, so war die Luft hier doch schon mit so viel Borsäure durchsetzt, dass sie das Atmen kaum noch möglich machte, und mit jedem weiteren Schritte musste ihre tötende Eigenschaft zunehmen.

Wieder auf der alten Stelle stehend, wo also das Atmen eben noch möglich war, konnte man das Automobil noch immer sehen. Die eingestellte Geschwindigkeit war eine geringe, vielleicht nur zwanzig Kilometer in der Stunde — aber kein Gedanke daran, dass man es innerhalb einer Minute hätte einholen können. Denn so lange hätte der Betreffende den Atem anhalten müssen. Wäre irgendeine Möglichkeit dazu noch vorhanden gewesen, so wäre Georg doch schon längst gerannt.

Der Federmechanismus war eingestellt gewesen — das heißt, hinter dem herausgesprungenen Charly, war die Tür selbsttätig wieder zugeschlagen.

Das Automobil fuhr nach rechts, südwärts, allerdings in einem Bogen, aber nicht etwa im Halbkreis. Der Bogen war nur ein ganz geringer. Kein Gedanke daran, dass es etwa nach diesem Berge zurückkam. Da war die Richtung eine total andere. Es würde sich irgendwo an einer der Felswände festrennen, welche dieses Tal des Todes begrenzten, für die Zurückgebliebenen unerreichbar, jetzt und immerdar.

Noch ein Blick, dann war es den Augen der Nachschauenden verschwunden, und es hatte ja gar keinen Zweck, sich deshalb der Gefahr des Erstickens auszusetzen, um ihn; immer noch einmal nachsehen zu können.

Und dort lag der unglückliche Charly regungslos, schon längst erstickt, wenn er sich nicht gleich das Genick gebrochen hatte, und seine Leiche war für diese Lebenden ebenfalls unerreichbar.

Die drei Personen blickten sich an, und in diesem Moment kam ihnen voll und ganz zum Bewusstsein, in welcher Lage sie sich eigentlich befanden.

»O Gott, o Gott, was soll jetzt aus uns werden?!«, stöhnte Leonor.

»Jetzt gann ich hier mein ganzes Läm' lang uff een Been herumhubben!«, ließ sich auch Adam mit recht kläglicher Stimme vernehmen.

Georg war wohl der Gelassenste.

»Noch leben wir, und alle Bedingungen sind vorhanden, um dieses Leben zu erhalten«, sagte er, »und schließlich werden wir auch Mittel und Wege finden, um diesen von einer giftigen Atmosphäre umgebenen Berg wieder verlassen zu können.«

Bei Leonor aber wollte dieser Trost nicht anschlagen. Plötzlich beugte sie sich mit einer wilden Bewegung, raffte einige Goldklümpchen auf, um sie heftig wieder zu Boden zu schleudern.

»O, dieses verfluchte Gold, es ist an allem Unglück schuld!!«, rief sie verzweifelt.

Groß und starr blickte Georg das sich wie wütend gebärende Mädchen an.

»Leonor, Leonor, machst du mir Vorwürfe, dass ich dir von diesem Golde erzählte?! Habe ich denn nicht gleich gesagt, dass in diesem Tale der Tod wohnt? Habe ich dir irgend etwas verschwiegen?«

Jetzt blickte auch Leonor den Sprecher groß an, erstaunt.

»Ich dir Vorwürfe machen, Georg? Weshalb denn? Ach so, ich verstehe. O, Georg, wofür hältst du mich? Nein, in diesem Augenblick dachte ich nicht an mich, sondern an die ganze Menschheit, der alles Gold doch sicher nie Segen gebracht hat. Nein, Georg, nein...«

Und mit einem Male strahlten ihre Züge vom reinsten Glück, als sie sich an seine Brust warf, und mit lachendem Munde fuhr sie fort:

»Da ist es ja eingetreten, was ich mir wünschte! Jetzt sind wir hier wie auf einem weltverlassenen Eilande, ich mit dir, und du mit mir, niemand ist da und wird jemals kommen, um dieses unser Glück zu stören. Es liegt nur an uns, uns hier ein Paradies zu schaffen.«

Georg presste die Jubelnde zärtlich an sich.

»Ich verstehe dich, Leonor, und wohl dir, dass du unsere Lage von diesem Gesichtspunkte aus auffassen kannst. Aber wenn du nun wirklich dein Glück darin zu finden glaubst, hier mit mir und unserem treuen Adam ein Robinsonleben zu führen — denkst du denn gar nicht daran, dass wir sehr bald Besucher bekommen werden?«

»Du meinst, weil man mir mein Automobil dereinst nachahmen und dass man dann auch dieses bisher unzugängliche Tal untersuchen wird?«

»Ja, das meine ich.«

»Höre, Georg, ich habe mir das in letzter Zeit oft überlegt, suchte schon immer Gelegenheit, einmal darüber zu sprechen. Ja, sie werden das Morrisit auch als Triebkraft für Automobile verwenden. Aber solch einen Maximus nachzubauen, das ist doch gar nicht so einfach. Du hast dich nie für seinen inneren Mechanismus interessiert, Georg, da sind, ganz abgesehen von dem Metallüberzuge, noch so viele Erfindungen darin verwendet, die alle mein Vater gemacht hat — nein, einen zweiten Maximus wird es nicht so bald wieder geben, und ich bezweifle überhaupt, dass irgendein anderes Fahrzeug imstande ist, durch diese Atmosphäre von Borsäure zu kommen. Dazu ist doch vor allen Dingen eine absolute Dichtung jeder einzelnen Fuge notwendig, und auf welch geniale Weise dies mein Vater zu erreichen gewusst hat — nein, ich halte für ausgeschlossen, dass wir hier von einem anderen Automobil à la Maximus aufgesucht werden können.«

»Das hawwe ich mir ooch schon gedacht«, stimmte Adam diesen Ausführungen bei.

»Nun gut«, entgegnete Georg. »Von einem Luftballon wollen wir nicht sprechen. Warum sollte der nicht schon längst angewendet worden sein, um die Geheimnisse dieser isolierten Region zu ergründen. So wollen wir also Robinsons spielen, und deshalb können wir ja noch immer überlegen, wie wir den Berg wieder zu verlassen vermögen.«

»Heern Se, greifen Se mir da nich vor — so ä Mittel hawwe ich schon«, sagte Adam eifrig.

»Um diesen Berg zu verlassen?«

»Jawohl.«

»Um diese von Borsäure geschwängerte Atmosphäre unbeschadet zu passieren?«

»Jawohl, aber nicht durch se hindurch, sondern driewer weg.«

»Durch die Luft?«

»Durch de Lifte.«

»Mit einem Luftballon?«

»Mit so was Ähnlichem. Ham Se schon mal was von enner Hebelquadratur geheert?«

»Hebelquadratur?«, wiederholte Leonor. »Das ist auch mir ein ganz neues Wort.«

»Adam Riese hat's Einmaleins erfunden, und Adam Green de Hebelquadratur.

Nu sage ich awwer nischt mehr. So wärn's schon erläm. Wenn'ch nur errscht meine linke Hand widderhätte. Aus mein rechtem Beene mach'ch nur gar nich so viel, das gann mir geschtohlen bleim.«

Man schenkte Adams Worten gar keine Beachtung, wenigstens nicht seiner ›Hebelquadratur‹, mit der er durch die Lüfte fliegen wollte. Man wusste ja überhaupt nie recht, ob das Männchen nicht nur Witze mache.

Dagegen erinnerte seine letzte Bemerkung daran, dass man sich ja vorläufig in der Unterwelt befand, dass aber das Gebiet ihrer ferneren Tätigkeit dort oben lag, man gedachte der menschlichen Ungetüme, mit denen man diesen Berg zu teilen hatte, und Adam war sehr damit einverstanden, als sich Georg erbot, den beiden Weibern seine Hand und sein Bein wieder abjagen zu wollen.

Leonor und Adam wollten dem armen Tom in dem Flusssande ein Grab bereiten, während Georg den Rest des Tages noch zu einer Expedition an der Bergoberfläche benutzte, eben um zunächst nach Adams Hand und Fuß Umschau zu halten. Dann konnte man ja weiter darüber sprechen, wie man sich hier häuslich einzurichten gedachte.

Die Trennung erfolgte sofort. Leonor sah den geliebten Mann ohne große Sorge in der finsteren Tunnelöffnung verschwinden, und sie sollten ihn auch sehr, sehr bald wiedersehen.

In drei Minuten hatte Georg den Schacht durchkrochen.

Warum schimmerte ihm denn diesmal gar kein Tageslicht entgegen?

Jetzt musste er doch schon die hintere Öffnung der Grotte erreicht haben, und statt dessen... fühlte Georg einen Felsen.

Eine Handlaterne hatte er nicht mitgenommen, und er brauchte auch gar kein Licht, es genügte schon, was er fühlte, nämlich nicht nur eine glatte Felswand, sondern auch Fugen, durch welche aber kein Licht schimmerte.

»Verbarrikadiert! Diese Menschen haben Steine vor den Tunneleingang gewälzt!«

Nach einigen vergeblichen Anstrengungen, das Hindernis zu beseitigen, kehrte er schleunigst zurück. Mit möglichst ruhiger Stimme wollte er mitteilen, was er entdeckt hatte, aber es gelang ihm nicht recht, seine innere Erregung war doch aus dem Zittern der Stimme zu hören. Der Schreck der beiden Anderen war denn auch nicht gering.

»Was? Die haben den Ausgang mit Steinen verschlossen?!«

»Es ist so.«

»Ja, was soll denn da aus uns werden?!«

»Wir müssen die Steine wieder beseitigen.«

»Hast du es noch nicht probiert?«

»Meine Kraft langte dazu nicht aus, wie ich mich auch anstrengte.«

»Und in diesem schmalen Gange hat ja nur ein einziger Mensch Platz!«

»Das stimmt allerdings.«

»Ja, wenn es dir starkem Manne nicht gelingt, wie sollen wir denn da das Hindernis beseitigen?«

»Das muss eben überlegt werden. Adam, rücken Sie einmal heraus mit Ihren Kenntnissen — Sie, sprachen doch vorhin von einer Hebelquadratur. Ja, Hebel brauchten wir allerdings dazu. Können Sie da nicht helfen?«

»Nee, da nützt meine Hewelquadratur nischt, da misst'ch errscht Hewel dazu hamm.«

Das war es! Was man als Hebel hätte benutzen können, waren nur Georgs Gewehr und Leonors leichte Windbüchse, und mit beiden konnte man da nicht viel ausrichten, diese Waffen wollte man auch lieber nicht ruinieren.

Alle drei begaben sich noch einmal in den Schacht, um erst recht zu der Ansicht zu kommen, dass die Kraft eines einzelnen Menschen nicht ausreichte, um den Felsblock, welcher die Öffnung verschloss, zu beseitigen. Einmal waren es riesenhafte Geschöpfe gewesen, welche dieses Hindernis aufgebaut hatten, es waren mehrere, sie hatten ihre Kräfte vereinigen können, und dann hatten sie wahrscheinlich noch viele andere Steine davor aufgehäuft.

Weshalb die Affenmenschen den Eingang verschlossen hatten, das zu erörtern war jetzt ganz nutzlos, sonst aber leicht genug zu begreifen. Die Hauptsache war die Frage, wie man den Ausgang wieder freimachte, denn sonst waren sie hier einfach rettungslos verloren, würden in wenigen Tagen des Hungers gestorben sein.

War nicht noch ein anderer nach oben führender Schacht vorhanden? Die ganze Höhle ward deshalb noch einmal sorgfältig abgeleuchtet, allein man fand kein einziges Loch mehr, und ebenso war ausgeschlossen, den Schacht zu benützen, durch welchen das Wasser herabstürzte. Dieses füllte ihn vollkommen wie eine Röhre aus.

»Ich muss versuchen, von außen auf den Berg hinaufzukommen, eine andere Rettung für uns gibt es nicht«, sagte Georg.

Er tat es sofort. Soweit wie möglich vorn in dem Höhleneingange, wo er aber seine Lunge noch einmal mit reiner Luft füllen konnte, traf er seine Vorbereitungen.

»Sieh dich vor, denke an uns, Georg«, flehte Leonor.

»Sei ohne Sorge, ich werde nichts übertreiben. Eine Minute kann ich den Atem mit Leichtigkeit anhalten, auch während des schnellsten Laufes. Ich zähle sekundenweise bis dreißig, habe ich dann keine günstige Gelegenheit erspäht, von wo aus ich die steile Böschung erklimmen kann, so kehre ich um.«

»Versprich mir, dass du das auch wirklich tun wirst.«

»Ich verspreche es dir.«

Also noch einen tiefen Atemzug genommen und dann davongestürmt, links herum, das Gewehr hatte er mitgenommen.

Leonor zählte, und sie glaubte, die Dauer der Sekunden richtig zu treffen, und wie ward ihr, als sie schon bei der Siebzig angelangt und Georg noch immer nicht zurück war!

Schon wollte sie ihrer Verzweiflung Ausdruck geben, als Georg im Eingänge der Höhle wieder auftauchte und mit einigen Sätzen bei seinen Gefährten war.

Ein hastiges Schnappen nach Luft, gewaltig wogte seine Brust, und dann, konnte er doch nur mitteilen, dass es auf dieser linken Seite keine Möglichkeit gebe, die steile Böschung zu erklimmen. Innerhalb der dreißig Sekunden wenigstens sei er an keine solche Stelle gelangt, habe auch von weitem keine gesehen.

»Nun gilt es, die rechte Seite zu untersuchen. Ich will mich nur noch etwas erholen, und du, Leonor, kannst unterdessen beten, dass ich dort eine Stelle finde, von der aus der Berg zu erklimmen ist, sonst... weiß ich nicht, was aus uns werden soll.«

»Du bist länger ausgeblieben als nur eine Minute, Georg.«

»Als ich dreißig zählte, bin ich umgekehrt.«

»Ich zählte schon sechsundsiebzig, ehe du dort vorn wieder auftauchtest.« »Dann hast du eben sehr kurze Sekunden«, konnte Georg schon wieder lachen. Mit frischem Atem versehen, begann er den Lauf, der einen Wettlauf mit dem Tode zu bedeuten hatte.

Diesmal kam Leonor nicht einmal bis sechzig, da war Georg schon wieder da. »Wieder nichts! Aber mir ist unterdessen etwas eingefallen. Auf dieser Seite macht der Berg einen ziemlich engen Bogen, es hat gar keinen Zweck, diesen abzurennen, bei dem schnellen Laufen fehlt mir der klare Überblick. Ich muss erst einmal geradeaus laufen, bis ich einen Blick über eine größere Strecke bekomme.«

»Wir haben daraufhin doch schon den ganzen Berg umfahren und keine einzige solche Stelle gesehen.«

»Doch, es gab schon welche. Vielleicht für dich nicht ersteigbar, wohl aber für mich, denn dass ich da etwas mehr leisten kann als du, das musst du mir schon zugestehen. Und dann ist es doch immer etwas anderes, wenn so ein eisernes EntwederOder dahinter sitzt.«

Wieder schoss Georg wie ein Pfeil davon, und diesmal konnte man beobachten, was dieser Mann an Schnelligkeit zu leisten vermochte, denn wenn er sich auch etwas nach rechts wendete, so blieb er für die Nachschauenden doch immer in Sicht.

In wenigen Sekunden hatte er mindestens hundertneunzig Meter zurückgelegt, hier blieb er stehen, und wandte sich um, diese Seite des Berges zu betrachten.

Es war ganz merkwürdig, wenn man ihn beobachtete, wie er so dastand. Er musste dabei doch den Atem anhalten, befand sich in derselben Lage wie ein Taucher, nun umgab ihn aber doch eine durchsichtige Atmosphäre, der die giftige Eigenschaft nicht anzusehen war.

Da schrak Leonor empor. Gott im Himmel, wie lange Georg ausblieb! Eine Minute musste doch schon längst vorüber sein! Sie hatte eben das Zeitmaß verloren.

Da kam er wieder zurückgejagt, wirklich wie ein Windhund, oder, um ein edleres Gleichnis zu. wählen, mit einer Schnelligkeit dahinjagend, die der göttliche Achill sicher nicht übertroffen hätte.

Ein Ringen nach Atem, dann konnte er wieder sprechen, und gleich sein ganzes Aussehen verriet etwas.

»Leonor, Adam, wir sind gerettet! Auf dieser Seite ist eine Stelle, die ich mit Leichtigkeit erklettern kann!«

Es hatte gar nicht so jubelnd geklungen, wie es doch eigentlich hätte klingen müssen. Doch die beiden merkten nichts, oder sie dachten eben daran, dass einer sprach, der noch nicht seinen Atem beherrschen kann.

Auch Leonor jubelte noch nicht auf, nur aus einem anderen Grunde nicht.

»In einer halben Minute zu erreichen?«

»Ja.«

»Warum hast du diese Stelle denn da nicht schon vorhin erreicht?«

Eine kleine Verlegenheit, die aber ebenfalls unbemerkt blieb.

»Es mag ja einige Sekunden weiter sein, aber höchstens kann es sich um drei Sekunden handeln. Vorhin bin ich eben nicht bis an jene Stelle gekommen, und ich konnte sie auch nicht erblicken, die Bergsohle beschreibt auf dieser Seite eben einen scharfen Bogen, und da sind doch auch Felsvorsprünge, und ich konnte ja vorhin gar nicht meine ganze Schnelligkeit entwickeln, ich musste doch immer die Böschung dabei beobachten. Jetzt ist das etwas anderes, jetzt kenne ich das Ziel, dem ich direkt zustrebe.«

»Ist diese Stelle auch wirklich zu erklimmen?«

»Würde ich es denn sonst versuchen?«, lächelte Georg.

»Versuchen — ja, das ist es eben. Es handelt sich dabei um ein Experiment auf Leben und Tod.«

»Ich sah viele Steine hervorragen, es machte ganz den Eindruck, als sei diese Stelle ganz leicht zu erklettern, besonders wenn solch ein Muss dahintersitzt, und du sollst nur einmal sehen, wie ich klettern kann — wie ein Steinbock.«

»Und wenn es dir nun doch nicht gelingt?«

»Na, dann kehre ich eben beizeiten wieder um. Und etwas länger als eine Minute halte ich es auch noch aus.«

Was sollte Leonor tun? Sie musste ihm glauben. Und dennoch — Georg sprach die Unwahrheit.

Ja, er hatte von jenem Beobachtungsposten aus solch eine Stelle an der steilen Böschung erblickt, deren Ersteigung er für möglich hielt, aber um dorthin zu gelangen, hielt er schon eine Minute des schnellstens Laufes für nötig. Und dennoch, auch er musste fragen: was sollte er anderes tun? Es musste gewagt werden!

Die Steine glaubte er von innen nicht beseitigen zu können. Und sonst waren sie hier dem Hungertode preisgegeben, und das würde gar nicht so lange dauern. Sie hatten die letzte Mahlzeit schon vor fünf Stunden zu sich genommen, jeder fühlte bereits wieder tüchtigen Appetit, nur dass niemand davon sprach, und dieser Versuch musste ausgeführt werden, solange Georg noch bei vollen Kräften war. Wurde er erst durch Hunger geschwächt, dann war es für immer zu spät.

Ja, Georg konnte dabei seinen Tod finden, seiner eigenen Ansicht nach sogar mit großer Wahrscheinlichkeit. Aber es half alles nichts, es musste riskiert werden, es musste!

Dass er von seinen eigenen Befürchtungen der Geliebten nichts sagte, war selbstverständlich.

Nachdem er sich diesmal längere Zeit ausgeruht hatte, war er bereit zum Todeslauf. Wie schon vorher abgemacht, sollte ein Schuss aus seiner Büchse das Zeichen sein, dass es ihm geglückt war, auf dem Berge eine atembare Atmosphäre zu erreichen. Als er mit gefüllten Lungen davonstürmte, wusste er fast ganz bestimmt, dass er diesen erlösenden Schuss nicht abgeben würde, und dennoch hatte er von der Geliebten so wenig Abschied genommen wie zuvor. Dadurch hätte er sie nur in umso größerer Sorge zurückgelassen.

Wie ein Hase jagte Georg um den Berg herum, über der Schulter die Büchse, deren Kolben in der Hand.

Unterwegs bemächtigte sich seiner eine Art von wilder Fröhlichkeit — die undefinierbare Kampfeslust, die stets den in die Schlacht ziehenden Mann befällt, der nicht gerade ganz und gar ein Waschlappen ist.

Die Sekunden zählte er nicht mehr, das hatte diesmal keinen Zweck — entweder oder — aber das Atemholen war schon sehr nötig, als er die ausersehene Stelle erreicht hatte.

Die Böschung war etwa zehn Meter hoch, ihre Steigung betrug fast achtzig Grad, oben stand Buschwerk, noch kümmerlich, aber schon grün — ein sicheres Zeichen, dass die Luft dort oben auch schon für Menschen atembar war. Denn da ist die Pflanze noch empfindlicher als dieser. In Löchern von Wohnungen existieren jahraus jahrein ganze Familien, wo jede Pflanze in ganz kurzer Zeit eingeht. Dass die Pflanze im Gegensatz zum Tiere Kohlensäure einatmet und Sauerstoff ausatmet, kommt dabei gar nicht in Betracht, dieser Prozess ist auch ein ganz anderer, als man ihn sich gewöhnlich vorstellt. Auch die Pflanze kann ohne Sauerstoff nicht existieren, so wenig wie in einer reinen Kohlensäureatmosphäre. Es ist eben jedes Extrem schädlich.

Sonst zeigte die rötlich gefärbte Wand überall lockeres Erdreich, ein Verwitterungsprodukt des darunterliegenden Steines, und gerade dadurch ganz unersteigbar. Man wäre immer wieder abgerutscht, wäre keine drei Schritt hoch gekommen. An dieser Stelle hier hatte der Regen besonders gespült, hier und da trat ein weniger spitzer oder auch runder Stein zutage, gerade hier war zum Teil eine andere Gesteinsart, die der Verwitterung mehr getrotzt hatte.

Dies alles hatte Georg aus jener weiten Entfernung mit seinen Falkenaugen erkannt, auf diese kleinen Vorsprünge setzte er seine ganze Hoffnung.

Die Büchse am Riemen über den Rücken geworfen, zum Anlauf einige Schritte zurück, und nun los!!

Der Mann, der den Atem anhalten musste, sprang und schnellte wie eine Gemse, wie ein Gummiball, und es gelang, schon war er ziemlich oben — da löste sich unter seinem Fuße ein Stein, mit blutigen Händen und Knien war Georg unten wieder angelangt!

Und in seiner Kehle presste der zurückgehaltene Atem mit Zentnerdruck!

Er wagte einen kurzen Zug — alles um ihn her ätzende Borsäure.

Und er musste, musste das Element einsaugen, das Gott einst dem Erdenkloß eingeblasen hat, so ihm erst Leben verleihend.

Noch einen Anlauf genommen, noch einmal hinauf!

»Gnädiger Gott, steh mir bei!«, stöhnte im Innersten der Mann, der nicht den kleinsten Atemzug wagen durfte.

Und sein Gebet ward erhört, Gott war gnädig!

Seine Hand erhaschte einen starken Busch — im nächsten Augenblick lag er oben und atmete tief die Luft ein, die gar keine unreinen Bestandteile mehr zu enthalten schien, und im Augenblick glaubte er, noch nie solch einen Genuss gekostet zu haben, wie diese atembare Luft, mit der er seine Lungen füllen konnte.

Doch nur wenige Sekunden gab er sich diesem Genusse voll und ganz hin, dann nahm er mit vor Überanstrengung noch zitternden Händen seine Büchse; donnernd krachte der Schuss — und wieder war es ein Genuss der Seligkeit, denn er empfand mit, was die Zurückgebliebenen jetzt bei diesem Signale empfinden mussten, er sah sie einander in die Arme sinken.

Dann machte er sich auf. Nach zehn Minuten Wanderung erblickte er die Grotte. Vor ihr stand eines jener rothaarigen Ungeheuer, dem Barte nach ein Mann, zwei andere kamen noch aus der Grotte heraus.

Beim Anblick des fremden Mannes, der ihnen aber doch nicht mehr so ganz fremd war, erschraken sie, dann zögerten sie, sie schwatzten mit gurgelnder Stimme und konnten auch gestikulieren, wussten offenbar noch nicht recht, ob sie die Flucht ergreifen oder zum Angriff übergehen sollten.

Ein herausforderndes Schwingen der Büchse, deren Tödlichkeit sie vielleicht schon gesehen hatten, wenn auch nur als Kriegskeule, genügte, um sie fliehen zu lassen.

Im Hintergrunde der Grotte war vor der Schachtöffnung ein ganzer Haufen von kopfgroßen Steinen aufgestapelt worden. Georg schleuderte sie hinter sich, die Steine wurden immer größer, boten dem starken Manne aber kein Hindernis.

So arbeitete er noch, als zwischen seine gespreizten Beine ein gewichtiger Stein geschmettert kam, ebenfalls von Kopfgröße. Blitzschnell drehte er sich um und hatte gerade noch Zeit, vor einem zweiten Steine auszuweichen, der ihm unter Umständen das Leben gekostet hätte.

Dort am Waldessaume stand gleich ein halbes Dutzend dieser rothaarigen Affenmenschen, jeder mindestens zehn große Steine in den Armen. Aber ehe sie zum regelrechten Bombardement übergehen konnten, hatte Georg seine Doppelbüchse hochgerissen, zunächst schoss er über ihre Köpfe hinweg — und er hatte sich nicht geirrt, dieser Schreckschuss genügte — die Ungeheuer flohen brüllend davon, um nicht wiederzukommen. Diese Menschen, auf so tiefer Stufe sie auch stehen mochten, entsetzten sich mit ihrer doch immer schon entwickelteren Vernunft vor dem Feuerstrahl und dem Donner mehr als ein unvernünftiges Tier.

Die Steine waren beseitigt. Zuletzt zeigte sich als eigentlicher Verschluss ein sehr großer, aber flacher Stein, Georg brauchte ihn nur umzukippen und... Leonors Arme streckten sich ihm entgegen.

*

Kapitel 50
Robinsonleben

Sie richteten sich ihr Leben so bequem wie möglich ein. In einer besseren Lage als Robinson Crusoe befanden sie sich ja, indem sie zur Ernährung Wild aller Art im Überfluss hatten, eine Büchse, deren Munition sich nie erschöpfte, um dieses Wild zu erlegen, Messer und außerdem von Adam einiges Handwerkszeug, mit dem der Besitzer wunderbar zu arbeiten verstand, und dann vor allen Dingen kam auch die praktische Erfahrung eines Mannes wie Georg dazu.

Als Wohnung diente ihnen die Grotte. Bevor geschildert wird, was sie sonst trieben, sei erwähnt, dass Georg schon am zweiten Tage mit Hilfe der Spuren Adams Hand und Bein wiederfand. Beides war etwas lädiert, die zum Bewegen nötigen Bänder abgerissen, besonders das Gummibein zeigte noch besondere Spuren.

»Das Luder hat weeß Gnebbchen mei Been fressn wolln, hier sieht mer ja ganzheitlich de Zähne, 's is nur gut, dass se's nich errscht gebraten ham.«

Adam verstand die künstlichen Gliedmaßen zu reparieren, bald konnte er wieder auf zwei Beinen herumstolzieren und auch seine linke Hand verwenden. Über diese war sogar der grüne Handschuh gezogen, der jetzt freilich schnell in die Brüche ging. Adam hatte im Automobil eine ganze Masse solcher Handschuhe gehabt,

diesen konnte er nicht wieder ersetzen, und das war ja auch das wenigste. So eitel war das Männchen auch gar nicht, es genügte ihm schon, dass es mit dem Ärmel noch den Zylinder blankwichsen konnte, soweit das bei dessen Verfassung noch möglich war.

Von den Affenmenschen blieben sie fortan verschont, und sie selbst beobachteten dieselben wohl, gingen ihnen aber sonst aus dem Wege, suchten keine nähere Bekanntschaft.

Mit der Zeit konnte Georg ihre Kopfzahl mit Sicherheit auf sechzehn Stück schätzen: vier Frauen, sieben Männer und drei unerwachsene Kinder. Aus der Anzahl der wenigen Kinder durfte man schließen, dass dieses Urvolk dem Untergange geweiht war. Nur hier auf diesem von aller Welt abgeschlossenen Berge hatte die Natur ihre Existenz noch einige Zeit erlaubt. Doch es konnte auch sein, dass sie noch andere Kinder versteckt hielten. Sie waren als eine Art von sehr hochentwickelten Affen zu betrachten, hausten in Höhlen, die sie mit trockenem Laub ausstaffierten. Das war aber auch ihr einziger Luxus. Feuer kannten sie so wenig, wie irgendeine Art von Bekleidung zum Schutze in der kälteren Jahreszeit. Wegen ihres dichten Pelzes bedurften sie aber vielleicht solch eines Schutzes gegen die Kälte nicht, die ja nie sehr stark wurde, Frost konnte niemals eintreten. Ihre Nahrung bestand aus Früchten, Wurzeln und dem rohen Fleische kleiner Tiere und Vögel, die sie mit Steinen und auch durch Knüttel erlegten. Doch eine eigentliche Keule als Waffe trugen sie nie bei sich. Eifrig stellten sie den Vogeleiern nach.

Je länger Georg sie heimlich beobachtete, desto mehr betrachtete er sie als menschenähnliche Affen, und er hätte sich kein Gewissen daraus gemacht, einen zu töten. Ob auch als Nahrung, das freilich war eine andere Frage. Doch es war gar nicht nötig. Die Geschöpfe gingen den Menschen ängstlich aus dem Wege; um die Grotte kümmerten sie sich ebenfalls nicht mehr.

Trotzdem ward ihnen gegenüber natürlich keine Vorsicht außer acht gelassen. Besonders durfte Leonor nie allein bleiben, und dann bekam sie zum Schutze Georgs Donnerbüchse, wozu noch zehn Patronen vorhanden waren, und Georg hatte noch einmal bei Gelegenheit, als er einen Elch geschossen, einigen heimlich beobachtenden Affenmenschen die Fürchterlichkeit dieses Instrumentes klargemacht.

So konnten die drei denn nun Robinsons spielen. Das erste ist wohl immer, dass sich solch ein Mensch Brot oder einen Ersatz dafür zu schaffen sucht, eine bestimmte Pflanzennahrung, die er täglich genießt. Dass dies eine ganz bestimmte Lebensbedingung zu sein scheint, sieht man ja fast bei allen Völkern. Wir Mitteleuropäer haben Brot aus Roggen und Weizen, wozu noch Kartoffeln kommen, der Schottländer zieht Hafergrütze vor, bei dem Italiener und Nordamerikaner spielt der Mais schon eine wichtigere Rolle als Weizen, der Chinese hat seinen Reis, in Afrika herrscht neben der Hirse die Yamswurzel, in Südamerika dient fast ausschließlich als Brot das Tapioka oder Maniok, aus der an sich giftigen Kassawawurzel zubereitet, und so könnte man noch eine Menge anderer Beispiele heranziehen, wie der Mensch immer eine alltäglich zu genießende Pflanzennahrung haben will, deren er nie überdrüssig wird, während wir z. B. an fortwährend auf den Tisch kommendem Rindfleisch bald keinen Geschmack mehr finden würden.

Wilder Mais mit sehr kleinen, aber mehlreichen Körnern wurde denn auch gefunden. Aber man ging nicht daran, die spärlichen Kolben zu sammeln und ein Feld vorzubereiten, auf dem bei guter Pflege im nächsten Jahre sicher ganz andere Körner zum Vorschein gekommen wären.

Nicht, weil man nicht glaubte, hier ein ganzes Jahr aushalten zu müssen. Was für einen Zweck hätte es denn dann, erst ein Feld zu bestellen? Das wäre das Zeichen eines sehr unvernünftigen und vor allen Dingen sehr schwächlichen Charakters gewesen. Das ›ach, wenn doch eins käme und mich mitnähme‹ ist wie alles Aufschieben, weil die Arbeit vielleicht doch keinen Zweck hat, die Mutter des Bankrottes. Im Gegensatz dazu steht der Wahlspruch, den der bekannte Romancier Jules Verne einen seiner Helden tun lässt: »Ich gehe an eine Arbeit, deren Nützlichkeit ich einmal eingesehen habe, auch ohne Hoffnung, das Endziel zu erreichen, und harre selbst ohne Erfolg bei ihr aus.«

Nein, eine Schwäche war es nicht, dass unsere Freunde in dieser Hinsicht nicht an die Zukunft dachten. Allerdings bauten auch sie nur auf eine Hoffnung, diese Insel im Luftmeer wieder verlassen zu können, auf eine Hoffnung, die sich als sehr trügerisch erweisen konnte, zu deren Verwirklichung sie aber all ihre Kraft einsetzen mussten, sodass sie gar keine Zeit hatten, sich ein bequemeres Leben zu schaffen.

Gleich in der Frühe des zweiten Tages hatte Adam seinen Begleitern mit einem Stück weichen Kalksteins an der dunklen Wand der Grotte die Theorie ›seiner‹ Hebelquadratur entwickelt, geometrisch, mit mathematischer Zahlenerläuterung.

Es kann davon nur gesagt werden, dass Georg, obgleich auch ihm doch die Mathematik, selbst die höhere, kein fremdes Gebiet war, absolut nichts verstand, und selbst die in der Mathematik durchaus geschulte Leonor konnte dem Vortrage nicht folgen, musste fortwährend Fragen stellen, sodass sich Adam in seiner Entrüstung sogar einmal bis zu der Äußerung verstieg:

»Na, heernse, Leonor, wenn Se nich emal das verschtehn, dann genn Se mir leid dun, dann sin Se ä olles Gamel.«

Die Hauptsache war die, dass Adam mit Hilfe dieser seiner neuen Hebelquadraturtheorie ›durch die Lifte‹ fliegen wollte, das heißt, nicht mit dieser geometrischen Zeichnung, sondern mit einem Paar Flügel, die er sich an den Armen befestigte, und die Kombination, mit der er die Kraft der Arms durch eine Hebelverbindung mit der der Beine und Füße unterstützte, nannte er Hebelquadratur — eben eine wirklich ganz merkwürdige und ganz neue Verbindung von verschiedenen Hebeln, worunter man ja nicht gerade starre Hebebäume zu verstehen braucht.

Ist dem Leser bekannt, wie das Problem schon einmal tatsächlich gelöst war, dass der Mensch mit an den Armen befestigten Flügeln durch die Luft gleich einem Vogel fliegen kann? Nicht etwa die altgriechische Sage von Daedalus und Ikarus. Nein, das Problem des Fliegens war tatsächlich schon einmal gelöst, es ist noch gar nicht so lange her, vielleicht fünfundzwanzig Jahre, da war solch ein Flugapparat schon einmal zu kaufen, kostete wohl zweihundert Mark, und man konnte mit ihm wahrhaftig wie ein Vogel fliegen.

Es ist um das Jahr 1880 gewesen, als ein Mann mit dieser seiner Erfindung an die Öffentlichkeit trat — ein Wiener Ingenieur, oder vielleicht nicht einmal ein Techniker — eben ein Mann, der sich mit dem Problem des Fliegens sein ganzes Leben lang beschäftigt hatte. In der bekannten illustrierten Zeitschrift ›Vom Fels zum Meer‹ ist damals darüber ein langer Artikel mit sehr vielen Abbildungen erschienen, also um das Jahr 1880 herum; wer sich dafür interessiert, kann sich leicht überzeugen.

Der Apparat bestand in einem ganzen Anzuge aus starker Leinwand, vorn auf der Brust ein aufgepumpter Luftsack, der mit Luft gefüllten Brust des Vogels entsprechend, zur Sicherheit ein großer Fallschirm, der sich bei einem Sturze selbsttätig entfaltete, und als Hauptsache dann natürlich die Flügel, ein paar mächtige Dinger, die durch Arme und Füße zugleich in Bewegung gesetzt wurden, und wenn man nun tüchtig strampelte, dann konnte man sich in und durch die Luft strampeln. Vorher musste man an einer Art Galgen einige Zeit üben, dann aber konnte man tatsächlich fliegen. Es wird auch noch unter den Lesern genug geben, die sich entsinnen werden, solche menschliche Flieger sogar gesehen zu haben. Denn eben zu jener Zeit, um das Jahr 1880 herum, muss in München ein großes Turnfest gewesen sein, und es hat damals in allen Zeitungen gestanden, wie da Turner mit solchen Flügeln beim Festzug von Wagen zu Wagen geflogen sind, wagehalsigere auch von Haus zu Haus.

Also das Problem des menschlichen Fliegens war tatsächlich gelöst, solch ein Apparat war schon direkt vom Erfinder zu beziehen, kostete zweihundert Mark, das weiß der Schreiber dieses noch genau. Aber die Sache hatte einen bösen Haken, die Freude währte nicht lange. Alle nämlich, welche diesen Flugapparat benutzt haben, sind brustkrank geworden, sehr viele haben schon nach den ersten Versuchen Blut gespuckt, einige sind an den Folgen gestorben! Und wenn man den Tod oder doch Siechtum zu erwarten hat, dann macht das Fliegen natürlich keinen Spaß mehr. So ist dieser Apparat in den alten Plunder geworfen und wieder vergessen worden.

Aber das ändert an der Tatsache nichts, dass es schon einmal möglich war und daher auch immer möglich sein wird, dass sich der Mensch durch eigne Kraft in die Luft erheben kann. Interessant war in jenem vom Erfinder selbstverfassten Artikel auch eine öffentliche Erklärung und Danksagung. Er schilderte, wie er zuerst auf die ganze Idee gekommen sei, wie es ihm zuletzt das größte Kopfzerbrechen gemacht habe, auf welche Weise er die Kraft der Beine mit der der Arme verbinden könne. Im Grunde genommen gehört hierzu ja nur eine einfache Hebelübertragung, diese aber nun in stärkstem Maßstabe wirksam und brauchbar anzubringen, das ist dabei die Sache! Kurz, der Erfinder kam über diese Hebelübertragung nicht hinaus, daran wollte die ganze Sache scheitern. Da er über genügende Mittel verfügte, und da es ihm weniger auf den Ruhm ankam, als vielmehr darauf, die Menschheit mit einem Flugapparat zu beglücken, so veröffentlichte er deshalb ein Preisausschreiben, wie man also am besten die Kräfte der Hände und Füße verbinden könne.

Zahllos waren die Vorschläge und Lösungen der Aufgabe, die daraufhin bei ihm von allen Seiten einliefen. Aber keine einzige war brauchbar.

Da eines Tages erhielt er ein Schreiben, in dem die Preisfrage klipp und klar gelöst war. Aber der Brief war anonym, und der Anonymus sprach es auch noch besonders aus, dass er auf Preis und Anerkennung verzichte, jener Erfinder solle diese Hebelübertragung nur als sein geistiges Eigentum bezeichnen.

Dies tat jener Erfinder allerdings nicht, er machte öffentlich bekannt, dass die Ehre einem anderen gebühre, denn ohne diese Hebelübertragung sei sein ganzer Flugapparat nicht möglich gewesen. In der erwähnten Zeitschrift kann man sich also überzeugen, wer sich die kleine Mühe nehmen will, dass alle diese Angaben auf Wahrheit beruhen.

Der Flugapparat selbst hat sich also nicht bewährt. Macht nix! Er hat dennoch etwas Herrliches gezeitigt. Denn bei dieser Gelegenheit ist ein Denkmal für die Ewigkeit errichtet worden — ein Wahrzeichen, dass es hin und wieder doch noch einen Menschen gibt, der mit ebenso bescheidenem, wie stolzem Lächeln alles, alles zurückweist, was sonst den übrigen Menschen als das begehrenswerteste erscheint: Geld und Ruhm und Bewunderung und dergleichen, der in seiner bescheidenen Uneigennützigkeit himmelhoch über der ganzen übrigen Menschheit steht.

Ach, das ist das versöhnende Moment, nämlich das Bewusstsein, dass es doch noch einige solcher Menschen gibt, wenn einem beim Anblick dieser kläffenden, beutegierigen Menschenmeute die Galle einmal bis an den Halskragen steigt.

*

Endlich hatte auch Leonor Adams verzwickte Hebelkombination kapiert.

»Wahrhaftig«, rief sie in grenzenlosem Staunen, »dadurch muss man ja eine ganz außerordentliche Kraft entwickeln können!«

»Nu freilich, un nu iebertragen Se das mal uff ä Baar Fliegel.«

»Ja, ich möchte wirklich nicht mehr daran zweifeln, dass man dann fliegen könnte.«

»Brauchen Se ooch nich, brauchen Se ooch nich — ich gann sofort fliegen — das heeßt, errscht muss'ch ooch ä Baar Fliegel ham.«

Adam hatte schon weiter gerechnet. Jeder Flügel brauchte nur drei Quadratmeter Spannkraft zu haben, das genügte schon, um den menschlichen Körper durch Bewegung dieser Flügel in die Höhe zu heben.

»Ja, Mensch, warum sagen Sie das erst jetzt, wo wir die Mittel nicht mehr besitzen, diesen Apparat auszuführen?!«

So ganz fertig war noch nicht alles in Adams elfenbeinernem Kopfe, und er hatte nach der Weise aller klugen Menschen erst davon sprechen wollen, wenn alles bis zum letzten Teilchen klipp und klar war. Aber wenn er sich nun ernstlich damit beschäftigte, wollte er bald kein einziges Hindernis mehr sehen, und er hielt es für möglich, solch einen Apparat auch hier auszuführen, nur aus Holzstäben mittels seines Messers, wozu allerdings die wunderbare Handfertigkeit dieses Männchens gehörte.

»Und die Verbindungen? Wie machen wir die?«

Adam hatte schon eine hanfartige Pflanze entdeckt, und anstatt den wilden Mais zu kultivieren, wollte man lieber seine ganze Arbeitskraft diesem Hanf zuwenden. Doch hiermit wollte Adam nur zeigen, dass schließlich alles geschaffen werden konnte. Sonst konnte man ja Lederriemen verwenden, oder wenn es sein müsste, würden auch Nägel aus irgendeinem Material hergestellt.

»Und womit wollen wir die Flügelstellagen überziehen?«

»Nu nu nu nu nu — mit mit mit mit — Ihrm Hemde.«

Dann aber wusste Adam doch noch einen besseren Rat, der auch sehr nahe lag: die Flügel wurden mit Häuten überzogen, welche man zu pergamentartiger Dünne schabte.

An die Ausführung dieses Vorhabens wurde sofort gegangen. Georg erlegte einige Rehe und junge Hirsche. Das Fleisch wurde geräuchert, die Felle mit dem eigenen Fett gegerbt, wobei ein heißer Bach sehr vorteilhaft war, dann war Leonor mit behilflich, die weichen Felle dünner und immer dünner zu schaben, während Adam schon mit seinem Werkzeugmesser schnitzte, feilte und bohrte. Er entwickelte dabei, wie schon gesagt, eine wunderbare Geschicklichkeit; sie alle waren äußerst fleißig, arbeiteten vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl, dann auch beim Scheine einer selbstgefertigten Lampe. Wegen dieser Arbeit vernachlässigten sie ihre eigenen Bequemlichkeiten, verzichteten auf gar viel, was sie sich sonst gefertigt hätten, und doch kamen sie äußerst langsam vorwärts.

Vier Wochen waren schon vergangen, und die Felle hatten noch immer nicht die gewünschte Dünne erlangt, und was Adam zeigen konnte, das war erst ein rohes Gestell, dessen einzelne Teile man noch zusammenbinden musste — ein Problem, welches wiederum erst gelöst sein wollte.

Und wer sagte denn überhaupt, dass man dann mit solch einem Flügelpaar auch wirklich fliegen könne? Adams Erfindung war eine Theorie, nichts weiter, und wie oft die praktische Ausführung aller Theorie spottet, das weiß jeder Techniker. Da kommen Hindernisse in Betracht, die man mit Zahlen eben gar nicht berechnen kann.

Und dann machte sich auch in dieser ziemlichen Höhe die Nähe der kalten Jahreszeit bemerkbar.. Die Sachen, die sie auf dem Leibe gehabt, wurden immer mangelhafter, und unsere drei Freunde wurden durch keinen natürlichen Pelz vor den Witterungsunbilden geschützt.

So musste die Arbeit, welche die Befreiung bringen sollte, öfter und dann gleich für lange Zeit unterbrochen werden, um sich erst mit allem zu versehen, was man für die nasskalte Jahreszeit brauchte, vor allen Dingen warme Kleidung.

Während dieser Zeit machte Georg eine Entdeckung, die fast wie ein Hohn wirkte.

Er hatte ein Stück Wild geschossen, ziemlich unten am Berge, es war im Todeskampfe auch noch die letzte Böschung hinabgerollt, lag nun im Bereiche der giftigen Atmosphäre.

Georg war bis an den Rand der steilen Böschung hinabgestiegen, überlegte, ob er die Jagdbeute nicht doch noch heraufbringen könne. Ein Hinabsteigen war an dieser Stelle nicht möglich, noch weniger ein Wiederheraufkommen, wenigstens nicht, wenn man sich nur auf seine Kletterkunst verlassen wollte, und an Herstellung einer Leiter hatte noch niemand gedacht, eben weil man außerhalb des Berges gar nichts zu tun hatte.

Aber Adam hatte unterdessen schon aus Schlingpflanzen starke und dünne Stricke hergestellt, hatte viel damit experimentiert. Es sei bemerkt, dass man in den Tropen diese Schlingpflanzen überhaupt direkt als Stricke verwendet, und sie scheinen eine fast unverwüstliche Dauer zu haben. So werden in jenen Gegenden beim Bau der Häuser die Balken allgemein mit Schlingpflanzen zusammengebunden, die braunen Zimmerleute besitzen darin eine ungemeine Fertigkeit, sie binden auf Zug, die Balken und Baumstämme werden wie mit eisernen Klammern zusammengehalten, und wenn nun nach einer großen Anzahl von Jahren solch ein Haus als baufällig abgerissen wird, so werden die Schlingpflanzen sorgsam abgelöst und aufgehoben, denn man kann sie zu demselben Zwecke immer und immer noch einmal verwenden. Es sind also ganz besondere Pflanzen, ein Austrocknen schadet weder ihrer Biegsamkeit noch Zähigkeit. Alexander von Humboldt hat der Verwendbarkeit dieser Schlingpflanzen ein ganzes Kapitel gewidmet.

Der ingeniöse Adam nun hatte mit diesen Schlingpflanzen noch besonders viel experimentiert, hatte sie mit heißem Wasser und anders behandelt und war endlich so weit gekommen, dass er sie auch auffasern konnte und aus ihnen sogar eine Art von Zwirn herstellte, der zum Nähen zu verwenden war.

An all das dachte Georg, während er zu dem Wild hinabspähte, ob er nicht an solch einem Seile in die giftige Atmosphäre hinabtauchen sollte — und bei dieser Gelegenheit entdeckte er auch noch etwas anderes.

Auch hier war es ein rotes, lockeres Erdreich, welches die schiefe Fläche bedeckte. Und in dieser roten Erde glitzerte hier und da etwas in ganz auffallender Weise.

»Wenn das Diamanten wären!«

Keins der Steinchen lag nahe genug, dass er es von seinem Standpunkte aus hätte erreichen können, und auch ein Graben im oberen Saume wollte keinen solchen glitzernden Gegenstand zutage befördern.

Georg begab sich zum nächsten Revier, wo Laubbäume mit Schlingpflanzen standen, schnitt sich einen geeigneten Strick los, suchte wieder jene Stelle auf, befestigte den Strick an einem Baume, und nun war es ihm ein leichtes, indem er den Atem anhielt, sich dort hinabzulassen und wieder hinaufzuschwingen, und dabei brachte er einige Steine mit.

Gewiss, es waren Diamanten, sowohl buntfarbige, wie solche vom reinsten Wasser. Denn auch rohe Diamanten zeigen doch schon immer eine ausgesprochene Kristallform und strahlen auch in diesem Zustande ein ganz beträchtliches Feuer aus, sodass eine Verwechslung ausgeschlossen ist, und dann gibt es ja verschiedene Proben für ihre Echtheit.

Die ganze Tasche voll solcher Steine, darunter welche von beträchtlicher Größe, kehrte Georg zu seinen Kameraden zurück. Deren Überraschung war groß, als auch sie echte Diamanten erkannten.

Dann allerdings wollten sie, wie schon oben erwähnt, diesen Fund als eine höhnische Ironie des Schicksals betrachten; doch bald änderte sich ihre Absicht.

Einmal würden sie diesen Inselberg im giftigen Luftmeer doch wieder verlassen, so oder so. Wenn es nichts mit Adams Flugapparat war, dann wurde ein großer Kastendrachen gebaut, der sie gleich alle zusammen aufnehmen konnte. Es handelte sich ja nur darum, das gegenüberliegende Gebirge zu erreichen, und hier oben pfiff manchmal ein ganz tüchtiger Wind. Dass sie also wieder von hier fortkommen könnten, daran zweifelten sie nicht im geringsten.

Dann aber waren sie gänzlich mittellos. Nach der Flucht des Automobils besaßen sie gar nichts mehr, und wie die Sache nun einmal lag, wäre es doch recht schön gewesen, wenn sie sich gleich ein unabhängiges Leben schaffen könnten.

Das heißt, mittellos wären sie ja nun freilich nicht. Da war Gold genug vorhanden. Aber wie dieses denn fortbringen? Das war die Frage. Ein Zentner Gold repräsentiert einen Wert von rund 100 000 Mark. So viel zahlt die Münze. Und wie sie sich das Fortkommen von hier dachten, da war es doch schwer, solch ein Gewicht mitzunehmen, und 100 000 Mark ist noch nicht gerade ein Kapital, mit dessen Zinsen man große Sprünge machen kann.

Diamanten, das ist etwas anderes! Georg hatte zwei große Steine mitgebracht, welche schon im rohen Zustande zusammen diese Summe wert waren.

Nein, man wollte dem Schicksal sehr dankbar sein, dass es sie hier hatte Diamanten finden lassen.

Während die Arbeiten fortgesetzt wurden, beschäftigte man sich jetzt auch mit dem Einsammeln der glitzernden Steinchen. Man fand sie überall an der Böschung, aber nur ziemlich tief unten. Sie waren aus dem festen Stein eben durch Verwittern herausgeschält worden und dann nach unten gerollt. Es musste dazu also immer an Schlingpflanzenstricken in die giftige Luft hinabgetaucht werden, wobei ja keine große Gefahr war, und besonders schien das Adam sehr großen Spaß zu machen; er verwendete darauf alle Zeit, die er sich einmal während der anderen Arbeit zur Erholung gönnte.

So waren abermals einige Wochen vergangen. Leonor und Georg befanden sich in der Grotte und kratzten mit den Messern noch immer an den Fellen herum. Dabei sprachen sie beide über die Zukunft und gaben einmal ihrem Zweifel über Adams Flugapparat offenen Ausdruck. Adam selbst hatte sich zum Diamantensuchen entfernt, oder er wollte sich im nahen Walde junge Stämmchen schneiden, die er dann in Latten umarbeitete.

»Ich kann gar nicht recht glauben, dass aus Adams Fliegerei etwas wird«, sagte Georg soeben, »und wie lange soll denn das dauern, ehe nur der eine Apparat fertig wird, wo wir doch deren drei...«

Georg brach ab, beide lauschten erschrocken.

Hinter ihnen, in dem Tunnelschacht, hatte sich ein Geräusch hörbar gemacht, und dessen Ursache war so unerklärlich, dass sie allen Grund zu solchem Schreck hatten.

Georgs erster Griff war nachdem Gewehre — da aber tauchte schon Adams Kopf auf, jetzt nicht mehr bekleidet mit dem grün umbänderten Zylinder, der wurde, in Felle eingewickelt, für die Abreise in einem hohlen Baumstamm, aufgehoben.

»Nu, wenn mer nich fliegen genn, da fahrn mer ähm«, ließ,sich Adam sofort mit dem vergnügtesten Schmunzeln vernehmen.

»Adam, wie kommen Sie denn durch die Höhle?!«, riefen zunächst die beiden anderen wie aus einem Munde im Tone des größten Staunens.

Denn Adam war vor einer halben Stunde hier aus der Grotte getreten, und es war ja gar keine Möglichkeit vorhanden, dass er jetzt von unten und von hinten kommen konnte, da hätte er doch erst durch die Giftatmosphäre gemusst.

»Nu, immer fein und nobel ber Egwibasche«, lautete seine immer vergnügter werdende Antwort.

»Ja, wie kommen Sie denn unten in die Höhle hinein?«, wiederholte Georg, dem noch immer keine Ahnung aufgehen wollte.

»Nu, mit Maximussen. Gomm Se nur, mir genn gleich fortfahrn, wenn Se wolln.« Wenn sie ihm nicht glaubten, so brauchten sie ihm nur zu folgen.

Dort unten in der Höhle stand wirklich das Automobil, etwas verschwefelt aussehend, sonst aber in tadelloser Ordnung.

*

Kapitel 51
Zum dritten und letzten Male

Adam war also gegangen, um sich aus dem Walde neues Holzmaterial für seine Schnitzarbeiten zu holen. Wie gewöhnlich bei solch einem Ausflug wollte er sich auch gleich etwas als Diamantensammler betätigen. Dabei suchte er nicht immer wieder dieselbe Stelle auf, sondern stets eine andere, trieb dabei wohl auch geologische Studien.

So war er wieder an einen Ort gekommen, den er noch nicht besucht hatte, gar nicht so weit von der Grotte entfernt.

Wenn man sich der Böschung an einer noch unbekannten Stelle näherte, musste man vorsichtig sein. An vielen Stellen war der obere Rand sehr bröcklig, man konnte leicht mit dem Erdreich abrutschen, was für den Betreffenden den Tod des Erstickens bedeutet hätte.

Also Adam besorgte sich zunächst eine lange Schlingpflanze, band das eine Ende um einen Baum, das andere Ende sich selbst um den Leib, dann legte er sich noch immer zur Vorsicht auf den Bauch und rutschte so nach dem Abhang hin, bis er über den Rand wegblicken konnte.

Die steile Böschung war überall glatt, aber sonst doch nicht so ganz regelmäßig, hatte hier und da Vorsprünge und infolgedessen auch Vertiefungen, ganze Einbuchtungen.

In solch eine tiefe Einbuchtung blickte Adam jetzt hinein und... Adam blickte und blickte — und dann zupfte er sich an dem einen Ohr, und da er an diesem nichts fühlte, weil es gar nicht sein Fleisch und Blut war, zupfte er sich schnell am anderen Ohr, und dann rieb er sich die Augen, und dann zwickte er sich in die Nase, und dann nahm er eine mächtige Prise.

Echter Doppelveilchen war das freilich schon längst nicht mehr. Tabak hatte er auf diesem Berge nicht gefunden, er präparierte seinen Schnupftabak aus anderen Blättern, die er einer Gärung unterwarf und dann mit einer scharfen Lauge tränkte, deren Zubereitung sein Geheimnis war, jedenfalls aber ein Extrakt von Vogeldünger — — und nachdem er sich mit diesem deliziösen Stoff die Nase gefüllt hatte, waren seine Zweifel beseitigt, dass er etwa nur träume, und er brach in die Worte aus:

»Herrjeeses, da is ja unser Audomobil un mei Schnubbdabak!!«

Ja, das war wirklich Maximus, der da unten stand, die Einbuchtung gerade so recht ausfüllend, sich mit dem Vorderteil auch noch etwas in das lockere Erdreich eingebohrt habend, etwas mit Schwefel und Borax bedeckt, aber sonst doch noch von ganz reputierlichem Aussehen.

Wie Adam bei diesem Anblick zumute ward, lässt sich denken.

Die drei Robinsons hatten sich ja oft genug über das durchgebrannte Automobil unterhalten und auch von dem Gipfel des Berges aus nach ihm Ausschau gehalten.

Aber das Tal war viel zu breit, als dass man das an sich doch nur kleine Fahrzeug an der jenseitigen Felswand hätte noch unterscheiden können, schon wegen der Farbe nicht, und ganz sicher war es doch dort festgerannt. Dass es gerade in eine der Ausgangsschluchten hineingelaufen, wäre doch ein außerordentlicher Zufall gewesen.

Dann hatte man auch darüber gesprochen, ob man mit Hilfe der Flugmaschine nicht erst das Automobil suchen sollte. Doch das lag alles in noch so weiter Ferne, dass man wirklich klug daran getan hatte, vorläufig nicht mehr über so etwas zu sprechen.

Und jetzt lag das Automobil hier!! Hatte natürlich schon immer hier in diesem Verstecke gelegen!!

Wie war es möglich, dass es zu dem Berge zurückgekehrt war? Nun, Charly brauchte vor seinem Absprung bloß nicht das Steuer festgestellt zu haben, dann genügte schon ein kleiner Stein, über den ein Rad wegging, um dem Steuer und damit dem ganzen Automobil eine andere Richtung zu geben, es gleich umzulenken.

Die Nachblickenden hatten den unverzeihlichen Fehler begangen, nicht sofort hinauf auf den Berg zu eilen, um die Richtung des Automobils weiter zu beobachten. Zweck hätte das freilich nicht gehabt, das heißt sie hätten das überhaupt gar nicht tun können, denn jedenfalls hatten die Affenmenschen da schon den Tunnelschacht verbarrikadiert gehabt.

Immerhin, es war ein Fehler gewesen, dass sie von vornherein so ganz bestimmt angenommen hatten, das Automobil müsse unbedingt zur jenseitigen Wand gelaufen sein.

Doch, wie dem nun auch war — das Automobil befand sich eben hier!

Adam hielt schnell die Hand vor den Mund, um den Freudenjauchzer, zu dem er schon angesetzt hatte, noch rechtzeitig zu unterdrücken.

War er denn zu solch einem Freudenschrei berechtigt? Ach, in welcher Verfassung konnte sich das Automobil befinden, mochte es äußerlich auch noch so wohlerhalten aussehen!

Erst also wollte er sich von der inneren Verfassung überzeugen, und damit zögerte er keinen Augenblick, sah dabei auch gar keine besonderen Schwierigkeiten.

Nachdem er noch einmal die Festigkeit des grünen Seiles geprüft hatte, löste er die Schlinge von seinem Leibe, schöpfte tief Atem und ließ sich hinabgleiten — er stand neben dem Automobil.

Mit drei Schritten hatte er die Hinterseite erreicht, tastete an dem Mechanismus — — dieser funktionierte sofort, Adam konnte die Tür aufdrücken, war mit einem Schritt drin, warf die Tür sofort wieder hinter sich zu.

Im Innern war alles noch beim alten. Keine Spur von einer Veränderung. Durch die nur mit Gläsern versehenen Schießscharten drang genügend Licht.

Sollte es möglich sein? Ganz vorsichtig tat Adam einen kurzen Atemzug. Gewiss, die Luft war ganz rein. Die wenige Borsäure war wohl eben jetzt erst mit dem Öffnen der Tür eingedrungen.

Trotzdem noch den Atem anhaltend, da er noch genügend Zeit hatte, rannte Adam in den Chauffeurraum. In dem Apparat befand sich noch Wasser, es wurde aber von dem Morrisit nicht mehr erreicht.

Adam drehte den betreffenden Hahn auf, Wasser floss nach, und sofort begann die Gasentwicklung. Nun bloß noch die besondere Vorrichtung eingestellt, dass der giftige Wasserstoff abgeleitet wurde, und jetzt konnte Adam getrost atmen.

So, jetzt hatte er Zeit, sich weiter umzusehen, ob alles noch instand war. Aber das war ja gar nicht nötig. Adam tat an dem Hebelwerk die Handgriffe, die er noch nicht verlernt hatte, und sofort setzte sich das Automobil nach rückwärts in Bewegung, die Maschine quietschte allerdings mächtig, aber auch nicht lange, dann waren alle laufenden Teile wieder mit dem sich immer unverändert haltenden Öl in Berührung gekommen und... Maximus gehorchte eben der steuernden Hand!

Mehr braucht nicht gesagt zu werden, höchstens, dass es in Adams Hand sehr zuckte, einmal das Hornsignal ertönen zu lassen, doch er versagte sich dieses Vergnügen, er wollte seine Leidensgefährten in anderer Weise überraschen, und wie er das tat, haben wir bereits gesehen.

Adam hatte erzählt, und Georg und Leonor glaubten noch immer zu träumen, obgleich sie sich schon im Innern des Automobils befanden, und dann fielen sie einander jauchzend in die Arme.

Dass man das wiedergefundene Automobil dazu benutzte, um diesen Inselberg zu verlassen, war so selbstverständlich, dass darüber gar kein Wort verloren wurde. Mit so einem Robinsonleben hatte es eben doch etwas auf sich. Man konnte ja, wenn man draußen in der Welt angefochten wurde, wieder hierher zurückkehren, sich dann für immer hier häuslich niederlassen — da mussten aber doch erst ganz andere Vorkehrungen getroffen werden, und was man dazu gebrauchte, musste man sich erst von draußen beschaffen.

»Wohin wollen wir uns dann begeben?«, fragte Leonor. »Denn New York kann doch nicht mehr unser Ziel sein, wir sind doch immer Geächtete und werden es bleiben.«

»So werde ich dir«, entgegnete Georg, »ein paradiesisches Fleckchen zeigen, wo wir ganz ungestört von aller Welt leben können, bis an unser Lebensende, ohne jemals entdeckt zu werden.«

»Und wo wäre das?«

»Gar nicht so sehr weit von hier«, lächelte Georg, und weiter ließ er sich nicht aus, er wollte Leonors Spannung nur steigern, und sie war zufrieden damit, traute auch dem vielgereisten Manne.

Zwei Tage verweilten sie noch auf dem Berge. Das ganze Automobil ward gründlich untersucht, dann wurden noch gegen zehn Zentner Goldkörner eingenommen. Diamanten hatten sie im Laufe der Zeit schon genug eingesammelt, sie wollten nicht in das Laster der niemals sattwerdenden Habgier verfallen, wodurch sie nur immer ihr Leben aufs Spiel setzten. Das Fleisch in der Räucherkammer war, wie der andere Proviant, noch vollkommen erhalten, so war es nicht erst nötig, noch mehr Wild auf Vorrat zu töten.

Adam schlug einmal vor, einen der wilden Menschen mitzunehmen, erst sprach er humoristisch von seiner Frau, dann ernsthafter wegen des allgemeinen Interesses, fand aber bei Georg und Leonor eine energische Ablehnung.

Die erste Probefahrt machte der wieder gesäuberte Maximus zu der Stelle, wo Charly seinen Tod gefunden hatte. Ein schrecklicher Anblick wartete ihrer hier.

Der Abspringende war mit dem ganzen Körper bis an den Hals in einen Bach gestürzt, dessen Wasser das Fleisch vollkommen von den Knochen gelöst hatte, ohne diese selbst zu zerstören, dazu enthielt dieser Bach wohl nicht genügend Säure, so war das Skelett noch völlig erhalten, und noch vollkommener der auf dem Lande liegende Kopf, indem sich dieser mit einer Schicht Borax überzogen hatte, der auch das Fleisch vor Verwesung schützte.

Diese irdischen Überreste des treuen Dieners, der für seine letzte Tat nicht verantwortlich zu machen war, wurden in das Innere der Höhle gebracht und fanden ihre letzte Ruhe neben dem, der selbst seinem Mörder noch mit dem letzten Atemhauche verziehen hatte.

Dann verließ das Automobil dieses Tal des Todes für immer, aber einen anderen Weg wählend, sich einen nördlicheren Ausgang suchend, und eigenartig genug mochten die Empfindungen der Zurückblickenden sein.

Sie ahnten nicht, dass sie nur noch wenige Tage das Automobil benutzen sollten. Denn das Schicksal hatte bestimmt, dass sie es dennoch verlieren mussten.

*

Zwei Tage später sehen wir das Automobil schon in Texas. Sie hatten die Sierra Diabolo hinter sich, die nördliche Grenze des Jagdgebietes der Apachen, und hat dieses Gebirge seinen Namen — Teufelsgebirge — erst nach diesen räuberischen Indianern erhalten, dann noch den Pecosstrom überschritten, und vor ihnen eröffnete sich die Große Amerikanische Wüste, die an sich keinen anderen Namen hat — Great American Desert — nur hier im zum Teil noch spanischen Texas Llano estacado heißt, und dieses südliche Gebiet scheint auch wirklich ein ganz besonderer Teil vom Ganzen zu sein.

Der amerikanische Kontinent hat doch eigentlich keine solchen Schrecknisse wie Afrika mit seinen Wüsten und Asien mit seinen eisigen, unübersteigbaren Gebirgen. Amerika ist in allem gemäßigt. Das zeigt sich auch schon in der Tierwelt. Es hat seinen Löwen, der sich aber nicht mit dem afrikanischen vergleichen lässt, der Jaguar nicht mit dem Tiger, die Anakonda, die Riesenschlange der neuen Welt, nicht mit der indischen Python, und den Tapir könnte man einen verunglückten Elefanten nennen.

So ist es auch mit den amerikanischen Wüsten. Die Salzwüste von Utah ist immer von Karawanen durchzogen worden, welche sich mit gar keinem besonderen Wasserballast zu schleppen brauchten. Die Große Amerikanische Wüste ist nun vollends mit Flüssen kreuz und quer durchzogen, wie jede Karte zeigt. Der Boden ist nur nicht anbauwürdig, zu viel Sand und Salz, aber das, was wir für gewöhnlich unter einer Wüste verstehen, ist jene Gegend noch eigentlich nicht.

Doch Amerika ist ein merkwürdiges Land. Wer das Wort von den ›unbegrenzten Möglichkeiten‹ geprägt hat, der hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Einmal bewegt sich alles innerhalb bescheidener Grenzen, und dann mit einem Male haut alles wieder über den Strang. Der graue Bär ist ein furchtbares Raubtier, wie kein anderer Erdteil es aufzuweisen hat, der graue Bär allein verfolgt die einmal erspähte Beute viele Tage lang, holt zuletzt jeden Reiter ein. Die nordamerikanischen Indianer sind doch eigentlich keine Wilden, wie man sie etwa in Afrika findet, und gerade diese Rothäute, denen man sonst einen gewissen edlen Charakter nicht absprechen kann, sind der ungeheuerlichsten Grausamkeit fähig. Und die aus Europa eingewanderten jetzigen Bewohner Amerikas, welche diese extreme Luft nun schon zur Genüge eingeatmet haben, sind das praktischste, nüchternste Kaufmannsvolk geworden, und doch neigt auch der orthodoxeste spanische Katholik nicht so zur Frömmelei, zum Übersinnlichen und sogar zum gröbsten Aberglauben, wie eben dieser selbe Yankee.

Das sind nur einige wenige Beispiele von hundert anderen, die man bringen könnte, wie in Amerika sich überall die Extreme berühren. Auch das Pferd gehört hierzu, welches noch vor fünfhundert Jahren den Mexikanern wie ein Ungeheuer aus der Hölle erschien, und heute gehört das Pferd zum ureigensten Charakter ganz Amerikas. Und so ist es mit allem und jedem, also auch bei den amerikanischen Wüsten.

Mit diesem südlichen Teile, dem Llano Estacado, lässt sich keine andere Wüste der ganzen Welt vergleichen. Sie ist etwa vierzig geografische Meilen lang und breit, für eine Karawane schließlich gar keine Distanz, aber man darf schon glauben, dass noch kein Mensch sie durchzogen hat. Es ist nicht allein das Fehlen jeglichen Wassertropfens, was sie gänzlich unpassierbar macht, sondern hier kommt eine Naturerscheinung in Betracht, die man sonst nirgends in der Welt findet. Es ist dies der Triebsand. Man kommt an eine sandige Stelle, die sich von den anderen durch nichts unterscheidet, der Fuß des Wanderers oder Pferdes sinkt in den Sand nicht tiefer ein als anderswo — aber plötzlich kann man den Fuß nicht mehr herausziehen, es geht tiefer und tiefer hinab, bis der Sand über Ross und Reiter zusammenschlägt. Hier hat sich der Sand gewissermaßen in ein anderes, in ein besonderes Element verwandelt, sodass man zu den vier Elementen: Erde, Wasser, Feuer und Luft noch ein fünftes zählen könnte. Und das Fürchterlichste dabei ist, dass diese Strecken von Triebsand ständig wechseln, sodass also keine Kenntnis und gar nichts hilft. Wo heute noch jemand wie auf festem Boden gewandert ist, muss vielleicht schon morgen eine Karawane rettungslos versinken, sie wird festgehalten wie der Vogel vom Leim, und noch niemand hat sich dieses Naturphänomen, wie sich die Beschaffenheit der Strecken so schnell ändert, erklären können.

*

Noch befand sich das Automobil in einer Gegend mit Steppencharakter, noch wurde ab und zu ein Flüsschen passiert. Erst in weiter Ferne zeigte sich der gelbe Sand der Wüste.

Dass Maximus imstande war, mit walzenförmigen Rädern den Llano Estacado zu durchqueren, fanden Georg und die beiden anderen so selbstverständlich, dass sie deswegen kein einziges zweifelndes Wort aussprachen. Diese Walzenräder, welche noch breiter waren als der ganze Wagen selbst, schufen ja gleich ein ganz anderes physikalisches Gesetz, und dann kam auch die bedeutende Schnelligkeit des Wagens in Betracht, die ein Einsinken gar nicht erlaubte, es wurde mehr ein Gleiten oder Schusseln daraus.

Da kam schon ein schmaler Sandstreifen, die Räder sollten kurz vorher durch einen Hebeldruck verbreitert werden — da versagte der Mechanismus, Maximus würgte sich mit seiner normalen Räderbreite durch den Sand, wurde erst am jenseitigen Ufer zum Stehen gebracht.

»So etwas darf uns freilich in der Sandwüste selbst nicht passieren, dass irgend etwas versagt«, meinte Georg mit hochgezogenen Brauen.

Im Innern ward der Fehler, weshalb der Hebeldruck nicht wirkte, nicht gefunden.

»Jetzt weiß ich, woran es liegt«, sagte Adam nach einer Weile, »es muss von draußen geschehen.«

Adam und Georg begaben sich hinaus; es gelang ihnen nicht, der betreffenden Stelle beizukommen, das ganze Automobil musste mit einer Winde emporgehoben werden. Leonor hatte dabei im Innern zu tun, dann aber machte sich auch ihre Hilfe draußen notwendig.

So begab auch sie sich hinaus, legte mit Hand an, drehte eine Kurbel.

»So, jetzt geht es wieder«, sagte Adam zufrieden, »und es ist ganz gut, wenn so etwas einmal passiert, nur muss es nicht gerade im kritischen...«

Da ging Maximus ab. Georg hatte sich gerade umgedreht. Erst der Schreckensschrei machte ihn aufmerksam. Mit zwei Sätzen hatte Georg Leonor überholt, aber diesmal sollte es ihm nicht gelingen. Das Automobil befand sich sofort in voller Fahrt, und wie es sich durch den Sand hatte würgen müssen, war seine Schnelligkeit auf hundert Kilometer eingestellt gewesen, so war es auch gebremst worden, ohne daran etwas zu verändern.

Wir brauchen nicht zu wissen, was die Zurückbleibenden schrien und was sie dachten. Jedenfalls liefen sie nicht erst nach, das hatte keinen Zweck mehr. Sie standen wie die Salzsäulen da, während das Automobil wie eine Schnellzugslokomotive dahinjagte, vielleicht noch schneller, und zwar mit normaler Radbreite. Durch den Ruck war die hintere Tür von selbst wieder zugeschlagen.


Illustration

Im Nu hatte Maximus den letzten Saum des Steppenlandes überflogen, jetzt befand er sich schon auf dem gelben Wüstengebiete, der Boden dort musste ganz fest sein, man sah die ziemlich, schmalen Räder kaum einsinken, keinen Sand spritzen — oder wurde dies durch die ungeheure Schnelligkeit vermieden?

Kurz, Maximus flog ungehindert wie der Wind dahin, jetzt war er schon reichlich drei Kilometer entfernt — da plötzlich ward der Wagen immer kleiner und kleiner, und das war keine Täuschung der Perspektive, man sah zuerst die Räder verschwinden, dann den Wagen selbst — das Automobil war spurlos von der Erdoberfläche verschwunden.

Die Nachschauenden hatten es gesehen, und sie wussten sofort, dass es da kein Wiederausgraben gab. Denn wo war diese Stelle? Und überhaupt — hier war ein Wiederfinden ganz und gar ausgeschlossen.

Erst jetzt schien Leonor die Situation voll und ganz zu erfassen.

»Georg, jetzt haben wir unser Automobil für immer verloren, mit allem, was darin ist«, stöhnte sie.

»Ja, das is nu futsch«, stimmte Adam bei, eine Prise aus seiner wohlgefüllten Dose nehmend.

Nur einen Augenblick rang Georg mit sich, dann wusste er, was hier nur zu tun war — er zog die Geliebte an sich.

»Lass es gehen, es war nun einmal Gottes Wille — und ich habe ja noch dich.«

Leonor erfasste es sofort, ging darauf ein.

»Und ich habe dich!«, entgegnete sie ebenso zärtlich.

»Un ich hawwe den Geldsack!«, ließ sich da Adam in demselben zärtlichen Tonfalle vernehmen und zog triumphierend unter seiner Weste einen ansehnlichen Lederbeutel hervor, gefüllt mit all den Diamanten, die er selbst gesammelt und den er seitdem immer bei sich getragen hatte.

*

Schluss

Wir überspringen fünf Jahre und versetzen uns abermals nach La Magdalena in das Laboratorium des Professors Martini. Er hätte seine Vorlesungen an der Universität in der Hauptstadt wieder aufnehmen können, denn es gab schon längst ein neues Buenos Aires. Ja, die damalige Einäscherung der ganzen Stadt wurde jetzt als ein wahrer Segen betrachtet. Alle die baufälligen Baracken mit ihren Kellern, aus denen ständig der Tod und das Verbrechen ihre giftige Luft gehaucht hatten, waren abgebrannt, glänzend wie ein Phönix war die Hauptstadt aus den rauchenden Trümmern hervorgegangen, großartige Neuerungen waren vorgenommen worden, viele Tausende von Menschen hatten lohnende Arbeit gehabt. Hunderte waren dabei zu reichen Leuten geworden, durch Verbesserung der Hafenanlagen hatte sich der Verkehr um das Doppelte gehoben, so war in Buenos Aires ein ganz neues Leben eingekehrt... und dann vor allen Dingen war man beim Fundamentbau eines großen Gebäudes auf eine unerschöpfliche Wasserader gestoßen. Jetzt erst war Buenos Aires wirklich existenzfähig geworden, und es war sogar von frommer Seite vorgeschlagen worden, jenen Tag der Katastrophe alljährlich durch einen Dankgottesdienst zu feiern — und dann hätte die Brandstifterin von diesem Danke doch eigentlich ebenfalls ihren Teil abbekommen müssen.

Es war nicht wieder in der Nacht, sondern am hellen Tage, als dem Professor eine Dame gemeldet wurde. Mrs. Lucie Fermon stand auf der Karte.

Er empfing sie gleich im Laboratorium. Die Eintretende war eine stattliche, imposante Dame, hinter dem zurückgeschlagenen Schleier kam ein schönes Antlitz zum Vorschein, geschmückt mit milder Mütterlichkeit und den Rosen der Gesundheit.

»Kennen mich Herr Professor noch?«

»Nein, absolut nicht«, musste der Gelehrte nach einer Weile scharfen Musterns und Nachsinnens gestehen, und der Chemiker, der die Natur in seinen Retorten beobachtete, hatte doch ein gar scharfes Auge.

»Ja, ich glaube es Ihnen, ich habe mich auch sehr, sehr verändert.«

»Dann jedenfalls nur zu Ihrem größten Vorteil«, entgegnete Professor Martini, der in seinem Laboratorium durchaus nicht versauert war.

»Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, werden Sie mich sofort kennen. Aber nur Ihnen möchte ich mich anvertrauen. Sind wir hier allein?«

»Unter vier Augen.«

»Wir können nicht belauscht werden?«

»Ganz ausgeschlossen.«

»Ich heiße nicht Mistress Lucie Fermon, sondern... Mistress Leonor Hartung.«

Der Professor entsann sich noch nicht.

»Hartung? Hartung?«, murmelte er kopfschüttelnd.

»Mein Mädchenname war Leonor... Morris.«

Da freilich prallte der Gelehrte zurück.

»Leonor Morris, doch nicht... die damals mit dem Automobil...«

»Ich bin es.«

Schnell hatte sich der Gelehrte wieder gefasst, und jetzt blickte er finster und mit einem verächtlichen Ausdruck auf die vor ihm Sitzende.

»Sie haben mich damals getäuscht!«

»Nein.«

»Sie haben die ganze Welt betrogen!«

»Nein.«

»Die eisernen Röhren, welche das von Ihrem Vater präparierte Morrisit enthalten sollten, wurden richtig in dem Garten des alten Kapuzinerklosters an der von Ihnen bezeichneten Stelle gefunden. Man hielt die Frist genau ein. Aber als die ersten Röhren geöffnet wurden, fand man nichts weiter als Natrium, welches ganz genau dieselben Eigenschaften hatte wie das uns von jeher bekannte. In langen Intervallen wurde eine Röhre nach der anderen geöffnet — nichts als Natrium, das sich mit dem Sauerstoff der Luft wie des Wassers verbindet, dabei Wasserstoff entwickelnd — von den weltumwälzenden Eigenschaften des Morrisits keine Spur! Ja, auch ich habe unterdessen Morrisit herzustellen versucht, genau nach Ihrem Rezept, in den fünf Jahren hatte ich ja Zeit dazu — die ganze gelehrte Welt der Chemie hat derartige Experimente angestellt... wir haben niemals jenes Morrisit erzielen können, es war nur immer das einfache Natrium.«

»So ist es.«

»So ist es? Was soll das heißen?«

»Mir ist es ebenso gegangen. Auch ich kann kein Morrisit herstellen, weder im Großen noch im Kleinen. Als mein Vater seine Experimente ausführte, war ich nicht zugegen. Dass es ihm tatsächlich gelungen ist, eine Substanz herzustellen, die bei bloßer Berührung das Wasser in seine Elemente zerlegt, daran zweifeln Sie doch nicht?«

»Nein.«

»Davon hat er aber nur zwei Stückchen erzeugt. Und da muss das Quecksilber oder sonstige Chemikalien, die er dabei benutzte, eine besondere Eigenschaft besessen haben, wie es ja häufig bei chemischen Experimenten der Fall ist, wodurch man dann einen Trugschluss zieht — und so ist es auch meinem Vater ergangen.«

Sie sprachen noch lange darüber, doch könnten wir den beiden Chemikern gar nicht folgen.

Die Erfindung des Morrisits war eben ein Zufall gewesen, aber auch nur zweier kleiner Stücke — sie musste neu gemacht werden, durch wissenschaftliche Forschung oder wiederum durch einen Zufall — vorläufig war sie für die Menschheit wieder verlorengegangen.

Das Ergebnis des gelehrten Gespräches war, dass der Professor der jungen Frau die Hand bot.

»Verzeihen Sie mir, ich habe Ihnen vorhin schweres Unrecht zugefügt!«

Die Verzeihung ward schnell gewährt.

»Ich hätte auch«, fuhr der Professor fort, »sogleich an etwas anderes denken sollen. Sie haben sich von der edelsten Seite gezeigt.«

»Inwiefern?«

»Von einem unbekannten Wohltäter liefen bald nach der Katastrophe für die Abgebrannten von Buenos Aires große Summen ein, und immer wieder...«

»Lassen wir das. Doch wie kamen Sie auf die Vermutung dass ich diese Stifterin sein könnte, da ich Ihnen doch damals versicherte, an dieser Katastrophe ganz unschuldig zu sein?«

»In spanischen Zeitungen und auch in anderen wurden alle die, welche durch Ihre Automobilfahrt geschädigt worden seien, aufgefordert, sich mit ihren Entschädigungsansprüchen zu melden — und ich glaube, da sind Sie sehr übervorteilt worden«, setzte der Professor lächelnd hinzu.

»Mag es sein. Es ging alles durch einen Vertrauensmann.«

»Ja, wohl durch einen New Yorker Rechtsanwalt?«

»Ein alter Freund meines Vaters. Und was sagt man über mich selbst?«

»Man hat Ihr Automobil zuletzt gesehen, als es in das Gebiet des Monte Cerboli in Mexiko einfuhr. Dort sollen Sie mit Ihren Gefährten den Untergang gefunden haben — für das Volk ganz selbstverständlich, der Teufelswagen ist eben zur Hölle gefahren.«

»Wir konnten das Tal wieder verlassen, dann ist das Automobil rettungslos im Triebsand des Llano Estacado versunken.«

Leonor gab einen kurzen Bericht, aber ohne über ihre Erlebnisse in dem Tale des Todes zu sprechen, und der Professor fragte auch nicht weiter.

»So können wir also sagen, es war einmal. Sehr bedauerlich, aber nicht zu ändern. Und wo halten Sie sich jetzt auf?«

»An der Seite meines Gatten, im Kreise meiner Kinder und einiger guter Menschen.«

»Ja, aber wo da«, lächelte der Professor, »dass man so gar nichts wieder von Ihnen zu hören bekommen hat?«

»An einem Orte, wo man uns niemals finden wird.«

Da wusste der Gelehrte, dass er nicht weiter fragen durfte.

»Aber es geht Ihnen gut?«

»Ich bin glücklich!«

So sah sie auch aus.

»Haben Sie gehört, dass jener P. L. Deacon, dem Sie einst das Morrisit für hundert Millionen Dollar anboten, gestorben ist? Er wurde ein Opfer des Morrisits. Auch er fing an zu experimentieren, um das Geheimnis zu ergründen, zog sich eine Quecksilbervergiftung zu, ist unter großen Leiden verschieden.«

»Ich habe davon gehört.«

Leonor erhob sich, sie deutete zu dem Fenster, durch welches man den Hafen von La Magdalena erblickte, in dem einige Fahrzeuge lagen, darunter auch eine kleine, schmucke Dampfjacht.

»Sehen Sie die kleine Jacht? Auf ihr erwartet mich mein Gatte, sie bringt uns wieder zurück zu unserem verborgenen Paradies. Nur Ihnen gegenüber wollte ich mich noch einmal rechtfertigen. Leben Sie wohl, Herr Professor, werden Sie so glücklich, wie ich es jetzt bin!«

*

ENDE


Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
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